Briefausgabe Friedrich FröbelBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung / Fröbel-Forschungsstelle der Universität Duisburg-Essen

F. an Henriette Wilhelmine Klöpper in Berlin v. 5.10.1817 (Keilhau)


F. an Henriette Wilhelmine Klöpper in Berlin v. 5.10.1817 (Keilhau)
(BN 444, Bl 18-21, Brieforiginal 2 B 4° 6 ½ S.)

Keilhau ohnweit, Rudolstadt den 5en 8br 1817.


Guten Morgen Freundin! Guten Morgen.

Still und ruhend vor Ihnen stehen, möchte ich lieber,
als noch Worte reden; denn die stumme Sprache
ist doch die sprechendste, für den der sie versteht
die deutlichste, und so die genügendste, die vollende-
ste. Und ist sie nicht auch überall die Sprache des
Reinsten, die Sprache dessen was das Höchste ist?-
Spricht sie nicht das Unendliche, der Unendliche?-
Spricht nicht das schlechthin Gute, Gott, diese stumme
und doch dem, der sie hören will, so vernehmliche
Sprache?- Ja Seelenfreundin auch hierinne sol-
len wir, wie in allem der Gottheit immer
ähnlicher werden. Ist nicht Gottes Reden und
Thun Eins?- Ist nicht Gottes Thun seine Rede?-
So soll auch die Rede und die That des Menschen Eins
seyn; so soll auch des Menschen Thun seine Rede
seyn.
Doch für jetzt genug; wir verstehen uns, und
wir werden uns, wenn es uns damit nur
wahrer, redlicher Ernst ist, immer besser und
besser verstehen. Innig freue ich mich der
Zeit, wo mein Leben mir aus dem Ihren schön /
[18R]
entgegen leuchtet.
Daß ich sage: ich freue mich dieser bestimmten
Zeit, lassen Sie sich dadurch, wenn es vielleicht
möglich wäre nicht erschrekken: nun durch Ihr
Wort gebunden, an mich gebunden zu seyn. Sie
Freundin suchen und sollen nur nach der Einig-
ung mit dem, was jetzt die Erde und diese Ihre
Zeit als das Beste Ihnen zeigt, Ihnen zur Er-
kenntniß bringt, streben; so haben Sie jetzt
hohen Glauben dieß in mir zu finden, und in
diesem lebendigen, schönen Glauben, haben Sie Ihr
Wort gegeben; aber finden Sie Sich, oder meinen
Sie auch nur Sich, wenn ich nach völliger Be-
festigung Ihrer theuern Gesundheit Sie, was Ihre
Güte mir erlaubt und ich herzlichst dankend
annehme, persönlich sehen werde, in Ihrem
Erwarten geteuscht, so sind Sie jedes Ihrer Worte
entbunden; nie wünsche ich, nie will ich Ihren
Willen durch Ihr Wort binden; nichts beschränkt
Freundin, die Sie doch nun immer mir bleiben,
Ihre Freyheit ewig nur nach der Einigung mit
diesem von Ihnen in der Zeit als das Vollkom-
menste Erkannte zu streben.
[Einfügung:] Wie und wo wäre auch irgend Etwas, daß mich Ihnen verbinden, oder die
Verbindung halten und befestigen könnte, wäre und bliebe ich nicht das, was
Sie nach Ihrem innigsten und eigentsten Wesen nach fodern - müssen?-
Ewig bleiben Sie,
auch geeint mit mir, das freye, selbstständige
Wesen, das Sie sind. Dieß eben Gesagte ist - wenn /
[19]
es Ihnen auch scheinen sollte, weder wie es hier steht,
in sich, noch mit dem Ihnen früher Ausgesprochenen
im Widerspruch. Daß es aber dieser nicht ist, dieß
kann eigentlich nur das Leben selbst zeigen, aus
dem Leben selbst hervorgehen. Der Mann, der
freye, selbstständige Mann, kann nur nach der
Einigung mit einem eben so selbstständigen und
freyen Weibe streben, und er muß um jener und
um sein selbst willen, ewig das Weib, das sich
ihm im vollendeten Vertrauen ganz hingiebt, als
ein freyes und selbstständiges Wesen in sich stets
hinstellen und anerkennen, und er thut es, thut
es freudig und gern.
So Freundin! steht das Leben der durch Ehe Geein-
ten im Geiste, aber die Wirklichkeit, das wissen
Sie kann und darf schlechthin den Geist, und das
Leben im Geiste nie ganz darstellen. Ich sage,
es kann und es darf es nicht darstellen; denn
das Leben im Geiste ist ja das Ewige, das
Unendliche, das Klare, wie sollte sich dieß im
Zeitigen, im Endlichen, im Getrübten, welches
ja Alles ist, was uns umgiebt rein darstellen
lassen?- Wenn dieß nur möglich wäre, wäre
denn jenes Leben im Geiste, noch jenes Hohe
und Höchste?- Also meine Freundin, die Wirk- /
[19R]
lichkeit, das wissen Sie, das Leben wie es erscheint,
kann das Leben im Geiste nur in der Annäherung,
und auch blos in dieser, erst oft nach langer Zeit,
auch wohl erst nach heftigen Kämpfen und Er-
dultung vieles Druckes auch Plage und Mühe auf
des Mannes Seite und vieles Schmerzens und Leidens
auf der Seite des Weibes in der Wirklichkeit
zeigen. Aber Freundin! sollten Sie noch nach
Monden, mit demselben Glauben wie jetzt, sich
mir vertrauen und sollten solche Zeiten dann
auch in unserm Leben eintreten, so lassen Sie uns
nur unser Ziel, unser Leben im Geiste, fest
und unverwandt im Auge behalten; und,
wenn ja auch nicht immer gleichen Schrittes,
doch immer in unverrückter Richtung dar-
nach streben; lassen Sie uns in jedem Augen-
blick unseres Lebens, würdig befunden werden,
uns, uns selbst würdig finden zu seyn, was
wir sind. Zürnen Sie mir nicht, wenn ich
Ihnen ausspreche: ich wünsche gar nicht, daß
unser, wenn es seyn soll, Gesammtleben
ohne allen Druck, und Last und Mühe auf meiner,
ohne allen Schmerz und alles Leid auf Ihrer
Seite verfließen möge; denn der Mensch ist
noch nicht so vollendet, daß er dieser harten /
[20]
und wundenden Wegweiser ganz entbehren
könnte; und ich weiß auch, daß, weil wir
wahrhaft nach dem Höchsten streben, daß
unser Leben nicht ganz und immer ohne das
Geleite beyder verfließen wird; ja ich selbst
muß Ihnen vielleicht um der Wahrheit willen
Schmerz und Leid verursachen; Aber ich weiß
auch noch mit Sicherheit, daß Sie in diesen Zeiten
des Kampfes, daß Sie alsdann in mir eine,
in sich nie brechende, eine im Geiste und Gemüthe
nie knikkende Stütze haben werden, daß wenn
alle Wahrheit außer uns schwindet, sie in mir
nie schwinden wird; ich weiß daß ich, welches
äußere Leben auch unser Loos werden kann,
nie zugeben werde, daß irgend etwas, unser
Ziel in uns verrücken, und so werde ich sicher uns
den Weg dahin wo nur Leben ist, zu dem was
nur das Leben selber ist, über jedes Hinderniß
hinweg und hindurch bahnen, wir werden als-
dann, wenn es uns noch nöthig wäre, was wir
alle sollen, durch den Tod zum Leben hindurch
dringen.-
Es hat mich gefreut auch von dem Arzte, dem /
[20R]
ich mich auch gern mit Ihnen, wenn Sie gütig
mir es erlauben, dankbar verpflichtet fühle,
ausgesprochen zu lesen, was mit Sicherheit ich
schon früher wußte. Der Arzt konnte Ihnen
keine andere Antwort geben, oder ich wäre un-
wahr gewesen, ich hätte mich selbst geteuscht.
Ist es, und bleibt es nur Ihr fester Wille und
Glaube ganz gesund zu werden, so werden Sie es
ganz gewiß werden. Ist Ihr Geist, Ihre Seele,
Ihr Gemüthe ganz gesund, so werden sich diese
Gewaltigen auch schon einen ganz gesunden
Körper und Leib schaffen.
Daß Sie in bezug auf Ihre lieben und theuern
Eltern ganz gleich mit mir denken, freut mich.
Erfreuen Sie mich, wenn es auch Ihnen lieb ist
bald wieder mit einigen Zeilen.
Langethal unser lieber Freund, wird Ihnen
wohl selbst mit diesen Brief schreiben.
Ich habe bis jetzt unsern Freunden blos gesagt:
daß nun von Ihrer Seite, dem Gemeinleben
für des Lebens schönsten Zweck nichts mehr
entgegen stände; Eltern und Gesundheit wären
nur noch bestimmend. /
[21]
Am Abend, spät am Abend. Leben Sie wohl
meine Freundin, recht wohl.- Ewig wohne
Friede in Ihrer Seele, ewig!
Seyn Sie mir,- Sie können es, wenn Sie nur
wollen, wenn Sie es nur ernsten, festen Sinnes
wollen - was mein, die Einzige die mein Geist
mein Gemüth bedarf und ich bin wandellos
ewig, treuen Sinnes der Ihrige, Dein
Friederich.-

Beyde sind wir dann, was wir ernsten Strebens
ja auch nur einzig wollen - Sein. Am Tage Fides
1817.