Briefausgabe Friedrich FröbelBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung / Fröbel-Forschungsstelle der Universität Duisburg-Essen

F. an Henriette Wilhelmine Klöpper in Berlin v. 13.9.1817 (Keilhau)


F. an Henriette Wilhelmine Klöpper in Berlin v. 13.9.1817 (Keilhau)
(BN 444, Bl 10-17, Brieforiginal 4 B 4° 14 S.)

Keilhau ohnweit Rudolstadt am 13en Septbr 1817.
Wohl weiß ich, daß alle höchsten Zwecke des Lebens,
so mannichfaltig auch die Richtungen dahin seyn mögen,
und so verschieden sich auch der Lebende darüber
aussprechen mag, mir in einem einzigen Punkte
zusammenfallen; Ruhig kann daher der, dessen
Lebensziel das höchste ist, bey jeder Prüfung seines
Thuns und Wirkens seyn, von welcher Seite sie
auch kommen, wie sich auch der Prüfende darüber
äußern, aussprechen möge; wenn nur derselbe
diesen einen höchsten Punkt mit klarer Einsicht,
mit wahrhaft unbefangenem Gemüthe, mit wan-
delloser Festigkeit in die Augen faßt.
Wohl könnte ich mich daher bey Ihren Mittheilungen
als Antwort genügen, und ruhig der fernern Ent-
wicklung in Ihnen, nach Ihrer Seite der Prüfung,
entgegen sehen, gewiß überzeugt, daß das von
mir als Höchstes ausgesprochene, sich, wie auch
Ihr Weg dahin seyn möge, auch Ihnen als das
Höchste, so wie der vorgezeichnete Weg, als der
nothwendig einzige und unfehlbare dahin, sich
auch Ihnen zeigen werde; wenn nur jene Be-
dingungen dieser Prüfung ausschließende Eigen- /
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schaften sind. Aber es ist eben so wahr, daß die
Sicherheit der Prüfung gewinnt, daß Klarheit,
Unbefangenheit und Festigkeit daraus hervor gehen,
wenn die Prüfung auch nach der andern Seite hin,
bis zum Endpunkte verfolgt wird. Deßhalb er-
kenne ich es in mir -, weil es mir um nichts
andere als um die reine Erkenntniß des Wahren
und nur um ein Leben nach und im Geiste dieser
Erkenntniß zu thun ist - als Pflicht, Ihnen auf
Ihren Brief Nachstehendes zu antworten; denn
der Mensch "so schreiben Sie wahr", meint oft sein Streben zu erkennen,
aber gewöhnlich erschrickt er vor der Größe, vor
den außerordentlichen Fo[r]derungen desselben, daß
er leicht das, was nur ausschließend höchster
Lebenszweck ihm seyn sollte und kann, aus dem
Auge verliehrt und sich mit einem weniger
schwierig zu Erreichenden, Untergeordneten,
mit weniger Verleugnung und Aufopferung
Verknüpften begnügt, sich - eigentlich nur seiner
Schwäche schmeichelnd - glaubhaft machend, so
handle er gerad Recht.
Als Entgegnung meines Briefes kann ich in den
Ihrigen nicht einen gültigen Grund finden, auch nicht /
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einen; in keinen, auch von der Seite des Herzens, das
ich so gern innig, und seine zarten Blüthen und seinen
erquickenden Früchten, sorgsam pflegend achte, in
keinem, so fordert die Wahrheit, daß ich es ausspreche
erkenne ich Haltbarkeit.
Ihr Brief, Ihre Beantwortung des meinen, mag
für mich diesen Ausdruck nun wohl dadurch erhalten
haben, daß beym Niederschreiben meines Briefes,
obgleich in demselben nie ausgesprochen, mir das
Streben nach Darstellung des höchsten menschlichen
Verhältnisses als Zielpunkt in der Seele, vor
dem Geiste lag. Klarheit meines Zweckes be-
stimmten mich, diesen Zielpunkt nicht auszusprechen,
ja mit Vorsicht jedes Deuten dahin zu vermeiden;
allein ich wünschte in Ihnen die Überzeugung
hervorzurufen, ich wünschte, daß sich Ihrem un-
befangenen Gemüthe als reinster Einklang aus-
sprechen möge: - daß, wenn es mir mit meinem
innern und höchsten Streben und Lebenszwecke
Ernst sey, daß, wenn ich das, was ich zu
wollen vorgebe mit und in Wahrheit wirklich
wolle, daß ich alsdann auch die Form, in und
durch welche jenes Streben und jener Zweck in /
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seiner Vollkommenheit und Reinheit nur einzig und
ausschließend zu erreichen sey, wollen müsse,
sie nicht umgehen möge.
Einigung des Geistes mit dem Geiste, oder erfassender:
Einigung des klar bewußten durchdringenden Geistes
mit dem rein empfindenden, schaffenden Gemüthe
für möglichst reine Darstellung des Menschheit
Lebens, das ist, das war unausgesprochen die
einzige unerläßliche Bedingung zur Erreichung
des Lebens höchsten Zweckes. Der sichtbare, noth-
wendige Ausdruck dieser Geistes- und Gemüths-
Einheit ist - Ehe.
Daß eben diese Überzeugung Ihrem Gemüthe
klar und lebendig werden möge, das wünschte,
das hoffte ich.
Vollendete Übereinstimmung des Innern und Äußern,
des Denkens und Handelns, des Empfindens und
Thuns, das ist das Höchste wornach der Mensch als
Erscheinung zu streben hat. Dieses höchste Daseyns-
Ziel kann der Mensch schlechterdings nur auf die
gedachte Weise erreichen. Mir aber ist, nur jene
Übereinstimmung, jene Einigung, jene Einheit
des Daseyns höchster Zweck, folglich muß ich /
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auch die Form, die äußere Bedingung desselben in
ihrer ganzen Wichtigkeit und Würde erkennen und
anerkennen, sie - Ehe muß das letzte sichtbare
Ziel meines persönlichen Handelns seyn, und
sie ist es.
Nur bey der Festhaltung dieser meiner, aus
klarer Einsicht hervorgegangenen Überzeugung
ist das Nachstehende, was ich über Ihren Brief und
als weitere Ausführung des meinen zu sagen habe,
verständlich. Die Sicherheit mit der ich es ausspreche,
die Bestimmtheit und Stärke hat ihren Grund in
der Sicherheit, Bestimmtheit und Größe meines Lebens-
zweckes; in der Klarheit und dem deutlichen Bewußt-
seyn mit welchem ich die Mittel zur Erreichung
desselben schaue. Etwas als Entschuldigung darüber
sagen zu wollen, wäre eben so so gut, als wollte
ich mich darüber entschuldigen, der Menschheit
höchsten, einzigen Zweck zu meinem Zwecke zu machen,
was ja eigentlich jedes Menschen nur einzige Pflicht
ist.
Meine Sprache scheint Ihnen einigen Anstoß ge-
geben zu haben. Wohl hat jeder Gegenstand
der Mittheilung nur eine einzige ganz erfassende /
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und entsprechende Sprache, folglich muß es auch für
solche Mittheilungen, die des Menschen höchsten
Zweck zum Gegenstand haben, es auch nur eine,
diesen Gegenstand ganz erfassende und entsprechende
Sprache haben. Nun kenne ich wohl eine Sprache die
man für diese ausgiebt; allein mir ist unter denen
die sie reden, noch keine auch nicht eine Person
vorgekommen, die diese Sprache wahrhaft und klar,
deutlich verstanden hätten; wohl glauben, wohl
meinen, ja wünschen sie dieselbe zu verstehen,
aber darum verstehen sie solche noch nicht; vielmehr
habe ich noch immer und bisher ohne Ausnahme
gefunden, daß diejenigen, welche jene Sprache
reden, entweder zu den Getäuschten oder Täuschenden,
zu Betrogenen oder Betrügern gehören; denn auch
zu den letzten Gehörige habe ich gefunden, es sind
diejenigen, welche in sich wohl wissen und empfinden,
daß sie diese Sprache nicht verstehen, aber doch
andere glaubend machen möchten, sie verstän-
den sie. Zu keiner aber jene Sprache redenden
Parthey, darf der nur mit Einsicht handelnde und
redende Mann also gehören, noch viel weniger
der, wahre Mann und wahr zu seyn muß des /
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Mannes höchstes persönliches Ziel und Streben seyn.
Religion ist, bey klarer Einsicht, bey reinem Em-
pfinden dessen was sie ist, des Menschen Höchstes.
Es muß daher auch des Kindes, muß frühe des
Kindes Höchstes seyn. Religion und Leben, dieß
in seinem wahren Wesen erkannt, sind aber Eins.
Von einem Menschen dessen ganzes Leben nicht
Religion ist, mag ich als Menschen gar nichts hören,
dessen Religion kann ich nie als die reinste und
höchste erkennen und nach der reinsten und höchsten
Religion soll der Mensch ringen. Wohl gelangt
der Mensch und besonders das Kind, durch ge-
offenbarte Religion zur Einsicht in das Wesen
der, und zur Befestigung seiner Religion,
aber zunächst durch die Religion, wie sie sich ihm
zunächst im Leben der es Umgebenden, seiner Eltern
und der, welche an deren Statt da stehen, offenbart.
Hierinne sind also die Pflichten der Eltern, derer
die Eltern werden oder sich an Eltern Statt hinstellen
wollen angedeutet: für die Wahrheit uns auf-
bewahrter Offenbarungen, soll das Kind im /
[13R]
Leben seiner Eltern Zeugschaft finden. Hiermit
ist auf das höchste Verhältniß zwischen Eltern
und Kindern hingewiesen; allein es liegt auch
darinne das Wechselverhältniß der in Ehe Ver-
bundenen selbst in Hinsicht ihres höchsten Gemeinzweckes
selbst angeregt, wovon mir hier nur die Resul-
tate auszusprechen vergönnt ist; die Wahrheit
derselben in dem Wesen des Menschen nachzu-
weisen, muß jetzt einer andern Thätigkeit
überlassen bleiben.
Die Religion des Weibes geht durch Religion des Mannes
hindurch und aus derselben befruchtet hervor. Die
Reinheit, Lebendigkeit, Thätigkeit und Sicherheit der
Religion des Weibes hat ihr Fundament in der
Klarheit, Festigkeit, Einsicht und Gewißheit der Reli-
gion des Mannes. Der Glaube des Weibes kehrt
geläutert, erhöht, gestärkt aus dem Wissen des Mannes
damit er Früchte bringe, in des Weibes Gemüth
zurück. Nichts, nichts stöhrt den bildenden und pfleg-
enden Seelenfrieden, des so verbundenen Weibes;
denn die Wahrheit dessen was sie glaubt, er-
kennt und schaut der Mann; von der Wahrheit /
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die sie glaubt, ist der Mann überzeugt. So wie die
Eltern und das Leben der Eltern dem Kinde die
sichtbare Zeugschaft der geoffenbarten Religion sind,
so ist der Mann und dessen Leben der sichtbare und
truglose Zeuge für die Wahrheit dessen was sie still
glaubend im Gemüthe bewegt. Deßhalb und aus
diesem höchsten religiösen Grunde findet das Weib
höchste Befriedigung ihres Wesens und Strebens,
findet ihre Würde und Ruhe darinne einem solchen
Manne anzugehören, sie giebt sich ihm in der höchsten
Unbefangenheit ihres Gemüthes ganz und uneinge-
schränkt.
Die Worte des Mannes sind die Rede ihres Ge-
müthes. Über Religion spicht das Weib selbst
nie; ihr Leben, ihr Wirken, ihr Thun ist die Sprache
ihres religiösen Gemüthes. Nur dem klaren Geiste
des Mannes ist es ausschließende Bestimmung
von und über die Wahrheit der Religion klar
zu reden, durch klare Rede Zeugschaft von ihr
zu geben; so wie es dem reinen Gemüthe des
Weibes ausschließende Bestimmung ist die
Wahrheit der Religion rein zeigen, von der Wahr-
heit der Religion, so wie sie sich in der Tiefe ihres /
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Gemüthes ewig still bewegt, in dem reinen Thun Zeug-
schaft zu geben. Durch den Mann gelangt das Weib
zur klaren Einsicht des Lebens, erlangt die Festig-
keit dieser Einsicht gemäß und getreu zu handeln;
so weiß und empfindet das Weib, daß es nur
durch den Mann seine Bestimmung ganz erfüllen
konnte und kann; sie weiß und empfindet es innigst,
daß nur der Mann sie zum Weibe schuff; daß der
Mann das Weib, damit die von ihm in lichter Glorie
erkannte Menschheit, sich im Leben zu edlen, reinen
Gestalten bilde, sich selbst zum Weibe schaffe. Nur
für dieses Gestalten und Bilden bedarf der Mann
des pflegenden, bildenden, sorgsam ordnenden Weibes
aber es ist ihm auch hierzu unerläßliche Bedingung
unumgehbares Bedürfniß, damit seine Wahrheit,
Weisheit; seine Lehre, Leben; für die Einsicht das
Beyspiel, so die Menschheit zu Menschen werde.
Darum sind beyde ein ungestücktes Ganzes, ein
untheilbares Ein und sollen es seyn und dieses Ein
ist der Hüter und Pfleger der Menschheit, der
Menschen einzigem Kleinode.
Warum andere die Einigung mit dem Weibe
suchen, dieser Grund kann für diesen, dieses /
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Streben habenden Mann nie bestimmend seyn,
für einen Mann von dessen Streben eine Seite - (:ich
sage, eine Seite, weil der Mensch ganz entfremdet
ist, in jedem Theile das schlechthin Ganze, in jedem
Einzelnen das höchste Allgemeine zu finden:) -
die Erforschung der Natur ist; denn wer die
Natur erforschen will muß sie beherrschen, wer
die Natur begreifen will muß sie ergreifen, sich
aber nicht von ihr ergreifen lassen.
Ihren Brief an mich habe ich Herrn Middendorff
nicht mitgetheilt, warum? - weil das, was
dessen Gegenstand ist von ihm noch nicht in seiner
ganzen Tiefe und Umfassendheit, so wie über-
haupt ganz und gar nicht von einem dritten, wer
es auch sey ganz beurtheilt und richtig auf- und
erfaßt werden kann; denn es müßte dieses Dritte
um dieses Beurtheilens willen sich ganz in die
Persönlichkeit eines von uns beyden versetzen
können, was aber rein unmöglich ist, sonst ist
jedes Urtheil schief, seicht, und jede Aufforderung
dazu fehlerhaft. Mein, und so ohne Unterschied
jedes Menschen eigentstes Leben, kann nur /
[15R]
denen zugänglich seyn, die es mit mir, mit ihm
leben und dieß kann wieder nur Ein Wesen seyn.
So ist mir auf Ihren lieben Brief nichts
mehr zu sagen übrig.
In meinem vorigen Briefe suchte ich Ihnen mein
Leben und meinen Lebenszweck anzudeuten und
Sie um Mithülfe für denselben zu bitten; in diesem
wünschte ich Ihnen meine Persönlichkeit und mein
Selbst klar zu machen; und stößt diese meine Per-
sönlichkeit, dieses mein Selbst Sie nicht zurück, so
wie äußere Lebensverhältnisse sie früher abzogen,
so reiche ich Ihnen nochmals mit demselben voll-
endeten Vertrauen als dortmals, mit derselben
wahren Innigkeit die Hand mit mir, als die zweyte
Hälfte Eines Ganzen das noch zu lebende Leben
zu leben. Nur in Ihrem eigentsten
Selbst können Sie die Bestimmung für, oder wider
meine Bitte finden. Alles das was Sie als Ein-
wurf mir aussprachen, ich muß es nochmals
sagen, kann ich nicht als Hinderniß erkennen;
sobald Sie mit Sich im Klaren sind, daß Ihre
Persönlichkeit in der meinen und in deren Festheit /
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und Wandellosigkeit kein Hinderniß der Erfüllung
meiner Bitte finde, so erkenne ich unter dem was
Sie mir als solche aussprachen auch keines. Theilen
Sie mir Ihren Entschluß mit, sobald Sie ihn gefaßt
haben, und erlaubt mir es derselbe, so werde ich
mir Sie alsdann auch, noch gern von Ihren lieben
und theuern Eltern erbitten. Schreiben Sie mir so bald, als möglich.
Es trübe Ihnen nie etwas der Seele reinen Frieden!
FWAFröbel.

_________________
Freund Langethal der noch bey mir ist, und auch
gleich Middendorffen längere Zeit bey mir zu
bleiben wünscht, hat in dieser Absicht an die
dabey interessirenden Personen nach Schlesien
geschrieben; sobald er von dort Briefe erhalten und sich
überhaupt sein künftiges Verhältniß entschie-
den hat, wird er, so trägt er mir, begleitet
von Grüßen, auf Ihnen zu sagen, Ihnen schreiben;
doch würden bis dahin einige Wochen verstreichen.
Freund Middendorff ist im Freyen und ohne
Zweifel jetzt auf dem Wege von dem nächsten /
[16R]
Kirchdorfe hieher zurück, denn es ist heute Sonntag[.]
Jetzt da ich den Brief zumachen will ist er zu-
rückgekommen und auch er trägt mir auf
Sie von ihm zu grüßen. Leben Sie recht
wohl.
Fr. /
[17VR]
[leer]