Briefausgabe Friedrich FröbelBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung / Fröbel-Forschungsstelle der Universität Duisburg-Essen

F. an Heinrich Langethal in Berlin v. 27.1./29.1./30.1.1817 (Griesheim)


F. an Heinrich Langethal in Berlin v. 27.1./29.1./30.1.1817 (Griesheim)
(KN 19,1 Brieforiginal 7 B 8°+1 Zettel 30 S., ed. KG 1883, 28-29, 37-41; zit. Klostermann 1927, 39. 119; zit. Halfter 1931, 483-486; tw. ed. H V, 149-156; jeweils dat. "27.1.". Datierung.: Der 27.1.1817 war ein Montag, lt. 10R beginnt F. den Brief aber Sonntagnacht und fährt Mittwochnacht fort. Vermutlich schreibt F. zunächst in der Nacht v. 26.1. auf den 27.1. und dat. am Anfang "27.1.", da er den Brief erst am Montag abschicken kann. Dann wäre die Fortsetzung analog in der Nacht vom 29.1. [Mittwoch] auf den 30.1. geschrieben.)

Griesheim den 27sten Jenner 1817.
Ich habe keine Gründe Deine, mir in Deinem
gestern erhaltenen Brief lieber Langethal
mitgetheilten Vorsätze und Entschlüsse zu
mißbilligen, vielmehr finde ich sie als ganz
natürlich nach einfachen Naturgesetzen be-
dingt; und somit wäre denn eigentlich
Dein ganzer Brief nach allen seinen Theilen
beantwortet und mir bliebe, dieß Aus-
gesprochene, Stelle für Stelle auf Deinen
Brief angewandt nichts mehr zu sagen
übrig. Doch da wir in der großen Kunst:
in jedem Ganzen jeden seiner Theile, und
in jedem Theile das Ganze zu schauen
noch nicht sehr geübt sind, so möge nach-
folgendes erläuternd und ausführend
stehen; und zwar nach Maaßgabe Dei-
nes Briefes zuerst in Bezug auf Dei-
nen Bruder. Deinem Wunsche: denselben
meinem Kreise einzuverleiben, zu /
[1R]
widerstreben habe ich keinen Grund, viel-
mehr erfülle ich ihn gerne, da es wohl
möglich wäre, daß derselbe diesem
angehöre. Du hättest Dich deßhalb, auch
wenn es nicht so gekommen wäre, daß
die Frau Bendemann die Dir selbst gemachte[n]
ökonomische[n] Sorgen abgenommen hätte
nur immer ganz offen und zutrauend
an mich wenden können. Mittags und
Abends sind wir zwar bis jetzt nur zu
drey zu Tisch, doch bleibt da immer so
viel übrig, daß wohl noch ein vierter
seinen Hunger stillen kann; es würde
sich also wohl auch die Befriedigung seiner
äußern Bedürfnisse, und diese um so
mehr gefunden haben, als sich wahre innre
Bedürfnisse entwickelt [hätten], und das ernste
Streben sie zu erf befriedigen zur That ge-
worden wäre. Doch wie es nun so ge-
worden ist auch gut, weil es so ist. Was /
[2]
nun aber beso die Dir von der Fr: Bendem:
angebotene Unterstützung als Wohlthat
betrachtet, besonders betrif[f]t, so ist man
bey dergleichen jeder Verlegenheit, so ist
man für immer jedes Druckes derselben
und wenn man sie wieder verliehren
sollte jedes Schmerzes des Verlustes über[-]
hoben, so bald man nur die wahre An-
sicht dieser Unterstützung, dieser Wohltha-
ten klar hat, diese nämlich, daß sie
nicht uns, um unsert willen, sondern
uns nur um des Allgemeinen willen
gegeben werden, daß sie uns nicht um
unsert willen, sondern uns nur um
des willen gegeben werden, weil jene
wir ein Theil des Ganzen, des Allgemeinen
sind, und weil sie (jene Unterstützungen
jene Wohlthaten) durch uns hindurch
hindurch in das Ganze, in das Allgemeine
einfließen, wir erhalten Remissen
und Spesen (oder wie es der Kaufmann /
[2R]
sonst nennt), und Durchgangs Zoll und
dießes alles um so reichlicher je prompte-
re und sichere Spediteur[e] wir sind, aber
die Güter gehören uns nicht. Die Quelle aus
welcher diese Andeutungen hervorgegangen
sind ist es einzig aus welcher dem Men-
schen in allen Lagen seines Lebens Zufrieden-
heit quillt.-
Wie viel klingende Kosten mir die Erhaltung
eines Knabens in Essen, Wohnung und
Wäsche verursacht, davon nachher wenn
ich Emils und Gottliebs gedenke.
Jetzt im Verfolge Deines Briefes zu Dir[.]
Aber was kann ich hier in Bezug auf
Dich etwas anderes, nur in größeren
(oder kleinerem) Maaßstabe aussprechen,
als was ich schon in Rücksicht auf Deinen
Bruder aussprach?- Wirklich, durch[-]
denke ich was ich sagte recht, so bleibt
mir nichts mehr zu sagen übrig, und
so sey es im Wesentlichen; nur zwey /
[3]
Punkte will ich herausheben. Du sagst
"Gelegenheit für die nöthige Ausübung
"meiner Kräfte, wirst Du mir wo[h]l
"geben können.["]
Arbeit und Thun d.i[.] möglichst allseitiger
Gebrauch und Anwendung unserer Kraft
und größt möglichst reiche Gestaltungen
(Produktionen) derselben ist der sichtbare
Grundstein meines Handelns. Wer
in meinen Kreis tritt verpflichtet sich
stillschweigend dazu. Diese Pflicht ist aber
nichts ander[e]s als sein Wille, denn nur
in dem Maße als er dieß sein eigenes
Wollen erfüllt, wird er seinen Zweck
warum er in diesen Kreis trat erfüllen.
Jedes Glied dieses Kreises giebt nach
Maaßgabe seiner Kraft und dem
Grade der Ausgebildetheit derselben
den andern Gliedern: damit auch es
empfange und nehme. Nehmen und
Geben ist der sichtbare Ausdruck alles
ächten Lebens, besser schlechthin alles Leben[s.] /
[3R]
Sollte Dir Dein Vater kein Bett verschaffen
können, nun so würde sich ja wohl für
einen alten freywilligen Krieger ein Lager
finden; ob ich gleich selbst kein eigen Bette
besitze so sollst Du doch so lange als ich
auf einem Bette schlafe, das gleiche thun.
Nun zu Emil und Gottlieb. Im Ganzen
habe ich auch hier gar keinen Grund
Deinen Wünschen zu entgegen zu seyn.
Zwar ist es wahr: Emil erscheint mir
als ein schon ziemlich überbildeter Knabe
und Inneres und Äußeres erscheint mir,
durch die frühere Oberflächen Bildung
so mit Zurücklassung einer harten alles
abglitschen machenden Rinde so ziemlich abgeglät-
tet zu seyn, und es mag
viele Zeit kosten, ehe das einfache
Kind, der natürliche Knabe sich wie-
der hervorbildet und es fragt sich so-
gar ob dieß wieder ganz möglich /
[4]
werden wird; doch ist dieß alles und
das daraus folgende, nicht im min-
desten ein Grund Deinem Wunsche ent-
gegen zu seyn. Mancher herrliche kräf-
tige und thatenvolle Mann hat sich, als
ihm Gelegenheit dazu gegeben wurde
aus einem sehr verbildeten Knaben
empor gearbeitet; was giebt uns ein
Recht dieses nicht von jedem Knaben und
somit auch von Deinem Emil zu hoffen[.]
Ich will also gern die Hand zu dem
reichen was das Schicksal über die fer-
nere Ausbildung desselben beschlossen
hat.
Gottlieb?- Dessen erinnere ich mich wirk-
lich persönlich nicht, doch was ich von Dir,
von dessen Mutter weiß, dieß muß
nich [sc.: mich] bey Weitem mehr zu- als abge-
neigt machen Deinen Wunsch zu erfüllen.
Der schwarz äugige, schwarzhaarige
Knabe, nicht wahr, dieser ist es[,] nicht?- 
[4R]
Dieser Knabe hat mir immer sehr gefallen[.]
Warum gedenkst Du dieses Knaben nicht?
- Ich könnte jetzt schon dieses Warum
beantworten, doch will ich es erst von
Dir ausgesprochen hören, um desto
bestimmter antworten zu können.
Jetzt noch die Beantwortung der Frage
"Würden die Eltern stark genug
"seyn diesen Gedanken zu ertragen
"und was noch mehr ist - ausführen
"zu können ?["]-
In Bezug auf den Vater sage ich ja,
wenn die Mutter will, und in Hin-
sicht der Mutter sage ich, daß ich bis
jetzt noch alle, sich auf einen gewissen
und bestimmten Grad der Selbständig-
keit erhoben habenden Frauen, (wohin
ich auch die Fr: Bendemann u Frau
Friedländer rechnen zu dürfen glaube),
für alles ächte Gute nicht nur mit
Willenskraft ausgerüstet gefunden /
[5]
sondern in ihnen auch das ernste, sichere
unverwandte Streben gefunden habe,
für die Darstellung, für die Erreichung
für die Ausführung dieses Guten selbst
mit persönlichen Aufopferungen zu thun.
Ich habe daher die feste Überzeugung daß
die Eltern Deiner Knaben den von Dir
ausgesprochenen Gedanken nicht nur er-
tragen, ja daß sie für dessen Ausführung
wirken können. Nur mußt Du nicht schon
sogleich bey den hingeworfenen Gedanken
Entscheidung noch weniger Beistimmung
fordern; man muß gewissen Menschen
und gewissen Gemüthern erst eine ge-
wisse oft lange Zeit - ja mit Vermei-
dung alles erzwingen wollenden und hin[-]
ein stürmenden Betragens - lassen, ehe
sie einen bestimmten Gedanken ertragen,
ehe sie ihn bleibend in sich aufnehmen, und
mehr ehe sie selbst für dessen Darstellung
wirken. Widerspruch muß uns in solchen /
[5R]
Fällen nicht zur heftigen Opposition ver[-]
leiten; ja ein gewisser Widerspruch ist oft
weit besser als augenblickliches Bey-
stimmen; denn der Widersprechende kann in
sich schon dafür gestimmt seyn und will
nun auch wissen ob der andere auch wirk-
lich die Sache in seiner ihrer ganzen Wichtig-
keit in sich aufgenommen habe. In diesen
Falle müssen wir es aussprechen daß
uns der Widerspruch willkommen sey,
daß der Widersprechende nur dadurch
noch an Achtung bey uns gewönne u.s.w.
Diese Andeutungen werden Dir gewiß
Fingerzeige seyn. Nur in keiner Sache
etwas erstürmt sondern der Zeit ihre
Rechte gelassen; der tief wurzelnde
Baum steht fester im Sturm als der
schnell um sich wuchernde.
Zuletzt noch eine Frage in Bezug die
Erörterung einer Frage Deines Briefes,
sie heißt daselbst in Bezug auf Deinen /
[6]
Bruder:
"Wie viel das Leben eines Knaben in
meinem Kreise jährlich kosten könnte ?["]
Noch ist mir in dieser Hinsicht gar nichts
mit Bestimmtheit zu sagen möglich, mein
Vorsatz ist es diese Ausgaben so klein
als möglich zu machen; nach einem
nur ganz allgemeinen Überschlag
hoffe ich daß die jährliche Ausgabe auf
einen Knaben für Wohnung, Tisch
und Wäsche
nicht über fünf und siebenzig
Thaler betragen wird. Verbürgen
kann ich jedoch schlechterdings nichts,
doch wird mein Streben seyn, die Summe
so klein als möglich zu machen. In Hin-
sicht der Kleidung ist mein Vorsatz uns,
außer der Zweckmäßigkeit möglichst
einfach und wohlfeil zu kleiden, ob
nun diese, die Kleidung mit eingerechnet
die jährliche Ausgabe für einen
Knaben 75 rth oder einhundert Taler /
[6R]
betragen wird, dieß kann ich nicht be-
stimmtheit [sc.: mit Bestimmtheit] sagen, denn die genannten Summen
sind nur nach einem ganz allgemeinen
Überschlag angenommen; aber das kann
ich mit Bestimmtheit aussprechen:
Einmal, daß es mir ernstestes Streben
ist, die Unterhaltskosten für Wohnung
Tisch, Wäsche, Kleidung
möglichst gering
zu machen; dann
Zweytens, daß für den Unterricht und die
Erziehung, so weit als ersterer von mir
und den Meinigen, meinen den mir Angehörigen
gegeben, wird - (und mein Streben ist
daß zu seiner Zeit aller Unterricht so
wie auch jetzt schon von mir und den
mir Angehörigen gegeben werde) [-] schlech-
terdings nie Bezahlung genommen, son-
dern daß alle Pflege aller Unterricht alle Erziehung unent-
geltlich
gegeben wird. Die größere
oder geringere Wohlhabenheit der Eltern /
[7]
macht keinen Unterschied; dagegen
werden die Knaben, nach, in sich so un[-]
erschütterlich festen Gründen gepflegt, erzogen
und unterricht[et], daß weder in Hinsicht
der Wahl, noch in Hinsicht der Folge, noch
in Hinsicht der Zeitenwahl, von der Will-
kühr und dem Willen oder Wunsche eines
Einzelnen oder aller Theilnehmenden zu-
sammen, eine Änderung vorgenommen
werden kann. Alles was Erziehung
und Unterricht bestimmt betrif[f]t wird nur
einzig und aus schließend durch mich
bestimmt und geschieht alles unter meiner
bestimmten Leitung, da wo ich nicht selbst
persönlich unmittelbar wirken kann.
Wer daher nicht volles, unbeschränk-
tes Zutrauen zu mir hat, wer nicht
überzeugt ist, daß ich die Kinder nach
der in der jetzigen Zeit möglichst
besten Art und Weise behande für /
[7R]
Ausbildung durch Pflege Erziehung und Un-
terricht behandle, dessen Kinder
kann ich nicht in meinem Kreise
aufnehmen, dessen Kinder kann ich
demselben nicht einverleiben.
"Beschränktes kann nur beschränktes
wirken" dieß sprach ich schon
vor 10 Jahren in dieser Beziehung
aus, und das Nachdenken und die Er-
fahrung - das Leben während dieser
und seit dieser Zeit bestätigt es nur
immer mehr. In dieser Beziehung aus
dieser diesem Grunde sprach ich Dir
schon in einem der früheren Briefe aus,
daß ich nur die Kinder derer die
mich lieben und die mir angehören
um mich versammeln werde. Wer
also nicht uneingeschränktes Zutrauen
zu mir haben kann, der gebe mir
auch seine Gründe Kinder nicht und /
[8]
und so bald es ihm dünkt sein Zu-
trauen, sein Vertrauen sey ungegrün-
det dann nehme er augenblicklich auch
die Kinder zurück.
Dieses mußte ich Dir, so wie ich es jetzt
darf, aussprechen, um Dir für Dein
Handeln, zu dem Handeln für Deinen
Wunsch den richtigen Standpunkt zu
zeigen, um Dir und anderen die Über-
zeugung möglich zu machen daß mein
äußerer Zweck keineswegs ein so
genanntes Institut oder eine Pension
ist
, auch ist der Zweck meines Handelns
weder Geld, noch Geldeswerth, noch
irgend ein äußeres Gut, nicht Un-
terhalt, nicht Ehre, nicht der Beyfall
der Mitwelt; Nicht Verbreitung irgend einer Methode der Lehre
[9]
(weiter auf Bl 9 = in 4. Bogen = Bl 7/8 eingelegter Zettel)
Eben so wenig suche ich Aner[.]
Ich selbst bin kein Aner und suche
wünsche keine Aner, ich hasse die
Aner; dagegen mögen aber auch sie
mich nicht und wir stehen seit langem
in der bestimmtesten Opposition so
z.B. die Pestalozzianer und so mit auch mit alle denen, die Aner suchten und suchen.
Alle Anerey - Anhängerey
taugt nirgends etwas, sie bringt
überall Stöhrung, Trübung, also
endliche Aufhebung und Vernichtung
der freyen selbstständigen Thätig[-]
keit, des freyen Wirkens hervor,
sie bewirkt Tod, sie tötet.- Dieß /
[9R]
gelegentliche Bekenntniß meiner
in diesem Punkt, dünkt mich hier
ganz an seinem Platze.
[8]
(wieder 8)
wer sich davon nicht
überzeugen kann, der wird sich mit
mir und in meinem Kreise nicht
wohl befinde[n].
Daß sich um mir [sc.: mich] ein reines Menschen- /
[8R]
leben entfalte, ausbilde, erstarke;
demselben eine Freystätte zu bereiten,
ist der einzige Zweck meines Handelns.
Ich lasse mich dafür nicht bezahlen;
die Summe die jeder, der mit mir leben oder
will oder die er für die, die er meinem
Kreise will einverleiben will für
[{]seine / ihre} Subsistenz nöthig zu haben
glaubt, ist blos, in dem mehr oder
minder innigeren Verbundenseyn
mit mir begründet, hat seinen Grund
blos in dem mehr oder minder innige-
ren Geeintseyn mit mir, oder viel-
mehr, in dem Mangel dieses Geeint[-]
seyns mit mir. Jene Summe macht
daher weder ich, noch mein Zweck
nöthig, sondern ist in der Person
je eines Jeden, selbst begründet.
Es wird mir schwer mich hierüber /
[10]
jetzt schon und besonders schriftlich aus[-]
zudrücken, denn ich hüte mich Worte
auszusprechen, die nicht verstanden wer-
den und wie weit Du mich jetzt verstehst,
das kann ich nicht mit Sicherheit bestimmen[.]
Genug, wenn ich Summen Geldes als Be[-]
darf
ausspreche, so bezieht sich dieses
Bedürfen schlechthin blos auf die Andern
und ist durch sie, nicht durch mich bedingt,
was ich als ich bedarf, bin ich mir zu erwerben
zu verschaffen im Stande, und mehr als
ich bedarf, mag ich nicht haben, denn es
legt mir nur die Last auf einen Todten
zu hüten. Ich bin auch weit entfernt das
was andere mir geben so zu betrachten
so zu behandeln, als gäben sie mir es
um meinetwillen, sondern ich weiß
recht gut, daß sie es mir nur um
ihretwillen geben - so wie der Gärtner
nur mit Sorgfalt den Baum pflegt
und begießt, damit er ihm entweder /
[10R]
erquickenden Schatten oder erquickende
Früchte gebe, oder reine Natur zeige
ich kann mich und werde mir daher nie
etwas zueignen was mir nicht gehört
aber ich werde mich dafür auch nie
verbunden d.i[.] gebunden fühlen,
Vermeide also ja alles, den Gedanken
einer von mir zu errichtenden Pension
eines sogenannten Institutes zu äußern
noch ihn bey Andern zu nähren; Du würdest dadurch
nur Dir und Deinem eige-
nen Zweck schaden und würdest nur
der Unwahrheit Nahrung geben.

So weit Sonntags Nacht, jetzt Mittwochs
Nacht wo möglich weiter. Wenn Du das
was ich Dir ges bis jetzt geschrieben habe
ruhig durchdenkst, so glaube ich nicht, daß
ich noch viel zu Wesentliches zu schreiben
Dir nöthig habe,; nur noch zwey Punkte
will ich andeuten Deiner Aufmerksamkeit /
[11]
empfehlen. Erstlich sprich nicht, und nirgends
über und mit Niemand über die Sache,
als da wo Reden wirkend, produktiv ist
alles andere ist verlohren und mehr als
ihr Verlust trifft uns, auch das Beraubt-
werden der Kraft und der Zeit welche wir
auf ihr Reden verwenden müßten;
auch Worte auch Rede erfordern Kraft, ja
erfordern oft mehr Kraft als gemeines
Thun. Wer, welcher Mann möchte seine
Manneskraft vergeuten. Worte anders
als in der bestimmten Absicht zu reden, daß
sie gleich einem Samenkorn, keimen
wachsen und Früchte bringen möge[n], ist
eben so schlecht als und schlechter als sich an
den Geschlechtstheilen reizen, daß der
Saame sich in die Luft ergieße; hiervon
wenigstens zu reden halten alle Menschen
für entehrend, jenes aber zu thun hält
man nicht nur für erlaubt, sondern so-
gar als für zur guten Lebensart gehörig
und man ladet sich wechselseitig, zu /
[11R]
solchen Gehirn Kitzel, zu solchen Geistes
Selbstschwächungen und Onanie ein.
Und solche Gesellschaften heißen die guten.
Sprichst Du von irgendeiner Sache die Du
thun willst früher als Du sie gethan
hast oder eben thust, so kannst Du fest
versichert seyn, die That bleibt weit
weit hinter dem Worte zurück, denn
das Wort hat Dir einen Theil der Kraft
geraubt die zur That nötig war.
Raube Dir und uns also nicht durch
unnöthiges Reden, die Kraft zur That.
Schweige und thue! -
Das zweite was ich noch Deinem Nachdenken
empfehlen will ist: thue das was Du zu
thun Dich entschlossen hast, sobald Dein
Entschluß fest, dann bald und mit Be-
stimmtheit. Die Zeit ist kostbar und der Jahre
des Menschen zum handeln sind wenig. Wenn
das Saamenkorn den Entschluß gefaßt
hat zu keimen so keimt und treibt es
auch schon. Tritt eine Stockung ein, so trit[t] /
[12]
Fäulniß und Vernichtung ein. Hast Du
also in Bezug auf Dich oder die Kinder die
Dir lieb sind einen bestimmten auszuführen-
den Entschluß gefaßt, so setze ihn auch
möglichst bald ins Werk, und trifft Dein
Entschluß mich mit, so schreibe es nur mög-
lichst bald und möglichst bestimmt.
Du schreibst mir in Deinem Briefe: "mein
Bruder könnte wohl mit Midd: zugleich bey
"Dir eintreffen". Ich weiß aber noch nicht
daß Midd zu mir kommt. In seinem letzten
Briefe an mich schreibt er an der einen
Stelle: "Sobald ich bestimmt bin, daß ich
"kommen kann, so gebe ich Dir davon Nachricht".
- Es ist wohl 6 Wochen daß dieser Brief
geschrieben ist und ich habe diese Nachricht
noch nicht erhalten. An einer andern Stelle
desselben Briefes schreibt er: "Von mir
habe ich noch nicht zu reden". Und weiter: "Ich
habe an Bendem: geschrieben" (:aber was?
warum? -) "Die Wirkung" (:in welcher
Beziehung? -) "ist nicht unangenehm." /
[12R]
Jene Stelle Deines Briefes kam mir also
in Bezug auf Midd. unerwartet und ich
kann auch ihren Inhalt in Bezug auf ihn
nicht eher als wissend betrachten, ihn
als wissend in die Gestaltung meines
Lebens einwirken lassen, als bis er sich
mir selbst mit Bestimmtheit ausspricht.
Auch ihm werde ich bey Übersendung dies[e]s
Briefes zu bedenken geben was [ich] schon
vorhin Dir, nur mit andern Worten aus[-]
sprach: daß der schicklichste und beste
Zeitpunkt zu jeder Handlung zu jeder That
im Leben sich nur ein einzig mal zeigt,
dieß eine Mal seine Benutzung versäumt
und er zeigt sich nie wieder, er kann
mit nichts erkauft werden.
_____________
Nun noch zwey Bitten von mir, erstlich
erkundige Dich doch was Buchwalds machen
und besonders was für Aussichten sie
zu einer festen Anstellung haben.
Es würde mir lieb seyn wenn Du selbst
Buchwalds aufsuchtest und sie auf /
[13]
das freundlichste von mir grüßtest
und ihnen sagtest daß ich recht aufrich-
tigen Antheil an ihrem Schicksal nehme.
Dann erzählt sie Dir gewiß alles und
setzt Dich in dem [sc.: den] Stand mir meine Frage
zu beantworten. An der Gründlichkeit
dieser Antwort ist mir viel gelegen und
meine Frage ist keine von der Neugier
u.s.w. geborne.
Eine zweite und ganz ähnliche Frage ist
die, ich möchte gerne wissen wie es
dem Zörnial, dem Dr und Lehrer bey
Plamann geht und welche Aussicht sich
demselben z für die Zukunft zeigt.
Siehst Du ihn, so grüße ihn doch recht herz-
lich von mir. Hast Du zeit ihn zu besuchen
so wird es Dich gewiß nicht reuen,
und ich bin überzeugt, daß Du eine
angenehme Stunde bey ihn verlebst[.]
Auch seine liebe Frau grüße besonders
von mir.
Diese beyden Fragen mir zu beantwor- /
[13R]
ten vergiß doch ja nicht.
Was macht den[n] unser Bauer, Du und
Midd. ihr [sc.: Ihr] beyde erwähnt seiner nicht[.]
Warum nicht?- Ihm meinen Gruß
siehst Du ihn.
Auch der Frau Bendem: u Fr. Fried-
länder meinen Gruß.
Aber nun doch auch noch etwas von mir
und meinem Thun. Seit ich Dir das letzte
schrieb hat sich mein Wirkungskreis noch
etwas ausgebreitet. Noch ein Knabe
von 11 Jahren ist hinzu gekommen; er ist
auch ein Kind meines verstorbenen Bruders
und war seit zwey Jahren und bis Weih-
nachten in Rudolstadt auf dem Gymna-
sium. Seine Mutter, meine Schwägerin äußer-
te mir den Wunsch ihn von dem Gymnasium
wieder zurück nehmen zu können, indem sie
es für weit zweckmäßiger für den Knaben dieses Alters
hielt ihn von mir erzogen u un[-]
terrichtet zu sehen als ihn in Rudolstadt zu /
[14]
wissen, und der Knabe bat seine Mutter
und ließ mich auf das inständigste bitten ihn
hier zu behalten. Mutter und Sohn ent-
sagten freylich willig für sie sehr beträcht-
liche[n] Unterstützungen.- Des Knaben Seyn
Alter usw. usw. erwägend fand
und hatte ich keine Gründe Mutter und
Sohn entgegen zu seyn, so wurde er seit
großem Neujahr mein Pflegling; so sehr
sich nun auch dadurch meine Arbeit ver-
mehrt hat, so hat mich meine Beystimmung
doch nie gereut und kann und wird mich
nie reuen. Wohl hätte ich Dir noch
manches von mir zu schreiben, doch will
ich es nicht thun; kommst Du, so so siehst Du
es besser als ich Dir es schreiben kann; kommst
Du nicht, nun dann will ich sehen was
ich zu thun habe. Nur noch daß [sc.: das] sage
[ich] Dir, daß es meinen Kindern ungemein
wohl bey mir zu Muthe ist. Die von herz-
lich liebenden Eltern bey getrennt bey und /
[14R]
mit mir leben vermissen diese Liebe
bey mir nicht und so zart und fühlend auch
besonders der jüngste dieser Knaben
ist, so innig lie geliebt er von seiner
gleichfalls sanften und fühlenden Mutter
wird so liebe Schwestern er zu Hause
auch zurück gelassen hat, so kommt ihm
Sehnsucht doch nicht in den Sinn, und
da diesen Knaben bey der Abreise
vom elterlichen Hause und von mir selbst
zu wiederholten male gesagt worden,
daß es ganz bey ihnen stände wenn
sie wieder nach Hause zurückkehren
wollten, so setzen sie die Zeit des Auf[-]
enthaltes immer weiter hinaus.
Die andern Knaben, die meiner Schwä-
gerin, die bis jetzt noch nicht bey mir
wohnen und zu Mittag essen, nennen
das Seyn bey mir: - zu Hause. Und
wenn sie wirklich zu Hause das heißt /
[15]
in ihrer Mutter Hause sind sagen sie:
- ach, wir woll'n nun nach Hause, d.i[.]
zu mir gehen. Noch diesen Abend sagte
der jüngste dieser Knaben 6½ Jahr
alt: ich wollte ich könnte ganz beym
Onkel wohnen, die andern haben es schon
gar oft ausgesprochen, und doch sind
die Knaben wenn sie zu Hause sind
sich selbst überlassen können thun
was sie wollen dagegen herrscht bey
mir von morgen bis Abend strenge
Thätigkeit und geregelte bestimmte Ar[-]
beiten.
Wenn die Knaben Mittags zu Tisch
gehen, so sind sie noch ehe ich es mir wieder
versehe bey mir, und die Mutter und
die Verwandten sagen mir, daß sich
die Knaben kaum zum Essen Zeit nehmen,
und dennoch bin ich ernst und streng[.]
Meine Knaben nennen mich Du ob ich
gleich nur ihr Onkel nicht ihr Vater bin /
[15R]
was in hiesiger Gegend gar nicht gebräuch[-]
lich ist, und we es würde ihnen höchst
widernatürlich seyn wenn es anders
wäre. Doch genug! Man sagt das
geschriebene sey immer schöner als
die Wirklichkeit, da ich Dir aber nicht
will daß Du Dir etwas schöneres vor[-]
stellen sollst als es ist, so schweige ich
sondern sage nur noch, daß ich weder
Engel habe noch zu haben glaube
es sind einfache natürliche, ja wenn
Du in mancher Beziehung willst
rohe ja wilde, ungestümme Knaben[.]
Aber nichts desto weniger leben wir
ein zufriedenes und fröhliges Leben
zusammen und hoffen auch zu seiner
Zeit edle, reife und erquickende
Früchte zu bringen.- Ich habe Dir
möglichst bald geschrieben thue nun
aber auch Du es, damit ein stetiges Leben
sich gestalte.
FWA Fröbel.