Briefausgabe Friedrich FröbelBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung / Fröbel-Forschungsstelle der Universität Duisburg-Essen

F. an Friedrich Günther, Fürst von Schwarzburg-Rudolstadt in Rudolstadt v. <?>4.1819 (Keilhau)


F. an Friedrich Günther, Fürst von Schwarzburg-Rudolstadt in Rudolstadt v. <?>4.1819 (Keilhau)
(BN 648, Bl 1-3, ungenau dat. Entwurf 1 ½ B fol 6 S.; BN 279, Bl 159-160, hier 159R+160V undat. Entwurfsfragment, 1 Bl fol 1 S. als Variante zum Entwurf BN 648, Bl 1-3. Der Text 159R entspricht einem Abschntt in BN 648, 2V und stellt dessen korrigierte Fassung dar. Ob Text 160V zu diesem Briefentwurf gehört, erscheint wegen der Ich-dominanz fraglich, inhaltlich aber möglich.)

a) Entwurf

Durchlauchtigster Fürst,
Gnädigster Fürst und Herr,

der Wunsch, Ew. Hochfürstl. Durchlaucht die Darstellung
und Rechenschaft unseres Wirkens ehrfurchtsvoll über-
reichen zu dürfen, hat in der Forderung, welche uns
das Wesen unseres Wirkens als Pflicht auf[er]legt, näm-
lich in der Forderung, allseitig und klar die Ver-
hältnisse und Bedingungen dieses Wirkens, so wie
wie wir solche fühlen und erkennen, offen auszu-
sprechen, seinen Grund. In welcher dieser Beziehung bleibt
uns nach Abschluß unserer Rechenschaft nichts
mehr übrig bleibt, als auch unser über < ? >
[die folgenden 6 Zeilen unlesbar gestrichen]
von den Grundsätzen
und Gesinnungen
offen Rechenschaft zu
geben, welche uns be-
stimmten in dem Lande
in welchem uns jetzt
zu wirken gnädigst er-
laubt ist, unser Wir-
ken (auch) zu begründen
und wir glauben die
Wahrheit dieser Grund-
sätze u. Gesinnungen
nicht sicherer zu ver-
bürgen, als wenn
es uns vergönnt
wäre solche Ew:
Hochfürstlichen Durch-
laucht unmittelbar
auszusprechen.
Ein Wirken, welches wie das für Erziehung, [-]
muß in Übereinstimmung eins seyn mit
sich, seinen Eltern, seiner Familie, seinem Stamme, seinem Lande, seinem Volke,
dem Menschengeschlechte, der Natur, der Menschheit, mit Jesus dem reinen Darsteller der Menschheit, mit der Wahrheit [-] [ein Wirken, welches] in
seinem Zweck naturgemäß, in seinen Folgen
bleibend seyn soll, dessen innerste Triebfeder Liebe
und Freudigkeit seyn muß, soll u. kann der Mann
nirgend lieber anknüpfen, lieber begründen,
als an und durch Verhältnisse, die ihm die
Natur bestimmt, als an u. durch Verhältnisse,
welche als dauernd sich auch dann bewährt haben, /
[1R]
wo Alles um sie her wechselte; so kann der Mann,
dem ein solches Wirken Zweck seines Lebens ist,
dasselbe nirgend lieber anknüpfen, lieber begründen
als an und in seinem Geburtsland Vaterlande, an
und in dem Lande, welches er mit seinem Geschlecht,
seinem Stamm, so wie mit seinem erlauchten Für-
stenhause zu einer untheilbaren Einheit auf das
innigste verwachsen hält und erkennt. Wo und
an welchem Punkte konnte ein Mann, der jenes
Wirken als seinen Beruf erkannt hat, dasselbe
lieber und sicherer anknüpfen, als an die Liebe
zu seinem Geburts Stamm- und Vaterlande; und daß
nur diese geprüfte Liebe es sey, welche den unterzeichneten
Vorsteher als Landeskind Ew. Hochfürstl. Durchl. be-
stimmte zum Wirken in sein Vaterland zurück-
zukehren, sein Wirken in diesem seinem Vaterlande
zu begründen, und von da aus, wenn es dem Be-
dürfnisse der Zeit entsprechend sich bewähren, wei-
ter auszubreiten; daß er sich mit seinem Vaterland gleichsam
als ein e <Pflanze> sich selbst Ganzes erkennen und sich in
dieser Beziehung einer Pflanze gleich erkenne, die nur dann
wahrhaft gedeiht, wenn sie in dem ihr ihrer
Natur nach zukommenden Boden steht u wächst
- dieses sein, des Vorstehers, innigstes per-
sönliches Verhältniß zu seinem Stamm und Va-
terlande, zu dem Stamm und Vaterlande, wo
Fürst und Volk und Land durch eine seit wohl fast
<als> einem Jahrtausend sich bewährte Liebe u. Treue /
[2]
innigst verbunden sind, Ew. Hochfürstl. Durchl. hier
und jetzt auszusprechen, war [sc: was] als Landeskind
seinem Herzen Bedürfniß so wie und ihm hier unerläßliche
Forderung [diese und folgende vollständig gestrichenen 2 Zeilen nicht lesbar]
Das Wesen und die Grundsätze der Erziehung,
die Existenz und Erreichung einer guten Erziehung
hängen innigst mit dem Wesen und den Grund-
sätzen des Staates, mit der Erreichung des
höchsten Staatszweckes zusammen so daß es
uns noch als Pflicht erschien Ew. Hochfürstl. Durchlaucht
als Souverainen Fürsten des Landes, in welchem
erziehend zu wirken durch höchst Ihren Willen
gnädigst uns erlaubt ist, hier unsere Grundsätze
über das Verhältniß, in welchem wir den Erzieher
sich zum Staate erkennen muß, auszusprechen.
So wie wir uns untereinander und gegen-
seitig gern für des Lebens höchsten Zweck die-
nen, so dienen wir auch gern, dienen freudig
und froh und gehorchen gern dem Staate, der
uns erlaubt, in Ihn [sc.: Ihm] uns diesem höchsten Zweck
des Lebens widmen zu dürfen; und welcher
uns dadurch den unzweydeutigen Beweis giebt,
daß auch Er jenen Zweck für den Seinen
erkenne, und wir also eben dadurch, daß
wir jenem unserm höchsten Zweck dienen und unser /
[2R]
Leben widmen, auch diesem Staate uns widmen
und Ihm dienen. Es w
Es war uns Pflicht gegen Ew. Hochfürstl. Durchl.
dieß
dieß Ew. Hochfürstl. Durchl. auszusprechen,
es erschien uns als eine Pflicht gegen Ew. Hochfürstl.
Durchl. als Souverain; Pflicht gegen uns, weil in der
Erkennung und Anerkennung seiner Pflichten
des Menschen Friede, Heil, Freude keimt,
und zu unserm Wirken uns mit Friede u.
Freude zu erfüllen uns höchste Pflicht ist.
Durch den Verein für ein lebendiges
Denkmal Luthers wurden unserm erziehen-
den Wirken zwey Luther aus dem Möhraschen
Stamme zur Erziehung anvertraut.
Auch diesem Verein
die schuldige vielseitig
geforderte Rechenschaft
von unserm Wirken u.
dessen Grundsätzen ehrer-
bietigst vorzulegen
erschien uns als uner-
läßliche Pflicht.
Ew.
Hochfürstl. Durchl. und Höchst dero Hohes Fürsten-
haus waren so gnädig, jenen Verein dem Verein für ein l. Denk. Luthers als er
in Ew. Hochfürstl. Durchl. Höchst Ihrem Lande noch erst zur
zarten Pflanze keimte huldvollst zu schützen
sein Wachsthum und durch Fürstl. Gaben zu pflegen fördern
und sein Bestehen durch eine bestimmte [-]
wegen der uns zur von
Erziehung diesem Ehren-
werten Vereine uns zur
Erziehung anvertrauten zwey
Luther aus dem Möhraschen
Stamm ruhende [-] jährliche
Summe zu befestigen und zu sichern. Wir glauben
uns daher auch die Pflicht auch gegen diesem <hochgeehrten> Vereine <Ihm> die schuldige
vielseitig geforderte Rechenschaft von unserm
Wirken u dessen Grundsätzen ehrerbietigst vor[-]
zulegen nicht entsprechender genügender zu erfüllen
auf uns zukommen
als wenn wir Ew: Hochfürstlichen Durchlaucht
als Höchsten Beschützer und Pfleger desselben aussprechen
und den Berweis vorlegen, daß im ächten Sinne
Luthers: pp /
[3]
und sein Bestehen durch [eine]
bestimmte Summe jährliche Sum[me]
zu befestigen u zu sichern.
In Höchst dero Person als
Beschützer, Begründer und Pfleger
des Vereins, daß auch diesem Vereine
die schuldige, und vielseitig u. bestimmt
geforderte Rechenschaft von unserm
Wirken und dessen Grundsätzen, ehrer-
bietigst vorzulegen erschien uns
als unerläßliche Pflicht; es war
uns Pflicht Höchst Ihnen als Beschützer
und Begründer Pfleger dieses Vereins
auszusprechen und den Beweis
vorzulegen, daß im ächten Sinne
Luthers: welcher Wissenschaft u
Kunst so eben so wie Religion treu in [sc.: im] Busen
im Gemüthe nährte, welcher Gott u. auch Natur
ehrte, dem welchem Leben u Lehre gleich hoch
stand - zu erziehen uns Pflicht
ist; dieß es uns ganz besonders
Pflicht ist die Sprößlinge seines
Stamme[s], deren Erziehung uns über[-]
tragen ist rein in diesem seinem
Sinn zu erziehen. Es war
uns durch diese Betrachtung geleitet Pflicht Ew. Hochfürstl.
Durchlaucht so weit als dieß dem Erzieher
nur immer möglich ist[,] auszusprechen, daß
beyde unserer *[gestr.:] Wirken* Pflege
/
[3R]
Erziehung u. Unterricht anver-
trauten Luther, *[gestr.:]* so wie gewiß
ihrem großen Ahnherrn in
Wort *[gestr.:] u* oder That *[gestr.:] u*, Lehre oder Leben gewiß einst ganz
würdig bezeigen und so ihre
Abkunft bezeugen werden
und daß besonders der älteste [sc: ältere]
- der jüngere äußert sich nur erst
noch allgemeiner seine *[gestr.:] Kraf[t]* an
Geist u. Körper, Herz u. Verstand
gesunde kräftige Natur - dessen
fester Vorsatz ist, sich noch und
ausschließend der Religions[-]
lehre zu widmen sich, seinem
Ahnher[rn] als einem hell leuchtendes
erhebendes u stärkendes Muster
nachzueifern sich treu be-
<mühen> eifern wird.
Mögen Ew. Hochfürstl. Durchlaucht aus Vorstehendem in Verbindung mit
der Schrift welche wir HöchstIhnen ehrfurchtsvoll hier zu überreichen die Gnade haben
die Grundsätze und Gesinnungen unseres Wirkens klar und
unzweydeutig hervorgehen entgegentreten; die Grundsätze und Gesinnungen mit welchen
wir sind und zu ersterben [sc.: streben ?] hoffen werden
Ew. Hochfürstliche Durchlaucht
        treue Landeskinder
        und gehorsame Unterthanen.

Der Verein für Erziehung.
Friedrich Wilhelm August Fröbel
        Vorsteher desselben.
Keilhau
d.    April
1819.

[Am linken Rand, oben:]
Dem Durchlauchtigsten Fürsten
und Herrn Herrn Fr. G.
Friedrich Günther
Fürsten zu Schwarzburg-
Rudolstadt pp
Unserem gnädigsten Fürsten
u. Landesherrn.

b) Entwurfsfragment

[159V]
Das Wesen u die Grundsätze der Erziehung die Existenz u Erreichung einer guten Erziehung
hängt zu hängen innigst mit dem
Wesen u den Grundsätzen
des Staates mit der Existenz u der Erreichung des höchsten StaatsZweckes
des Staates zusammen daß es uns Pflicht unerläßliche Pflicht schien Ew. Hoch-
fürstl[iche] Durchl[aucht] als Souverainen Fürsten
des Landes in welchem uns erziehend zu wirken d[urc]h Ew Hoch-
fürstl Durchl Willen gnädigst uns erlaubt ist, unsere Grundsätze über
das Verhältniß in welchem der Erzieher sich zum Staate
erkennen muß auszusprechen, Ew: Hochfürstl Durchl
auszusprechen ob, wie und welche[n] Kreise[n] wir uns jene
Grundsätze auszusprechen [erlaubt ist]; in jenem Pflichtgefühle, in
dem Gefühl des innigsten Zusammenhangs der Erziehung mit
dem Staate, und nur in diesem Gefühl und in Nichts andern
hat es seinen Grund daß wir Ew um die wegen der Erlaubniß
anfragten Ew: Hochfürstl Durchl diesen Rechenschaftlichen [sc.: Rechenschaftsbericht]
u darstellenden Darstellung unseres Wirkens überhaupt überreichen zu dürfen[.]
[160V]
Ich leugne es nicht u ich spreche es gern aus, es ist mir
Bedürfniß auszusprechen, daß ich <-> an das Land mit meinem Geschlecht
meinem Geschlecht, meinem Stamm u das Land daß [ich mich] mit meinem Vaterland, u
mein Vaterland auf das innigste u unzertrennlichste mit
unsern Erlauchten Fürstenhause in einer untheilbaren
Einheit verwachsen fühle und erkenne und daß ich im Bewußtseyn
dieser Einheit an die sich durch Jahrhunderte bewahrte Liebe u
Treue zwischen Volk u Fürste
Freude, Muth, Selbstachtung, Ehre, Rechte finde [.]
Ich achte u ehre mein Vaterland als ein ächt deutsches
Land über alles.