Briefausgabe Friedrich FröbelBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung / Fröbel-Forschungsstelle der Universität Duisburg-Essen

F. an Caroline von Holzhausen in Frankfurt am Main v. <Ende./26.>12.1816 (Griesheim)


F. an Caroline von Holzhausen in Frankfurt am Main v. <Ende./26.>12.1816 (Griesheim)
(BN 492, Bl 10, Reinschriftfragment 1 Bl 8° 2 S. Anfang fehlt, ed. H V, 145-147. – Datierung: 1816 u. damit Absendeort lt. H V, wegen Konsequenzen aus Tod in der Familie F.s (Christoph, gestorben 1814) plausibel, aber nicht zwingend)

liebendes Verbundenseyn mit Dir und - der Gottheit, dem
Urquell unseres Geistes unserer Seelen, dem Urgeiste;
aber
Du bist ein freyes Wesen wie der Urgeist von dem Du aus[-]
gingst, nichts kettet, nichts bindet Dich als Deine Liebe, Dein
Wille.-
Es ist merkwürdig: ich wollte Dir, mir ewig theure Seele, noch
so viel recht viel über das verflossene Jahr, und über unsere
Begegnisse in demselben sagen, besonders über das letztere
auch so unerwartete Eingreifen des Todes in Deine V Familien
Verhältniße, ein Eingriff des Todes der so höchst folgen-
reich für Dich und Deinen Kreis seyn muß als der Eingriff
des Todes unter meine[n] Verwandte[n] für mich war. /:ver-
zeihe mir ich suche so gern und finde so gern Ähnlichkeiten in
den Begegnißen unseres Leben[s] damit jeder auch kleine
so wie jeder größere und größte Vorfall uns immer inniger
und fester verbinde:/ Über alles dieß, über das felsenfeste
Vertrauen daß alles im alten Jahre unter Schmerzen und
Trauer Begonnene sicher und gewiß sich als Mittel und
Weg zur Erringung unserer Vollkommenheit und Bestimmung
entwickeln werde - wollte ich zu Dir sprechen, und jetzt
ist es mir als hätte ich alles mit einemmale in jenen
3 bedeutungsvollen Worten ausgesprochen! und was ließe
sich auch noch hinzufügen daß [sc.: das] nicht schon in demselben [sc.: denselben] läge?-
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Am zweiten Weihnachtsfeyertage. Das verflossene Jahr liegt vor
uns, nur noch wenige Tage und es ist ganz abgelaufen allein
es liegt so verschleiert vor uns wie ein neues.- Alles begonnene
im Laufe des verflossenen Jahres begonnene liegt mit seinen Folgen
noch hinter einer dunkeln Nacht verhüllt. Ich bin doch ich selbst
und habe mich selbst und frage ich mich am Schluße dieses Jahres
was ich im Laufe desselben geworden und was ich eigentlich
nun jetzt bin - so weiß ich nichts zu antworten, nichts zu sagen.
Es ist wahr ich habe mich bestrebt an meiner Ausbildung
an meiner Erkenntniß und Bereicherung meines Wissens zu arbeiten
aber was ich erreicht, errungen und erstrebt habe, davon weiß
ich auch rein gar noch nichts; späteres Handeln muß dieß zeigen
aber dieß liegt noch in der Hand der Zukunft.- Unser Wesen
(das Deine und meine) liegt wie ein unendliches Ganze[s] vor mir /
[10R]
ich ahnde die bestimmte Gesetzlichkeit seiner Entwicklung
aber ich erkenne f erst bloß die einfachsten Elemente derselben.
Ich bilde, ich arbeite wenigstens mich für einen der Natur
des Menschen würdigen Zweck auf dieser Erde auszubilden
aber ich ahnde nicht einmal noch weniger kenne ich die
bestimmte Form in der er sich aussprechen wird. So wie
das meine ist Dein Leben Deine Zukunft dunkel verschleiert;
aber dennoch herrscht Friede des Himmels (:wenn nicht meine
Trägheit mich mit mir selbst unzufrieden macht:) in meinem
Innern und felsenfestes froh <vertrauender Glaube / vertrauendes Glaube[n]>
ja ich kann sagen klarstes vollkommenes Bewußtseyn und
Überzeugung, daß der Urquell unseres Lebens wenn
wir nur redlich fortkämpfen sicher und gewiß alles
zum Besten hinausführen wird, erfüllt ohne Schwanken
meine Seele.-
Ja ich darf doch nicht ungerecht gegen das verfloßene Jahr
seyn diese Überzeugung dieses Bewußtseyn das unerschütterliche, verdanke ich ihm doch: - daß absolut alles was uns begeg-
net, und um so mehr je aufmerksamer wir auf uns selbst
sind, uns früher oder später sicher ein Mittel zur Er-
reichung unseres Zieles: Vollendung < ? > wird Erringung
unserer göttlichen Natur - wird. Und mit dieser
Überzeugung gehe ich ruhig und standhaft dem dunkeln
Schicksal entgegen. Das Traurige fordert das Freudige, das Böse
das Gute wie Roth das grüne fordert u. bedingt.
In dem letzten Viertel dieses Jahres hat mein Schicksal seine
Dunkelheit mir im Gewandt der Treue noch besonders mit
folgenden Worten ausgesprochen.
"Auch der klügste Sterbliche geht der Zukunft mit verbunde-
"nen Augen entgegen, er zählet und prüfet jeden Zeit
"Schritt und doch kennt er sein Verhängniß nicht eher
"als bis es ihn ergreift."- [Text bricht ab]