Briefausgabe Friedrich FröbelBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung / Fröbel-Forschungsstelle der Universität Duisburg-Essen

F. an Susanne von Heyden in Frankfurt/M. v. 3.6.1815 (Berlin)


F. an Susanne von Heyden in Frankfurt/M. v. 3.6.1815 (Berlin)
(2 Entwürfe in BN 479, der 1. dat., beide ohne Adressatangabe, tw. sich ergänzend, tw. übereinstimmend, 1.Entwurf eher Briefanfang, 2. Entwurf eher Mittelteil und Schluß; 1. dat.Entwurf BN 479, Bl 6-7, 1 B 8° 3 S., 2. Entwurf BN 479, Bl 8-11, 2 B 8° 6 S., Text des 2. Entwurfs ed. H V, 90-92. Adressat in Anlehnung an Hoffmann; der vorletzte Absatz auf 11R könnte auch an Caroline v.Holzhausen gerichtet sein.

a) 1. Entwurf

Am 3en Juny 1815/.:.
Vergeben Sie edle Frau, daß Sie schon wieder ein Brief,
von mir und wie Sie sehen sich Ihnen sogl[eich] <ausspricht> abermals mit einer Bitte vor Sie tritt erhalten
Edle Frau
Ich hatte Es lag Schon glaubte ich mich so glückl[ich] einen Brief für Sie bereit zu besitzen; da indem ich ihn aber jetzt werde
im Augenblick des Abse, da
wo ich ihn absenden will
wieder durchsehe und Sie auf meine Seele in die Tiefe und Umfassend[-]
heit Ihres Seyns u Strebens lebhaft in meine Seele <abschatten> vor Augen schwebt
finde ich ihn für Sie nicht Gehaltvoll genug und seine Bestimmung für vortreffl[iche] Best[immun]g. Er schien
zu <er...> mir dafür wirklich offener redlicher u Ihnen Edle
hochverehrte Fr[au] würdiger wenn ich ihn <verwünschte>
und Ihnen meine Unvollkommenheit u Schwäche Ungelehrtheit offen
gestände als Ihnen zumuthen zu wollen, Ihre se die stets von
Ihnen stets mir fruchtbar angewendete Zeit auf einen nur wenig
sagenden Brief zu [ver]wenden. Leider ist mir aber jetzt die
Zeit des Posten Abgang schon so nahe vor der Thür, daß
ich es mir nicht dir mögl[ich] ist jenen den <verwünschten> Brief durch einen
gehaltvolleren zu ersetzen da und mein innerstes treibt mich wieder doch <unterließ>
antreibt, von dem neuen Schwung meiner werden
Gang u Fortschritte der neu begonnenen Entwicklung den meines Wesens
freudig mitzutheilen, denn wie konnte dieses bleibende
u <ewige> aus derselben für mich hervorgehen wenn
ich nicht mein ganzes Seyn in das belebende Gemüth
der Freundin niederlegte.
Vergeben Sie mir also daß ich Sie schon wieder
bitte das Beykommende der Freundin einzuhändigen, und
daß dieser Brief nur diese Bitte enthält[.]
Wohl liegt das Leben groß u herrlich u lebendig /
[6R]
vor mir u ich schaue eine befriedigende u erhebende
Übereinstimmung durch das All
von der Wirkung der einfachsten Kräfte an
bis zu der allumfassenden Thätigkeit des
menschl[ichen] Geistes u eine überall verbreitete
<Gleu ... keit>
allein das große Ganze
ist noch seinen Theilen nach noch nicht so in meiner
Gewalt liegt noch nicht so klar vor meinem Blick
daß ich mich schriftlich schon brieflich darüber mittheilen könnte
u ich fühle jetzt tief was ich entbehre daß ich nicht
ihre bildende Unterhaltung genieße. Verzeihen Sie
mir daß ich es Ihnen ausspreche ich möchte jetzt
viel, recht viel mit Ihnen reden, ich fühle es
ich würde jedesmal erleuchteter u klarer
u wärmer für das hohe Naturleben von
Ihnen gehen u manche fröhliche Blüthe würde ihr
Wort hervorrufen u sie zur Frucht reifen.
Ich würde Ihnen zeigen wie sich aus nach einem einfachen
Gesetze immer größere Mannichfaltigkeit entfaltet
ich würde ihnen zeigen wie selbst die Formen
u Gestalten in innerer Verwandtschaft stehen
u Sie sinn[en]volle edle Frau würden mir die hohe
Bedeutsamkeit das <innerste> Leben aller der Über[-]
einstimmungen die ich sahe u Ihnen nachweiß[e,]
deuten, doch allein die der Schriftlichen Mittheilung dazu
bin ich noch nicht gewachsen.
Doch ich kenne ein Mittel u[m] bald dahin zu
gelangen erlauben Sie mir daß ich es Ihnen mittheile Sie
da um Ihre Beyhülfe zu seiner Erreichung bitten darf[.] /
[7]
Erlauben Sie mir daß ich es Ihnen offen gestehe
es liegt mir ungemein viel daran mich mit Ihnen
über das <dieses Schaffen> höchste Edle zu besprechen, deßhalb
bitte ich Sie mir auf alle solche After Halbbriefe
wie auch dieser wieder einer ist gar nicht
zu antworten: ich werde [mir] diese Antwort
von ihnen wünschen und so werde [ich] mich zusammen nehmen
das was zwar lebendig in mir liegt auch
durch Schrift briefl[ich] klar zu äußern mir u Ihnen aus mit
spre zu theilen[.] Bis dahin lassen Sie also nur
immer meinen Wunsch so lebhaft er <ja> seyn
mag unbefriedigt.
Denn auch läßt sich über solche Brief[e] die nur halb sind läßt sich
auch
[nur] etwas halbes sagen dieß kann Ihnen
nicht anders als sehr < ? > ich suche lebhaft
dieses Begonnene Erlauben Sie mir wenigstens so viel Recht das <Bewußtseyn>
Sie jenes < ? > was Ihnen zu < ? > /
[7R]
[leer]

b) 2. Entwurf

[8]
Wo wahres Leben beginnt u thätig frey wird da wirkt es
fast sichtbar u entwickelt sich augenscheinl[ich], so
wird die eben beginnende Pflanze in jeder Frühlings[-]
nacht größer[.]
Daß in der gesamten Natur von der Wirkung der einfachsten Kräfte an bis
zu der allumfassenden Thätigkeit des menschl[ichen] Geistes eine durchgreifende Einheit
und Gleichgesetzigkeit herrscht {beweist / zeigt} uns
lohnend jede Aufmerksamkeit auf die Erscheinungen Natur der Natur
u des höheren geistigen Lebens
und das Vergleichen beyder. Wir würden
auf jeden Fall noch weit sprechendere Beweise
dafür erhalten wir würden jede Übereinstimmung
jenen Einklang noch mehr klarer und bestimmter
anschauen wenn unsere Kenntniß des Einzelnen
nach beyden Seiten nach der Seite der einfachen
Kraftäußerung u nach der Seite des hohen
Geistigen Lebens hin größer und erfassender
wäre (so kann ich mir den Raum als solchen
nicht ohne die in durch den Grundkräfte[n] bewirkten liegenden Eigen[-]
schaften, und die Geistesthätigkeit Ursache der
Geistesthätigkeit nicht ohne die Umschließung
der Eigenschaften beyder denken) die Natur
würde uns in <ihrer> Erscheinung als ein Stätiges, von Bildung des Sand-
korns bis zu der Thätigkeit
eines Keppler welche die Welt neu erschafft /
[8R]
in seiner progressiven steigernden Fortschreitung klar
und anschaulig vor uns liegen. Doch jener Mangel an tiefer
und erfassender Kenntniß des Einzelnen
nach beyden Seiten hin ist es eben was der
Mittheilung unserer unmittelbaren geistes an[-]
schauung, so viel unbestimmtes, Willkührliches
und für den andern so viel oberflächliches Gieb[t].
Die Vergleichung des Lebens des Menschen mit
einer Pflanze, die vergleichung der Seele mit
Magneten sind etwas gewöhnliches fast
triviales daß der Mensch von Bildung sich
ihres ferner[en] Gebrauches fast schämt und
doch dünken sie mir <nebst> mehrern andern Beyspielen
die vielleicht noch besser Stimmen in der Wüsten
die <mir / nur> ein erfassendes Gemüthe suchen um
ihr Triviales zu verlieren, dieses Triviale
scheint mir in der Oberflächlichkeit der Ver-
gleichung der Untersuchung, darinne zu liegen
daß sie nur beym äußern stehen bleibt[,]
sie würde schwinden se vor
tiefer gegriffener analogie schwinden[.]
Doch wohin verirre u wie weit entferne ich
mich vom Ziele, wie kann ich Ihnen etwas aus[-]
sprechen was selbst in den Unterhaltung[en] mit
ihnen [sc.: Ihnen] seine Fundamente erhalten hat.
Ich will es Ihnen edle verehrte Frau
nur offen gestehen ich wollte mich bey Ihnen /
[9]
wegen der so schnellen Folge eines
zweyten Briefes bey entschuldigen[.]
Diese hat nun ihren Grund in der schnellen Entwickl[ung]
meines neu begonnenen Lebens und es konnte
nicht anders seyn es mußten sich bei meiner
Ansicht der Natur u des Lebens mannigfache
Analogien zeigen u welche ist wohl erhebender
u anziehender als die in jeder Frühlingsnacht
fast augenscheinl[ich] größer werdernde und in steigender Mannich[-]
faltigkeit sich entwickelnde junge
Pflanze? Aber nicht blos diese äußere Ähnlichk[eit]
war es die mir jene Analogie so lieb machte
es war die ruhige innere Bestimmtheit der
Entwicklung das hohe Vertrauen derselben das
Vollkommen gesamt Naturleben, wo alles
da ist was zu <seiner / schöner> Entwicklung da seyn muß u da ist wenn
es da seyn muß: der sanfte Regen im Frühling
die Keime u Knospen hervorzulocken, die
kühlenden Nächte des Lebens das Gebildete zu stärken
gegen die Einwirkung des spätern Lebens u die brennende
die Früchte läuternde <nähren[de] / väterliche> <Strahlen / Strahlung> der Sonne im Sommer
und nächst diesem Vertrauen auf mütterlich den sorgende[n] Natur den sorgenden Weltgeist gestärkt durch
dasselbe in allseitigkeit nur das allerfassende Streben nur
zu leben nur zu entfalten u [zu] entwickeln
was sich eben entfalten u entwickeln läßt
und vertrauensvoll alles andere von /
[9R]
der Mütterlich sorgenden Natur zu erwarten.
So trat das Niedergeschriebene in mir her[-]
vor und wagte sich Ihnen mitzutheilen Verzeihung
dafür von Ihnen. Allein wie sich die Pflanze
froh u frey entfaltet u ihr Inneres äußerlich
u sein Geheimstes dem Geweihten u reinen
Auge darlegt, so will auch ich Ihnen <nur / nun>
frey offen gestehen, daß ich wohl wünschte
mit Ihnen recht edle sinnvolle Frau recht in deren
geheime Natur tiefe[m] Gemüthe sich das geheime
Natur leben so klar wiederspiegelt recht
viele Berührungs Punkte zu haben, was mir
jetzt noch dunkel ist würde mir lichte werden,
machen Sie mir es recht fühlbar was ich durch den
Mangel an jenen gemeinschaftl[ichen] Erkennungs[-]
Punkten verliehre, damit ich mit Ernst
u Eifer strebe meine Unvollkommenheit zu
überwinden und ich nicht mehr genöthigt bin endlich aufhöre
Ihnen so ungenügende Briefe als es diese[r]
wieder ist zu schreiben. Vergeben Sie mir
daß ich es Ihnen ausspreche, ich möchte
viel, recht viel mit Ihnen reden, o ich fühle
ich würde jedesmal erleuchteter u klarer
u wärmer für das hohe Naturleben
von Ihnen gehen,
u manche fröhliche Blüthe u reife Frucht würde es reif[en] würde ihr Wort <hervorlocken>,
allein darüber zu schreiben - nein das /
[10]
fühle ich dazu bin ich noch gar zu unvoll[-]
kommen und wäre ich nicht vom Ihrem auch das
[{]geringste / kleinste[}] Gute gern u willig pflegenden Sinn
lebendig durchdrungen wie dürfte u könnte
ich es wagen Ihnen einen Brief wie diesen zu senden
doch nur noch etwas haben Sie Gedult edle
verehrte Frau u entziehen Sie mir Ihre
bilden veredelnden Theilnahme nicht.
Daß ich Sie schon wieder bitte das
Beykommende der Freundin einzuhändigen hat
eben seinen Grund in dem jetzigen Gang meiner
Entwicklung, denn wo könnte etwas bleibend[es]
u ewiges aus derselben für mich hervorgehen
wenn ich nicht mein ganzes Seyn in dem
Busen der belebenden Gemüthe der
Freundin niederlegte? -
*
Jetzt da ich das Niedergeschriebene wieder
durchgehe sehe ich daß ich eine der wesentlichsten
Analogien die sich mir in meinem letzten Leben
aufdrängte, und die ich Ihnen mitzutheilen mein
Vorsatz war, vergessen habe es ist die
Analogie der Geisteskraft mit der der Elektrizität
<Schon / Sehr> Seit meinem Abgang von F. langem begann ein prozeß u
fortschreitender Druck in meinem Innern; seine /
[10R/11V]
[leer] /
[11R]
Mitte hatte er wie ich schon sagte erreicht als ich meine Rückkehr [nach]
F traf hören Sie nun wie er sich in
seiner höchsten Steigerung äußerte[.]
=
NB an die Freundin zu schreiben ob nicht unmittel[-]
bare u so oft als mögl[ich] mittelbare freye
Mittheilung mögl[ich] ist, weil jenes die Mittheilung verspätet, hindert
indem ich da wenn
ich ihr schreibe nicht zugl[eich] auch gestimmt bin
der Freundin Freundin zu schreiben. Ist dieß <nicht>
mögl[ich] so will ich offen mich der Freundin den
natürl[ichen] u direkten Grund sagen wenn Sie [sc: sie] Briefe
und <unter> Ihrer [sc: ihrer] an Dich Anschrift ohne zugl[eich] Briefe
für sich zu enthalten [sc: erhalten] von mir bekom[m]t.
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An die Freundin Hdn [sc: Heyden / Händen ?] [:] Der Mensch soll
inneres Streben des Vollkommenste[n]
in und für jedes Verhältniß dazustellen
u dies sich über die äußere Leistung <zeigen>
so wünschte ich daß ein großes Hinderniß
verschwände <das> Ihnen zugl[eich] theils zu einfach
bestimmt durch Vorurtheil
wenn ich der Freundin schriebe[.]