Briefausgabe Friedrich FröbelBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung / Fröbel-Forschungsstelle der Universität Duisburg-Essen

F. an Henriette Wilhelmine Klöpper in Berlin v. 10.4./13.4./16.4.1818 (Keilhau)


F. an Henriette Wilhelmine Klöpper in Berlin v. 10.4./13.4./16.4.1818 (Keilhau)
(BN 444, Bl 41-47, Brieforiginal 3 ½ B 4° 13 ½ S.)

Keilhau bey Rudolstadt d. 10n April 1818.


Meine theuerste, meine liebste innigste Freundin;

Wie glücklich, wie hochbeglückt wäre ich wenn der Mensch in seinem Wissen
und Können schon so weit vorgerückt wäre, daß er Räume vernichten,
daß er trennende Entfernungen, so bald sein Gemüth es fodert, nicht
mehr seyend machen könnte. O! wie gering, wie wenig ist doch des
Menschen, des so stolzen Mannes Wissen und Können. Als Knabe
und Jüngling habe ich oft, wenn ich den Bäumen und Gewächsen
Empfindung lieh, das Schicksal derselben, so immer an einen Platz
gebunden zu seyn und alles Wechselverkehrs unter sich entbehrend,
bedauert; aber hat denn eigentlich der Mensch in so vielen Lagen
seines Lebens ein besseres Schicksal?- Erfreue ich mich jetzt eines
bessern?- Sehnend, sehnsuchtsvoll schlägt mein Herz Ihnen ent-
gegen, kann ich mich dadurch zu Ihnen, kann ich Sie, die Theuerste
dadurch mir näher bringen?- Und so viel hätte ich Ihnen Ver-
trauteste meines ganzes Lebens, Ihnen zu sagen, so viel von
Ihnen Theilnehmendste an meinem Leben, von Ihnen zu hören; so
manche Frage möchte die treue Liebe an Sie Geliebteste thun, so
manche Antwort möchte sie in Ihren seelenvollen Blicken, Liebend-
ste lesen; doch keine dieser Gaben kennt, reicht die trennende Wirk-
lichkeit. Soll ich Ihnen möglichst klar und wahr meinen innersten /
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Zustand bezeichnen, bezeichnen wie ich mich jetzt fühle, so kann ich
Ihnen nichts Entsprechendes sagen, als ich dünke mir nur ein
Unvollständiges, ein Getrenntes, ein Halbes zu seyn.
Seyn Sie meine nachsichtsvolle Freundin wegen dieser Einleitung
nicht unzufrieden mit mir; allein ich möchte Ihnen so gern, wenn
auch nur auf einen Blick wieder mein innigst liebendes, ganz
vertrauensvoll Ihnen hingegebenes Innerstes öffnen, bevor ich
streng und ernst meine jetzige Lage zu ruhiger Prüfung Ihnen vor-
lege.
Es ist wieder eine lange Zeit verflossen, ehe ich wieder, nur ein
Wort zu Ihnen - sagen konnte. Möchten Sie doch, meine Theuerste
in diesem so langen Schweigen, den sprechendsten Beweis finden, wie
sicher ich, der Festigkeit Ihrer Gesinnungen bin.
Der Grund meines so langen abermaligen Schweigens war,
daß Ihnen lieber schreiben zu wollen, was geschehen sey als was ich
zur Förderung unseres Geeintlebens gethan habe, als was ich
dafür zu thun willens sey. Möge das folgende mich nicht
widersprechen.
Wohl fand ich, als ich hieher zurückgekehrt war, das
Wohnhaus auf dem adlichen Gute zu Lichtstädt noch unbe-
wohnt, und den Besitzer desselben, den Herrn Landjäger-
meister von Kettelhodt ganz geneigt mir dasselbe /
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auf einige Jahre unter ungemein billigen Bedingungen,
nur zur Wohnung zu überlassen. Doch nach Verlauf von
ohngefähr 8 Tagen, es war in der Osterwoche, wurde mir
ein Antrag gemacht der mir bey Weitem Zweck befördern-
der, Ziel erreichender schien und immer mehr erscheint. Meine
hier wohnende Schwägerin, welche Sie aus dem vorigen Briefe
kennen, und welche, wie Sie wissen zur Sicherung Ihres
Unterhaltes, hier im vorigen Jahre ein kleines Bauerguth
gekauft hat und bisher besaß, diese meine Schwägerin
trug mir aus mehreren Gründen, besonders aber wegen
Verdruß mit den Bauern und weil die Bebauung des Guthes
ihre physischen Kräfte und wohl auch ihre Kenntnisse über-
steigt, dieses Güthchen unter folgenden Bedingungen
zum Kaufe an:
erstlich ich übernehme das Guth für dieselbe Summe wie sie
es gekauft hat; zweytens diese Kaufsumme wird nicht bar
bezahlt, sondern ich übernehme die auf dem Güthchen haften-
den Schulden; die dann noch von der Kaufsumme übrig blei-
bende Summe verinteressire ich mit 3 pr.C. und zahle diese
Interessen an die Mutter und Tante der Verkäuferin, zur Un-
terhaltung derselben; drittens da, seitdem meine Schwägerinn /
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das Güthchen hat einige Hunderte in dasselbe gewandt und
verbaut worden sind, ich aber nicht mehr als den Kaufspreiß
bezahle, so überlasse ich eine Stube und Kammer ebener Erde in
dem Wirtschafts-Wohnhause, den beyden alten 74 und 75 jährigen Frauen
zur Wohnung. Viertens. Meine Schwägerinn
selbst wendet sich zu einer ihrer Freundinnen zur Besorg-
ung der häuslichen Geschäfte derselben.
Dieß sind die wesentlichsten Bedingungen unter welchen
mir meine Schwägerin ihr Güthchen überträgt und abgiebt
oder vielmehr schon verkauft hat, denn ich bin alle die mir
von meiner Schwägerin gemachten Bedingungen eingegangen,
weil nach der Gesammtheit meiner jetzigen Verhältniße und
Lage mir nichts Erwünschteres begegnen konnte, als daß
mir dieses Guth zum Kaufe angetragen werden konnte.
Was nun das Güthchen selbst betrifft, so nährt es eben
eine arbeitsame und pünktliche Bauernfamilie. Zur Be-
arbeitung desselben und zur Bestreitung einiger auf ihm
haftenden Herrschaftsdienste (:es ist nach hiesiger Landes-
sitte ein sogenanntes halbes Anspannguth:) werden ein
Paar Ochsen gehalten, bisher zwey Kühe und die nöthigen
Schweine. Es besitzt so viel an Waldungen, daß bey
einer ordentlichen Wirtschaft kein Brennholz für den /
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Haushalt gekauft zu werden braucht; und meine Schwägerin
hat jetzt zum Bau einer neuen Scheuer 180 Baustämme
aus den Waldungen schlagen lassen. Die gesammt Acker-
zahl des Güthchen an Gehölze, Thal- und Bergfeldern, Wiesen
Garten- und Hofraum Ihnen anzugeben ist mir gar nicht
möglich, da die Felder der hiesigen Flur noch nicht vermessen
sind, ja die hiesige Gemeinde nicht einmal ein Flur- oder
Lagerbuch besitzt, auch die Grundstücke in größeren oder kleine-
ren Flächen unter einander zerstreut liegen. Sie erinn[e]rn
sich Theuerste! aus dem letzteren Briefe, daß hier die Grund-
stücke sehr wohlfeil sind, weil man einmal in der Be-
wirthschaftung derselben noch sehr zurück, und weil zweitens
der Geldreichthum nicht groß ist; nach dem hiesigen Maaß-
stabe ist nun das Güthchen meiner Schwägerin ohngefähr
2000 Thaler werth. Daß es für mich, für bey dem erzieh-
enden Zweck den ich im Auge habe und wie ich ihn im Auge
habe und verfolge einen bedeutenderen Werth habe, dieß
werden Sie, so vielerfahrne Hausfrau, gewiß mit mir
einsehen, da ich durch diese Besitzung nun in den Stand ge-
setzt worden bin, viele und besonders die wesentlichsten
Bedürfnisse, besonders die Bedürfnisse, die wenn man sie
kaufen muß hier sehr kostbar sind so z. B. Gemüße, Obst, Kar- /
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toffeln, Milch u.s.w. aus der eigenen Wirthschaft zu er-
halten. Daß ferner diese Besitzung für mich, bey meinem er-
ziehenden Zwecke, und wenn sie, die sie fodernden Verbesse-
rung erhalten hat, nach einigen Jahren mehr als das zweyfache werth seyn
wird, dieß bin ich fest überzeugt. Hieran bitte ich Sie theil-
nehmendste Freundin dasjenige anzuknüpfen was ich Ihnen
in dem vorigen Briefe über mein kleines liegendes Eigen-
thum aussprach, und Sie haben ein so treues Bild meiner
jetzigen äußeren ökonomischen Lage als ich Ihnen es
jetzt nur zu geben im Stande bin.
Was nun ferner meine innere ökonomische Lage
betrift, d. h. die, mir durch mein Wirken werdende
jährliche Einnahme, so hat sich nicht allein diese jetzt schon bis
diesen Augenblick, durch die Aufnahme der beyden Luther
in meinen Kreis, und durch die Aufnahme eines anderen Pfleg-
lings um 525 Thaler vermehrt, sondern ich fand bey mei-
ner Rückkehr aus Berlin auch noch einen andern Brief
aus der Gegend vom Oheim vor, wo mir ein gewisser Ober-
förster <Beyda> zwey seiner Söhne zu Pfleglingen anträgt
und diese beyden werden auch sobald in meinen Kreis ein-
treten, als meine häusliche Einrichtung es erlaubt. Von diesen
drey zuletzt genannten, wußte ich als ich zu Berlin war noch /
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gar nichts. Diese Fünfe nun, mit dem verhältnißmäßigen Bey-
trage der beyden letzteren, also ohngefähr die Summe von 825 rth.
müssen Sie jetzt schon zu der im vorigen Briefe, als jährliche
Einnahme berechnete Summe hinzufügen, um auch von meiner
innern ökonomischen Lage so wie sie jetzt steht sich ein mög-
lichst treues Bild zu machen.
Sie meine innigste Freundin wünschen in Ihrem letztern
lieben Briefe an mich Ihnen wenigstens, und Ihren lieben
sorgsamen Eltern die jährliche bestimmte Einnahme von
200 Thalern nachweisen zu können. Daß durch meine jetzige
Gesammtbesitzung besonders wenn sie für ein erziehendes Wirken benutzt wird, diese jährliche Einnahme gesichert ist, hoffe
ich fest
überzeugt seyn zu können. Sie können mir nun dagegen
leicht erwiedern, daß ich dadurch genöthigt bin jährlich eine
bedeutende Summe zu verinteressiren. Allein ich hoffe, daß
bey einer weisen häuslichen Einrichtung, geleitet durch die
liebende Sorgfalt einer verständigen stillen Hausfrau,
meine jährliche Einnahme, nur wie sie jetzt schon steht zu den
gewöhnlichen häuslichen Ausgaben, bey den [sc.: dem] hiesigen Preise der
Lebensmittel, nicht ganz verwandt zu werden braucht, denn
wie ich Ihnen im vorigen Briefe andeutete, besteht bestand bis
jetzt meine Einnahme jährlich in ohngefähr 600 Thalern, so daß /
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also meine jetzige jährliche Einnahme ohne den Ertrag des Güthchens zunächst in 1425 rth
ohngefähr besteht. Durch das bisjetzt schon immer steigende Zu-
trauen zu meinem Wirken, und durch die immer größere Voll-
kommenheit die ich demselben alles Ernstes mich bemühen werde,
hoffe ich, sobald nur mein inneres Hauswesen die ihm fehlende
leitende Seele erhalten hat, mit jedem Monat Vierteljahr die
Einnahme im allgemeinen zu vergrößern.
Möchte, meine theuerste Freundin, diese möglichst treue Dar-
stellung meiner innern und äußern Lage Ihnen Muth und
Freudigkeit geben Ihre hochverehrten Eltern zu bitten: mit den
Gesinnungen liebender Eltern, gern und segnend ihre Einwilligung
zu unserer Verbindung zu geben. Ihre zärtlich besorgten Eltern,
und besonders Ihr streng prüfender Herr Vater werden
sich gewiß, wenigstens nach Verlauf eines Jahres, doch hoffe
ich, noch früher überzeugen, daß sie schwerlich einem Würdigern
und selbst ökonomisch Besorgteren, und für das Wohl seiner
Gattin und Familie ernstlicher und thätiger Wirkenden ihre, ihnen
so theuere Tochter anvertrauen konnten.
Um diese Überzeugung herbey zu führen erkläre ich noch folg-
endes ernstesten Sinnes und festesten Wortes: Meine Besitzung,
- von der ich fest überzeugt bin, daß sie, so klein sie auch ist, doch
nach einigen und wenigen Jahren für einen erziehenden
Zweck wenigstens den Werth von 6000 Thalern sicher
haben wird, diese meine Besitzung erkläre ich von dem Augenblick /
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wo Ihr Herr Vater, Sie Theuerste willig und segnend zur
Gattin übergiebt, ganz als Ihr Eigenthum und zu Ihrem un-
gekränkten unbeengten Wohnsitz im Fall ich früher oder
später sterben sollte; ich erkläre noch auf das bestimmteste,
daß alle meine Sorge dahin gerichtet seyn soll, diese Besitzung
sobald als nur immer möglich und ohne der innern Verbesserung
und Emporbringen derselben zu schaden und Hindernisse zu
setzen, ganz schuldenfrey zu machen
Da nun mein Hauswesen nicht sehr lange mehr, ohne die Seele
desselben, ohne eine leitende und verständige Hausfrau bestehen
kann, da aber mein Wohnhaus welches ich im vorigen Herbste
zu bauen begonnen habe und dessen ich im vorigen Briefe er-
wähnte bis dahin noch nicht bewohnbar seyn kann; so werde
ich das Haus welches meine Schwägerin bis jetzt bewohnte
und welches freylich viel kleiner ist als das oben gedachte, aber
doch noch ganz neu, so einrichten lassen, daß ich es ohne
zu erröthen wagen darf Sie auf ein Jahr in dasselbe einzu
führen und diese Einrichtung kann längstens in drey Mona-
ten beendigt und hergestellt seyn.
Dieses Wohnhauß, auf dem beyliegenden Grundrisse des ganzen Ge-
höftes mit <1> bezeichnet, ist 26 rheinische Fuß breit und ohngefähr 40 lang.
Es enthält ebener Erde: eine Wohnstube und Kammer (:die Wohnung
der beyden gedachten alten Frauen:) eine Küche nebst Speisekammer, eine
Gesindeschlafkammer und geräumige Hausflur. Im obern Stock oder ersten /
[45R]
Geschoß: einen geräumigen Vorsaal, eine Wohnstube und Schlafkammer
drey Kammern zum Hausgebrauch. Den Boden werde ich vor der Hand
zu Schlafzimmern für meine Pfleglingen einrichten lassen. Außerdem
steht noch contractsmäßig in einem ganz nahen Bauernhause, in welchem
ich jetzt wohne eine Stube und zwey Kammern, nebst der Küche bis
Johannis 1819 zu meinem Gebrauche. Diese Stube würde ich in der
Zukunft hauptsächlich als Lehrzimmer gebrauchen. Doch hoffe ich auch
noch in diesem Jahre in dem neuen Hause einige Zimmer zur Lehre und
Unterricht zu erhalten.
Schon vorhin erwähnte ich, daß ich mir die Freude gemacht habe, einen
ohngefähren Grundriß des nun mir gehörigen Gehöftes beyzugelegten [sc.: beizulegen];
habe; zwar ist er nicht streng geometrisch aufgenommen, doch ist er im
Wesentlichen ganz treu und wahr. Eben so lege ich Ihrem Wunsche so
gern begegnend die Grundrisse und den Aufriß des im vorigen
Sommer zu bauen begonnenen Wohnhauses bey. Zwar werden Sie in
diesen Entwürfen die architektonische Schärfe vermissen, denn ich habe [sie]
zum Theil unter äußern Stöhrungen zum Theil in der Nacht nur flüchtig
hingeworfen; doch hoffe ich, daß sie ihren Zweck Sie, Theuerste, Theil-
menste im Allgemeinen über die Größe und unsere Einrichtung des
Ganzen zu belehren, erreichen können. Glücklich bin ich wenn sie
diese Skizzen von Ihnen gütig und nachsichtsvoll aufgenommen werden.
Freuen würde ich mich wenn Sie, verehrteste Freundin glauben
könnten, daß diese leichten Entwürfe, durch Mittheilung an den
Herrn Prediger Wilmsen sogar zielerreichend wirkend konnten.
Treu und wahr sind sie alle, wenn ihnen auch die geometrische und /
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architektische Genauigkeit fehlt.
Sollte es gefodert werden, so kann ich alle, die in diesem und
dem letzteren Briefe von mir gemachten Angaben von dem jetzigen
Zustande meiner äußern ökonomischen Lage, gerichtlich bestäti-
gen lassen.
Nochmals komme ich nun auf den sehnlichsten Wunsch meines
Herzens zurück, daß Sie, innigst geliebte Freundin, durch diese
Mittheilungen, die gewiß alle streng wahr sind, die ich auch wenn
es gefodert wird alle gerichtlich beglaubigen lassen will, die
Freudigkeit und den Muth erhalten mögten Ihre lieben Eltern
Ihren lieben Herrn Vater zu bitten, mir Sie, die theuere Tochter
willig und segnend zur Gattin zu geben. Nur Sie, bedarf ich
jetzt noch zu meinem Glücke, d.h. zu einem freyen wahrhaft wirkenden
Leben; nur um Sie bitte ich, nur Sie erbitte ich mir, denn wenn ich
nur Sie, die innigst theilnehmende häusliche Freundin meine Gattin und
sorgsame Hausfrau nenne, so leiste ich, wenn Ihr Herr Vater es für
gut finden könnte und so lang als dieß möglich ist, auf jede äußere
Gabe gern und willig Verzicht. Ich verspreche mit fester Überzeugung,
daß ich, so wie meine ökonomische Lage jetzt steht, wenn Sie mir
liebende Gattin und treue Gehülfin sind, ohne jene äußere Gabe
Ihnen ein edles und Ihrer und Ihres Herrn Vaters ganz würdiges
Leben und bürgerliches Verhältniß
bereiten will.
Übersehen Sie streng und ernst prüfende Freundin, die Sie als treue
liebende Tochter mit Recht wünschen, daß ich jede Foderung Ihres
Herrn Vaters bis auf das Kleinste erfüllen möge, übersehen Sie /
[46R]
Sie nicht, daß das was ich Ihnen jetzt schreiben konnte, die
Entwicklung meines Lebens, das Werk von kaum 6 Wochen ist.
Sollte ich in den nächsten 6 Wochen stehen bleiben und sich mein
Leben nicht zu noch größerer Festigkeit und Sicherheit entwickeln?-
- Sollte sich mein Leben nicht immer zu größerer und größerer
Vollkommenheit gestalten wenn Sie mir Ihre leitende Hand reichen
wenn Ihr häuslicher Sinn mir helfend ist?-
Überlegen Sie mit dem so freundschaftlich und theilnehmend gesinnten
Herrn Prediger Wilmsen, ernst und prüfend was Ihr Herz, Ihres
Herrn Vaters Sorgfalt und mein inneres und äußeres Leben von
Ihnen zu thun fodert und - schreiben Sie mir bald, recht bald ein
tröstendes neu belebendes Wort.
Auch für das geachtet werden meines Wirkens in meinem Vaterlande welches ich Ihnen
während meiner letztern Anwesenheit aussprach, kann ich
Ihnen Beweise nennen. Der Oberlandjägermeister v. Kettelhodt
überließ mir gleich auf mein erstes Ersuchen und unter sehr
billigen Bedingungen sein Wohnhaus auf seinem Guthe zur Miethe,
nämlich das erste Jahr für die wenigen Kosten welche die völlige
Herstellung desselben kosten würde, das zweyte Jahr für den
Miethspreis von 50 Thalern. So hat die Fürstin Mutter (Schwe-
ster der Prinzeß Willhelm) von meinem jetzigen Wirken unterrichtet
mir sagen lassen: daß sie mich zu sprechen, und das schon früher
schriftlich statt gefundene Kennen meiner < ? > wieder persönlich
anknüpfen mögte.
Doch alles dieß, und legte ihm die Welt noch größern Werth bey
ist Nichts, ist mir gar Nichts, wenn Sie, innigst Geliebte! mir mangeln. /
[47]
Schreiben Sie mir theuerste Freundin bald, recht bald; schreiben
Sie mir was ich noch zu thun habe um Sie recht bald die Meine,
meine geliebte theure Gattinn nennen zu dürfen, um Ihnen
durch mein Leben bethätigen zu können, daß ich in Ihrer Liebe, in
dem Besitze Ihrer, Ihres Herzens, die mächtigste irdische Hülfe
die sicherste sichtb menschliche Leitung zum Emporsteigen zu
immer größerer Vollkommenheit, ja zur endlichen Voll-
endung erkenne.
Grüßen Sie auf das beste den Herrn Prediger Wilm-
sen
von mir und empfehlen Sie mich gütigst dessen ferneren
Wohlwollen; empfehlen Sie mich freundschaftlichst Ihrer theuer-
sten Freundin, dessen verehrten Gattin.
Auch Ihre Ernestine bitte ich von mir zu grüßen.
Von meinen beyden Freunden darf ich wohl aussprechen, daß
sie nur einen Wunsch haben, die Erfüllung des meinigen; was
könnte ich Ihnen sprechenderes von diesen schreiben.
Leben Sie wohl, recht wohl und erfreuen Sie bald
mit einigen Worten dem, der ganz der
   Ihrige ist.
FWilhelm AFröbel.
Geschlossen am 13en April. 1818.

Es würde mich sehr freuen wenn Sie Sich die Mühe nähmen meinen Brief
an den Herrn Prediger Wilmsen zu lesen. So ersuche ich Sie auch noch /
[47R]
demselben auszusprechen, daß es auch Ihr Wunsch sey, daß mein
neues Wohnhaus nicht eher ausgebaut werde, als ich es in
reiflicher Überlegung mit Ihnen thun könne.

Am 16en April. Endlich ist es mir möglich diesen Brief an Sie Theuerste
abschicken zu können. Vergelten Sie nicht Gleiches mit Gleichen,
sondern lassen Sie mich gütigste Freundin bald, recht bald etwas
von Ihnen lesen. Lassen Sie mich lesen, daß auch von Ihrer und
Ihrer lieben Eltern Seite sich alles immer mehr und mehr
für unsere baldige innigste Vereinigung neigt. O! wie sehne
ich mich ganz nach diesem ganz mit Ihnen geeinten Leben!-
Verzeihen Sie mir die so große Unvollkommenheit dieses Briefes.