Briefausgabe Friedrich FröbelBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung / Fröbel-Forschungsstelle der Universität Duisburg-Essen

F. an Christian Samuel Weiß in Berlin v. 21.3.1814 (Krefeld)


F. an Christian Samuel Weiß in Berlin v. 21.3.1814 (Krefeld)
(GNM Bl 81-82 Brieforiginal 1 B 8° 4 S., tw. ed. Neuhaus 1913, 161-163; mit am 16.3./17.3.1814 in Dülmen und Recklinghausen geschriebenen geographischen Beobachtungen: Beilage Bl 77-79, 1 B + 1 Bl 8° 4 ½ S. - Der Text vom 16.3./17.3.1814 muß eine Beilage sein. Gründe: 1. kein Briefgenus, 2. Bl 81 erwähnt F. seinen "vorigen" Brief aus Münster, 3. Am 26.3.1814 (Bl 83) nennt F. die Briefe aus Münster u. Krefeld, die er jeweils dort zur Post gegeben hat, 4. Am 21.4.1814 (Bl 70) nennt F. nach dem Brief aus Münster solche aus Aachen und Ham (der aus Krefeld wird allerdings vergessen.)

Crefeld Mondtag am 21sten März 1814
Wie ich in meinem vorigen Briefe aus Münster welchen Sie hoch[-]
verehrter Herr Professor hoffentlich erhalten haben werden, ver-
muthete sind wir gestern <  > hier angekommen. Wir
gingen bei Ördingen [sc.: Uerdingen] über den Rhein. Wir haben ganz
den Weg verfolgt welchen ich im vorigen Brief als unsere
Route angab, nur daß wir noch das Vergnügen
hatten nach Duisburg zu kommen und eine Nacht daselbst
zu bleiben welches ich nicht hoffte.- Das von Lützowsche
Korps steht leider noch vor Jülich wohin ich morgen
mit dem Transport abgehen werde. Das Hauptquar-
tier ist in Hambach zwischen Jülich und dem Rhein.
Aus diesem Orte lösen sich die Bataillons wechselsei-
tig von ihren Byvouacs [sc.: Biwaks] ab.- Bey dem Korps und,
was mich zunächst betrifft bey der meiner Kompagnie
sind seit meiner Abwesenheit mehrere Veränderungen
vorgegangen. Der Feldwebel ders[elben] ist Bataillons
Adjudant
geworden, und weil ich abwesend war,
Oberjäger Bauer Feldwebel.- Dr. Oberjäger Dr.
Eiselen ist wie ich höre als Offizier vom Korps abgegangen[.]
Und so sind noch verschiedene Veränderungen, leider
aber nichts weniger als zum Vortheil meines
künftigen Verhältnisses in der Compagnie, bey
derselben vorgefallen.- Ich kann daher unmöglich
den Wunsch unterdrücken, daß des He. Berghauptmanns
gütevolle Verwendung für mich nicht ohne Frucht bleiben möge.
Ich habe auf meinem letzten Marsch das Leben und /
[81R]
die Lebensverhältnisse wieder sehr hochschätzen und lieben
lernen, weil ich viele herrliche Menschen getroffen habe,
aber dennoch wünschte ich sehrlich daß meine Laufbahn
mich gerades Weges dorthin führte, wo nur in heißer
Schlacht daß [sc.: das] Glück künftiger Geschlechter erkauft wird.
Ich fühle tief daß ich jetzt in dem Verhältniße, wo ich
eigentlich weder Krieger noch Civilist bin, bey dem
was und wie ich bin, in dem ungünstigsten widrigsten
Verhältnisse lebe, denn ich sehe gar kein Mittel
und keinen Weg vor mir auf welchem Kraft zur
That werden kann, und dieses Erkennen ist das
niederbeugendste was sich denken läßt, man sieht
und empfindet tief trauernd wie die nicht zu übende
Denk- und Geisteskraft in sich, wie die Kraft des
nichts tragenden Magnets schwindet, und mit dem
Bewußtseyn, etwas - seiner früher geahndet und
empfundenen Geisteskraft - Angemessenes gethan
zu haben wünscht man doch gerne aus diesem
Leben zu gehen.-
Hier in Crefeld ist eine ganz vortreffliche teutsche, be-
sonders aber preußische Stimmung. Der König kann wohl
kaum in seinem, doch bedeutenden Reiche Unterthanen
haben welche mit mehr Enthusiasmus an ihm hängen als
die der hiesigen Gegend, der hiesigen Stadt. Als ich es bald
nach meinem Übergang über den Rhein, wahrnahm, so
gestehe ich gerne, daß ich fast den König um das
Gefühl und Bewußseyn beneidete, diese Menschen
von ihren Fesseln aus ihrer Sklaverey befreyt zu /
[82]
haben. Die hiesigen Bewohner trugen Fesseln <sie>
waren in Sklaverey denn sie fühlten, empfanden sie.
Manches teutsche Volk trug sie wohl auch aber fühlte
sie nicht.- Wie groß muß sich ein König fühlen der das
Bewußtseyn haben kann diesen Menschen Retter gewesen
zu seyn. Mit wahrer Achtung gedenkt man überall
des Königs und nennt ihn, - nur mit Ruhm spricht man
von seinen Kriegern, und wir die wir, wenn auch
leider noch nicht durch unmittelbare That, zu ihnen ge-
hören und hier sind werden mit der bestimmtesten Auszeich-
nung behandelt; achtend - was ich in dem Maße noch
nirgends gefunden habe, grüßt uns der Bürger, selbst
der sich sonst fühlende wohlhabendere, ein froher frey
freudiger Blick begleitet den wirklich herzlichen Gruß.
Die freudigen jubelnden Kinder laufen laut vivat der
König von Preußen, vivant die Preußen, wenn man
vor ihnen vorüber geht, sie singen Lieder zum Lobe
der Preußen, es sind Kinder, aber Sie sollten das
Freude glänzende Gesicht, die jubelnden Bewegungen
des ganzen Körpers dabey sehen um sich zu überzeugen
das [sc.: daß] diese Erscheinungen tief in der allgemeinen Gemüts-
stimmung begriffen ist begründet ist. Alles trägt hier
die an öffentlichen Plätzen die schwarz u. weiße Farbe,
kein Brunnenständer ohne diese und keiner ohne den
preußischen Adler mit FR [sc.: Fredericus Rex ?] geziert.- Von der Haupt-
kirche weht die schwarz u. weiße Fahne zum Zeichen
und als Zeuge des die ganze Christl[iche] Gemein[de] be-
lebenden preußischen Sinn[es].- Ich habe hier noch kein
Wort französisch sprechen hören und doch war ich in /
[82R]
Societate, wo die größte Ungezwungenheit herrschte.
Eines ergriff mich besonders: Sie finden hier in dem
ganzen bedeutenden Städtchen was doch so viel Kauf-
und handelnde Leute enthält, nirgends ein französisches
Schild alles ist rein teutsch, man hat allgemein schon
vor mehreren Wochen die alten Schilder abgenommen. Ich
finde in dieser Kleinigkeit sehr viel, es spricht sich mir ein
so frohes zurückkehren aus.- In Duisburg und Essen
im letztern Orte bey den Protestanten fan eigentlich, fand ich
es fast ganz so. An beiden Orten prangten noch die hölzernen
Theile der Kirchtürme mit den preußischen Farben seit
Jahren her, was mich sehr erfreute, man hatte nicht
die ernsten Farben gegen gefälligere bunte vertauscht.
Es ist doch ein großer Gedanke König Befreyer so treuer Untertha-
nen zu seyn.- Aber mit Bedauern muß
ich auch sagen daß jüngst preußische Soldaten (pommersche
Landwehr) durch diese gutgesinnten Städte gekommen sind,
welche die Bürger in ihrem Frohsinn rc. durch ihr Betragen
sehr gestört gehaben. Das Klagen über sie ihr prudales
Betragen war und ist so allgemein, daß der Magistrat
zu Essen sich genöthigt gesehen hat, es dem General-
Gouvernement zu melden.
Ich glaube, daß ich Briefe von Berlin am besten erhalte
wenn sie über Cölln nach Hambach von Luttich Jülich
adressirt und auf der gewöhnlichen Post abgegeben sind sind [2x].
Über Crefeld könnte vielleicht noch sicherer
seyn, allein der Brief müste dann wohl bedeutend länger
gehen.- In Essen lernte ich den He. Bergassessor Figge
kennen, darin in meinem nächsten Brief.   Verehrungsvoll
A. Fröbel.
[81V]
[Nachschrift:]
Findet sich Gelegenheit so empfehlen Sie mich gütigst den H. Berghauptmann bestens -

[77]
F.: Beilage mit geographischen Beobachtungen zum Brief v. 21.3.1814 aus Krefeld für Christian Samuel Weiß v. 16.3./17.3.1814 (Dülmen / Recklinghausen)

Dülmen auf dem Wege von Münster nach Recklingenhausen den
16ten März 1814. Der Weg ging durch die Dörfer Achthalben und Abe-
müssen
; er läuft ganz eben ohne die geringste Anhöhe bis
Dülmen; überhaupt ist die ganze umliegende Gegend ganz eben.
Die Chaussee wird eben erst angelegt und beweist das der
Boden sandig und lehmig ist. An mehreren Orten ist das auf
die Straße geworfene Erdreich sehr ochrich. Überhaupt zeigten
die ebenen Theile des Bodens welche mit Haide und Borsten-
gras bewachsen sind, dieselbe Beschaffenheit wie ich schon
von den Gegenden vor Münster erwähnte u. es zeigt sich an
vielen Orten unter der Dämmerde in ganzen Erstreckungen eine
Lage ochrigen Sandes. Über dieser Lage liegt gewöhnlich
wie bey allen früher erwähnten ähnlichen Gegenden eine
unmittelbar eine Lage einer schwarzen Erde. Zu der
Bildung dieser dünkt mich trägt die Haide sehr viel bey.
Die Oxydation der ochrichen Lage ist um so größer je
näher sie dieser schwarzen Erde kommt.- Immer merk-
würdiger wird mir die große Verbreitung des oxydirten
Eisens besonders in den Niederungen; und ich glaube daß
man nicht übersehen darf, daß sich das Eisenoxyd immer sehr häufig
mit Sand also an Kieselerde gebunden findet.-
Von Münster bis Dülmen längs der neuangelegt wer-
denden Chaussee liegen sehr große Haufen Kalksteine.
Sie werden sämtlich in dem Tettenberg bey Tetten gebrochen.
Die Haufen welche ich zu nächst Münster standen sah waren
ein splittriger sehr dichter und fester Kalkstein. Die
Schichten müßen nicht sehr mächtig seyn. Weiter hin,
gegen die Mitte des Weges wurden die Steine mehr
merglich, und es zeigte sich durch die Verwitterung
schon vieler reiner Kalk Mergel. Gegen Bösenzell
Zur der Hälfte des Weges wurden Steine
mehr ein merglicher Sandstein. Diese Steine zeigten
vieles bemerkenswerthes. Es sind Steine von
geringerer Festigkeit, und scheinen ein neuereres Pro- /
[77R]
dukt zu seyn d.h. auf den früher erwähnten aufge-
lagert. In ihnen sind viele rundstängliche Absonderungen
von der Dicke eines Pfeifenrohres und drüber; sie
erscheinen mir als Ausfüllungen von Räumen die durch
rohrartige, hernach aufgelöste, Pflanzen entstanden
sind
gebildet worden sind, dafür schien mir einmal zu
sprechen daß diese stängligen Absonderungen kleiner als
der Raum war, und dann Hauptsächlich daß sich um
sie zum öfteren ein zelliges faßriges Wesen fand.
Blätter und schilfartige bestimmte Abdrücke und Aus-
füllungen konnte ich nicht finden. Jedoch zeigten sich hie
und da kleine Spuren eines gereihten Abdruckes ähnlich
dem der colossalen Schilfe.- Weit merkwürdiger
als dieß war mir das Finden eingeschlossener nieren-
förmiger Eisennieren, von der Größe eines Tauben-
eys bis zu der einer großen Kartoffel, die Bey-
lage zeigt ein instructives Stü[c]k derselben. Diese
eingeschlossenen Nieren fanden sich sehr häufig; sie
scheinen durch ihre, erst seit der Einschließung erfolgten
Oxydation den Sandstein in der Nähe gefärbt zu
haben. Nicht allein in der Nähe, sondern unmittel-
bar mit diesen Eisennieren vereinigt finden sich die
Muscheln von denen die Beylage das instructivste
Exemplar enthält, welches ich in der Geschwindigkeit
finden konnte.
Von Bösenzelle einem Dorfe rechts der Straße
vielleicht 2 Stunden von Münster, begränzt den
Horizont nordwestlich ein Gebirgszug von nicht
unbedeutender beträchtlicher Höhe. Es sind die
Er beginnt hinter Bösenzelle und zieht sich scheinbar
in einer Krümmung westlich.     Dieser Gebirgs[-] /
[78]
zug sind die Tettenberge, deren Product die vorher [er-]
wähnten Kalksteine sind. Dieser Gebirgszug scheint sich zwischen
der Münsterschen Aa, der Berkel, der Lüdgenhauser
Aa (Steper) und der Dülmer Aa (Tiebec) hindurch
zu ziehen. Bey Coesfeld theilt er sich, der eine Arm zieht
sich zwischen die Berkel und Isel, bildet das Gebirge
bey Ranstrup, der andere Arm zieht sich zwischen die
Isel (Aa) und Lippe, bildet da die Gebirge bey Borken
(welche man schon hier vor dem Thore auf dem Wege
nach Haltern sieht
) und den Harz die Gebirge rechts
d. i. nordwestl[ich] von Haltern. Die Berge zwischen
der Lüdgenhauser Aa (Steper) und der Dülmer Aa
(hie Tieber) heißen die Borker Berge, (:nicht mit
jenen bey Borken zu verwechse[l]n:) man sieht sie gleich vor dem Thore.
In dem Schlosse bey Dülmen wohnt ein Graf Croü, aus
Holland, dem das Amt Dülmen früher als Entschädigung
gegeben worden ist.
In der ganzen Ebene bis hieher so wie besonders auch hier
finden sich noch einzelne Granitgeschiebe, sie s[in]d von mittle-
rer Größe und größer. Die Stadt scheint damit gepflastert.
Auf einigen Haufen der Steine an der Chaussee lagen auch
welche beweisen daß auch in der Gegend der Tettenberge sich
dergleichen finden.- Einige Gerölle unterschieden sich d[urc]h ihre
Strukturen eines sehr reich an fast ganz Hornblende mit sehr wenig Feld-
spath und eingestreuten Quarz.
Eines mit viel Hyazinth Amythistähnlichen Quarz oder
Eines ein Porphyr reich an Feldspath Kristallen.
Hier wird Torf gebrannt, welcher rechts der Straße
von hier nach Borken, ohnweit Borken gegraben
wird.- Bey Bullern und Abbelüsen ist die fruchtbarste Ge-
gend im Münsterschen. Der Boden ist fett, es wird viel
Weizen gebaut. /

[78R]
Recklingenhausen den 17ten März. Donnerstag. Von Dülmen
bis Haltern die Gegend ganz eben, sie ist sandig und unfrucht-
bar fast haidig.- So wie man zum Thor fort kommt liegen
wie schon gesagt die Borkenberge vor den Augen, sie ziehen
sich bald links, wo sie wenn man ihnen gegen über
kommt einige interessante Ansichten gewähren. Die Berg-
formen sind nicht ganz einfach u. ihr Rücken scharf.- Die
Gegend von Dülmen bis Haltern ist ganz unbebaut, man
findet bis dahin nichts als ein Paar ärmliche Bauern-
hütten. Von Haltern nach Recklingenhausen geht der
Weg über eine hügliche Anhöhe. Die ganze Gegend durch diese
der Weg führt hat die größte Ähnlichkeit mit der Lüneburger
Haide; Hayde ist auch das einzige was sie trägt.
Der Boden ist sandig wie dort; der Sand ist ochrig. In
dem Sande finden sich kleine Urgebirgs und Kiesliche
Geschiebe, doch nur wenig, an manchen Stellen auch
Feuerstein Trümmer. Vor dem Dorfe Lenkenbeden fand
ich einen durch eisenartige Masse und Sandkörner gebildeten
Sandstein in schaligen Stücken. Die Masse ist ganz dem
Eisenartigen Sandstein ähnlich der sich in einzelnen schlak-
enartigen Stücken im Sande auf einem Berge östlich
von Dransfeld bey Göttingen findet. Diese Steinmasse
hat ihrer Struktur nach viele Ähnlichkeit mit der
Grauwacke, und ist wie diese von verschiedenem
Korne wie die Beylagen zeigen.- Auch diese liegen wie
z die bey Dransfeld im Sande. Die Gegend ist
wie ich schon sagte sehr unfruchtbar wir fanden nur
2 ärmliche Dörfchen von bis Haltern bis Recklingenhausen
An dem Fährorte bey der Lippe lagen viele
Mühlsteine von rheinischem Sandstein. Ich bemerkte
in ihnen erstl[ich] pistatien (?) grüne Massen, ähnlich ge-
schmolzenem Olivin. zweitens eingeschlossene /
[79]
eingeschlossene mehr oder weniger durchs Feuer ver[än-]
derte Quarzmassen; drittens Bimssteinartige, viertens
zeolithartige Einschliezungen [sc.: Einschließungen], fünftens eine Masse die im In-
nersten noch wenig verändert war und die Granitartig
erschien, weiter nach Außen war sie sehr zerklüftet
und da wo sie die Hauptmasse des sogen: Sandsteins
berührte war sie Augitartig von kastanienbrauner
Farbe.
In Haltern unter dem Rathhause an
Ketten einige colossale fossile Knochen;
es sind Röhren, eine daran ist schon zerbrochen
und durch eiserne Klammern wieder ver-
bunden. /
[79R]
[leer]