Briefausgabe Friedrich FröbelBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung / Fröbel-Forschungsstelle der Universität Duisburg-Essen

F. an Christian Samuel Weiß in Berlin v. 21.4./28.4.1814 (Estaires / Frelinghien)


F. an Christian Samuel Weiß in Berlin v. 21.4./28.4.1814 (Estaires / Frelinghien)
(BlM II,15, Bl 70-72, Brieforiginal 1 ½ B 8° 6 S., zit. Rinke 1938, Halfter 1931, Neuhaus 1913. - Die Briefliste Bl 70 vergißt den Brief aus Krefeld.)

Estaires am Lisfluß im Departement
du Pas Calais den 21sten April 1814.


Hochverehrter Herr und Freund;

Ihr lieber Brief vom 9ten d. M. war mir heute zu
meinem Geburtstage ein sehr werthes Geschenk,
er war mir ein sehr unerwartetes höchst freundliches
Geschenk denn ich glaubte nicht, daß irgend etwas an-
genehmes, noch weniger ein freundliches herzliches
Wort aus dem mir immer lieber und lieber werden-
den Deutschland ihn bezeichnen würde; und Sie ver-
doppeln diese hohe Freude mir noch dadurch daß Sie
so gütig waren Ihren werthen Brief die Zeilen meines
ehemaligen jüngsten mir sehr theuren Zöglings Adolph
bey zu legen. Tausend Dank für den dadurch meinem
Herzen verschafften Genuß welcher diesen wichtigen
Lebensabschnitt mir bezeichnet.
Seit ich Ihnen den schon erhaltenen Brief
aus Münster schrieb habe ich noch zwey Briefe
den einen aus Aachen, den zweiten aus Ham
an Sie abgeschickt ich hoffe, daß Sie dieselben bekommen haben.

Frelinghien am Lisfluß 1 Stunde unterhalb Armentieres
am 28en April. Daß, ehe ich den oben angefangenen Brief
fortsetzte, 8 Tage verstreichen würden, hätte ich nicht geglaubt,
allein die zweymalige Quartierveränderung, unsere täglichen
Exercierübungen und andere Geschäfte hinderten mich daran.
Ich hatte mir vorgesetzt Ihnen ganz genau von meinem
Marsche seit Aachen Rechenschaft schon in diesem Briefe
zu geben und Ihnen die wenigen Localbemerkungen
einzeln mitzutheilen, da ich aber wünsche Sie bald von
meinem jetzigen militärischen Verhältnisse zu benachrich-
tigen, so werde ich es wohl bis zum nächsten Briefe /
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verschieben müssen. Für Ihre höchst freundschaftlichen und
so thätigen Verwendungen mir für die Zukunft ein meinem
Wunsche und Lebenszwecke angemessenes Verhältniß und
Lage herbey zu führen sage ich den wärmsten innigsten
Dank ich bin vollkommen mit dem zufrieden was Sie zu
thun so gütig waren. Schon ehe sich mir in meiner jetzigen
Lage einige Aussichten für die Zukunft eröffneten sahe
ich mit Ruhe und Zufriedenheit derselben entgegen, da ich
nach dem Maßstab den ich für mein individuelles eigen-
thümliches Leben nehmen muß - noch bis auf meine
allerletzten Lebensereignisse, selbst die langsame Ent-
wickelung meiner militärischen Carriere mit eingerech-
net - mit dem Gang meines Schicksals sehr zufrieden
seyn muß. Ich finde nämlich in meinen letzten und noch
jüngsten Verhältnissen manches Gute was mir und
meinem Leben entgangen seyn würde hätte sich meine
militärische Laufbahn anders gemacht, wären manche
meiner früheren Wünsche erfüllt worden. So ist mir
zum B. jetzt lieb, daß ich meinen Abschied vom Korps
nicht erhalten habe, so wie daß ich keine Anstellung
bey der Landwehr erhielt, ob ich gleich deßhalb keinen
der von mir in beyder Hinsicht gethanenen Schritte
bereue oder zurück nehmen würde, vielmehr bin ich
überzeugt, daß wenn ich jetzt noch alle jene Verhält-
nisse so stelle wie sie standen, daß ich dann gerade
wieder so handeln würde, handeln müßte. Diese Über-
zeugung geht aus dem ganz mit meinem Wesen
verwachsenen Grundsatze hervor: daß jede Handlung
die geschehen ist eben absolut geschehen mußte, eben weil
sie geschahe. Daraus folgt nun aber nicht, daß uns alles
was geschehen mußte, lieb ist; es ist recht gut mit jenem /
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Grundsatz vereinbar, daß es uns mit Schmerz und Trau-
ern erfüllen kann, daß irgend etwas was geschahe, we-
gen unserem innern Stehen geschehen mußte. Dieses
Wiederzurückkommen zu der schon früher ausgesprochenen
Lebensansicht hat seinen Grund in den sich mir in meinerm [sc.: meinem]
jetzigen Verhältnisse verbunden mit den sich mir durch Ihren
Brief erhaltenden und erhöhenden Hoffnungen, für die Zu-
kunft eröffnenden Aussichten. Zunächst bin ich bey einer
dem General Bülow überreichten Eingabe für den König
wenigstens bey zwey Vorfällen des letzten Feldzuges
verf[lossenen] Jahres zum eisernen Kreuze vorgeschlagen, ob
ich es erhalte ist freylich noch eine große Frage, wenigstens
will mir der Chef und Cap: des Bat: H. Hauptm Staak
wohl und ich habe nun doch die Überzeugung daß ich dessen
für würdig erkannt worden bin; freylich ist die Zahl
der Expectanten groß und es ist leicht möglich, daß ich
unter die Zahl derer komme welche der General des Gouvernement oder der
König streicht.
Ferner befinde ich mich unter der Zahl derer welche
in Bezug auf eine Cabinettsordre des Königs vom 5.,d.M.
heute von meinem Bataillon zu Officiren vorgeschlagen
worden sind; es kommt nun freylich noch darauf an ob von
der großen Zahl von Expectanten welche gestrichen
werden und ob ich unter der Zahl dieser seyn werde,
das allgemeine Militärgouvernement, an welches die Vor-
schläge von hier gelangen legt wie ich höre dem König solche
zur letzten Entscheidung vor.
Dieß sind die Blüthen meiner neuen Campagne, es
ist wohl natürlich, daß ich nun das Korps nicht früher
zu verlassen wünsche, bis die neuen Avancements
heraus sind, und bis ich sehe, ob diese Blüthen /
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Früchte tragen oder taub abfallen. Avancire ich zum
Officier so wünschte ich, daß ich beym Korps bliebe und
nicht versetzt würde, so wohl in ökonomischer als anderer
Hinsicht.- Ob wohl Brauschitz Mitglied des Militär
Gouvernements oder KriegsMinisterium ist, welches dem
Könige die Vorschläge zur Entscheidung vorlegt?--
Nach einer der neuesten Cabinetsordre entläßt der König
die Freywilligen vor dem allgemeinen Frieden nicht; ich wer[de]
mich daher sehr freuen wenn sich das Dep: des Cultus von
der Nothwendigkeit überzeugt Ihnen einen Gehülfen zu ge-
ben und wenn es sich für den von Ihnen vorgeschlagenen
Mann bestimmt, weil dann an die Stelle meiner, nicht in
Erwägung kommenden persönlichen Wünsche, das öffentliche
Bedürfniß tritt.
Wie der HE. Sekr: Brückmann dazu kommt mich in
seinem Briefe an Sie zum Hauptmann zu stempeln
kann ich mir nur aus seinem ganzen Wesen erklären. Es
ist wahr Dr. Römer der mich übrigens in meinen militä-
rischen Verhältnißen genau kannte: führte [mich] bey demselben
als preußischen Offizier ein, da bey den andern Militär-Oberjäger
unbekannte Chargen sind, und da man besonders in Braun-
schweig ein preußischen Volontair sehr auszeichnet; dieß habe
ich nun freylich - was, wenn Sie wollen Unrecht ist nicht widder-
legt, übrigens habe ich den H. Sekr: Brückm schriftlich
meine Adresse gegeben, worin ich natürlich nicht von
Offizier sprach, aber auch meine militärische
Charge nicht beysetzte.
Was übigens Ihren Auftrag betrifft, so glaube ich
denselben ganz nichts weniger als überschritten zu haben
denn ich sagte d[em] He[rrn] Sekr: wiederholt (um ihn davon
abzuhalten Ihnen glaubhaft zu machen als seyen ihm von
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russischer Seite 18/M R. geboten worden) daß ich von Ihnen be-
stimmten Auftrag habe, mich nach den wirklichen, gegenwärtigen
Verkaufspreis des Cab: zu erkundigen, weil Sie es ernstlich
wünschten, daß die L--sche Sammlung dem Berliner Cabi-
nette beygefügt werden mögte, daß dieß aber nur
bey einem civilen Preiß der Fall seyn könnte. Ich sagte
ihm noch ausdrücklich, daß wenn ihm 18/M R. geboten wäre
so sollte er gar nicht nach B. schreiben, man er-
wartete dort eine weit billigeres Gebot Forderung
. Daß das
Wort Gouvernement oder Regierung in unserm Gespräche, welches
überdieß sehr kurz war, genannt worden ist, erinnere ich mich
gar nicht. Der Brief d[es] H[errn] Sekr: Brückmann an Sie, zeigt mir
denselben in Bezug auf seinen Cabinetsverkauf ganz
so befangen als er mir persönlich erschienen ist. Ich
glaube nicht daß sich auf andere Weise ein guter Handel
mit ihm machen läßt, als wenn man mit den Wechseln
in der Hand vor ihm steht.
Der Marsch von Ham bey Peronne und Arras vorbey durch
Lens, la Basseé und Armentiers war in geognostischer und
mineralogischer Hinsicht uninteressant; ebene Gegenden
von einem lehmigen Boden. Hinter la Basseé besonders
um Armentiers fangen die Gegenden an ein hollandisches
Ansehen zu bekommen; Wasserhaltige Graben beginnen schon
das Land zu durchschneiden und an den Seiten der Landstraßen
sich hin zu ziehen. Die Gegend ist sehr fruchtbar, durch das
frische Grün der Wiesen und frühtreibenden Bäume für
das Auge angenehm. Die Lis fließt langsam ihr Bette
ist tief und ihre Ufer niedrig welche grasreiche Wiesen
bilden, niedrig. Reihenweise gepflanzte unter sich mit Hecken verbundene <Lohbäume / Hofbäume>
begrenzen die verschiedenen
Besitzungen und ihre Theile. An den Wegen stehen
Alleen. Obgleich der Boden sehr fruchtbar, so /
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sind doch die Leute arm, weil sie nicht arbeiten.
Seit 20 Jahren war in der Gegend wo wir jetzt sind,
kein Soldat, und die Bewohner sind ärmer als bey die [Bevölkerung]
bey uns, welche jahrelang die Kriegeslasten trug. Wir
sind kaum 8 Tage hier und schon muß zum Theil
geliefert werden.
Diese Mittheilungen müssen mir jetzt genügen. In Ar-
restaires
lebte ich sehr vergnügt; ich hatte das für
den Theil von Frankreich, den wir durchzogen, seltene
Glück in ein Haus zu kommen worinne sich ein Fortep[iano]
fand welches ein angenehmes junges Frauenzimmer
sehr gut spielte und mit ihrer schönen sehr ausgebilde-
ten Stimme begleitete. Einzelne Stücke von Mozart
und aus der Iphigenie von Gluck waren unser
Ohrenschmaus.
Bey Peronne musterte das v. L[ützow]sche Korps
Bülow.- Der Obrist Brigadier Obrist v. Sydow ist es
unter dessen unmittelbaren Befehl wir jetzt stehen.
Die Ursache daß ich Ihnen einen so unvollständigen Brief
abermals sende, ist wesentlich, der Feldwebeldienst,
den ich interimistisch jetzt zu thun habe.
Müste ich nicht die Entscheidung meiner militarischen
Carriere erst abwarten, so würde ich sogl. dem Herrn
Berghauptmann
schreiben u. ihm für seine gütige Ver-
wendung gehorsamst danken; versichern Sie ihm gütigst
mündlich diesen Dank auf das herzlichste von mir, und
empfehlen Sie mich ihm zu Fortdauer seiner Gewo[gen]heit
bestens!- Es soll mich sehr freuen wenn mich unser
Rückweg über Brussel führt.- Das v. Helden u. Friessen
seit der letzten häßlichen Geschichte Affaire Lützows Vermißte
sind wissen Sie sicher schon. Ein herzliches Lebe wohl. [keine Unterschrift]