Briefausgabe Friedrich FröbelBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung / Fröbel-Forschungsstelle der Universität Duisburg-Essen

F. an Carl von Holzhausen in Frankfurt/M. v. 16.7.1814 (Rudolstadt)


F. an Carl von Holzhausen in Frankfurt/M. v. 16.7.1814 (Rudolstadt)
(Stadt- und Universitätsbibliothek Frankfurt am Main, Autographensammlung, Brieforiginal 1 B 4° 4 S., ed. Nicolay / Richel 1929, 20-22)

Rudolstadt den 16ten July 1814.


Mein theurer Freund;

Zerstreut durch die vielfachen Eindrücke der Reise im Allgemeinen,
und meines jetzigen Aufenthaltes bey den Meinigen ins Besondere,
wird es mir fast unmöglich Ihnen die innigen Empfindungen der
frohen Theilnahme an Ihrer völligen Wiederherstellung, so rein
so wahr, so lebendig auszusprechen, als sie mich durchdringen.
Gern, sehr gern wünschte ich deßhalb daß ich Ihre Ankunft
in Frankfurt hätte abwarten können, damit mein ganzes
Wesen Ihnen der Ausdruck derselben gewesen wäre; allein
wie ich in jeder Hinsicht gerne den gebietenden Nothwen-
digkeiten gehorche, so unterwarf ich mich auch dort derselben.
Indem ich mich jetzt bemühe, die Gründe derselben aufzusuchen
finde ich sie, wie gewöhnlich in meiner Unvollkommenheit:
ehe ich Sie je wiedersehen durfte, war es zur Erfüllung
Ihrer Forderungen an mich unerläßlich nöthig, daß sich
Ihnen auch in meinen äußeren Verhältnißen die Be-
stimmtheit, Sicherheit und Ruhe aussprach, von denen ich hoffe
daß sie als Früchte meines bisherigen Lebens Eigenthum
meines Charakters sind. Diese, Ihre unerlässliche For-
derung konnte ich jetzt noch nicht erfüllen, deßhalb mußte
ich mir auch die hohe Freude versagen, mich persönlich an
die Ihrigen zur Feyer Ihrer glücklichen Rückkehr anzuschließen. /
[1R]
In Ihrer Brust das volle Bewußtseyn habend nicht allein den
Forderungen der Zeit, sondern auch in der Erfüllung derselben,
den Wünschen und Erwartungen Ihrer liebend besorgten Eltern
ganz Genüge geleistet zu haben konnte Ihnen mein Wieder[-]
sehen, besonders in der Zeit des gerechten Lohnes Ihres
männlichen charaktervollen Betragens nur dann nicht
unangenehm seyn, konnte ich nur dadurch der Ihnen
ferner achtbare Mann erscheinen, wenn ich nach den
Forderungen der Ihnen einst ausgesprochenen Grundsätze
in einem durch scharfe Grenzen genau bestimmten Kreis, mit
voller Gewißheit wirkend, und ihn ausfüllend vor Ihnen
stand. Dieß war jetzt noch nicht zu erreichen möglich,
deßhalb für mich die Entsagung Ihres jetzigen Wiedersehens
deßhalb im mir de für mich das Entbehren der Erfüllung einer
meiner schönsten Wünsche, deßhalb aber auch in eins
die Gewißheit eines einstigen froheren Wiedersehens.
Ihre liebe Frau Mutter war so gütig mir die Briefe
mitzutheilen welche Sie während Ihrer Entfernung, welche
Sie
in das elterliche Haus zurück geschrieben haben.
Es erfreute mich hoch in denselben den Spiegel eines
so reinen Gemüthes einer ungetrübten Wahrheit und
Offenheit Ihrer selbst für sich und die Ihrigen zu finden.
Dieß sind Schätze in deren vollständigen Besitz wir, /
[2]
wenn wir sie verlohren haben, th durch alle Thätigkeit des Ver-
standes nie wieder ganz gelangen können; deßhalb beglücken
mich die vielen Beweise Ihrer sorgsamen Pflege derselben,
die sich in Ihren Briefen aussprechen;; sie sind mir Bürge,
daß nie eine Zeit ihrer Vernachlässigung bey Ihnen ein-
treten wird.
Ich bitte Sie theurer Freund, in dieser innigen Theilnahme
an Ihrer Charakterbildung, an den Beweisen Ihrer Charakter-
festigkeit, kein unbescheidenes Zudringen zu Ihrem inneren
Leben zu finden. Mir schien es im Gegentheil nicht natürlich
wenn die Entwicklung und Ausbildung Ihres Charakters mir
mir [2x] gleichgültig seyn, mir fremd werden könnte.
Aus dieser Ansicht bitte ich Sie jene Äußerung und die
Bitte: mir Ihr Leben und die Fortbildung Ihres Charakters
nicht fremd werden zu lassen, zu beurtheilen.
Ich achte Sie und muß Sie hochachten, da mir nicht unbekannt
blieb, welche Empfindungen, Gedanken und Handlung Sie bey
Ihrem ersten selbständigen Auftreten im Leben Sie begleiteten;
mein innigstes Bestreben wird dagegen seyn, daß auch Sie in
mir immer einen achtbaren Mann einen Ihrer Achtung u[n]d
Liebe würdigen Freund finden mögen; deßhalb bitte ich
um die Fortsetzung Ihres Briefwechsels, und um die
Mittheilung Ihrer Lebenserfahrungen, Lebensansichten. /
[2R]
Gern gestehe ich Ihnen, daß Ihre lieben Briefe, so wie die
Ihrer vortrefflichen Brüder für mich immer einen bildenden
belehrenden Werth haben. Ich dagegen werde Ihnen
auch gerne die Resultate meines Lebens mittheilen
welche sich mir von allgemeinem Werthe zeigen.
Die Umstände gebieten mir Ihnen jetzt ein recht herz-
liches Lebewohl zu sagen. Lassen Sie <nur / mir> in Berlin
recht bald etwas vollständiges von Ihrer immer
steigenden Gesundheit hören und seyn Sie von meiner
innigsten Theilnahme an allen Ihren Begegnissen
überzeugt. Empfehlen Sie mich bestens Ihren [sc.: Ihrem] guten
Vater Ihrer lieben Mutter.
Von gzen [sc.: ganzem] Herzen
Ihr
Freund
A. Fröbel