Briefausgabe Friedrich FröbelBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung / Fröbel-Forschungsstelle der Universität Duisburg-Essen

F. an den Prediger Friedrich Philipp Wilmsen in Berlin v. 2.4.1819 (Keilhau)


F. an den Prediger Friedrich Philipp Wilmsen in Berlin v. 2.4.1819 (Keilhau)
(KN 20,2, Brieforiginal 2 B 4° 7 S.)
(Verhältnis Originalzeile : Transkriptionszeile nicht 1:1)

Innigst hochverehrter Herr,
Theuerster Freund,

Lange, lange hat es gedauert, mir gedauert ehe ich Ihnen meinen aufrichtigen bleibenden Dank für Ihre warme Theilnahme und wahre Freundschaft, mit welcher Sie mich in meiner Bewerbung um meine treffliche Wilhelmine unterstützten, für Ihre gefühlvollen und eindringlichen, uns lebenslang unvergeßlichen und uns im Andenken an dieselben immer wieder von neuem und inniger verbindenden Worte bey Ihrer liebreich übernommenen Einseegnung unserer, meinen schwachen Dank sagen konnte; allein es sollte nicht ein bloser Wortdank sein, ich wollte Ihnen solchen auch gern durch mein weiteres Handeln bethätigen [sc.: bestätigen], ich wollte mich Ihnen besonders in meinem weitern Leben zeigen um Ihnen wenn es möglich wäre den beruhigten Beweis zu geben, daß Sie die Liebe eines Ihrer Freundschaft nicht unwürdigen Paares unterstützt und ein solches zu dem schönsten und würdigsten Lebensberufe eingeseegnet haben. Früher konnten dieß von meiner Seite immer nur Worte seyn, aber ich wollte Ihnen gern ein so vollständiges Bild meines und unsers Lebens, dessen Geistes, Grundsätzen und dessen Wirklichkeit geben, als es mir jetzt außer <mir / nur> hinzustellen nur immer möglich ist, und was mir unter und bey dem unsäglichen Drange und Hemmungen meines bisherigen Lebens nicht früher gestattet war. Deßhalb macht es mir aufrichtige Freude, Ihnen mein innigst hochgeachtetster Freund beykommende zum Druck bestimmte Blätter, welche eine Rechenschaft und Darstellung meines und unsers Zweckes und Lebens enthalten, fast zuerst, - von der Seite /
[1R]
meines Herzens, wirklich zuerst zu gütevoller Einsicht und Durchsicht und wenn es Ihnen gefällig seyn sollte zur Prüfung mitzutheilen und vorzulegen.
Ehe mir diese vollständige Darstellung unseres Lebenszweckes in seiner Allseitigkeit und unseres wirklichen Lebens möglich wurde, wollte ich es lieber ertragen, daß der Freund ein wenig an mir irre werden [sc.: werde], als daß ich nur, mit blos auf eine Zukunft hinweisenden Worten vor Ihm erscheinen möchte. Ach! Der Mensch, ist der Mann ist, seiner Natur und seinem ganzen Wesen ganz entgegen, so schon durch das Leben selbst gar viel gezwungen, statt der schon wirklich seyenden That nur Verheißungen auszusprechen; ob er gleich seinem innersten Wesen getreu schon bey weitem lieber Blüthen und Früchte, reife Früchte statt jener verhallenden Worten, jenes sich zerstreuenden Duftes gäbe; und dieses Streben ist, ich darf es sagen das Innerste Se meines Wesens. Ich möchte und wünschte mein ganzes Leben wäre nur Ein Beweis, nur Ein stetiger Beweis für den Spruch meines Herzens: die That ist des Mannes Wort. Doch das Leben, das wirkliche wie es jetzt ist, fordert es anders, und der Mann, will er frey seyn, muß dem Schicksale dienen, willig gehorchen. Mögen Sie, verehrter Freund, sich hierdurch geneigt finden lassen, wegen meines so langen, sonst wirklich kaum verzeihlichen Schweigens mir gütigst zu verzeihen.
Außer diesem, freylich für mich persönlich, wesentlichstem Grunde der Mittheilung dieser Blätter, erlaubte ich mir eben schon, noch einen zweyten anzudeuten, möge sich dabey Ihr Gesicht nicht verfinstert haben.
Von Ihnen theuerster Freund, die [sc.: der] der Sie überwiegend reicher an Einsicht und Erfahrung durch Selbstdenken und Prüfung des von Andern Gesagten und durch Selbstwirken jeder Art über den von uns behandelten /
[2]
Gegenstand sind als wir und ich, von Ihnen wünschte ich zuerst eine Prüfung des von mir mit Beystimmung meiner Freunde über unsern Zweck, dessen Grundsätze und dessen Darstellung im Leben, Ausgesprochenen.
Sollten wir Wohl fühle ich und muß mir, wenn ich nur etwas aufrichtig gegen mich selbst seyn will, gestehen, daß Sie in demselben sehr die besonders Ihnen so eigene einfache und lichtvolle Darstellung vermissen werden; auch ich vermisse sie selbst sehr und ich würde mir solche deßhalb gern durch wiederholtes Studium der Schriftsteller, welche mit dieser Eigenschaft über diesen Gegenstand geschrieben haben, anzueigenen gesucht haben, wenn es mir der Drang der Umstände nicht unmöglich gemacht hätte. Besonders gern hätte ich das in Ihrer so lehrreichen und gehaltvollen Schrift über den Umgang mit Kindern in jener Hinsicht empfohlene Werk meines sehr lieben Freundes und frühern Genossen im praktisch pädagogischen Studium, Denzel, gelesen und erwogen, doch dieses war mir noch weniger möglich. Vor allem muß ich jene Unzufriedenheit mit mir und dem Styl in Hinsicht der ersten Bogen fürchten. Wenn jedoch die Sprache und Darstellung derselben Ihnen zu hart seyn sollte, so bitte ich Sie dieselbe lieber ganz zu überschlagen, und mit der Darstellung unseres Wirkens zu beginnen. Auch ich hätte wohl die Bearbeitung jener Bogen noch einmal unternommen, wenn mir die Zeit dazu vergönnt gewesen wäre, und solche ganz wegzulassen schien mir eben so wenig erlaubt, als ich es für nöthig hielt anzudeuten, wie wir uns die Grundsätze der Menschenerziehung, die Sätze auf welche wir unser Wirken gründen, aussprechen.
Möchten Sie Sich dagegen mehr durch die That, durch unser Thun, unser Leben selbst befriedigt, fühlen wenigstens in demselben nicht durch so harte Eigenthümlichkeiten zurück geschreckt fühlen. Und bey dem Erzieher, dem praktischen Erzieher ist ja die That alles. Doch auch hierin /
[2R]
unterwerfe ich mich gern der Weisung Erfahrener; denn ich weiß aus eigener schmerzlicher Erfahrung, welch ein schwieriges Studium der Mensch und dessen Erziehung, und um wie viel noch schwieriger die Anwendung der aus jenem Studium hervorgegangenen Wahrheiten ist, wenn man sich ernstlich bemüht mit klarer Besonnenheit und Umsicht, mit sicherer Vorausbestimmung seines Wirkens und bewußtem Thun Erzieher zu seyn, wenn man sich bestrebt dasjenige durch die Kunst und Wissenschaft eben so rein und vollkommen zu seyn, was der reine einfache Mensch schon durch sich und seinen Natursinn sich fast selbst unbewußt ist.
Wegen alles dieses hätte ich herzlich gern das öffentliche Auftreten noch bis dahin verschoben, wo wir und ich vollkommen in jeder Hinsicht hätten auftreten können, wenn ich und wir nicht den Umständen gehorchen und ihnen dienen müßten. Freuen wird es uns daher wenn Sie in unserer Rechenschaft und Darstellung wenigstens finden, daß wir die wahre Richtung, das ächte Ziel der Menschen-Erziehung nicht verfehlt haben, nicht verfehlen.
Sollten Sie dieses, was wir hoffen, finden, so habe ich in meinem und unser aller Namen noch eine besondere Bitte an Sie. Wären Sie wohl so gütig, diese Bogen zum Druck zu befördern?-
Wir haben viele Gründe zu wünschen, daß diese Bogen wenn es möglich wäre noch bis zur Ostermesse gedruckt würden, besonders weg Behufs der in dem nächsten Monat erscheinen sollenden Rechenschaft des Vereines für die Erziehung der beyden Luther, und der einzige Buchhändler in Rudolstadt ist dieß nicht mehr ins Werk zu setzen im Stande. Da glaubten wir denn, daß dieß vielleicht in Berlin noch ins Werk zu setzen seyn möchte. Mit andern Buchhändlern in der Nähe z.B. in Erfurth möchten wir uns nicht /
[3]
in Verbindung setzen, da wir leider alle von dieser Art Geschäfte gar nichts verstehen, und wir uns fürchteten, unsere erste Lehre vielleicht zu theuer erkaufen zu müssen. Deßhalb hofften und wünschten wir, daß Sie, verehrter Herr und Freund, vielleicht so gütig wären, uns auch hier mit Ihrer reichen Erfahrung zu unterstützen. Sollten es jedoch Ihre Geschäfte Ihnen nicht verstatten, unsere herzliche Bitte zu erfüllen, dürften wir Sie dann doch wohl noch ersuchen, durch unsern Freund und Vetter den Dr Eiselen, den ich in diesem Falle auf das freundschaftlichste von uns zu grüßen bitte, gefälligst das Geschäft einzuleiten, die Ausführung desselben jedoch demselben ganz zu übertragen?- Ich will es Ihnen nur ganz aufrichtig gestehen, daß ich wegen dieser Bitten an Sie, mein theuerster Freund, sehr ängstlich bin, wenn ich dabey an die große Beschränktheit und Kostbarkeit Ihrer Zeit denke, und daß ich sie daher gern vermieden hätte, wenn sich mir ein anderer Ausweg dazu dargeboten. Doch lassen Sie sich dem ohngeachtet dadurch nicht abhalten, mir eine abschlägliche Antwort zu schreiben, wenn Ihre Lage es nöthig macht; seyen Sie dann nur so gütig, mir einige leitende Winke zu schreiben geben. Auch dieß schon scheint es mir nöthig zu machen, Ihnen wenigstens unsere Gedanken über den Druck der Schrift auszusprechen.
Erstlich: wäre es uns bey weitem am liebsten, wenn ein Buchhändler das Ganze auf seine Kosten übernehmen möchte.
Zweitens: Da es bey solchen Schriften besonders darauf ankommt, daß auch das Äußere etwas zum Lesen derselben einlade, so glaubte und nicht ein zu enger, kleiner, schwierig zu lesender Druck davon zurückschrecke, so glaubten wir, daß groß Oktav wohl das beste Format dafür seyn möchte, auf jeder Seite vielleicht 30 Zeilen. Das Papier ein etwas festes weißes Schreibepapier. Gut wäre es /
[3R]
wohl, wenn das Ganze schön geheftet in einem farbigen Umschlage ausgegeben würde.
Drittens Die Größe der Auflage glaubten wir nicht geringer als 400 Exemplare machen zu dürfen, und dieß um so mehr, als die Rücksicht auf den Verein für das lebendige Denkmal Luthers dieß wohl nöthig machen möchte.
Viertens In Hinsicht des Honorares wußten und wissen wir gar nichts zu bestimmen; wußten weder eine Bestimmung zu nehmen, bey welcher wir unsern Vortheil nicht ganz aus der Hand ließen, noch eine mit welcher uns der Buchhändler auslache; doch glaubten wir, daß das 10 [sc.: zehnte] Exemplar der Auflage inclusive 6 Exemplare auf Velinpapier wohl eine Forderung sey, welche das Mittel hielt. Oder könnte wohl auch bey einer solchen Schrift ein pecuniärer Vortheil zu berücksichtigen seyn?-
Doch in allen diesen Bestimmungen, von der ersten bis zur letzten überlassen wir es alles ganz ausschließend Ihrer Erfahrung, uns ist das wichtigste, daß die Schrift wenn es möglich wäre noch zur Ostermesse nach Leipzig komme, oder doch wenigstens schon sein Titel unter den erschienenen Büchern genannt würde, wenn ja auch die Ablieferung des Werkchens erst nach der Ostermesse geschähe. Namentlich überlassen wir Ihnen ganz die Bestimmung der Größe der Auflage, indem Ihnen gewiß ein klarerer Maaßstab für das Publikum einer solchen Schrift vorschwebt, als uns.
In Hinsicht des Buchhändlers kam mir der Gedanke bey, ob es vielleicht Ferdinand Dümmler unter den Linden nächst der Stadt Rom das Ganze übernehmen würde. Dümmler und ich wir kennen uns persönlich, auch ist er mir sonst als ein reeller und zugleich persönliches Interesse nehmender Mann bekannt, so daß /
[4]
ich persönlich zu ihm unter den mir bekannten Buchhändlern das meiste Vertrauen habe. Doch auch diese Andeutung ist wie alle vorige ohne Einschränkung ganz Ihrer eigenen Bestimmung unterworfen.
Das Honorar in FreyExemplaren zu bestimmen (wenn sich anderes wegen der Auflagekosten noch ein Honorar fordern läßt, was ich wie ich schon sagte, gar nicht verstehe) - glaubten wir, würde den Buchhändler am liebsten und für uns, da wir doch mehrere Exemplare für die persönlichen Freunde unseres Wirkens jetzt und in Zukunft bedürfen, das zwckmäßigste zu seyn.
Meine theure Wilhelmine und ich fühlen lebhaft, daß wir durch diese Bitte Ihre Güte wohl zu sehr in Anspruch nehmen; allein auf der andern Seite faßten wir auch wieder Muth und hofften, daß Ihre aufrichtige Theilnahme an unserm Wirken Sie wohl bestimmen könnte, auch noch ferner die jetzt noch schwache Pflanze unseres Unternehmens freundlich mit zu pflegen.
Ihre verehrungswürdige Gattin bitte ich auf das Freundlichste von mir zu grüßen. Ganz besonders aber empfehle ich mich der Fortdauer Ihres freundschaftlichen Wohlwollens.
Stets mit der ausgezeichnetsten Hochachtung bin ich
Ihr
ergebenster Diener
und verpflichteter Freund
FWA Fröbel
Keilhau
den 2. April
1819.