Briefausgabe Friedrich FröbelBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung / Fröbel-Forschungsstelle der Universität Duisburg-Essen

F. an Henriette Wilhelmine Klöpper in Berlin v. 19.1. - 30.1.1818 (Keilhau)


F. an Henriette Wilhelmine Klöpper in Berlin v. 19.1. - 30.1.1818 (Keilhau)
(BN 444, Bl 24-32, Brieforiginal 4 ½ B 8° 17 ½ S.)

Keilhau den Jenner 1818.
Allem andern zuvor Ihnen theuerste Freundin, den innigsten und besten Gruß meiner Seele
zum endlichen langersehnten Wiedersehen im Geiste.
Seit meinem letzteren Briefe an Sie meine hochgeschätzteste Freundin, ist Ihr Leben
durch mich sehr getrübt, ist der Schmerz desselben für Sie, durch mich sehr erhöht worden;
wie weit ich Ihre Verzeihung verdiene, möge das Nachstehende bey Ihnen entscheiden.
Es ist zwar wahr, es war Inneres und Äußeres, es war Allgemeinstes und
Besonderstes, was mir meine letztere Reise nach Berlin zur ernsten Pflicht machte,
doch gestehe ich Ihnen auch offen, daß sie, diese Reise mir besonders deßhalb lieb,
ja persönlich sehr lieb war, weil ich, Sie zu sehen, Sie mündlich zu sprechen hoffte.
In dieser Hoffnung und um mir die Erfüllung derselben herbey zu führen, schrieb
ich bald nach meiner Ankunft in Berlin, an Sie ohngefähr diese Worte:
"Pflicht rufte mich unerwartet in diesen Tagen nach Berlin; innigst freuen werde
"ich mich, von Ihnen während derselben und recht bald die gütige Erlaubniß
"Sie besuchen und wo möglich zuerst ohne äußere Stöhrung sprechen zu dürfen,
"zu erhalten; welche Erlaubniß ich mir auf das herzlichste von Ihnen, Sie hoch-
"achtend grüßend, erbitte.
Sie waren abwesend, ob mir gleich durch Personenverwechslung zurück[-]
gesagt wurde: Sie seyen bey Abgabe jener Zeilen in der Kirche gewesen.
Diese Sage bestimmte mich, nach, natürlich nicht erfolgen könnender Antwort
von Ihnen, mich persönlich zu unterrichten, ob jene Zeilen wirklich an Sie
gelangt waren, und so folgte, nach einem übrigens ganz einfachen und
natürlichen Gange der mir ganz rein und unschuldig erschien dasjenige, was sicher so sehr schmerzlich in Ihr Leben
eingegriffen hat.
Ob ich mir erlauben darf alle einzelnen Punkte des nun entstehenden
Mißverständnisses aufzuhellen, weiß ich wirklich nicht; doch stehe um
die Möglichkeit dieser Aufhellung herbey zu führen, wenigstens das We-
sentlichste hier. Sie waren in Frankfurt. Da ich einmal in Berlin war, so war wohl /
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der Gedanke ganz natürlich Sie in Fr: aufzusuchen. Daß ich diesen Gedanken
wirklich, um meinetwillen hatte, gestehe ich Ihnen offen, denn es liegt für
mich in demselben nichts schuldvolles, nichts strafbares; deßhalb fragte ich
in Ihrem Hause frey und offen, wo Sie in Fr: zu erfragen wären, und ich
willigte unbedenklich darein sich dieserhalb, selbst bey Ihrer Fr: Mutter zu er-
kundigen. Ihr Herr Vater fand sich dadurch veranlaßt, meine, jene obenstehen-
den Zeilen an Sie zu erbrechen. Ob dazu, ein weil sie an eine selbständige,
mündige Tochter gerichtet waren, ein Recht habend, lasse ich gern, denn es
ist Ihr Herr Vater, unentschieden. Dieß würde jedoch alles leicht aufzuklären
gewesen seyn, wenn nicht das Aussprechen, des so natürlichen als schuldlosen
Wunsches: - Sie zuerst ohne äußere Störung zu sprechen, Ihren Herrn Vater
zu Combinationen veranlaßt hätten, die, in Verbindung mit einer freyen,
mündigen, selbstständigen Tochter - nur einem so oft und so hart geteuschten Ge-
müthe als dem Ihres Herrn Vaters verzeihlich seyn kann und ich sehr gerne ver-
zeihlich finde. Die nächste Folge davon war ein persönliches Zusammentreffen
meiner mit Ihrem Herrn Vater. Die Aufgeregt[-] und Gereiztheit in wel-
cher ich denselben traf, mußte mir um seinetwillen sehr wehe thun; es konnte
mir also auch zunächst blos darum zu thun seyn, das Gemüthe desselben zu
beruhigen, und mußte ganz der Erreichung meines innigsten Wunsches: Ihn
zu einer klaren Einsicht des wahren Standes unseres ganz einfachen, natürlichen
reinen und also ganz schuldlosen Verhältnisses, zu einer klaren Einsicht Seiner
Selbstteuschung zurückzuführen, entsagen. Ihren Herrn Vater, als diesen
innigst hochachtend war, in der kurzen Zeit unseres persönlichen Zusammenseyns,
nur jene Seine GemüthsBeruhigung mir Pflicht, und so hoffe ich, daß Er in
meinem persönlichen Betragen nichts gefunden haben mag, wenigstens mit
irgend einem Rechte nichts gefunden haben kann, was meiner innigsten
Hochachtung Ihres Herrn Vaters entgegen gewesen sey, vielmehr hoffe und
wünsche ich, daß alles von mir ausgegangene, reinster Ausdruck dersel-
ben war. Um aber Ihre mir und meinem Wirken geschenkte persönliche /
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Achtung weiter vor demselben zu rechtfertigen, blieb mir zunächst weiter nichts
mehr übrig, als für meinen Charakter äußere Gewährleistungen zu stellen, als
in dieser Beziehung, nach bestimmter Erlaubniß hierzu, mich auf einen Mann zu
berufen, welcher gewichtige Urtheile für sich hat, auf den Ihnen auch sicherlich rühm-
lichst bekannten Baron von Kottwitz.
Leider unvermögend seyend eine der Wirkungen die aus meinem Handeln Sie
treffend, hervorging von Ihnen zu wenden, mußte ich trauernd von Berlin hieher zu-
rückkehren, doch mit dem festen Vorsatze Sie möglichst bald über die Veranlassung
und Gründe meines Handelns zu belehren. Bey meiner Zurückkunft hieher
fand ich Ihren theuern lieben Brief von 20sten Oktober, welchen Ihre Güte mir
vor Ihrer Reise nach Frankfurt geschrieben. In diesem Ihren herzlichen, innigen
Briefe fand ich die unumgängliche Fo[r]derung, Sie, wahre, ächte Freundin nun
unumwunden von meiner äußern Lage zu unterrichten, so wie ich in den vori-
gen Briefen Sie offen wahr und klar mit meinem Innersten mit meinem Cha-
rakter bekannt machte. Doch wie ich Ihnen gleich Eingangs dieses Briefes
aussprach, daß Allgemeinstes und Besonderes, Persönlichstes mir die Reise
nach Berlin zur Pflicht gemacht hatte, so trat jenes Allgemeine Besondere gleich nach
meiner Rückkehr aus B. gänzlich in mir zurück und machte gern und willig
einem Allgemeinern, das sich mit aller Kraft aus meinem Innersten empor
strebte, und als solchem höher stehenden als mein Besonderes, Platz.
Ihnen meiner besten, meiner Seelenfreundin, darf ich es offen und klar sagen,
daß ich jene Reise nach B. mit zu dem Zwecke unternahm, um von allen Seiten
her gesehen und erkannt zu haben: daß das wandelloseste Streben nach voll-
endeter Erreichung des, als mein Ziel meinen LebensZweck, erkannten Zieles
und erkannten LebensZweckes mir ganz unerläßliche Pflicht sey.
In den Jubelfest- und Feyertagen der Wiedergeburt des Lichtes und der
Wahrheit, welches die gesammte evangelische Christenheit in jenen Tagen
feyerte, - mußte sich der sicherste und unleugbarste Prüfstein jedes Strebens,
das sich ein Streben nach dem Lichte der Wahrheit nannte und nennt, oder
wenigstens in diesem Streben seinen Grund zu haben vorgab und vorgiebt - offenbaren /
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offenbaren. Nach einer entscheidenden Erscheinung sehnte sich mein - von einer wür-
digen Feyer dieser Tage (:die ihm äußerlich gar nicht entgegen trat:) erfüllter Geist
erfülltes Gemüth in Hinsicht auf sein, auf mein Streben. Siehe! da einte sich -
durch ein, sich auch in meiner Vaterstadt äußerndes Streben: Luthers Verwandte
mit Geld zu unterstützen und gleichsam so, Luthers Verdienste abzulohnen, ver-
anlaßt - Alles mein Streben in dem Einen Gedanken:
"Luthern durch Erziehung noch unter uns lebender Blutsverwandten desselben
"ein lebendiges Denk- und Dankmal zu setzen."
Und von nun an war alle meine innere und äußere Thätigkeit, alles mein Wir-
ken und Thun nur der Verwirklichung dieses Gedankens, und der Sorge für die au-
genblicklichen [sc.: augenblickliche] Befriedigung der Bedürfnisse meines Hauswesens geweiht.
So wie jener Gedanke von dem innersten, reinsten, lebendigsten Leben geboren
worden war, so ergriff er auch bey seiner Mittheilung lebendig, wurde auch mit
Innigkeit, Reinheit und Lebendigkeit aufgenommen und bald einte sich zu seiner
Verwirklichung eine Mehrheit evangelischer Christen und wahrer Verehrer Luthers,
und so entwickelte sich immer mehr und mehr zunächst in dem Gründern des Ver-
eins Vaterstädten Erfurth und Rudolstadt, thätige und innige Theilnahme. Bald
aber verbreitete er sich auch, durch die innersten Gründe bestimmt, durch Mittheil-
ung an gleichgesinnte christliche Freunde in den Städten: Berlin, Frankfurt a/Main
Göttingen, Stettin, Münster, Bernburg, Aschersleben, und wie ich jetzt höre auch
Leipzig.
Sie können Sich nun meine innigste, theuerste Freundin leicht sagen, wie, über die
mich vielseitig in Anspruch nehmende Pflege dieses Gedankens, mit dessen Verwirk-
lichung mein innerstes, eigentstes Leben und Streben so in Eins zusammen fiel,
die Rücksicht auf meine persönlichen Verhältnisse - so lieb, so theuer sie mir auch
waren und sind - auf einige Zeit zurück traten und zurück treten mußte.
Hierinne hatte es seinen Grund, daß Ihr mir so sehr lieber, theurer Brief
dennoch so lange und bis jetzt, von mir unbeantwortet blieb; hierinne hatte
es seinen Grund warum ich Ihnen die unerläßliche Aufklärung, über meine Reise
und die daraus für Sie hervorgegangene[n] Schmerzen, so lange und bis jetzt schuldig blieb.
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Doch von Ihnen beste, innigste Freundin hoffe ich volle Verzeihung für dieß mein, Ihnen
gewiß um meinetwillen wehe gethanenes langes Schweigen, weil es nur darinne be-
dingt war, daß ich höhern Pflichten Gehör gab, und der Erfüllung derselben willig selbst
Ihre Achtung, die höchste Menschengabe die ich jetzt kenne, zu opfern Ergebung hatte.
Aber meine äußere, ökonomische Lage liegt hiernach nun um so klarer vor mir,
und es ist meine Überzeugung und mein Wille, es ist mir nun noch Pflicht, Ihnen
meiner innigsten Freundin, diese meine häusliche und ökonomische Lage und Ver-
hältnisse eben so klar vorzulegen, als ich sie selbst erkenne, da ich will, daß Wahr-
heit zwischen Ihnen und mir herrschen soll, da sie zwischen uns herrschen muß.
Ich habe Ihnen in meiner ersten Mittheilung offen ausgesprochen, daß ich ohne Alles bin
was die Welt Etwas nennt. Ich besitze schlechterdings kein liegendes und kein klingendes
Vermögen; denn ich verwandte alles Vermögen dieser Art, was ich von Zeit zu Zeit durch
die Vorsehung erhielt nur allein zur möglichsten vollendetsten Befriedigung, des nicht [selbst]
in mir gelegten Bildungstriebes vertrauensvoll, zur Ausführung, zur möglichst
vollendetsten Ausführung dessen, was in meinem Innersten sich mir zu thun Kund that;
ja ich gab noch, ehe ich aus Berlin ging alles was ich nur noch von einigen Geldwerth
besaß willig und mit Ergebung von mir, ich legte auch meine letzte öffentliche An-
mir wenigstens ein spärliches Auskommen gewährende Anstellung (in Berlin) wieder
nieder um in allem und durch alles mein Thun nach der Erkenntniß meiner Pflicht
und nach der lautesten Stimme in meinem Innersten handeln zu können, wirklich zu handeln.
So obgleich von allen äußern Mitteln ganz entblößt, folgte ich dennoch unbedingt, der
sich mir, als unerläßlich aussprechenden Foderung des Zweckes: sich ein Haus zur er-
bauen, damit, so wie innerlich das Wirken von einem festen, bestimmten, innern
Punkt ausgehe, so auch äußerlich von einem eben so fest bestimmten äußern Punkt.
Da es der Zweck war, welcher dieses Wohnhaus foderte, nicht ich, so erbauete es sich
auch im verflossenen Jahre frisch, so weit als es nur in der späten Jahreszeit wo es
unternommen worden hier noch möglich war, nämlich (weil hier als in einem Holz-
lande wo das Meiste von Holz gebaut wird) bis zum völligen Aufgerichtetseyn
vom Zimmermanne, und (weil hier vieles mit Schiefer gedeckt wird,) bis zum
Bedecktseyn des Hauses mit Bret[t]ern.
Dieses Haus steht auf einem der angenehmst liegenden Stellen ganz am Ende /
[26R]
des hiesigen Thälchens und Dörfchens. Meine Schwägerin (:die Frau meines verstorbenen Bruders
dessen drey Knaben ich zugleich mit meinen bey mir wohnenden Pfleglingen erziehe und un-
terrichte:) - welche hier zur Sicherung ihrer Subsistenz [= materielle Lebensgrundlage] ein kleines Bauernguth ge-
kauft hat, hat mir nämlich die schönste Hälfte ihres geräumigen Hofraumes,
welche außer der nöthigen Baustätte noch einen hinlänglichen Hausgarten- und
Hofraum gewährt, käuflich abgegeben. Hier steht das Wohnhaus, welches
der Zweck foderte, und welches durch die aus dem Zwecke hervorgegangenen Mittel
sich bis jetzt noch etwas weiter als ich eben aussprach ausbauete. Dieses Haus
nebst Grund und Boden ist das äußere Vermögen welches ich jetzt besitze, oder
wie ich es mir der Wahrheit der innern Verhältnisse nach, entsprechender aus-
spreche: dessen Verwalter ich bin. Dieses Haus und Grund und Boden, so
wie es bis jetzt steht, mag dem Zwecke (:bey dem hier herrschenden sehr geringen
Werthe von dergleichen Vermögen wegen des hier statt findenden geringen Geldum-
laufes:) nur gegen 1000 Thaler zu erwerben gekostet und also für ihn auch diesen
Werth haben. Davon bin ich aber als des Zweckes Verwalter jetzt noch ohnge-
fähr 500 Thaler bar zu bezahlen schuldig. Außer diesen schuldigen 500 Thalern
fodert aber das Werk, der Wirkungsort, das Haus desselben zu seiner Föder-
ung und Ausbauung zunächst noch die Summe von 500 - 1000 Thalern; so daß
also das Werk zu seiner möglichst vollkommenen und allseitigen Pflege zu
möglichst vollendeter Erreichung seines Zweckes, jetzt die Summe von 1000 bis
1500 Thalern fodert. Doch besitze ich zu diesen 1000 bis 1500 Thalern, bis jetzt
auch nicht einen Pfennig, vielweniger einen Thaler; aber mein Leben
hat mir bis zu eben diesen [sc.: diesem] jetzigen Augenblick, durch die unbezweifelhafte-
sten Thatsachen die Überzeugung gegeben, daß in mir eine, mir nicht selbst ge-
gebene Kraft wohne, welche zur allseitigen Befriedigung des in ihr leben-
den Bildungstriebes, zur möglichsten Vollendung ihrer Pflege bis jetzt schon
durch sich, ganz selbst- und freyständig ganz selbst- und freythätig mehre-
re Tausende, äußere Mittel in die Wirklichkeit rief und zu Tage föderte,
die ich aber nach dem Beyspiele jedes ächten Haus- und Landwirthes, nach
Maßgabe meiner jedesmaligen besten Einsicht, immer sogleich und un-
mittelbar wieder in mein und zur Verbesserung G meines Guthes, d.h. /
[27]
zur Erhöhung, Steigerung, Entwicklung und Ausbildung der mich belebenden geistigen
Kraft, des in mir wohnenden Geistes, treu verwandte. Diese nicht selbst und von mir in mich
gelegte Kraft, dieser mir nicht selbst gegebene Geist wird nun so, auch mit Sicher-
heit und Gewißheit, so sicher und gewiß als jene Kraft und jener Geist lebt
und wirkt, sich ferner auch die nöthigen äußern Mittel, zur äußern Erreichung
seines Lebenszieles und Lebenszweckes, erringen und hervorfödern, wenn
nur das vor mir stehende Lebensziel, der vor mir stehende Lebenszweck mein
wahrer und ächter, das. h. das mir, der mir von Gott und Natur bestimmte
ist; und dieses ganz klar und unzweydeutig einzusehen ist mein tägliches, ste-
tiges Bemühen; das Flehen um diese klare Erkenntniß und reine Einsicht
meine einzige Bitte. Und seit Jahren bis zu eben diesen [sc.: diesem] Augenblick wo ich eben
dieses niederschreibe, liegt Nichts vor mir, welches mir ausspreche: ich habe
mich in der Wahl meiner Bestimmung in der Wahl meiner Pflicht, so wie sie
sich in der innersten Tiefe meines Gemüthes mir klar ausspreche und aus
demselben hell lebendig entgegentrete, geteuscht. Wie könnte dieß auch
möglich seyn, da ich sie schon als Knabe, als eine mir nicht von Außen ge-
kommene lebendige Empfindung, als einen mir nicht von Außen gekommenen
hellen, lichten Gedanken empfand, und diesen Gedanken, jene Empfindung seit
jenem meinen Knabenalter bis jetzt in mein 36stes Jahr pflege und während
dieser Zeit wenn auch mit ungleich sicherm Tritte und vielleicht nicht immer
gleich geraden Weges aber doch immer unverwandten Zieles mir zu klarer
Einsicht und die Mittel zur Erreichung desselben mir zur lebendigen sichern
Aneignung [an]gestrebt habe.
So habe ich Ihnen meine theilnehmendste Freundin nun offen meine äußer-
liche Lage, ich kann sie vielleicht die bürgerliche nennen, vorgelegt, wozu
nur noch gehört Ihnen auszusprechen, daß ich hier allgemein von meinem
Fürsten und Hofe bis auf den Geringsten mich umgebenden und kennenden
herab, nach eines Jeden Einsicht, Erkenntniß- und FassungsVermögen, und
nach eines jeden eigenthümlichen Leseart meines Handelns und Thuns

in meinem Streben anerkannt und geachtet werde.
Eben so offen wie ich Ihnen meine freyeste Freundin, meine bürgerlichen /
[27R]
Verhältnisse darlegte, lassen Sie mich Ihnen nun auch meine häusliche Lage
aussprechen.
Sie ist im hohen Grade unvollkommen. Sie muß es seyn, da es mir
bis jetzt nicht gelang (:vielleicht nicht gelingen sollte!) nur einstweilen
ein verwandtes, wenn auch nicht innig mit mir zu einendes W weibliches
Wesen zu finden, welche mich ganz verstehe und nach Maßgabe dieses Ver-
ständnisses in mein Hauswesen wirkend eingreife.
Es ist wahr meine Schwägerin, die gewesene Frau meines verstorbenen mir theu-
ersten liebsten Bruders, also Predigerwittwe, wie sie selbst Prediger Tochter
ist und die Mutter 3er meiner Pflege genießenden Knaben, wohnt dicht in
meiner Nähe, aber, wie es sich hier gebührt offen gesprochen, aber sie ist eine
zwar sehr verständige und wortkluge, aber keine häusliche, gemüthliche, wie
soll ich es besser sagen als keine weibliche, oder vielleicht besser hausmütter-
liche Hausfrau. Da ich nun Verstandeseinsicht, so wie Wortklugheit, ohne ein
beyden, wenigstens dem Streben nach, möglichst entsprechendes Leben, That
und Thun und Wirken, besonders bey den Hausfrauen hasse, so steht mir
meine Schwägerin, da ich mich besonders, jener Nichts schaffenden, Nichts
wirkenden, wohl aber verderbenden thatenleeren Verständigkeit, überall
wo sie mir entgegen tritt und wo ich ein Recht dazu habe, stark, ernst und
auch wohl heftig entgegen stemme, so steht meinem Hauswesen besonders
seit langer Zeit meine Schwägerin ganz fern, und es ist dieß auch recht
gut, denn es ist weit besser gar keine Hülfe als halbe Hülfe die sich für
ganze giebt. Dieserhalb lebe ich nun aber mit dieser meiner Schwägerin
in keinen Unfrieden, ich lasse sie gerne in jeder ihrer Würde und ihrem
Werthe, so wie ich alles was sie gutes an sich hat achte, und auch sie
achtet mich in meinem Streben und auch sie achtet mich in meinem Stre-
ben
und unterstützt es auch nach ihrer besten Einsicht nach Möglichkeit,
aber eine stille ich möchte sagen nur durch ihr Erscheinen ordnend wirkende, ruhig
schaffende, sanft pflegende Hausfrau die ich bedarf, dieß kann, wenigstens
 /
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will sie nicht seyn. Vielleicht achtet sie es unter der Frauen Würde, und doch kenne
ich keinen Ausdruck höherer Frauenwürde, als den eben genannten als den einer,
nur durch ihr Erscheinen auch das Gewöhnlichste veredelnde, auch das täglichste
Leben zum Spiegel eines höhern, des höchsten MenschheitsZieles bildenden Hausfrau.
Ich kenne kein Wirken als das ebengenannte durch welches alle Sehnsucht, alle
Geistes- und Gemüthsfoderungen des Weibes vollendeter erfüllt und be-
friedigt werden, denn der Mann achtet und liebt sie als die höchste und beste
und schönste Gabe, welche die ewige Liebe ihm schenken kann, denn durch sie
diese Gabe wird es ihm dem Manne allein möglich seine Bestimmung als Mensch rein und
vollkommen zu erreichen seine Pflichten als solcher mit Treue und Aufopferung
zu erfüllen. Eine solche Hausfrau ist sicher die höchste Frauenwürde - denn sie
führt, sie leitet sanft pflegend die Menschheit zu ihrem Ziele. Aber er der
Mann giebt nun auch diesem seinem Weibe das beste und höchste Gepflegte
Geschafte und Gewirkte seines Geistes und Gemüthes, das Geordnetste und
lange Geprüfte, und so dünkt mich kann und wird im Lebensturm wie
in des Lebensheitre, im Lebenskampf wie in des Lebensfrieden, im Lebens-
druck wie in des Lebensschmerz (:denn durch alle redet Gott zu den Menschen
zum Manne:) die Sehnsucht des Weibes erfüllt, welches - wie es mir erscheint
nichts will nichts bedarf, als daß den herrlichen göttlichen Gestalten
die in seinem Gemüthe ruhen, durch das Wort des Mannes - die Rede,
daß dem Himmel welcher in das Gemüthe des reinen Weibes erfüllt
bewußtes Leben gegeben werde, und so der ganzen schönen Gemüths-
welt: wahre Deutung, Verständniß, Sprache, Rede.
Diese meine Schwägerin hat zwar nun noch eine Tochter von fast
16 Jahren. Aber müßte auch dieses Mädchen der Natur nach nicht
der Mutter näher als mir stehen, so ist es ja überdieß noch außer der
Bestimmung des Mannes ein Mädchen als Mädchen in seine häusliche
Bestimmung einzuführen.
Diesemnach muß ich mein Hauswesen durch eine ganz fremde Person
führen lassen. Es ist zwar die Person die ich jetzt habe gutmüthig, willig, aber /
[28R]
kann ich von ihr der Fremden fo[r]dern daß mein Interesse bis in das Kleinste
welches im Hauswesen das Größte bewirkt das ihre sey. Ihr fehlt die alles
ordnende, um- und einsichtige Herrin. Hiernach ist es wohl nicht möglich,
daß mein Hauswesen ein Muster eines gut eingerichteten Hauses sey und
ist, was so wohl ich wünschen muß als herzlichst wünsche, und was auch
Andere, namentlich meine Verwandten streng von mir fodern und als
einen großen Mangel der Äußerung meines Strebens - (ob ich gleich
sonst ganz selbstständig und ganz von ihnen unabhängig lebe) - dennoch
streng, vielleicht zu hart rügen.
Hiezu kommt nun noch, daß ich wegen der Unvollendetheit meines
Baues bis jetzt noch mit meiner zahlreichen Familie in einem nicht
bequemen Bauernhause ziemlich eng zur Miethe wohnen [muß]; deßhalb ist
es mir aber auch ernstestes Streben bis zu Ende des Frühlings des kommenden
schon wenigstens einige Stuben und Küche in meinem neuen Wohnhause ausge-
baut zu sehen.
Nun bin ich Ihnen theure Freundin noch schuldig Ihnen über über die Mittel und die
Sicherung meines bürgerlichen und häuslichen Bestehens möglichste Nachweisung
zu geben. Das Allgemeinste aber somit aber auch das Innerste darüber
habe ich Ihnen schon oben ausgesprochen; doch dürfte Ihnen dieß vielleicht nicht
genügen; was ich Ihnen jetzt im Besonderen darüber sagen kann ist folgendes:
Mein innerstes Lebensziel und innerster Lebenszweck fodert, es zu seiner
Verwirklichung unzertrennlich und so fo[r]dert es meine Bestimmung unver-
meidlich, daß ich einen sich wechselseitig erziehenden und ebenso wechselseitig
erzogen werdenden bildsamen Kinder- und Jugendkreis um mich her bilde
und schaffe. Das innerste, höhere Band was der Geist und das Leben welcher
diesen Kreis hervorrufte und ferner hervorrufen wird, wird ihn diesen
Kreis zu einer höhern geistigen, und so gewiß innigsten Familie verbinden.
Dieß bestätigt jeder Tag jede Stunde seines 5/4 jährigen Bestehens, und bezeugt
jedes neu hinzutre[te]nde Glied, durch die Wohlthätigkeit [sc.: Wohligkeit], mit welcher es sich in
diesem, bis jetzt in seinen Äußerungen doch noch so unvollkommenen, immer /
[29]
Kreis immer mehr und mehr fühlt, je länger es sich in demselben bewegt
und in ihm lebt.
Diese Familie höherer Art bin ich bis jetzt Willens auf 16-18 Knaben
und Jünglinge auszudehnen. Willens Ob ich nun gleich den Antheil den
jeder zur Erhaltung des Ganzen beyzutragen hat nicht höher rechne, als daß
eben dieses Ganze in Lebensfrische bestehe, so darf ich doch wohl bey der
jetzigen Kostbarkeit der Lebensbedürfnisse, für hiesige nicht ganz theure
Gegend, als 150 bis 140 Thaler als den jährlichen Beytrag eines jeden rechnen,
dieß giebt eine jährliche Einnahme von ohngefähr 2500 Thalern und dafür
hoffe ich, eine Familie von ohngefähr 24-25 Personen bey größtmöglichster
Ordnung und Sparsamkeit in hiesiger eben nicht gar theuern Gegend
erh jährlich erhalten zu können.
So hoffe ich, meine liebe theure Freundin, meiner einstigen Gattin
und Hausfrau zwar kein glänzendes "aber ein bescheidenes und genügsames
Au[s]kommen gesichert" zwar kein sorgenfreyes, aber ein edles und jeden
Weibes würdiges Leben gesichert zu sehen.
Ob dieses alles aber auch in der Wirklichkeit einst statt finden könne
und werde, das urtheilen Sie aus dem Bisherigen und Folgenden selbst.
Irre ich nicht, so habe ich Ihnen schon ausgesprochen, daß meine ersten und ältesten
bey mir ganz lebenden Pfleglinge, die 7 und 9 jährigen Knaben meines Bruders
in Osterode sind. Dieser erstattet mir den Betrag der Unterhaltungskosten derselben
derselben ganz; der nun folgende meiner Zöglinge ist der 12 jährige Bruder Lange-
thals
, für diesen erhielt ich bis jetzt als Beytrag zu den Unterhaltungskosten jährlich
75 Thaler. Außer diesen habe ich jetzt noch zwey, 10 und 12 jährige Knaben
Erfurther Bürgersleute bey mir; für jeden wird zur Erhaltung des Ganzen
jährlich 100 Thaler beygetragen. Langethal und Middendorff steuern bis jetzt
noch und so lange als sie noch überwiegend mehr empfangend als gebend sind zur
Erhaltung des Ganzen angemessen bey. Es ist vielleicht möglich, daß mir
jetzt hierdurch noch nicht ganz, die jährlichen Unterhaltungskosten meines Haus-
wesens gesichert sind, besonders da ich bis jetzt noch nicht alles möglichst /
[29R]
entsprechend einrichten kann, doch wird wohl bey dem hiesigen mittleren
Preise der Nahrungs-Mittel nicht gar viel fehlen. Ich kann dieß deshalb
nicht genau bestimmen, weil es mir bis jetzt noch nicht; besonders we-
gen dem Hausbau möglich ward eine reine und klare Rechnung zu führen.
Daß ich den jährlichen Beytrag der letzt genannten Knaben nur zu 100 Thaler
für jetzt bestimmte hat seinen Grund darinne, weil ich jetzt noch, mit dem
was mir in Hinsicht der Knabenpflege möglich ist, noch zu bedeutend hinter
meinem Wollen und Ziel zurück bleiben muß, so z.B. habe ich es den Eltern
welche meine äußere Lage kennen, bestimmt ausgesprochen, daß ich für den
Unterricht der Knaben nichts in Anschlag bringe.
Dieß die Gegenwart. Was die Zukunft betrifft, so entwickelt sich aus
meinem Streben besonders in Erfurth immer größeres Zutrauen, so hat
z.B. die Mutter eines meiner Pfleglinge (:sie ist Wittwe und hat noch 2
Erziehungsbedürftige Knaben:) feyerlich erklärt: es sey ihr im Fall sie
sterben sollte, ihr fester dann auszuführender Wille, daß ihre zwey noch bey
sich habenden erziehungsbedürftigen Knaben mir dann auch zur Pflege über-
geben würden, weil das Vermögen hinlänglich sey, die jährlichen Ausgaben
dafür vollkommen zu decken. Der ältere dieser beyden Knaben wird ohne
Zweifel schon künftigen Sommer zu mir kommen. Anderer zuversichtsvoll
vertrauenden Äußerungen in Erfurth gedenke ich weiter nicht. Ebenso
hat sich auch in Osterode außer meinem Bruder noch anderes Vertrauen
für mich entwickelt, doch konnte ich ihm bis jetzt wegen der Beschränkt-
heit meiner häuslichen Lage nicht entsprechen. Auch noch andere Keime des Ver-
trauens zu mir und meiner Knaben- und Jugendpflege könnte ich
nahmhaft [sc.: namhaft] machen. Doch alles dieses sich so lebendig und in so mannich-
faltigen Punkten für mich und mein Streben zeigende Zutrauen, ist
vielleicht nicht so sprechend, nicht so wirksam als das, sich allgemei-
ner und in mehreren Punkten sich jetzt immer bestimmter aussprechende
Zutrauen des Vereins für ein lebendiges Denk- und Dankmal
Luthers - welcher wie ich oben aussprach, die Pflege, Erziehung und
 /
[30]
Unterricht zweyer Luther mir zu übertragen wünscht, daß sich dann an jenes so
allgemein durch eine so sprechende That ausgesprochene Zutrauen, gewiß das
Zutrauen mancher Eltern welche eine zweckmäßige Pflege für ihre Kinder ernst-
lich suchen, anschließen wird, ist wohl kein grundloses, zweyelhaftes Erwarten,
es ist ein Erwarten, welches seinen festen, sicher Grund in der festen, sichern Über-
zeugung des wahren, reinen Wollens des nur einzig Guten hat.
Ob nun aber auch jenes Zutrauen, jenes Interesse für das Streben des Ver-
eins für ein lebendiges Denk- und Dankmal Luthers wirklich so allgemein ist
wenigstens noch so allgemein werden wird, als es uns hier, als es besonders
mir erscheint, ob es, jenes Zutrauen wirklich so fest als es uns und mir erscheint
außer uns begründet ist, dieß können Sie in der Mitte einer kleinen lutherischen
Welt lebend, welcher es, jenes Streben, von zwey Seiten dem Herrn Hofprediger
Sack und dem Herrn Baron von Kottwitz bekannt gemacht wurde, vielleicht
mit größerer Sicherheit bestimmen. Vielleicht kommt Ihnen auch von einen [sc.: einem] der
andern Orte z.B. Stettin, oder Münster oder Bernburg darüber Kunde.
Die mir bedeutendsten Urtheile, welche schriftlich vor mir liegen, sind mir
über die Sache ausgesprochen worden, von dem Herrn Hofprediger Zeh in Rudol-
stadt, welcher sagt: "Mit demselben Vertrauen, welches Sie mir mündlich
"und in ihrem Aufsatze schriftlich ausgesprochen haben, und in der wahren Hoff-
"nung, die nicht zu Schanden werden läßt, weil es Hoffnung in Gott ist, sehe
"ich dem Gelingen Ihres Unternehmens entgegen."
"Was ich außer meinem persönlichen Beytrag noch weiter für das Fort-
"wirken thun kann, werde ich mit der Bereitwilligkeit thun, welche Aner-
"kennung großer Zwecke zur Pflicht macht - Gott segne das Werk!"
In einem 2ten Briefe, 14 Tage später sagt derselbe (:von uns als so wie
überhaupt als einer der vorzüglichsten Lutherschen Prediger anerkannt:)
"Auch der Pfarrer und Prinzenerzieher Gräf ist von Ihrer großen, würdigen
"Idee erfüllt, durch ihn wird es den Fürsten, der Fürstin und dem ganzen Hofe /
[30R]
"mitgetheilt werden" (:Später haben wir von zwey Seiten mündlich gehört, daß
sich der Hof mit Bestimmtheit für unser Unternehmen erklärt hat; ja der Ver-
ein hat die klare Weisung erhalten, sich wegen bestimmter Subsiristion [= Subsidium = Unterstützung, finanzielle Hilfe ?] für
den Zweck des Vereins nur schriftlich an Hof zu wenden, und derselben ganz
gewiß zu seyn.:)
Dieß kann nun freylich nicht für den absolut innern Werth der Sache ent-
scheiden, doch hier ist ja auch blos von einer äußern Anerkennung und einem
äußern Bestehen des Unternehmens die Rede; die Erkennung aber des
Werkes selbst kommt nur aus dem Innersten, oder was gleich ist kommt nur
aus der Höhe, kommt nur von Gott; das Stehen aber des Werkes ist nur in dem
Innersten, oder was gleich ist, ist nur in der Höhe, ist nur in Gott. -
Was nun weiter die äußere Anerkennung des Werkes betrif[f]t, so heißt
es in einem Briefe aus Göttingen an uns: "Die Sache lieber Langethal
"wofür Ihr so enthusiasmirt seid, hat auch bey mir ein sehr lebhaftes Inte-
"resse erregt, den Prof: Plank, den Veteran unserer Kirche, den [sc.: dem] ich die Sache
"ganz einfach und gerad so wie im Schreiben selbst lautet, vortrug, ergriff
"die Idee dergestalt, daß er erklärte, ohnstreitig verdiene das Unternehmen
"die nachdrücklichste Unterstützung, da es vorzüglicher sey als alle bisherige."
Ihnen aber, Ihrem Geiste und Gemüthe, Ihrer Einsicht und Umsicht überlasse
ich es nun ganz, aus diesen und den Ihnen in Berlin zukommenden Äußerungen
die wahresten Folgerungen, für das Bestehen nicht nur dieses Werkes des
Vereins, sondern auch für das Erreichen und Bestehen meines persönlichen
Strebens zu ziehen.
Und so liegt denn nun mein ganzes Leben und Seyn mein innerstes
und äußerlichstes offen und klar vor Ihnen, so offen und klar als es jetzt
selbst vor mir liegt. Entscheiden Sie nun hiernach welchen inner[n] und äußren
Antheil Sie an denselben nehmen können und wollen; denn ob ich gleich von
Ihren verehrten Eltern nur Ihren Herrn Vater und diesen unter wenig /
[31]
günstigen Verhältnissen gesehen habe, so bin ich mir doch einer wahren, aufrichtigen
Hochachtung derselben bewußt, denn es sind ja Ihre Eltern, und ob es mir
gleich nicht möglich werden würde, durch ein persönlich nahes Leben denselben
Freude machen zu können, so bin ich doch überzeugt, daß Ihre lieben Eltern ihren
schönsten und besten Wunsch Ihr, der geliebten Tochter Wohl, keinem Würdigern
an vertrauen, es in keine wahrere Hand legen können als der meinen, und daß
Ihre theuern Eltern so, wenn auch aus der Ferne, aber um so reiner unge-
trübter wahre Lebens- und Herzensfreude zu Theil werden werden. Und
obgleich mein Wirken ein ganz freyes, selbstständiges, kein von Staatsverhält-
nissen getragen werdendes und somit nicht dessen glänzendes Äußere theil-
end ist, ich auch selbst nur der heiße und als der genannt werde, der ich bin,
so bin ich doch überzeugt, daß mein Wirken und Leben ein, jeder freyen Frau
würdiges, und somit Eltern und Tochter nicht verdunkelndes, ja gewiß ehren-
des ist und immer mehr werden wird.
Das Urtheil Ihres Herrn Vaters über dieß mein Wirken und Leben, so
wie überhaupt über meine Person zu berichtigen zu bestimmen, muß ich einer
andern Person überlassen. Nach dieser Seite hin etwas für mich zu thun scheint
mir ganz unmöglich. Ich muß dieß einer andern für Ihn genügenderen, ge-
wichtigern Stimme als der Meinigen überlassen, so wie ich es dieser über-
lassen muß Ihn davon zu überzeugen, daß es mir nicht Zweck ist und
nicht seyn kann die große Zahl der unzweckmäßigen Schulen mit einer <neu->
en, die vielen schlechten Erziehungs- und Lehranstalten mit einer neuen
zu vermehren und so, mehr Unheil als Heil zu stiften.
Glauben Sie, theuerste Freundin, daß dasjenige was ich aus Veranlas-
sung des sich gebildet habenden Vereins auch noch ganz besonders über
mein eigenstes persönliches Streben ausgesprochen habe, das Urtheil
Ihres Herrn Vaters über mich berichtigen könne, so sage ich Ihnen, daß
sich eine Abschrift davon in den Händen der Herrn Gebrüder Sack, und eine /
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andere in der Hand des Herrn Baron von Kottwitz befindet. Von einem dieser
beyden Punkte wird es Ihnen sicherlich möglich werden, es sich mittheilen
zu lassen und es wird mich innigst freuen wenn Sie es thun, denn es
mag vielleicht zum vollständigsten Gemälde meines ganzen Seyns nicht
ganz unwichtig seyn; ich würde es daher sicher und gern Ihnen hier beyge-
legt haben, wenn dieser Brief dadurch nicht zu sehr und wie ich glaube
unnöthig vergrößert worden wäre.
So bleibt mir nun über mich über mein ganzes, über mein inneres und
äußeres Leben nichts mehr zu sagen übrig zur richtigen Auffassung desselben
nichts mehr zu thun übrig als noch auszusprechen, daß ich auch bis in die ge-
heimsten und innersten und innigsten Verhältnisse meines Lebens, in
allem meinen eigensten Denken und tiefsten Empfinden seit der ganzen Zeit meines Lebens
keinen Punkt kenne der für Sie, nur jetzt schon ein Geheimniß zu bleiben
Ursache hätte - und um Sie zu bitten: prüfen, entscheiden, handeln, wirken
sie nach Ihrer besten Überzeugung, durch und an dem Prüfstein, welcher
sich Ihnen im harten und schmerzesvollen Lebenskampf als der höchste und
einzig unfehlbare geoffenbart und bewährt hat, aber seyn Sie so gütig
mir Ihre Entscheidung:
Können und wollen Sie nun noch, nach den Verhältnissen in welchen
Sie stehen, nach allen meinen Verhältnissen wie ich Sie Ihnen klar
und wahr vorlegte mir Gattin, mir Gefährtin, mir Mitarbeite-
rin im Garten Gottes seyn? -
möglichst bald auszusprechen, möglichst bestimmt; denn Sie empfinden
gewiß mit mir, Sie sehen gewiß mit mir ein wie die Nothwendigkeit
es mir zur unerläßlichsten, hohen, möglichst bald zu erfüllenden Pflicht
macht ernstesten Sinnes mir es Sorge seyn zu lassen, mir eine
Genossin meines Lebens so wie es mein Lebenszweck fodert zu suchen.
Offen gestehe ich Ihnen, daß ich zwar jetzt nicht weiß ob und wo sie,
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diese mir so wesentlich nöthige Lebensgenossin jetzt leben mag, daß ich mich
aber, auf jede höhere Ausbildung derselben willig Verzicht leistend auch nur be-
mühen werde, ein, nur natürlich gutes, ganz einfaches, liebendes und somit
natürlich frommes Mädchen zu suchen.
Schließen Sie von diesen meinem klaren Denken über, glauben Sie nach diesem
meinen so offenen Reden zu Ihnen von dem innigsten und gemüthlichsten
aller Lebensverhältnisse nicht, daß ich vielleicht kein liebendes Herz, keinen
gemüthlichen Sinn und sinniges Gemüth in selbiges mitbringen würde; frey-
lich kann ich nur von mir selbst, aber dennoch in der festesten Überzeugung aus-
sagen, daß ich nicht glaube, daß ein Mann in dieses Verhältniß mit ächterem
geläutert liebenden Herzen und Sinn, als ich die meinen erkenne, in dieses
Verhältniß eintreten kann; denn ich liebe Gott und Ihn und mein Streben ist
diese Liebe in allem meinen Thun auszusprechen; und in dieser Liebe hat selbst
die Härte ihren Grund, die Personen die mir sind werth sind, z.B. meine Schwä-
gerin mir Schuld geben.
Sollten Sie in Berlin eines äußern, aber gewiß innigst theilnehmenden
rathenden, tröstenden und unterstützend helfenden Freundes bedürfen, so
werden Sie solchen gewiß in den [sc.: dem] Herrn Baron von Kottwitz, mich persönlich
und in meinem Streben kennend und ich hoffe achtend finden. Ich achte ihn den
Baron von Kottwitz innig hoch und ich glaube in ihm einen väterlichen
Freund zu haben, habe deßhalb auch während meiner letzten Anwesenheit in
Berlin Ihr achtendes Vertrauen zu mir, welches mir davon den höchsten un-
läugbarsten Beweis zu geben entschlossen ist, ausgesprochen.
Nur bitte ich Sie theilen Sie ihm meine Briefe an Sie nur dann mit, wenn
Sie fest überzeugt sind, daß meine Sprache ihn nicht an mir irre mache, sein
Vertrauen zu mir, seinen Glauben an mich nicht trübe. Daß dagegen Ihre
Mittheilungen Ihm sehr zugänglich seyn werden, dieß weiß ich.
Mit der innigsten Herzlichkeit bitte ich Sie nochmals, schreiben Sie mir
möglichst bald; seyn Sie fest versichert Sie bleiben immer und unwandel-
bar mir theure Freundin.
Gott gebe Ihnen die Einsicht mich bis in mein Innerstes zu prüfen, und das /
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letzte und einzige Ziel alles meines Thuns, den mir nur einzigen Zweck mei-
nes Lebens zu erkennen, ich scheue kein Licht, keinen Prüfstein. Er gebe Ihnen
durch das Musterleben Jesu Muth und Ergebung zu thun, was Er Ihnen
als zu thun in der Tiefe Ihrer, sich nicht gegebenen Seele Ihres Gottergebenen Gemüthes durch Sein Wort kundthun
wird.
Ihm Gott und Jesu, so wie allen die ihr Leben Ihnen weiheten und
weihen gehört mein ganzes Leben! -
FWAFröbel.
Angefangen Keilhau am 19en Jenner, geschlossen am 30sten Jenner 1818.

Die Freunde welche gesund sind, lassen Sie herzlichst grüßen.