Briefausgabe Friedrich FröbelBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung / Fröbel-Forschungsstelle der Universität Duisburg-Essen

F. an Caroline v. Holzhausen in Frankfurt am Main v. 29.4.1815 (Berlin)


F. an Caroline v. Holzhausen in Frankfurt am Main v. 29.4.1815 (Berlin)
(Dat. Entwurf, der sich aus zwei Textteilen in BN und KN aufgrund inhaltlichem Anschluß und gleicher Metaphorik rekonstruieren läßt: 1. Teil in BN 492, Bl 31-32; 1 B 8° 4 S. und 2. Hälfte in KN 17,4, 1 B 4° 2 S., hier: 2R u.1V des Bogens mit dem Briefentwurf an "Major und Kommandeur" <Müller> v. 21.4.1815. Der BN-Text ist tw. ed. bei H V, 93-94.)

(BN 492)
Berlin am 29sten April 1815.


Verehrte gnädige Frau;

Die von allen Höhen herabwallenden
von allen Thälern heraufsteigende[n] Men sich im Hause des Herrn auf den dh in <dem>
reinen <Äther> weit verbreiteten getragen von ehren[d]en Munde tönenden Stuf[en] des harmonischen
Ruf Treiklangs [sc.: Dreiklangs] aus ehrendem Munde im Hause des Herrn zur Andacht versammelten Menge die <daher>
wogenden bald sich kräuselnd in sich
selbst stürzenden bald sich in helle krystallhelle Spiegelflä
zerfließenden TonWellen des tönenenden [sc.: tönenden] Meeres Organon
der fromme se[e]levolle Gesang der frommen Gemein[d]e die kräftig lehrenden führenden Worte des
Meisters die tiefe <Bedeu[t]ung> des Segens des Herrn mit dem diese scheiden
alles dieß bestätigte des Heiligen <Buches> Worte.
Nie war Ihnen die Entwicklungs- und Bildungsgeschichte eines
Menschen gleichgültig, nie hörten Sie dieselbe ohne Theilnah-
me an; dieses Bewußtseyn giebt mir Muth Ihnen die
besonders jüngste Entwicklungs- und Bildungsgeschichte
meines Freundes die er mir heute erzählte mitzu-
theilen und Ihrem klaren tiefen Blick, Ihrem bewähr-
ten Urtheile am Ende derselben eine für ihn über alles
wichtige Frage zur Entscheidung vorzulegen.
Schon In den ersten Jahren seines neuen Lebens sprach es
aus den heiligen Bücher[n] zu ihm, daß in dem [sc.: den] äußern
mängelvollen Gestalten und Erscheinungen ein tiefes
inneres vollkommenes Lebens ein Leben zur Vollen-
dung verborgen liege und wie aus dem Innern eines
Demants [sc.: Diamants] erhelleten leuchtende Strahlen sein ganzes
Wesen;
[zwischen die Zeilen geschrieben:]
der bunte Teppich seiner Flur
denn [sc.: dann] das enge sein enges Thal der angespannte sich
wolkende heitere saphirhimmel, die in
<ihm nie gehof[f]t> auch <im Lichte> ihn [sc.: ihm] <sinngebenden>
emporstrebenden Tanne<n> die hebende weckende Luft die <emp> zum
<seine Nase>
da zog an seinem des Freundes kindlichen [sc.: kindlichem] Gemüthe die
Sage vorüber daß nur dem der einen Lebensbaum
säe und pflege die wahre Kunde von dem Wesen der
Dinge und der Bedeutsamkeit des Lebens komme,
daß sich nur einem solchen das Innere der Natur
erschließe und nun hörte er bald auch von vielen
nahe und ferne erzählen wie sie Körner besaßen /
[31R]
aus welchen der Baum des Lebens entkeime; die Strahlen
des leuchtenden und wärmenden Lichtes kamen aus der Ferne,
die [sc.: der] bunte Tempich [sc.: Teppich] en[t]keimte der nahe[n] Erde in welcher auch
die hochaufstrebende Tanne wurzelte, so wurde er vom
Nahen und Fernen angezogen; Saame herrlicher Gewächse fand er und
wurde ihm gereicht allein weder volle Baum des Lebens entkeimte
keinem alles ihnen entkeimend[en] Gewächse schien[en] auch nur den Schat innere[n] geeinte[n] Lebensb[aum]
zu suchen um in dessen Schatten in der Kühle der aus sein[en]
Zweigen niederfallenden Kühle sich zu zw entfalten waren Zeugen der Daseyn jenes Und
sie
der er um, seine Augen sein Sinn war[en] noch nicht gebildet ächte
den ächten den Lebensbaum umschli[n]genden Kern zu erkennen. Hingegen im fremdes [sc.: fremden] Land Da hörte
sein Ohr ihm bekannt dünkende Töne wie er ihnen ging ihnen nach folgend
ging fand so wurden sie vernehmlicher und bald fand er sie in ihrer
Mitte kreisend umflossen sie
einen herrlich[en] Stein kreisend umfließend es war
ein blauer Saphir freundlichvoll hob er sich und ließ alle Strahlen aus
seinem reinen Innern in mseine des Freundes sehnend suchende Seele fallen und er sein inneres Auge erschloß sich er
erkannte den Kern des Lebensbaumes in der krystallenen Tiefe[.]
Spiegel Töne u Sapphir schwanden aber die Erleuchtung
blieb dem erfreuten gerei Gemüthe und fort wieß führte das Schicksal. Und wie in [sc.: im] Blitzes Nu Nord v. Nord sich trennt
Noch diese Erscheinung nachhängend und so führte das Schicksal
ihm [sc.: ihn] durch Fluren wo höher Bedeutung voll sanfte Blumen die Representanten des
herrl[i]chen Stein[es] schwindende Töne der Äolsharfe Töne ihm die Representanten
jener Harmonien waren damit nach einem ganz nach ent-
gegen gesetzter Seite hin liegenden
ebenso weit von dem Orte
wo ihm die Sage dem kindl[ichen] Gemü[t]he begegnete rein nach der
entgegengesetzten Seite[.] Bald befand er sich in einem wunderschönen Garten in welche[m] die edelste Gestalt mit vertrau[e]nder hand saam[en] streute u
sorgender Hand gewächse pflegte, mit himmlischer Ruhe reichte sie dem
kommenden ihn bittend mit ihr Gärtner zu seyn ein einziges Korn daß er es säe und sein Inner[e]s
Auge erkannte das den Leben[s]baum umschließende Korn, in der
Gestalt seines Lebens hohen Genius und mit kindlichem Gemüthe[.]
Und in demselben Boden an derselben Stelle auf welcher er das theure Korn empf[an]gen vertrauens
grub versenkte säte er es vertrauensvoll das.
Da trat in der edelsten Gestalt ihm seines Lebens hoher Genius
entgegen <ihm> ein unscheinbarer
vertraute er da wo er ihn [sc.: es] empfing das Himmel umschl[i]eßende
Korn der sorgenden N[atur an.]
Als Sonne sendete des Lebens Gen[i]us leuchtend[e] u. wärmende Strahlen,
bald u. fröhlich entkeimten den [sc.: dem] Korn tiefschlagende Wurzel u. grünende Blätter
es wurde versprach ein herrlicher Baum zu werden, Blüthen u. Blüthen /
[32]
trugen trägte [sc.: drängte ?] sich neben schon <eben> erschlossene Blüthe hindurch
selbst des Lebens hohen Genius Freunde <am sich der>
frischen Gewächses daß er seinen Strahlen
wenn der vollendet den <mahlend> leuchtend
u. wärmenden Lauf des Tages wandelt selbst hoher
die edelste Gestalt in dem Garten wandelte sich innig gern Freund
des frischen Gewächses und des Duftes der aufbrechenden
Blüthen <u> des Lebens größte Tie Tiefen verstand der Freund
noch nicht zu deuten und Ir[r]thum und Verwirrung ergriffen
sein inneres wie er sahe daß des Lebens hoher Genius bald als
leuchtende u wärmende Sonne <den hohen Him> bald als sich seines Wortes
selbst freuende Gestalt
ihm erschien, da wurde ergriff schrecklicher Ir[r]thum u. Verwirrung sein Inneres
wandeln sahe. - In dem Baume des Lebens wirkte die in ihm gelegte Hohe
Kraft fort und weit verbreitete er seine Zweige,
Da aber nun
<die weise> Hand
entbehrte welche ruhigen Sinnes u. mit klarer Besonnenh[ei]t die
nur rankenden <nur> Blätter nicht auch Blüthen u. Früchte tr[a]gende Zweige
entfer abhieb da drohte der Blüh tuftende [sc.: duftende] Blüthen u.
erquickende Früchte zu tragende Lebensbaum ein gemeiner
Waldbaum zu werden. Der an sich redliche Sinn des Freundes
bemerkte trauern das Beginnende selbst des lebens Genius
trauerte aber der irre Sinn ließ dem [sc.: den] Freunde ein[e] falsche /
[32R]
Ursache der Erscheinung sehen (ach frefendlich [sc.: freventlich] vermas er sich
daß der Ein) Klarheit u. Besonnenh[ei]t würden ihm bald gez[e]igt
haben, daß nicht abzuhauen habe die falschen tauben aus
wüchse
die köstliche Kraft es sey mit der durch die alles so herrlich
hervorw[ä]chs[t] die Bedingung jener Verwilder[un]g es sey welche jene sondern seine Unthätigk[ei]t
mit welcher er sie nicht als fleißiger Gärtner nach den
<tragenden> Knospen geleitet hatte die jetzt unter frefentlich wuchernd[em] <Baume ersticken>[.] Tuftender [sc.: Duftender] Blüthen u. herr-
licher Früchte würde er sich bald erfreut haben wenn er auch
gege um die thränenden Stellen lindernde Erde hätte
schlagen müssen allein frefendlich vermas er sich daß
der segensreiche Einfluß des als Sonne leuchtenden Genius es sey durch welche[n]
des Lebensbaum[es] so geweckte u genehrte [sc.: genährte] Kraftesfülle
entartete. Und herzlos entrückte er den kräftigen Lebens[-]
baum dem göttlichen mächtigen schaffenden Einfluß der leuchtend wär[m]enden bild entfaltend bilden[den] Sonne u langsam begann sie sich zu <lösen>.
Hoch war die Verwirru[n]g in dem unbewachten
Herzen des Freundes die verwirr[un]g gestiegen
nur Jahre sollten sie wer konnte wissen ob sie sich je entw
Allein
Der Lebensbaum hatte <von> der Sonne hohe Kraft in sich gezogen sie wirkte noch la[n]ge
fort <und> auch bey der geringen Pflege trieb er einige versprechende
Blüthen. Da schlug der Krieg an des einsamen Pforte, Freund
in den Kampf rief es, heraus der Mensch rei[ni]gt im GKampfe
das Gemüthe und er erri[n]gt sich selbst nur der Freye
ist würdig des Lebensbaum [sc.: Lebens Baum] zu pflegen der Kampf gegen
das [sc.: die] äußere Last ist blos die Form des Kampfes gegen seine
innern Mä[n]gel seine eigene Schwäche und er schiet [sc.: schied] mit den zwey deutigen Worten: wer das Leben wegwirft
gewinnt das Leben[.]/
(KN 17)
[2Ra]
Da raf[f]te der Freund sich auf u zog im äußern u innern Krampf [sc.: Kampf]
gegen das Böse u. die Schwäche um sich selbst zu <gewinnen>. Wohl raste hatte der Kampf des
Innern macht die Leidenschaft kehrte nur noch auf einen Augenblick
zurück u[m] gleichsam selbst ihr e[i]genes Begräbnis zu feyern.
Aber der Kampf hatte mehr gethan als das Gemüthe gerei[ni]gt er
hatte es leer gemacht.
Das Gemüth durch den
<Siege> gereinigt glaubend
Freude voll über den errungenen Sieg über den äußern Tod
kehrte der Freund nach sich bald endigendem Kampf
Mit Leid
schien wohl war nun Klarh[ei]t u. Besonnenh[ei]t errungen u nun manche
Leidenschaft .... Mit Redlichk[ei]t nahm
er sich nun der Pflege des Lebensbaumes an, der bisher tief im innersten verwahrt worden war mit Ernst
suchte er prüfend alles was seyn Gedeihen befördern
konnte, aber kaum zeigten sich noch Spuren seiner früher
in ihn belebten Kraft da ruft wieder nichts unauf[-]
haltsam scheint ihr Schwinden Sinken u entliches [sc.: endliches] Schwinden
beschlossen und der Freund fr[a]gt[:] sind diese kärglichen
Blüthen u kaum genießbare[n] Früchte, des Lebens Früchte
da kommt der rauhe Krieg abermals u ruft abermals zum Kampf u
da suchen die zerstreuten Waffengefährtenbrüder sich wieder die
Genossen in Gefährten <Bekämpfer> gleicher Gefahren die Gefährten <Bekämpfer> in gleichen
Beschwerden sich wieder enger als je verbinden sie sich
da stehen sie jeder den forschenden Blick in sich gesenkt
u siehe da erscheint in ihrer Mitte ein zum Spiegel
geschliffener Krystall und hell u klar strahlt aus
demselben jedem das Leben zurück. Der Freund bebt u erblaß[t]
in schrecklicher Leere tritt ihm seyn Inneres entgegen, die Kälte
die in ihm herrscht hat fast alle Säfte seines Lebens[-]
baumes vertrocknet, <wohl hof[f]te er.> Denn der Krieg hat mehr glaubte
das Herz zu reinigen wenn er es leerte
Da /
[2Rb]
nach einer ganz andern Seite hin hatte der redlich strebende Freund sich verirrt
streng gegen sich hatte er mehr gethan als das Gemüth gerei[ni]gt er hatte es geleert
statt sich nur los vom äußern Leben zu machen nur dieses wegzuwerfen u sich das innere
zu pflegen hatte er sein inneres Leben getödtet. Bebend sahe er daß er
indem er sein Herz gegen Irrthum stählen wollte, [sich] dem Wahne geöffnet hatte. dem
Irrthum entfliehend sich dem Wahne hingegeben hatte. und der Spiegel zerfloß in
die Worte: soll Deines Lebens Baum edle Früchte tragen so gieb ihm die Sonne
wieder
, gieb ihn der Sonne zurück die ihn ins Daseyn rufte. Jedes Leben ist nur in dem[,] ist nur durch das, was sein Leben hervorruft[.]
Mit großen Thrän[en] im tränenden Auge sank der Freund mir an die Brust: tief trauernd fragte er[:]
Wende ich des Lebensbaum [sc.: Lebens Baum] der Sonne wieder zu daß ihn der Segnenden Strahlen ihres Anblick ihn treffe
wird sie sich nicht hinter Wolken verbergen Dünste vor sich ziehen daß ihr Strahl ihn nicht treffe[.] Wird dem schmerzlich u. tief gekränkte[n] Lebens Ge-
nius meines Lebens <seinen> sich nicht ferner zürnen nun nicht den vom [sc.: der dem] Irrthum u Wahn gefessel[t]en hingegebene <nun> gleichgültig.
Aber wie leider kann ich dem Freu[n]de darf ihm antworten, wohl aber bricht mir das Herz wenn ich
des Freundes Lage tief schmerzl. empfindend das Herz, denn ich sehe nicht wie ohne den Einfluß seiner Sonne seines Lebens
Baum ohne den belebenden Strahl seiner Sonne lä[n]ger bestehen noch viel we[ni]ger wie er reife edle
Früchte tr[a]gen soll. Von wem anders
als von Ihnen die sie die deren klarer Blick in di[e Tiefen]
die Tiefen der Natur dri[n]gt, die Sie den Menschen u sein Herz kennen kann
ich für meinen Freund ächte u wahre Antwort erhalten. Wolle[n] Sie können Sie mir des Freundes Fr[age] /
[1]
beantworten so thun sie es bal[d] bitte ich Sie sehr darum die Nothwendigkeit li[e]gt klar
vor ihrem Blick wie die Willkühr [sc.: Willkür]. -
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Was könnte ich Ihnen hochverehrte edle Frau nun noch von mir sagen da ich nichts
kenne was mir so wichtig seyn könnte als das Gesammtleben meines Freundes. Doch was
die Zeit gebietet. - Als ein preußischer Staatsbürger bin ich wie jener zur Zeit der Noth Krieger[.]
Ich gehöre als früherer Freywilliger in die schon gerufene erste Klasse des ersten Aufgebotes der Landwehr
da ohne Zahl waffenfähige Junge Männer bisher herbeyströhmten [sc.: herbeiströmten] so [Text bricht ab]