Briefausgabe Friedrich FröbelBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung / Fröbel-Forschungsstelle der Universität Duisburg-Essen

F. an <Philipp Marheinecke> in <?> v. 14.11.1819 (Keilhau)


F. an <Philipp Marheinecke> in <?> v. 14.11.1819 (Keilhau)
(BN 707a, Bl 10-11, dat. Entwurf ohne Adressatangabe 1 B fol 4 S. Bei „Freund M“ könnte es sich um Philipp Marheinecke handeln, Repetitor in Göttingen, mit dem F. während seiner Studienzeit in Göttingen befreundet war.)

Mein theuerster, brüderlicher Freund M
So nennt dich noch unverändert mein Herz und mit der festesten Überzeugung daß Du es
auch mir noch seyst rede ich Dich frey so an ob gleich Jahre verflossen sind seit wir
nicht von einander gehört seit wir uns nicht gegenseitig freundschaftlich <beg[eg]net>
sind. Ich hoffe nicht daß Du <habe> kann mir nicht denken, daß Du in mein langes Schweigen
gegen Dich einen Beweis Dir ein Grund geworden ist sey zu glauben Dir meine Freundschaft gegen Dich
meine Liebe zu Dir sey in diesen Jahren erkaltet meine mich Verknüpft[-]fühlen mit Dir
habe <sich ? > während dieser Zeit geschwankt; denn ich habe mich während alle diesen Jahren [un]unterbrochen
in eine freundschaftlicher u. brüderlicher Geeintheit mit Dir gefühlt und mein Schweigen
gegen Dich hatte <längst> keinesweges in einem solchen Vergessen sondern vielmehr in einem
ununterbrochenen wiederkehrenden Andenken an Dich seinen Grund. Immer wünschte
u wollte ich Dir daher schreiben um auch wieder gute Nachricht und ein freundliches Wort von Dir zu
hören <und schon anfingen begonnen Briefe an Dich in ? Göttingen> allein ich wünschte und wollte auch Dir zugleich schreiben, daß auch ich gleich Dir ein
eigen selbstständig häusliches Leben führe einen bestimmten Beruf ein bestimmtes bürgerliches Wirken meinen Beruf gefunden habe errungen habe und allein dieses Ziel entfernte auch <Göttingen M> schon
sich lä[n]ger als ich anfangs bestimmt glaubte
und da ich es errungen hatte
so dauerte es noch lä[n]gere Zeit als ich <erwartete> ehe es sich zur Klarheit und Festigkeit entwickelte.
Jetzt da ich
Jetzt da ich einen Beruf mit Sicherheit gef da ich mit Klarheit die Mittel
und den Weg ihn zu erfüllen gefunden haben und sie errungen habe, jetzt
will ich nun auch gar nicht länger mehr Dir zu schreiben warten, wenn sich
auch jetzt noch nicht alles gekeimt ist, das Gekeimte noch nicht so wie ich w es eynst in der
Zeit herbey führen möglich ist entwickelt hat.
Was sagst du dazu[:] ich bin Bauer und Landmann; wenigstens besitze
ich hier in meinem Vaterland <weißt du wo Rud. liegt> hier etwas länger länger als 1½ Jahr ein kleines Bauern Guth als
Eigenthum und bebaue mein Land; ich lebe so von äußern Verhältnissen so
unabhängig u frey als der Mensch in der bürgerlichen Gesellschaft nur
leben kann. Diese Unabhängigkeit und Freyheit benutze ich dazu denn [sc.: dem]
tiefen starken Zuge meines Herzens u. Gemüthes den ich als Berufe
erkenne
der mich immer trieb zu folgen und für Erziehung für Knaben[-] u. Jünglings Pflege
durch Lehre u. Unterricht zu wirken, und in diesem Wirken als
Erzieher Jugendpfleger als Erzieher u. Lehrer erf finde und er-
kenne ich meinen Beruf. (Die Kinder[-] u. JugendWelt zog mich von
jeher mit unwiederstehlicher [sc.: unwiderstehlicher] Gewalt an und ich erkannte sie <schon lange> als Mein Wirken
an als die Welt meines Lebens u. Wirkens
. Mein Aufenthalt in Göttingen
wo wir uns gegenseitig uns zum letzten mal mittheilten weißt du bezog
sich darauf. Mir ein solches Wirken) Seit ich im Herbst 1816 Berlin /
[10R]
verlassen habe, habe wo ich seit Sommer 1814 (nachdem ich als
Berliner Studierender dem unter den Lützower den Krieg
1813/14 mitgemacht hatte) als Mitaufseher bey dem Mineralogischen
Museum (Sammlungen) der Universität angestellt war, ver-
lassen habe habe ich nach und nach durch den Zug der gegenseitigen Liebe
der Freundschaft u. des Vertrauens ein[en] kleinen Kreis
um mich versammelt dessen Zweck der meine war uns gegenseitig zu erziehen u.
erzogen zu werden und so hat sich jetzt um mich ein wenn auch jetzt nur ein <auch> kleiner
doch ein fester Verein für Erziehung Knaben u. Jünglings Kinder[-] u.
Jugendpflege durch Erziehung u. Unterricht zunächst für Knaben u. Jünglinge
gebildet, durch welche ich meine Beru welchen Kreis u. welchen
Verein wir gern dann wenn es die Liebe das Zutrauen als Bedürfniß
fordert erweitern werden.
Seit einem Jahre habe ich mir ein inniges liebes Treues sanftes
Weib das einzige Kind des Kriegsr als Gattin hei[m]geholt; sie ist
das einzige Kind des Kriegsrath Hoffmeister in Berlin; ihre in[ni]ge Liebe
zu mir ihre Achtung meines Wirkens gab ihr endlich bey Ihrer [sc: ihrer] nicht <wegen [sc: wenigen] eigen[en]> Liebe zu ihren
Eltern den Ausschlag mir in mein Vaterland zu folgen und mit mir die
Beschwerden u. Entsagungen welche ein neu zu begründendes Wirken fordert
zu theilen. So besteht also jetzt mein Kreis aus folgenden Personen[:] Erstl.
aus 2 Freunden welche mir Gehülfen sind; Sie [sc: sie] waren mit mir Studierende in Berlin vor
dem Kriege; auch sie wir machten <beide> gemeinschaftl und immer geeint während des ganzen den ganzen Krieges als Freywillige Lützower
mit; nach dem Kriege lebten wir wieder gemeinschaftl. und als Freunde in Berlin
obgleich der eine ein Erfurther, der andere ein Rheinländer Westphale
war. Nach meinem Abgang aus Berlin folgten sie mir bald von [sc: vom]
gleichen Zuge für Erziehung getrieben und unser Leben ist für diesen Zweck
jetzt innig geeint. Meiner Gattin folgte als Gehilfin Ferner aus
2 Gehülfinnen meiner Gattin, die eine hatte sie schon früher zu sich genommen
und sie folgte ihr gern [da] sie durch Vertrauen u. Liebe sich an mein Weib geknüpft fühlte.
Die zweite ist die älteste Tochter eines meines Bruders in Osterode, und auch hier waren
es Bande des Herzens welche sie [mit] mein[em] Kreis vereinte. Die übrigen
Glieder meines Kreises sind 10 Zöglinge, zwey sind meines <gedachten> Bruders in O[sterode]
Söhne; einer ist der Bruder u 2 die Verwandte eines meiner Gehülfen /
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drey sind die Söhne eines mir während des Krieges gestorbenen
Bruders u 2 sind 2 Luther aus dem Stamme Dr. Martin Luther[s]
welche ein Verein von deutschen [sc: Deutschen] als Denkmal Luthers erziehen läßt zum Dank der
aus u durch Luther gewordenen Gaben[.] Du wirst
hier im einzelnen bestätigt finden was ich Dir oben aussprach, daß
es das Vertrauen u die Liebe war welche uns <alle> vereinte und Du wirst
deßhalb mein erziehendes wirken keinesweges nur mit einer nur von Außen wohl
gar durch Eigennutz zusammenge<haltenen> Erziehungs Anstalt verwechseln,
ob es gleich mein Zweck u erstes Streben ist dieses unser erziehendes
Wirken zu einer allgemeinen und umfassenden Erziehungs Anstalt empor
zu bilden, wozu ich auch und schon für dieses Ziel steht auch jetzt schon jetzt steht mein Wirken unter der <Ratherkeit> meiner LandesRegierung[.]
Da nun Landbau allgemein entwickelt u bildet,
da daß Landleben fast für Alles u. jedes was die Lehre u der Unterricht
giebt wenn auch nur in Kleinem die Anschauung zeigt, die Übung giebt, da
da es auch Bedürfniß auf mir als ZeitBedürfniß erscheint daß unsere Jugend[-]
Erziehung gründliches u umfassendes Wissen mit klarem bewußten Können
vereine, daß unsere Erziehung Schule der Wissenschaft u Leben der Anwendung so ist es mir Plan u. Vorsatz die Bewirthschaftung
meines kleinen Guthes (welches mir ein hier sogenannte[s] ½ Anspann Guth
ist und füglich mit ein Paar Ochsen bearbeitet werden kann) als zur Ver[-]
anschaulichung und zur Übung Nachweißung der Anwendung deß vom im Unterricht gelehrten zu benutzen.
Hier hast du zugl[eich] in ein paar Zügen den Plan meines Wirkens Wir bilden
so eine einzige gro nur etwas größere Familie wo jedes Gliedes Zweck
ist ein guter Mensch und ein tüch in jeder Hinsicht tüchtiges und <nützl[iches]> Glied der menschl[ichen] Gesellschaft zu
werden. Hier hast du zugl[eich] in ein Paar Zügen den Plan u Zweck meines Wirkens[.]
Auch die Umgebung begünstigt mein Streben, ich lebe mit der Welt und der Umgebung
verknüpft und doch auch in stiller Abgesondertheit von derselben. Mein Dörfchen
hat kaum 20 Häuser und mit uns nur wenig über 100 Einwohner, liegt
in einem kleinen abgeschieden Seiten Thale des so lieblichen u fruchtbaren
Saa[l]thales eine Stunde von Rudolstadt an der und ob es gleich
an nur wenige Schritte ab von der Straße Landstraße von Rudolstadt nach Arnstadt u Gotha liegt
so liegt es doch still u abgeschieden u friedlich in sich wird umgeben von
kleinen Vorbergen des Thüringer Waldes und in der Nähe der genanntesten
und besuchtesten Punkte desselben, Schwarzburg, Paulinzelle, Blankenburg[.]
So verknüpft die Lage den Gen[u]ß die Reize einer fruchtbaren <Schalgegend> u
einer romantischen Gebirgs[-] u Waldgegend. /
[11R]
Verzeihe mir mein Geliebter Theurer Freund, daß ich Dir so viel über mich
u mein Leben ja das Um nach da sogar den Punkt meines Wirkens sagte, allein
ich denke Dein und Deiner Liebe u Freundschaft so ununterbrochen oft, und wünschte
daß auch Du Dich zu Zeiten gerne in meine Nähe und meinen Kreis denken mögest daß meine Weit[-]
läufigkeit in dem Wunsche Dir di[e]s mögl[ichst] zu nähern seinen Grund hat. Aber
nun laß mich erlaube mir auch daß ich noch etwas bey u mit Dir in Deinem Kreise
u Deinem Hause leben darf. So [weit] weg Du mir auch [bist] und so lange es auch her
ist, daß [Du] mir etwas von Deinem Leben u Wirken geschrieben hast, so steht mir dennoch
immer lebendig vor mir stehst du umgeben von einer <häuslichen> treuen Gattin von <braven>
Kindern und von den übrigen Gliedern deiner lieben Familie: eine freudevolle thätiges
Leben führst, mit besonderer Liebe [ge]denke ich dann desjenigen Deiner Kinder welches Deine
Liebe durch meinen seinen Namen meinem Herzen besonders nahe brachte. Ja ich fühle
mich oft mit solcher Gewalt zu Dir zu Deinen Lieben hingezogen, daß, wäre es
die Entfernung we[ni]ger Tage die uns trennte ich gewiß nichts im Stande
gewesen wäre, mich von einer Reise zu Dir abzuhalten, doch jetzt <knüpfen>
<ärgste / ernste> u hohe Pflichten mich an mein Haus
besonders dadurch, daß ich <den> Bau <eines Gebäudes> begonnen habe durch welchen es mir mögl[ich] werden soll <mein> Wirken zur <Ausbildung / Kindererziehung u ? >
daß ich nicht denken kann
wann wir uns persönlich sehen werden, ob [ich] es mir gleich sehr wünsche. Besonders
wirst du es bey meiner Liebe zu den Kinder[n] und bey meinem täglichen Umgange mit
ei[ni]gen lieben Knaben zwischen 8-9 Jahren natürlich finden daß ich sehr oft
meines Pathen [ge]denke. Gott gebe daß da ich sehr von deiner Liebe hoffe, daß ich bald auch
ein freundliches Wort von Dir und den Deinen höhren werde, so bitte ich Dich
mir dann recht ein deutliches Bild von deinem lieben Erstgeborenen zu geben[.]
Grüße ihn auf damit der herzlichste Junge trit[t] vor mir [sc: mich] u sage ihm daß ich ihn
sehr lieb habe, Gott gebe daß er gesund ist[.] Grüße nicht minder Deine treffliche von mir <innigst>
hochgeachtete Gattin herzlichst von mir und nicht minder die übrigen Glieder ihrer
Familie welche vielleicht bey Dir leben sollten [sc: könnten]. Auch Mein [mein] liebes Weib grüßt
Dich u die Deinen freundlichst u empf bittet um euer Wohlwollen.
Nun lebe auch Du mit alle den Deinen recht wohl, u schreibe laß recht
bald ein freundliches Wort von Dir hören
Dein
ewig treuer Fr[eun]d
FWA Fröbel
Keilhau den 14 Nov. 1819.