Briefausgabe Friedrich FröbelBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung / Fröbel-Forschungsstelle der Universität Duisburg-Essen

F. an Christian Samuel Weiß in Berlin v. 15.5.1814 (Oudenaarde) mit Beilage v. 8.5./11.5./15.5.1814 (Hestrud / Oudenaarde)


F. an Christian Samuel Weiß in Berlin v. 15.5.1814 (Oudenaarde) mit Beilage v. 8.5./11.5./15.5.1814 (Hestrud / Oudenaarde)
(BlM II,19, Bl 93 Brieforiginal 1 Bl 8° 1 ½ S. u. BlM II,18, Bl 76-92, Beilage 8 ½ B 8° 34 S., Brief tw. ed. Neuhaus 1913, 167f. u. Weise 1918, 126. - Die Beilage ist falsch paginiert, die Bögen wohl gegengefaltet; richtige Reihenfolge: Bl 76, 77, 79, 78, 81, 80, 83, 82, 85, 84, 87, 86, 89, 88, 91, 90, 92)

    Oudenarden am15en May 1814.


Innig hochverehrter Herr Professor u. Freund;

Ich freue mich sehr, daß ich entlich im Stande bin die beylie-
genden Blätter an Sie abzuschicken; da Bauer wieder zu-
rück gekommen und somit das Feldwebel Wesen wieder über-
nommen hat so war es mir möglich dasjenige wieder zu
schreiben was ich in geognostischer Hinsicht auf meinem
Marsche seit Aachen bemerkte, woran ich bis dahin
durch jene Geschäfte verhindert worden war.- Sehr
muß ich Sie um gütige und große Nachsicht wegen
der Weitschweifigkeit um Verzeihung bitten, mit welcher
ich jene Bemerkungen niederschrieb; die Ursache derselben
ist, daß mir so oft die Sprache, und als Ursache davon
die umfassende und klare Kenntniß und Einsicht fehlt
um mich scharf und bestimmt genug auszudrücken.
Daß mir dieß sehr wehe und mich sehr niederschlagen muß -
bedarf u um so mehr da ich noch Kraft genug in mir fühle
auch das Viele was mir noch fehlt, wenigstens im Wesent-
lichen zu ersetzen und noch nachzuholen - bedarf wohl
keiner Erwähnung.
Haben Sie einige freye Zeit, so seyn Sie so gütevoll
und schreiben Sie mir einige Zeilen, ich sehe einiger
Nachricht von Ihnen wirklich sehnend entgegen.
Man will jetzt als gewiß sagen, daß unserm
Korps Erfurth als Cantonierung angewiesen wurde[.]
Ich sage Ihnen dieß blos um im Allgem. den Strich
zu bezeichnen durch welchen unser Korps ohngefähr
in den nächsten Monden ziehen kann im Fall Sie mir
über irgend einen Punkt in demselben etwas Besonders
sagen wollte[n]. Daß wir von hier nach Brüssel gehen
scheint bestimmt zu seyn. Einige sagen wir gingen bey Cöll[n]
von Düsseldorf über den Rhein, was wenigstens /
[93R]
mit der ersten Rede übereinstimmt.
Heute habe ich He. v. d. Helden bey der Parade seit Langem
wieder zum erstenmale gesehen. Er scheint alles verlohren
zu haben, denn er war in Civilkleidern.
Von ganzem Herzen wünsche ich Ihnen recht wohl zu leben.
A Fröbel.
Meine beyden letzteren Briefe die ich an Sie ab-
sandte waren der jüngste aus Hestrud v.7en May
           der vorletzte aus Frelinghien dadirt [sc.: datiert.]
Ich glaube daß Sie diese beyden Briefe mit ein-
ander erhalten werden, und daß Sie den 12en May
von Gent abgegangen sind. /

[76]
Beilage:
Im wesentlichen geographische Beobachtungen F.s für Christian Samuel Weiß, v. 8.5./11.5./15.5.1814 (Hestrud / Oudenaarde)

Hestrud oder Hestern Auf d. W. von Courtray nach Oudenarden
den 8en May 1814.
Mahlerischer, weit wilder und vielleicht in manchen geognostischen
Rücksichten noch interessanter als das Maaßthal v. C[ourtray] nach
H[estrud] ist der Theil des M[aaß]thales von Huy nach Namur.
Es wird bey seinem Eintritte scharf bezeichnet durch die Flüßchen
Marchel-Dames gegenüber u. Hougou welche sich bey Huy rechts und links in
die M[aaß] ergießen; diesen Eingang bewacht gleichsam die zur linken
vorstehende collossale FelsenMasse der Berg Courue auf
[we]lchen das alte, ehedem feste Schloß und Burg von Huy steht. Da-
durch daß nun auch die Gebirge am rechten M[aaß-] Ufer näher und
fast dicht an den Fluß treten, wird das Thal eng und die
zerrissenen Kalkfelsen die sich zu weilen wie die dünnen zackigen
Thürme gothischer Bauart über die größeren nicht weniger
grodesken Felsenmassen erheben, geben demselben ein wildes
Ansehen. - Merkwürdig erschien mir daß Dieses Thal öffnet
sich etwas bey Andenne wo die Gebirge links etwas zurück
<tret> aber bald wieder hervortreten und so einen Busen
bilden in welchem diese Stadt sehr angenehm liegt - Merk-
würdig erschien mir, daß dieses Thal, obgleich <Haupt-
enid> so mit eigentlich Längsthal doch so viel Durchsch[n]itte
zeigte welche senkrecht auf der Richtung des Streifens
stehen. Es müßte sehr interessant seyn zu untersuchen ob die Profile
der gegenüberstehenden Felsenmassen diesen
entsprächen; Mir dünkte es an manchen Orten so.
Ich [sc.: In] bezug auf die Schichtung und das Fallen zeigten [sc.: zeigte] sich
folgendes ausgezeichnetet einmal ganz wagrechte
Schichtung mit Schichten sehr von großer außerordentl[icher] Mächtigkeit, dann
zeigten sich an zwey oder 3 Stellen Profiele die eine
ganz gebogene Lagerung zeigten; die Neigungen an
beyden Seiten waren ganz correspondierend und stetig
die Biegnug [sc.: Biegung] bald an der einen Stelle stärker als an
der ander ohngefähr so   [*Zeichnung*]   , jede Schicht
war in sich vollkommen paralell oder vielmehr concen-
trisch. Hinter Andenne ist dicht an der Landstraße /
[76R]
welche sich überhaupt bald hinter Lilayn immer dicht
an den Kalkfelsen hinzieht einer der vortrefflichsten
Steinbrüche; der hier ge in sehr großen Maßen gebrochen
werdende Kalkstein ist ein dichter Marmor von schwar-
zer Farbe und mehr oder weniger von weißen Kalk-
spath-adern durchzogen. Es mögen wohl Pfeiler oder
Schwellen bis zu 16 Fuß länge und Platten bis zu 25
30 [*Zeichnung:
  Quadrat-*]   Fuß da gelegen haben. Da die Maaß dicht an dem
Bruch vorbey fließt so ist ihre die Versendung der hier ge-
fertigt werdenden Producte leicht. Die durch das Bear-
beiten der Steinmassen abgegangenen Stücke werden
in Öfen die sich in der Nähe und dicht dabey befinden zu
Kalk gebrannt. Diese Öfen haben wenn ich nicht sehr irre die höchst einfache
umgekehrt konische Form die ich
nachher wieder so häufig besonders im Menin fand.
Der Kalk wird mit Kohlen gebrannt, die wohl aus
dem unteren Maaßthal herauf gebracht werden.
Ich mußte mich zwar gleich anfangs als Sie uns nun
schon vor lager [sc.: länger] als 1 Jahr Ihre Theorie der Thalbildung
in Gebirgen vortrugen für dieselbe bestimmen, weil sie
so sehr mit dem ersten Eindruck den mehrere Thäler
der Schweiz selbst das Längsthal der Rhone von Bea an auf mich machten, selb übereinstimmte,
doch scheintes [sc.: scheint es]
mir daß sie durch dieses Thal noch mehr bestät[i]get
wird. Das Fallen der Schichten und Lager ist häufig
gerade mit dem Strom [*Zeichnung*]:   oft gerade gegen
denselben: [*Zeichnung*]:   an etlichen Stellen beydes
zugleich: [*Zeichnung*]   alle diese Fälle lassen sich
ohne die von Ihnen ausgesprochene Ansicht nicht gut
erklären. Im ersten Falle müßte das Wasser /
[77]
wäre das Bett Thal vom Strome selber gebildet worden
untergekrochen seyn und sich so verlohren,
haben w. z.B. bey der Orbe ohnweit Orbe im den Cant[on]
Leman
.- Im zweiten Fall müßte es nach irgend
einer Seite durchgebrochen seyn welches auf jedem
Fall leichter war als die Flötze zu durchbrechen. Das
Durchbrechen im 3en Fall scheint noch schwieriger, weil
die sich senkende[n] Seiten der Flötze b gleichsam <strebe Pfeder>
für a bilden. Daß es mir höchst unangenehm seyn müßte
dieses Thal mit so äußerst oberflächlichen Bemerkungen
zu verlassen werden Sie gewiß empfinden. Wie so
sehr gerne hätte ich wenigstens den gedachten Mar-
morbruch besucht allein ich durfte es mir nicht erlauben
da sein Eingang etwas hoch lag und ich dadurch fast
¼ Stunde zurückgeblieben wäre. Interessanter fast als
alles bisher genannte waren mir aber die so scharf be-
stimmten ganz frischen Kieselschiefer Lager welche ich
bald hinter oberhalb jenes Steinbruches fan[d] entdeckte. Das
Zutageausgehen derselben muß auch dem Erfahrungs
reichen Geognosten einen sehr angenehmen Anblick
gewahren: ganz horizontalliegende ohngefähr 3-4
Fuß mächtige Kalklager wechseln mehrmals
sehr regelmaßig mit 3-4 Zoll mächtigen ganz
schwarzen Kieselschieferlagern von frischen Bruchen
ohngefähr so [*Zeichnung*]   . Diese Kieselschieferart ist überdieß
noch die feinste Abänderung welche ausschließend
und eigentlich nur lydischer Stein genannt wird. Für
mich war diese Erscheinung höchst frappant und neu[.]
Das Wenige was ich bisher vom Anstehen des Kiesel-
schiefers gesehen habe darf damit gar nicht in Vergleich
kommen, da es überdieß auch wie die ausschließend /
[77R]
so Lydischer Stein genannte Abänderung war, auch glaube ich nicht daß er
sich feiner gedacht werden kann als er sich
an der genannten Stelle findet. Da ich das Vorkommen das
erstemal etwas flüchtig hatte beobachten müssen, so zwei-
felte ich fast in mir daß ich recht gesehen hätte, sondern
daß es vielleicht blos sehr dichter Marmor gewesen wäre,
bald entdeckte ich aber eine zweite Stelle, die ich genauer
untersuchte und nun mir kein Zweifel mehr übrig blieb.
Zum Überfluß brachte mir nun noch ein Freund der sich
auch etwas mit Geognosie beschäftigt hat und dem eben-
falls dieses Erscheinung aufgefallen war ein Stück,
so daß mir nun kein Zweifel volle Bestätigung
wurde. Die Stellen wo ich diese Entdeckung machte,
mögen ohngefähr 5 und 15 Minuten unterhalb der
seyn wo die (?) Marche d. Dames gegenüber in die Maas fällt, und ohnge[fähr]
fast
gerade etwas schwächer (nach Huy zu) dem
Dörfchen Marché des Dames gegen über. Irre
ich nicht sehr so haben die abwechse[l]nden Kalkflötze
< > eine gelblich grau Farbe, doch kann ich dieß nicht
behaupten da ich bald darauf sehr dünn nicht einmal
zollige Lager eines mulmigen Schiefers fand welcher
mit Flötzen von dichtem schwarzen Kalkstein (Marmor)
abwechselte. Diese Stelle findet sich fast da wo die (?)
Marche d. Dames gegenüber aus ihrem Seitenthale hervortritt.
Was die Form der Lagerungen und der Flötze und Schichten
bedrifft so fand ich eine interessante Stelle zwischen
der letzten und vorletzten eben genannten eine ganze
Folge von Schichten dichten Kalksteins hatten diese Form
[*Zeichnung*]   , während die darüber liegenden die entgegen
gesetzte hatten nämlich so [*Zeichnung*]   , so daß sie
also in ihren Wendepunkten diese Erscheinung zeigten /
[79]
[*Zeichnung*]   ; diese Erscheinung sahe ich zum zweyten male
als wir zu Namur einmarschierten gleich bey dem Eintrit[t] in die Vorstadt
in ein der ersten Straße, an einem Felsen links
unterhalb der alten Festung. Die Zeichnung war hier wie
dort scharf bestimmt, die Bogenlienien sehr vollkommen
der <     > Paralellismus der einzelnen Schichten sehr
gehalten. Diese mochten im Durchschnitt 2 Zoll entfernt seyn
die ganze Brechung der Schichten war in senkrechter Rich-
tung mehrere Fuß durch die fortgesetzt.- Über das scharfe
abgeschnittene Forkommen der Kieselfossilien in den <Kalkfossen>
davon werde ich noch einmal bey Verrins zu reden Gelegen-
heit haben. Ich hole nur noch nach daß ich glaube, daß jene
oben in Bezug auf das Vorkommen des Kieselschiefers im Kalk-
stein, eine diejenigen ist, welche I.I. Omalius in seiner gedachten Ab-
handlung über den Kieselschiefer in dem Journ: des
Mines
, erwähnt- (das düstere Ansehen der Kalkfelsen erheitert hier sehr häufig der einheimische dichte <Epheu>.)
Jenseits der Maas seh gleich von Namur an bekommt die Gegend
einen ganz anderen Charakter. Statt des engen Thales dessen
hohe Wände nackte Flötzwälle sind, breitet sich nun ein sehr
flachhügliches welliges Land aus.
Von Namur bis Fleurus gingen wir fast beständig auf der
großen Landstraße, der Boden ein schwerer Lehmboden, die Form
des Landes wie eben gesagt flachwellig. Ich vermuthe das
Fleurus mineralogisch durch seine Pierre de Fleurus
bekannt ist, ob es gleich sonst weder mineralogisch noch
geognostisch das Mindeste Ausgezeichnete hat. Diese P. de
Fleurus
sind Gerölle eines sehr reinen wasserhellen
Quarzes, diejenigen die ich sahe sind von der Größe eines
Haselnusses bis zu der eines Hünereyes; Äußerlich <ma[tt]>
und entweder gräulich weiß oder etwas röthlich gelb
(eiherfarbig:) Wegen der außerordentlichen Klarheit und
Feynheit des Kiesels werden sie diamantartig
fassettiert und dann unter jenen Namen und den Dia /
[79R]
unächten Diamanten verkauft und von den Jouveliren ge-
faßt. Sie sollen selbst in Paris verkauft und gefaßt
werden. In Fleurus kaufte ein Bekannter von mir 2 Stück
von der Größe einer Erbse jedes geschliffen zu 1 frk. Lei-
der hörte ich erst in Nivelles davon sprechen und konnte mich
daher nicht weiter deßhalb unterrichten, ich vermuthe,
daß sie sich, wovon auch ihre Farbe zeugt in den lehmartigen
Boden um Fleurus wie <sich>so häufig Qu auch anderwärts
Quarzgeschiebe in Lehm finden. Ungeschliffen hatte mein
Bekannter wohl 25 Stück für 1 frken erhalten. Durch die
Gefälligkeit eines Goldarbeiters in Nivelles erhielt
ich auch einige Gerölle; ungefaßte geschliffene Steine
hatte er nicht; einen brillantierten Stein der als Petschaft
in Gold gefaßt war, und dessen Hauptfläche die Größe
eines pr[eu]ßich[en] 2 Gr: Stückes hatte sollte 30 frken kosten,
wovon natürlich das Gold und die Façon das Meiste be-
trug.-
Von Fleurus gingen wir nach Nivelles auf der Hauptstr.
von Namur nach Brüssel. Es regnete auf diesem Marsche u.
ich erinnere mich nicht etwa daß mir die Gegend anders als die
ebengenannte erschienen sey. Zu beyden Seiten der Straße
war hier wie dort Ackerland.- Von Nivelles gingen wir
ohngefähr bis in die Gegend von Roeulec auf der großen
Straße nach Monsfort, dann aber südlich ab nach dem
Städtchen Binche. Auch die Gegend dieses Marsches
glich <             
> (: Vor Binche kehrte
Lützow seit langer Abwesenheit wieder zu uns zurück. In
Binche wo es viele Royalisten giebt, feyerten wir
den Übertritt von Paris. Unter den Bürgern herrschte
großer Jubel:) Binche ob es gleich wegen seinem nähern
Anrücken an die Sambre etwas hüglicher zu werden beginnt
zeichnet sich doch in seiner Lage durch nichts besonderes aus. /
[78]
*Zeichnung* Vor dem T einen Thore zeigt sich unter der obersten
Erdschicht ein kalkiger sehr weißer feiner Mer-
gel, wie ich ihn schon obgleich zum ersten male ohngefähr einige
Stunden von der Stadt rechts der Landstraße bemerkt
hatte. Ich hebe diese Gegend beso in dieser Hinsicht besonders
heraus, weil mich dieser kalkige Mergel, der mergeliger
endlich kreideartiger Kalk wird, wenn er auch hie und
da nothwendig zurück tritt immer begleitet, und so
wie mich dünckt einen ganzen Landstrich charakterisiert. Ich
werde die einzelnen Punkte wo und im Allgemeinen die Form in welcher er mir erschien immer
angeben, um so entwe-
der die dunkle Idee eines sich sehr weit, in gewisser Hinsicht
gleichmäßig sich erstreckenden Lagers oder einer Schicht dieser Kalkmasse
deren Charakteristik im Allgemeinen
die weiße Farbe, das mehr oder minder Zerreibliche
und der erdige Bruch ist, entweder mehr zu bestätigen
oder zu wiederlegen.
Erlauben Sie mir jetzt nur in Bezug auf die Charakte-
risierung der Erdoberfläche in soweit ich sie jetzt
kenne die Andeutungen:

[*Zeichnung mit den
  Begriffen:*]
Lehm Boden Strich / Kalk / Boden Strich/ Kiesel / Boden Land / Vulkanisches / Land
Thon Land /      Land /       Strich /       Boden Strich

Da in der Natur jede Erscheinung bedingt wird
und bedingend wirkt, so muß auch jede Erscheinung
der Natur in dieser doppelten Beziehung betrachtet werden
und es wird so unmöglich irgend eine Erscheinung
isolirt zu betrachten, so man muß sie ich möchte sagen,
fast unbewußt immer auf ein Ganzes beziehen.- So geht es
mir. Ich gebe recht gerne zu, daß so man so, weil
wegen den Mangel an fortlaufenden Erfahrungen nach diesen irgend einer Rücksicht,
sehr viele Glieder suplirt werden müssen, besonders an-
fangs sehr viele falsche Folgerungen und Schlüsse
zieht, aber dennoch dünkt es mich nur der einzige
Weg zur wahren Erforschung der Natur, wenn
man in den Erscheinungen der Natur so wie sie unver- /
[78R]
rückt vor uns liegen zu lesen sucht, sie diese Erscheinung aber
nicht
wie die Lettern in den Schriftkästen zur Dar-
stellung unserer Meinungen zusammen setzt.-
<            > Sehr interessant waren <dagegen>
<> die folgenden Märsche <     > von Nivelles nach Binche und von Binche
durch Beaumont nach Barbançon.- Gleich hinter dem
Dorfe Arguenne dicht an der Landstraße fand ich die
schönsten Steinbrüche eines Muschelkalkes, voll von
Belemniten ganz sich von dem des Heimberges bey Göttingen
nur in Hinsicht den der Farbe und geognostisch durch
die Mächtigkeit seines Vorkommens unterscheidend[.]
Die Farbe ist ein schwarzlichblau, oder ein schwärzliches
grau. Die Mächtigkeit ist mehrere Fuß. Ich sahe <Pfeiler>
oder Schwellen von mehr als 16 Fuß länge und man sagte
mir daß sich Platten fänden, die gegen 100 [*Zeichnung:
  Quadrat-*] Fuß ent-
hielten, welches auch durch die gegenwärtigen Platten
nicht als möglich erschien. Die Arbeiter nennen den
Stein Blaustein und eigentl[ich] Grainite, dieser Name
bezeichnet die eben angegebenen Charaktere. Marmor
sagten mir die Arbeiter fände sich weiter vorwärts
bey Mariemont wo sich die schönsten Brüche und Marmor-
schneiden befände[n].- Die Brüche selbst konnte ich leider
wieder nicht sehen. Ich wurde durch diese Brüche höchst
überrascht da mir die flachwellige Gegend sin
solche Steinmassen in so geringer Teufe gar nicht
erwarten ließ, doch erkannte ich dieß bald als
Charakter dieser (Sambre) Gegenden, denn auch
die nächsten wahren Marmorbrüche an dem Ufer
der Sambre bey Merbes le Chateau fanden sich in einer
so flachwelligen Gegend, einer Gegend welche sich ihrem äußeren
Ansehen nach si mir wenig fast gar nicht von der eines aufge-
schwemmten welligen Landstriches unterschied von lettigem /
[81]
Boden unterschied, ich müßte höchstens sagen daß die
welligen Erhöhungen in ihrer Form und Ansehen mehr
Festigkeit verrathen, doch muß ich sagen, daß ich die-
ses erst zu finden glaubte nachdem ich wußte, wie
sehr der innere Gehalt dieser Gegend von ihrem äußern
Ansehen verschieden ist. Solche ältere Gebirgs- oder Stein-
massen so mehr an der äußersten Oberfläche diese fast selbst bildend in einer so ruhigen Lage zu finden, war und
Es dünkt mich es wäre sehr interessant und fast wich-
tig zu untersuchen ob die innere Lagerung dieser
Gebirgsmassen dem äußeren ruhigen Ansehen ganz
entspricht und somit im Durchschnitt Horizontal
zu finden; denn mir ist es fremd solche relativ
ältere Gebirgsmassen, so nahe an der äußersten Ober-
fläche, diese fast selbst bildend in einer so ruhigen
Lage zu sehen. Wäre es so ließe sich zu ihrer Erklärung
in Bezug auch die von Ihnen ausgesprochene Theorie
der Thalbildung folgendes sagen: diese Ablagerungen
blieben näher dem Meere länger unter Wasser, welches mehr nach
und nach zurück trat, somit trock-
neten diese Lager auch mehr nach und nach aus (denn
krystallinisch sind sie ja nicht) und so wurde eine, bey
höher liegenden Lagern durch schnellere Abtrocknung her-
vorgebrachte Verrückung derselben vermieden. Wäre
mir der Gedanke jene Gegend in dieser Rücksicht zu
beobachten so bald gekommen als ich sie eben sahe, so
würde mich nichts abgehalten haben das Innere jener
Brücke zu besuchen.- Um ein möglichst getreues Bild
jener Gegend zu geben muß ich jedoch noch sagen
daß bey Mariemont schon etwas mehr bergig wird[.]
Mariemont liegt links (südöstl.) der Straße ihr gerade
gegenüber ohngefähr 1/2 - 3/4 Stunde entfernt, und zwischen /
[81R]
dieser und dem Dörfchen zieht sich ein Thal hin, so daß
es in Vergleich mit Mariemont erscheint, als gehe
die Straße auf einer Anhöhe hin, denn diese liegt
nun fast eben so hoch als Mariemont. Südöstlich wird
überhaupt hier die Gegend bergiger, leider habe ich
Ihre schöne Charte von Deutschland nicht bey der Hand
um diese Erscheinung damit zu vergleichen und in den Laufe
der Flüsse eine Erklärung zu finden.- Von Beaumont
bis Barbançon gingen wir beständig auf den schönsten
schwarzen Marmor welcher überall zu tage ausging. Bar-
bançon
selbst liegt auf einen Marmorfelsen, und im
Dorfe selbst ist eine verlassene Grube. Der Marmor
erscheint überall wo er zu Tage ausgeht sehr zerklüf-
tet, und so erscheint auch an vielen Stell[en] Orten die
Gegend. In größerer Teufe muß sich jedoch der
Marmor ohne alle Klüfte und Absonderungen seyn denn
ich sahe in Barbancon die schönsten Platten und
Blöcke. Leider war in diesem Dorfe, wo wir Nachtquar-
tier machten, der größte Theil der Einwohner geflüchtet[.]
Dieß war mit seinen Folgen die Ursache daß ich auch
überhaupt mich hier gar nicht so wie auf der
ganzen Reise der nun folgenden Märsche wenig durch
Fragen unterrichten konnte. Auf dem Marsche sahe ich
nur schwarz und weißen Marmor, in Barbancon
selbst aber Platten von bunten Marmor, welche daselbst
geschnitten und zubereitet wurden und sich folglich auch
daselbst finden müssen. Von Barbancon machten wir
bis Sorle le Chateau geognostisch einen sehr interess[an-]
ten Marsch. Wir gingen beständig auf Marmor
der überall zu Tage ausging und dann immer den
Charakter der Zerklüftung trug. Zuerst kamen wir
durch ein sehr bedeutendes Dorf, was sich durch seine /
[80]
Lage auf mehreren Hügeln deren Masse Marmor war
auszeichnete, die früher wohl schöngewesene jetzt
ganz ab[-] und ausgebrannte Kirche liegt auf dem größten
dieser Felsen. Der Name des Dorfes klang ohngefähr
wie <GeorgeSain gris>. In dem Dorfe herrschte Ver-
wüstung, wie in unserer Colonne bey Durchmarsch
wegen der sich an den Felsen hin[-] und herziehenden
schmalen Wege: Unordnung.
Bald hinter diesem Dorfe trafen wir einen
der schönsten und größten Marmorbrüche; außer
Blöcke von g[an]z außerordentl[ich]er Größe waren aus
ihm herauf geschrödet worden. Es war gewöhnl[ich]er
schwarzer Marmor. Von hier aus gingen wir öfters
bergauf und ab, auch durch Laubholz-Waldung.- In
Sorle le Chateau kamen wir auf die große Landstraße
(parée) die Pflastersteine waren ein dichter graul[ich]
gelber Kalkstein welcher in <Guratitäten> [sc.: großen Quantitäten?] an der Land-
straße lag und sich also auch häufig in der Gegend
finden muß. Beugnus ein Dorf an der Landstraße
diese war unser Nachtquartier. Jene Straße führte
uns nach Avesnes an der Eppe, über die Helpe
nach Etroeungt, Flamenry und nach Foi d'Etres
unsere nächste Station, wo wir Nacht 12 Uhr ankamen.
Von diesem Marsch weiß ich nichts weiter mehr
zu sagen. Die Straße und die nächste Angränzung
zeigten das Vorkommen der Kalksteine in der Nähe
und den schweren Boden des tragbaren Landes.
In Fois d'Etres wurde ich am Morgen sehr von der
außerordentlichen Menge von Feuersteinknollen
überrascht die sich überall in Haufen im Dorfe fanden.
Diese Knollen hatten durchgehend die größte Größe
die ich kenne; sie werden hier, was ich noch nie
sahe zu Mauern und selbst zum Unterschlag <für> /
[80R]
(der Grundmauer) der übrigens größentheils
hölzernen Häuser gebraucht, auch an der Landstraße
fand ich häufig welche zerschlagen. Irre ich nicht sehr
so hörte das Parée noch vor Foi d'Etres auf; wo-
mit auch nun ganz dieses Erscheinen des Feuer-
steins und sein Gebrauch zum Mauern überein-
stimmt. Die Feuersteinknollen hatten größentheils
einen gelben erdigen Überzug wor[au]s ich vermuthe, daß
sie sich im Lehmboden finden, doch auch dann und
wann einen weißen Überzug. Ein Bauer sagte
mir, daß man sie häufig im Felde fände, wo ich sie ab-
löse um es tragbarer zu machen.
Von Foi d'Etres gingen wir bey Chapelle (?) über die
Oise und von da durch Vervins rechts von der Straße
ab nach St: Gobert. Die Gegend um Vervins ist etwas
hüglich und die Stadt selbst liegt auf einem Hügel.
Hinter Vervins dicht an der Landstraße hatt[e] ich
das Vergnügen die Feuersteinknollen in ihrer Mutter
zu finden was ich lange gewünscht hatte. Um das Fallen
der Landstraße mehr allmählig zu machen ist der
Hügel etwas durchbrochen wurden [sc.: worden]. Hier liegen nun
zu beyden Seiten der Straße große Bruchstücke
eines harten graulichen weißen Stei kalkartigen Steines
in welchen noch in ihrer ursprünglichen Lage die Feuer-
steinknollen eingeschlossen sind. Der kalkartige Stein
hat unebenen Bruch. Diese Bruchstücke liegen lose
in einem mehr zerfallenen Erdreich, doch scheinen sie
auch nahe bey ihrer ursprünglichen Lagerstätte
zu liegen weil sie scharfe Kanten u. Ecken haben.
Da die beyden Seiten des Durchbruches sich im
wesentlichen correspondiren, so vermuthe ich
daß sich ein bedeutendes Lager des genannten Ge-
steins hinter Vervins hinzieht.- In St: Gobert /
[83]
In St: Gobert [2x] fand ich jene Haufen von Feuersteinknollen
und auch die Mauern von denselben wieder. Ihr erdiger Über-
zug war hier durchgehend größentheils weiß. Die Bauern gewinnen
und suchen sie hier in den durch Wasser nach und nach aus-
gespülten Gräben. Hier liegen sie entweder zwischen
einem lehmigen Erdreiche lose, oder sie finden sich noch
in ihrer Mutter einem feinen weißen kalkigen Mergel.
Dieser Mergel zieht sich in einer bedeutenden Lage
dicht unter den oberen Erdschichten hin. Denn will
hier ein Bauer seinen Acker mit Mergel düngen
so gräbt er mitten in denselben ein Loch, holt so viel
Mergel (Marle) her[au]s als er bedarf, sondert die
Feuersteinknollen ab, und wirft dann das Loch wieder
zu. Ich zerschlug hier einen Knollen und zu meinem Befremden
fand ich in demselben eine Hohle [sc.: Höhle ?] mit einer locker zusammen-
hängenden verwitterden erdigen weißl[ich] grauen zelligen Substanz
ausgefüllt zwischen welchen sich eine eben-
falls verwittert zerfressene Substanz Masse aber
durchsichtig gräulich weiß mit Glasglanz und Glasartigen
<neuschlichen> Bruche befand. Diese Substanz hatte Ähnlich-
keit mit Bergkrystall oder sehr reinen Quarz; da ich
mich nicht erinnere je gehört zu haben, daß im Feuerstein
andere als kalkartige Substanzen sich eingeschlossen
finden, so deßhalb war mir diese Erscheinung so auffallend.
Ist es möglich daß jene glasartige Substanz bey einer
Zersetzung des Feuersteins entstehen kann?- Daß die
Erscheinung wirklich so war wie ich sie beschrieb, können Sie
fest überzeugt seyn, ob ich sie mir gleich selbst f keine Art erklä-
ren kann.- Es finden sich bekanntlich so sehr
häufig in den Feuersteinknollen Löcher und Höhlen die
häufig mit einer Masse ausgefüllt sind, ähnlich der
in welcher sich die Knollen selbst finden; diese Er-
scheinung sahe ich natürl[ich] auch häufig in den Feuerstein- /
[83R]
Knollen der hiesigen Gegend. Ich weiß daß man diese
Erscheinungen als ursprünglich erklärt und auch die einge-
schlossenen kalkartigen Massen, vergleiche ich aber mehrere
solche[r] Höhlen dieser Knollen und die Art wie sich die eingeschlossenen
M Massen in denselben finden, so möchte
ich den freylich wohl schwer zu rechtfertigenden
Gedanken äußern daß sich einige dieser Massen Höhlen und
eingeschlossenen Massen erst später und durch
eine Auflösung und Zersetzung der Feuerstein Massen
gebildet haben. Dafür scheint mir die Art und Weise
zu sprechen wie sich die Höhlen sowohl als die einge-
schlossenen Massen finden. Es zeigt sich nämlich immer häufig
ein Übergang aus der Feuersteinmasse in
die eingeschlossene, so daß sich keine scharfe Gränze zwischen
beyden ziehen läßt, sondern daß es scheint
als wäre die eingeschlossene Masse aus der ein-
schließenden Masse gebildet worden, und ich zweifle
nicht, daß sich nach dieser Ansicht von dem aufmerk-
samen Sammler eine Übergangs Suite sammlen [sc.: sammeln] läßt
ähnlich der, die sich vom Menilit in der Königl[ichen] Samml[ung]
befindet.- Das Verhältniß der Kalkerde zur Kiesel-
erde, erscheint mir geognostisch in einem so interessanten Ver-
hältniß in welchem sie die Chemie nicht zeigt. Sie wer-
den es mir dem Anfänger in beyden gewiß verzeihen
wenn ich mich nicht enthalten kann den Gedanken
eines Übergangs der kiesliegen Natur in die kalkige
auszusprechen. Ich weiß daß noch viele Beding-
ungen zu bestimmen sind welche diesen Gedanken einige
Wahrscheinlichkeit geben können z.B. chemische Verhältniße
in der Atmosphäre, Verhältniße des Druckes in der-
selben, welche jetzt nicht mehr, wenigstens nicht in jenem
Maße Statt finden. Ich will auch damit, daß ich mir
erlaubte jenen Gedanken auszusprechen nichts weiter /
[82]
sagen, als daß ich wohl wünschte das Verhältniß
der Kieselnatur zur Kalknatur besonders in der Geognosie
genau zu untersuchen indem sich mir einige
Erscheinungen zeigen, die mir sehr deutlich auf eine wech-
selseitige Bedingung zu deuten scheinen, nämlich zuerst die:
daß wo Kiesel- und Kalkerde geognostisch und minera-
logisch in sehr eng vergesellschaftet vorkommen, sie beyde ganz
auf denselben Grad, auf derselben Stufe der
Vollkommenheit erscheinen; entweder beyde zugleich
auf der Stufe der Krystallisation (in den Obersteiner
Achatminen:) oder beyde auf gleicher Stufe der Dichtigkeit
und Reinheit (w. z.B. die abwechselnden Kalkstein und
Kieselschiefer Lager im Maasthale) oder beyde auf gleichen
Stufen der geringern Reinheit (w. z.B. bey den Feuer-
steinknollen so häufig der Fall ist)[.] Ich hoffe, daß ich
wegen diesen rohen Andeutungen von Ihnen Verzeihung
erhalten werde, daß Sie mir verzeihen werden
wenn ich noch ausspreche, daß mir, besonders in den
beyden letzteren Fällen die Kieselmassen als <Residenz>
einer allgemeinen Umänderung der Kieselnatur bis zu
einer bestimmten Punkt relativen Tiefe oder ähnlichen
Bestimungen erscheint. Von der Chemie können wir
bey ihren Untersuchen über das Wesen und die Diffe-
renz der erdigen und alcalischen Naturen, einigen
Aufschluß über die Naturgemäßheit jenes Gedankens
erhalten. Leider war ich an und für sich schon mit den
Resultaten der neuesten Chemie zu wenig innig ver-
traut, und die Zeit, daß die Beschäftigung mit ihnen ganz
aus meinem Leben zurückgetreten ist, verhältniß-
mäßig meines Vertrautseyns zu lange, als daß es
mir möglich würde, meine Idee hier schon durch
sie genauer zu beleuchten. In Ihren geognostischen
Ansichten selbst dünkt mich, ver könnte ich mich ver- /
[82R]
trauter mit ihnen machen, dünkt mich müßte ich einen
Prüfstein dieses und der sich als Folgen und Bedingungen
an ihn anschließenden Gedanken finden. Wasser
scheint die eine wesentl[iche] Bedingung der Kalknatur z so wie Wasser
und Kalknatur die Bedingung des
beginnenden thierischen Lebens. Wenn es gleich unbedeu-
tend ist, so muß ich doch aussprechen, daß mir die Lage
in der sich der (in der Regel) einzige Kalkspathkrystall
in den Obersteinerachatminen findet nicht zufällig er-
scheint, sondern als bedingt duch die beyderseitigen
Eigenschaften und das Verhältniß der Kalkerde zur
Kieselerde zur Zeit der Bildung dieser Krystalle.
Von St: Gobert gingen wir über die Leug Anhöhe nach
Leugny und kamen in das Thal von Marle, ließen
dieß so wie den Fluß ? links (östl) gingen nach Cressy, von da nach
Creusy sur Chere, Eremit
Monceaux les Leups
. Ich bezeichne diesen Marsch deß-
halb so genau, weil ich ihn auf meiner Karte nicht
verfolgen kann und ich ihn doch gerne wegen seinem
mannichfaltigen Interesse einst auf einer Spezialkarte
nachsehen möchte. Wir waren Marle noch nicht sehr
lange vorbey als sich uns halblinks (südöstl) Laon
von seiner Höhe herab in der ganzen Schönheit seiner
Lage zeigte. Hinter Laon zog sich von diesem Punkte
aus eine Bergkette, wenn auch wohl kaum von mittlerer
Höhe, doch für diese an sich flache Gegend sich genügsam
markirend hin. In dem ersten Dorfe unterhalb
Marle sahe ich große Haufen eines oft blendend weißen
kreideartigen Kalksteines, der sich in der Gegend
wie man mir sagte genugsam findet.- Vor
Cressy zeigte sich mir eine hinter oder vielmehr seitens
rechts in einiger Entfernung hinlaufende Berganhöhe /
[85]
die ich zu besteigen mir schon vorgenommen hatte, da Cressy
uns als das Ziel unseres heutigen Marsches genannt wurde
doch wir mußten noch durch die genannten beyden Orte
nach dem genannten Monceaux les Leups. In dem
ersten der gen: Dörfer Creusy s.Chere sahe ich einge
meine ganze Aufmerksamkeit auf sich ziehende Brunnen-
troge; sie bestanden aus einem gebl. [sc.: gebleichten] grauen Muschel-
kalke, gehäuft voll der wohlerhaltensten Versteinerungen
der schönsten Art der Schraubenschnekken, ich sahe noch einige
dieser Steine in Mauern verbraucht. Mein Wirth in
Monceaux l. L. sagte mir daß sich solche Brunnentroge
auch in diesem Dorfe befänden und daß der Stein aus
dem sie gehauen würden auf einem Berge hinter Laon
fände, wo auch sogl. diese Tröge bearbeitet würden.
In Creusy schon aber noch mehr in Eremit fielen
mir die blendend weißen glatten Mauern wenig-
sten[s]
auf und die wenigstens von solchen Steinen
gemauerten Ecken und Fensterpfosten der Häuser.
Der Stein ist blendend weiß, fühlt sich sanft an,
färbt ab kurz erscheint ganz als Kreide, ich schloß
daß er sich hier in Mengen finden müßte, wovon
ich mich auch bald überzeugte als wir nach Mon-
ceaux
, welches auf einer niedrigen Anhöhe
liegt emporstiegen. Links am Wege dich[t] unter
der Anhöhe sahe ich eine Grube wo sich unter
der obersten Erdschicht ein bedeutend mächtiges
Lager jenes Kreidegesteins zeigte. Mich ganz von
einer reinkalkigen Gegend umringt glaubend,
denken Sie sich wie ich überrascht wurde, als
ich da ich den Hohlweg weiter hinauf stieg, ganze
Lager eines Conglommerats fand ganz ähnl[ich] dem /
[85R]
was man in der Schweiz Nagelflue nennt. Die einzelnen
Geschiebe von der Größe eines Taubeneyes kleiner
und wenige größer. Der Kitt ist so fest, daß eher
die einzelnen Geschiebe beym Zerschlagen zerspringen
ehe der Kitt spl los läßt. Die einzelnen Geschiebe
sind alle Kieselgeschiebe und fast durchgehends
Feuersteingeschiebe. Einige zersprungene und
nachher im Wasser abgeriebene und dadurch einen
gewissen Grad von Glanz erhaltene Stücke hatten
eine frapante Ähnlichkeit mit dem Budding Stoon[e]
Englands. Ich hoffe Sie selbst davon zu überzeugen
wenn ich nicht das kleine Stückchen dieses Conglomme-
rates verliehre was ich mitgenommen habe. Die Berg-
anhöhe welche sich bey Monceaux beginnt, zieht
sich nach St Gobain rc hinab. Eigene Namen
der sich aus[ge]zeichneten Anhöhen konnte mir mein Wirth
nicht sagen, er benannte sie nach den sich dabey lieg-
enden Ortschaften z.B. St: Gobain. Irre ich [nicht,]
so ist bey St: Gobain eine Spiegelfabrik. Der
Berg auf dem Laon liegt, so wie die ganze
ebenbezeichnet Berganhöhe, die sich hinter der-
selben hinzieht muß dem Geognosten gewiß
einige interessante Resultate geben. Die Berg-
anhöhe hat kein festes Ansehen sondern ein zer-
rissenes, wie die Ber aus Muschelkalk bestehenden
Berge oder die aus Conglomeraten und vom Wasser
zerrissenen. Ihre Höhe ist nicht bedeutend, so wie
überhaupt die aller Gebirgszüge dieser Gegend
die ich noch sahe. Die Berganhöhen sind mit Bäumen
bewachsen. Von Monceaux auf der Straße nach
Chauny durch Tanicy - la Fère, Varinier, Vicy (?). /
[84]
Von hier gingen wir wegen erhalten Ordre zum Rück-
marsch, rechts von der Straße ab nach Genlis, einem
ehemaligen Landsitz der Fr: v. Genlis.- Bey La Fère
gingen wir über einen Canal, bey dem wir wieder bey
Ham vorbey kamen. Bey dem Dorfe (Varinier) wo wir
von der Straße abgingen lag uns links die Berganhöhen
hinter jenseits welcher St. Gobain liegen soll. Es zeich-
net sich hier besonders ein Theil derselben durch seine
bedeutendere Höhe aus, einen eigenen Namen derselben
konnte ich nicht erfahren, irre ich nicht so sollte St Gobain
an ihr liegen. La Fère liegt wenigstens von der Seite,
von welcher wir kamen von Sumpf umgeben; es liegt
daher etwas tiefer als die Gegend von welcher wir
herkamen und ich glaube in der leichten Anhöhe die
sich vor la Fère herzieht das Ausgehen des eines
Lagers des mehr gedachten Kreidegesteins bemerkt
zu haben. Ich muß ohne Zweifel auf diesen [sc.: diesem] letzten Marsch
über die Oise gegangen seyn doch kann ich mich der Stelle
nicht erinnern.- Genlis ist ein sehr angenehm liegendes
Dorf an einem kleinen See; das Schloß geschmackvoll.
Die Gegend fruchtbar besonders sehr reich an Obst namen-
lich an Äpfeln.
Von Genlis ging es über eine bedeutende mit Laub-
holz bäumen bewachsenen Berganhöhe nach Beaumont.
Sie lief ziemlich mit der eben vorhin gedachten welche ich v. einem Punkt auf ihrer Länge nach ziemlich übersehen konnte
gleich.- Ehe wir
nach Ham kamen
trafen wir wieder auf den Kanal welchen ich vorhin
erwähnte, seine Fortsetzung schien unterbrochen. Die in
Bezug auf diese aufgeworfene Erde schien ein-
unt[e]r der obersten Erdschicht hinlaufende Schicht Lage
eines mergelartigen Gesteins zu beweisen. Dicht
vor Hamm sahe ich Häuser eines zerreiblichen Ocker /
[84R]
farbigen zerreibl Kalktuffes.- Ham selbst
liegt an der Somme aber sehr tief indem die Umgebung
von Ham besonders nach der Seite des Schlosses hin
sehr wasserreich ist. Bey einer unserer Waffenübungen
fand ein Jäger einen <Echinitte> Kern von Feuerstein
welcher von den Zacken eines Feuersteinknollens um-
faßt war.- Von Ham gingen wir auf der Landstraße
durch die nur sehr wenig flach wellige Gegend auf beyden
Seiten von Ackerland begleitet nach Perronne.
Die Landstraße war Parée eines älteren Sandsteins
welcher sich überhaupt nun sehr häufig fand. Von
Ham aus war überhaupt die Gegend hochst uninte-
ressant. Bey Peronne wo Bülow uns musterte
kamen wir zu einem großen Theil von dessen Korps
und somit von einer Hauptstraße. Die Richtung
unseres Marsches ging nach Bapaume Arras
Lens
, ohne jedoch einen der beyden ersten Orte zu
berühren. Unser Quartier in der Nähe bey Bapaume
war Bus ohneweit Fins, das in der Nähe von
Arras war Famboux zwischen Douay und Arras.
Auf den [sc.: dem] Weg dahin konnten wir das erste letzte
d. Dorf Douay sehen. Ehe wir nach Famboux
kamen mußten wir über die Scarpe und über
die Straße welche von Cambray nach Arras führt
Die Gegend war hier bedeutend hüglicher; der Boden
tief und merglich. Um nach Gleich unterhalb
Fambus floß ein bedeutender Bach. Der Ort
selbst, so wie der vorhergegangene lag
etwas erhaben; besonders dieser auf <stei[ni]gen>
kalkigen Boden.- Von Famboux gingen
wir durch Lens an der Deule nach Wingle
nicht weit von dem Canal von Douay welcher mehr- /
[87]
mals die Deule durchschneidet. Die ganze Gegend hin-
ter Lens ist sehr eben wird aber gegen Westen
von einem Höhenzuge sehr geringer Höhe begränzt.
Es mag derselbe die Wasserscheide der Canitze und
der Lis seyn. Unser nächster Weg ging durch La
Bashée
auf der geraden Straße nach Estaires. Die
Gegend dahin so wie um Estaires ist ganz eben; sie
beginnt ein holländisches ansehen zu bekommen, frische
grüne Wiesen, fruchtbare Felder mit blühenden Obstbäumen
die einzelnen Stücke und Besitzungen begränzende Hochbaum-
alleen, und dichte gesunde Hecken und freundliche
Häuser machen die Gegend ange sehr angenehm.
Um Estaires wird diese Gegend noch besonders durch
die blendenden weißen Linnenbleichen gehoben, die
an den Ufern der Lys sich ausbreiten. Bey Estaires
ist ein Telegraph welcher mit Dünkirchen correspon-
dirt.- Die Fruchtbarkeit der Gegend geht schon aus
der Menge bedeutender Ortschaften hervor die sich <dort>
<um / am> Lis beym Einfluße der   [*Lücke*]   in dieselbe befinden.
Von <.> Estaires gingen wir durch eine gartenähnliche
Gegend, gleich der vorhin geschilderten nach Armen-
tieres
und von da nach Frelinghien (Houplines
Deulemont
) an der Lys. Die Gegend behält ganz
das mir als holländisch erscheinende höchst frucht-
bare Ansehen bey. Ein Dorf nimmt weil um jedes
Haus sämtl. Besitzungen liegen mehrere Stunden im
Umkreis ein; ja die Häuser des einen Dorfes
liegen zwischen denen des anderen. Die ganze
Gegend ist daher mit Landsitzen die von Baum-
gruppen beschattet werden und zu denen herrliche
[87R]
Alleen der Schwarz Pappel und der Eschen führen, über- /
säet; sie heißen Fermen indem sie großen Theils reichen
abwesenden Privatpersonen gehören und verpachtet
sind.
Von Frelinghien gingen wir über die Deules durch den
französischen Theil von Comines, bey Warwick über die
Lys nach Meenen. Warwick gegen über auf dem rechten
LysUfer beginnt eine Anhöhe die ich bey Meenen wieder
fand und die sich westlich hier von Hestern hinzieht.
Sie scheint an dem ganzen rechten LysUfer wenigstens
bis an den Bach das Flüßchen hinzulaufen welches bey S: Eloi Ave
in die Lis fließt. Diese Anhöhe muß durchschnitten
werden um v. Cortray hieher nach Hestrud zu kommen. Von
ihrem höchsten Punkte auf dem Fußsteig welcher von
Courtray hierher führt bey der hiesigen Windmühle
hat man eine ziemlich ausgedehnte Aussicht auf die
hiesige Gegend welche um so angenehmer ist, je seltner
man sie in glatten Gegenden wie die hiesige im Allgemei-
nen ist, findet. Von dieser Anhöhe hat sieht man sich
an dem rechten ScheldeUfer eine andere hinziehen.
Der Anfangs- und höchste Punkt zunächst der Mont
de la trinité
ohnweit Tournay (Doornick) seyn
mag und deren höchster Punkt hier der Clösberg
(Cleschberg - Clausberg ?) im flanderschem im französischen
vielleicht Carmont. Dieser Berg verläuft sich dann
abwärts ohnzweifel nach Gent zu. Um auf den
Clösberg zu kommen muß man bey Berkem oder
Berne über die Schelde gehen, dicht bey welchem
Orte er li[e]gen soll. Von der oben erwähnten
Anhöhe bey der hiesigen Gegen Windmühle übersieht man
das ganze fruchtbare Thal welches wenn man
es durchwandelt als ein schoner einziger schöner
Garten erscheint, was ich von Frelinghien sagte /
[86]
ist hier in noch reicheren Maße der Fall, allein was
dort Fermen war[e]n sind hier Bauernhöfe. Um die
Kirche, Pfarr-Mairie u. andere dazu <gehörige> Häuser
stehen nur noch wenige, alle übrigen mit diesen
fast <12> an der Zahl liegen fast immer zu ½
Viertelstunde von einanderentfernt, selten 2,3,4
in geringerem näher zusammen. Das ganze Dorf
mag also wohl von dem letzten Hause des einen,
bis zu dem des andern Endes ein paar Stunden lang und
da die Häuser rund im Thal und auf der Anhöhe her-
um liegen mehrere Stunden im Umkreis haben. Gleicht
dieser Flur das übrige Flandern, so verdient es mit
Recht die Beynahmen: blühend, fruchtbar, üppich, reich.
Von Meenin habe ich noch folgendes nachzuholen. Um
die Stadt besonders nach Warwick zu befinden sich an
dem Canal mehrere Kalkbrennöfen nach der beschriebenen
Form und oft 3 u. mehr dicht unmittelbar an einander.
Der hier gebrannt werdende Kalkstein kommt von
Lille und wirden dort in den Vorstädten von Lille
gegraben; es ist ein kreideweißer zerreibl. (kreide-
artiger) Kalkstein, mit häufigen Feuersteinknollen
der hier gebrannte Kalk wird weit in die Gegend ver-
fahren u. ist ein guter Handelsartikel. In den
Häusern von Meenen findet sich häufig ein blauer
Stein gebraucht welcher theils zu Wasser theils per
Achse von Tournay (Doornik) kommt. Hier
sind die Straßen gepflastert theils mit einem gebl. [sc.: gebleichten] theils blauen Stein u. in den Häusern werden
blaue Steine gebrannt
welche wie man mir sagte sämtl auf der Schelde hierher
gebracht werden.- /

[86R]
 Den 11en May 1814 noch in Hestrud.- Da wir heute noch hier Rast-
tag hatten so hätte ich sehr gerne den Clösberg besucht um mich
von dessen geognostischer Beschaffenheit zu unterrichten; doch
die Nothwendigkeit, mich von einer unter uns jetzt häufigen
Soldatenkrankheit zu befreyen nöthigte mich im Quartier
zu bleiben; sehr lieb ist es mir daher daß ich jetzt wenig-
stens noch etwas von ihm erfahre. Einer meiner Bekannten
schickt mir eben ein Stück eines Nagelflue ähnl. Con-
glommerates mit < ? ? > daß wovon mehreres auf dem Berge < ? große>
<Theil  ? ? ? ? ? > zu finden sey. Ich hatte vermuthet,
daß der Berg aus einem ganz neuen Muschelkalk be-
stehen würde, ich wurde daher durch die Lo was ich sahe
sehr überrascht. Das Stück Conglommerat hat folgende
zum Theil interessante Eigenschaften. Es ist hat eine tafel-
för[m]ige Gestalt [*Zeichnung:*
       ]. Die Geschiefer sind im Allgem:
unter von der Größe eines Schwalbeneyes und kleiner
bis zu einer Erbse. Ihre äußere Gestalt ist gedrückt Eyförmig im Allgemeinen
[*Zeichnung:*
       ] wodurch sie eine Art scharfer Kanten und eine
mehr spitzes Ende erhalten; und die Stücke so ein gewisses
scharfes Ansehen bekommen. Ist dieß nicht bey den sogenannten
Nagelflue Charakter?- Es waren ursprüngl Quarz- und
namentl. Feuersteingeschiebe. Ich sage ursprünglich
denn es ist durch das Bindemittel eine auffallende
und interessante Veränderung mit ihnen vorgegangen.
Das ist nicht weniger als quarzig sondern metallisch
und zwar eisenhaltig. Die Farbe ist die so bekannte dunkel
eisenbraun, der Bruch ist uneben mit ebenen wenig
glänzend zum Theil stark glänzenden Stellen, kleinen kurz ganz auf die
Weise wie sich das Bindemittel in dem
raseneisensteinartigen Conglommerat zeigte, welches
ich in Buch bey Tangermünde, in Mecklenburg, früher bey
Götti[n]gen, und jüngst auf meiner Reise von Berlin zum
Corps, dießseits der Lippe fand. Aber von allen diesen
unterscheidet sich das Bindemittel in seiner Wirkung /
[89]
wesentlich und auf eine sehr interessante Weise. Dort sind über
all die verbundenen Geschiebe und die gröberen
Sandformen unverändert, der eine Quarz selbst hat
noch seine unveränderte Farbe seinen ungetrübten
Glanz, das Charakteristische seines Bruches hier ist daß
alles ganz anders das Charakteristische und eigenthüm[liche]
des Feuersteins ist ganz verschwunden. Die Farbe ist
ein sogenanntes Leberbraun (d.i. ein reines gelbbraun)
der Bruch ist erdig matt. Wo die Färbung durch das Eisen-
oxyd nicht geschehen, auch die Umwandlung des Feuersteins
noch nicht durch das ganze Gewölbe durch geschehen ist
ist die Farbe der umgeänderten Masse ein graul[ich]es Weiß
in beyden Fällen ist die neuere Masse weicher als
der Feuerstein; kurz sie hat ein mehr thoniges Ansehen.
Es müßte, dünkt mich interessant seyn zu untersuchen
ob wirklich die Kieselerde des Feuersteins hier ganz
ihren Charakter verlohren und welchen sie angenommen
habe.- [7 Zeilen vollständig und unlesbar gestrichen]
diese Steinart wird flamendisch Borresteen
genannt, von dem festeten und besten ist die Kirche
zu Oroir (einem Dorfe hinter dem Clösberg. Ich

[5 Zeilen vollständig und unlesbar gestrichen]
[89R]
<      > Im Allgem: sagte mir mein Wirth noch
dieß, daß an der Schelde zwar sehr guter Boden sey, daß
dießer aber nach der Lis hin an der Straße
nach Gent aufhöre wo Sandboden (Sabelland)
eintrete. Von dem hiesigen Boden sagte er daß
man tiefer als Mannstief graben könne ehe man
einen festen Grund fände, dort aber fände sich
schon Spatentief ein eisenartiger Stein, welcher
ausgeworfen würde um den Gewächsen tieferen
Grund zu verschaffen. Ich ahnde daß dieser
eisenartige Stein ein Sandconglommerat der
gewöhnl[iche]n Art ist, wie ich in Mecklenburg häufig
fand. Entfernt mich unser morgender Marsch
nicht zu weit vom Clösberg so werde ich es mögl[ich]
zu machen suchen ihn zu besteigen. (Noch habe ich nach
zu holen daß mich jene in der Gegend von
Perronne gedachten Sandsteine (ein älterer
Sandstein mit quarzigem Bindemittel) an der Chause
(Paréee) bis über Bapaum begleiteten.
Weiter habe ich früher vergessen, den Por bedeu-
tenden Poriellain u. Fayeuce Fabriken hinter
Silayr Andenne, im Maasthale zu erwähnen!
Diese beyden Fabriken sind vor einigen Jahren von
Pariser Fabrikanten errichtet worden.-[)]

Oudenarde den 15ten May 1814. Bey unserm ehevorge-
strigen Marsche von Hestrud hierher nach Audenaerde) fand ich, daß sich die Anhöhe vom
Clösberg (:Montagne de la Cluse:) z in ziemlich
gleicher Höhe bis hieher und noch weiter am /
[88]
Ufer der Schelde hinab nach Gent zieht. Wie weit
sie sich bis nach Gent an dem Ufer hinab zieht
darüber habe ich noch nichts erfahren können. Diese
Anhöhenkette zieht sich nicht, wie es natürl[ich] aus der
Ferne erscheint in einer schnurgeraden Linie herab,
sondern sie bildet einige Busen. Es müßten sich diese,
da der ganze Anhöhen Zug nur als eine zusammenge-
fluthete Erdmasse deren Haupttheil Lehm zu seyn
scheint, erscheint, sehr gut aus den Ströhmungen
der Schelde erklären lassen. Die höchste Anhöhe
dieser Anhöhenkette h zu nächst Oudenarden heißt
der Kärschlar, von welcher aus man bey hellem
Wetter noch eine Aussicht bis Gent haben soll.
Wie ich Gestern führte ich meinen Vorsatz aus
den Clösberg zu besuchen; er ist 3 Stu gute Stunden
von hier entfernt bis Berckem oder Berne
rechnet man 2 g[ute] Stunden und von da bis auf die
Spitze desselben, welche ein runder Thurm bezeich-
net braucht man noch eine gute Stunde. Bis
Berkem und fast noch weiter hat man gera-
de Straße. Die ganze Anhöhenkette auf[-] und
abwärts ist ganz bewachsen und trägt Laub-
holz; nur ein Dörfchen Carmont eine gute ½ St:
vom Clösberg hierher, liegt auf der Höhe selbst,
sonst sind aber die Gehänge ziemlich hoch hier
und bis an das Holz und sogar in dasselbe
hinein bebaut. Der Lehmboden des Thales be-
gleitet nicht nur bis dahin, sondern man fin-
det nun, daß die ganze Anhöhenkette eine
zusammengeknetete Lehmmasse ist, in der sich
für Bruchstücke fester Gesteine finden, allein /
[88R]
ohne Ordnung, wie ich durch das Wort zusammenge-
knetet bezeichnen will, ob ich gleich gerne glaube,
daß wohl eine ohngefähre Folge nach dem Gesetze
der Schwere statt finden mag, doch Lagerung, d.
h. das Produkt eines ruhigen Absatzes habe ich
nicht bemerkt, freylich finde fand ich auch keine
tieferen Gruben worinn sich irgend etwas über
Lagerungen hatte bemerken lassen. Die einge-
kneteten härteren Steinmassen sind entweder
Bruchstücke solcher Conglommerate wie ich auf
dem vorigen Blatte beschrieben habe, oder
doch fand ich deren nur wenig und was ich fand
waren kleine Bruchstücke, oder es fanden sich
beiweiten bedeutend größere Massen, Massen
von 2-3 Fuß Länge, gegen 2 Fuß Breite
und fast 1 Fuß Dicke, der bekannten eisenartigen
Sandsteinartigen Conglommerate, deren ich
schon so oft erwähnte; der Bruch derselben
verläuft sich sehr oft aus dem Unebenen
Rauhen in das Ebene, wo diese Massen
bis zur Teuschung das Ansehen von braunem
oder rothen Eisenstein erhalten; die Massen
sind aber immer bei Weitem härter und
spröter. Häufig sind diese Massen schalig
und werden es jemehr, je feiner sie ist. In
diesen Fällen haben sie häufig ebene Außen-
flächen. Ich finde kein passenderes Beispiel
als sie mit B als dann mit Bruchstücken der
gewundenen Dachziegelart zu vergleichen. /
[91]
Diese Steinart wird f[l]amendisch Borresteen
genannt. Von den größten und besten die sich dort
finden ist die Kirche zu Oroir (einem Dorfe dicht
unterhalb des Clösberges) erbaut; so wie ich
einige Häuser fand deren Mauern daraus be-
stehen. Mein Wirth in Hestrud hatte gar
nicht Unrecht diese Steinart mit hart und
braun gebrannten Mauersteinen (Backsteinen[)]
zu vergleichen, womit sie besonders in den
Mauern auf den ersten Blick viel Ähnliches haben.
Es ist mir höchst Unangenehm daß ich mich nicht
auf den bestimmten geognostischen Namen dieser
Steinart erinnern kann. Irre ich nicht so fällt
sein geognostisches Alter in das, des bunten Sand-
steines.- Ob sich diese Steinmassen durch die
ganze Anhöhen kette verbreitet und wie weit
sie sich findet, weiß ich nicht; daß erstere be-
zweifele ich, wenigstens habe ich f auf den
Anhöhen nächst der Stadt keine, sondern
dagegen Bruchstücke eines thonig kalkigen (?) Sa
Sandsteins gefunden, welche aber ebenso wie
jene eisenartigen im Lehmboden ohne Ord[nung]
zerstreut liegen. Ich fand in diesen einigen
Stücken von diesen leise Andeutungen von
Pflanzen (Schilf) Abdrücken. Das thonige Binde-
mittel ist licht lavendelblau, und ich müßte
sehr irren, wenn sich nicht schon anderswo
in einer solchen Sandsteinart, Pflanzspuren
fänden. Zuweilen finden sich auch sand Wie ich schon
sagte so habe ich bis jetzt nirgends eine Andeu- /
[91R]
tung einer Lagerung in der ganzen Anhöhe gefunden,
und es scheint mir auch nichts dafür zu sprechen,
doch findet sich bey Carmont eine Steingrube,
in welcher ein Sandstein gegraben wird; wie
er sich findet, weiß ich nicht, d man sagte mir
daß die Grube oder Gruben unbedeutend wären.
Ein großer Theil des Weges von der Vorstadt
bis Berkem ist damit gepflastert. Von
der Höhe und besonders vom Thurme des Clös-
berges
hat man eine vortreffliche für die hiesige
ebene Gegend seltene Aussicht. Wegen des
Lehmboden[s] ist die ganze Flur die zu seinem
Fuße ausgebreitet ist, hochst fruchtbar, und
auf der Seite nach Oroir einem großen Garten
gleich dessen einzelne Theile durch lebendige Hecken
eingeschlossen auf der Seite nach Berkem hin,
aber einem großen Parke gleich der ganze Fluren
u. Dörfer in sich fast [sc.: faßt]. Nach Über Ronse und
weiter nach Geertsberge hin setzt sich das bergi-
ge Land fort.- Leider verstehe ich mich nicht
darauf Berghöhen zu bestimmen, doch dachte ich
daß der Clösberg 400 Fuß und vielleicht mehr
über die Meeresfl. erhaben seyn möchte. Das Ur-
theil einiger Bekannten stimmt dafür.- Noch habe
ich zu sagen daß sich in dem Lehmbach des Klösberges
was freylich natürl[ich] ist, sich eine Menge der
Geschiebe befinden, aus welchem das beschriebene
Conglommerat besteht, und daß die kleinen
Pfade, die nach der Hohe führen, fast wie damit
gepflastert erscheinen.- /
[90]
Auf meinem Wege vom Berge zurück haben sich
mir folgende Bemerkungen und Parallellen aufge-
drungen.
Die eisenartigen Sandsteinbruchstücke hatten lagen in
ihrer ursprünglichen Lage horizontal, ihre Ent-
stehung war in Sandschichten.- Ihre Entstehung
und ursprüngliche Lagerung hatte vielleicht große
Ähnlichkeit mit der, welche ich im Inl[and] v[origen] J[ahres] auf
meiner Elbfahrt besonders bey Quitsöbel und
weiter nach Lenzen hin bemerkte. Das Daseyn
der Lehmmasse sowohl als der Bruchstücke des
thonigen Sandsteins läßt sich dadurch erklären.
Ähnlich eisenartige Sandsteinbruchstücke von
schaaligen und schlackigen Ansehen sahe ich beson-
ders schon einmal an dem Berge hinter <Dranstet>
bei Göttingen, und dann auf dem Wege von
Haltern nach Recklingenhausen dießseits der
Lippe, an beyden Orten im losen Rand; sie mögen
ohne Zweifel dort ihrer Geburtsstätte näher
liegen als hier. An beyden Orten aber waren
die Massen bey weitem nicht so groß. In Bezug
auf die Vergesellschaftung der Steinarten muß ich
nicht vergessen daß sich bey Göttingen auch ein thoniger
Sandstein findet. Ich sage dieß um den Schluß aus-
sprechen zu dürfen: Wo gleiche Producte sind
müssen gleiche Ursachen und Wirkungen gewesen
seyn. Noch muß ich sagen, daß sich bey dem oft
erwähnten Berge bey G. ein älterer fester
Sandstein (mit gängigem Bindemittel) und besonders
der sogenannte Schinkenstein findet. Von Door- /
[90R]
nick
herab, womit diese Anhöhenkette und
zwar dort mit d. Mont de la Trinité, in Ver-
bindung steht, wird ein älterer sehr fester Sandstein
als Pflasterstein herabgebracht, welche mit
jenen große Ähnlichkeit hat; ob er sich bey
Doornick selbst findet weiß ich jedoch nicht.
Den Sandstein der sich bey Carmont findet, habe
ich in Hinsicht seiner Festigkeit noch nicht unter-
suchen können.
Bey der Verfolgung dieser Paral[l]ellen ist mir noch ganz
besonders folgendes aufgefallen. Bey den sogen:
Ägyptischen Jaspis ist man nicht sowohl über die Art
ihrer Entstehung als die Entstehungs Art ihrer Farben-
zeichnungen nicht gewiß. Im Allgem. sind diese
von außen nach innen mehr oder weniger con-
centrisch, so wie die Farbenabstufung von Auß
Außen nach Innen schwächer. Dieß sind Be-
stimmungen genug, daß die Färbung von Außen nach
innen vor sich ging. Als Gatt In Hinsicht auf
die Farbe selbst, so ist die Charakterfarbe wohl
im Allgemeinen ein Umbrabraun. Als Gat
für
Charakter der <      > Unterart
Ägyptischen Jaspis selbst setzt - irre ich nicht
sehr Hausmann den erdigen Bruch fest
und nennt daher diese Art Jaspis auch erdigen
Jaspis, und zwar noch aus der besondern
Rücksicht weil sich einmal b auch bey uns
und zwar bey Göttingen hinter dem Lösabühl
in der Nähe des oft erwähnten Berges G /
[92]
ein dem Ägyptischen Jaspis ähnliches nach Haus-
mann gleiches Gestein in Geschieben gefunden
hat. Mit diesen Gesteinen oder vielmehr Ge-
schieben von Götti[n]gen haben nun wirklich die
umgeänderten Feuersteine in dem Conglome-
[ra]te einige frappante Ähnlichkeit z.B. in
Hinsicht auf Bruch - in Hinsicht auf die allgemei-
ne Charakterfarbe - und auf die fa concentri-
sche Farbenzeichnung rc. Diese Ähnlichkeiten
brachten mich auf den Gedanken, daß wohl
die sogen. u.ächten Ägyptischen Jaspise wohl
früher in einem ähnlichen Verhältnisse ge-
standen haben als die Feuersteingeschiebe
des Clösberges d.h. daß sie unter sich
durch einen eisenhaltigen Kitt zu einem
Conglommerat zusammengebacken gewesen
sind wie diese und andere ähnliche Conglo-
merate, aus welchen sie nachher durch
die Zeit ausgespültwittert sind. Diese
sie ganz umfassende eisenhaltige Masse
war dann ihr Färbemittel ganz nach
demselben Gesetz wie die Kieselgeschiebe
in den oft gedachten hiesigen Conglommeraten
gefärbt sind.- Fährt man mit diesem
Vergleiche und den wechselseitigen Be-
dingungen fort, die sich daraus folgen /
[92R]
so dünkt mich folgt kein uninteressantes
Resultat über die Gegenden Ägyptens
und deren Beschaffenheit in welche sich jene
Kiesel finden. Gute Reisebeschreibungen
müssen dabey weiter leitend an die
Hand gehen; mir muß es hier genügen
jene Paral[l]elle zum weiteren Verfolgen
für mich hier fest gehalten zu haben;
wesentlich wäre freylich, daß sich zu-
nächst nachweisen ließe ob sich in jenen
Gegenden Ägyptens ein eisenartiger Sand-
stein ähnlich dem erwähnten fände.
Von Brüssel hoffe ich Ihnen das nächste
mal zu schreiben.
Dieser Brief geht morgen den 16 May
von hier nach Gent ab.
A Fröbel