Briefausgabe Friedrich FröbelBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung / Fröbel-Forschungsstelle der Universität Duisburg-Essen

F. an Christian Samuel Weiß in Berlin v. 3.5./7.5.1814 (Menir an der Lys / Hestern oder Hestrud)


F. an Christian Samuel Weiß in Berlin v. 3.5./7.5.1814 (Menir an der Lys / Hestern oder Hestrud)
(GNM Bl 85-90, Brieforiginal 3 B fol 12 S., tw. ed. Neuhaus 1913, 165-167. - Dieser Brief wird im Brief v. 15.5.1814 als "letzter" Brief erwähnt.)

Menir an der Lys den 3ten May 1814.

Ich muß Sie herzlich theilnehmender Herr u. Freund wegen des Wenigen
was ich Ihnen über die Ihnen aus meinen beyden letzten Briefen bekannten
reichen Gegenden durch die ich zog, sagen kann sehr um gütevolle
Nachsicht bitten; allein da sich mir immer mehr bestätigt daß die Soldaten
an Schnüren gereihten Kugeln gleichen, die sich nur wenig vor und rück-
wärts und kaum seitwärts bewegen können, so werden Sie sicher
mit mir finden, daß der Soldat der in der Stetigkeit seines Ziehens nur wenige Bemerkungen im Fluge
machen kann.
Von Aachen war unsere nächste Station Herve. Der Weg zog sich an-
fangs an einem kleinen Thale hin, dann lief er wie mich dünkte
immer auf dem Rücken einer Anhöhe hin, welche zu Zeiten Aus-
sichten in die zu beyden Seiten sich befinden[den] Thäler gewährte. Außerdem
daß es regnete so war der Tag auch noch neblich, daß wenig
von der, dem Anscheine nach angenehmen mit Anhöhen und Thälern,
Wiesen, Feldern und Bäumen wechselnden Gegend zu sehen war;
das frische Grün der Landschaft wurde durch den Contrast der
Campagnen, Landhäuser, durch das blendende Weiß ihrer Wände
und das dunkle Schwarz ihrer Dächer von dünnen Schiefer gehoben.
Die Straße ist ganz Pavee die Steine sind dichter in parallelle [sc.: parallele]
pipedische Stücke geschlagene Kalksteine. Ich müßte mich sehr teuschen
wenn nicht die Anhöhe auf welcher sich unsere Straße fort zog als
auch die, sie zu beyden Seiten begleitenden Kalkgebirge waren,
außer den Realbeweisen welche sich an der Straße zeigten, spra-
chen dafür das Abgerundete der Gebirgsformen als auch die
frische üppige Vegetation. Ohngefähr 1 kl[eine] St[un]de von A[a]chen durchschnitt
die Straße quer eine Anhöhe, welche mit zu denen gehört,
welche Kessel bilden in welchem Aachen liegt. Dieser an sich kleine
Durchschnitt zeigte jedoch deutlich die Schichtung der Flötze eines
aschgrauen Kalkes. Das Streichen war längs den Höhenrücken
das Fallen wenn ich nicht sehr irre nach dem Innern des Kessels
also nach Ost. Dieser Anhöhe schien die Fortsetzung des in dem Briefe
aus A[a]chen erwähnten Louis- oder Laus-berge zu seyn. Bald
Von Herve ging es nach Lüttich. Außer dem daß sich die Gegend
etwas verflächt war die so ist die zwischen H. u. L. in geogno-
stischer Rücksicht der zwischen A. u. H. im Allgemeinen gleich. Kurz vor Jülich /
[85R]
Kurz vor Lüttich, Lüttich gegen über ¼ Stunde davon entfernt liegt
auf einer Anhöhe ein Dörfchen von welcher M man einen großen
Theil von Lüttich und nicht nur das Maasthal sondern auch östlich in das Thal
der Ourthe sieht. Die Aussicht von diesem Punkte auf das
zum großen Theil vor den Augen ausbreitende Lütt zu mehr als
Hälften von dem Blauen Bande der Maas umschlungene Lüttich ist
sehr angenehm und überraschend. Die Stadt selbst liegt bis auf
wenige Gebäude auf dem linken Maas Ufer der Maas über
welche eine vortreffliche Brücke führt. Ein nicht unbedeutender
Theil der Stadt liegt auf einer sich bedeutend über die übrige Stadt
erhebende Anhöhe, welche noch durch eine der schönsten Kirchen der
Stadt geziert wird. Lüttich mag als Stadt nicht kleine Stadt
nicht viel Preißenswerthes wegen der Enge ihrer Gassen
haben, mir hat sie wegen dem öfteren Durchschnitten werden
vom Wasser und den mannichfaltigen Ansichten die dieses und
die Aussicht auf die eben erwähnte Anhöhe gewährt, sehr
gefallen.- Das Vorgebürge zwischen der Ourthe und Maas tritt
mit vieler Bestimmtheit an die Ufer beyder Flüsse. Dieser erste
Theil auf die Umgebungen von Lüttich ließen mir bestimmt genug
hoffen daß sie besonders geognostisch sehr interessant
seyn müßten, und ich wünsche daher nichts sehnlicher als
in Lüttich einen Mann zu treffen, der mich mit dem Eigenthüm-
lichen derselben genau bekannt machte. Allein so glücklich auch
der Zufall für mich thätig war, so zeigte er mir doch nur die
Möglichkeit, daß mein Wunsch hätte erfüllt werden können.
Sie erinnern sich vielleicht aus dem Journal des Mines von den Jahren
1808 und 1812 eines gewissen I.I. Omalius d'Holloy, welcher
wie ich nachher erfuhr mehrere Aufsätze von sich in jenem Journal
hat abdrucken lassen. Dieser I.I. Omalius ist der einzige
Naturhistoriker und besonders Mineraloge in Lüttich, und der
Zufall führte mich gerade zu dessen Vater in Quartier. Leider
war er selbst nicht zu Hause sondern lebte auf einer Cam-
pagne einige Lieus von der Stadt. Die Tante dieses Herrn
eine gefällige Dame, zeigte mir das unbedeutende wenige in Lüttichs Umgebungen Gesammelte
war [sc.: was er] noch unverpackt zurück gelassen
hatte. Es waren Ab Pflanzen namentl[ich] Farrenkraut [sc.: Farn] Abdrücke /
[86]
in Allaunschiefer und Abdrücke (Ausfüllungen) colossaler Schilfe
wie sie sich in Hessen und sonst finden. Anthracit der sich in der
Gegend Lüttichs finden soll konnten wir in der kleinen Samml[ung] nicht
finden, von deren Stücken mir auch die nicht unterrichtete Dame nicht sagen
konnte
die bezeichnen konnte welche namentl[ich] dem Maas-
Department angehörten, denn es fanden sich darunter auch mehrere
Stücke aus Brüssel rc.
Die Abhandlungen welche mir die Dame von ihrem Neven mittheilte
waren: Sur le Gidement du Kieselschiefer. Jour. d. M.
Nro. 18 Juin 1808[,] 400-401.
Sur la Dispotion du couches du côleau de Durbuy
(Sambre et Meuse)
p.476 rc.
Sur le Roche de Develle. Janvier 1811 Nro. 169.
Notice sur le Gidement du Caloaire d'eau douce
Jul.
1812 Nro.184.
Ihnen werden vielleicht noch mehr Abhandlungen desselben Verfassers
bekannt seyn. Er ist wie ihn sein Vater nennt Amateur nicht Ge-
lehrter von Profess[i]on, doch scheint eine unabhängige Lage ihm
möglich zu machen mehrere Zeit der Wissenschaft widmen zu
können.- Daß es mir sehr leid that diesen He. I.I. Omalius
nicht zu sprechen betarf ich nicht auszusprechen, je seltner ich
besonders in der nächsten Zeit Begegnungen dieser Art zu erwar-
ten hatte, auch hatte vor der neuen Veränderung ein Freund von ihm
ein Mineraloge als Inspector in Namur gelebt, den aufzusuchen ich
durch ein empfehlendes Wort von ihm ich wenigstens den Versuch hätte
machen können.-
Von Lüttich aus. Die auf dem Wege von A[a]chen nach Herve und
von hier nach Lüttich erwähnte Anhöhe mag die seyn, welche
sich zwischen der Wesder [sc.: Vesdre] und der Maas hinzieht.
Von Lüttich aus ging unser Marsch nach Huy. Der Marsch
längs der Maas bis Namur ist der interessanteste und zu Be-
merkungen reichste welchen ich dießseits des Rheins gemacht
habe und wohl nun machen werde. Ja ich glaube daß diese Ge-
gend, um sich über den Bau der ältern Flötzkalk gebirge zu
belehren, zu dem interessantesten und belehrendsten gehört
die man finden kann und zwar erstlich weil die Flötze /
[86R]
und mehrere, ich möchte fast sagen viele Schichtungen derselben in langen
Distancen zu Tage ausgehen, weil zweitens die Schichtung
derselben nicht nur äußerst bestimmt und in eine bedeu-
tende Folge der Auflagerungen, sondern sich auch drittens sehr
häufig die vollkommenste Profilansicht derselben darbiethet,
d.h. daß sich in der Natur selbst eine reine ProfilAnsicht
der Schichtungen zeigt, welche senkrecht auf das Streichen
der Schichten durchschneidet. Überdieß zeigen sich viertens
mehrere Er ganz eigenthümliche Erscheinungen sowohl in Hin-
sicht auf die Lagerung Folge verschiedener Flötze Lager, als auf die Ge-
stalt der Schichten selbst.
Die Gebirge zu beyden Seiten der Maas sind ausschließend Kalk
Gebirge eines ältern Flötzkalkes. Sein relatifes Alter zu
bestimmen dünkt mich kann bey nur einigen genauen Beobachtungen nicht schwerfallen, da man
längs der Maas von Lüttich bis Namur fortlaufend (so weit nur kam ich an der Maas)
die schönsten Profile hat die sich der Geognost
nur wünschen kann. Von Lüttich bis Huy ging ich an dem
linken MaasUfer welches sich dicht neben dem Fluß als ein
hoher Flötz oft sehr steiler Flötzwall erhebt.- Die Gebirge Anhöhen
des rechten Maasufers, entfernen sich an dieser bestimmten Stelle
von welcher ich jetzt rede, mehr von dem Ufer mehr, ver-
laufen sanfter in das Thal, durch ihr grünes Gewand von
Feldern, u Bäumen und durch die aus beyden freundlich her-
vorschauenden Campagnen für das Auge angenehmer
aber weniger interessant. Zwischen den unmittelbaren
Ufern des Flusses und jenen sich sanft erhebenden Anhöhen
ziehen sich in ziemlicher Breite frische Graswiesen hin.
Unter Hinter und unmittelbar unterhalb Huy tritt die
Anhöhe des rechten Maas Ufers, welche hier zugleich das rechte
Ufer des Flüßchens bey Huy des Houyou
oder
Hougou [sc.: Houyoux] bildet, am nächsten und am bestimmtesten an
die Maaß. Die Berge auf dem linken Maas Ufer
von Lüttich bis Huy, sollen der Fallhish[sc.: Fallhisch ?] heißen. Von /
[87]
Von dem eben bezeichneten Berg und rechten Maas- und Hougou-Ufer
heißt die höchste Höhe der Montehevoue, er zieht sich bey
dem Dorfe Sachart (welches oberhalb Tihange liegt) und
Huy nach dem rechten Hougou-Ufer, und bey dem Dorfe Tihange
dem rechten Maas Ufer zu. Dieser Berg besteht bey dem Dorfe
Sachart auf dem Wege von Huy dahin, aus einem sehr
blättrigen nach mehreren Richtungen zerklüfteten Schiefer
das Lager mag S.N streichen [sc.: streifen] und OW. seiger [sc.: senkrecht] fallen.
Der ganze Fallhish[sc.: Fallhisch ?] ist wie ich schon sagte durch Kalkflötze
gebildet. Die mir genannten Producte desselben sind Allaunschiefer
aus welchen Allaun gewonnen wird, Steinkohlen und etwas
Bleyminern, doch diese selten.
Der Allaunwerke von Huy bis Hamail sind 32; sie sind
seit länger als 100 Jahren im Gang. Die Bergwerke an Parti-
cülier[s] z.B. an den Canonicus Soueront (oder Soucront)
in Tihange. Der Allaunschiefer wird durch Haspelwerke
gefördert. Die Schächte sind 20-30 Toisen à 7 Fuß
tief. Das Allaunwerk d[es] He. Canonicus ernährt (wenn es
geht) 100 Menschen; im Ganzen werden (wenn die Werke gehen)
4000 Menschen durch selbige ernährt. Leider sind ist der Be-
trieb dieser Werke seit der Vereinigung dieses Distriktes
mit Frankreich sehr gesunken (und es herrscht daher jetzt
in dieser ganzen Gegend Noth und Armuth) weil die Aus-
fuhr des Allauns verboten und ich glaube, auch den Eigen-
thümern bestimmte Preise gesetzt waren. Von den Allaun-
werken wurde im Ganzen eine Staatsabgabe gegeben
die dann repartirt [sc.: verteilt] wurde. Weil der Verkauf und Ab-
satz in den letzten Jahren so schlecht war, so sind die
Magazine jetzt noch sehr gefüllt.
[Einschub von weiter oben:]
Der hier gewonnen werdende Allaun ist nächst dem römischen der Beste.
Leider wurde D aus
obe[n]genannten Ursachen und weil der Winter noch nicht
lange vorüber war (:im Winter sagte wird in den Gruben
so sagte man mir gar nicht gearbeitet) jetzt noch nicht in den
Gruben gearbeitet, daher war es mir unmöglich eine /
[87R]
derselben zu Befahren. Wegen den wilden Wassern kann
nicht tiefer als 20-30 Toisen gegraben werden. Die
Allaunschieferflötze sind von einigen, und 6 Fuß bis
zu einigen Toisen mächtig. Nach dem gebrannten Residuum
zu urtheilen ist der Allaunschiefer seiner Structur nach ähnlich
dem Polirschiefer. In der ganzen Gegend um und in Huy ist Niemand
welcher aus Liebhaberey wenigstens eine Sammlung der
Mineralprodukte dahiger Gegend habe.
Die Allaun Werke hören bey Huy auf und es mag
wohl seyn daß die Mehaigne die Gränze des Allaunschiefers bezeichnet.
Wollen Sie so gütig seyn und mit dem
bisher Gesagten die schöne Karte von Deutschland wovon ich durch Ihre Güte ein Exemplar habe vergleichen
so werden Sie finden, daß
das gedachte Gebirge scharf durch die Flüsse Maas, Jaar
und Mehaigne begränzt wird, wodurch das Interesse es
genauer kennen zu lernen noch mehr wächst. Eben so
bestimmt ist sind die Berge des rechten Ufers der Maas durch die Flüsse Maas,
Ourth und Hougou (bey Huy) bezeichnet.
Auf der Anhöhe unterhalb und hinter Huy und Tihange sind
Weinberge, so wie sich deren überhaupt in diesem Theil des
Maasthales mehrere finden. Der gewonnene Wein wird auch
in der Gegend selbst vertrunken, er ist trinkbar, nach
verschiedenen Lagen mehr oder weniger besser. Wir tranken
in Tihange welchen aus einer guten Lage, die Bouteille
kostete 16 Sous; ob es weißen Wein hier giebt zweifle ich fast.
Um In der Nähe von Th Tihange wird gebrannter Kalk als
Dünger angewandt am linken Maasufer besonders näher
bey Lüttich ein merglicher Kalk.
Die Allaunwerke d[es] He. Canonicus liegen gerade
Tihange gegenüber; hinter denselben sind Stohlengru-
ben [sc.: Steinkohlengruben ?] (so wie noch an einem andern Punkte im Fallhish
aber immer näher der Jaar zu:) die Von den gewonnen
werdenden Steinkohlen giebt es mehrere Varietäten.
Gern, sehr gern hätte ich über das Streichen und Fallen /
[88]
der so scharf bestimmten Kalkschichten einige Beobachtungen
gemacht, allein ein einziger Blick während des Marsches
(denn wenn mehrere Bat[aillone] wie dort der Fall war hinter ein-
ander marschiren ist sich aufzuhalten nicht erlaubt und verbie-
tet sich von selbst) war doch zu wenig um nur einige Re-
sultate daraus zu ziehen. In den dortmals gemachten Notizen
habe ich niedergeschrieben: die Kalkflötze streichen fast
alle in der Richtung des Längsthales und fallen gegen dem
Fluße zu

(: [*Zeichnung eines "Flötz",
  welches dem "Flußbette" zufällt*] :)
Teusche ich mich nicht ganz so
ist ihr Fallen zwischen 25 und
50 Grad; doch ohngeachtet dieses Str Allgemeinen Streichens
so giebt es doch auch wie schon erwähnt vortreffliche
Profile w.z.B. bey Chauquier was vielleicht eine
Wirkung der Strömung des Flusses ist. Überhaupt mag wohl
die Verschiedenheit des linken und rechten Maasufers der ich
früher gedachte die schroffen u. kahlen Flötze hier dort und das
sanftere Bekleidete dort überhaupt eine Wirkung der
Stromrichtung des Flußes seyn welche sich mit forte gegen
das linke M[aas]Ufer gerichtet war und auch noch ist
wie auch schon die Karte zeigt. Es bestätigt sich also auch
hier was ich bey Tangermünde von der Elbe sagte.
Noch habe ich Ihnen das Wenige mitzutheilen was
ich von dem Vorkommen der Bleyminern erfahren
habe. Die Lage der Flötze soll diese seyn

[*Zeichnung der Aufsicht mit den
  Begriffen:Allaunschiefer, Kalkflötze + Bleyminer,
  Todtes*]
Sie werden enscheiden können ob in dieser Angabe
etwas Wahres liegt. Die Bleyminer findet sich
Tihange gegen über - nur zufällig und es kann
nicht mit Sicherheit auf sie gebaut werden. Daß
übrigens der Bergbau hier schlecht betrieben wird, sehen
sie sicher schon aus dem Wenigen mitgetheilten. /
[88R]
So wie das Maasthal von Lüttich aus interessant ist,
so ist es auch nicht weniger mahlerisch schön. Bey Flemale
beginnt es geschlossener zu werden. Das Gebirge an dem linken
Maasufer (von Lüttich aus rechts) tritt näher an den Fluß; es
bekommt ganz das Ansehen eines zum größten Theil na[c]kten Flötz
Walles. Der aufge von der Höhe des Berges herabgestürtzte
dessen Gehänge noch bedeckende Schutt beweißt schon hinter
Flemale die Thätigkeit des Bergmanns (:Hinter diesem
Orte werden Kohlen gewonnen, sie sollen auf Kalkflötze aufge-
lagert seyn:) Aber mehr zieht ein auf einer hohen Felsen Masse dieser Gebirgsreihe
erbautes Schloss mit blauen Wänden und schwarzen doch
seinen Blick auf sich und die Erwartung des
Reisenden wird ganz besonders durch die mit den frischen
gelblich grauen Kalkgebirgen höchst contrastirenden
kegelförmigen abgestumpften hoch ziegelrothen Bergmassenparthien, die zwischen
jenen scharf abgeschnitten hervortreten gespannt [sc.: gespannt hervortreten ?]. Die ebenen über-
all gleich fallenden Gehänge, Form und Farbe lassen
aus der Ferne kaum etwas anderes erwarten als
vulkanische Bergmassen was aber ganz mit der Gesell-
schaft in der sie sich befinden in Widerspruch steht. Unter
den Verhältnissen in welchen ich den Weg machte, wo ich nicht
selbst untersuchen konnte, und wo die Sprache (das Wallonische[)]
ein Hinderniß war mich durch andere entsprechend zu
unterrichten stieg meine Spannung auf das Höchste.
Es waren aber jene kegelförmigen hochziegelrothen Berg-
massen nichts anders, als der von den Allaunwerken
ausgeführte Schutt des gebrannten Allaunschiefers welcher
eine ganze Bergparthie und ihre Gehänge bedeckte. Dem ohnge-
achtet gaben sie der Gegend ein sehr mahlerisches Ansehen.
Das Schloß zu Das die ganze Gegend so sehr durch
seine Lage so sehr verschönende Schloß ist das des Grafen
von  ?  zu Choquier. Es beherrscht, da die Maas sich
bey ihm etwa einen Bogen etwas auswärts macht, das
ganze Thal so wohl ab- als aufwärts, und scheint
von Etone und Ama herab fast in der Mass selbst /
[89]
selbst zu stehen, über die es sehr erhaben auf seinem Felsen
liegt. Die Lage dieses Schlosses gewinnt in der Nähe
mehr an Interesse, da es zu mit zu einem bedeutenden Theil
nur auf der Wölbung einer Grotte ruht. Es haben näm-
lich die Kalkflötze auf welcher das ganze Schloß ruht, ohnge-
fähr ein Fallen von 45°. Die unteren Flötze sind zusamme[nge-]
brochen, so daß nur noch die früher aufgelagerten oberen
stehen auf welchen nun noch, ein Theil des Schlosses einzig ruht
ohngefähr so

[*Querschnittszeichnung*]

Hestern oder Hestrud auf dem Wege von Courtray nach Oudenar-
den
rechts von der Hauptstraße; am 7ten April [sc.: Mai].
Wir haben schon wieder wie Sie sehen unser Standquartier verändert,
zu meiner Freude rücken wir dem geliebten Deutschland immer
näher, hoffentlich werden wir es zu Anfang des künftigen Monats
erreicht haben. Man sagt daß wir nach Brüssel gehen, und
daß dann weiter dem Bülowschen Korps das Münstersche
zum Standquartier angewiesen werden würde. Es wird
für mich ein Festtag seyn wenn ich den Rhein überschif[f]t, und
ihn im Rücken habe, denn dieser Tag giebt mir Hoffnung auch bald
das Soldaten Leben im Rücken zu bekommen, in unsern mehrtägigen
bisherigen Standquartieren habe ich nun auch das Leben des
Soldaten in Cantonirung kennen lernen [können]: Garnisondienst, Garnisonleben theuer-
ster Herr und Freund, dieß ist für den Mann der gewohnt ist sein
Leben einer würdigen Thätigkeit zu widmen, gewiß das drückend-
ste Leben was sich denken läßt. Es ist ein geschäftiger Zeit und
Geisttödtender Müßiggang. Der Zweck unserer jetzigen solda-
tischen Wirksamkeit ist: "Dressur zu bekommen", "den Leuten
Dressur zu geben". Diesen Zweck wird der schönste Theil des Tages
geopfert, und was kann auf den einen höheren geistigen Zweck
kennenden und bedürfenden Mann ein solches Leben anders wir-
ken als Geisteskraft abstumpfend, und somit Körperkraft
lähmend, und so verfließt denn die andere Hälfte des Tages
auf eine traurige Weise. Sie wissen daß jetzt bey uns alles
auf Regimentsfuß eingerichtet wird, was bedarf es also /
[89R]
mehr als die beyden Worte: Kamaschendienst - Wachparaden.
Sollt Sie sind gewiß Zeuge gewesen, wie man bey den letzteren
Stundenlang und länger auf dem offenen Markte stehen
andere begaffen und sich von anderen begaffen lassen muß,
ahnden können sie wie eine solche Beschäftigung auf den
Geist wirken muß. Führt man diese Tagesordnung jetzt
schon auf dem Marsche ein, was mag erst werden, wenn
wir wochenlang in Standquartier kommen?- Ich kann
mich nicht überzeugen, daß es nöthig ist, daß der Mann der
sich dem subalternen Soldatendienst hingiebt, so ganz Ma-
schine seyn muß, aber daß ist wahr, daß man es verlangt
daß er es sey, daß man dahin arbeitet daß er es werde.
Es ist merkwürdig wie Offizire es hassen und dagegen wirken
seinem Geiste wenn es die Gelegenheit darbiethet einige
andere als jene Geisttödtende Beschäftigung zu geben; denken
[Sie] sich, schon über die wenigen nur im Fluge, fast während des
Gehens
gemachten Bemerkungen im Maasthale, wovon ich
einen Theil ihnen mittheilte, sehr sagte mein Comp: Chef
zu mir, daß er froh gewesen wäre wie wir aus dem
Maaßthal in die Ebene gekommen wären, weil ich nun we-
niger von der Komp: abgezogen worden wäre.
Sie we Da ein einen höhern Lebenszweck kennender Mann
nicht nur seine Geisteskraft zu erhalten sondern sie zu steigern
suchen muß, da dem ein wissenschaftliches Ziel sich gesetzten
Manne die Zeit unschätzbar seyn muß, da leider ich mir
bey jenem Lebenszweck im steten Kampfe mit dem un-
günstigen Geschicke schon so viele Lebensjahre verflossen
sind, ohne etwas Bedeutendes einen sichern Punkt des
Erkennens errungen zu haben, so können Sie edler Freund
wohl ermessen wie stark der Wunsch in mir seyn
muß, nicht noch viel von der verhältnißmäßig wenigen Zeit zu verliehren
die mir noch zur Erreichung
meines Lebenszweckes übrig ist. Sie dürfen mir diese
wiederkehrende Äußerung meines Wunsches ja nicht
mißdeuten, Sie sehen die Sache vielleicht klarer /
[90]
als sie mir zu sehen vergönnt ist, wir sehen nichts als das
Bestreben uns in unserm freywillig für die Zeit der allgem[einen]
Noth freudig übernommenen militärischen Verhältnisse, auch jetzt
nach dem Frieden mit Frankreich fest zu halten, und man ver-
schließt uns jede Aussicht wenigstens in einigen Monaten
los zu kommen.
Es ist wahr ich habe Ihnen in meinem letzten Briefe aus
Estaires und Frelinghien am Lys Fluß hinter Armentiers, meine Freude ausge-
sprochen, als Offizier rc. vorgeschlagen zu seyn,
wenn ich aber darinne, nach der Meinung beym Corps ein Mittel
finde für den Soldatendienst fest zu halten, so will
ich den Offizier rc. gerne schwinden lassen wenn nur der
König mich frey gebe. Ich läugne es nicht, ich wäre gerne
in jener militärischen Charge aus dem militärischen Verhält-
niß herausgetreten, um für die bürgerlichen Verhältnisse die
auch ihre Rechte und Forderungen haben, etwas errungen zu haben,
Bedenke ich aber daß dieses Avancement die Forderung macht
mich abermals in ein ganz neues nur auf etwas Äußeres
beruhendes gehaltloses Verhältniß zu modeln und bey dem jetzigen Stre-
ben der Offiziere, den äußeren Scheinglanz wieder herzu-
stellen, noch über dieß sehr bedeutenden Kostenaufwand zu
modeln, so muß es mir sehr leidthun jene Aufwallung
empfunden zu haben.
Sie hatten die große Güte gehabt, theuerster He. und Fr[eun]d
bey Ihrem neusten bestimmten Gesuch um einen Gehülfen auf mich Rücksicht zu
sehen [sc.: nehmen; oder: mit Rücksicht zu sehen]; seyn Sie doch so gefällig und theilen
Sie mir bald, recht bald mit, was Sie für die Erfüllung
Ihres Gesuches und freundschaflichen Wunsches hoffen und
fürchten, denn bald muß sich doch wohl darüber etwas
entscheiden.- Sie werden es hoffentlich meinem immer zu-
nehmenden männlichen Alter, bey meinem bisher ununter-
brochenem Kampfe mit dem Geschick nicht übeldeuten, wenn
ich mich nach einem festen, sichern Lebensverhältniß sehne
in welchem mir für einen höhern Lebenszweck zu wirken /
[90R]
vergönnt ist.
Fällt die Hoffnung unter Ihren Augen als Ihr Gehülfe
angestellt zu werden weg, <dann melde ich mich, so bald>
<als nur mögl. was ich bisher um jenes Zweckes willen
<vermieden habe - als Ausländer um meinen Abschied>
<und werde mich erhalte ich ihn nicht, gerade zu an unsern meinen>
<Fürsten>, was mir sehr wehe thun würde, weil meinen
ich gestehe es Ihnen sehr gerne sich an diese Hoffnung noch
die schönsten Erwartungen meines Lebens anknüpfen.
Erlauben Sie mir edler Herr u. Freund zum bessern Ver-
ständniß dieses und in Bezug auf diese bisher Ge-
sagten das offene noch nie ausgesprochene Geständniß:
in den Jahren der kraftvollen ungeschwächten Jugend war
ich kühn genug den Gedanken und Vorsatz zu haben einst
das gesammte philosophische Wissen zu umfassen aber
das Mißgeschick was auf meiner intelluctuellen [sc.: intellektuellen]
Ausbildung ruhte, zwang mich bald jene Jugend-
träume schwinden zu lassen, aber dennoch
glaubte ich im reifen Jünglings- und nahendem
MannesAlter wo ich meinen Lebenszweck in
sehr feste und enge Gränzen eingeschlossen hatte
und wie Sie wissen noch habe, für die Förderung dieser Wissen-
schaft durch Gedachtes und Gethanes
in manchen wesentlichen mitzu-
wirken, deßhalb knüpfen sich an jene Hoffnung die
schönsten Erwartungen die ich noch von meinem künftigen
Wirken haben darf, deßhalb werde ich mich dann so
bald jene schönste Hoffnung wegfällt - was ich bisher um
deren Erfüllung willen nicht wollte, - als Ausländer
um meinen Abschied melden. Es Darf ich dagegen nur mit
einiger Sicherheit erwarten, daß jene Hoffnung mir er-
füllt werde, glauben Sie es so will ich sehr durch noch
längeres Aushalten in meiner jetzigen Lage mir gerne
jene Erfüllung erkaufen. Leben Sie recht wohl.
A Fröbel

Erläuterungen:

[zu 85V: franz.: maison de campagne = Landhaus;
pave = Pflasterstein;
franz: pipe = Röhre, Schlauch]
[zu 85R: Lieue = franz. Meilenmaß]
[zu 86V: Sambre et Meuse: Department der 1. franz. Republik bis 1815;
Meuse = Maas]
[zu 87V: Bleyminern, Miner: erzhaltiges Gestein;
altes franz. Längenmaß: 1 Toise = 1,949 m;
römischer Allaun: röm. Alaunwerke bei Tolfa]
[zu 87R: Residuum = Rückstand]
[zu 89R, Zeile 1: Kamaschendienst = ein pedantischer, ängstlicher, auf das Kleinliche achtender Dienst, der mit der sonst beim Militär gewöhnlichen Kamasche (Fußbekleidungsstück aus Tuch, Leinwand, selten Leder), besonders mit den gewichsten, viel Mühe und Unbequemlichkeit verbunden war]