Briefausgabe Friedrich FröbelBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung / Fröbel-Forschungsstelle der Universität Duisburg-Essen

F. an Emilie Fröbel in Osterode v. 30.4.1817 (Griesheim)


F. an Emilie Fröbel in Osterode v. 30.4.1817 (Griesheim)
(KN 19,2, Brieforiginal 1 ½ B 8° 5 S., ed. Hoffmann 1952, 55f.; ed. H V, 166f. mit falscher Dat. "20.4.". - Bl 2 rechts oben / 2R links oben: ausgestanzter Stern)

Meine liebe Emilie.

Wenn jedes freundliche Gespräch, welches ich
seit meiner letzten Anwesenheit bey Deinen
lieben Eltern, mit Dir geführt habe, zu einem
Briefchen an Dich geworden wäre, so glaube ich
fast, daß Du deren schon so viel, daß sie ein
ganzes Buch ausmachen könnten, von mir erhal-
ten hättest, so viel und oft habe ich an Dich ge-
dacht und mit Dir geplaudert, aber leider sehe
ich, daß ohngeachtet jener vielen Gedanken-Ge-
spräche, Du doch auch noch nicht ein Zeilchen
von mir erhalten hast, daß sie vielmehr
alle gleich schönglafarbigen Schaumgebilden
und den Frieden verkündigenden Himmelsbogen
geschwunden sind. Und fragst Du nun, wie
dieß so gekommen? so will ich Dir's wohl
erzählen. Sieh! Wenn sich ein ordentlicher
Hausvater des Tages in seinem Haus-Hof- /
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Feld- und-Garten-Wesen müde gearbeitet
hat so kommt er am Abend in den muntern
Kreis seiner Familie und ein frohes Wechsel-
gespräch dient zu seiner Erholung, ob er gleich
nicht mehr aufgelegt seyn würde, alles was
so die Theilnahme und die Liebe, das Gutmei-
nen und der Rath, der Alt- und der Jungver-
stand hin und her redet und plaudert mit
Schwarz auf Weiß zu schreiben. Siehst Du, so
geht es mir auch. Wenn Abends Deine leben-
digen und lautstimmigen Brüder und ihre
ihnen in diesen beyden Punkten nichts nachge-
benden Vettern, sich gleich einen Ameisen-
haufen verlaufen haben, so setze ich mich in
mein Erholungseckchen, wo sich dann alle mei-
ne Lieben wenn auch nur in meinen Gedanken
um mich her versammeln, da ist es denn
natürlich, daß meine alles zierlich ordnende
und für Reinheit geschäftige Emilie nicht /
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eine der letzten erscheinenden Personen
ist. Aber so lebendig auch die Geistes-Anschauung
dieses frohen und freudigen Kreises ist, so will doch
der müde und schwere Körper nicht gehorchen,
auch nur eine Gestalt desselben, nur ein in
ihr treffend gesprochenes, gutes Wort zu Pa-
pier zu bringen, und die alles beherrschende
Müdigkeit verscheucht endlich alles, und - am
Morgen finde ich mich wieder ohne eine geschriebene
Zeile an Dich, und nun kommen wieder die
wilden Knaben, die keine Gedankenbilder, sondern
leibhafte Wirklichkeit sind und fordern und
bitten und warten und verlangen, da ist nun
gar nicht mehr an Briefschreiben zu denken.
Siehe, so geht es mir so ziemlich alle Tage.
Nun habe ich Dir alles recht offen erzählt,
allein ich bitte nun auch, daß Du mir will-
fährig, die so späte Erfüllung meines Ver-
sprechens und meine lange Schuld verzeihst, /
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denn lange ist wohl die Zeit, seit ich Dir
meinen Dank für Dein so sauber und fleißig
gearbeitetes Weihnachtsgeschenk schuldig bin,
und nicht erst jenen Dank erwartend, erfreust
Du mich schon wieder mit einem so sprechend
von häuslichen Sinn zeigenden und deßhalb so
lieben Geschenk. Da ich mich jetzt außer allen
Stand sehe, Dir wieder durch irgend etwas
auch nur eine kleine Freude zu machen, so bitte
ich Dich, vor jetzt mit meinem herzlichen Dank
vor lieb zu nehmen. Dein lieber Vater hat mir
Hoffnung gemacht, daß Deine gute Mutter
bald einmal Deine lieben Brüder und mich
besuchen wird, da bitte ich dich denn recht sehr,
Deine Bitten um die Bewilligung Deiner Begleit-
ung, mit der meinigen zu vereinigen, damit
es mir dadurch möglich werde, Dir wenigstens
persönlich zu zeigen, wie werth mir Deine
liebevollen Gesinnungen sind, und wie gern /
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ich Dir auf irgend eine Weise, die mir wie-
derholt gemachte Freude erwiedern mögte.
Nun lebe recht wohl, vergilt nicht Böses
mit Bösem und schreibe deßhalb bald einmal
mir,
        Deinem
Dich liebenden Onkel
        FWA Fröbel

Geschrieben Griesheim am 30sten April 1817.