Briefausgabe Friedrich FröbelBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung / Fröbel-Forschungsstelle der Universität Duisburg-Essen

F. an Caroline von Holzhausen in Frankfurt/M. v. 19./20.8.1816 (Berlin)


F. an Caroline von Holzhausen in Frankfurt/M. v. 19./20.8.1816 (Berlin)
(BN 277, Bl 147-149, dat. Entwurf 1 B 4° 4 ½ S, tw. ed. H V, 107-110. Der Text argumentiert ab 147R Mitte nur noch philosophisch, führt aber dann abstrakt 148R unten zu C.v.H. zurück und endet 149V Mitte. Die folgende Nachschrift „NB“ auf Bl 149V Mitte –150V Mitte bezieht sich auf C. v. Holzhausens Sohn Carl v.H. bzw. F.s pädagogisches Verhältnis zu seinem Schüler Carl v. H. Der mit „8. Septbr 1816“ datierte Text Bl 150V Mitte-150R unten gehört nicht mehr zum Briefentwurf an Caroline v. H. Sofern dieser Entwurf überhaupt als Reinschrift abgeschickt wurde, könnte dieß wohl nur für den persönlich an Caroline v.H. gerichteten Textteil 147V-147R Mitte gelten.)

Am 19n August an Sie. – Sie haben <mir> bisher mit unaussprechl[icher] Schonung und Geduld E mit mir gehabt
Sie haben mich in der Unvollkommenheit des Werdens ertragen. Gott lohn’s Ihnen.
Ich freue mich (daß ich) deutlich klar weiß u lebendig empfinde klar zu wissen u lebendig zu empfinden} daß [sc.: das] ich von meinem
künftigen Leben eben so gut sagen kann daß es nur die Darstellung dieses Dankes
zum Gegenstand habe, so wie in ihm jede einzelne meiner Pflichten ihre Er[-]
füllung erhalten wird, denn ich kenne nur ein Leben, nur etwas was Leben
heißt: seine Pflicht zu erfüllen[.]
Freundin! Stoßen Sie sich nicht durch meine Worte mein[e] Form[;] mein Geist denkt,
mein Gemüth empfindet wie das Ihre, gleich dem Ihren, aber die Form in der
das Männliche Denken das männliche Empfinden heraustritt ist schlechthin eine
andere als die des Weiblichen. Sehen Sie ab von der Form und meine
Gedanken meine Empfindungen werden Ihnen in den herrlichen Gestalten Ihres Gemüths
entgegen treten. Es ist meiner Natur gemäß absolut mein g[an]zen [sc.: ganzes] Wesen
sonst würde ich aufhören zu seyn, zuwieder seyn, wenn eins der heiligsten Ge-
fühle, ein[e] der tiefsten Rührungen d[urc]h ein bestimmtes Wort hörbar wird – denn ich
hasse die jetzige Bedeutung und Begriffe die man unsern das höchste u heilgste bezeichnenden
Worten jetzt in der jetzigen Zeit unterlegt und weil m[an] sie
fast gar nicht aussprechen kann ohne zu fürchten daß der Hörende entweder
glaubt, daß der sprechende sich etwas eben so oberflächliches dabey denke
oder daß der Hörende selbst einen unerfassenden [sc.: unfaßlichen] Geistes Sinn[-] u Begriffs[-]
bedeutung mit dem Worte verbinde, deßhalb hasse ich jene Art zu reden
wie Sünde u Tod aber mein Streben ist keine Handlung zu thun, welche
sich nicht mit klarem Bewußtseyn und lebendiger Empfindung auf das höchste
u heiligste beziehe in ihm sein Ziel seinen Ruhepunkt habe, und so <wenn>
es auch bisher geschehen haben mag – was wohl natürl[ich] war da ich
daß [sc.: das] was mir das einzig höchste war gern mit Dornen u Rauheit
umgab damit mir niemand die noch zarte Pflanze
des Glaubens der Liebe, des kindl[ichen] Vertrauens zu X in ihrem Wachs[-]
thum in ihrem Erstarken stöhre. Ja für mich selbst
spreche ich das Höchste wenn es in meinen Betrachtungen
Gegenst[an]d des Betrachtens wird und ich nicht in ihm aufgehen kann
nur symbolisch d[urc]h Zeichen d[urc]h algebraisch Mathematische Zeichen aus
dieß aber meine Sprache über die Äußerungsweise des Mannes. Würden
wir zusammen leben, so würde für Sie jener Widerspruch schwinden
denn in dem lebendigen Handeln würde Ihnen der /
[147R]
der lebendige Geist entgegen treten. Doch was ich von mir sagte
galt auch von Ihnen. Ich war über viele Ihrer Äußerungen unzufrieden
warum? – weil Sie sie d[urc]h unser getrenntes Verhältniß aus[-]
sprechen mußten. Anders g[an]z anders würden Ihr Wahres Ihr
Empfinden hervorgetreten seyn hätten wir zusammen gelebt.
Anders empfindet sich die Wahrheit u tritt in der lebendigen That
heraus anders g[an]z anders in dem beschränkenden Worte. Ich ver[-]
kannte Sie oder richtiger erfassender ich erkannte Sie bisher nicht
ich mißkannte Sie, es lag d[urc]h den Nebel u die Trübe in meiner
Seele d[urc]h die noch nicht vollendete Läuterung meiner Seele auch
ein Schleier vor meinen Augen.
Alles was ich von je her Gutes that mein Handeln gegen Sie u ihre [sc.: Ihre] Kinder hatte
seinen Gr[un]d in jenen Ruhen im Unaussprechlichen. Würde ich haben thun, d[urc]hführen
können, was ich that u durchführte hätte ich nicht mit mein[em] g[an]zen Seyn u Leben im Ewigen geruht?

Am 20 August 16[.] Das Weib steht in dem Leben (Schmerz) der Mann
steht auf über dem Leben (Druck)
Das aus sich aus ihrem S, ihrem Seyn heraustretende Weib daß [sc.: das] in ihr S
in ihr Seyn fremdes, fremdartiges äußeres einwirken lassende Weib, empfin[-]
det Schmerz
der nicht aus sich, nicht aus seinem (innersten) S, seinem (innersten) Seyn, heraustretende herauswirkende Mann,
(also damit er dieß Aus sich kann, auf in sich ruhende Mann [)] der auf sein S, gegen
wider sein S, auf und gegen, wider sein Seyn fremdes, fremdartiges, Äußeres entgegen[-] einwirken
lassende Mann empfindet Druck trägt Druck; der Mann der irgend etwas Äußerem, irgend etwas was außer
ihm ist eine Übermacht, Übergewicht, Übergewalt über sein Innerstes zuläßt
einräumt, einzudrängen erlaubt, empfindet Druck; Nur der immer allseitig stetig aus sich herauswirkende
dem äußern stetig u ruhig entgegen wirkende Mann empfindet keinen Druck, er ist frey [;]
das Weib, daß [sc.: das] irgend etwas Äußerem, irgend etwas was außer ihr ist ein Eingreifen
ein Eindringen in ihr Innerstes zuläßt, ein Durchdringen desselben von etwas
fremden erlaubt, gestattet, empfindet Schmerz. Nur das immer in ihrer inner[-]
sten Tiefe in ihrem innersten Gemüthe Ruhende, lebende Weib empfindet keinen
Schmerz
, sie ist frey; der Mann stellt außer sich dar, schafft; das Weib gestaltet
bildet in sich sie stellt ihr Leben dar [;] dem Äußern stets in jedem Augenblick entgegen zu wirken zu können nach /
[148]
den Forderungen seines Innersten seines S (dem Sohne x) ist die Freyh[ei]t das Freysein
des Mannes und erfüllt er seine Bestimmung er wird der Schutz, des im
Innersten Heiligthum lebenden zarteren Weibes. Das Weib ist ein Nichts ein
- heißt: sie ist Nichts Äußeres*
*
deßhalb ist sie schön (der Mann dagegen ist wahr wahr ist aber das – Schöne
u schön ist das – Wahre. An sich sind sie nur 2 Seiten des Einen des Absoluten
Seyn, Lebens des Guten ist [sc. in] seiner höchsten seiner Gr[un]d[-] seiner Ur-bedeutung. Gott nur ist gut.*
ihre Bestimmung ist die Pflege u Bildung des Innern
nicht in das rauhe harte Äußere Leben was des Mannes Theil ist
soll sie heraus treten. Nur Inneres u äußeres Geeint machen daher nur ein Ganzes
*Innerstes u Äußeres wahrhaft u innig geeint bilden ein ächtes ein
produktives G[an]ze (jedes ist also jedes Ganze als solches produktiv ist jedes
Ganze als solches ein Gegensätze Einendes?) – bilden wahre Ehe [;]
das einzeln stehende Weib, das verlassene Weib senkt sich in Gott
der einzeln stehende Mann, der verlassene Mann nimmt Gott in seinem Innern auf [*]
Das des Äußeren des Mannes des Schutzes entbehrende Weib empfindet Schmerz
denn ihr Innerstes ist dem Äußeren Preiß gegeben, alles darf kann in dasselbe
eingreifen. Ihr Loos ist Schmerz [.]
Der des Innern des Weibes des Lebens der Kraft entbehrende Mann erträgt
von allen Seiten Druck denn sein Äußeres hat keinen Beziehungs- keinen Ruhe- keinen
Stützungs- keinen ächten MittelPunkt, gegen alle Seiten
hin zeigt er wegen der nicht absoluten Mitte seines Wesens, Schwächen
Blösen. Sein Loos ist Kampf Druck.
Das Weib giebt Achtung Vertrauen u empfängt Liebe[,]
der Mann giebt Liebe u empfängt Achtung (Vertrauen)[.]
Das Weib sucht achtend, fordert achtend vertrauend einen liebend[en] Mann, einen Mann
der liebend jene Achtung immer mehr befriedige immer mehr bestätige
ihr immer mehr entspreche [.]
Der Mann sucht liebend, fordert liebt ein achtend ein vertrauend[es]
Weib, er sucht ein Weib daß [sc.: das] achtend jener Liebe immer mehr
entspreche. /
[148R]
Das einzeln stehende Weib schützt sich d[urc]h hält sich an das Göttliche der Natur
dieses Weib findet sieht sich, steht in der göttlichen Natur; der jener Mann nimmt
die göttliche Natur in sich auf.
Das von dem Manne geliebte Weib von welchem er aber getrennt leben muß in
diesem dieses Leben in Gott einzuführen, in das Göttliche der Natur, in die göttliche
Natur einzuführen, ist jenes Mannes, ist also auch meine Pflicht. Nicht mich
der ich ihr nichts gar nichts seyn kann soll ich ihr geben, sondern das Leben
in Gott in der Natur. Sie handelte also g[an]z recht u wahr und gut ihr[e] Sehnsucht
war erstl[ich] I das [sc.: daß] mein Leben mein Handeln die Achtung bestätigen möchte die mir ihr
Innerstes so gerne giebt, ihr Innerstes welches eigentl[ich] nur in dem Be[-]
wußtseyn in dem Gefühl der Gegründetheit dieser Achtung leben mag; - dann II in mein[em]
Leben, in mich [sc.. mir] in mein[em] Solle[n] das Ewige Unaussprechliche ein[-]
zuführen, mich (III) von der Göttlichkeit der Natur d[urc]hdringen zu machen
(Vergleiche deren Briefe vom 17 August 1814. – 18 Juny 15 – 16 Febr
16.) Durch mein Leben, in meinem Leben wünscht sie nun zu sehen
aus meinem Leben wünscht sie, daß ihr sich ihr die Erfüllung ihres Strebens
ihres Wunsches sich Ihr [sc.: ihr] ausspreche Ihr [sc.: ihr] entgegentrete in demselben sich Ihr [sc.: ihr] darstelle
daß dieß sey, sey also meine einzige höchste
Sorge.
Die hier oben erwähnte I, II, III ist die schon, auf so mancherley
Wegen, zu so vielerley Zeiten, in so mancherley Form gefundene
3 bedeutungsvolle 3: Gott – Mensch – Natur. Hierher gehört
das 1809 geschriebene Stammbuchblatt (Bibel); das Gespräch mit Midd.[endorff] u
Langeth[al] an 3 Aug 1816. (der jetzt als Christ Geborne hat diese 3); das
Gespräch mit Midd [endorff] im Thiergarten über die Erkenntniß unseres
Seyns u Gottes: Symbol des Dreyecks [Zeichnung Dreieck: Ich-Außenwelt-X]
der Mensch kann also in Bezug auf sich u Andere Nichts Anderes
thun als für das lebendige lau[t]ere Erkennen, für das lebendige Leben
in dieser Drey wirken. Meine Pflicht gegen Sie [sc.: sie], gegen
ihre Kinder – gegen allen die Meinen – gegen mich u alle /
[149]
Menschen. Summun [sc.: summum] meiner Pflicht = 3 = [Zeichnung Dreieck]
Also Einheit – Dreyheit – Zweyheit !!! –
Kein Reden, kein Sagen, kein Sprechen nur Leben und Thun ist das, Alles
im Leben, alles Gethanene, Aussöhnende, Versöhnende, Aus-
gleichende. (Dieß besonders Niedergeschrieben 1) in Bezug auf Carl
nach Ihrem [sc.: ihrem] Briefe vom 17n August 14 2) in Bezug auf Sie [sc.: sie] nach
Ihrem [sc.: ihrem] Briefe v. 18 Juny 15 u 16 Febr: 16. 3) in Bezug auf das jetzige
Stehen meiner Anverwandten zu mir. Sie liebten mich alle
innigst, ihre Sehnsucht ist mich in meinem Leben Thun, nach meinem Leben Tun
als Folge meines Lebens, Thun nun auch eben so sehr
achten zu können. That, That gleicht alles aus, versöhnt alles!
That, That ist des Mannes großes Wort.