Briefausgabe Friedrich FröbelBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung / Fröbel-Forschungsstelle der Universität Duisburg-Essen

F. an Caroline v. Holzhausen in Frankfurt a. M. v. 26.1.1819 (Keilhau)


F. an Caroline v. Holzhausen in Frankfurt a. M. v. 26.1.1819 (Keilhau)
(BN 492, Bl 59-60, dat. Entwurf 1 B fol 3 ½ S.)

Keilhau am 26. Jenner
1819.

Verehrteste Frau
Gnädige Frau.

Wie kann ich <sinnen> um mich zu entschul-
digen daß ich Ihnen schon wieder zu schreiben
daß ich getrieben werde Ihnen schon
wieder zu schreiben. Wer mag, wer
darf, wer kann sich entschuldigen
wenn er das thut was die Pflicht ihm
gebeut [veraltet für: gebietet] und ja! mich mahnt, mich treibt mir gebietet die Pflicht
Ihnen zu schreiben. Es ist möglich,
leicht möglich daß Sie mir darauf
erwiedern [sc.: erwidern]: gern erlasse ich ihnen
diese Pflicht, doch auch nur möglich
und eben so leicht möglich ist es daß
Ihnen mir irgend einmal mit unwieder-
stehlicher [sc.: unwiderstehlicher] Wahrheit ausgesprochen
würde: es wäre zu jener Zeit
Deine nicht ausbeugende Pflicht gewesen
der Verehrungswürdigen zu schreiben
wie Dein Leben sich so einfach, ruhig
klar, sicher entwickelt, sich so edel gestalt[et]
habe, der Verehrungswürdigen
durch welche auch Dein liebendes Geschick
Dein lieber Vater im Himmel, Deine treue
Mutter auf Erden auch so Ziel erreichend
so liebend für Dich für die Erreichung Deines Zieles wirkte.
[links neben dem letzten Satz:
                Kugelzeichnung (= Sphäre !), Text: Ziel =
                Vol[l]endung]
Die Dankbarkeit
gegen Gott u Schicksal; die Dankbar-
keit gegen die ewige Güte welche mein Leben bis jetzt leitete fo[r]dert es
daß ich daher von mir Ihnen zu sage[n] wie ich lebe
und wohin mich Gottes weiße
liebender Rath führte; und Gott
zu Loben, Gott zu Danken, Gott
zu Preisen ist ja auch nicht nur das /
[59R]
schönste Geschäft ja streng
erwogen
ist es die schöne aus[-]
schließende Bestimmung des Menschen.
Der Mensch aber kann nicht
unmittelbar Gott danken
noch we[ni]ger dem Schicksal
er muß dem Menschen danken d[urc]h
welche[n] sich Gottes weise[r] Rath
seine liebende Güte offenbarte.

Er dankt Gott wenn er
seinen Dank gegen Gott[es] Menschen ausspricht
das Lob Gottes Menschen verkündet.
Diese Gefühle in Einer Einheit
nun, diese klare Überzeugung
als Ein Bewußtseyn nun sind
es die mich treiben <jagen> auffo[r]dern Ihnen zu
schreiben; und jene Auffo[r]derung als höhere
Stimme und Gottes Führung klar als
die einzig beste erkennend, folge
ich mit ruhig Freu stiller Freude
dem jenem mir aus dem fühlenden Herzen im vernünftigen Geiste
bestätigt wiederhallenden [sc.: widerhallenden] Gebotenden [sc.: Gebotenen].
Schon wieder sagte ich oben
schreibe ich Ihnen denn es ist
mir als wären es nur we[n]ige
Wochen seit ich Ihnen nicht ge-
schrieben habe, so kurz so
schnell ist mir weil keine Entwicklung des
Innern u äußern Lebens
die andere drä[n]gte die Zeit ver[-]
flossen seit ich Ihnen zum
letzten Male schrieb und
doch; doch wiede bemühe ich
mich wieder die Reife, die
Zahl der Entwicklungen und ihren /
[60]
Innern u äußern Umfang
im Auge fest zu halten u zu
überschauen, so dünkt mich
wieder die Zeit seit welcher
ich Ihnen schrieb so lang, so
lang, daß ich kaum nicht einmal mehr die Zahl
der Entwickelungen überschauen[,]
nicht von Entwicklung zu Ent-
wicklung rückwärts gehen
kann.
Doch ich will es folge dem Gebote der Pflicht (der Anforderung) und versuche
es Ihnen so klar u wahr als
es in Brieflicher Form und
immer mögl. ist zu zeigen
wo mein Inneres u äußeres
Leben steht, möge sie [sc.: die briefliche Form] dann
das Urtheil ob und wie
weit dasselbe vorgeschritten
sey, sey Ihnen selbst überlassen[.]
Das Äußere ist d[urc]h das Innere
bedingt
Das Äußere ist der Körper des
Innern
Das Äußere ist die Schrift
des Geistes der im innern
ruht, und so ist <es das> /
[60R]
Äußere Erkennungs Mittel
für das Innere
Das Äußere des Menschenlebens
gleicht der Natur in welchem
sich u d[urc]h welches sich der schaffen[-]
de Geist <beut> [veraltet für: bietet, zeigt]