Briefausgabe Friedrich FröbelBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung / Fröbel-Forschungsstelle der Universität Duisburg-Essen

F. an Caroline v. Holzhausen in Frankfurt/M v. 16.11.1819 (Keilhau)


F. an Caroline v. Holzhausen in Frankfurt/M v. 16.11.1819 (Keilhau)
(2 Entwürfe BN 492, Bl 61-62, 2 Bl fol 4 S. mit inhaltlichen Übereinstimmungen. 1. undat. Entwurf 61 bis zweites Drittel von 61R, 1 ½ Seiten; 2. dat. Entwurf unteres Drittel 61R-62R, 2 ½ S. Beide Texte ed. H V, 197-198,195-197, wobei Hoffmann die Reihenfolge der beiden Entwürfe ändert.)

a) 1.Entwurf

Sehr verehrte Gnädige Frau
Verehrte Freundin
Ich fühle mich gedrungen [H: gedrängt], Ihnen von meinem Leben u Wirken Nachricht zu geben
fordern Sie deßhalb keine Erklärung noch [H: oder] Entschuldigung von mir, ich würde darauf
nichts erwidern können als was ich schon sagte. Ich bin gewohnt zu folgen
wenn mein Inneres S mir unzweydeutig gebiethet und hierin und in Nichts anderm
hat es sein[en] Grund daß ich nach länger als seit fast mehr jährigem Schweigen Ihnen wieder etwas
aus mein[em] Leben mittheile. – [Hs folgende Bemerkung: ”Diese ersten Sätze sind durchgestrichen” ist falsch]
Sie waren so gütig, an meinem Innern u Äußern Leben auch da schon da als es
noch in der seiner ersten Entwicklung war innigen wahren u aufrichtigen Antheil zu nehmen
obgleich die Beachtung einesr nicht gemeinen noch gewöhnlichen Entwicklung eines
Menschen- eines Manneslebens den Beobachter u Theilnehmer oft mit nicht ander als
Sorge u Kummer u Schmerz erfüllt und selbst stöhrend schmerzlich in das ruhige Leben des Beobachtenden
eingreift und eingreifen muß; - natürlich, menschlich nothwendig ja Pflicht als Pflicht Wirkung der Pflicht werden Sie es finden werden Sie erkennen
daß ich mich gedrungen fühle Ihnen jetzt, da sich mein Leben u mein Beruf
mit Klarheit Sicherheit u zur Ruhe da sich die Mittel u der Weg ihn zu erfüllen
mit Sicherheit entwickelt haben dasselbe offen mitzutheilen.
Seit länger als einem Jahr bin ich Gatte ist ein sanftes ein liebendes Weib meine
Gattin, seit länger als 1 ½ Jahren hat mein auch äußeres Leben den eigen[en] Grund u Boden erhalten
den ich ihm immer für dasselbe wenn es kräftig u rein frucht bringend u mein Wirken empor wachsen sollte als un[-]
umgänglich nothwendig hielt erhalten damit es auch äußerlich zeige daß es innerlich in
sich selbst ruhe u aus demselben hervorkeime
, das äußere Leben sich in voller
Übereinstimmung mit dem Innern zeigen könne und das innere Leben im Äußern
immer vollkommner entwickeln u darstellen könne[.]
Meine liebe Gattin, die einzige Tochter u einziges Kind höchst achtbarer Eltern eines gewissen Kriegs Rath
H. [Hoffmeister] in B. [Berlin] folgte mir aus inniger Liebe und aus auf wahrer Achtung meines Lebens u Wirkens
in mein Vaterland so stark auch die Kindlichen u elterl Bande waren die sie dort hielten
knüpften, in mein Vaterland. Die elterliche Theil Liebe die nur das Glück der Tochter
wünschte freut sich daß sie die Hoffnung ihres Herzens erfüllt sieht u sich durch
mich u mit mir glücklich fühlt, und theilt nimmt auch entfernt freudig und thätig unser Leben Antheil
an unserm Leben u Wirken[.]
Lange und immer wußte u fühlte ich, daß der Beruf als Erzieher und für Erziehung zu wirken
[für] Pflege u Fortbildung des Menschengeschlechtes zu wirken der höchste sey und daß es treuen ernsten
Strebens u rastloser Thätigkeit bedürfe erfordere[.]
Was ich immer fühlte und was mir in der letzten Zeit da ich als ich mit Festigkeit selbst
ausschließend und mit Festigkeit dem erkannten Berufe als Erzieher zu wirken lebte wollte – lebhaft und
unzweydeutig vor Augen trat, daß es mir und
keinem Manne möglich werde diesen Beruf ohne die Liebe und Treue einer Gattin von Gott
ihm geschenkten Gehülfin zu erfüllen, dieß hat sich mir klar bestätigt. /
[61R]
Seit meine Gattin ihr Leben mit dem meinen, für gleichen Zweck geeint
hat, seit sie helfend u fördernd mir Hand u Herz reichte seit dem hat sich
mir des Lebens Zweck, des Menschen Bestimmung mein Beruf in solcher
Klarheit die Mittel ihn zu erreichen in solcher Sicherheit gezeigt, daß
ruhig und klar das g[an]ze künftige Leben ohne Furcht und An[gst] vor mir
liegt inniger u fester hat sich unser Verein für Erziehung geschlossen und immer
mehr und mehr tritt unser äußeres Leben mit unserm Innern u dessen
Zweck in Übereinstimmung und scheidet fremdartiges u stöhrendes aus.
Was noch trübend in unser Leben einwirkt sind die Folgen u Wirkungen
früherer Unklarheit doch auch immer mehr u mehr verliehren sie ihre
Kraft, und so zeigt sich uns wenigstens die Möglichkeit noch unser
des Lebens höchstes schönstes ei[nzi]ges Ziel – Einigung zu erreichen
wir glauben sie, sie ist unseres Strebens einziger Zweck.
Ehe ich Ihnen unser inneres Leben näher bezeuge erlauben Sie mir Sie wenigstens
äußerlich mit den Personen meines Kreises bekannt zu machen[.]
Die Namen Meiner beyden Freunde u Gehülfen kennen Sie, ihr Leben u Streben eint sich
immer inniger mit dem meinen denn auch ihnen wird des
Lebens Zweck immer klarer u die Sicherheit der gewählten Mittel der betreten[en] Wege ihn zu erreichen immer deutlicher[.]
Auch die beyden Gehülfinnen meiner Frau lieben Frau wovon sie die eine schon
in Berlin zu sich genommen bey ihr gelebt hatte und die hier ihr durch Liebe u Vertrauen
an sie geknüpft hierher folgte – eine Waise – und die andere die
älteste Tochter meines Ihnen bekannten von mir innigst geliebten Bruders in Osterode[.]
Auch diese beyde greifen in unser Lebenu u wirken es nach Kräften
u Einsicht fördernd innig theilnehmend ein; den größten Theil meiner
Pfleglinge kennen Sie schon. Nun Drey sind [bricht ab] Des Lebens Zweck sicher zu erreichen ist mit größerer oder geringer Klarheit bey auch beyder Streben.

b) 2. Entwurf

[61R]
Anno 16en Nov. 1819.
*
Es ist höchst selten und in der Zeit in welcher wir jetzt leben wohl kaum
zu finden, daß der Mensch, daß ein Mensch an der Entwicklung irgend eines
Menschen, irgend eines seiner Nebenmenschen blos um der Entwicklung willen wahrhaften innigen u treuen
beharrlichen Antheil nimmt; der Grund davon leuchtet leicht ein, weil diese Theilnahme
theilt und da durch mit Schmerz Kummer und allem was damit Zusammenhängt
erfüllt und dennoch ist auf und in diesem Erdenleben außer dem entgegengesetzten dem absoluten Seyn in sich Nichts lohnender
nichts erhebender, nichts was bey ernstem Streben sicherer zur
Vollendung führt als diese /
[62]
Theilnahme und daher scheinen auch jene lohnenden Früchte der
Theilnahme an der Menschheitsentwicklung in einem MenschenIn[-]
dividuum – gemeinschaftlich und gesammt vor[zu]schreiten zur
Vollendung jetzt so selten zu seyn, hat es seinen Grund daß wir in der
GesammtEntwicklung der Menschheit auch so weit zurück sind[.]
Sie wahren so gütig, an der Entwicklung meines Innern
so wie es sich äußerlich gestaltete innigen, aufrichtigen und treuen
Antheil zu nehmen, sie [sc.: Sie] ließen sich durch den Schmerz und alles
das Lastende u Drückende was eine solche Theilnahme unabwendbar in der jetzigen zeit mit sich
führt nicht abschrecken an meiner Entwicklung
Antheil zu nehmen ja solche zu befördern[.] Ja Sie handelten mit einer
solchen Treue u Festigkeit ge Aufopferung geg[en] mich als man nur die
heilge Sage nur den Engeln zu schreibent als <gezeichnete> Werkzeuge höherer Liebe Gott[es] Güte und erlaubte mir der
jetzige Zustand der Erkenntniß und der Sprache noch von Engeln
zu reden so würde ich in Ihrem Handeln geg[en] mich das Wirken
eines Engels und Ihre[s] zu erkennen genöthigt seyn. Und das Ganze Gefühl des Seyns Mangel[s] u Menschlichkeit des Menschen vernichtet diese eigne Ansicht desselben Menschen nicht[.] Schon diese Eine Seite der
Betrachtung die, jedem der
beobachtend seiner Ent[-]
wicklung seines Wesens
folgt, sich unabdausweichbar entgegen<->stellt macht es mir zur
Pflicht Ihnen die weitere Entwicklung meines Wesens wie sie nun in Klarheit vor
mir liegt mit zu theilen. Allein Doch was sich in dem Menschen ent-
wickelt ist der Geist ist der Geist das Leben welches der Mensch sich nicht
selbst gegeben hat und so ist es des Menschen ist es somit auch mir zweyte und bey weiytem
höhere Pflicht daß er zu zeigen und zu bezeugen, daß den Forderungen
des Geistes in seinem Streben nach Entwicklung gehör zu geben und
ihn zu gehorsamen zum höchsten u einzigen Ziele [zu] führen [sei] welches
für den Menschen am Ende innerhalb seiner Lebensbahn stehe und daß
dieses Ziel Seeligkeit – Seelenfrieden – sey. Dieser höhern Pflicht
welches die Pflicht des Kindes gegen den Vater ist, gegen den Vater, dem das Kind
sein Leben u seine Entwicklung verdankt so wie jener höheren genannten
Pflicht welches die Pflicht gegen das des Geschwisters ist, strebe ich
nun Genüge zu leisten indem ich Strebe Ihnen innigste Freundin die Entwicklung meines
Geistes bis
das Ziel zu bezeichnen zu welchem des Geistes Entwicklung
mich führte, zu welchem es absolut den führt, welcher sich den Forde[run]gen
des Geistes ganz u uneingeschränkt unbedingt hingiebt folgt: - /
[62R]
Die von meinem dem Geiste frühe gefundene geahnede u frühe empfunde[ne]
Möglichkeit schon hier auf der Erde und mitten unter den ErdVerhältnissen
u [-]leben, des Himmelsfrieden – Seeligkeit zu erringen in d mitten unter und
in des Lebens- und der Erde mannigfaltigkeit Verhältnissen – des Himmels
frieden – Seeligkeit nicht nur wirklich zu erringen sondern auch im Drange des Erdenleben[s]
festzu[-]
halten. Ich kann und darf Ihnen Freundin
dieß im höchsten Gefühl der Wahrheit in lebendigsten Bewußtseyn
in der deutlichsten klarlichsten Überzeugung sagen, denn wenn
jemand mein Leben seit den letzten Jahren äußerlich betrachtend beur[-]
theilen sollte und wer es so betrachtet beurtheilt sieht in ihm
ein Leben der Noth der Angst des Kummers des Druckes des Entbehrens, der Entsagung
und aller irdische[er] Leiden aber dennoch ist das Leben in mir Friede, Freude
Heiterkeit Seeligkeit und das Leben der Angst Leiden wenn es den Geist das Gemüth berührt
das Leben des Geistes der Seele entwickelt in
ihm nur immer höherer u klarer Leben. Seit einer Reihe von Jahren
lebe ich unter und in dem gewaltsamsten Druck u dieses ganz besonders auch
äußerlich seit den letzten Jahren und dennoch gewährten kein[e] Jahre höhere
Entwicklungen des Geistes reines gewährte Seeligeres Leben als eben diese, keine schenkten ein höheres seelen[-]
volles seeliges Leben und ge während dieser Zeit wieder gerade da wo der Druck am Größten waren
die Entwicklungen des Geistes das Leben der Seele die
höchsten reinsten, so daß ich in solchen Tagen u Zeiten oft zu meinen Freunden
sagte: wenn der Druck und die Leiden die Entsagung pp nur einzig
mich und nicht auch die alle Freunde mit mir geeinten die nur mich nur berührenden träfen so wünschte ich daß sie nie endigen möchten denn die Entwicklungen
des Geistes die sie gewähren sind unaussprechlich denn immer höher und höher
stieg stieg [2 x] die Einsicht, die Erkenntniß, die Anschauung der Einheit aller
Dinges des Friedens, des Geistes des Friedens und der Seeligkeit der über
allen Erd-, Natur- und MenschenErscheinungen schwebt, und welchen zu
finden mein Geist u Gemüth, mein Leben von Kindheit an so heftig
kein Hinderniß scheuend gesucht hatte. Seit länger als 2 Jahren
verknüpfte ich in mir mein Leben mit einem Wesen von dem ich
sahe daß es auch äußerlich sein Leben mit mir einen könne u von
dem ich hoffte daß es sein Leben mit dem meinen einen würde und
seit länger als einem Jahre ist dieses Wesen mir Gattin, Ge[-]
hülfin. Ein Leben reich an Erfahrung des Schmerzes und des Entsagens bey einem frommen
stillen Gemüth hatte sie dazu erzogen mir Gattin Freundin, Gehülfin zu [seyn.]