Briefausgabe Friedrich FröbelBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung / Fröbel-Forschungsstelle der Universität Duisburg-Essen

F. an Henriette Wilhelmine Hoffmeister in Berlin v. 19.7.1818 (Keilhau)


F. an Henriette Wilhelmine Hoffmeister in Berlin v. 19.7.1818 (Keilhau)
(KN 19,11, Brieforiginal 2 B 8° 8 S., fehlerhaft ed. H V, 186-190)

Keilhau den 19n Julius 1818.


Meine Wilhelmine;
Mein Ein und Alles

Für Deinen Brief, Deinen lieben theuern Brief vom 7n d. M.
danke ich Dir wie für jeden Deiner Briefe innigst, denn
wie jeder Deiner früheren Briefe bewirkt er, daß ich nach
und nach immer mehr und mehr meinen Beruf auf Erden
erfülle, daß ich meine Bestimmung erreiche, daß ich wenn
auch in noch so kleinen Schritten doch nach und nach zur
Vollkommenheit, ja endlich zur Vollendung empor dringen
werden; denn nur in der Vollkommenheit in der Vollendung
ist des Menschen Ziel, kann und soll nur einzig des Men-
schen Ziel seyn. Brauche ich Dir nun noch zu sagen wel-
ches mein innigster Dank und wie derselbe beschaffen
ist?- Erlaube mir Dir es um meinetwillen auszu-
sprechen, daß es die möglichst augenblickliche Anwendung
dessen was Deine Liebe mir Lehrendes und Bildendes sagt auf die Reinigung und
Besserung meines Lebens ist, und so wenig gleichmäßig
auch leider noch immer mein Wille ist, so schwach auch
zu mannichfachen Zeiten, so werden doch nicht die Folgen
jener Anwendung ganz ausbleiben, wo aber nur einmal
eine gute Frucht, eine gute Folge wenn auch noch so klein, [ist, ]
so ist auch ihr Fortwirken ins Unendliche bedingt, und so
ist der Dank für Deine liebenden Briefe in dem Innersten
bleibend ruhend ist rei innigster Dank.
Dein lieber, lieber Brief enthält zwey Punkte, deren
Betrachtung für uns, für unser ganzes Leben von der /
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größten Wichtigkeit ist. Ihre Betrachtung führt uns zur
Quelle der zeitlichen und unvergänglichen Glückseeligkeit
zur Quelle des zeitli irdischen und ewigen, himmlischen Frie-
dens. Es werden diese beyden Punkte für unser ganzes
künftiges Leben der Gegenstand vielseitiger und oft-
maliger Betrachtung seyn, wie sollte es mir möglich
werden solche hier zu erschöpfen, doch wenn ich solche auch
nur für das leise fühlende aber richtig empfinde[nde] und
findende und fühlende Gemüth andeuten kann, so soll
es mir jetzt genügen.
Der eine Punkt betrifft die Zeit wenn es mir vergönnt
werden wird, Dich meine Wilhelmine als meine Gattin
heimzuholen und als solche zu fühlen.
Der zweyte Punkt betrifft mein Verhältniß zu Deinem lieben
theuern Vater und die Zeit in welcher wir uns als Vater
und Sohn und gern und freudig als solche die Hand reichen
und uns gegenseitig unsere Herzen öffnen.
Indem ich an die Betrachtung dieser beyden uns jetzt über
alles wichtigen an die Betrachtung dieser für jetzt
wichtigsten und wegen ihrer Folgen für immer wichtigsten
Erdenverhältnisse gehe, so muß ich Dich meine Seele in
das allerinnerste Wesen meines Lebens, meiner Ge-
sinnungen und Denkweise auf ein[e] so spezielle Art ein-
führen als es vielleicht bisher noch nicht geschehen ist.
Ich werde hier genöthigt seyn ein[e] Denkweise zu offenbaren
wie solche welcher vielleicht Niemand beystimmt, ich werde
wohl genöthigt seyn Gesinnungen und <Stan> Überzeugungen
auszusprechen, wie solche vielleicht Niemand als außer mir
als wahr erkennt, aber das kann und darf mich nicht /
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hindern sie als das was sie sind, sie als Wahrheit für
mich auszusprechen, wenn auch keine Seele außer mir und
Dir I ihnen beystimmen sollte, für mich sind sie wahr sind
sie feste Überzeugung, in meinem Leben haben sie sich
als uneingeschränkte Wahrheit gezeigt. Mein Leben, dieß
kann und darf und soll ich nicht leugnen, hat seine Eigen-
heiten, denn ich habe das mir eigene Gemüthe, meinen Geist
mir nicht gegeben , in welchem die Quelle meines ganzen
Lebens mit allen seinen Eigenheiten und Eigenthümlichkeiten
liegt, mir nicht gegeben, den Fo[r]derungen meines eigenen Ge-
müthes und Geistes nachzugehen und nachzugeben, sie zu
erforschen das ist mir unerlässliche Pflicht, ist mir Lebens-
aufgabe.
So ist es mir unverrückbare Wahrheit und feste Überzeug[-]
ung für mein Leben, daß ich kein äußeres Verhältniß mei-
nes Lebens und wenn es das köstlichste wäre was mir
die Erde zu reichen im Stande, das äußerlich Geeintleben mit der
lieben geliebten Gattin, durch äußere Verhältnisse, durch
äußere Arbeit, durch äußere Mühe und Anstrengung und
Aufopferungen zu erreichen, zu beschleunigen, ja nur zu be-
fö[r]dern im Stande bin.
Der Geist ist es, die innere geistige Fortschreitung des
Menschen, das reiner - besser - kräftiger - einiger - le-
bendiger - frömmer - heiliger - Werden des Geistes ganz allein ist
es, was alles schafft und alles wirkt. Mögen daher
wenigstens mir zur Erreichung irgend eines äußeren Verhältnisses die
äußern Umstände noch so vortheilhaft zu stehen scheinen
so werde ich doch jenes äußere Verhältniß, und wenn es
das köstlichste wäre was die Erde bie nur immer bieten kann
nie erringen, wenn ich nicht vorher in mir den Erkennt-
niß[-], den Bildungsgrad, den Grad der Lebensweisheit er- /
[2R]
reiche, welchen jenes äußere Verhältniß, soll es seinem
innern Werthe, seinem Wesen, seiner innersten Bedeutung
nach erkannt, gewürdigt und behandelt werden - fo[r]dert
und nöthig macht. Habe ich aber in mir jenen Bildungsgrad
jene Erkenntnißstufe erreicht, so findet sich auch die Er-
scheinung und die Darstellung des äußern Verhältnisses
gleichsam wie von selbst, ohne alle Angst und Sorge nur
wie zufällig. Ich in meinem Leben muß daher die völlig
uneingeschränkte Wahrheit des Ausspruchs im N.T. an-
erkennen und sie bezeugen, jenes Ausspruchs: Trachtet am
ersten pp. Wodurch sind wir denn Glieder des Reiches
Gottes als durch den Geist, wodurch werden wir des
Reiches Gottes theilhaftig als durch Ausbildung pp des Gei-
stes?-
So will ich es Ihnen denn nur offen gestehen, meines
Lebens schönstes Leben! so sehnlich ich wünsche Sie bald recht
bald bey mir zu sehen Sie mit mir zu fühlen, so viele
Mühe ich mir wirklich gebe es durch Wegräumung und
Herbeyführung äußerer Verhältnisse herbey zu führen,
so werde ich dennoch durch alles mein äußeres Arbeiten
doch mein sehnendes wünschendes Ziel nicht um den klein-
sten Zeit- oder RaumesTheil näher bringen, wenn ich nicht
vorher alles mein Denken- und Prüfen und Bearbeiten
auf mein Innerstes meinen Geist, mein Gemüthe und
auf die vollkommenste Übereinstimmung meines Handelns
mit meinem Denken wende. Habe ich aber in mir errungen
jenen Grad der Vollkommenheit, den das höchste Erdenglück
mit einer liebenden, Gott und dem Gatten vertrauenden
Gattin zu leben nöthig macht, so werden mit einemmale
alle äußern Umstände so günstig stehen, als ich sie /
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ohngeachtet aller Anstrengung jetzt nicht darzustellen
im Stande bin.
Ja ich darf es Ihnen wohl aussprechen, wie ich es sehe und
erkenne, Sie sind des Vaters, unsers Vaters geliebte
theure Tochter, er will Sie, die Sie schon im Leben so
viel so sehr viel gelitten haben, nicht von neuem dem
Leide das durch einen Mann und durch Ihren Gatten wie-
der über Sie kommen kann und könnte aussetzen. Nein! dieses
felsenfeste Vertrauen zu Gott können Sie haben und ich
muß es Ihnen bezeugen. Nein! Gott will Sie in einer
neuen Ehe nicht von neuen den Leiden die durch die Un-
vollkommenheit und Halbgebildetheit eines Mannes
über Sie kommen konnten aussetzen. Nein! Wenn Sie
Gott wieder einen Mann vertraut, so will er Sie einen
Mann vertrauen, der wenigstens klar einsieht daß er Ihrer
würdig werden muß und der auch ernsten Sinnes strebt
Ihrer würdig zu werden. Ja Freundin! es ist wahr! ehe
ich Sie als Gattin heimholen darf will Ihr liebender will
unser guter Vater daß ich Sie als Mann heimholen soll.
Erringe ich nicht noch, was mir dazu, was zum Mannseyn
mir fehlt, so bleiben Sie mir ewig ein Gut wornach [sc.: wonach] ich
zwar immer streben was ich aber dennoch nie erringen
nie erreichen werde. Von diesem Läuterungskampfe
kann mich aber nichts, er sey noch so lange oder so kurz
er wolle, nichts befreyen, auch Ihre innigste treueste
Liebe nicht. Durch muß er durchkämpft werden, selbst
muß er durchkämpft werden. Klar muß nicht allein
vor dem Geiste das Leben, das innere und äußere, das
zeitliche und ewige, das irdische und himmlische, Leben liegen und
von demselben erkannt seyn, Nein! besonnen, fest, sicher /
[3R]
gewiß, unzweifelhaft muß auch das Handeln für
das Wirken für die Darstellung jenes Lebens seyn. Ich
will es Ihnen nur gestehen - es hilft und fruchtet mir
keine äußere Zeitbestimmung zu Ihrer Heimholung, ich
darf ich kann Sie nicht eher heimholen, ehe mein ich die Überein[-]
stimmung meines innern und äußern Lebens errungen
habe; und der Kampf um diese jene Klarheit und um
diese Übereinstimmung er koste das scheinbar Höchste, er
muß durchkämpft seyn befreyen kann mich nichts davon;
aber beschleunigt kann seine Beendigung dadurch werden
daß ich Mißverhältnisse zwischen meinem Denken und
Handeln, Reden und Wirken klar einsehe, daß sie
mir zur klarsten Einsicht gebracht werden. Willst
Du nun meine Geliebte mir gern Deine Liebe bezeigen,
so sage mir aufrichtig und streng wo Du noch und welche
Fehler Du noch an mir findest, ich will dann alle meine
Kräfte aufbiethen sie abzulegen, damit ich bald so
glücklich bin daß Dein liebendes prüfendes Auge mich
in allen meinen Handlungen sehe.
Verzweifle nur nicht zu sehr an mir wenn mich viel-
leicht meine letzteren Briefe an Dich, Dir noch in zu
großer Unvollkommenheit gezeigt haben, wenn mich viel-
leicht auch dieser Brief Dir noch zu unvollkommen zeigt
da mir bleibe mir nur treu; da mir mein und Dein
Vater die Mittel zeigt und einsehen läßt, wie ich
ich [2x] Deiner würdig werden kann, so werde ich es auch ge-
wiß erringen.
So meine theuerste Freundin, wie ich fest überzeugt
bin, daß die längere oder kürzere Zeit welche wir noch
persönlich von einander entfernt leben müssen, welche /
[4]
ich noch das Glück und die Freude Deines persönlichen Lebens
bey und mit mir entbehren muß, nur von dem Fort-
schritt meines innern Geistigen und Gemüthlichen Besser-
werdens einzig und ganz allein abhängt; so bin ich
auch fest überzeugt, daß es nur auch von dem Fort-
oder Rückschritt jenes Besserwerdens in mir abhängt
und abhängen wird wie ihr [sc.: Ihr] lieber Theurer, Vater in
Zukunft über mich denken und ob er noch früher oder spä-
ter mich als seinen Sohn annehmen und erkennen wird.
Wohl bin ich schon Ihres braven aufrichtigen Vaters
Sohn ohne daß er es ahndet und weiß, denn seine
scheinbare Strenge hat mir viele Schwächen und viele
Fehler und Einseitigkeiten meines Lebens einsehend ge-
macht; er hat mir zu allererst die größte der Einseitig-
keiten erkennend gemacht: Gesinnungen schon den Werth
der Thaten und der Handlungen bey zu legen. Er hat
mir einsehend gemacht daß der welcher gut zu sein wünscht
noch lange nicht selbst gut ist, noch weniger schon da-
durch im Stande ist für das Besser werden anderer
zu wirken. Meine theuerste Freundin; Vieles ja
vielleicht Alles dessen das, dessen Sie sich jetzt gütigst
an mir freuen danken Sie Ihrem Herrn Vater, denn
er hat mir gezeigt, er hat, wie es ihm Pflicht als Va-
ter war von mir gefo[r]dert, was ich zu thun habe
um Ihrer würdig zu seyn um das Glück zu verdienen
daß Sie mir Gattin sind. Die Zeit ist mir leider
jetzt zu kurz, um dieses so wie ich wünschte Ihnen
auseinander zu setzen (und ich bin auch wie gewöhnlich durch
meine lauten u lebendigen Umgebungen gestöhrt) aber /
[4R]
es ist wahr, wenn Sie Sich je in mir eines Gatten
erfreuen wie Sie ihn wünschen wie Ihr Gemüth ihn
bedarf so verdanken Sie dieß äußerlich einzig Ihrem
Her lieben Vater, und sehen Sie - so ist der Mensch
so ist das Leben in sich in seinem Innersten ganz
anders als es äußerlich erscheint - sehen Sie was
nicht scheint ist wahr - Ihr lieber Vater ihre [sc.: Ihre] theuren
lieben Eltern sind es von welchen Sie einst, wenn
Gott will einen wenigstens dem Streben nach guten
<  > Gatten erhalten.
Ja Freundin von mir wird es abhängen und darf
ich um ganz wahr vor Ihnen zu seyn, gegen Sie zu
seyn hinzufügen von uns wird es abhängen, wie
Ihr Herr Vater wie Ihre verehrte Mutter in
Zukunft von uns denken wird [sc.: werden].
Doch die Zeit zum PostenAbgang ruft ich muß
wider mein[en] Willen zu schleunig abbrechen.
Verzeihen Sie mir, daß ich, der ich Sie noch
nicht persönlich in meiner Gegend wandeln <sehe / sahe>,
Ihnen wenigstens gern die nächsten mich umgebenden
Gegenden auch in Ihrer Nähe wünsche.
Schwarzburg ist 3 Stunden, Paulinenzella 2½ St:
Rudolstadt 1 bis 1¼ Stunde von hier.
Die Briefe aus Hamburg Lübeck rc. lege ich
bey weil Sie gütigen Antheil an meinem Unter-
nehmen nehmen. Vielleicht ist es Ihnen doch lieb
daß die Männer den achten, der den ersten Gedanken hatte u
alles zur Verwirklichung desselben bey that Luthern ein leben-
diges Denkmal zu stiften und daß dieser der Ihre ewig ist.
[Keine Unterschrift]