Briefausgabe Friedrich FröbelBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung / Fröbel-Forschungsstelle der Universität Duisburg-Essen

F. an Friedrich Günther, Fürst von Schwarzburg-Rudolstadt in Rudolstadt v. 31.7.1820 (Keilhau)


F. an Friedrich Günther, Fürst von Schwarzburg-Rudolstadt in Rudolstadt v. 31.7.1820 (Keilhau)
(BN 280, Bl 84-85, hier: 84R-85V, 73-75, dat. Entwurf 2 B fol 8 S.)

[84R]
Am 31 Jul. 1820.


Durchlauchtigster Fürst und Herr.
Gnädigster Fürst und Landesvater.

Da wir Ew: Hochfürstliche Durchlaucht gewährten meinem
und unserm gemeinsamen Wirken Höchst Ihren gnädigen Schutz.
Dieß macht es mir zur streng zur ernsten Pflicht mit nach Maaßgabe der fort[-]
schreitenden Entwicklung des Ganzen Höchstihnen wahre u einfache
und wah Rechenschaft davon abzulegen. Zu einer
solchen unumwundenen und treuen Darstellung meiner und unserer /
[85]
Unternehmung des innern und äußern Fortgeschritten seyns
meines und unseres Gesammtwirkens finde und er-
kenne ich mich ganz besonders jetzt theils durch jene
die auf mir ruhende Pflicht als Vorsteher theil[s] durch den gegenwär-
tigen gesamtStand des Ganzen aufgefordert und
ich säume nicht jener Pflicht und dieser hierdurch Aufforderung
auch zu erfüllen.
Der Hauptzweck meiner unserer aller bisherigen
gemeinsamen Thätigkeit und Anstrengung war: dasß [sc.. das] uns
vorgesetzte Werk unsrer Unternehmung innerlich und äußerl[ich]
gleichmäßig, gleichkräftig, gleich sicher zu begründen.
Wir suchten es uns daher deßhalb klar und unzweydeutig unzwei-
felhaft
gewiß zu machen daß und in wiefern, in wie weit unser Wirken unsere Unter-
nehmung
unser Werk dem Bedürfnisse der Zeit u dem Volke
entspreche [*] (demselben genüge dasselbe befriedige) [*]
innerhalb welcher u welchem es gedacht und ent-
standen ist entspreche; denn wir erkannten u erkennen als unbezeugbar daß irgend
eine Sache irgend ein Beginnen in(nerhalb) einer bestimmten
Zeit u für diese Zeit und unter besten und unter bestimmtem (äußern) Verhältniß
nur dann in dieser Zeit u unter diesen Verhält[-]
nissen nicht nur sein Bestehen haben könne sondern sich auch sich nur dann fortbilden
in dieser Zeit u Verhältnissen entwickeln u ausbilden könne, wenn es diesen Zeit- Orts[-] u Mensch[heits]
bedürfnissen und Forderungen entspreche, dieselben befriedige
u erfülle.
[*] Als das Bedürfniß u Forderung der Zeit u
des Volkes erkannten wir pp

Als das was wir dagegen zu
geben haben finden u erkennen wir pp [*]
Wir So suchten deßhalb wir, wir so bemühten wir uns das Bedürfniß
und die Forderung der Zeit in der wir leben u wirken (und des Volkes) unter welchem wir
wirken zu welchen ruhig u ernst zu prüfen zu welchem wir gehören klar zu erkennen
zu welchem wir gehören
und an diesen Forderungen u Bedürfnissen hieran dasjenige was wir
zu geben hatten uns als Beruf erschien streng u ernst zu prüfen; so wir erkannten
So erkennen wir hierdurch auf eine unzweydeutige unzweydeutigste Weise daß unser Wirken
unser Unternehmen den Bedürfnissen u L[a]ge des Volkes u der
Zeit angemessen sey [Bleistiftanmerkung:] [*] Siehe Fortsetzung Bogen 35 S.4 Bogen 36 bis Ende /

[73]
An den Fürsten[Friedrich Günther v. Schw. - Rud.]
Ew. Hochfürstl. Durchl. mir u mein[em] Wirken u (Streben) gewährter
höchster Schutz macht es mir zur Pflicht, legt es mir als Pflicht auf
oder
In dem von Ew. Hochfürstl. Durchl. mir u meinem Wirken gewährten
höchsten Schutze erkenne ich die unumgehbare, unabsäumbar[e] Pflicht /
[73R]
Höchst Ihnen einfache u klare Rechenschaft von
dem gegenwärtigen Stand, Ihnen eine wahre Dar-
stellung oder der innern u äußern Fortschritte [meines]
Denkens und unseres Gesammtwirkens ehrerbie-
tigst vorzulegen.
Der Hauptzweck meines und unsern bisherigen Gemein-
samen Wirkens war das Werk inner- und äußerlich
gleichmäßig gleich sicher gleichkräftig zu begründen.
Wir suchten es uns klar und unzweydeutig gewiß
zu machen inwiefern unser Wirken dem Bedürfniß
der Zeit u des Volkes entspreche und demselben entge-
gegenkomme, dasselbe befriedige.
Wir suchten so das Bedürfniß u die Forderung der Zeit klar zu erkennen
so wie wir dagegen das was wir zu geben hatten
an diesen Bedürfnissen streng ruhig u aufrichtig ernst prüften
so sahen wir auf eine {unzweydeutige/unzubezweifelnde} Weise
daß unser Wirken den Bedürfnissen und Forderungen
der Zeit entgegen komme u [diese] befriedige.
Denn als Forderung u Bedürfniß der Zeit erkannten wir
pp.
[*] Die Deutschen ein Geschichtl[iches] Volk, so wie nun
ein Stamm der ein geschichtl[icher] ist sich als solcher
durch Erkenntniß u Ausbildung als solcher erhalten muß
so auch ein Volk[.]
Die Zeit u d. Volke fordert erschöpfende umfassende
der Menschennatur dem Wesen des Geistes Gemüthes
u des Körpers ganz entsprechende u genügende Erziehung.
Die Zeit fordert denkend zu handeln u handelnd zu denken.
Die Zeit fordert Religion im Leben u ein Leben das zu
ächter Religiosität führt u sie zeigt.
Die Zeit zeigt Streben des Geistes dieß will soll es nicht
fehlerhaft wirken geleitet seyn. Ausspr.2, S.146.
Die Zeit zeigt Streben der Kraft dieser muß ein
würdiger Gegenst[an]d gegeben sie muß zur
Erkenntniß ihrer Bestimmung erhoben werden.
(Die Zeit fordert für die Begriffe des Verstandes
Anschauung. Die Zeit fordert für die Empfindung
u Gefühle das <Herzächte> Darstellung u Realisation.)
Die Zeit fordert vervollkommnung der Erkenntniß u Thatkraft
für vollkommnere Produktion.
Die Zeit fordert vollkommene Ausbildung für gegenseitige
Mittheilung u Ausdausch [sc.: Austausch] alle Produkte
[des] Geistes oder körperl[ich.]
Die Zeit fordert Einigung und sich gegenseitige Erklärung
Durchdringung u Erhebung der Schule u des Lebens des
Wissens Erkennens u Darstellung u Könnens [.*]
als das was wir dagegen zu geben hatten erkennen
wir
pp.
Diesen Forderungen u Bedürfnissen gemäß bildeten wir uns seit unserm gemeinsamen Wirken seit unserer Vereinigung die
von uns als absolut erkannten Erziehungs[-] und
Unterrichtsmittel, so weit und so vollkommen
aus, als es uns uns[ere] äußere Lage u Ungestöhrtheit
als es uns die äußern Mittel, die Zeit u die
Gelegenh[ei]t nur immer vergönnten und wir
verwand[t]en zunächst alle unsere Kraft /

[74]
D.St.d.M. [Bogen] 36
4e Fortsetzung den 29 Jul 1820.
für vollendete Ausbildung derselben an
der Mathematik u Na die Religion die Religion Jesu be-
stätigte sich uns immer mehr
und mehr als die einigende u absolute Grundlage aller Wahren
MenschenErziehung so wie Mathematik
u Naturwissenschaft traten immer mehr
u mehr mit ihrer schon früher von uns erkannten
Wichtigkeit zur für Menschenbildung für zur Er-
kenntniß u Thatkraft hervor. Musik
und Kunst zeigte sich uns als tief begründet
in der Menschennatur und wir erfreu-
ten uns in beyden Blüthen ja Früchte die
selbst wir [*] obgleich lebendig d[urc]hdrungen
von der Produktivität unserer organischen Erziehung
u Lehrweise [*] auf dieser Stufe des Knabenalters
so schön u reich kaum bey dieser Kürze des Unterrichtes
nicht erwartet hatten[.]
[*] Wichtig u bildend, verstand[es-] u herzbildend
Geist u Gemüth <-> diesen erhellend jenes erwärmend
erscheint und verschönt uns immer mehr das Studium
der Natur[.] Die große Einfachheit u Durchgreifendheit
ihrer Gesetze erhebt u Stärkt den Menschen Zögl[ing]; so
wie muß er der Mensch Zögl[ing] die Gesetze in Seinen
Gesetze[n] seines Geistes u eigenen Lebens wieder findet
u anschaut giebt sie ihm dem Zögl[ing] Demuth und Vertrauen
sie zu erkennen u in sie einzudringen giebt.[*]
Aber mit ganz besonderer Wichtigkeit u
Geistigkeit mit ganz besonderer Kraft
und Wirksamkeit für Erfahrung Einsicht u Thatkraft Erkennt[-]
niß u für Handeln Thun mit ganz
besonderer Kraft für Ausbildung des
Geistes Reinigung des Gemüthes u Stärkung
und Ausdauer für Handlung u Darstellung
tritt uns das Sprachstudium und namentl[ich]
ja bis jetzt fast ausschließlich
das Studium unserer eignen Mutter[-]
sprache der deutschen entgegen. Wir
erkannten in ihr Seiten wodurch sie /
[74R]
als innigst auf der einen Seite mit der Physik u Natur,
so wie auf der Andern Seite mit der
Mathematik verwandt gleichsam
ein erhöhter sprechender lebendiger Aus-
druck für beyde ist, und so beyde vereint
in sich darstellt u so gleichsam der Schlüssel
für beyde ist. Wir erkannten in der Sprache
nicht nur in dem bisher bekannten Wesen
u Eigenschaften derselben, sondern in der Zu[-]
sammensetzung und Bildung ihrer Eeinzelnen
Wörter für wie die Gesetze des reinsten Denkens
[*]die Gesetze des Geistes an sich,[*]
so die Gesetze der Natur wieder.
[*]Es tratt uns unwiderleglich u
in seinen Folgen wichtig die Wahrh[ei]t
entgegen daß man denkend Handeln
u Handelnd Denken [solle] daß Erkennen
u Darstellen auch schon bey der Lehre
dem Unterrichte geeint seyn müssen
u daß das Können, Thun, Darstellen
dem Erkennen vorausgehen müsse
.[*]
So wie wir durch Ausbildung der Erziehungs[-] u
Unterrichts Mittel unserm innerl Ziele innerl[ich] näher zu rücken
suchten, so bemühten wir uns auch äußerl[ich] alle
Mittel anzuwenden alle Kraft anzustrengen, um uns den Gebrauch u die
Anwendung der erkannten u angeeigneten Erziehungs[-]
Lehr[-] u Unterrichts Mittel an wirkl[ich] darzu-
stellender Erziehung mögl[ich] zu machen; das Zu-
trauen, der natürl[iche] Sinn für Sittlichkeit
u Kinder Wohl führte uns auch bis jetzt sehr so viel Zögl[inge]
zu als unser bisher auch sehr beschränkter u
beengter Raum nur immer zu fassen im Stande
war, und förd[er]l[ich] von diesem dem Bedürfniß größeren
Raumes zu freyerer Wirksamkeit getrieben
förderten wir den Bau eines größeren /
[75]
Wohnhauses ganz unserm gewählten Beruf und
Wirken u Streben überlassenen einzuräumenden Wohnhauses[.]
Und wir haben jetzt die Freude mit gemeinsam
u vereint angestrengter Kraft so es herausge-
baut und dastehen zu sehen daß es uns hoffen
läßt daß wir
die Möglichkeit zeigt es noch in diesem Jahre für
den uns gestellten Zweck für das uns gestrecktesetzte
Ziel: Darstellung einer möglichst vollkommnen
den Zeit- Volks- u Menschenbedürfnissen völlig g[an]z
angemessen[en] Erziehungsgebrauche u [-]benutzung zu
können [sc.: haben].
Gewiß ist das Ziel das wir uns gestellt haben
groß der Zweck den wir uns gesetzt haben
wichtig Groß der Beruf den wir gewählt haben
wir versehen es uns nicht und groß sind die
Mittel welche die Erfüllung Erreichung des Zieles
die Erreichung des Zweckes die Erfüllung des Berufes
fordert. Groß sind diese Mittel wir versehen
es uns nicht für den Einzelnen u für Wenige doch
klein für eine Gesammtheit, klein für vereinte
Kraft von dem Zweck des Ganzen lebendig
durchdrungene u belebte, geeinigte Kraft[.]
Von der Größe unserer Ziele, von der Wichtigkeit
unseres Zweckes, von der Würde unseres Berufes
von dem Bedürfnisse u den Forderungen der Zeit
und von der Überzeugung u dem Bewußtseyn, daß /
[75R]
wir demselben entgegen kommen, daß
wir dieselben befriedigen könnten auf das lebhafte[-]
ste durch lang u vieljähriges ununterbrochenes Bearbeiten u Prüfen
durchdrungen kommen u treten wir vor Ew:
Hochfürstl. Durchl. auch Höchst Ihnen unser Ziel unsern
Zweck, unsern Beruf zu ruhiger höchster Prüfung ehr-
furchtsvoll vorzulegen.
[Zu diesem Abschnitt 3 Randzusätze ohne eindeutige Zuordnung durch *]
[*] in den entgegengesetztesten Verhältnissen [*]
[*] den Geist u Zweck so wie den Umfang desselben [*]
[*] Die Denkenden sind schon benachrichtigt u das Volk soll es auch noch werden. [Dazu Variante:] wie wir es erkannten die Denkenden zu benachrichtigen [*]
Wir erkennen es als unumgehbare
Pflicht dieß thun zu müssen, Ew: Hochfürstl Durchl zuerst unser Wirken*
wie es innerl[ich] u äußerl[ich] vor uns steht vorlegen zu müssen
wir fühlen wir
erkennen uns dazu gedrungen weil in Ew: Hochfürstl.
Durchl.
wenn gleich unser Streben u Wirken
seiner Natur nach ein allgemein deutsches nicht an ein einzelnen
deutsches Land geknüpft nicht aus landschaftlichen und von demselben abhängig
auch für die Zwecke desselben allein errichtetes
u aufgestelltes ist, so erkennen wir es
doch als Pflicht
weil wir in Ew: Hochfürstl. Durchl. eigenem Lande und unter Ew:
Hochfürstl. persönlichem Schutze wirken[.]
[Dazu Randkorrektur, evtl.* zuzuordnen]
[*] so wie wir es als Pflicht erkennen Ew Hochfürstl Dh. unser Wirken zur ferneren Prüfung vorzulegen so erkennen in einer jetzt wir es auch als Pflicht
gedruckt werdenden Schrift: An
die
den Denkenden unseres Volkes
Die Grundsätze unseres erziehenden
Wirkens in einer jetzt gedruckt
werdenden Schrift zu ruhiger ernster
[Prüfung] vorzulegen
und wir sind jetzt damit beschäftigt
eine Schrift zu bearbeiten
welche das Volk überhaupt
mit unserm Streben u Wirken
bekannt machen soll [*]
Wir legen es Ew: Hochfürstl. Durchl. [*] unser Streben und Wirken nach dem Grad seiner erreichten Ausbildung [*] zur Prüfung vor ob Höchstsie ein solches seiner Natur
nach zwar nicht landschaftsschaftl[ich] sondern
nur allgemein deutschem Streben und Wirken so wie
[dazu Variante:][*] Und somit legen wir Ew. Hochfürstl.
Durchl. zur dazugehöriger Prüfung vertrauensvoll u ehrfurchtsvoll
vor, ob eine solche Anstalt überhaupt u in wie weit Höchstsie solche besonders so wie [*] Ihrer höchsten persönlichen
Schutzes [*] Vergleiche damit Bogen 32.[*] so auch Ihrer u Ihres Fürstl Hauses
besonderer Unterstützung u Mitwirkung
zur völligen Ausführung werth u würdig finden u achten sollten.
In dem beruhigenden Gefühl hierdurch einen Theil der auf mich [sc.: mir] als MittelPunkt eines ganzen ruhenden Pflichten als Vorsteher
erfüllt zu haben bin ich pp[.]/