Briefausgabe Friedrich FröbelBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung / Fröbel-Forschungsstelle der Universität Duisburg-Essen

F. an Heinrich Langethal in Berlin v. 1.7.1817 (Keilhau)


F. an Heinrich Langethal in Berlin v. 1.7.1817 (Keilhau)
(KN 19,3; Brieforiginal 1 B 8° 4 S. ,ed. KG 1883, 57f.; zit. Halfter 1931, 492. 494f.; ed. H V, 172f.)

Keilhau ohnweit Rudolstadt am
1sten Julius 1817


Lieber Langethal,

Ob ich Dir gleich jetzt noch nichts Wesent-
liches schreiben kann, so sollst Du doch ein
paar Zeilen von mir erhalten. Wir
alle sind wohl, so wie besonders auch
Dein Bruder Christian. Vom Lernen in
der Schule und durch die Schule ist zwischen
ihm und mir noch gar nicht die Rede ge-
wesen, weil ich, wie ich Dir schon durch
Deinen lieben Bruder sagen ließ, damit
beschäftigt bin, mein Marschquartier
mit einem Standquartier zur vertauschen.
Zu diesem Zweck habe ich seit ohngefähr
3 Wochen Griesheim verlassen und lebe
hier in Keilhau einem 20 Häuser großen
Dörfchen 1½ Stunde von Rudolstadt; 1 Stunde
von Blankenburg 3 Stunden von Königsee
1½ Stunde von Remda ohngefähr zwischen /
[1R]
den genannten Städchen in der Mitte
in dem so genannten Schaalthal und
am oberen Ende desselben. Dieß zur
Nachricht wenn Du Dich auf einer Karte
finden willst ich in welchem Eckchen Deutsch-
land[s] wir jetzt leben. Schaala und Eichfeld
sind die beyden übrigen Dörfchen die in die-
sem Thale abwärts liegen. Dieß ge-
nügt vollkommen zur lokalbestimmung.
In diesem Dörfchen nun hat meine
Schwägerin ein kleines Bauer[n]guth ge-
kauft, und da die Erziehung der Knaben
meines verstorbenen Bruders mein
nächster äußerer Zweck ist, so ist dadurch
auch mir dieser Raum zu meinem Leben
bestimmt. Weil nun aber die hier vor-
gefundenen Wohnungen noch nicht sehr
wohnbar sind, eine eigene Wohnung
für mich aber noch gar nicht ist, mein
Zweck sie aber fo[r]dert, so binh ich /
[2]
jetzt hier mit Bauen beschäftigt; da
nun auch noch überdieß jetzt eben die
Erndte eintritt, die um die Erhaltung
und Erreichung des Ganzen willen
meine Theilnahme, unser aller Theil-
nahme fo[r]dert, deßwegen ist unser
Leben jetzt so beschaffen wie ich Dir
oben sagte d.h. es ist mehr Leben
als Schule und dieß dünkt mich ist
auch für alle jetzt mit mir Lebenden
recht heilsam und so auch für Deinen
Bruder: wer nicht im und durchs
Leben die Bedeutung der Schule (im
höchsten Sinn das Wort als Kunstan-
stalt genommen) gefunden hat, dem
wird nie die Schule ins Leben über[-]
gehen, zum Leben werden. Denn wohl
ist die Schule das höchste aber nur
dann wenn sie Leben ist, ab damit
die erstere das letztere werde, muß
das letztere das erstere seyn. /
[2R]
Hierdurch hoffe ich angedeutet zu haben
wie ich überzeugt bin, daß ich meine
Verpflichtungen gegen Dich und Deinen
Bruder erfülle.
Wenn Du mir etwas bestimmtes von
Dir und Deinem Leben zu schreiben hast, so
thue es und schreibe es nicht aus Will-
kühr und Grille auf; denn Willkühr
und Grille muß so viel möglich nicht in dem Handeln
derer die Männer werden wollen statt
finden.
Schreibe mir doch gelegentlich was aus
dem Loose meiner Schwägerin geworden
ist, sie möchte es gern schwarz auf weiß
sehen.- Nun lebe wohl grüße alle
die sich meiner freundlich und theilnehmend
erinnern freundlich. Besonders theile
das Wesentliche aus diesem Briefe Bauern
mit welchen ich mit brüderlichen Gruß für seinen Brief herzlichst
danke; er bekommt den ersten Brief, so
bald es möglich ist. Christian grüß[t] Dich,
so wie wir ich. Lebe wohl    FWA Fröbel