Briefausgabe Friedrich FröbelBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung / Fröbel-Forschungsstelle der Universität Duisburg-Essen

F. an Henriette Wilhelmine Hoffmeister in Berlin v. 8.8.1818 (Keilhau)


F. an Henriette Wilhelmine Hoffmeister in Berlin v. 8.8.1818 (Keilhau)
(BN 444, Bl 122-124, Brieforiginal 1 ½ B 8° 6 S.)

Keilhau den 8n August 1818.


Meine theuere Wilhelmine.

Welch' einen Eindruck der Anfang Deines seelenvollen
Briefes vom 30n Jul. u 1n August auf mich machte, dieß
erlaube mir jetzt zu übergehen, so folgereich er auch
für mein ganzes Leben für mich seyn und werden mag;
jetzt nur die Hauptsache.
Der Inhalt meines Briefes von 19n Julius der Dich meine
treue Freundin so sehr beunruhigt ja verschreckt und so
tief erschüttert hat, hatte weder eine Schwärmerey
und noch weniger eine unheilsame Schwärmerey zum
Grunde, sondern ein Faktum eine Thatsache die ich nur
allzu fesselnd und allzu drückend fühlte, ein Faktum
was eben so klar vor Augen lag, als das vor Augen
liegen würde wenn ich auf der Reise zu Dir schon begriffen
wäre und mir erstlich mein Wagen zerbräche und ich so
aufgehalten würde, und denn wenn dieser Schade[n]
ersetzt ich meine Reise fortsetzte, ein vom Gebirge
herab sich wälzender Strom die Brücke vernichtete die
mich vom dießseits zum Jenseits und so zu Dir führen
sollte, also daß der wogende nicht zu überschreitende
Strom sich zwischen Dir und mir dränge.
Ob nun gleich Dein Freund keine Schwärmerey jetzt
nicht mehr kennt, und er in Hinsicht der Einigung seiner
mit Dir, keinen Schritt ohne hinlängliche Selbstprüf-
ung gethan hat, und alles in ihm, in mir in Hinsicht /
[122R]
meines Verhältnisses zu Dir und in Hinsicht meines
ganzen innern Lebens klar und sicher ist, so habe
ich doch beym Schreiben jenes Briefes zwey Ver-
gehen gemacht, bin ich in zwey Verirrungen gerathen
deren Folgen ich leider Dir nun meine so treue, treue
Seele nur abbitten kann
Ich erkenne meine Fehler so. Es schien mir zu gar
Nichts zu führen, zu Nichts zu nützen Dir die äußern
Lebens Verhältnisse sie mochten auch noch so gewaltsam,
ich möchte sagen auf mich einstürmend eindringen Dir
faktisch mitzutheilen. Ich sagte mir hier in Bezug
auf Dich und mich was dort Marquis Posa in Dom [sc.: Don]
Carlos zur Königin sagt:
"Die Gefahr
"mag auf- und untergehen um Sie her,
"Sie sollens nie erfahren. Alles dieß
"ist ja nicht so viel werth, den goldnen S[c]hlaf
"von eines Engeles Stirne zu verjagen."
Aber da hätte ich nun freylich am besten ganz schweigen
sollen, wenn mir nur das Ver[s]lein Luthers:
Sag nicht alles was Du weißt
im Gedächtniß gewesen wäre, und ich dieß auch auf
mein Handeln angewandt hatte.
Doch das Leben drängte zu hart daß ich dieß über-
sahe. Für alle Erscheinungen in meinem äußern
Leben suche ich nun einen Grund in mir auf, das h.
von der Art wie die äußern Umstände in mein /
[123]
Leben und dessen Entfaltung einwirken suche ich seit
dieß ist die wesentlichste Eigenthümlichkeit meines
Wesens, den Grund in mir, in meinem Seyn auf.
Nun traten äußere Verhältnisse für die Entwick-
lung meines Lebens mit solch einer hemmenden Gewalt
mir entgegen, daß ich meinem Charakter der Ansicht meines eigenen Lebens nach gar
nicht anders konnte
als den Grund davon in mir und zwar in, mir noch
selbst
unbewußter Unvollkommenheit meines Wesens
meines inneren Menschen zu suchen, und diese Unvoll-
kommenheit meines innern Menschen erkannte ich auch gar
bald in dem, mir durch Vorurtheil, Erziehung durch Lebens-
und Weltverhältnisse noch anklebender Werthlegung
auf Äußerliches mancher Art. Ich nahm daher den mich
treffenden Lebensdruck so auf, oder ich erkannte als den Grund
dieses Lebensdruckes (nach meiner Denkweise) daß er mich
von jener Überschätzung des Äußern, von diesen [sc.: diesem] wirk-
lichen noch Kleben an dem Äußern heilen solle; und diese
innere Beziehung sprach ich Dir aus.
Siehst du meine treue, treue Freundin es war und ist
hier nicht die Rede von Verhältnissen und Lagen die ich
mir erträumte oder nur wirkührlich [sc.: willkürlich] setzte, sondern
es war die Rede vom Kommenkönnen oder Nicht-kommen
können durch äußere Verhältnisse die meiner Gewalt
meinem Beherrschen sich entwunden hatten, unabänderlich
bedingt, also durch Schicksalsfügungen; wie ich nun
diese Schicksalsfügungen in mir bearbeitete, deutete /
[123R]
daß darinne Willkühr herrschen könne, will ich nun
einmal zugeben, die Thatsachen blieben sich jedoch, die
Anwendung, Deutung mochte seyn welche sie wollte
ganz gleich. Hier Freundin Du meine beste irdische
Gottes Gabe! hast Du treu meine Vergehungen.
Dein Freund ist klar, auch nicht einmal heilsamer
Schwärmerey giebt er sich hin, noch weniger solcher, welche
das Leben seiner ihm über alles irdische theuern Freundin
trüben könnte.
Aber es war mir schon längst eine Frage, wie viel
der Mann auf dem als Mann eine unaussprechliche Lebenslast
ruht, unter welcher er sich aber dennoch frey
bewegen soll, wie viel von dieser Lebenslast der
Gatte, der Gattin, auch schon der Freund der Freundin
mit theilen solle. Vielleicht wirkt es nicht zielerreich-
end hier zuviel mitzutheilen und vielleicht habe ich nun
so auch durch eine übelverstandene zu große Aufrich-
tigkeit Dir Sorgen aufgebürdet. Denn wozu
kann am Ende freylich jenes Mittheilen führen; denn
wanken soll ja der Mann schon an sich durch sich
nicht
mit welchem Grimme
Das Schicksal auch herein in seine Tage bricht-
des Lebens soll er würdig seyn.
Doch über alles dieses haben Sich [sc.: Dich] denn nun auch
vielleicht und Gott gebe es meine späteren Briefe
beruhigt.                  /
[124]
Und nun nochmals die Wiederholung dessen
was mein letzter Brief aussprach:
Was nur immer an mir ist, was nur von
mir abhängt werde ich thun um den 13en
dieses [Monats] noch in Berlin zu seyn.
Geschieht es später so glaube mir, werde ich mich
bey Dir rechtfertigen, daß es nicht durch meine
Willkühr, nicht durch Schwärmerey die ich nicht
mehr in mein Leben eingreifen lasse (Wie wäre
sonst Deine Ruhe, Dein Friede in Deiner Einigung mit
mir geborgen?-) geschehen ist.
Unser Freund Langethal ist eben im Begriff nach
Erfurth zu reisen um das Nöthige wegen meiner
Abreise von dort zu besorgen und auch wegen
Fuhrleuten Erkundigung einzuziehen. Von Halle
habe ich noch keine Nachricht.
Du so hochvertrauendes Weib! bist Du nun
wieder wegen mir beruhigt?- O Du kannst es
so ganz seyn. So wunderbar verschlungen und
verkettet auch mein Leben ist so liegt es doch klar
klar vor mir, und ich freue mich - ob Dir gleich jener
Brief Schmerz u Leid gemacht hat, Dir sagen zu
können, mit Freudigkeit sagen zu können: es war
nur noch eine wesentliche Stufe der Fortschreitung /
[124R]
in mir nöthig ehe ich zu Dir kommen konnte, noch
seit Deinem letztern Briefe, der unaussprechlich
in mein Leben eingegriffen hat, hat sich mir mein
Leben aufgeklärt und befestigt, wie ich es jetzt
jetzt noch nicht ahnete.
Vergönne es mir, Dir mit jubelnden Dank gegen
Gottes unsers liebreichen Vaters weisen
Führung wiederholt auszusprechen:
"In mir ist's klar und rein
In mir wohnt ewig Friede Freude ja-
Seeligkeit.["]
Und ich Freundin! Du treue treue Freundin
Sollte nun nicht eilen diese Freude mit Dir
zu theilen
Sey hoch bese[e]ligt oder leide
Das Herz bedarf ein zweytes Herz
Getheilte Freud' ist doppelt Freude,
Getheilter Schmerz ist halber Schmerz
Nun Gott sey' uns ferner gnädig und
segne uns. Wir wollen ja nur ihm
gehören nur seine treuen Kinder seyn.
Wilhelmine und Wilhelm.