Briefausgabe Friedrich FröbelBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung / Fröbel-Forschungsstelle der Universität Duisburg-Essen

F. an Henriette Wilhelmine Hoffmeister in Berlin v. 26.7.1818 (Keilhau)


F. an Henriette Wilhelmine Hoffmeister in Berlin v. 26.7.1818 (Keilhau)
(BN 444, Bl 99-111, Brieforiginal 3 B 8° + 1 B 4° + 2 ½ B 8° 26 S.)

Keilhau Sonntags den 26sten Jul. 1818


Meine theuere Wilhelmine.

Guten Morgen meine Seele, freundlichen heitren guten
Morgen meines Lebens Seele.
Zuförderst meinen herzlichen innigen Dank für Deinen
lieben so reichhalt[ig]en gemüthvollen letztern Brief vom 18en.
Er ist so reichhaltig, daß ich Dir Vieles, Vieles aussprechen
müßte, wenn ich nur einigermaßen das erschöpfen
wollte, was er im Geiste und Gemüthe so bestimmt
anregt, so klar dem Auge sichtbar macht. Doch dieses
sey unserm baldigen Zusammenleben aufgehoben
unserm langen Zusammenleben. Denn meine Freundin,
wenn wir den Kampf ums äußere Leben durchgekämpft
haben werden, wenn wir auch sichtbar, auch äußerlich
im Leben uns zur Einigung hindurch gekämpft haben
werden, dann meine Seele, so glaube ich, so fühle ich, so
ist meine Überzeugung, dann geht keines von uns ohne
aus der Erde bis wir nicht allein die möglichst[e] irdische
Vollendung errungen haben, nein auch nicht eher bis
wir in andern durch Lehre, Beyspiel durch unser Leben
eine solches sicheres, festes, gewisses Streben geweckt
und genährt haben werden, daß sie mit gleichem
Vertrauen auf unserm und ihrem Gott, mit gleichem
Beharren und gleicher Ausdauer, nach möglichster schon
irdischer Vollendung ringen. So liegt es in mir, diese
Überzeugung ist Eines mit meinem ganzen Leben und
Wesen. Ja! die Du mein bist, da Du mein Ich selbst /
[99R]
bist, Du weißt es schon wenn Du es nur wissen willst,
und deßhalb darf ich es Dir klar aussprechen: - wenn
wir uns nicht frevendlich [sc: freventlich] vergehen (und uns frevent-
lich vergehen zu machen dazu hat nichts in der Welt
außer wir selbst Macht) wenn wir uns also
nicht freventlich vergehen, so besiegen wir mit
Gott durch Jesum und geführt und geleitet vom
heiligen, reinen, gewissen Geiste alles im irdischen
Leben was zur Erringung des seeligen Lebens ein
Hinderniß ist. So liegt die klare, feste, sichere
gewisse Überzeugung in mir, und Niemand
kein geschaffenes Wesen soll sie mir rauben, denn Niemand
weder ich noch irgend ein geschaffenes
Wesen hat diese Überzeugung diese Gesinnung in
mich gelegt, so mag, so soll sie denn auch in Gottes
Namen in mir leben und Wirken und wenn
mich wenn uns, - was wohl der Fall seyn mag
und wird, ja vielleicht soll, nach Gottes Rath
zur Ehre Jesu, und damit der Geist der Wahr-
heit sichtbar werde, soll - und wenn mich die
ganze Welt lügen strafte.
So Du meine liebe Gottes Gabe, so sey Dein
Wille
, immer der in Gottes Willen ruhen, so Dein
Wille, nun Gottes Willen seyn wird, so wird
Dein Wille Dir ein Schutz, ein Hort, ein Helm
ein sicherer Hort u Helm in allen Lebenskämpfen
seyn und die Welt wird Nichts haben was Macht /
[100]
an Dich hätte. So wie [ich] durch Deine Liebe, durch dein
Vertrauen zu einem Geschöpfe, zu einem Wesen
gleich wie du, aber vielleicht, ja gewiß größerer
eigener, persönlicher Fehlerhaftigkeit wie Du (:denn
wie durfte, wie konnte ich ehe Du mein Streben kanntest
und meines Strebens halber mich b achtetest u liebtest,
wie konnte ich früher Dir meine Vergehen und Fehler
gestehen und doch Verzeihung von Dir erwarten? -
Ja über jede Regung, jeden Gedanken, jede Empfindung
welcher ich mich nur von meiner Freyheiten aller[-]
frühesten LebensEpoche bewußt bin sollst Du be-
kannt werden, ja ich bitte Dich sehnendst mir zu
erlauben Dir jeden meiner bisherigen Gedanken
Regungen mittheilen zu dürfen, damit auch ich aus-
gesöhnt werde mit Gott, meinem Gotte, mit
der Natur meiner Natur, dann schenkst Du mir
wenn Du mich erkennst, fühlst empfindest als das
was Dein Wesen und Dein Leben bedarf, dann
schenkt Gott und Natur wenn beyde mich wieder
erkennen auf[-] und annehmen als den ihren zum Zeichen
der S
durch Dich zum Zeichen der Sühne ----
------
Doch wohin führt mich der Geist wieder?! -
Warum macht er mir vergessen die Gegenwart
das Jetzt, das Äußere was so hart mich zu drängen
glaubt und drängt? - /
Nun zur andeutenden Beantwortung des lieben Brie-
fes vom 18en des so sehr lieben Briefes
Über Du und Sie unter Freunden. Streng erwogen so
hängt es nicht von uns ab ob wir zu jeder bestimmten
Zeit und in jedem Augenblick Du oder Sie sagen wollen
sondern von der Art wie man sich in jedem Verhält-
nisse in jedem Augenblicke zu einander fühlt: liegt das
Innere gegenseitig aufgeschlossen, berühren sich
gleichsam die Seelen, so ist das Sie unmöglich; tritt
dagegen etwas dieser innigen Berührung, diesem innigen
in ein ander leben Fremdartiges hinzu, so z.B. wie
im Augenblick der Reflexion, so ist auch sogleich
die Anrede des Du bey Personen auch der innigsten Freunde
die aber äußerlich noch in gewisser Hinsicht getrennt
stehen unmöglich; so kann es mir wohl geschehen
daß Mitten in der Rede, wo ich nun der innern
geistigen Anschauung folgte und in dieser das Du [ausdrücklich großes "D"]
brauchte mit einemmale und nur eineinziges mal
Sie eintritt und ich dann wieder zum Du zurück
kehre, der Grund davon ist, daß in diesem
Augenblick etwas das innere Zusammen und In ein
einander leben Stöhrte z.B. ein reflectirendes Mo-
ment u so bald dieser geschwunden war, trat
das Du wieder ein. Überhaupt ist der Gebrauch
des du, er , sie, wir, ihr u sie immer für die eine 2e
Person im Singular, in der deutschen Sprache höchst /
[101]
wichtig nun ist, wie so vieles in der deutschen Sprache
so wie das [sc: daß] wir z.B. mit <jeu> keuschem Sinne sagen
das Mädchen u das Weib sagen, und nicht wie der Franzo-
se nur immer das Geschlecht sehen - ein herrlicher
Beweis des gemüthvollen, wahren deutschen Sinnes
doch davon auch mehr wenn Du mir erlaubst Dir
meine Seele manches was mir, in der Sprache u in
unserer Sprache als treuer Abdruck, als treues Abbild
des Geistes, wie als wahr entgegen tritt, Deinem
Gefühle zur Prüfung vorzulegen.
Über das sich Ber innere Berühren u Begegnen in unsern
Briefen
." Davon meine Einzige ist mir Dein letzter
Brief wieder ein lebendiger ein sprechender Beweis.
Sage ich mir alles was Dein lieber Brief mir mit
weiblichem Gemüthe u Herz und Sinn und Mund und
Sprache sagt, mir mit männlichem Geiste, männlicher
Sprache, Sinn u Herzen, so ist Dein Brief wie mir
wie aus meiner Seele geschrieben. Gott! was
sprichst Du so wahr auf der ersten Seite: "Ja ich
"sehe es giebt nur ein Versehen, nemlich das zu wenig
"zu hoffen, zu wenig zu begehren, zu wenig <anzusehen>"[.]
Sage ich es mir mit Mannes Geist u Gesinnung, es giebt
nur ein Vergehen, zu wenig zu vertrauen, zu
wenig zu schwach zu klein zu handeln zu wirken, aus
sich herauszutreten, zu gering von der eigenen <uns nicht>
gegebenen Kraft zu denken, ihr zu wenig zu vertrauen. /
[101R]
Siehst Du meine Freundin! meine Einzige, durch dieses
große Vergehen von mir, dieses zwingt mich jetzt Dir
auszusprechen, Dir zu gestehen zu müssen daß
leider zur Dankbarkeit daß <da / Du> Dich mir so ver-
trauensvoll hingiebst, ach! daß leider dafür
auch Dich die Folgen jenes meines Vergehens Dich
treffen.
Siehe meine Seele, meine Mutter welche eine Frau
von ungemeiner Herzensgüte gewesen seyn soll
starb mir sehr frühe; dann kam ich unter die gewöhn-
liche weibl. Pflege, mein Vater hatte viel zu thun
und konnte sich wenig um mich bekümmern; in meinem 4n
Jahre verheyrathete [er] sich zum 2n male und da dann diese
Frau einen Knaben erhielt, wurde ich auf das furcht-
barste gemißhandelt; mein Vater war [ein] sehr geistvoller
Mann aber hart und streng, so hätte es denn nicht
viel gefehlt daß, wenn mein Geist weniger stark gewesen
wär ich hätte geistig zu Grunde gehen
und zu einem leeren Körpergehäuse so hätte werden
müssen; denn mein Vater glaubte weil ich sein
Sohn, nicht auch schon als Knabe seinen Geist, seine[n]
Umblick seine schnelle gebildete Fassungskraft seine Ruhe zeigte, ich habe gar keinen Geist
und so war ich
in allen u allen Fallen [sc.: in Allem und allen Fällen ?] schon zum Voraus verurtheilt.
So wurde mein Zutrauen zu mir selbst fast
vernichtet, Schon Furchtsamkeit trat an die Stelle /
[102]
einer gerechten Selbstachtung. Ob sich gleich mein Geist
früh gegen alle die grassen Beschuldigungen in sich stemmte,
so hätte ich doch wohl im harten Kampf unterliegen
müssen, wenn meine seelige Mutter nicht einen
sie sehr geliebt habenden Bruder noch am leben Ge-
habt hätte, der mich dann im 12n Jahre zu sich nahm[.]
Hier erholte sich meine Natur u mein Geist wieder,
denn mein Oheim behandelte mich mit Liebe, Würde
Achtung u.s.w. doch meines Lebens innerster Keim
war schon sehr verletzt; aber meine frühe Liebe
zu Gott, Jesu u Natur, und Weisheit (ich darf dieß sagen)
dieses half mir entlich mich wenigstens mit meinen
Gegnern in Geistes Kampf zu wagen. Aber viele
viele Folgen meiner fehlerhaften KindBehandlung
als Knabe als Kind, trage ich noch jetzt. Auch und statt
des Dankes den ich Dir für Deine Liebe geben sollte,
bringe ich schon die Folgen meiner noch fortdau-
ernden großen Fehlerhaftigkeit auf dich.- Siehe meine
Seele mein Leben, Du mußt bey der Beurtheilung
meiner Selbst nie den innern Menschen mit dem
äußern Menschen wie er erscheint verwechse[l]n.
Ist mein innerer Mensch gut so verdanke ichs Gott
u er ist gut er muß gut seyn, denn die Natur der
Güte hat ihn im in mich gelegt; aber mein äußerer
Mensch ist noch sehr sehr unvollkommen, denn siehe
man erlaubte dem Kinde u Knaben bis in sein 12es /
[102R]
Jahr gar nicht, daß sein innerer Mensch auf seine
Weise aus sich hinaustreten sich offenbaren konnte,
und nun hat ohngeachtet allem Kampfe seit den
Jahren der Selbstständigkeit das innere u äußere
Leben sich noch nicht ausgleichen wollen, aber mein
sehnlichster Wunsch u Streben ist, das [sc: daß] endlich mein
innerer Mensch den Sieg davon tragen, und in seiner
Reinheit, Einfachheit, und Ruhe u Stille sich offen-
baren könne. Und deßhalb habe ich Dich gebeten
Dich die Du weißt wie viel es kostet sich
vom Mißverstand u Halbverstand nicht er-
drücken u tödten zu lassen, daß Du mir
zu jenem Streben - den innern Menschen herrschend
zu machen - treue mir von Gott bestimmte
<sehnende> Gehülfin seyest.
Das wirft man mir nun wieder vor, und giebt
mir Schuld ich erniedrige Dich, daß ich Dich zur
Gehülfin wähle, sagt Du würdest belehrt, daß
Du Mittel zu einem Zweck seyn solltest!- Hat
Dich den[n] Gott nicht zu dem Manne zur Gehülfin, daß
er gut werde nicht erschaffen? - ist es nicht Deine
Bestimmung? - wirst Du entehrt wenn es Dir mög-
lich wird Deiner Dir von Gott gegebenen Bestimmung
getreu zu leben! doch dieß stehe nicht für Dich
hier; siehe einzige ich lasse die Beschuldigungen wörtlich gelten,
und ich glaube weder ich noch Du verliehren, wenn /
[103]
ich Dir gestände und gestehe: ich wählte Dich als Mittel
für meinen Zweck, für diesen Zweck. Sie die
Größten u Edelsten nicht Gotte Mittel für seine
Zwecke, war es nicht Jesus selbst? heißt er
nicht deßhalb selbst Mittler? Und welches ist
Gottes Zweck? ist es nicht der daß das Reich
des Geistes, der Wahrheit sichtbar u offenbar
werde? - strebe ich nicht dahin was an mir
ist d.h. durch meinen Geist für Gottes Zweck zu wir-
ken, suche ich mich nicht selbst mit Bewußtseyn, zu einem
tauglichen Mittel für Gottes Zweck auszubilden?-
kann der Mensch je ein höheres Streben haben als
ein Mitarbeiter am Werke Gottes zu seyn? -
doch nochmals nicht für Dich stehe dieß hier, nicht
für Andere
, denn Du weißt was uns eint; Andere
kennen wohl dieses einende wollen es aber nicht in
seiner ganzen Kraft wirksam seyn lassen. Es
steht nur hier damit Du siehst, wie ich über jene
Beurtheilung meines Handelns denke.
Aber nicht allein in unsern Briefen nein in unserm ganzen
Leben seit wir es gemeinsam u vielleicht schon ehe
wir es gemeinsam führten ist ein sich merkwürdiges
sich begegnen. So ist meine Empfindung mein Gefühl
als ich zum alleresten male meine Seele bey
den Corallen u Muschen sahe u wo ich an ein Fenster
gelehnt Dir gegen über stand - dem ähnlich was Du
mir von Dir aussprichst als Du mich bey den Steinen /
[103R]
sahst; auch Dein ruhiger, fester Blick, Dein Klares
Auge, es gab mir einiges d.h. ein einziges unge-
theiltes Leben.
In Deinem Auge, Deinen Blick, fand ich sahe
ich im eigentlichsten Sinne - meine Se[e]le[.]
"Aus Deinem klaren Augen trank ich leben".
Ich kann Dir nicht mit Worten aussprechen was Du
mir gabst, als Du so ruhig Auge im Auge weilen
ruhen liesest. Die reinste Freude durchfloß
mich da Dein Blick ohne Wanken<,> des Jünglings
Blick trug, aber so sicher, so ruhig, so sich unbewußt hatte noch kein Weib meinen Blick ertragen (denn mein Geist hatte dort noch nicht
des Mannes Reife)[.] Aber was die Welt Liebe
nennt das fühlte ich auch nicht in mir; auch begehrte
ich Dich nicht. Gern hätte ich wohl noch länger in Deinem
Auge geruht, doch genügte es mir, ich freute mich
daß ich nur einmal in meinem Leben ein Weib mit
diesem Bitte [sc: Blicke] gesehen hatte; aber das ist wahr, das
gestehe ich Dir ich hatte von jenem Augenblick an
in meiner Seele kein Geheimniß vor dir, hätte es
die Fügung gewollt daß wir uns nur allein begeg-
net wären u Du hättest mich gefragt: Erzählen
Sagen Sie mir ihr Leben und alles hätte ich Dir ge-
sagt. - Wenn Dir dieß meine Freundin vielleicht
auch mit andern Jünglingen begegnet wäre, so muß
ich Dir doch noch von mir sagen um Dir zu zeigen
daß ich wissend, besonnen gehandelt haben würde,
um Dir den Werth, (Du bist deßhalb nicht böse mit mir) jenens meines Handeln[s] zu zeigen sagen
daß ich schon seit einigen Jahren glaubte, die Wirklich- /
[104]
keit der Frauenwelt habe keine Erscheinung die mir
genügen könnte die meinen Geist mein Gemüthe be-
friedigen könnte. Wohl kannte ich hochsinnige und geist-
volle Frauen, aber ihnen fehlte die Seele der Frauen
die Quelle des Frauen Lebens das Herz.- Wohl!
wohl achte ich das Herz u besonders das Frauen Herz.
Aber auch andere Frauen u Jungfrauen kannte ich weib-
lichen zartsinnigen Herzens, es war mir immer weh-
müthig in ihrer Nähe zu Muthe, denn der Geist
ruhte noch tief und auch der köstlichen Gabe des klaren
Geistes dünkt mich soll sich das Weib erfreuen,
daß sie achte u ehre den Geist des Mannes ihres
einztigen einstigen Gatten. Beides Geeint Herz
u Geist, dieß hatte mir noch kein Frauenblick wie
der Deine gezeigt, und so ward durch jenen Blick
auch mein ganzes Wesen geeint, meines Wesens
Sehnsucht seiner selbst unerklärliche Sehnsucht die mich immer nach
Deinem Geschlechte zog erfüllt. Welche Ruhe,
welcher Friede, bald nach Deiner Begegnung in
mir lebte mögen die nachstehenden Worte aus[-]
sprechen, die ich einige Wo Zeit darauf in einer
gesteigerten Beziehung nieder schrieb:
"Seit ich die Allerheiligste gefunden
O! welch' ein Frieden wohnt in meiner Brust /
[104R]
Von jeder Last bin ich entbunden
All mein Geschäft wird mir zur Lust.
Nichts kenn ich mehr was ich noch suchte
All Streben ist durch sie erfüllt
Ein jedes Sehnen ist gestillt
Drum weih' ich dankbar ihr mein Leben".
<Über / Wer> diese Ideale Sie ist, davon im Leben.
*
Ein Gedanke den ich in diesem Briefe auch ausführen wollte
ist: - Das Weib hat ein doppeltes Vorbild in Hinsicht
auf ihr [sc: sein] Denken u Handeln: es ist dieß Maria
("das Urbild zartgesinnter Frauen") die Mutter
des Herrn und die Natur in ihrem stillen, reinen
keuschen, sichern Wirken, in ihrem treuen Gestalten
u bilden, denn was im Busen sie trägt stellt in
Gestaltung sie dar.-
Und so wollte ich zunächst heute noch einen andern Ge-
danken ausführen: die äußere Gestalt, Form für
ein inneres Geistige ist keines weges gleichgültig, sondern
sie muß vielmehr demselben angemessen, ganz ent-
sprechend seyn, daher sey wie das Gemüth, das innere
Leben des Menschen seine Kleidung. Ihr Ich sehe
wohl, ich kann es nicht umgehen ich muß es nur
ganz offen gestehen, Du magst nun meiner Kindisch[-] /
[105]
keit lächeln oder mir zürnen,- ich muß Dir gestehen
daß ich in Hinsicht auf die Kleidung meiner Geliebten
u Freundin etwas, wenn auch nur ein klein wenig
aber doch etwas eigen bin. Lasse es mir Dir nur immer
gestehen: ich bin stolz auf Dich meine Geliebte, auf den
Schatz, den ich in Dir habe, auf die Einfachheit Deines
Sinnes u Gemüthes, auf die Klarheit Deines Geistes
auf das Leben Deines Gemüthes, auf die Einheit u
Gediegenheit Deines ganzen Wesens, auf die Harmo-
nie nach welcher alles Dein Streben geht, auf die
hohe, gebildete, sich bewußte Weiblichkeit mit welcher
Du mich beschenkst, und so wünschte ich, daß Du jedem
erschienst, so meinen Stolz rechtfertigst auch äußer-
lich, aber selbst nichts wen[i]ger als stolz seyend.
Wirst Du mich mißverstehen? - Wenn es das
wäre so wirf diese Zeilen hinweg! Aber Du Deine [sc.: meine] Liebe
wirst gewiß etwas Ähnliches in welcher
Beziehung es auch sey mir auszusprechen wünschen, und
so hast Du hierzu nun ein doppeltes Recht. Nicht
ist um jene Übereinstimmung des Innern mit dem
Äußern auch in den bekleidenden Umgebungen zu
erreichen, vielkostender Stoff noth, nein die Form,
das Colorit, die Verbindung ist es. Der Geist, der Aus[-]
druck der in der Wahl der letzteren liegt wirkt
und wenn er sich an den einfachsten ge nur geringen
Stoff bindet, wirkt weit siegreicher, als die sprechend[-] /
[105R]
ste Kostbarkeit dieses. Nicht wahr meine liebe
theure Freundin, Du bist nicht mit mir böse, zürnst
mir nicht, daß ich Dir auch diese meine Eigen-
heit so unumwunden und jetzt schon ausspreche?-
Sage nicht, dazu wäre, dünkt Dich später schon noch
Zeit gewesen. Siehe jede Eigenheit die ich an mir
entdecke spreche ich Dir gerne jetzt schon aus;
denn an den Personen welche mir recht lieb sind,
die mir recht theuer u werth sind, die ich innigst
achte[n] kann ist, je höher meine Liebe u Achtung ist
um so weniger etwas dulden was mir mit
ihrem Wesen mit ihrem Inneren, in Wider[-]
spruch zu stehen scheint. Dieses Streben ist eins
mit meinen ganzen Wesen ich muß  gegen  die
welche ich liebe und welche mir theuer sind so handeln;
da es mir nun wohl von mir unbemerkt mir geschehen konnte, daß ich mich einst so
< > in Bezug auf
Dich äußerte, so will ich denn Dir lieber jetzt schon
zeigen wie Du dieß von mir zu deuten hast. Böse
darfst u kannst Du es von mir nicht auf nehmen,
an der, welche ich so uneingeschränkt liebe, ist
mir Nichts, Nichts gleichgültig; Du darfst Dich
auch deßhalb nicht vor das [sc: dem] Leben u den [sc.: dem] Umgang
mit mir fürchten, meines Lebens Erfahrung hat
mir gezeigt, daß ich es nicht hart, nicht zurück[-] /
[106]
stoßend sage. Von meinem Jünglingsalter an konnte
ich mich dieses Betragens gegen Weibliche Wesen die
mir nicht gleichgültig waren nicht erwehren, und
statt das [sc: daß] Andern sogen. Angenehmes gesagt wurde, so
sagte ich denen welche mir lieb und werth u theuer
waren, was mir nicht an ihnen gefiehle, und dennoch
war der Jüngling u reifende Mann so glücklich, daß
die holden u auch strengen Jungfrauen u Frauen ihn nicht
aus ihrer Feuerschule, der, der läuternden Frauen[-]
liebe ausstießen.
Fragst Du dennoch, wie es wohl möglich seyn könne, daß
ich jetzt schon diese Seite des häuslichen Lebens berühren
könne, wo wohl über wichtigere Sachen zu sprechen
sey und da Du überdieß mir noch erst kürzlich durch Deine
Farbenwahl Dein sinnvolles Gemüthe, gezeigt hast,
so will ich Dir gern davon auch noch einen
zweyten Grund angeben, der wohl auch dazu gewirkt
haben mag. Siehe meine theuerste Freundin - und
lasse es ja nicht stöhrend in Dein Leben ein-
wirken daß ich so offen zu Dir rede, - siehe ich
sehe, ich fühle, ich empfinde Dich als meine jungfräuliche
Braut (:deute mir auch den Gebrauch dieses vielleicht
verkannten Wortes nicht, mir ist es dadurch wie es
J[esus ?] braucht ein wunderschönes Wort, und ist es nicht
auch durch das hohe Lied über alles hoch erhoben worden?)
also siehe, ich sehe und fühle und empfinde Dich jetzt /
[106R]
als meine jungfräuliche Braut. Du warst für mich
dadurch daß ein Anderer Deine Hand hatte, nie Eines
Andern, denn dieser Andere erkannte Dich nie; er wollte
Dich nie, und so hatte er Dich nie besessen; Dein Gemüth
hat er gewiß nie geachtet u geehrt; der Geist, das Ge-
müthe ist es aber das alles schafft und alles wirkt;
Dein Geist, Dein Gemüth, Dein Herz, Dein Sinn gehörte
aber nie eines Andern, denn es erkannte es nie ein
Anderer, und noch nie als von mir erkannt, empfange
auch ich Dich mit Deinem jungfräulichen Geiste und Gemüth
und Herz und Sinn, so bist Du mir wenn auch äußerlich
eines Andern gewesen doch meine jungfräuliche Braut
denn wo innere Einigung ist kann nie Trennung statt[-]
finden, Du wirst jetzt gewiß mit mir die Wahrheit
jener Worte lebendig fühlen: Was Gott, was der Geist
geeint hat soll u kann kein Mensch scheiden.
Wie Du Dich nun offen u wahr gegen mich ausgesprochen
hast, so wäre es nun wohl möglich, daß es Dir mannich[-]
mal an Muth gebrechen mögte Dich in der ganzen
Fülle Deiner Jungfräulichkeit zu fühlen, da Du durch mein
Geschlecht so tief gekränkt wurdest, da es Dir nun
wohl zu Zeiten an Muth gebrechen mögte Dich so
zu mir zu stellen wie Du in Wahrheit wirklich zu
mir stehest; der Schmerz Deines Lebens ist noch zu wenig
lang geschwunden, daß nicht Dein Inneres vielleicht
gleichsam wie nachhallend davon erzittern sollte, daß /
[107]
er Dich nicht vielleicht sogar finden sollte, mehr froh
und muthvoll zu seyn, und wieder mit frischer Lebens[-]
kraft ins Leben zu schauen und zu gehen, vielleicht
ist der Schmerz Deines Lebens noch zu wirksam, als daß
er nicht noch trauernd u tüster [sc: düster] auf Dein künftiges
Leben wirken, sich in die Sorge für Dein künftiges
Leben eingreifen, sich in der Sorge für dasselbe aussprechen
sollte; zu wünschen daß dieß nicht der Fall seyn
möge, dieß kannst Du mir wohl nicht mißdeuten
laß uns ernst und streng und sicher u einfach, aber
nicht düster, nicht trauernd nicht ohne liebliche Hoffnung
nicht Erwartungslos von der Zukunft seyn. Fühle
wisse, empfinde auch Du Dich als meine jungfräuliche
Braut, als meine baldige junge Gattin, jung! - denn
ewig jung ist der Geist das Gemüth, und daß der
Deine, das Deine nie altre immer fortschreite in
Erkenntniß und Gestaltung und so wie die Natur sich
immer verjüngen, daß [sc: das] wird die schönste Sorge meiner
Liebe seyn, daß [sc: das] wird Dir der sicherste sprechendste Beweis der-
selben seyn. Wie in meiner Liebe Du den Dir gebührenden
deutsamen Namen fandest, so soll u wird in und durch
dieselbe Dir Dein inneres Leben deutlich, deutsam, Dir
ein neues Leben werden, so wird Deine Liebe Dich
verjüngen, sie wird beweisen, daß sie des Lebens Wiege
und Schöpferin ist.-
Dich jetzt schon so zu sehen, schien mir Dir an Muth
zu gebrechen, aber ich wünschte daß Du Dich so
jetzt schon so sehen möchtest, damit Du Muth be- /
[107R]
kommst in alle dem was Dein Dein Geist, Dein
Gemüth für Dich zur nächsten oder ferneren Um-
gebung wählt, diese Gesinnung aussprechend zu
machen.
In meinen Armen meine Geliebte soll[s]t Du nie altern
wenn auch des Lebens höchste Reife Du errängst;
altert denn eigentlich irgend eine Frucht an irgend
einem Baum nur einen Moment früher als sie der
Mutter Erde zur neuer Entfaltung Entwicklung
neuer Entfaltungen sich anvertraut? - Ist der
Mensch nicht die schönste Frucht am Baume der Natur?-
Ist der Mensch geringer als ein Apfel oder eine
Birn? - Wir Menschen sind selbst daran schuld
daß wir altern, wir sind gleich zu frühe gebroche-
nem Obste, wir lassen uns an dem Lebensbaume
nicht zeitig nicht reif genug werden. Daß dein
Geschlecht besonders jetzt so frühe alterte, das
dünkt mich hat mit ganzem Rechte das meine
zu verantworten, davon trägt das meine die
Schuld, denn daß [sc: das] drängt mit unverantwortlicher
Härte und Eigendünkel die Entfaltung Eures Geistes
und Eures Gemüthes zurück, mein Geschlecht bricht
euch als liebliche, holde Blüthe und <halt> [sc: hat ?] die große
Kunst verlernt Euch am Busen der Liebe und
durch die Sorgsamkeit des Geistes zu herrlichen
und köstlichen Früchten zu entwickeln.
So hoffe ich <  > wirst Du Dich als mein jungfräuliches
Weib fühlen u fühlen können und fühlen, auch wenn /
[108]
des Lebens schönste Blüthen mir zum beglückendsten Ge-
schmack entblühen sollten wenigstens von meiner Seite
wird nicht diesen zarten Sinn verletzen. Und auch -
- ist dieß nicht Spiel der Phantasie, sind es nicht
gehaltlose Träume - nein! nein! es ist gediegene
gehaltvolle männliche Wahrheit, Dich wird unser
Leben davon überzeugen, und - aussprechen, nein!
das wollen wir ändern nicht, wie könnte[n] andere
das Leben im Geiste im Gemüthe verstehen!? -
nein! schweigen wollen wir gegen andere, die Schätze
unseres Gemüthes still für uns bewahren, denn
spotten würden sie doch nur, und des Schmerzes
sich freuen der <uns> dadurch würde.
Doch wer und was auch zwischen uns sich drängen
uns trennen wolle, wenn Gott und Natur uns
eint was kann uns trennen? - was wer kann
trennen was der Geist bindet? -
*
Nun nur noch ein Paar Worte über das Stehen Deiner
Lieben theuren Eltern zu mir, besonders über das fortdauernde
Stehen Deines achtbaren Vaters zu uns. Es war Dir lange
dunkel wie es sich mit Deinen Pflichten als Tochter ver-
einen liese, dem Rufe zu folgen, welchen ich Dir aussprach.
Du konntest lange nicht klar sehen wie sich der Aussprug [sc.: Ausspruch]
Du soll[s]t Vater u Mutter ehren mit der Fo[r]derung ver-
trage die ich Di an Dich that; jetzt da mein innerstes
Streben - unser innerstes Streben Dir offen vor liegt, /
[108R]
jetzt wirst Du gewiß diese Einigung in Seinen Worten
finden, welche er Luc: XVIII, 29 und 30 sagt finden.
Wer um des Reiches Gottes willen Theures und Ver-
wandtes verläßt und Eltern, der verletzt dadurch weder
die Liebe noch die Ehre, noch den Gehorsam den er diesen
schuldig ist, denn der Eltern erste Pflicht ist ja ihre Kinder
als Kinder Gottes sich erkennend u fühlend und als solche
lebend zu machen, thun also dieß die Kinder, schon durch
sich, so lieben sie ihre Eltern, so beweisen sie den Eltern
(sie mögen es nun erkennen und einsehen oder nicht, was
uns, wenn es nicht seyn sollte, Leid thun und Schmerzen ver-
ursachen wird) ihre Liebe, den [sc: denn] Pflichten halten, er-
kennt ja Er selbst als größten Beweis der Liebe: So
ihr meine Gebote haltet bleibt ihr in meiner Liebe, eben
so ehren sie die Eltern dadurch und gehorsamen dadurch den
Eltern, denn die Kinder thun das, was von den
Kindern zu fo[r]dern, ihre erste Pflicht ist, als Kinder ihres
Vaters im Himmel zu leben.
*
Nun zu dem was uns äußerlich am Nächsten liegt.
Leider ist es mir noch nicht möglich geworden für Halle
eine Addresse ausfindig zu machen. Was nun am besten
seyn wird es entweder Ihre Effecten meine theuerste
Freundin über Erfurth oder gerad von Halle aus hieher
gelangen zu lassen mag ich jetzt in diesem Augen-
blick nicht mit Bestimmtheit entscheiden; wie ich die
Sache in diesem Augenblick sehe erscheint mir das /
[109]
letztere das Beste. Auch fahren wenn ich nicht sehr
irre alle Woche aus hiesiger Gegend, nämlich von
Gräfinthal, Frachtfuhrleute mit großen Wagen
nach Halle. Wenn es sich nun so machte, so dünkt
es mich im Augenblick immer am besten wenn die
Sachen gerad hieher gebracht würden. Das Nöthigste
was ich mir nun in dieser Hinsicht von Ihnen zu
erbitten hätte wäre, daß Sie mir gütigst sogleich
nach Absendung der Effecten schrieben, an wen die
Sachen nach Halle addressirt ist [sc. sind] und zu wie viel
Tage Fracht solche verakkordirt sind; dann wer-
de ich sehen was weiter zu thun ist. Reise [ich] auf
meinen gewöhnlichen Weg nach Berlin so komme ich
so auf dieser Reise nach Halle, wo ich dann auch
persönlich wohl Nöthiges besorgen kann. Sie
Sind doch so vorsichtig und deklariren die Sachen in
Berlin, was ja unter ganz allgemeinen Namen sehr
leicht ist, damit die Collis an der Grenze nicht geöff-
net zu werden brauchen? - Durch das Auf- und Ab-
packen gewinnen Güter welche auf der Achse gehen
nie, daher scheint es mir vortheilhaft wenn von
Halle bis hieher die Sachen gar nicht wieder abge-
packt zu werden brauchen. Zu diesem Ende sage
ich blos, was vielleicht nach Halle zu melden gut
ist, das [sc: daß] Keilhau eine gute Stunde ich will viel rechnen 1½
Stunde[n] für einen Frachtfuhrmann
von Rudolstadt auf der direkten Straße von
da nach Arnstadt u Gotha liegt, und wir haben /
[109R]
den schönsten Weg und neue Chaussee, daß sich
also kein Frachtfuhrmann für den [sc: vor dem] Weg zu fürchten
Ursache hat.
*
Was meine Abreise von hier betrifft so kann ich
darüber noch nichts anderes bestimmen als was ich
schon in dem vorigen Brief that, nämlich daß
ich den 9n künftiges Monats von hier abzureisen
hoffe und den 13n in B anzukommen gedenken [sc.: gedenke], doch
mit unwandelbarer Sicherheit sprechen Sie dieß
noch nicht aus. Sehen sie meine Freundin: ich [habe] besonders
in meinem letztern Leben wieder ein Vergehen gemacht
welches sich jetzt an mir rächt und dessen Folgen ich jetzt
(was mich aber für die Zukunft und um des Leben[s] mit Dir
willen freut) - drückend fühle: einmal hatte ich
den Menschen und ihren Worten mehr getraut als sie
es verdienen, auf der andern Seite hatte ich in meinem
Handeln nach Außen nicht Selbstzutrauen genug!
Ich hatte noch Glauben an Menschen und Menschenfurcht
von beydem wird mich durch Gottes Hülfe der em-
pfindlichste Lebensdruck geheilt haben. Darauf
bezog sich was ich in einem der frühern Brief[e]
schrieb: nicht halbgebildet will das gütige Ge-
schi[c]k daß ich Gatte werden soll, damit der
Geliebten durch mich keine Schmerzen komme[n].
Bin ich von dieser Schwäche geheilt dann kenne
ich keine mehr an mir. An die Menschheit soll
der Mann glauben u ihr vertrauen, denn sie /
[110]
ist von Gott; aber an einzelne Menschen soll
kein Mann glauben, denn wer ist ihm Bürge
daß diese Menschen ihr Wesen, das Wesen
der Menschheit erkannt haben u dieser treu
handeln? - für [sc: vor] keinen Menschen soll der
Mann sich fürchten. Handelt der Mensch recht
so kann er nichts anders wollen als was der
Mann auch will nämlich die Darstellung des
Willens Gottes,- Handelt der Mensch Unrecht
wie könnte nun der Mann sich für den [sc.: vor dem] fürchten,
der Unrecht thut? - In keinem Falle also kann
der Mann, darf der Mann den Menschen fürchten.
Ob ich nun ganz die Folge dieser verkehrten Menschen-
und Lebensansicht vor meiner besten Lebensfreundin
vorüber führen kann, dieß weiß ich nicht, doch hoffe
ich ja nach Ihren letzten lieben Briefen, daß Sie innige[s]
Wesen ach nur einige wenige Wochen so G so Gott
will mit meinem äußern Nachsicht haben wird [sc: werden], wenn
es weit hinter dem zurück steht, wie es meine Ach-
tung für Sie u meine innige Liebe zu meiner Lebensseele
so gern herstellen möchte, und wie ich es schon so lange
in mir trage. Sehen Sie meine Freundin, da ich andern
nicht leer den Hof machte, wo ich genug an mir selbst zu
arbeiten u mir selbst zu leben hatte - um das Leben zu
gewinnen, das haben sie [sc.:Sie] mir nun wo ich nur die erste
Pflicht that ein würdiges Familien-, bürgerliches Glied
zu werden, als Stolz und Sonderbarkeit Gott weiß als /
[110R]
was alles ausgelegt und nun wo eine kleine
Hülfe mir wohl hatte einigen Dienst leisten können
nun ziehen sie wer weiß ob nicht freudig, kleine Dienste
von mir ab, und wähnen nun schon so mich <verachtet>,
freylich habe ich außer den Himmlischen im Herzen und mich selbst
Niemand um mich und in der Nähe der mir
helfen könne, und ich stehe so im eigentlichsten Sinne
ganz, ganz allein, aber ich freue mich, ich danke Gott
meinem lieben Vater dafür, werde ihm lebenslänglich
dafür danken daß es so ist, denn ich lerne nun
so die Kraft kennen u achten die seine Gnade
in mich legte, die Kraft die ich lange verkannte,
und gegen welche die Welt seit langem mich mit
Mißtrauen erfüllen wollte u erfüllte, die
Kraft die uns sicher durch alle Stürme des
Leben[s], durch alle Kriege mit der Welt hindurch
trägt denn sie ist Kraft aus Gott; doch ich
habe nun Friede mit der Welt, denn ich hoffe
und erwarte nichts von der Welt, von
Niemand in der Welt; Mein Vertrauen
und alles u alles ruht einzig in Gott u durch
Gott in der Seele meines Leben[s] in Dir Du
meine Einzige. Vor einigen Jahren schon schrieb sagte
ich zu mir und schrieb nieder (wie ich seit Langemn [sc.: Langem]
viele meiner Gedanken mir durch die Schrift zur Erinnerung
fest halte) schrieb nieder: Mann seyn, kommt von Gott. /
[111]
Und jetzt hat sich denn dieser mein Ausspruch an
mir selbst bestätigt. Was ich bin, bin ich durch
Gott, durch die Gnade Gottes! So darf ich nun
mit Zuversicht als Mann zu meinem Weibe auch
<heimgehen> Deine "Ruhe" ist bey mir gesichert, und
"Stärkung" die wirst [sc: wird] Dir auch durch Gott durch mich
schenken.
Künftigen Sonnabend den ersten August schreibe ich
bestimmt über Erfurth ob ich gewiß den 9' August
werde abreisen können und wann ich mit Sicherheit ab-
zureisen gedenke. Eben sehe ich daß bis zum 9' August
nur noch 14 Tagen sind, und da weiß ich nicht ob mich
da das Schicksal schon los geben wird.
<Nun / Nur> Gott leitet sicher alles zu unserm Besten.
*
Der Herr Prediger W[ilmsen] ist wohl sehr unzufrieden mit
mir daß ich seinen Brief, seinen lieben freundschaft-
lichen Brief noch immer nicht beantwortet habe?-
Grüßen Sie ihn auf das herzlichste von mir; ich freue
mich in[n]igst, daß er uns einseegnen wird.- Er hat ge-
glaubt daß ich wenigstens noch 10 Jahre in der Welt
leben müßte ehe ich stilles, ruhigen Geistes würde,
Sagen Sie ihm gütigst Ihrem gütigst und aufrichtigst für Sie
und Ihr Wohl besorgtem Freunde, gelegentlich, daß ich
glaubte in den letzten 6 Monaten, wohl die Erfahrungen von
10 Jahren des gewöhnlichen Menschenlebens gemacht zu haben denn
< ? > ich habe recht ordentlich in des Lebens Kreuz[-] und Dornen- /
[111R]
schule aushalten müssen.
Sollte Ihren lieben Eltern und guten Tante mein
Gruß nicht unangenehm seyn, so grüßen Sie solche
auf das aufrichtigste wie herzlichste von mir.
Ernestinen grüße ich auf das freundlichste. Ich
freue mich darauf ihr persönlich zu sagen wie sehr ich
Ihr dankbar bin, daß sie meine Theuerste, meine
Geliebte zu mir begleitet, denn meine Freunde, unsere
Freunde versichern mich [sc: mir] daß sie Dich herzlichst liebt.
Meine lieben Kleinen besonders mein reiner
klarer Wilhelm und mein aufrichtiger herzlicher
Ferdinand freuen sich in[n]nig ihrer künftigen Pflege-
mutter und sprechen gern von ihr und der Zeit
wo sie die Liebe die sie so gern zeigen und geben
und die ich durch meine Geschäfte so oft unbeach-
tet lassen mußte, derselben schenken und bethätigen
können. Wie werden sie sich erst freuen wenn
sie sehen und empfinden daß sie so ihre Liebe mir
doppelt und mehrfach zeigen.
Ach, wohl! wohl dämmert uns ein schöner
Morgen herauf.
Gott erfülle Deinen Wunsch und gebe mir Kraft
u Einsicht und leite mich durch und mit seinem Geist,
daß ich die wenigen Wochen bis dahin noch uns zum
Seegen u Heil durch lebe; damit Nichts, Nichts dich
stöhre mich ganz zu erkennen den Deinen, den Deinen
auf - ewig. Friedrich Wilhelm.