Briefausgabe Friedrich FröbelBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung / Fröbel-Forschungsstelle der Universität Duisburg-Essen

F. an Henriette Wilhelmine Hoffmeister in Berlin v. 5.7./7.7./9.7.1818 (Keilhau)


F. an Henriette Wilhelmine Hoffmeister in Berlin v. 5.7./7.7./9.7.1818 (Keilhau)
(BN 444, Bl 75-89, Brieforiginal 7 ½ B 4° 30 S.)

Am Sonntage den 5en Julius Morgen.


Wilhelmine!

Ich habe in Dir, Seele meines Lebens, gefunden
was ich bedarf; und was Du noch nicht in der
Wirklichkeit, in Deinem Bewußtseyn bist,
Alles, Alles kannst Du werden; zur Voll-
endung liegt die Anlage, alle Anlage in Dir;
Du bist zur Vollendung bestimmt; dulde und
hoffe noch! Deine Hoffnung wird erfüllt wer-
den, Deine Duldung wird belohnt werden.-
Auch Du, ja! auch Du hast gefunden was
Du bedarfst, was Dein Gemüth, Dein leben-
diger alles gestaltender Geist fordert; was ich
noch nicht bin, in der Zeit und im Raume
in der Gegenwart noch nicht bin, kann ich
werden zur Vollendung liegt die Anlage in
mir, auch ich bin zur Vollendung bestimmt;
ich werde kämpfen, handeln und entbehren
verleugnen, mein Handeln wird Früchte
bringen, mein Kämpfen, Sieg; mein Ent-
behren, mein Verleugnen wird mich reich /
[75R]
machen, wird belohnt werden, wird sich selbst
belohnen; denn wer das Äußere entbehrt,
das Unwesentliche verleugnet, sich selbst ver-
leugnet hat das Innere, hat das Wesen, hat
so alles was er bedarf und ist so, reich.-
So lasse uns denn in Gottes Namen, im
felsenfesten Festhalten an Ihn, Du, durch
Deinen unerschütterlichen Glauben, ich durch
mein klares Wissen, welches aber erst durch
Deinen Glauben, durch das Sehen Deines Glaubens
durch das Leben in und mit Deinen Glauben,
Leben, - nie verlassendes Gefühl wird -
wenn auch in unmerklichen Räumen, doch un-
unterbrochen, stetig geeint, wechselseitig, so,
daß der von uns beyden, welcher in diesem,
in einem Augenblick, fester, höher, klarer,
reiner, lebendiger, Gott ergebener, in Gott
ruhender, Gott in sich lebendiger fühlend da stehe,
den Andern erhebe, stärke, ermuthige, leite
führe, lehre unterweise, zeige - empor steigen
zur Erreichung unseres Zieles zur Erringung /
[76]
unserer Bestimmung, zur Erfüllung unseres
Berufes, wie uns dieses die heilige Schrift
Gottes Wort, im alten wie im neuen Bunde
so groß, so erhaben, so herrlich ausspricht:
1. B. Mose 1.27. Matth: 5.48.
O! wie danke ich es Dir, wenn Du mir er-
laubst ganz meiner innersten Natur getreu
zu leben, daß Du mir es erlaubst ganz meinem
innersten Wesen getreu zu seyn: zu <k...>, ernst
still, ruhig, streng, fest, in mich gekehrt, wahr
besonnen, im Äußern kalt, wissend, klar in mir,
einsichtig, zögernd; auch wohl abstoßend und so Druck oder Schmerz gebend mich nur dadurch liebend zeigend
daß ich gebe und gern gebe was mir gegeben ist,
was ich bin, aber innigst liebend Gott, die Natur
die Menschen, die Meinen, und über alles und vor
allem in der Natur und auf der Erde, Dich!-
Auch Du sollst ganz Deiner innersten Natur
getreu leben; denn Dein Leben ist ja nur
das meine; beschränkte, stöhrte ich Dein Leben
so beschränkte, stöhrte ich ja das meine. Mein /
[76R]
schönstes Geschäft soll seyn, die Fo[r]derungen Deines
Innern und Innersten die Dir selbst noch unbe-
kannt, von Dir unerkannt
sind zu erkennen, Dir
zur Erkenntniß und Einsicht zu bringen, damit
Du ganz der Forderung Deines Wesens getreu
leben könnest. So meine Theuerste, so lasse uns
in unsern Denken und Thun, in unsern Reden und
Handeln, in unsern Erkennen und Wirken zunächst
auf so einen so kleinen Kreis, auf einen so kleinen
Punkt als möglich beschränken, lasse alles unser
Denken und Wirken, Empfinden und Thun nur
auf die Pflege, die Ausbildung, die Heiligung unseres
uns nicht selbst gegebenen Selbstes, auf die
Reinigung und Heiligung (Gesundmachung) unseres
Wesen richten. Lasse uns, meines Lebens Seele!
in diesem Streben unser höchstes Glück, in dem
Bewußtseyn diesem Streben kindlich getreu gelebt
zu haben den Frieden unserer Seele finden, lasse
uns so ein Leben führen wie es unsere Seele
fodert, wie es unserer Seele angemessen ist
lasse uns streben ein Seeliges Leben zu führen,
schon auf dieser Erde dem Wesen unserer Seele /
[77]
getreu zu leben und schon auf Erde in Seeligkeit
zu leben.
Du sagst meine Freundin, meine Einzige! mein
Höherstellen Deiner, als Du wirklich schon seyest,
als Du in der Wirklichkeit, wirklich schon bist,
mache Dir Schmerz. Ja meine Theuerste, meine
Geliebteste ich will es Dir auch ganz offen gestehen,
daß ich Dich mit meinem Wissen und mit meinem
Bewußtseyn höher hinstelle als Du wirklich außer
Dir jetzt schon bist (:aber nicht, aber keinesweges
höher und lange noch nicht so hoch als Du in Dir,
Deinem Wesen, Deiner Anlage, Deiner Bestimmung
Deinem Berufe nach bist, als Dein Wesen ist:) jenes
thue ich deßhalb, damit Du in Dir suchen mögest:
ob Du nicht in Deinem Leben und Handeln, in Deinem
Empfinden und Wirken, so werden kannst, als
ich Dich hinstelle, als ich Dich, Dir zeige. Und da
wirst Du denn bey Unverzagtheit und Vertrauen,
bey Frömmigkeit und Gottergebenheit bald finden,
daß Du nicht allein so seyn und werden kannst,
wie Du findest, daß ich Dich hinstelle, sondern
Du wirst sogar bald finden, daß Du noch mehr
bey Weitem noch mehr seyn kannst und einst /
[77R]
gewiß seyn wirst, als Du jetzt in meiner
Darstellung Deiner findest; denn (:ich bitte Dich
schon wieder sey zürne nicht mit mir wenn ich sage ich
kenne Dich besser, Dein Wesen als Du Dich selbst
kennst[)]. Jenes finden dessen was Du seyn kannst
und bist, meine Seele, dieß wird Dir ächtes,
seinen Grund in der Demuth vor Gott habendes
Selbstgefühl, dieß wird Dir jede höhere Eigen-
schaft und Kraft und Muth und alle göttlichen
Gaben geben, die das Leben zu seiner Ertragung
und Durchkämpfung erfordert; dann werde ich
Dir wieder sagen wie ich Dich nun sehe, ich werde
Dir dann in Dir selbst in Deinem Bilde zeigen,
wie Du daß wozu Du bestimmt bist, in noch
höherer Reinheit, Vollkommenheit seyn und
werden kannst; ich aber werde Dir sagen Du
seyest es schon ich werde Dir sagen:- Du bist es!
und ich, sage wahr, denn ich sehe, daß Du es
in Dir bist, und so auch äußerlich seyn kannst
und seyn wirst.- Du aber wirst mir sagen:
Du seyest es noch nicht, Du wirst mir sagen: ich
bin es noch nicht
und Du sagst auch wahr, denn
was ich Dir sage daß Du in Dir bist, bist Du /
[78]
noch nicht ganz außer Dir, aber Du wirst nun
streben es zu werden, und Du wirst es nach
und nach werden, es auch äußerlich in und durch
Dein Leben seyn. Und so wird die innerste
geheimste und doch lauteste nicht zu beschwichti-
gende Sehnsucht Deines Geistes, Deines Geistes
Gemüthes: zu immer höherer und größerer Voll-
kommenheit empor zu steigen erfüllt werden.
Was ich aber von mir, in Bezug auf Dich sage,
gilt ganz auch von Dir zu mir: Auch Du siehst
und findest mich im Erkennen, Einsehen und Wissen
bey Weitem höher als ich, im Leben und Handeln und Wirken
und Thun
wirklich bin. Ich selbst sogar stelle
mich Dir wohl im Erkennen bey Weitem höher hin, als ich im
Handeln, Wirken und Thun im Leben schon bin.
Nun aber kommst Du im hohen, höchsten Vertrauen
zu und mit mir, und findest, daß ich im Leben
und Thun und Wirken lange noch nicht das bin
was Du nach dem wie ich mich selbst darüber
aussprach fodern mußt, was Du, Deiner
Wesen Natur nach, fodern mußt, wirklich foderst,
Du aber mußt es und wirst es, so leise oder so /
[78R]
laut es seyn mag und wenn auch wirklich Dir
selbst unbewußt, unbemerkt fodern, ja viel-
leicht könnte ich es auch sogar nur fod denken,
daß Du es foderst, das Gefühl meiner
Kraft aber, mein (seinen Grund in dem Bewußt-
seyn, ein Geschöpf Gottes zu seyn, habendes)
Selbstgefühl, meine WahrheitsLiebe, meine
innigste Liebe zu Dir, meine innigste Hochachtung,
Treue Deiner, oder wie Du es nennen willst,
denn es ist Eins, es ist mein Wesen, etwa dieses
wird<t> es nicht ertragen, Etwas nicht zu seyn
Dir nicht zu seyn, was zu seyn ich aussprach,
wozu zu seyn ich Hoffnung machte; und so
werde auch ich streben, mein Handeln und Wirken
und Thun, mit meinem Denken, Wissen und Er-
kennen bis ins Kleinste in Übereinstimmung
in Einklang zu setzen. Und diese Übereinstimmung
des Innern und Äußern, des Lebens in und außer
uns, unseres Erkennens und Thun ist das Höchste
was der Mensch, der Mann im Leben, d.i
auf Erden, in der Erscheinung als Geschöpf auf
der Erde, erringen soll und kann; und so /
[79]
werde auch ich immer vollkommener werden, zu
immer größerer auch äußerer Vollkommenheit empor-
steigen; denn auch Deine Foderungen an mich werden
und müssen nach Maßgabe dessen was ich jetzt
schon bin und leiste immer höher und höher steigen
und so werde ich auch wieder in mir immer mehr
empor steigen zur Einsicht, zur Erkenntniß dessen
was der Mensch, der Mann seyn soll im Leben,
auf dieser Erde; schon, nur erscheinend als
Geschöpf auf dieser Erde seyn soll und kann.
(:Was Du von Dir, in Bezug auf Dich vom Schmerz
sagst, von der Heftigkeit dessen welchen Du schon er-
trugst, und von der Nothwendigkeit daß er um
Deiner Vollkommenheit willen vielleicht noch länger
und lange fortdauern müsse; das darf, das
muß ich wohl von mir, in Bezug auf mich, in seiner
ganzen Ausdehnung vom Druck sagen, von dessenr
fast erdrückenden Gewalt dessen welchen ich schon
trug, und dennoch auch der Nothwendigkeit, daß er
um meiner Vollkommenheit, meines im Besser werden
willen vielleicht auch noch lange fortdauern muß:)
doch werden wir so beyde auf dem einfachsten Wege
emporsteigen zur - Erreichung - Erfüllung unseres /
[79R]
Berufs unserer Bestimmung: Mose 1.27.
Math. 5.48.
Und so werden wir denn auch gegen unser
Geschlecht als Menschen in der Zeit als Christen
unsere Pflicht erfüllen; wir werden als Erfahre-
nere, Weisere - und Wills Gott! Gott gebe es als
Eltern - als Erzieher unsere Pflicht erfüllen;
wir werden nicht nur belehrend durchs Wort,
sondern auch durch Thun und im Leben zeigend
darstellen, zeugen, was der Mensch auch erschei-
nen auf in einer unvollkommenen Welt und auf
einer noch unvollkommenern Erde seyn und
werden kann und somit soll; und so, ja! so
werden wir seyn was wir seyn sollen und
wollen, Erzieher der Menschen!- Fortbild-
ner Entwickler der Menschheit und die Nach-
welt wird uns und wenn auch nur Einer
der denkend erkennt:- daß jede Erscheinung
sie sey noch so klein oder vorübergehend
auf der Erde, besonders aber in der Entwicklung
und Fortbildung der Menschheit ihren Grund
seine Ursache, jedes Statt findende Gute seine
Quelle, sie sey noch so verdeckt und unbemerkt /
[80]
hat, und haben muß - und wenn auch nur
dieser Eine, wenn auch die Geschichte unsere
Namen nicht nennt, nicht aufbewahrt, doch
diesen Grund, diese Ursache, diese Quelle des
von ihm schon als daseyenden schon als hervorge-
fö[r]derten Guten und wird so uns segnen.
Ein frommes, ein wahres Gemüth wird Gott
danken der uns einander, der einen Mann
der mich ein Weib wie Du bist, in Dir bist
finden ließ.-
Siehst Du Freundin, einzigste, wahre, ächte Freundin
bewährte, treue Freundin! so ist das Leben im
Gemüthe im Geiste; es ist wohl ein reiches Leben
und so darf auch wohl der Mann dessen bittende
Bitte: "sey mir Gattin" Du vertrauend erfülltest
als ein zum Bewußtseyn, zur Vernunft bestimmtes Wesen und so auf das
Natürlichste und Einfachste bedingt und gefordert im stillsten, bescheidensten
im bescheidenen das Bewußtseyn frey und ohne
dadurch in Deiner Seele (denn Du bist ja schon
sein, er ist ja schon Dein) den leisesten Schmerz
hervorzurufen sagen: wohl erfreue ich mich
eines reichen Geistes, wohl ist reich das Gemüth
aber ich bin dennoch äußerlich arm, sehr arm; wenn /
[80R]
ich es ja recht klar schaue ich bin ärmer als
arm. Laß mir dieß Dir, ehe Du mir folgst
nochmals recht offen, recht frey, recht redlich sagen.
Gestatte mir es nochmals Dir sagen, Dir nochmals
gestehen zu dürfen warum ich und wie ich im klaren
Bewußtseyn meiner äußern Armuth Dich dennoch
bitten konnte: "Sey die Meine! folge mir als Gattin!["]
Siehst Du aus dem sehr Wenigen und Zufälligen was ich
aus Deinem Leben hörte und wie Du Dein Leben nahmst
und trugst, schloß sich mir Dein innerstes Leben auf,
so auf, wie es sich vielleicht Keinem je aufschloß dem
Dein Leben doch fast ganz bekannt ist, ich erkannte
das fromme Gott ergebene und - rein mensch-
liche Gemüth, den still frommen und - menschlichen
Sinn; und was kennt denn der Mensch höheres
als den Menschen?- Da sagte ich mir: Dieses fromme
dieses menschliche Wesen und Gemüthe, wird dein dir vom
Schöpfer gegebenes Inneres und Innerstes, werd ich als Mensch
achten und - als solchen Dich lieben. Wirst Du nun fortdau-
ernd einen Mann der die Anerkennung seines ganzen
Seyns und Wesens, und so eigentlich erst wahrhaft sein
Leben, sein ächtes wahres Leben in Dir, auf der Erde nur
einzig in Dir findet, darum nicht verschmähen, nicht minder
achten und lieben weil er äußerlich arm ist?- Wirst /
[81]
Wirst Du stark genug seyn den Frieden Deiner Seele,
die Ruhe Deines Gemüthes nie dadurch stöhren und trü-
ben zu lassen, daß der dem Du Alles bist nächst der
Zufriedenheit Gottes, Alles bist, arm ist?- Doch
lasse mir Dir es auch gestehen sagen daß ich weiß,
hast Du nur einige Zeit, nur eine sehr kurze Zeit
Nachsicht mit mir haben wir nur unser Leben,
unser Lebensziel unsern Beruf auf Erde, unsere
Bestimmung gegenseitig von Seiten des Wissens und
Erkennens recht klar und deutlich, von Seiten des
Empfindens und Lebens recht lebendig, immer wie
das Leben selbst, stetig, ununterbrochen in uns
wohnend und wirkend gemacht, haben wir nur
gegenseitig recht klar und sicher und Lebendig, den
Weg und die Mittel erkannt wodurch und wie
wir unser Lebensziel erreichen unsere Bestimmung
unsern Beruf erfüllen; Haben wir dieß, was
ja meine Seele von Nichts gar Nichts außer uns
was ja nur einzig von uns abhängt, dann weiß
ich
auch, nur eine kurze Zeit eine sehr kurze
Zeit des Lebens mit Dir, geeint mit Dir, Eins mit
Dir
  und es wird an uns wahr werden, wir selbst
werden es mit klarem Bewußtseyn und ganz deutlichem
(bis ins Kleinste zu deutenden) Gefühle wahr machen, was /
[81R]
für die Mit-uns-Lebenden zeigen als wahr zeigen
was Er sagt: Math. 6.33. Wir werden klar einsehen
wir werden es deutlich fühlen, wie wir von der
Wahrheit dieses Ausspruch Zeugen können:
wenn unser Lebenszweck und Lebensziel das der wahre
wenn unsere Gesinnungen mit denen wir leben
(d. i erkennen und wirken, reden und thun)
die ächten sind
wenn in unserm Wirken Thun d. i in meinem Schaffen
und Deinem Gebrauchen, in meinem Erwerben
und Deinem Erhalten, in meinem Wirken
und Deinen Ordnen, reine Einheit, schöner Ein-
klang ist.
wenn wir willig und freudig und gern entbehren
was wir nicht, gleichviel unmittelbar oder
mittelbar, d. h. durch unsere Gesinnungen und
unser Denken und durch die Mittheilung desselben
zur Bildung und Belehrung oder durch äußeres
Handeln und Erwerben - durch uns selbst
schaffen; aber wir können und werden viel
schaffen, Schönes und Gutes und Nützliches
wenn wir in Allem und allem was wir thun
durch unser und in unserm ganzen Leben
Gott unsern Schöpfer, und Ihm dem Mittler /
[82]
zwischen Gott und uns, die Ehre geben, d. h.
im Leben und durchs Leben zeigen und zeugen,
daß nur der Geist es ist der Einzige und Einige
und Ewige und Heilige der Alles schafft und
alles thut, und daß nur - die Gnade es
ist, durch welche wir thun.-
Und hängt dieß nicht alles von Nichts außer uns,
nur und einzig von dem In-Uns ab?-
Nicht wahr Theuerste! Deine Pflegetochter, Deine Dir
liebe Ernestine von welches [sc.: welcher] es mich innigst freut,
daß sie gern mit Dir und so zu mir zieht, nicht
wahr diese wird Deine Gesinnungen mit Dir theilen
und, wenn sie auch ein Mädchen ist die in der Regel
nicht gern entbehren, doch nicht gleich ein trübes
Gesicht wenn diese oder jene Kleinigkeit oder Größeres
sie, wenn es die Nothwendigkeit geböte, entbehren
müßte?- Meine Achtung dann ihrer, soll ihr
gewiß auch dieses, wenn ihr die Achtung dessen der
wenigstens wahr und gut zu seyn wünscht, nicht
gleichgültig ist - reichlich ersetzen.
Es drängt sich mir bey dieser Betrachtung des
Lebens und besonders meines innern und äußern
Lebens, die Nothwendigkeit auf, Dich meine Seele
noch mit einer, mir viel, sehr viel zur Last
gelegten Eigenschaft meiner, offen bekannt zu /
[82R]
machen, von welcher ich ohne meinen Willen
bisher gegen Dich geschwiegen habe. Es scheint
diese Eigenschaft meiner ein großer Widerspruch
in meinem Leben in meinem Denken und Handeln
besonders aber ein großer Widerspruch zwischen
meiner äußern Lage und meinem äußern
Handeln und Thun zu seyn. Erlaube mir daß ich
Dir diese, so viel verklagte Eigensc so viel
verdammte Eigenschaft meiner Dir offen gestehen,
und lasse uns dann sehen: ob ich denn wirklich wegen
derselben so anklagens- so verdammungswerth
bin? (:Überhaupt ich will es Dir nur, ein für alle
mahl sagen: Du wirst einst, wenn Du mit mir lebst,
wenn Du das Urtheil der Welt über mich hörst
finden und sehen: daß man viel an mir verklagt,
viel an mir verdammt, ja Du wirst vielleicht sogar
solche hören die im Ernst zweifeln ob denn auch wirklich nur
etwas Gutes an mir ist:)
Siehe ich erkenne in mir sehr den hohen, ich möchte
sagen unschätzbaren Werth des Kleinen, des Klein-
sten, des Geringsten, denn entsteht nicht aus der
kleinsten Handlung das Größte, entstanden nicht
aus den unbedeutsten unscheinbarsten Ursachen
die größten Welthändel? Kann nicht Ein Gedanke /
[83]
in den kleinsten Zeittheil gedacht ganze Geschlechter
der Menschen glücklich oder unglücklich machen?-
glücklich oder unglücklich für kaum meßbare Zeiten?
Das kleinste verlohrenste Saamenkorn im klein-
sten Raum zu in der kleinsten rechten Zeit gefallen
kann es nicht zu seiner Zeit eine ganze Familie
vom Hungertod erretten?- Siehst Du dennoch
war und ist es mir noch bis jetzt nicht möglich
besonders in meinem Geben und mit meiner Gabe
bis aufs Kleinste zu wiegen. Ja! es ist wahr ich
entbehre bald darauf lieber die nöthigsten Lebens-
bedürfnisse als daß ich in irgend einer Gabe, bey
irgend einer Anfoderung die jetzt an mich geschieht
kargen könnte, o! es ist mir dieses in meinem
Leben unsäglich oft so geschehen, und ich habe wohl
wohl Tage, ja Wochen, so sogar Monate lang
die Folgen dieser Handlungsweise empfunden.
Ich habe dann wenn wieder eine ähnliche Anforderung
an mich geschahe langen und schmerzlichen Kampf
in mir und mit mir verlebt, aber es erschien
mir immer unedel mit dem Kleinen im Kleinen sobald andere, nicht ich es empfingen so
zu kargen und zu wiegen
zu geizen, und wenn ich ja zu manchen Zeiten mich
glaubend gemacht hatte, jetzt wäre die Nothwendig-
keit ich müßte wiegen und abbrechen dann empfand /
[83R]
ich wohl viele Monate nachher sobald ich noch
dieser Handlung gedachte, z.B. ein geringeres Trink-
geld gegeben hatte als ich geben zu müssen Anfangs
mir gesagt hatte, einen höchst unangenehmen
Schmerz und ich hätte dann gerne, hätte ich jene
Menschen jetzt vor mir haben können ihnen das
Doppelte und Mehrfache gleichsam zum Ersatz
gegeben. Es lag immer in mir als habe ich jenen
Menschen knickrig und kleinlich, kurz niedrig und
unedel erscheinen müssen und ja der Gedanke
niedrig und unedel zu seyn, Andern im Handeln
niedrig und unedel zu erscheinen ist für mich der
drückendste der peinigendste, um diesen Gedanken
nicht zu haben von mir zu entfernen, würde
ich, wenn es anging gerne zu jeder Zeit mein
Leben lassen. Sehen Sie - und jetzt offenbare
ich Ihnen, zeige ich Dir Du, meine Schwächen einst
heilende mit schonender Hand heilende Freundin
die - wie die Menschen es nennen, größte, ich
möchte sagen nur einzige meiner Schwächen:
Siehe ich bin arm, ich weiß es klar, sehe es deutlich
empfinde es oft drückend und unzweydeutig un-
zweifelhaft genug, daß ich arm, sehr arm bin;
aber es ist mir ganz unmöglich arm zu erscheinen, arm zu
thun, es ist als streubte sich mein ganzes Wesen dagegen, mein
Innerstes empört sich gleichsam weil es mir als das Niedrigste Unedel-
ste, wenigstens mir, als meine niedrigste unedelste Handlung erscheint.
und Doch Dir die Du mein, meine innigste Freundin /
[84]
bist kann ich es auch wohl, wie ich es sehe
außer
mir sehe und durch den oft hart genug
seyenden Druck unzweydeutig, auch sagen, ganz
aufrichtig sagen, aber ich will es Dir nur gestehen
ich kann mich schlechterdings nicht arm fühlen, nicht
arm empfinden. Ja ich bin durch durch meine Lebens
umstände genöthigt worden es frey zu sagen, und ich
habe es frey und heiter und ruhig gesagt, daß ich arm
bin, aber es ist mir unmöglich, mein ganzes Wesen
strebt gleichsam dagegen an mich auch arm zu fühlen, zu
empfinden; wenn ich auch weiß, sehe daß durch Druck
von außen empfinde daß ich äuß[er]lich wirklich arm
bin, so kann ich mich dennoch nie arm, es ist mir
unmöglich mich in mir arm zu fühlen in mir arm zu empfinden, ja ich dünke
mich sogar immer reich, ich glaube mich sogar immer reich. Erscheint,
ist Dir dieß Freundin nicht der sonderbarste, schwer
zu hebendste, schwer zu erklärendste aller Wider-
sprüche?- Da nennen mich nun manche eitel,
manche stolz, manche eingebildet, manche sogar
lügenhaft, ja manche sogar betrügerisch und den-
noch prüfe mich so streng, so lange Du willst ich bin
keines von allem diesen, ich kann redlich sagen ich
bin sogar das Gegentheil davon. Wie lößt sich nun
dieser Widerspruch, wer lößt uns, wer lößt uns, /
[84R]
wer löst mir diesen Widerspruch?- Du hast
ihn mir gelöst, Du hast ihn uns gelöst, Du die Du
mein Wesen, den Grundzug meines Wesens er-
kanntest und mir aussprachst. Du sagtest: der
Grundzug meines ganzen Wesens sey, sein
treues redliches aufrichtiges Streben nach Wahr-
heit und ich darf, ich kann sagen: Du hast recht,
Du hast wahr gesagt. Da Du nun, recht und
wahr gesagt hast, da der Grundzug alles
meines Strebens Wahrheit ist, so hast auch
Du mir jenen Widerspruch gelöst, und so ein
Mißverständniß in mir mir vernichtet was mir
noch vielen Druck und Sorge und geeint mir Dir
der innigst Geliebten, Theuersten Kummer und
Schmerz und Leid und Pein hätte verursachen können
O! wie wohl ist mir jetzt, wie frey, wie leicht
wie jeder Last welche noch auf mir lag entbunden
erscheine fühle ich mich jetzt da ich dieß durch Dich
erkenne und einsehe und fühle, durch Dich erkenne
und fühle!-
Siehst Du es lößt sich mir dieser scheinbare
Widerspruch so: Wie mein Innerstes ist, dafür
kann ich nichts, ich habe es mir nicht gegeben! wie
mein Innerstes sich mir erkennend, fühlbar macht
dafür kann ich nichts, ich habe es mir nicht gegeben
nicht in mich gelegt, ich habe ihm nicht sein Leben, seine /
[85]
Eigenschaften sein Wirken gegeben, ich kann auch
nichts dafür in welchen Eigenschaften, mit welcher
Natur sich mir mein Innerstes, mein Geist, mein
Gemüthe sich mir erkennbar fühlbar macht. Nun
aber zeigt sich mir, was kann ich dafür, was kann ich
dazu daß mein Geist und Gemüth als ein reicher Geist
und reiches Gemüth erscheint, sich mir fühlbar macht
als ein Geist und Gemüth, der des Schönen und Guten
mancherley, von mancher Art, von mancher Form
in sich trägt, so mich zu fühlen ist es meine Schuld?
Bey dem Streben nach Wahrheit nun, welches Du,
als welch als den Grundzug meines Wesens erkennst
und auch ich nach dem Zeugnisse meines ganzen Lebens
und Strebens als solches erkennen muß, selbst in
meinen Schwächen und Fehlern und Vergehen als solches
nur erkennen muß, ja! ich darf ich nicht sagen
den Grund, die Quelle meiner Schwächen, meiner
Fehler meiner Vergehungen in diesem Streben
nach Wahrheit in meinem ganzen Wesen und Seyn
finden muß?- Bey diesem Wahrheitssinn nun
ist es lügenhaft mich nur zeigen zu können wie ich
mich fühle?- ist es betrügerisch wenn sich mein
ganzes Wesen zu empören scheint wenn ich mich
anders zeigen, anders erscheinen will als ich
mich fühlen fühlen empfinden muß?- Aber
dennoch habe ich gefehlt, und Dir danke ich es, daß ich /
[85R]
es erkenne, ich habe sehr gefehlt. Ist denn der
innere Reichthum auch schon ein äußerer?-
Habe ich nicht unverständig gehandelt? nicht als ein
Unwissender?- Ist innerer und äußerer Reichthum
(nehme dieses letztere Wort nicht in der eingeschränkten Be-
deutung des gewöhnlichen Sprachgebrauchs:) sind beyde
eines, einerley?- sind sie besonders auf mich einer-
ley?- hat der Mensch die Eigenschaften welche sich
sein Geist erfreut sich selbst, hat er der Mensch diese Eigenschaften
seinen Geist gegeben, kann er solche sich zurechnen?
Was giebt ihm, dem Menschen seinen Werth? was
kann er sich zurechnen?- ist es das erhaltene Pfund
oder die Anwendung der Gebrauch desselben?- Die
That ist es einzig welche dem Menschen angehört
welche dem Menschen seinen Werth giebt, was
der Mensch sich zu und anrechnen kann!- Was
lehrest Du mich Seele meines Lebens, wenn ich diesem
allen denkend nachgehe? - wenn ich dieß alles
denkend verfolge? - Hat der Mensch mit mehr
äußerem, als er hervorgebracht hat ein Recht
zu schalten wie er will?- Gut! Mann! möchtest
Du gern über vieles schalten, so sehr bringe vieles
hervor, schaffe, gestalte thue vieles!- Hier
sitze ich; mit auf die Brust gesenktem Haupte
und überschaue denkend und sinnend mein Leben /
[86]
mein Handeln, mein Wirken, mein Thun und -
wie ein Schleyer fällt es mir nieder vom Auge
O wie so gar unvollkommen und fehlerhaft und
voller Vergehen war mein bisheriges Leben!!-
Güter die ich leicht erwarb, Werke die ich leicht er-
schuf und gestaltete warum gab ich sie so unbesonnen
so unwissend, so unverständig so leicht wieder hin-
weg?- Jetzt könnte ich sie Warum erwarb ich
nicht damit Zinns, und Zinnsen mit Zinns?-
Jetzt könnte ich sie Dir biethen, könnte Capital
und Zinnsen Dir biethen, Dir die Du meine bessere
Hälfte mein besseres Leben bist, und was man
als trennend als Hinderniß zwischen uns, am
Ende doch nur einzig zwischen uns setzt, denn
zuletzt läuft ja doch nur alles was man als
fehlend an mir findet auf das einzige meinen
Mangel an äußern Güthern wie sie auch Na-
men haben mögen hinaus. Hätte ich dieser äußern
Güther je mehr und mehr um so weniger würden Deine liebenden
sorgend liebenden Eltern zweifeln daß Du glücklich
bey mir leben, mit mir leben würdest, und
längst, vor Monathen schon würden sie gern Dir
erlaubt haben mir zu folgen, und seit Monathen
schon lebten wir glücklich!- Aber ist denn
dieses auch alles wirklich so wahr, was ich eben schwer- /
[86R]
müthig sinnend dachte und es noch denkend schon Dir niederschrieb?-
Habe ich es nicht vielleicht zu voreilig niederge-
schrieben?-
Würde ich, gleichsam durch Naturtrieb, durch Instinkt
geleitet, früher schon anders und wie ich jetzt einsehe, besser
gehandelt haben, würde jene Handlungsweise werth
gehabt haben mir werth geben haben da sie gleichsam unbe-
bewußt von mir geschehen wäre?- Wer
wäre Dir, da Du nun schon meine Gattin wärest
Bürge, daß ich immer jenen, wenn auch an sich guten,
doch mir selbst unbewußten, von mir selbst uner-
kannten Naturtriebe willig folgen würde?-
Würde ich ohne mein vieles Fehlen, ohne mein vieles
Irr- und Wirrgehen ohne mein oftes Ver-gehen,
falsch gehen zu der Einsicht und Erkenntniß, zu dieser
Klarheit gekommen würde ich so zu dieser Festigkeit
und Sicherheit und Beständigkeit und Treue gekommen
seyn der sich jetzt mein Handeln erfreut?-
[Einfügung:] Kommen wir auf einen andern Weg als den des Fehlens, des Vergehens zur Klarheit, zur Einsicht, zum Charakter?-
Würdest
Du, auch wenn wir verbunden wären und ich Dir
hätte Schätze biethen können, ohne Klarheit und Be-
stimmtheit der Einsicht, und Sicherheit und Festigkeit des
Handelns welcher ich mich jetzt erfreue, glücklich mit
mir haben leben können?- Wäre der Friede Deiner
Seele, die Ruhe Deines Gemüthes bey mir geborgen ge-
sichert gewesen?- Ich habe viel gefehlt in meinem /
[87]
Leben aber ich habe, dieß darf, dieß kann ich in Wahrheit
sagen, wörtlich wahr kann ich es sagen von Kindheit an
habe ich gestrebt meine Fehler zu erkennen einzusehen,
und wenn ich sie erkannte, abzulegen augenblicks ab-
zulegen. Lange sehr lange hatte es aber oft gedau-
ert ehe ich meinen Fehler erkannte, dieser Be oft
ja m
oft Jahre, ja mein ganzes verlebtes Leben und
dieser Brief ist Dir ja Zeuge davon, denn indem ich
denselben an Dich schrieb und mich Dir ganz wahr
gab und immer wahrer geben wollte, da erkannte
ich einen Fehler, der immer meinen Augen verborgen
war, warum?- weil ich Inneres und Äußeres,
sehe sehe ich auch dessen Verschiedenheit und die Wich-
tigkeit der Erkenntniß beyder kenne, doch in diesem
Fall bisher immer verwechselte oder vielmehr
gleichsetzte. Lange sehr lange hat es oft gedauert
ehe ich meine Fehler erkannt, die Ursache war:
daß ich hatte zwar drey Lehrer, aber auch einzig
nur diese drey, ich liebte sie mit Innigkeit, mein
Herz und mein Leben hing von Jugend auf an ihnen
wohl kann es seyn bald mehr an dem einen bald
mehr an dem andern, aber i[m]mer dennoch alle drey
zugleich liebend; da machte man mir nun wechselseitig
diese drey Lehrer verdächtig und diejenigen welche
ihnen das Wort redeten, ach redeten oft wie die
Blinden, von der Farbe, kannten sie selbst nur von
Hörensagen; da kostete es Kampf, Riesenkampf /
[87R]
Verleugnen, Entbehren, Prüfen; wie hätte so nicht
Fehl an Fehl sich reihen sollen? Dazu kam meine
Lehrer waren für mich gleich stumm ich mußte
jetzt jedes einzelnen Sprache und Rede erst im Um-
gange mit ihm selbst lernen. Wohl ging ich zu
Andern, zu Vielen, durchreiste Länder zu Männern,
die sich rühmten ihre Sprache zu kennen um sie zu
lernen. Aber wenn ich lernte was diese Ge-lehrten
mich lehrten die Klugen, logen und die Sprache
anwendete verstand keiner meiner Lehrer mich
statt Brot reichten sie mir Noth und doch hatte
mir jene ihr Wort gegeben, sie würden wenn ich in
ihrer Sprache blieb Brot nehmen. Meine Lehrer er-
schienen für mich gleich taub, keine Rede so schiens mir
schien mir in ihr Leben einzudringen. Augen schienen
sie auch nicht zu haben, denn des Lebens Last drückte
mich oft zu Boden, aber sie schienen sich nicht zu regen
solche mir von den Schuldern zu nehmen und Gefühl
schienen sie mir auch nicht zu haben denn mein Schmerz
und meine Pein schien ihr Herz nicht zu rühren
und dennoch liebte ich sie so unaussprechlich und
wehe wurde es mir ums Herz, bange, wenn ich
bald des einen bald des andern spotten oder ihn
wohl gar verlachen hörte, bey diesem Wider-
spruch konnte es nicht fehlen daß ich bey aller Liebe
und Treue im Gemüthe viel fehlte. Meine
drey Lehrer, meine einzigen Lehrer waren: /
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Gott (Sein Wort) die Natur, mein Innerstes
und dennoch, dennoch fehlte ich fiel warum?- weil
Viele, so Viele sich mir aufwarfen ihre Sprache zu
verstehen, mir ihre Rede zu deuten, aber was sie
mir sagten war mir entweder nicht wahr, oder
nicht klar.
Doch ich kehre nun nach diesem großen Zwischen
Satz welcher sich mir herein drang zurück zu dem wo
ich oben ableitete.
Wenn Du nun dasjenige was ich auf der letzten
Seite der vorigen Blattes niederschrieb nochmals liesest
nochmals gelesen hast so frage Dich, wen möchtest
Du lieber zum innigsten Freunde Deiner Seele zu Deinem
Gatten, den der ruhig seinen Naturtriebe zwar
gefolgt und wenigstens wenig gefehlt habe, aber
sich seines Gutseyn nicht bewußten, gutmüthigen
Mann der äußere Güter mancher Art Dir böthe, aber dennoch ihren Werth nicht kennte
oder den Mann der zwar viel gefehlt hat
und auch wohl noch fehlt, aber seine Fehler gern
erkannt hat und auch wohl noch gern erkennt und
ablegt, der den Mann der das Wesen an und
das Schwere des Gutseyns sich zum Bewußtseyn
zu bringen strebt, und der bald aufhören möchte ein
gutmüthiger Mann zu seyn, aber ein guter Mann
und wenn auch erst späte werden mögte?-
Was frage ich noch? wie dürfte ich, erwarte ich
einer Antwort von Dir es wagen Dich, ohne Dich
zu kränken, zu fragen Deiner Antwort wartete /
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ich auch nicht, nur aussprechen wollte ich dieß da-
mit Du mich in meiner Aufforderung: laße uns
Gott und das Schicksal innigst ja unser ganzes
Leben hindurch preisen welche alles so fügten wie
es ist!- verstehen möchtest.
Siehe ich darf Dir nun sagen, nun nachdem es mir
möglich geworden ist Dir diesen Brief zu schreiben:
Des Lebens Last, des Lebensbürde ist von Deinem
Geliebten gefallen, er tritt als ein wahrhaft innerlich
und äußerlich freyer Mann zu Dir folge ihn freudig
und fest. Klar und wahr liegt das Leben das Innere
und das äußere das göttliche und das menschliche
vor und in ihm, traue ihm froh und ganz. Laße
es Dir nicht bangen und leiden, daß er Dir bis
jetzt noch Nichts biethen kann, daß er Nichts hat,
noch Nichts hat ist es doch göttlich aus Nichts
Etwas zu schaffen und der Mensch soll ja
in allen Dingen göttlich handeln.
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Alles dieses noch Dir einzige Freundin aus der inner-
sten Tiefe meines Gemüthes und Seyn noch mitzu-
theilen muß zur fvölligen Feststellung unseres
gegenseitigen Verhältnisses unserer gegenseitigen
Fo[r]derungen wesentlich nothwendig gewesen seyn
denn ich wollte Dir diesen Brief schon mit der vorigen
Post abschicken, allein es war mir nicht möglich und
nun wollte ich gern, da mir dieser Brief zu lang zu /
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werden schien denselben abbrechen und an eine andere
Arbeit gehen, die mir zürne mir nicht, in meiner jetzigen
augenblicklichen Lage nothwendiger schien, aber ich rückte
im Denken gar nicht vorwärts, ich konnte meine Gedan-
ken auf den Gegenstand des zu bedenkenden [nicht] festhalten,
ich wurde vielmehr müde, sehr müde, welches beydes
mir immer geschieht wenn ich mich in meinen Denken
willkührlich unterbreche, oder mir die Denkreihe
ganz durchdacht scheint und es doch wirklich noch nicht
ist. So wie ich nun an dem Schreiben dieses Briefes
fortfuhr so wurde mir wieder geistig ganz wohl
und jetzt ist über unser inneres gegenseitiges und ge-
meinsames Leben alles ruhig in mir.
Ich kenne jetzt gar nichts mehr, das wesentlich wäre
Dir von mir und über mich noch früher auszusprechen
als es mündlich geschehen kann, willst Du so kann Dir
nun keine Seite, keine Richtung meines Wesens und somit mein
Wesen selbst nicht mehr fremd seyn. Ich habe Dich
mich Dir so klar gegeben als ich mich selbst erkenne, so
deutlich als ich mich selbst empfinde, was beides
mir so lieb ist, denn Du bist ja mein; ich bin ja
Dein, wir sind ja Eins.
Nun lebe wohl. Grüße ernst, liebend, aufrichtig
Deine lieben verehrlichen Eltern, Deine liebe Tante
(warum hast Du mir seit Langen von derselben geschwiegen
da sie doch einst so herzlichen Antheil an Deinen innern Leben /
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nahm?) Grüße diese Deine liebe, gute freundliche
Tante recht herzlich von mir wenn anders ihr
mein Gruß keinen Schmerz macht; Grüße
Deine Freunde die mich kennen und welchen mein
Gruß lieb ist von mir. Grüße Ernestinen
sage ihr, daß sie mir große Freude mache daß sie Dir
folgen wolle, es solle ihr auch gewiß nicht reuen
nie reuen.
Nun lebe recht wohl, willst Du so schreibe
bald dem der nun ganz Dein ist, Deinem
FWAFröbel.
Geendigt Dienstags den 7n Julius gegen Abend.

Am 9n Julius.
Meine theuerste Freundin
Ich hoffe diesen Brief noch mit Manchem Andern
so z.B. mit den Brief an Ihren Herrn Vater welcher
fast beendigt vor mir liegt,
(  Auch Sie offen über mein jetzige Eige[n-]
  thum oder Nichteigenthum belehren)
zu begleiten, doch Be-
gegnisse im äußern und innern Leben, welche bey mir
immer eins und ineinander greifend sind, und welche wegen
ihrer Wichtigkeit für mein Leben, und so auch um Ihrer in jeder Beziehung wür-
diger zu werden - mir viele Zeit zur Be-
arbeitung und Verarbeitung in mir, nahmen, machten mir
es unmöglich meinen Wunsch zu erfüllen. Als ich diesen
Brief schrieb glaubte ich Ihnen nichts mehr zu sagen zu haben
und doch zeigt sich mir jetzt wieder so viel. Innigst muß ich
Ihren Herrn Vater für seine Strenge in der Beurtheilung meines Verhältnisse[s]
zu Ihnen danken sie lehrt mich viele Schwächen meines Innern.
Leben Sie recht wohl.