Briefausgabe Friedrich FröbelBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung / Fröbel-Forschungsstelle der Universität Duisburg-Essen

F. an Henriette Wilhelmine Klöpper in Berlin v. 4.6.1818 (Keilhau)


F. an Henriette Wilhelmine Klöpper in Berlin v. 4.6.1818 (Keilhau)
(BN 444, Bl 53-60, Brieforiginal 4 B 4° 16 S.)

Keilhau den 4 Juny 1818


Guten Morgen, freundlichen herzlichen guten Morgen
            meine theuerste Freundin.

Wie geht es Ihnen denn?- Ich möchte fast fragen:
wie geht es uns denn? und ich darf wohl so fragen,
nicht wahr, Sie erlauben mir es, Sie haben mir es
erlaubt?- Erkennt Ihr Herr Vater, erkennen Ihre
theuern, lieben Eltern in mir noch nicht einen, noch
nicht ganz den Mann der würdig wäre, würdig ist der Sohn der-
selben, der würdig wäre Ihre Sie innigst liebender
und innigst hochachtender Gatte zu seyn?- Erkennt
Ihr liebend sorgender Vater nicht, daß auch ich nicht
Sie Freundin mit ganzer Seele lieben und Sie wahr-
haft hochachten könnte, wenn ich in Ihrem Geeintseyn
mit mir einen der Punkte unbeachtend aus dem
Auge lassen wollte, dessen Übersehen, dessen Ver-
nachlässigung Ihr Herr Vater, Ihre lieben Eltern von
mir fürchten und welche Meinung dieselbe für
Ihr künftiges Wohl besorgt macht.
Könnte ich Sie so innig hochachten und lieben, Sie die
ich als die Seele meines Lebens erkenne, wenn ich
sorglos, nicht streng beachtend die äußeren Mittel
die äußeren Verhältnisse behandelte. Weiß ich
nicht daß wir in einer Sorgerwelt, in einer Welt
des Materiellen leben wo es dem Geist nur vergönnt
ist in und durch und an Stoffen und Materie bildend
heraus zu treten?- Arbeite ich nicht selbst als Erzieher /
[53R]
als Bildner dafür daß der Geist sichtbar er-
kennbar, werde und ist ich kann so in gewisser
Rücksicht recht gut und wahr sagen, körperlich
werde und ich sollte mein eigenes Produkt
die Wirkung meiner eigenen rastlosen Thätig-
keit nicht achten?- Liegt nicht darinne daß ich Sie,
die einsichtige und in der Anwendung der erkannten
weiblichen und häuslichen Pflichten schon geübte Freundin zu meiner
Gattin wählte nicht ein Beweis für mich, daß ich solche
nicht allein erkennen, sondern sie auch zu werthschätzen
wissen muß, und muß man nicht, durch sich selbst
getrieben für das handeln was man schätzt, was
man achtet. Möchte sich doch Ihr Herr Vater und Ihre
theure Fr: Mutter überzeugen daß nur Ihre ge-
sammte Persönlichkeit mich in meiner Wahl bestimmte,
um die Wahrheit dieses Ausspruchs klar einzusehen,
lebendig zu empfinden, so denken Sie Sich meine theuer-
ste Freundin in Ihrem Verhältnisse zu mir eine Frau
die sehr viele baare Tausende mich reich machte, aber
dabey meinem Lebenszwecke meinem Wirken fremd
stünde würde ich die wohl - wenn auch äußerlich ganz
und gar nichts stöhrendes und hinderndes da gestanden
habe
zu meiner Gattin haben wählen können, würde
ich durch eine solche Verbindung und wenn ich Augenblicks
mein Haus hätte ausbauen, und mein Gut hätte
Schuldenfrey machen können mir nicht mein gan-
zes Wirken und mein ganzes Leben zerstöhrt und
vernichtet haben?- Denken Sie Sich nun wieder /
[54]
meine mir innigst theure Freundin wieder mit Ihren
Gesinnungen mit Ihrem Denken und Handeln auch mit Ihrem
wenig starken Körper kurz mit Ihrer ganzen Per-
sönlichkeit in Ihr ganzes Verhältniß zu mir und
fragen Sie Sich, würden wir, bey der Übereinstimmung
unseres Denkens und Handelns, bey meinem Fleiß<,>
bey meiner Arbeitsamkeit, bey meiner Ausdauer und
bey Ihrer sorgsamen und überlegten Einrichtung und
Verwendung des Erworbenen uns nicht getrauen
können, mit fröhlichem Muthe getrauen können
unser Werk auch aufzubauen, auch das Haus ganz
einzurichten, auch das Guth schuldenfrey zu bringen
und alle dieß ohne den Zweck des Lebens der uns
der höchste ist: ein glückliche und frohe und Andern Freude
und Frieden gebende Familie zu werden und zu seyn,
zu zerstöhren?- zu vernichten?- und dieß dann
durch uns selbst.
Doch damit Ihnen auch nicht die leiseste Regung meines
Herzens, damit Ihren Herrn Vater auch nicht die lei-
seste Betrachtung der äußern Verhältnisse die früher
oder später in mein Handeln wirksam eingriffen eingegriffen hat
fremd bleibe, damit ich überhaupt
von Ihrem Herrn Vater und Ihnen ganz gekannt
werde, was mir höchster Wunsch ist, so will ich
Ihnen hier nochmals schriftlich und bestimmt das
aussprechen was ich Ihnen schon in Berlin mündlich
aussprach: meine Gründe Sie Freundin zu bitten /
[54R]
mir geliebte Gattin und theure Hausfrau zu seyn
/: welche Gründe nur in Ihrem Charakter, in ihrem
Denken und Handeln lagen und noch liegen :/ waren
ganz in mir abgeschlossen, als eine Beachtung Ihrer
möglichen äußern Verhältnisse hinzutrat; aber alles
was ich mir über diese äußern Verhältnisse über Ihren
äußern Glückszustand sagen konnte, war und
blieb ja immer nur ein Mögliches, so wie es noch bis
diesen Augenblick für mich nichts anderes als ein Mögliches
ist, denn aus unbestimmt ausgesprochenen Worten baue
ich nicht gern Gebäude und noch weniger ein Wohnge-
bäude; dennoch gestehe ich Ihnen nochmals und scheue
mich auch gar nicht es mit der größten Bestimmtheit selbst
Ihrem Herrn Vater auszusprechen: daß ich mich jener
Möglichkeit als ich solche beachtete freute; aber sie blieb
mir immer Möglichkeit aber nie wurde sie Fundament
meines Handelns und ich will Ihnen nur ganz aufrich-
tig gestehen, daß ich mich über mein innerstes Stehen in
mir selbst innigst freute, als mir von Ihnen selbst
der Schein jener Möglichkeit genommen wurde, denn ich
sahe nun klar ich empfand nun ungetrübt es war die Eigene
Einsicht, die eigene Kraft und Ihre liebende Theilnahme
und Unterstützung, Ihre Liebe worauf das Gebäude meines
Lebens und Wirkens beruhte, denn meine Kraft u Einsicht
sollte schaffen erwerben Ihre Sorge und Einsicht ge-
brauchen, erhalten. Doch selbst bey dieser Ansicht
bey diesen Grundsätzen, sollte, durfte ich mich nicht
selbst noch jener Möglichkeit freuen. Konnte ich /
[55]
denn mit Wahrheit und Überzeugung sagen, daß
ich Sie Freundin wirklich geliebt, wirklich geachtet
und hochgeachtet hätte, wenn ich mich nicht auch
selbst jenem was selbst nur Möglichkeit war
gefreut hätte?- Könnte ich Ihnen Hoffnung machen
könnte ich Ihnen mit Bestimmtheit von mir die
Überzeugung aussprechen: ich werde Ihnen treuer
sorgsamer Familien und Hausvater seyn, wenn
ich nicht auch sagen könnte und dürfte, ich habe mich
selbst jenem was selbst nur Möglichkeit war gefreut?-
Sie sind meine edelste Freundin sollte es mich nicht die Hoffnung
freuen daß Sie bey mir auch in sehr edeln Verhältnissen
leben könnten?- Sollte nun etwas diese Möglichkeit
in sorglosen Genuß mich hinübergeträumt, mich einge-
wiegt haben, sollte ich nur geträumt haben so ein
Leben ohne Thätigkeit ohne Arbeitsamkeit zu erhalten?
Wie viel wie so sehr viel ließe sich auf alle diese
Fragen zur richtigen Ansicht zur richtigen Kennt-
niß zur wahren Würdigung meiner sagen!-
Wenn es wahr wäre möchte ich sagen: ich habe mich
schon jener Möglichkeit recht sehr gefreut, denn es
geht mir aus der Betrachtung des Grundes und des
Wesens dieser Freude so viel Lebens- und Achtungs-
werthes für den Mann, für denn [sc.: den] nur die innige
Liebe einer edlen, hochachtungswürdigen Frau
bittenden um ihre Hand werbenden Mann hervor
daß ich wohl wünschen möchte alles dieses Lebens und
Achtungswerthe was nur aus dieser Freude folgt /
[55R]
mir, dem um Ihre innige Liebe innigst bittenden
um Ihre Hand in männlicher Bescheidenheit werben-
den Mann - ganz zueignen zu können.-
Und sollte ich wohl so thöricht gewesen seyn und
noch seyn zu glauben, daß schon der Besitz, der
scheinbar sichere und feste Besitz äußerer Güther
dem Menschen einem nur genießenden, sorglosen
Leben hingebe?- Sagt nicht schon das Sprichwort
es ist leichter, weit leichter Vermögen erworben
als erhalten?- Sollte ich nicht eben aus Egoismus
wenn Sie mir nicht so innig theuer wären u ich Ihnen gerne
das angenehmste, edelste, Ihrer ganz würdige
Verhältniß Ihnen geben und verschaffen möchte,
weit lieber das leichtere Geschäfte des Erwerbens
als das schwerere des Erhaltens wählen?- Und
erkenne ich die Wahrheit dieses Ausspruchs nicht
in meinem eigenen frühern Leben habe ich Ihnen dieß
nicht offen gestanden?-
Es kann nun wohl in dem Gefühle dieser Wahr-
heit gelegen haben, als ich mich so frey, so heiter
fühlte als selbst der Schein dieser Möglichkeit, durch
Ihnen selbst von mir genommen werden; denn
kommte [sc.: konnte] mir dadurch das Ge die Empfindung meiner
Liebe, das Gefühl, das Bewußtseyn meiner Kraft
und so auch die Überzeugung Ihrer Liebe und Ihres
Muthes genommen werden, und in dieser Kraft /
[56]
dieser Liebe ist ja nur die Quelle alles häuslichen
und ehelichen Glückes.
Wenn um mit dem was ich jetzt noch auszu-
sprechen für nöthig fand, ich dasjenige einige was
ich Ihnen in allen bisherigen Briefen aussprach,
so bleibt mir ganz und gar nicht mehr übrig, über
mich und von mir zu sagen es ist mir nichts mehr
übrig als wiederholt Ihnen die Bitte auszusprechen:
werden Sie mir Gattin, seyn Sir mir seegenver-
breitende Hausfrau, folgen o! folgen Sir mir bald
recht bald als liebende Gattin, kommen Sie bald
als Freude bringende Hausfrau zu mir!-
Wer giebt und weiß nicht was er giebt ist ent-
weder ein Kind oder ein Thor und die Gabe so
köstlich sie sey giebt dem Geber keinen auch nicht
den mindesten Werth, der Geber ist unwissend
oder unklug; nun möchte ich vor Ihnen nicht
gerne weder ein Kind noch ein Thor, weder ein
Unwissender noch ein Unkluger seyn und erscheinen
ich möchte Ihnen das lebendigste Sie ganz erfüllende
Gefühl geben, daß ein Mann um Ihre Liebe
bittet, das klare Ihr ganzes Innerstes erfüllendes
Bewußtseyn, daß ein Mann um Ihre Hand
wirbt, daher lassen Sie es Sich nicht Ihren hohen
Glauben an meine ächte, dem Manne in größter
Ausdehnung geziemenden Bescheidenheit, an meine
wahre, dem Werbenden besonders Pflicht seyende, kindlich
ergebenen Gesinnungen, an meiner sich der hochgeachteten /
[56R]
Gattin gern und willig unterordnenden innigsten
Liebe, trüben, wenn ich Ihnen von mir, in Bezug
auf Sie und Ihre theuern Eltern das hohe Bewußt-
seyn ausspreche: tausend Eltern wird nicht das
Glück daß bey ihnen ein solcher Mann um die Hand ihrer
Tochter wirbt als der ist, der bey Ihren hochver-
ehrlichen Eltern um Ihre Hand wirbt, tausend
Frauen sind nicht so hoch beglückt, daß ein Mann
mit solch inniger reiner Liebe sie um Gegenliebe
bittet, sie bittet ihm Gattin zu seyn, als der Mann
ist der Sie Freundin in diesen Zeilen darum bat;
dürfte, könnte denn wohl dieser Mann nun
bey Ihren hochgeachteten Eltern um Ihre Hand
bitt werben, dürfte könnte denn wohl dieser
Mann Sie um Ihre Gegenliebe, ihm Gattin zu seyn
bitten, wenn er dieß jenes nicht mit Bewußt-
seyn von sich aussprechen könnte und dürfte?-
Entscheiden Sie dürfte, könnte ich Ihre theure
Eltern um Ihre Hand, Sie um Ihre Liebe und mir
als treue Gattin zu folgen bitten, wenn ich
jenes Bewußtseyn nicht in mir tragen konnte,
es Ihnen auszusprechen mich scheuen müßte?-
Und nun schreiben Sie mir bald, recht bald Ihr
letztes Ihr ganz entscheidendes Wort, oder wenn
Sie es lieber so aussprechen das letzte ganz entscheiden-
de
Wort Ihrer verehrlichen Lieben Eltern: denn ich
hoffe daß Ihr Herr Vater, daß diese nun ihren /
[57]
Willen, ihren letzten entscheidenden Willen Ihnen,
auf meinen bittenden Brief vom 24sten v. M. welchen
ich am 28sten von hier absandte, ausgesprochen haben
werden, und meine Lage fodert die ganz bestimmte, die baldigste Entscheidung.
Wegen der Unvollkommen- und Unvollendetheit meines
Ihnen, am 31 v. M. am verflossenen Sonntag, gesandten
Briefes bitte ich Sie um gütige Nachsicht; während
des Schreibens desselben wurde ich von Außen so
gestöhrt, daß ich nur eilen mußte ihn zu beendigen, um
daß Sie meine theure Freundin nur einige Worte von
mir hören zu lassen. Mein Vorsatz war Ihnen
recht viel von meinem lieben Keilhau, meinem lieben
Thal und meiner lieben Umgegend, Ihnen lebhaft zu
schreiben wie alles <da> sehnend wünscht Sie Freundin recht
bald hier zu sehen. Ja! meine Theuerste die Lage meines
Dörfchens so klein es auch ist, ist wirklich recht einla-
dend; ich fühle, ich sehe, es ist gewiß recht geschickt
dem nach Ruhe sich sehnenden Herzen, Frieden, innigen
Frieden zu geben; es ist gewiß recht geschickt, das
durch vieles Hinblicken auf die so trübe Seite des Lebens
gedrückte Gemüthe durch die Mannichfaltigkeit seinern
Gegenstände aufzuheitern. Wie oft, o! wie oft habe ich
Sie in diesem schönen Frühling, in diesem Frühling wo
alle Bäume so schön und köstlich duftend blühten
hier gewünscht um mich jener Wirkung auf Ihr
Gemüth erfreuen zu können; um meine Gegend so
glücklich zu machen daß es diese Wirkung auf Ihr
Gemüthe, in Ihrem Gemüthe hervorbringen möchte. /
[57R]
und wenn meine Gegend dem [sc.: den] Wunsch meines
Herzens verstanden hat (sollte es nicht dem
einfachen in der Wirklichkeit lebenden und handelnden
Gemüthe zu Verschönung seines Lebens zur Erhöh-
ung und Veredlung seiner Lebensgenüsse, nicht
eben so wie dem so hochbegünstigten Dichter
erlaubt seyn der ihn umgebenden Natur: Em-
pfindung, Mitgefühl und Sprache zu leihen, was
dem Dichter zu einem so hohen Wesen macht
schlummert es nicht in jedem Menschen?) wenn
also meine Gegend den Wunsch meines Herzens
verstanden hat, soll sie nicht auch gewünscht
haben, daß Sie die innigste Freundin meines
Herzens hierseyn und mit mir sich in ihr ergehen,
in ihr frisches Leben reine Freuden mit der
Frische und Reinheit der Luft einathmen mögte.
So aber, - es ist ganz war was ich Ihnen jetzt
sage, es ist wörtlich wahr, - so aber möchte ich
mich des Frühlings, des schönen Mayenmontes
gar nicht erfreuen weil ich die Freude nicht mit
Ihnen, meines Lebens Seele und Gemüthe theilen
genießen konnte. Es schien mir - glauben Sie mir
wörtlich was ich Ihnen jetzt sage - ja ich fühlte
es war Unrecht mich der verjüngten, der heitern
fröhlichen Natur ohne Sie zu freuen, eine Freude /
[58]
zu haben zu genießen, die mit mir zu haben mit
mir zu genießen Ihren Freunden gehörte;
und wenn mich ja eine Gegend, ein Punkt
in derselben wo sie eine besonders reizende Aus-
sicht darboth mit aller ihrer Gewalt fesselte, so
konnte ich mich dem Genusse derselben nur dann
ganz hingeben, wenn zugleich der Gedanke die Hoffnung
in mir lebte diese Gegend, diese Aussicht, diese
Mannichfaltigkeit derselben recht bald Ihnen
zeigen, mit Ihnen sehen, mit Ihnen mich erfreuen
könnte; dann war es mir als würde die Gegend
selbst schöner, würde sie noch heiterer als sie war
und doch meine Freundin, weilen Sie so lange?-
so lange schon ehe Sie mir nur sagen: der sorgsam
liebende Vater und die treusinnige Mutter haben der kind-
lich gesinnten Tochter erlaubt Ihnen folgen zu dürfen
haben es gern und willig erlaubt.
Fürchten Sie nicht meine hochgeachtete Freundin
daß die Gesinnungen, welche aus einem solchen Leben
in der Natur, sich aussprechen die Wirkungen
jugendlichen Aufgeregtseyns sind; ich darf Ihnen
mit voller Wahrheit aussprechen es sind höchst we-
nige Menschen zu welchen ich mir erlaube jene meine
Empfindungen auszusprechen, und seit Sie mir die
Theuerste sind, mag ich sie gegen Niemanden als
zu Ihnen aussprechen; ich gehe scheinbar kalt und /
[58R]
unerregt durch die Natur, wahrend andere Ihre
Gefühle unter vielen Worten ersäufen, und doch
trift mich die Schönheit der Natur tiefer, gewiß
tiefer als die, sie mit so vielen Äußerungen
Preisenden.
Sie sagten mir Ihre schätzbaren Verwandten, Ihre
theuern Eltern liebten die Natur o wenn dieses
ist, so möchte ich daß solche Ihren Aufenthalt in B.
mit dem in Rudolstadt vertauschten denn die Ge-
gend von Rudolstadt ist schön, schön ist die Lage, sind
die Umgebungen von Keilhau, und erhöhen läßt
sich der Genuß dieser Schönheiten mit wenigem Auf-
wand einfache Sitze welche zur Hälfte die Natur
schon selbst baut gewähren die gesuchtetsten und
gewähltesten Natur Ansichten, kurz ich kenne wirklich
keine Gegend welche in einem so kleinen Raume und
Umkreise eine solche Zahl von verschieden[en] Naturansichten und
diese von so höchst verschiedenen und mannichfaltigen
Charakter beut [sc.: bietet] als die in deren Mitte unser
Wirkungsort liegt. Doch ich sage nichts mehr
damit Sie dieses mein Lob nicht mißverstehen
mögen.
Mit demselben [sc.: denselben] Gesinnungen und beständigen Be-
ziehungen auf Sie als meine erbetene baldige Gattin
mit welcher ich die mich umgebende Gegend schaue
treibe ich auch meine häuslichen und besonders Feldgeschäfte /
[59]
so habe ich in diesem Frühjahre einen Gemustgarten [sc.: Gemüsegarten]
anlegen lassen der zugleich für uns Familiengarten
ist, ich trete nie in denselben ohne Ihrer Freundin
zu gedenken, ohne Sie bey mir zu wünschen daß Sie
Sich mit mir des Fleises meiner Freunde und hier
ganz besonders Middendorffen in Bezug auf die
Gärtnerey der früh auf ist und spät zu Bette geht
um den Pflanzen die nöthige Nahrung und Pflege zu
geben und Langethals Fleiß der sich bemüht ist
einen für die Knaben zweckmäßig angelegten
SpielPlatz anzulegen, und mit mir der regen
Thätigkeit meiner Kleinen zu freuen welche
beschäftigt sind jeder sein kleines Gärtchen, welches
er entweder allein oder mit einem Bruder besitzt
zu bebauen zu pflegen, und unter der Leitung ihres
sich ihnen redlich und liebend hingebenden Langethals
ihre Gärtchen mit freundlich zu traulichem Vereine
einladenden Sitzen zu schmücken.
Wohl schön wandelt sichs in der Natur und unter
den mannichfaltigen Pflanzen und Gewächsen; aber
schöner noch lebt sichs unter den aufkeimenden
Menschen unter den frohen heitern Kindern und
Knaben. Es konnte nicht anders seyn, daß den-
selben die Hoffnung bekannt wurde auch bald sich
der innigen Sorge und Treue einer liebenden Pfle-
gemutter zu erfreuen; ich hätte gewünscht daß sie
diese Knaben gesehen hätten als sich die Freude in ihnen /
[59R]
darüber so gesteigert hatte, daß sie mir mit
leuchtenden Augen aussprachen auch in ein Geheim-
niß meines Lebens eingedrungen zu seyn; man
las auf ihrem Gesichte die Freude welche ihnen
der Blick in eine Zukunft brachte, wo sie sich auch
bey mir einer mütterlichen Liebe zu erfreuen
haben würden.
Und auf so viele als es die Ausdehnung meines
Wirkens erlauben wird, die segensreiche Einwirkung
Ihres liebenden Gemüthes Ihres sorgsam pflegenden
Sinnes einwirken zu lassen, dazu giebt mir das
Zutrauen mit welchen mein Wirken aufgenommen,
vielseitig aufgenommen wird, die schönste Hoffnung.
Hätte es meine häusliche Einrichtung erlaubt, daß ich
jetzt schon des [sc.: den] Kreis meines Wirkens hätte
ausdehnen dürfen, so erfreute ich mich gewiß jetzt
der doppelten Zahl von Zöglingen. Freundin liebe
Freundin für so viele junge Gemüther eine pflegen-
de liebende Mutter zu seyn ist wohl etwas herrliches
dünkt mich ist das Köstlichste was einem so tiefen
Gemüthe
ächt weiblichen Gemüthe lieb seyn könne.
Sehen Sie ich spreche mit vollster Überzeugung
noch aus, was ich schon im ersten Briefe Ihnen aus-
sprach: ohne ein weibliches Gemüthe, einen weib-
lichen Sinn wie das Ihre vermag ich nichts, als er-
zieher nichts Vollendetes zu wirken. Mögten
Sie doch lebendig fühlen, was Sie mir, was Sie /
[60]
meinem Wirken, meinem Kreise seyn werden.
So hoffe ich daß Ihnen durch mich, durch mein
Wirken durch meinen Kreis wohl Freude und
innige Freude werden werde, doch gedenke ich
auch hier und spreche es Ihnen nochmals unverhohlen aus:
Entbehrung, Entsagung die werden Sie wohl et-
was üben müssen; manches Unangenehme welches
die Begründung und Einrichtung eines Hauswesen
mit sich führt wird Sie treffen; allein ich werde
wo ich zu schwach, zu wenig vermögend seyn sollte
alle mit mir geeinten besonders meine lieben
Knaben bitte, mir Ihnen für alles das was
Ihre Liebe uns alles giebt herzlich danken zu
helfen.
Auch heute ist mir wieder die Zeit zu kurz, daß
ich diesen Brief nochmals durchsehen darf, will
ich aber Wort halten und Ihnen heute gern
etwas von mir hören lassen, so muß ich diesen
Brief mit alle seinen Mängeln an Sie absenden
Sie werden wohl etwas an ihn studiren müssen
Nun es sey, so werden Sie denn auch auf noch ein
anderes Loos was Sie in einer überhaupt die
Frauen in ihren Verbindungen, aber ganz besonders
Ihnen in Ihrer Verbindung mit mir erwartet
vorbereitet, das Loos, daß die Frauen immer
<an dem Manne>, an dem Manne zu studiren hat[.] /
[60R]
Dieses Loos sagt man - ich will es Ihnen
auch noch gestehen soll besonders meiner
Gattin erwarten. Diese Aussprüche aber
freuen mich deßhalb herzlichst denn sie sind mir
Zeugen, daß Niemand, daß kein Wesen mich
so kennen wird und jetzt schon kennt als Sie
die mir theuerste Freundin mich kennen werden
und jetzt schon kennen. Leben Sie wohl, recht wohl[.]
Erfüllen Sie meine herzliche bitte und
schreiben Sie mir so bald als es Ihnen nur
vergönnt ist, sie beschenken dadurch auf das
schönste
Ihren
ewig treuen Freund
FWAFröbel

Meine Freunde grüßen Sie herzlich, das weiß
ich, doch haben sie mir diesen Gruß jetzt nicht
aufgetragen, weil es mir unmöglich ist mir ihren
besondern Auftrag dazu zu erbitten.-
Wenn Ernestinen mein Gruß lieb seyn
sollte so grüßen Sie dieselbe freundlich von
mir.-