Briefausgabe Friedrich FröbelBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung / Fröbel-Forschungsstelle der Universität Duisburg-Essen

F. an Friedrich Daniel Ernst Schleiermacher in Berlin v. 23.5.1818 (Keilhau)


F. an Friedrich Daniel Ernst Schleiermacher in Berlin v. 23.5.1818 (Keilhau)
(Archiv der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften, Nachlaß Schleiermacher, Nr. 283, Brieforiginal 2 B 4° 8 S.)

Hochverehrtester Herr Professor und Doctor,

Gern Hätte ich Ew. Hochwürden früher die Resultate der fernern
Fortentwickelung und Ausbildung des Vereins für ein lebendiges
Denkmal Luthers mitgetheilt, wenn sie sich früher zu einem
bestimmten geschlossenen Ganzen zusammengefügt hätten. Allein
es waren der Einzelheiten zu viele, als daß dieß hätte eher als
bis jetzt geschehen können. Welche Form jetzt der Verein, und
welchen Fortgang er genommen hat, ersehen Ew. Hochwürden
wohl am besten aus der Anlage, einem besondern Abdruck des
Aufsatzes, welcher von den Thüringschen Stellvertretern des
Vereins in das 12te Stück des Allgem. Anzeigers der Deutschen vom
14ten May ist eingerückt worden. Ich hoffe daß Ew. Hochwürden
sich durch diesen Aufsatz überzeugen, wie lebhaft die Thüringsch.
Glieder des Vereins wünschen, daß Ihr Vorschlag: "die Unternehmung
des Vereins möge eine solche Ausdehnung, und der Plan derselben
eine solche Gestalt gewinnen, daß eine Wirkung daraus hervorgehe,
welche die Lutherfamilie zu einer bleibend geschichtlichen erhöbe",
verwirklicht werden könne, und daß sie, diese Glieder des Vereins
bis jetzt schon das von Ihnen schriftlich Mitgetheilte soweit be-
nutzten, als es die ihm jetzt zu Gebote stehenden geringen Mittel /
[1R]
nur immer erlaubten.
Dieser Gebrauch konnte freilich bis jetzt nur darin bestehen: einmal
dem Unternehmen gleich bey seinem erstmaligen authentisch öffentlichen
Erscheinen die Gestalt zu geben, welche ihm für die Zukunft jede
nöthig zu findende Erweiterung möglich machte; und zweitens
darin, daß er sich bemühte sämmtliche jugendliche, erziehungsbedürftige
Glieder der Lutherfamilie kennen zu lernen. Ob das erstere, näm[lich]
der Geist und die Gestalt des für ein ganz allgemeines Publicum
bestimmten Aufsatzes dieser Forderung entspreche, werden Sie selb[st]
entscheiden. Was die Früchte des 2ten, nämlich der Nachforschung
über die erziehungsfähigen Luther betrifft, so gedenkt auch dieser
im Allgemeinen der gedachte Aufsatz. Acht sind deren, welche
gegenwärtig, und zwar der bisherigen Angabe nach von 2 ver-
schiedenen Linien abstammend: 4 aus dem Familienstamm von
Heinz Luther, deren Stammort Möhra ist, und deren Glieder
jetzt in der Umgegend des genannten Ortes wohnen; 4 andere
aus einem in Schmalkalden wohnenden, aus 4 Familien be-
stehenden Familienstamm, welche seit Langem wie der Inspector
Löber in Schmalkalden in seiner Beschreibung des 3ten Ref. Jubel-
festes in Schmalkalden bemerkt, seine Abkunft von Jacob Luther
Dr. M. Luthers Bruder herleitet, aufgefunden sind.
Die erstern 4 Luther aus dem Stammorte Möhra sind:
Ein
Sohn des Georg Luther, Tagelöhners und dießjährigen Feldhüters /
[2]
zu Möhra, J. Nicolaus L. Dieser ist schon in der von dHe.
Probst Hanstein u He. Hofprediger Sack mitgetheilten Geschlechtstafel
genannt.
Zwey Söhne des Friedrich Luther, Tagelöhners und Gartenarbeiters
zu Liebenstein: 1, Daniel L., den 20ten July d.J. 14 Jahr alt.
Dessen ist ebenfalls in jener Geschlechtstafel, doch ohne Namen gedacht
worden. Es ist dieß ein Knabe mit Leben und Feuer, sein Blick
ist gesund, bestimmt, lebhaft, ob sich gleich auch auf seinem Gesichte
schon der Druck ausspricht, in welchem diese ganze Familie lebt,
und welchen man noch deutlicher auf den Gesichtern seiner noch
erwähnt werdenden beiden ältern Brüder liest. Er zeigte mir
da ich bey der Abholung seiner Vettern durch seinen Ort kam und
seine Familie besuchte, eine bedeutende Strecke den Weg; bei dieser
Gelegenheit konnte ich ihn lange beobachten. Sein ganzes Wesen
interessirte mich je länger je mehr für ihn. Er bezeigte viel Lust
etwas zu lernen, ob es gleich merkwürdig ist, daß auch von ihm
wie früher von Ernst L. in der Schule und von der Mutter ge-
sagt wurde, das Lernen fiele ihm schwer, und mit dem Lesen und
Schreiben wolle es mit ihm nicht recht fort; ja seine Augen
blitzten mit Bestimmtheit als er aus dem Schicksal seiner Vettern
für sich die Hoffnung zog, daß auch wohl ihm noch seine Lernlust
befriedigt werden könnte. Ich hätte ihn deshalb sehr gerne gleich in
Gesellschaft mit meinen beiden andern mit mir genommen, /
[2R]
und die ihn zu beglückende scheinende Hoffnung erfüllt, wenn mir
dieser Schritt erlaubt gewesen wäre. Ob er gleich schon aus der Schule
ist, so hoffte er es sich doch noch möglich zu machen, wenigstens
1 Jahr in die Schreib- und Rechenstunde nach einem etwas ab-
gelegenen Dorfe gehen zu können. Sonst ist er über seine
Zukunft noch unbestimmt, doch wünschte er ein Schlosser zu werden,
welches wohl natürlich ist, da dieß die vorzüglichsten Handwer-
ker seines Ortes sind.
2, Johann Michael Luther, 15 Jahr alt. Dieser ist in jener
Geschlechtstafel übersehen worden. Er möchte sehr gern das Schlosser-
oder Messerschmidt-Handwerk lernen; allein da dieß eine
bedeutende Summe kostet, und sein Vater ohne alles Vermögen ist,
so ist ihm dieß auszuführen nicht möglich. Doch scheint er auch ohne
alle die Kenntnisse von Rechnen und Schreiben zu seyn, ohne
welche sich wohl jetzt kaum noch irgendwo in einer Stadt ein
nur etwas geschickter Handwerker finden mag, und weshalb
schon er zu den Erziehung bedürftigen Luthern gerechnet wer-
den muß.- Auf dem Gesichte dieses spricht sich der meiste Druck
aus, ja sein Gesichtsausdruck ist finster, wohl gar mürrisch zu
nennen. Auf meine Frage über den Grund desselben sagte er mir:
"ich arbeite Tag und Nacht, am Tage (für 24 Xr. [sc.: Kreuzer] rheinl.) als
Gartenarbeiter, und Nachts als Zuschläger bey den Messerschmidte,
allein ich kann nichts vor mich bringen, was ich verdiene reicht /
[3]
kaum zum täglichen Unterhalte hin, woher soll der heitere zufrie-
denen Sinn kommen?"
(Ein dritter Sohn ist Adam Luther, dessen auch in jener Geschlechts-
tafel, jedoch ohne Nahmen, schon gedacht ist, der aber nicht mehr zu
den Erziehung fähigen L. von uns ist gerechnet werden kann, weil
er Lichtmeß schon 23 Jahr alt war. Er ist jetzt pflichtmäßig Soldat
in Meiningschen Dienste, in welchem er noch 1 Jahr zu stehen hat.
Dann wünschte er die Erlernung der Weberprofession fortsetzen zu
können, aus welcher er früher wegen Mangel an den nöthigen
Mitteln hat heraustreten müssen.)
In dem Vater dieser Familie spricht sich noch klar der ächte Charakter
und Sinn der Lutherfamilie dieser Linie aus, indem er große Ähn-
lichkeit mit den großen starken Gesichtsformen seines Bruders
Nicolaus, Kuhhirten in Möhra, und ein von vieler Biederkeit
zeigendes, ernstes Betragen hat. Aber der Gesichtsausdruck
auf den Gesichtern seiner Söhne hat der große äußere Druck
sehr getrübt, und ich glaube daß diese Familie die gedrückteste
der Lutherfamilien dieser Linie ist; ja mich dünkt daß dieser
Druck diese Familie endlich bürgerlich und moralisch zu ver-
nichten droht.
Ich gestehe, daß ich sehr wünsche, die Mittel des Vereins möchten
von einem solchen Umfange werden, daß dieser Familie hülfreich
unter die Arme gegriffen, und besonders für die Belehrung und /
[3R]
Ausbildung der jüngern Glieder noch etwas wirksames ge-
schehen könne. Diesen Wunsch, dünkt mich, muß der Anblick die-
ser Familie in dem Gemüthe Jedes hervorrufen, der sie auch
nur äußerlich mit dem, der uns die Freyheit des Geistes
und des Wirkens wiedergab, in Zusammenhang setzt. Würden
sich hierzu dem Vereine dadurch die Mittel zeigen, daß das Be-
dürfniß nach Unterricht und Erziehung der beiden jüngern
Söhne dieser Familie befriediget würde, so könnte wohl die
Herzoginn von Meiningen das Gesuch um die etwas frü-
here als gesetzliche Entlassung des in Ihren Diensten stehen-
den ältesten Sohnes nicht versagen, und ich würde dann
mich bemühen einen von mir gekannten, für diesen Kreis
gebildeten und ganz biedern u rechtschaffenen Webermeister,
welcher zugleich Färber und Linnenfabricant ist, zu gewinnen
der sich unter möglichst billigen Bedingungen dazu entschlösse,
ihn als Weberlehrling zu sich zu nehmen. Der Luther würde
hier in einen achtbaren Kreis einer Bürgerfamilie kommen,
in welchem sich ihm auch noch Mittel zeigen würden sich im
Rechnen und Schreiben die nöthigen Kenntnisse anzueignen.
Der 4te Luther, ohne Zweifel ebenfalls aus dem Möhraschen
Stammhause ist ein 10-12jähriger Luther im Dorfe Die<t->
dorf
bey Salzungen in der Diözes des He. Generalsuperint[en]den[ten] /
[4]
Nebe
in Eisenach. Nach der Aussage dieses ist dieß ein
Knabe von sehr vielen Anlagen. Selbst habe ich diesen Knaben
nicht gesehen; doch interessirte sich der He. Geners. Nebe auf
das lebhafteste für ihn. Eben so sind mir
die andern vier 9-13jährigen Luther in Schmalkalden
persönlich unbekannt, und ich konnte bey meiner Durchreise durch
Schmalkalden von den Familienvätern dieser Luther nur den
ältesten persönlich sprechen, welcher in seinem ganzen Wesen auch
den Charakter der Lutherfamilie, Kräftigkeit und Rechtlich-
keit, aussprach.- Alle diese Luther treiben bürgerliche Gewerbe
ohne jedoch wohlhabend zu seyn, und sind, wie mir von dem
He. Insp. und Oberprediger Löber selbst versichert wurde, sehr
rechtliche Leute.
Dieß ist dasjenige, war mir von den in dem Aufsatze gedachten
Acht gegenwärtig schon erziehungsfähigen Luthern bekannt wurde.
Was ich Ew. Hochwürden noch weiter über die Fortentwicklung
und den Fortgang des Vereins im Einzelnen auszusprechen
hätte, bitte ich Sie sich aus meinem Briefe an den He. Prof.
de Wette gefälligst mittheilen zu lassen, die Personalien
diese Briefes dagegen gütigst dem He. Prof de Wette mit-
zutheilen.
Mögen Sie hochverehrter Herr Professor nach diesen Mit- /
[4R]
theilungen nun entscheiden, wie am sichersten die von Ihnen vor-
geschlagene Erweiterung und Ausdehnung des Planes am zweck-
mäßigsten zu erreichen ist, und möge es Ihnen gefallen sich darüber
so wie Sie mir Hoffnung machten, schriftlich auszusprechen.
Meine Freunde Langeth. u Middend. empfehlen sich Ihnen,
und grüßen Sie von Herzen.
Ich aber empfehle mich besonders Ihren gütigen
Wohlwollen, grüße Sie auf das herzlichste und
bitte Sie von mir die Versicherung der ausgezeich-
netsten Hochachtung zu genehmigen mit welcher
ich mich unterzeichne
      Ew. Hochwürden
      ergebensten
FWAFröbel
Keilhau
den 23sten May
  1818.

Abgegangen den 1sten Juny.