Briefausgabe Friedrich FröbelBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung / Fröbel-Forschungsstelle der Universität Duisburg-Essen

F. an Caroline von Holzhausen in Frankfurt/M. v. 28.5.1815 (Berlin)


F. an Caroline von Holzhausen in Frankfurt/M. v. 28.5.1815 (Berlin)
(BN 492, Bl 33-34, dat. Entwurf 1 B 8° 4 S., tw. ed. H V, 94f.)

Am 28sten May 1815/:.
Wie sich seit meinen letzteren Briefen an Dich meine Einzige
mein inneres Leben immer mehr und mehr und mit immer
fortschreitender Bestimmtheit ausbildete und mir immer klarer wurde, war es mir
fester Vorsatz Dir dieses mein innerstes Seyn und Leben und
meine Liebe zu Dir liebe Seele auch so klar, so lebendig, so
wahr auszusprechen als es vor mir steht und als es die so unvollkommene
Mittheilung in einem Briefe es nur immer erlaubt; und auch dann
noch war dieser Entschluß sehr bestimmt als ich schon
das erste der Bücher, welche in unendlicher Sehnsucht
nach Dir diese Zeilen begleiten, zu lesen begonnen
hatte, so daß ich während dem ich las im Geiste schon viel an Dich
schrieb und zu Dir sprach und Du wie gewöhnlich
jetzt viel von mir zu lesen haben würdest wenn es
durch die Feder <Leben> an Zeichen gebunden worden wäre
,
allein je weiter ich las, desto lebhafter drängte sich
mir der Wunsch die Nothwendigkeit auf, daß dieses einzige den Menschen mit sich selbst aussöhnende Buch auch
[{]von Dir gelesen werden möchte / die Nothwendigkeit daß es von Dir gelesen werden müßt[e][}], und je tiefer ich
die Wemuth empfand meinen Wunsch nicht sogleich
erfüllt zu sehen, und noch weniger das den Menschen sich selbst geläutert wieder gebenden [sc.: gebende] Buch unnenn-
baren Werthes
, mit Dir lesen zu können, desto mehr
wurde jener Vorsatz und Entschluß von den alles
erfüllenden Gedanken: das Buch selbst so schnell
als möglich Dir mit der liebenden Bitte es zu lesen
zu überschicken, verdrängt; und jetzt da ich auch /
[33R]
das zweyte ganz gelesen habe, jetzt sehe ich gar keine
Möglichkeit mehr wie ich mein Innerstes in Deinem Innersten
niederlegen könnte ohne daß auch Du vorher jene
Bücher, ohne daß Du das erste derselben gelesen hättest von
welchem der Verfasser des zweyten zu seiner
Freundin sagt indem er es ihr überschickt sagt:
"Und so lies es denn andächtig dieses ernste,
"würdige und tugendhafte Werk, und alle Götter
"werden mit Dir seyn."
gelesen hättest. Mit Wehmuth erfüllt mich Deine Ab-
wesenheit und schmerzlich empfinde ich das Getrenntseyn
von Dir. Wie weit müssen wir in den nächsten Tagen
und Wochen in unserer Veredlung und in immer steigender
Vollkommenheit vorwärts schreiten wenn mir [sc.: wir] jetzt
ein Gemeinsames Leben führten; doch theure Geliebte
lasse uns nicht nur diese, die Schatten Seite unseres Lebens
anschauen, lasse uns die Gottheit und das Schicksal
preißen und unser Leben ihm für seine Liebe und Güte
daß er uns uns finden ließ, ein ewiger Lobgesang
seyn. Laß uns unser gemeinsames Leben unsern
LebensBaum von nun an mit aller Sorgfalt pflegen, so wird
er uns sicher noch mit duftenden Blüthen und herrlichen
Früchten erfreuen. Lasse uns unser Leben unser innigstes
innerstes Seyn immer mehr und mehr zur klarsten /
[34]
und bewußtvollsten Anschauung bringen. Doch
wie kann ich mir erlauben noch ein anderes Wort als
die Bitte auszusprechen die begleitenden Bücher
als ein liebendes Geschenk (vergönne mir den Gebrauch
dieses Wortes) freundlich und gütig von mir anzu-
nehmen und zu lesen, da diese Bitte alles sagt alles umfaßt
was mein treues tiefes Gemüth Dir zu sagen hat,
Dir sagen möchte.
Aber sey so gut und schreibe mir nur auch bald, recht bald
allein doch nicht früher als Du die Bücher gelesen und wenn Du es für nothwendig finden
solltest wieder gelesen
hast,
schreibe mir einfach und klar, wenn Dir Dein
eigenes Seyn und Wesen selbst ganz klar
geworden ist und in seiner Reinheit und Lebensfrische vor Dir
steht, wie Du zu mir vergönnst Daß ich Dich zu
mir stellen darf
unser ge[e]intes Leben nun wieder in Dir lebt.
Sey nicht böse wenn ich Dir es ausspreche, nicht
als ob ich dadurch etwas erführe was ich nicht
wüßte, denn das Bewußtseyn unserer geeinten
untrennbaren Liebe ruht zu tief in meiner Seele erfüllt zu
lebendig meine Seele Gemüth, aber die Bestätigung die
Sanktionirung Weisung dessen was ich weiß und empfinde sehnt meine
Seele mein Gemüth sich von Dir zu wissen erhalten hören. Meine
Seele dürstet nach der Liebe der Deinigen und
mein Ich verlangt nach seinem liebenden Du. Ich darf /
[34R]
Dir ja doch nichts verhehlen was in meiner <jener> Seele
vorgeht. Hättest Du schon die Bücher gelesen
Wäre ich, wenn Du in dem klaren mit hoher reinigender läuternder Kraft begabten Spiegel Dein
herrliches gemüth[-] u seelen[-]
volles Seyn angeschaut hast bey Dir der, so was, so dünkt mich
wüßte ich wohl worinn Du mir was die Gesammtheit alles
dessen was Deine Seele Dein Gemüth
mir zu sagen hätte geben würdest enthalten um
schließen würde
.
[quer übers Blatt geschrieben:]
Seyn angeschaut hast
Gesamtheit alles dessen was Du mir
zu sagen hät-
test enthalten umschließen würden
Empfindungen klar aussprichst
Wenn Du Deine Empfindung klar
aussprichst will auch ich Dir sagen welches mich jenes
alles umschließende Eine zu seyn dünkt. Ob ich nun
gleich weiß daß wenn Du mir es Du mit diesem
Brief auch die Bücher
erhältst die Dir mein unser innerstes Seyn so lebendig vorführen so möchte ich Dir doch noch recht viel sagen, doch
wie könnte ich alles niederschreiben was ich Dir sagen müß[te]
da ich Dir alles wiederholen nun <im>
in
höhern reinern
geläuterten Sinnes wiederholen
sagen u. wiedersagen möchte was meine Liebe Dir je
ausgesprochen hat; ist noch nicht alles von Dir ver-
gessen so wiederhole es Dir während des Lesens, Du weißt daß ich
wenn auch mir wen[i]ger als jetzt klar doch immer rein
in mir stand, und kann denn der wahrhaft liebende, und
ich liebte ja so wahr wie ich jetzt noch treu liebe, kann
er je anders als rein in sich stehen? und Du weißt ja auch daß
Du Geliebte Einzige mir immer in jungfräulicher Reine vor mir
stan[de]st, und kann die Geliebte die Gattin, die Mutter
je aufhören, reine Jungfrau zu seyn. Der bräutl. Kranz winde

[weiter auf 33V:]
[33V]
sich blos aus den Locken damit seine Unvergängl.keit <sicher> ge-
sichert bleibe. Ich darf da Du so lange gegen mich schwiegst <noch>

mehr sagen: antworte mir so wie es Dein Dir zum klaren Anschauen gekomm[n]es Seyn gebietet.
[wieder 34R:]
[34R]
Das Leben vernichtet sich wird oft selbst genug von andern vernichtet daher müssen wir uns wohl hüten selbst unser eigenes zu zerstöhren vielmehr ist es heilige Pflicht
[weiter auf 33R:]
[33R]
sich wieder ze[i]gende Lebensfunken mit Sorgfalt zu pflegen.
[wieder 34R:]
[34R]
Ich habe im Buche nichts angestrichen, da ich in jedem Worte zu Dir rede und
um den eindruck desselben nicht zu bestimmen; obgleich so vieles gewesen wäre[,]
[weiter auf 33V:]
[33V]
was <ich> aus meinem Herzen Dir ganz besonders freudig entgegnen könnte