Briefausgabe Friedrich FröbelBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung / Fröbel-Forschungsstelle der Universität Duisburg-Essen

F. an Caroline von Holzhausen in Frankfurt/M v. <?> 12.1816 (Griesheim)


F. an Caroline von Holzhausen in Frankfurt/M v. <?> 12.1816 (Griesheim)
(BN 492, 56R-56V, 57R-58R, undat. Entwurf/Fragment 1 B+1 Bl 4° 5 S. auf Brief des Stiefbruders Carl Popo F. und seiner Frau Sophie an Christoph F. in Griesheim v. 24.12.1809; ed. H V, 138-140 mit Auslassungen und Lesefehlern. Datierung: Hoffmann/H V datiert „Dezember 1816“.)

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”Der Himmel gab mir ungeteuschte” (nicht teuschende) [”]Ruhe des Geistes und (unver[-]
gänglichen) Frieden des Gemüthes, ich gedenke Ihrer Aller in Liebe wie
ich wünsche und hoffe, daß sämtlich sie meiner gedenken.” Diese Worte
Ihres herzlichen in mir erfüllten Wunsches umfassen, sie streng und in ihrer Tiefe
erwogen alles was ich Ihnen von mir sagen kann.
Auch dieser Ihr W herzlicher Wunsch wurde mir, wie alle die Guten Wünsche
Ihrer Güte u Huld – o lassen Sie sich dieselbe nimmer u nimmer reuen
denn aus dem Saamen den diese beyden Herrlichen Schwestern ausstreuen entkeimt ewig zu
seiner Zeit der Menschheit Gutes, der Menschheit Wohl – in seiner ganzen Tiefe erfüllt.
Möge die einfache Erzählung
meines jetzigen Lebens und Wirkens
Ihnen zur Erklärung und Beleg des Gesagten dienen. Sie wissen g. Fr daß mein
Osteroder Bruder Fabrikant u als solcher Geschäftsmann ist. Diese seine häuslichen Verhältniße erlauben
ihm nun nicht für seine Knaben seine Wünsche für die Erziehung seiner
Knaben zu realisiren verwirklichen deßhalb eben so wenig sind ihm die örtl Verhält[nisse]
dazu günstig. Ich habe <-> ihm in seiner l Stube in bey meiner jetzigen Anwesenheit, u daher als ein[en] Theil meines innersten Planes zur
Überlegung nach der Lage d Plans vorgelegt: mir seine beyden
<8 ½ 6>jährigen Knaben zur gemeinschaftlichen Erziehung u Pflege mit den
beyden fast gleichaltrigen Knaben meines seel. Bruders anzu[-]
vertrauen. Ich wußte ehe ich von Berlin abging u ehe ich meine Stelle
daselbst niederlegte, daß er es thun würde
u er that es mich unter allen meinen Lebenden
Brüdern auch u die Beweggründe meines Handelns am besten kennend wenig[-]
stens am richtigsten ahnend. Entschluß
und Ausführung waren feyerlichst eins. Denn
freytags wurde die gemeinschaftl Reise besti ich zum
künftigen Pfleger dieser Knaben bestimmt u
am Mittwoch empfing ich saßen wir schon auf der Post. Die Knaben ertrugen die wirklich beschwerli[che ] Reise
bey welcher wir 2 [Nächte] nicht auf der Post zubringen konnten wie
ächte Männer und so gut, daß wir den letzten Theil derselben von
Arnstadt hieher – 3 Stunden – so gar zu Fuß machten, und Sonnab. /
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den 4ten Tag in ungestöhrter Gesundheit u Fröhlichkeit hier ankamen un[d] sogl in meiner nunmehrigen Wohnung
abstiegen eingetreten [sind]. Seit dieser Zeit den 16 hat [bin ich] nun auch außer mir mein selbstständiges Wirken begonnen
Pflegevater von gedachten 4 fast gleichaltrigen Knaben zwischen 6 ½ u 9 ½ Jahren[.]
Mit den beyden [Knaben] meines Osteroder Bruders lebebe [sc.: lebe] ich ganz zusa[mmen] in meiner heitern
reinlichen u geräumlichen Wohnung die mir eine gute biedere Försters Wittwe in ihrem angenehm
liegenden freundl[ichen] Hause
eingeräumt hat und bilde
mit denselben jene Knaben
mein eigenes kleines Haus[-]
wesen; die Frau Förster
gegen noch nicht bestimmte <->
war so gütig mir das
Besorgen meiner Stuben
u meines Tisches zu
übernehmen. Während
des Tages sind die Knaben meines seel.[igen]
Bruders größtentheils bey mir
nur, essen u wohnen sie jetzt noch bey ihrer Mutter[.]
Ich bin also fast dem ganzen Tag von 4 Muttern [sc.: muntern] ja wenn sie [sc.: Sie] wollen : zum Theil wilden aber dennoch lieben <bereiten> Knaben umgeben
deren leben u Äußerung ich schon Stunden hoher Freude danke.
Seit den 3en Tag nach unsrer Ankunft begann nach u nach unser Unterricht u es bildet sich derselbe immer mehr zu einem lebendigen
u nach u nach organischen Ganzen.
Mit dem Tage unsers Eintritts in hiesigen Ort, tratt auch sogl der strengste Winter in voller Strenge ein
dennoch machte die liebliche Lage des Ortes in dem freundl Thal u die <frische> angenehme [Lage] meiner Wohnung <sie bestät> ein[en] so angenehme lebhaften /
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Eindruck auf meine Knaben, daß sie dieselbe laut bprießen; doch ich will ja
das äußere meiner Lage nicht hervorheben es ist ja nur die schöne Zugabe; aber
wie kann man Äußeres u Inneres trennen wie innig sind sie vereint. Das
beste u wichtigste ist, die Knaben sind gern bey mir und es gefällt Ihnen [sc.: ihnen]
nirgends so wohl als bey mir u [sind] wie sie davon mit Recht sagen in unserer Wohnung – zu Hause[.] Außer den beiden Knaben istmeines seel. Bruders ist bey der
Mutter noch eine Tochter meine Pathe ein Gutartiges Mädchen zwisch[en] 13 u 14 Jahren
zu Hause – die kommt, da ich jetzt noch den [Tag] über zu sehr mit den Knaben beschäf[tig]t
bin, des Abends zu mir wo ich jetzt den Sprachunterricht mit ihr begonnen habe. Ohnge[-]
achtet ich nicht sagen könnte, daß meine nähere oder fernere Umgebung mich in mein[em]
Wirken verstehe – was zu verlangen ich mich auch freylich gerne bescheide, [-] so
bin ich doch so glücklich daß ich mit allen mich ach zufrieden lebe, ja, sie bereiten sich
sämtl mir liebe u Achtung und unterstützende Theilnahme zu bezeigen; und der lohnen[d]ste Schlüssel dieser <festigsten> Gesinnungen ist diese Unterstützung
nicht zu fordern sie nicht zu bedürfen und so lebe ich, für mich nichts bedürfend
niemanden zur Last fallend
. Da ich diese thätig unterstützende Theilnahme für als
sie nie fordernd nie auf sie Rechnung machend, snie sie in meinen Lebens[-]
Plan der nur in mir seine Haltung aufnehmend und – nur als schöne Lebens-
zugabe betrachte u so Niemand eben so wenig durch Forderung als durch That
zur Last fallend, so lebe und wirke ich, wie der Mann leben u wirken soll
wie zu leben u wirken mein ganzes Leben hind[urc]h Mein Streben war[.]
Wie freue ich mich daß ich Ihnen dieses Wie nicht durch Worte auszusprechen
brauche, denn die Zeit des Widerspruchs zwischen meinem innern
u äußern Leben ist ja nun entschwunden. Die Morgenröthe eines neuen
Lebens ist ja angebrochen, doch nichts als Thatsachen soll u sollte dieser
u alle meine b. Brief enthalten aber ist dieß denn nicht auch Thatsache?
Ist es nicht nun Erklärung dessen was meine Ihnen unverständlichen
Briefe ahnend aus
das Verhältniß dieses meines Briefes zu den frühern
Ihnen unverständl[ichen] zu bestimmen überlasse ich Ihnen gerne, so wie /
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jetzt nur mein Streben ist, daß ”mein inneres Leben”
sich nur aus u d[urc]h mein ”äußeres Thun” ausspreche und jenes <nur> durch dieses
erkannt u „verständlich“ werde welches bisher wohl den meisten schwer
und in der allerletzten Zeit nur der einer kleinsten Zahl innig geeinter mir verbundener Menschen die sich selbst vertrauend zum Gegenstand meines Thuns u Wirkens wieder gemacht hatten in der Ahndung mögl[ich] wurde[.]
Sie sprachen mir, den mich hocherfreuenden Wunsch aus, daß Sie auch bald
gerne [mich] in den Gründen mein[es] Handelns erkennen mögten; Sie erlauben mir
Ihnen möglichst bald schreiben zu dürfen wie ich lebe u welchen Lebensplan
ich weiter habe. Möge dieser Brief von allen diesen einiges darreichen
und wenigstens das Bild des Friedens in dem u mit welchem ich lebe , lebendig
Ihnen vor die Seele führen. Ich habe Man hat mir oft im Leben gehört gesagt daß [sc.: das] Nie[-]
dergeschriebene sey besser u schöner als das Leben selbst; dieß kann ich nun gar
nicht finden, daß [sc.: das] was und wie ich mir auch vorsetze Ihnen manche einzelne /
[58R]
Begegniß aus mein[em] je[t]zigen Leben mitzutheilen, so finde ich doch gar bald, daß
jede Mittheilung weil sie doch [vor] dem Gefühl meines Herzens
der Freude meines Gemüthes zurück bleibt, daß ich gerne willig den Vor[-]
satz einzelnes heraus zu heben [verwirkliche.]
Sie haben mir gütigst erlaubt Ihnen bmöglichst bald wieder schreiben zu dürfen
gerne hätte ich von dieser Erlaubniß noch früher gebrauch Ge-
macht, doch ich gehöre nicht mir; aber erlauben Sie mir nun auch
noch Sie um eine baldige Erwiederung dieses Briefes bitten zu dürfen u er-
füllen Sie mir
gewähren Sie dieser nun liebl duftenden Blum an
dem
meines frohen fröhlichen Lebenskranz[es] seyende Bitte Erfüllung[.]
Irre ich nicht so habe ich Ihnen schon einmal die Bemerkung ausgesprochen
daß es mir fast unmögl[ich] scheint einen Brief an Sie zu schicken schreiben
der nicht auch eine Bitte enthielt[.] Auch dieser ist ein Beleg dazu. Seit
langer Zeit habe ich wiederum die Unterrichtsgegenst[än]de in Bezug auf
ihre Absolutheit in mir durchgearbeitet, da habe ich denn von allen we[-]
sentlichen Seiten her gefunden, daß <von andern an> der Sprachunterricht den ich besonders Ihren
jüngern Kindern gab den seiner Natur nach wichtigsten Weg betreten hat[.]
Unter meinen Papieren findet er sich nun nicht so ins einzelne ausgeführt als
ich ihn namentl[ich] mit Ihrer lieben Sophie d[urc]h gegangen bin. Es würde mir
nun ein großes Geschenk seyn wen[n] diese so gut wäre, und mir ihre mit mir gefertigte
Sprachhefte, wenn sie dieselben des Aufhebens werth geachtet haben
sollte auf einige Zeit liehe; mit dem größten Dank
der Sprache würde sie solche von mir zurück
erhalten. Eben so wünschte ich gerne die Sprachhefte von Adolph
u g[an]z besonders das Schweizer Neujahrsheft zu haben welches die erste Abtheilung [bricht ab]