Briefausgabe Friedrich FröbelBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung / Fröbel-Forschungsstelle der Universität Duisburg-Essen

F. an Henriette Wilhelmine Hoffmeister in Berlin v. 2.8.1818 (Keilhau / Rudolstadt)


F. an Henriette Wilhelmine Hoffmeister in Berlin v. 2.8.1818 (Keilhau / Rudolstadt)
(BN 444, Bl 112-115, Brieforiginal 2 B 8° 8 S.)

Keilhau den 2' August 1818


Meine Einzige,

Ich hoffte Dir mit der gestrigen Post über Erfurth
schreiben zu können; doch das Leben, d.h. das innere Leben
denn nur dieses ist ja Leben, gebot es anders; und
wie alles was vom Geiste geboten ist, gut ist, so
war und ist auch dieses gut. Wonach ich mich so
lange wieder sehnte, was ich erwartete ist wieder ein-
getreten, ich darf, ich kann wieder sagen wie ich schon
vor 30 Monaten zu mir sagte, in jener schönen
Berliner Zeit, als ich im Schauen Deiner mich gefunden hatte:
"In mir ist's ruhig, klar und rein; in mir wohnt
"ewig Leben, Friede, Seeligkeit; Nichts trübt
"der Seele Himmel. Aus meinem Innern, durch mein
Inneres kann nicht Stöhrendes in das Leben
meiner Theuern - in Dein Leben übergehen.["]
Und dieses innere Leben, dieser Seelenfriede wird
sich ja nun gewiß in meinem äußern Leben offen
baren, in alle Thätigkeiten meines wirkenden und
schaffenden Lebens übergehen, sich in unserm Leben
klar aussprechen.
Bestätigt hat sich mir nun wieder nach
30 vollen Monden im harten Kampfe ums innere /
[112R]
Leben, was ich dort im hohen Vorausleben dieser
Zeit mit Mannessinn schon aussprach:
"Wenn im
"Eisernen Kampfe ums Leben der Mann
"Endlich erkannt hat sein eigen Gemüthe
"Stöhret Nichts mehr ihm den Frieden der Seele, Nichts
"Hindert die Sichre für bleibende That.
Aus der
"Klarheit des klaren Gemüthes hell strahlt,
"Hell ihm das Leben im All;
"Und in der Blaue des Himmels
"Und in dem Lichte der Sterne
"Strahlet ihm freundlich erhebend das
"Bild dann, des eigenen Lebens!"
Lächeln Sie, lächele Du der schlechten Worte
nicht, ich gäbe Dir gerne bessere, schönere, wäre
meine Kraft nicht zu schwach. Doch ich wollte
Dir gar zu gerne den innern Zustand Deines
Freundes, dessen der nun Dein ist wenn Du ihn
noch willst aussprechen. Es war eine hohe
herrliche Zeit die ich dort verlebte als ich vor-
stehende Worte niederschrieb; aber der Wort- /
[113]
Ausdruck erreichte das innere Leben nicht, und so
mögen auch jetzt wohl die Worte lange nicht
gut genug seyn um Dir auszusprechen, doch
habe jetzt schon gütige Nachsicht mit mir, o wie
viel und viel Gelegenheit werde ich Dir geben
diese an mir zu üben.
Woher kommt es meine Theuerste daß nun
schon wieder zwey Posttage vergangen sind,
seit ich keinen Brief von Dir erhielt?- Aber
nimm diese Frage ja nicht als Vorwurf oder Klage,
o! es ist alles herrlich und gut wie es die weise
Vatergüte mit uns führt. So mögest auch Du in
allem was ich Dir jetzt über den äußern Stand unseres
Leben zu sagen habe, finden: Alles wie es der Vater
fügt ist gut.
Heute findet in meiner Pfarrkirche die erstmalige
Proklamation unserer Einigung statt!- Unser
Leben, unser ganzes Leben sey dem Heiligen geweiht-
Zwar wird die beyden nächstfolgenden Sonntage
mit dieser Proclamation fortgefahren; dennoch
kann ich Dir nicht mit unwandelbarer Gewißheit
sagen ob ich ganz gewiß künftigen Sonntag den
9en August von hier abreisen kann; obgleich
ich alles was von mir abhängt besorge um
nächsten Sonntag von hier abzureisen, so steht /
[113R]
doch äußerlich und außer mir alles noch so
fern, als wäre es unmöglich daß ich abreisen
konnte, in mir ist mir aber so als würde ich
dennoch in den ersten Tagen der nächsten Woche
von hier ab und zu Dir reisen.
Du wirst es vielleicht recht unmännlich von
mir finden daß ich Dir nicht Tag und Stunde fest
bestimme aber prüfe mit mir was ist männlicher
wenn ich gegen den Willen des Schicksals Tag
und Stunde erzwänge, oder wenn ich mich - alles
thuend was an mir ist, dann ruhig ergebend
füge wie es des leitenden Vaters weise Güte
mit uns fügt. Aber nochmals spreche ich aus
ohngeachtet dieser ruhigen Ergebung in des Vaters
liebevolle Schickung so bin ich deßhalb dennoch
nicht unthätig, ich arbeite treu, bearbeite treu
was mir vom Schicksal aufgegeben ist über-
lasse aber die Entscheidung ganz Seinen Willen.
Wenn ich mein Leben und die Fügung meines
Lebens bis zu diesem Augenblick strenge prüfe
so muß ich nochmals aussprechen was ich schon
früher Dir aussprach weil mir es klar und deutlich
in meinem Leben entgegentritt.
Siehe theuerste Gottes-Gabe, Dein Dich innigst
liebender Vater im Himmel will Dich nicht /
[114]
einem Manne vertrauen durch welchen Dir
wieder Schmerz und Kummer und Noth käme, siehe
deßhalb hatte und hat er mich noch bis in diesem
Augenblick in eine harte und strenge Schule der Noth
des Druckes, des Schmerzes, der Verleugnung geführt
damit ich von so vielen Fehlern u Schwächen die ich noch
an mir hatte und habe gereinigt zu Dir kommen und
vor Dir stehen mögen, so födert es der Natur daß
ich meine größte Schwäche verleugnend vor Dir
treten muß; Aber ich freue mich innigst daß Dich
der Vater so sehr liebt; ich kämpfe gern ringe
gern auch um den höchsten äußern Preis, denn ich sehe
ich sehe und fühle ich schaue lebendig daß mir der
Vater in Dir sein liebstes was er mir jetzt schenken
kann giebt. So erwarte ich denn, thuend was mir
zu thun Pflicht ist, ruhig bis der Vater dem Schicksal
gebietet, daß es mich zu Dir führe, doch das spreche
ich aus: ich fühle daß dieser Zeitpunkt nahe ist,
ich weiß es er ist nahe, um mich in der für mich
schweresten Kunst der Verleugnungs- Selbstverleug-
nungs- Entsagungs- Kunst zu üben, zu prüfen, zu be-
währen. Ja ich will es Dir nur selbst offen
und klar gestehn: bestehe ich diese Probe so kannst
Du mir volles, unbeengten Vertrauens folgen;
doch - "in mir ist's ruhig, klar und rein"!
Nun weiß ich Dir Nichts weiter zu sagen als /
[114R]
ob ich nun gleich nicht bestimmt weiß ob eine
Antwort auf diesen Brief mich noch hier findet
und finden kann, ja ob es gleich scheint, ob daß
ich ehe ich auf diesen Brief Antwort von Dir erhalten
könnte, schon auf der Reise zu Dir seyn würde,
so bitte ich Dich dennoch recht herzlich, recht innig
schreibe mir, wenn es Dir lieb ist, bis fast zur
Zeit meiner Ankunft; es ist ungemein herrlich
Briefe, zu lesen welche Jemand früher geschrieben
hat als man sich sprach, dann erst zu bekommen zu
lesen, wenn man sich seit dem Schreiben derselben
persönlich gesprochen hat. Nichts ist sage ich ist schöner
als wenn mann von persönlichem Zusammenleben
mit lieben Personen nun nach Hause kehrt und
da Briefe findet welche diese liebe theure Person
geschrieben hat, ehe man sich sprach, dieses war
z. B bey Deinem im Febr. an mich geschriebenen
Briefe der Fall.
Nun lebe recht wohl, grüße alle die lieben
Deinigen auf das herzlichste von mir, welche mein
Gruß nicht in ihrer Zufriedenheit stöhrt. Ich
gehe jetzt nach Rudolstadt und will dort sehen
ob ein Brief von Dir angekommen ist; ist es dann
nöthig so schreibe ich Dir sogleich Antwort mit
umgehender Post. Nun lebe wohl, lebe recht
wohl bis auf frohes Wiedersehen!- Doch sehen wir
uns nicht immer im Geiste?- Leben wir nicht schon lange, lange
im Geiste geeinet?- und sehen und fühlen und wissen uns geeinet?- Ja! auch getrennt, sind wir geeint.
Friedrich Wilhelm Fr: /

[115]
Rudolstadt Sonntags den 2 August 18.
       Mittags

Meine Wilhelmine.
Vor wenigen Minuten erhalte ich Deine
lieben theuern Briefe vom 23sten u 28 Julius
zugleich; da in ½/4 Stunde die Post sich schließt
so eile ich Dir nur für solche herzlichst zu
danken ob ich sie gleich nur ganz flüchtig durch-
gesehen habe. Ich werde möglichst alles
besorgen; ob ich noch den 13en oder einige
Tage später in B. ankomme will ich mit
nächster Post schreiben.
Was Du mich aus Güte wegen Deinem
Kleide zur Trauung fragst, dieß wußtest
Du wohl konnte ich nicht anders als mit Ja
beantworten ob ich gleich schwarz nicht die
Farbe der Buse nennen möchte.
Wirst - kannst u darfst aber auch Du
mir erlauben mich in einfachen schwarzen Rock
ganz geschlossen, ähnlich dem in welchem Du /
[115R]
mir erlaubtest zu Dir kommen zu dürfen,
trauen lassen darf. Ich will Dir
nur gestehen, daß ich diesem Schnitt seit
dem Kriege
in welchem ich fast mit meinem
Rock eins wurde (aber aus keiner Modesucht
so zu mir gehörig finde, daß ich mir in
jedem Andern Rocke wie auf maskirt
erscheine. Doch auch ich werde mich hier
mir Dir gerne fügen und sollte es Dir
Unannehmlichkeiten machen, so wird sich
leicht ein Mittel finden dieß abzuändern; so
wie ich alles gern von meinem Äußern ablege,
wenn Du es willst.
Nun Gott befohlen. Mit der nächsten
Donnerstagspost schreibe ich nochmals.
Lebe wohl
Immer Dein
        F.