Briefausgabe Friedrich FröbelBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung / Fröbel-Forschungsstelle der Universität Duisburg-Essen

F. an <die Tante> Hoffmann in Leipzig v. <Anfang 1818> (Keilhau)


F. an <die Tante> Hoffmann in Leipzig v. <Anfang 1818> (Keilhau)
(BN 484, Bl 1-4, undat. Entwurf 2 B fol 6 ½ S. Auf S. 4V auch Entwurf zu einem Beibrief an „Vetter“ v. Anfang 1818. Datierung „Anfang 1818“ Regest OW. KN 114,4)

Hochgeschätzteste theuerste Fr. Tante
Erlauben Sie mir, daß ich Ihnen Sie zuerst
auf das freund herzlichste grüßen und Ihnen
meine während der ganzen Zeit meines Schweigens gegen Sie und die lieben Ihrigen nie unterbrochene innigste Hochachtung aus[-]
sprechen darf. Wohl kann dieses lange
Schweigen bey Ihrem lebendigen Bewußtseyn Ihrer
innigsten Theilnahme u. herzlichsten Fr[eun]d[-]
schaft, Ihr Urtheil über mich längst
[Einschub:] und aller l. Th[eilnehmen] mir in dem ersten Feldzuge allgem. Kriegsjahr <bezeugen>
völlig bestimmt und Sie und die theuren Ihrigen genöthigt sehen mich unter die
Zahl gewöhnlicher Wortmenschen zu
zählen, und doch habe ich seit der
g[an]zen Zeit als ich zum letzten male
mich jener Beweise ihren [sc.: Ihrer] innigsten Theilnahme herzlich[-]
ster Fr[eun]dschaft erfreute nie auf[-]
gehort innigst u. herzlichst denkend
auch derselben zu gedenken, und
ununterbrochen in mir den Vorsatz
gehegt Ihnen dieses schriftlich für die
selb
zu sagen. Allein bei der
aufrichtigen warmen Theilnahme die
ich mir von Ihnen schmeichelte war
es mir lebhaftester Wunsch
Ihnen zugleich aussprechen zu
können, daß ich für mein Wirken
ein festes Ziel, für einen äußeren
festen Punkt errungen habe, und
daß sich mein Lebenszweck und der
Ort in und von welchem aus ich
ich [2x] für denselben zu wirken habe soll
fest bestimmt habe. Zwar ging erhielt
ich als ich im Jul[i] 1814 nach Berlin /
[1R]
aus dem Felde zuruckkehrte dort
die inner fester bürgerliche gehoffte öffentl
Anstellung! entgegen allein die Bedingungen
unter welchen sie mir wurde waren
auch so daß ich gleich bey meinem
Antritt Eintritt in dieser Anstellung sahe, daß
sie nicht recht die Forderung erfülle die
ich zu machen gezwungen war. So
legte ich durch innere und außere
unerlaßliche AufForderung bestimmt <Weih[nachten]> 1816
meine Stelle als Gehülfe an dem
mineralogischen Museum in Berlin
wieder nieder um mich von nun
an noch einem immer wieder auf
das lebhafteste wiederkehrende[n],
unbesiegbare[n] Triebe meines Innersten
der Kinder[-] u. Jugendpflege, der
Erziehung und dem Unterrichte zu
widmen. Meine Familienverhält[-]
niße und die warme Liebe zu meiner Familie
zeigte mir sogl[eich] den Punkt, wo ich
mein meinem innersten Wesen entsprechendes Wirken u. Thätigkeit anzuknüpfen zu
habe. In dem letzten Monat des
Jahr des leidvollen Jahres 1813 war
auch mir an den Folgen des Krieges
d[ur]ch das Lazareth Fieber mein in[n]igst
geliebter mir theuerster Bruder, der
Pfarrer in Grießheim, und 4 uner[-]
erzogenen Kindern, worunter 3 Knaben
ein sorgender erziehender Vater
entrissen worden [war]; hier mein /
[2]
erziehendes Wirken anzuknüpfen
war mir unerlaßlichste Pflicht
ich kehrte in die Nähe dieser
Kinder in mein Vaterland zurück. Den Kreis diesen
Kreis dieser Knaben vermehrte
sogleich das Zutrauen eines
andern mich sehr liebenden u. herzlichst
von mir wieder geliebten Bruders
der Fabrikant in Osterode
am Harz, welcher mir seine
beyden 6 u. 8 jährigen Söhne
zur Erziehung gemeinschaftl[ichen]
Pflege Erziehung u. Unterricht mit
jenen Bruderskinders [sc.: Bruderskindern] übergab.
So entwickelte nach und nach durch Verhältniß der Folgschaft angeregt auch
in andern namentlich in Erfurth
ein bestimmtes Vertrauen zu
mir u. meinem Wirken, so daß
sich mir bis jetzt aus jeder, von 3 Familien ein
Knabe zur Erziehung anvertraut
wurde. Auch zwey durch gleiche
Gesinnung, gleiches Streben und gleiches Loos in den Jahren des Krieges mir
in[n]igst verbundene hier in Berlin
ihrer wissenschaftlichen Ausbildung
und später da selbst <der> privat Jugendlehrer, ge[-]
lebt habende Freunde verbanden
sich mit mir
[Einfügung vielleicht hierhin:]
zwar zu einer geräuschlos still pflegend erziehenden Familie, nicht aber zu einem <nur/nun> prunkenden Erziehungsinstitut
für das mir
nur mir Einzige Lebensziel
für den mir und mir einzigen
Lebenszweck[:] Kinder[-] u. Jugendpflege,
der Ort Punkt, der Ort, durch /
[2R]
innere u. äußere Gründe bestimmt
zum künftigen Punkte meines,
äußeren gemeinsamen Wirkens wählte, ist ein
kleines verborgenes doch freundliches Dörfchen
in am Ende eines der <angenehmen> Thäler nächst dem
unbekannt[en] so schönen schonen Saalthale bey
Rudolstadt, ist Keilhau 1 Stunde
von Rudolstadt im feingebauten freundlichen Schaalthal. In diesem
Orte kaufte meines verstorbenen
Bruders Wittwe Ostern vorigen Jahres ein kleines
Bauern guth, und ließ mir
von frey dem angenehm liegenden
<geräumigen/geringen> Hofraum die Hälfte
käuflich für
zur Erreichung meines Zweckes,
die Halfte käuflich zu einem
Wohn
Erbauung eines Wohnhauses
und zu einem Garten und Hofraum
ab. Auch die Aufbauung dieses
Wohnhauses begann schon in
der letzten Hälfte des verfl[ossenen]
Jahres (zu Joh[annis] zogen wir nach
Keilhau
) und es steht seit Nov
des verfl[ossenen] Jahres vom Zimmerm[ann]
errichtet. Ich wohne nun
einstweilwen seit Joh[annis] v[origen] Jahres
wo wir sämtl[ich] hieher nach Keilhau
zogen in mit meinen 2 Freunden u. 5
Pfleglingen in einem Bauernhaus
bis es mir mit dem beginnenden
Frühling möglich seyn werden wird
unser das künftiges Wohnhaus /
[3]
möglichst bald bis zum Beziehen
auszubauen. Es ruht jetzt freylich
eine große Last auf mir, indem
ich die häuslichen Forderungen durch eine
fremde, natürlich nicht innigen
Antheil an meinem Wirken
nehmende Person, durch eine
Köchin zu erfüllen suchen muß,
weil obgleich ganz in der Nähe meiner Schwägerin wohnend mein Hauswesen ganz
von dem Hauswesen dieser ge-
trennt ist, da ihre meine Schwägerin
durch die Forderungen ihres Hauswe[-]
sens selbst hie ganz in Anspruch
genommen ist.
So steht bis jetzt mein Leben
möge Ihnen meine hochgeschätzte
theure Frau Tante, diese offene
Mittheilung desselben ein Beweis
seyn, wie lieb u. werth mir Ihre
in[n]ige Theilnahme u. Freundschaft Ihre <?> ist. Es ist
wahr, es wahr [sc: war] mir Vorsatz
diese Mittheilung bis dahin auf[-]
zu sparen, wo es mir gelungen
seyn würde
durch die Früchte
meines Strebens, und durch die Früchte meiner
Thatigkeit u. Arbeit gelungen
seyn würde auch außerlich
schon auf g[an]z eigenen Boden in einem
eigenen Wohnhause wirkend
da zu stehen, doch dieser Freude
mir dieser hohe[n] Freude mir zu machen /
[3R]
wurde ich entsagen erscheint mir
jetzt als ernste Pflicht, deßhalb
stehe säume ich nicht länger Ihnen als das
jenige
Beweis meiner in[n]igsten
u. ununterbrochenen Dankbar[-]
keit für Ihre und der lieben theuren wahrer herzlichster
Freundschaft, den Punkt meines
Lebens
mitzutheilen u. auszu[-]
sprechen bis zu welchem sich bis
jetzt mein Leben entwickelt
hat.
Seyn Sie nun auch so gütig th
hochgeschätzteste Fr. Tante
durch das vorstehende Ihr
Urtheil über mein bisheriges
u. so langes Schweigen u. die
Gründe desselben bestimmen
zu lassen, seyen Sie nun so
gütig mich
wieder Ihrer ungestöhrten freund[-]
schaftlichen wohlwollenden Gesinnungen werth zu halten
und ich bitte Sie recht herzlich darum
seyen Sie so gütig mir recht bald
durch einige Zeilen Worte oder durch einige
freundliche Worte Zeilen der lieben Ihrigen
mir einen Beweis Ihres wieder[-]
gekehrten Wohlwollens und herzlichen
zu geben. Ich würde mir selbst
das Vergnügen gemacht haben
diesen meinen lieben Verwandten u. Freunden
einige herzliche Worte die Versicherung
meiner unveranderten herzlichen
freundschaftlichsten Gesinnungen <?lich> aus[-]
zusprechen, wenn nicht die Länge
meines Schweigens gegen dieselbe
ein Hinderniß geworden wäre,
welches erst eine freundliche /
[4]
Erwiederung [sc.: Erwiderung] von Ihnen zu haben
im Stande ist. Bis Daher seyn
Sie so gütig Ihren lieben werthen
Ihrigen mit meinen herzlichsten Grüßen
auch meine die ununterbrochenen Gesinnungen
herzl meiner aufrichtigsten Freundschaft aus
zu versichern.
Nochmal bitte ich um die he <güte->
volle Erfüllung mei[ne]s herzl[ichen] Wunsches
ein[ig]er freundlichen Worte und Zeilen von
Ihnen oder den lieben Ihrigen.
Mit der aufrichtigsten Hochachtung
war u. bin ich unverandert
Theuerste, hochgeschätzte[-]
     ste Fr[au] Tante
          Ihr
     g[an]z ergebenster Vette
          Neffe u. Diener
[keine Unterschrift]