Briefausgabe Friedrich FröbelBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung / Fröbel-Forschungsstelle der Universität Duisburg-Essen

F. an Henriette Wilhelmine Klöpper in Berlin v. 2.7.1818 (Keilhau)


F. an Henriette Wilhelmine Klöpper in Berlin v. 2.7.1818 (Keilhau)
(BN 444, Bl 68-74, Brieforiginal 3 ½ B 4° 13 S.)

Keilhau den 2en Julius 1818.


Meine innigst geliebte, theuerste Freundin;

Warum, o warum haben Sie schon einige Post-
tage verfließen lassen, ohne mir auch nur
mit einigen Zeilen zu sagen wie es Ihnen geht?-
- Doch warum erlaube ich mir, Sie so zu fragen,
können nicht auch Sie mit gleichen und vielleicht
noch mit größerem Rechte gleiche Frage an
mich thun?- Verzeihen Sie es der Sehnsucht,
der innigen Sehnsucht meines Herzens, meines
ganzen Wesens nach Mittheilungen von Ihnen,
Seele meines Lebens, daß ich früher
jene Frage aussprach ehe ich mich bey
Ihnen wegen meines langen Stillschweigens
bey Ihnen entschuldigte, mich besonders
deßhalb bey Ihnen entschuldigte, daß ich
immer noch nicht Ihrem hochverehrten Herrn
Vater
auf seinen wenn auch strengen und
ernsten doch sehr gütevollen und achtenden /
[68R]
Brief beantwortet habe, und daß Sie auch
wieder diesen Brief erhalten ohne zugleich
eine Beylage mit der Bitte solche an Ihren
theuern, lieben Herrn Vater zu besorgen. Die
Hauptursache davon ist eigentlich blos, daß ich
Ihren Herrn Vater sehr gern mit der Gesammelt-
heit, mit der Bestimmtheit und Klarheit geant-
wortet hätte, als er es nach meiner festen und
innigen Überzeugung für seine Person und auch
noch besonders in Hinsicht seines Briefes an mich
verdient. Es ist wahr Ihr Herr Vater erscheint unge-
mein streng ja vielleicht hart; allein nach mei-
ner Überzeugung muß man Jedermann genau
von seiner Lebensansicht beurtheilen und hier
nur darauf sehen ob diese Lebensansicht ein-
mal in einer Seite des Erdenlebens fest und
sicher begründet ist, dann zweytens ob sie
treu und mit Festigkeit des Charakters
durchgeführt ist, beydes nun finde ich bey
Ihrem Herrn Vater, und deßhalb ist er mir /
[69]
so achtbar ob ich gleich von Ihm, ob wir beyde
gleich von ihm gar nicht erkannt, ja verkannt
werden. Wer aber mag mit dem Schicksal
zürnen daß Ihrem Herrn Vater bisher wenig
oder gar keine Menschen besonders nicht in
dem eigentlichen Welttreiben, und besonders
noch nicht unter den Menschen welche in der
Welt ihr sogenanntes Glück machten, vor-
gekommen sind, welche mit uns ihrem Charak-
ter nach Ähnlichkeit, Gleichheit hatten, daß
vielmehr alle die Menschen welche ja in ihrem
Charakter mit uns Ähnlichkeit hatten in der
Welt und in den Weltverhältnissen und
bürgerlichen Leben im[m]er nur ein für sich und
andere wenig heilbringendes, wenig frucht-
bares Leben führten. Diese Erscheinung ist
mir auch nicht unbekannt und ich habe mich
ernsten Strebens bemüht den Grund davon
aufzufinden, welcher mir darinne zu liegen
scheint, daß jene Menschen auf in dieser ihrer /
[69R]
geistes und Gemüthsausbildung, in der Aus-
bildung dieser ihrer Lebensansicht auf halbem
Wege stehen blieben. Und Ihr Herr Vater
hat so nach Seiner Lebenserfahrung nach Recht,
daß er für mich, daß er für uns fürchtet;
allein er kennt durch seine äußeren Lebenserfahrung
die Festigkeit des Strebens nicht, die ruhige Gewißheit nicht,
mit welcher ein Gottergebener Sinn, in der ausbildung
seines Lebens nach allen Seiten seines Wesens
hin, nicht auf halben, womöglich, nicht auf un-
vollendeten
Wege stehen bleibt. Dieses Streben
weiß ich haben Sie meine Einzige, diese Ge-
wißheit haben Sie, Seele meines Lebens, und
deßhalb und deßhalb bat ich Sie die Meine zu
werden.
Also in dieser in dem Vorstehenden angedeutet
liegenden Achtung und hohen Achtung Ihres
Herrn Vaters hat es einmal seinen Grund
daß ich bisher dessen lieben Brief an mich
noch nicht beantwortete; aber, ich gestehe /
[70]
es Ihnen aufrichtig, daß ich, wenn ich mich ganz
streng prüfe, wohl auch noch einen zweyten Grund
darinne finde, daß Ihr Herr Vater mich in Hin-
sicht der Beantwortung seines Briefes und in Hin-
sicht aller ferneren Mittheilungen einzig und so be-
stimmt an Sie verwies. In dieser Wegweisung
meiner nun, um welcher Willen ich Ihren Herrn
Vater, seiner Lebensansicht halber, jedoch
keinesweges zürnen kann, mag es aber doch auch
vielleicht mit liegen (:denn das menschliche Herz
ist ja so leicht beweglich und empfängt auch bey
der strengsten Aufmerksamkeit auf sich, so leise
Eindrücke, daß wir das Dagewesenseyn dieser
Eindrücke höchstens in ihren erst später bemerklich
werdenden Wirkungen erkennen:) in jener
leisen Entfernung meiner von Ihren Herrn Vater
nun mag es wohl mit liegen, daß ich außer
mir bis jetzt noch nicht den Punkt, die Zeit fand
und finden konnte, um die Antwort an Ihren H. Vater auch außer
mir schriftlich darzustellen, wie
solche schon längst in mir liegt.
Finden Sie also, ich bitte Sie darum meine theu- /
[70R]
erste Freundin, den nächsten Grund, warum
ich einige Posttage ohne Ihnen zu scheiben ver-
fließen lassen konnte, einzig in dem Wunsche den
Brief Ihres Herrn Vaters Seiner Ihrer und unserer
ganz würdig beantworten zu können. Hierzu
aber wollte und will mir das Leben auch bis
jetzt noch gar keinen Raum und gar keine Zeit
gönnen und in dem ganz ungemeinen und beson-
ders so vielseitigen und so ganz entgegengesetz-
ten Beschäftseyn meiner in der jetzigen Zeit
liegt daher auch ein wesentliches Hinderniß wenig-
stens schreibend mich ganz in Ihre Nähe versetzen
zu können. Außerdem nämlich, daß mich
der Bau des vorderen Hauses, welches ich
vor der Hand zum möglichst bequemen Wohn-
hause, so viel und so weit es seine Größe
nur immer erlaubt, ausbauen und einrichten
zu lassen wünsche, sehr in Anspruch nimmt,
außerdem daß ich eine ganz neue Scheune
mit Kammern habe aufrichten lassen und jetzt
eben auszubauen beschäft[igt] bin, um durch die ge-
dachten Kammern in derselben, in dem vordern Wohn- /
[71]
hause Raum zum wohnen und einige Be-
quemlichkeit zu gewinnen, so fodert auch der
Feldbau schon ganz meine Sorge, weil wegen
bisherigen, trockenem Wetter hier jetzt zwey
Wirtschaftsarbeiten nämlich die der Heuerndte
und die Besorgung der Knollen- Kraut- und Rüben-
gewächse, zusammen fallen. Dazu kommt noch
die Sorge für das Innere meines Hauswesens
und die Pflege meiner Zöglinge. Mögen Sie
verehrteste, theuerste Freundin schon hiernach
beurtheilen, wie wenig mir jetzt, mich denkend
ruhig für einen Gegenstand zu sammeln vergönnt
ist und dennoch verlangt das ganze Leben, die
klarste Besonnenheit und die ruhigste Bestimmt-
heit im Denken und Handeln. Außer alle diesem
bin auch ich nun noch von mir durch Verwandschaft
nahe stehenden Menschen umgeben, denen es
Geschäft ist mir die Begründung meines Wirkens
und meines häuslichen Lebens so schwer als
möglich zu machen. In diesem Leben denken
Sie sich nun stehe ich ganz allein, ohne eine
Seele zu der ich mich mit uneingeschränkten /
[71R]
Vertrauen hingeben könnte. Niemand umgiebt
mich von dessen Lippen mir, wenn ich mich zutrau-
ensvoll zu ihm wendete, ein treues verständiges
Wort flösse, dessen Lippe mich gern von den auf
richtigen Gesinnungen seines innigst theilnehmenden
Gemüthes überzeugten.
Hiernach können Sie sehen und empfinden wie
sehnlichst ich der Zeit entgegensehe, wie sehnlichst
und innigst ich die Zeit herbey wünsche, wo ich
mein Leben geeint mit Ihnen leben könnte.
Sehen Sie meine Hochgeliebte, die Last des ganzen
Tages mit allem seinem vielseitigen Beschäftigt-
seyn sollte mir, eine Freude zu tragen seyn,
wenn ich nur am Ende eines so erschöpfenden
Tages einige Worte, nur eine Stunde mit
Ihnen sprechen mit Ihnen so ganz offen und
treu, wie es meinem Herzen Bedürfniß
und für meinen Geist und alle meine Kraft
so stärkend und erhebend ist, mittheilen
könnte. Sehen Sie nichts als die, so unaus-
sprechlich sträkende [sc.: stärkende] Mittheilung vom Herzen
zum Herzen ist es, die ich von Ihnen wünsche /
[72]
Ihr frommer Sinn, Ihr Gottergebenes Gemüthe
ist es wonach mein Geist so sehnend sich sehnt.
Schon ist es für mich unaussprechlich erhebend
und stärkend wenn ich mir nur denke von
Ihnen sagen zu hören: "Denen die Gott lieben,
denen müssen alle Dinge zum besten dienen!["]
Wohl weiß ich dieß, und wenn ich so hoch be-
glückt bin mein Leben geeint mit Ihnen zu
leben so hoffe ich es Ihnen in Ihren und unsern
Leben zeigen zum Voraus zeigen zu können; aber
was auch der Geist weiß, was er auch sieht
besser als er es sieht weiß möchte ich sagen, sieht er es
im gläubig frommen Gemüthe leben; schöner als er
es
sieht möchte ich sagen in seinem Leben wissend
sieht, sieht er es in dem Gemüthe, in dem Leben
des frommen Weibes, der ruhig gottergebenen
Gattin.
Möge Sie dieses, das Innerste was jetzt in
mir lebt überzeugen, daß ich so weit
bis in diesem Augenblick meine Erkenntniß
und Einsicht und Kraft reicht, alles anwende
um so bald als möglich die Zeit herbey /
[72R]
zu führen von welcher ich nicht mehr sagen
darf: mein Leben, von welcher und in welcher
Sie mir nicht mehr mehr zu sagen erlauben:
Ihr Leben, von und in welcher wir nur gerne
und in völliger Ruhe des Herzens und in Friede
der Seele sagen: unser Leben.
Gern sehr gern meine Einzige beendigte
ich wenigstens die sämtlichen Bauarbeiten
welche nun unser einstweiliges
Wohnhaus und die dazu gehörigen Wirth-
schaftsgebäute nöthig machen und so hätte
ich noch gewünscht, daß ich wenigstens den vorde-
ren Theil des Hofes, ganz ehe ich Sie gebeten
hätte mir hieher zu folgen, ganz in Ord-
nung gehabt hätte. Aber fast scheint es nicht,
daß es mir vergönnt werden sollte, alles
dieß so in Stand zu setzen als es meine Hoch-
schätzung Ihrer, meine Liebe zu Ihnen so
sehnlichst wünschte, wenn ich nicht noch länger
für mich nicht zu lange, die Zeit des
Geeint-Lebens mit Ihnen, die ich zu benennen
mich jetzt nicht geschickt fühle, entbehren soll. /
[73]
Gern, sehr gern hätte ich auch äußerlich alles
so eingerichtet gehabt, wie in meinen Geiste
alles für Sie, die Theuerste und Geliebteste,
alles geordnet und eingerichtet steht, allein
die mich gar zu sehr in Anspruch nehmende
Sorge für das Innere Hauswesen und jetzt
nun den Feldbau scheint mir dieses lange nicht
in solcher Vollkommenheit als ich es wünschte
und mir, in mir vorgesetzt hatte möglich
zu machen. So z.B. weiß ich nicht ob es
mir noch möglich werden wird ein Wasch-
und Backhaus, noch ehe ich Sie, Theuerste mir
zu folgen bitte, ganz beendigen zu können.
Schreiben Sie mir, sagen Sie mir Geliebteste
welche Farbe Sie wünschen daß das Haus
tragen möge in welchen Sie, wenn auch nur
einige Zeit zu leben sich entschließen könnten.
Sagen Sie mir, ich bitte Sie recht herzlich
darum, welch' eine Farbe Ihnen für Ihr
Wohnzimmer die liebste seyn würde.
Hätte ich doch über alles dieses leise Andeutungen /
[73R]
durch unser weniges persönliches Zusammen-
leben erhalten, daß ich mir deßhalb nicht
Ihr Wort erbitten müßte; aber lassen
Sie Sich dad[urc]h nicht abhalten mir meine
Bitte zu erfüllen, denn es würde mir
immer schmerzlich seyn, wenn im Innern
odern Äußern unseres Wohnhauses und
Umgebung irgend etwas wäre, dessen
daß Ihnen unangenehm sey und dessen
Anordnung von mir abgehangen hätte. Machen
Sie mir ich bitte, bitte die große Freude
mir bestimmt zu sagen wie Sie dieß wünschen
legen Sie mir die bestimmten Farbenproben
bey. Warum ist es mir denn nicht vergönnt
alles, und Alles so zu ordnen und auszuführen
wie ich es wünsche, damit Sie in jeder Ihrer
Umgebungen bis in das Kleinste herab finden
und sehen mögte wie hoch ich Sie achte wie innigst ich
Sie liebe, wie Theuer Sie mir Sind, wie Ihre Zu-
friedenheit, Ihre Lebensglück, die Quelle der
und des meinigen ist.- Schreiben Sie mir doch
recht bald. Nächsten Sonntag hoffe ich Ihnen /
[74]
noch bestimmter schreiben zu können und
Ihnen auch den Brief an Ihren Herrn Vater
beylegen zu können. Möchten doch Ihre
mir wirklich in Aufrichtigkeit lieben
und theuern Eltern Ihnen erlauben Sie
von mir grüßen zu dürfen, möchte
doch dieser Gruß denselben nicht Schmerz
nicht Kummer verursachen. Ihr Herr
Vater
sagt: er kann sich keines Andern
überzeugen; aber auch ich muß sagen
ich darf, auch ich darf und kann nicht
anders handeln als ich handle; ich muß
Sie bitten: Seyn und bleiben Sie treu
die Meine, trauen, vertrauen Sie mir
ganz, wie ich Ihrer für alle Ewigkeit
treu bin, wie ich der Ihrig[e] bin, wie ich
Ihnen traue und ganz vertraue, mein
Leben in Ihrem Gemüthe finde. Leben Sie
wohl und denken Sie meiner in Liebe, wie ich
stets Ihrer.       FriedrichWAFröbel