Briefausgabe Friedrich FröbelBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung / Fröbel-Forschungsstelle der Universität Duisburg-Essen

F. an Caroline von Holzhausen in Frankfurt/M. v. 24.7.1815 (Berlin)


F. an Caroline von Holzhausen in Frankfurt/M. v. 24.7.1815 (Berlin)
(BN 492, Bl 39-44, Reinschrift 2 B + ½ Bl 8° 9 S., tw. ed. H V, 100-103; zit. Halfter 1931, 448f.)

Am 24sten July 1815/.·.


Edle Frau;

Seyn Sie ja nicht böse auf mich schon wieder einen Brief
von mir zu erhalten und ahnden Sie, ich bitte, in dem[-]
selben nichts, was stöhrend in Ihr pflichtgeweihtes
Leben eingreifen könnte; denn nichts entdecke ich
in meiner Seele, was zu einem von beyden den
Keim in sich trüge. Wohl könnte Ihnen das aber-
malige Erscheinen eines Briefes von mir, unan-
genehm seyn, nun dann, vernichten Sie ihn schnell,
denn nur durch Sie hat er ja Daseyn, und wenn
Sie es wünschen, ist er nicht mehr.-
Der Mann theilt so gern dem huldvoll theilneh-
menden Gemüthe sein ganzes, sein innerstes Le-
ben mit und Ihre Güte erlaubt mir ja, in dem
Ihrigen ein solches zu erkennen; welcher Wunsch
nun kann lebhafter in mir seyn, als daß der
äußere Raum mein innerstes Streben und Leben
Ihnen nicht entfremden möge. Da ich die Freude
habe es Ihnen als freudig willige und empfindend
pflegende Mittlerin des hohen allwaltenden Ge-
schickes zu verdanken, so deutete ich, im Gefühle /
[39R]
jener Freude, jenes Leben in dem Letzteren Briefe
Ihnen schon an. Doch der Mann vermag wohl
kaum, kann wohl nicht eher gestaltend und
gestaltet außer sich, sich, sein Innerstes hinstellen.
Die ihn umgebenden Freunde ahnden den Stand-
punkt seines innern Stehens aus den Wesen die
den Freund aus der Mit- oder Vorwelt als unzer-
trennte Gesellschaft begleiten: aus den Büchern,
(den Geistes[-] und Seelengemälden jener) die seine
Lieblinge sind.- Und kann er durch Mittheilung
dieser nicht auch so den entfernten theuersten
Freunden mittelbar mittheilen, was ihm unmit-
telbar versagt ist?-
Deßhalb nehmen Sie, huldvolle edle Frau, die
Bitte des diesen Brief begleitenden Buches: es
ein Ihriges seyn zu lassen und ihm einige der
Muße zu schenken auf die vielleicht das thätige
Leben nicht Anspruch macht, mit Güte auf. Es
wird dadurch der schönste meiner Wünsche: daß
mein Innerstes sich Ihnen nicht entfremde er-
füllt werden; weil dieses Buch es ist, in dem
mein Innerstes seine höchste Befriedigung sein höch- /
[40]
stes Ziel findet, und es ist daher, ich könnte, ich möchte
sagen in ebem diesem Exemplare, was ich jüngst
freudig unter die auserwählten Lieblinge meiner
Bücher aufgenommen habe.
Und somit bleibt mir auch über mein Leben
nichts mehr zu sagen übrig, denn im Äußern ist
es noch ganz das ihnen schon bekannte.
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Etwas später. Von meinem äußern Leben muß ich
Ihnen doch mittheilen, daß mich Sr Majestät der
König mittelst Kabinets Ordre im vorigen Monat
zum Lieutenant allergnädigst zu ernennen geruht
und daß mein Loos ich dem 1sten neumärkischen
Landwehr-Infanterie Regimente, welches jetzt mit
zur Besatzung des Großherzogthums Posen gehört,
zugetheilt bin.-
Dieß ist nun zwar alles wahr; ja ich kann noch sagen
daß meine militärischen Herrn Obern mich sehr
fest halten und mir meinen Rücktritt ins Civil,
(wie sie sagen) aus welchen Verhältnissen ich aber
noch gar nicht ausgetreten bin, bis jetzt durchaus
nicht erlauben wollen; aber dennoch ist es eigent-
lich kindische Eitelkeit daß ich es Ihnen ausspreche
weil ich keinen weitern Eingriff dieser militärischen /
[40R]
Befö[r]derung in mein äußeres Leben einsehe, denn
ich habe keinen Grund zu glauben, daß dieses mi-
litärische Verhältniß für mich noch lange bin-
dende Kraft behalten wird, weil der Minister
des Innern mich dagegen angewiesen hat in
meiner Stelle zu verbleiben und zu erwarten
ist, daß der König jene Verfügung auf die gemachte Vorstellung bestätigen
und mich in meinem Civilwir-
ken lassen wird.
Wie alles dieß gekommen?-
Sie erinnern sich vielleicht, daß ich diesen jetzigen
Waffenkampf ungemein gern wieder mitgekämpft
hätte, deßhalb war ich unter allen meinen Freunden
Bekannten der erste, der sich nach einer uns
einschließenden Aufforderung des Königs wieder
freywillig meldete. Nach der eben gedachten Ver-
fügung des Ministers hielt ich es für unwürdig
mich von der Liste der Freywilligen ausstreichen
zu lassen, so kam ich ohne nochmali[gen] vorhergegange-
nen namentlichen Aufruf - (welches sonst nicht der Fall
war) im Vorschlag und unerwartet erhielt ich
Ernennung und Bestimmung[.]
Dieser noch nicht beendigte kleine Zwischenakt
in meinem Leben hat für mich in meinem innersten /
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Seyn tiefe Gründe, die aufzusuchen und zu ver-
folgen wohl lehrreich wäre, wozu aber hier
der Ort nicht ist. Ihnen, die Sie das Innere des
Menschen so klar anschauen, so wahr erkennen,
werden sich gewiß einige lebhaft hervorheben,
besonders wenn ich Ihnen sage wie äußerst leb-
haft das, namentlich ein in Preußen damit ver-
bundenes Äußere auf mich jetzt noch einwirkt.
Ja was sagen Sie dazu, wie erklären Sie es,
daß es mir selbst jetzt lebhafte Freude macht,
Ihnen, vor deren läuterndem Blick doch alles
Äußere so ganz in seine Nichtigkeit zerfällt,-
mein Stehen in diesem Zwischenakte mitzutheilen?
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Wie unergründlich ist der Mensch und welche
Tiefen ohne Maaß sind in seinem Innersten.
That, Thun ist des Mannes Leben, alles muß
wirkend aus ihm heraustreten, sich ihm gegen-
über stellen. Abspiegeln muß er sein Seyn; aus[-]
sprechen, niederlegen muß er es im Gemüthe
seines bessern Selbst; damit er es desto klarer
und wahrer erkenne, damit aus durch klarem
Bewußtwerden ihm Sühne komme. Jetzt da ich
mich noch in lebhafter Freude über jenen errung-
enen äußern Schein äußere, jetzt in diesem Au- /
[41R]
genblick möchte ich sagen, fühle ich auch, daß in
dieser Hinsicht Einheit und Harmonie mein Inner-
stes erfüllt. Ich empfinde jetzt eine feste Ruhe, eine
Sicherheit meiner Selbst in mir, die mir so noch
vor Minuten fremd war, wo jene kindische
Knabenfreude über das erhaltene Äußere
noch mein Inneres zu bewegen im Stande war.
Ich empfinde es lebhaft es hat sich etwas in mir
ausgeglichen es hat sich gleichsam etwas meinen
innern Frieden noch trüben könnendes irdische
niedergeschlagen und heiter ist die Seele wie der
Himmel nach einem in den ersten Frühlingstagen
leicht gefallenen Schnee.
Dieser Brief bezeichnet einen bestimmten Abschnitt
in meiner jetzigen größern Lebensepoche. Es
war schlechterdings nöthig, daß ich in dieser
Schwäche, dieser Äußerlichkeit außer mir
heraustreten sie gleichsam veräußern, mich
ihrer entäußern mußte. Diese Nothwendig[-]
keit dünkt mich, liegt absolut in dem Wesen
des Mannes begründet. Und wo kann er
alles dieß ohne Mißverstehen zu fürchten zu
müssen und schädliche Wirkung sicherer und
vertrauens voller nieder legen als in dem alles
Widersprechende ausgleichenden Gemüthe der ihm /
[42]
vom ewigen Schicksale gegebenen, geheiligten Mitt-
lerin zwischen Gott und Natur.
Zwischen diesem eben Niedergeschriebenen und dem
Vorhergehenden, schrieb ich für diesen Brief Nachstehendes
auf ein Blatt; jetzt würde und könnte ich es nicht
mehr aus mir niederschreiben; allein ich theile es
Ihnen gleichsam historisch mit zum Beweis des im
Obigen gesagten. So giebt es Handlungen im Leben
des Mannes welche, mit der Schnelle eines electrischen
Schlages erscheinen und schwinden und aus welchen
er wie aus einem läuternden Feuer gereinigter
hervortritt <  ?  innersten Natur und Wesen>
<erkannt>[.]
Schon ehe ich dieses und diesen Brief niederschrieb,
seit mehrerer Zeit schon ist es mir klares Bewußt[-]
seyn und feste Überzeugung: daß alle Fehler
(man nenne sie nun nach ihren Graden Schwächen
oder Laster) in ihrer innersten Natur und Wesen
erkannt und mit klarem Bewußtseyn angeschaut,
ihren tiefsten Ursachen und Quellen nach die direktesten /
[42R]
Hervorbringer des Guten und Edlen sind. Daß sie
als böse und schlecht erscheinen liegt bloß darinne
daß wir ihre eigentlichen Quellen ihre innerste Na-
tur nicht erkennen, nicht zu erkennen suchen, sobald
wir diese gefunden haben nehmen sie eine ganz neue
Gestalt an und dienen freudig in Anerkennung
unserer Geistesherrschaft zu dem edelsten Zwecke
zur Offenbarung der tiefsten Geheimnisse unserer
Seele. So sind Haß, Neid, Eifersucht, Eitelkeit
die ihrem äußern Erscheinen nach mit Recht das
genannt werden was sie dieser genommenen
Richtung nach mir doch recht erkannt und mit
Klarheit in allen ihren Wirkungen durchschaut d.h.
ihren innersten Quellen und ersten Ursachen nach
die kräftigsten und unermüthdlichsten, die treuesten
und redlichsten Diener zur Erreichung einer
so selten von uns errungen werdenden Vollkommen-
heit.
Eben dieses ist mir von der physischen Seite des
Menschen klar und wahr.
Hierinne liegen die Fundamente der Behandlung
und Erziehung des Jünglings, der Jungfrau.
Dieser Brief ist ein reines und frisches Gewächs
des Augenblicks; unberechnet und vorsatzlos
zeigt er Ihnen zu meiner Freude in der Verbindung /
[43]
seiner zwey Theile mein innerstes Leben in seinen
zwey Seiten.
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Nun leben Sie recht wohl verehrungswürdige
edle Frau: Seyn Sie fest versichert, daß ich Ihr
Schweigen ehre und ferner ehren werde, ohne Miß[-]
muth und unedle Ungeduld werde ich ruhig der
Zeit warten, wo es Fo[r]derung Ihres Innern ist,
mein Leben durch Erscheinen eines lieben Briefes
von Ihnen zu verschönen und immer größere Sicherheit
und Freudigkeit zu geben.
Grüßen Sie alle Ihre Lieben und Theuren herzlich
von mir. Wo sind jetzt Ihre im Felde stehenden
Söhne und wie geht es selbigen? Auch sie bitte
ich herzlich zu grüßen.
Adolphen dem lieben danke ich freundlich für
seinen Brief, so bald ich kann erhält er meine Ant-
wort.
Möchte dieser Brief in seinem innersten Wesen
Ihnen nur der Ausdruck meiner innigsten und
wandellosen Verehrung seyn.-
August Fröbel. /
[43R/44V]
[leer]