Briefausgabe Friedrich FröbelBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung / Fröbel-Forschungsstelle der Universität Duisburg-Essen

F. an Carl Wilhelm Hoffmeister u. Maria Elisabeth Hoffmeister in Berlin v. 9.11.1820 (Keilhau)


F. an Carl Wilhelm Hoffmeister u. Maria Elisabeth Hoffmeister in Berlin v. 9.11.1820 (Keilhau)
(BlM IV,38, Bl 99-106,107-108, Reinschrift 4 B 4° 15 S. und Schuldschein als Briefanlage 1 B 4° 3 S.)

        Mein theurer, lieber Vater;
Meine verehrungswürdige, liebe Mutter.
Es ist wieder eine lange, sehr lange Zeit verstrichen, seit ich nicht
vor Ihnen, wenn auch nur schriftlich erschienen bin. Wäre ich mir
nicht bewußt, daß den Grundsätzen, welche die Ursache dieses aberma-
ligen so langen Schweigens waren, die kindlichsten und hochachtungs-
vollsten Gesinnungen zum Grunde lagen, so würde ich ebenso nur
mit dem Gefühle der Scham und Reue vor Ihnen kommen können, wie
ich jetzt mit ruhigem Herzen und heiterem Geiste vor Sie, theure
geliebte Eltern treten kann. Was ist auf der Erde mehr im Stande
das Herz des Sohnes zu beruhigen und seinem Geiste Heiterkeit zu
geben, als das Bewußtseyn seine Kindes- und Sohnespflichten ganz
erfüllt zu haben und ununterbrochen zu streben, sie immer besser
und vollkommner zu erfüllen; denn aus diesem Bewußtseyn geht
Zufriedenheit mit sich und alle[n] seinen Verhältnissen hervor und welche
Nachricht welches Wort ist den Eltern lieber, und kann den Eltern /
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lieber seyn, welches ist ihnen eine schönere und liebere Gabe als -
die Überzeugung: - unsere Kinder leben heiter und glücklich.
Ja! meine theuren guten Eltern, um Ihnen diese Nachricht
von uns auch mit Übereinstimmung der uns umgebenden
Umstände aus ganzer Tiefe unseres Herzens geben zu können
verschob ich meine Nachricht so lang. Ja! wir Ihre Kinder leben
heiter und zufrieden, leben es, mit durch Ihre große Güte, Ihre el-
terliche Liebe. Gottes Seegen ist mit uns und Gottes liebender
Geist leitet und führt uns. Möge diese Nachricht die Unzufriedenheit
mit mir aus Ihrem Herzen und von Ihrer Stirne scheuchen, welche
unser und besonders mein so sehr langes Schweigen in Ihnen geweckt
haben mag. Aber nur aus großer Mühe, Anstrengung und Kampf
geht Ruhe, nur aus Krieg geht Frieden, nur aus großer Trübe u.
Verwirrung geht Klarheit und Heiterkeit, nur aus Schmerz und
Trauer geht Freude und Lust hervor, nur Hoffnung geht erst und
geht lange wohl der Erfüllung voraus. So war denn auch das gan-
ze verflossene Jahr, seit meinem letzteren Briefe an Sie für uns
und ganz besonders für mich ein Jahr großer Mühe und Anstreng-
ung, heftigen Kampfes und Krieges, tiefes Schmerzens und Trauer
ein Jahr der nur immer vorwärts weisenden Hoffnung; und ehe
alles dieses sich entwickelt, sich zu Einer Wirkung: - Ruhe des Herzens
und Freudigkeit der Seele entwickelt hatte, wollte ich nicht vor Ihnen /
[100]
erscheinen; dieß mein theurer Vater, meine geliebten Eltern war
der Grund meines so langen Schweigens. Mögen Sie mir nun
väterlich u. mütterlich, elterlich verzeihen. Somit habe ich aber auch
von uns mit Eins alles ausgesprochen, was ich von uns zu sagen
habe, möchte ich nun nur, auch augenblicklich von Ihnen die freudige
Erwiederung hören und lesen:- auch uns geht es fortdauernd wohl,
auch wir sind, Gott sey Dank, noch immer heiter und leben gesund und
glücklich. Ob ich nun gleich, dieß in diesem Augenblick nicht von Ihnen
hören, nicht von Ihnen ausgesprochen und niedergeschrieben lesen kann, so
wird doch der Gott der Liebe mir diese süße Hoffnung die mein Inneres
belebt gewiß erfüllen und Sie werden, wenn auch für mich unhör-
bar doch jenes freudige Bewußtseyn erwiedern und uns die Bestä-
tigung davon auch bald von Ihrer theuern Hand niedergeschrieben
lesen lassen, worum ich noch kindlichst bitte.
Gern werden Sie nun, was ich oben im Allgemeinen aussprach
nun auch im Einzelnen nachgewiesen wünschen. Könnte ich es Ihnen
lieber alles persönlich zeigen und nachweisen, damit Sie sich von der
Wahrheit dessen was ich zu sagen habe selbst überzeugen könnten.
Im Ganzen ist meine Unternehmung innerlich und äußerlich be-
deutend vorgerückt, hat sich innerlich und äußerlich festgestellt, inner-
lich und äußerlich fort- und ausgebildet. Seit dem Hierseyn meines
Bruders dem ich die Führung der äußern Wirthschaft, besonders die /
[100R]
Führung und Bewirthschaftung des Gutes übertragen habe, hat sie an Ord-
nung und Ausbreitung gewonnen da ich durch die Sorge für das Innere
vorher davon abgezogen worden war. Wir haben nun außer 2 Zug-
ochsen, 4 Kühe und 3 Schweine. Die Felder sind besser und vollständiger
besorgt als im vorigen Herbste, und durch den, durch den erhöhten
Viehstand vermehrten Dünger hoffen wir schon den Ertrag des Grund
und Bodens fürs künftige Jahr merkbar zu erhöhen, besonders den
Futterbau zu vermehren. Wenn nur nicht die Unternehmung nach allen
Seiten hin noch gar zu viel baare Mittel, besonders der doch auch eben
so nöthige Bau erforderte, daß wir, wie wir wünschten unsern
Viehstand noch verdoppeln, d.i. statt 4 Kühe 8 Kühe halten könnten,
was wohl das Gut bey vollständigerer Benutzung und bey noch ver-
mehrtem Futterbau trüge, dann könnten wir auch den Ertrag und so
den Werth des Gutes um das doppelte erhöhen. Jetzt aber müssen wir
weil es uns besonders an Dünger und an den erforderlichen Mitteln zur
Bearbeitung fehlt noch gar zu viel jährlich Braache, ja sogar mehrere
Jahre Laide oder Lehde liegen lassen und gerad die Felder, welche vielleicht
sonst am meisten trügen, wenigstens den bessern Boden haben. Vieler
Waldboden ist auch entweder zu bepflanzen oder und zu besäen noch übrig
oder er müßte umgerodet werden, doch so weit konnten wir uns bis
jetzt noch nicht ausbreiten ob wir es gleich immer im Auge gehabt
haben. Die Getreide- Futter- Heu- und Herbstfrüchte-Erndte war /
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zwar im Ganzen genommen auch bey uns wie überall in der hiesigen
Gegend nicht so reichlich wie im vorigen Jahre, doch hat auch bey uns das
Fehlende die Obsterndte reichlich ersetzt. Wir haben in diesem Jahre von
allen Obstgattungen ohngefähr 100 und einige Körbe voll gebaut,
wovon wir wieder die Vorräthe unseres getrockneten Obstes bedeutend
vermehrt haben. 18-20 Körbe Zwetschen wurden zu Muß gekocht.
Hier ist auch noch eine Seite wo ich den Ertrag und den Werth des Guthes
bedeutend erhöhen könnte, wo es mir sogar noch möglich werden könnte
baaren Geld Ertrag aus dem Guthe zu ziehen, wenn es mir meine Mittel
vergönnten den Obstbau auf dem Guthe, worinnen dasselbe gegen die übrigen
Güther im Thale verhältnißmäßig noch sehr zurück ist, so zu vermehren
wie es Guth erträgt, ja fordert, dann könnte ich in andern, gleich fruchtbaren
Obstjahren wenigstens auf das Doppelte des Ertrages hoffen; denn andere
Güther hiesiges Ortes und Thales von nicht größerem, ja geringerem Um-
fange als das meine haben doppelt so viel Obst als ich und mehr ge-
baut. Überhaupt war der Obstertrag in diesem Jahre in hiesiger Gegend
außerordentlich, noch giebt es im Thale ganze Gärten deren Bäume noch
voll Zwetschen ohne Blätter hängen, weil es an Zeit gebrach sie abzunehmen
oder sie in Geld oder in Welkobst umzuwandeln.
Kartoffeln haben wir 70 Säcke voll gebaut, also auch bedeutend
mehr als im vorigen Jahre. Was wir noch nicht selbst an Futter gebaut
haben, haben wir gekauft, so daß unsere Scheuer mit dem Futterbe- /
[101R]
darf für diesen Winter gefüllt ist. Auf dem Hofe liegt die ansehnliche Menge
des nöthigen Winterholzes.
Auch der Bau der Gebäude ist bedeutend vorgerückt, ob ich es gleich nicht
was ich wirklich hoffte und erwartete, möglich machen konnte, schon
in diesem Herbste das neue Haus wenigstens theilweise bewohnen
zu können; doch zeigt sich noch die Möglichkeit, daß bis Weihnachten
noch die Schlafzimmer der Zöglinge zum Gebrauche fertig werden können,
was ich um des sehr beengten Raumes willen sehr wünsche. Bis zum
Tünchen ist das ganze Haus fertig; das Kellergeschoß ist aber schon ganz
getüncht nur ist in dem größten Theile desselben noch der Fußboden zu
platten, so wie in der Küche der Heerd zu setzen. Die Schornsteine, welche
viel Zeit und Aufwand kosteten, sind durch das ganze Haus durch bis über
das Dach geführt und völlig beendet. Die Tüncher und die Tischler arbeiten
beyde in Akkord noch ununterbrochen fort; für beyde sind die Materia-
lien reichlich vorräthig und schon ist auch in der Mansarde, wo die Schlaf-
zimmer der Zöglinge sind mehreres getüncht. Die Schlosserarbeit, die
Fenster, die Öfen, und die Treppe innerhalb des Hauses sind in Akkord
gegeben und auch von dem ersteren schon mehreres fertig. Auch ist
schon angefangen worden einen Theil des Hofes zu pflastern und die
Fußwege mit Platten zu belegen; wenigstens ist die Verbindung
zwischen unserm jetzigen Wohnhause und dem Waschhause in dessen
großen Stube mein Bruder wohnt und wir speisen, hergestellt. Noch vieler- /
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ley anderes Einzelne welches noch hergestellt ist, ist mir zu erwähnen nicht
möglich; doch hat unser Garten durch Terassenmauern und dichten Zäunen
an Nutzbarkeit gewonnen, und in unserm Hause wo wir jetzt wohnen
haben wir auch ein kleines Stübchen für Freunde hergestellt. Außer alle
diesem hat sich auch unser inneres Hauswesen bedeutend befestigt und ver-
vollständigt, so daß mehrere der Sorgen welche uns noch im vorigen Jahre
bedeutend drückten in dieser Hinsicht geschwunden sind.
So wie nun das Werk unter Gottes Beystand, wenn auch bey großer
Sorge und Arbeit äußerlich fortgeschritten ist, so hat es mehr noch an
innerer Ausbildung und Feststellung gewonnen. Die Aus-
bildung welche
es in Hinsicht der Klarheit seiner Grundsätze und der Sicherheit und Fer-
tigkeit ihrer Anwendung gewonnen hat, läßt sich mit Wenigem schwie-
rig darlegen, doch liegt in dem gestiegenen Zutrauen zu unserm Wirken
ein sprechender Beweis dafür. Drey neue Zöglinge sind wirklich eingetreten
und einige Knaben sind uns wieder als solche gemeldet worden. In
der Ferne, und, was mir für die Sicherheit und Begründtheit des Ur-
theils noch lieber ist, in der Nähe spricht sich das vermehrte Interesse
die vermehrte Theilnahme an unserm Wirken aus. Ich habe versucht
diese Theilnahme durch einige Bogen welche ich dem Drucke übergeben
habe, noch mehr zu wecken, zu nähren, zu erhöhen. Freylich habe ich
sie unter großen Zerstreuungen schreiben müssen und unter großem
Drucke, so daß ich denselben nicht die Vollkommenheit geben konnte /
[102R]
die ich ihr wünschte, dennoch hoffe ich , daß sie vor der Hand bis mir Zeit
und Geistesfreyheit werden wird ein Bedürfniß befriedigen wird.
Eine Anzeige von etwas mehr Umfang, den Denkenden unseres Volkes
gewidmet, wovon das Manuscript schon in diesem Sommer beendigt
wurde, sollte eigentlich früher im Drucke erscheinen als diese Bogen,
und sie sollten nur eine Art Erläuterung und Erklärung für ein
größeres Publikum seyn, und sie eigentlich so beyde zusammen ein
kleines Ganze ausmachen; doch dadurch weil wir es zu gut haben
und machen wollten, hat sich das Erscheinen derselben verspätet;
dennoch werde ich was ich thun kann dazu beytragen daß diese klei-
ne Schrift auch demnächstens und in größerer Vollkommenheit
als die erstere erscheinen soll.
Jene eben erschienenen Bogen Ihnen theurer, lieber Vater in
der Anlage mitzutheilen bin ich so frey; möge Ihnen dieselbe
in Verbindung mit dem oben Ausgesprochenen die Überzeugung
geben, daß ich nach jeder Seite hin so streng als es in meinen
Kräften und Mitteln steht, zu erfüllen mich bemühe. Möge
aber auch die Gesammtheit dieser Mittheilung Ihnen beweisen,
daß Gottes Vatergüte unser Werk geseegnet hat.
Schon im vorigen Jahre wollte ich Ihnen, wie es mir, zu schuldiger
Dankbarkeit für die große und wesentliche Unterstützung wodurch Sie
Hochverehrter! meine Unternehmung beförderten, Pflicht war eine /
[103]
Darstellung meiner ökonomischen Lage geben; allein das Ganze
lag dortmals noch mit zu großer Gewalt, mit zu heftigem
Drucke auf mir, daß es zu thun mir nicht möglich wurde. Jetzt
da so manche meiner Hoffnungen im Geiste äußerlich in Erfüllung
gegangen sind, da der wiederkehrende Sieg über fast unübersteig-
liche Hindernisse den Muth gestählt und erhöht hat, jetzt da meine
Lage und mein Verhältniß nach allen Seiten hin sich klar und be-
stimmt entwickelt haben, da ich beyde mit stillem Muthe und fester
Zuversicht daß sich noch alles auf das Beste entwickeln und ausbil-
den wird, jetzt säume ich nicht länger Ihnen gütig theilnehmender
Vater diese Rechenschaft vorzulegen.
Diese Michaelis bin ich mit den sämtlichen Gebäuden des ganzen
Gehöftes in die Magdeburgische Brandversicherungs Gesellschaft
getreten, sie sind zu diesem Ende von den hierzu geschworenen
Meistern zu 6400 Thaler taxiert worden und ich habe sie mit
4700 Thaler versichern lassen. Die alte gerichtliche Taxe des Gutes
vom Jahr 1818 beträgt 1700 Thaler; doch ist es mir fester Vorsatz
sobald ich es mir einigermassen möglich machen kann das ganze
Gut geometrisch aufnehmen und über jedes Stück Charten und
Grenzprodokolle anfertigen zu lassen, hiernach hoffe ich gewiß
daß die gerichtliche Taxe des Gutes wenigstens auf 2000 Thaler
steigen wird. Auf jedem Fall ist der gerichtlich taxierte Werth /
[103R]
meines unbeweglichen Eigenthums jetzt über 8000 Thaler. Auf
diesem Eigenthume ruhen noch laut Kaufbrief und Abrechnung
ohngefähr 350 Thaler zu 5 pro Cent: verzinnßliche und 300 Thaler
unverzinnßliche Kaufsumme; außerdem noch ein Kapital
von 300 Thalern gegen einen Amtsconsens zur ersten Hypothek
und 5 pro Cent: Interessen. Nur diese Schulden von 950 Thaler
sind bey Amte auf mein Eigenthum eingetragen. Außerdem
bin ich noch gegen persönliche, Handschriftliche Sicherheit 750 Thaler
(:100 Thaler einem meiner Oheime, 150 Thaler den Kindern meiner ver-
storbenen Schwester und 500 Thaler einem Freund in Rudolstadt:) schuldig
Betragen zusammen genommen 1700 Thaler. Hierzu kommen
noch die 1500 Thaler preußisch Currant welche ich von Ihnen mein
theurer Vater darlehensweise erhalten habe, so daß ich also im
Ganzen 3200 Thaler auf mein Grundeigenthum und handschriftlich
schuldig bin.
Sie werden mit Sicherheit erwarten, mein lieber Vater, daß ich
Ihnen, wie es mir Schuldigkeit wäre, daß ich jetzt eine gerichtliche
Versicherung über das von Ihnen in drey Posten erhaltene Darlehen
der fünfzehnhundert Thaler pr: Curr: beylege. Ich würde auch
diese meine, schon so lang auf mir ruhende Pflicht jetzt bestimmt
erfüllt haben, wenn ich es nicht zum Bestehen und zur Förder-
ung des Ganzen, welches Ihnen gütig theilnehmer Vater und El- /
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tern gewiß eben so, wie mir am Herzen liegt wesentlich wirksam
erkennte, für wenigstens nur noch einige Zeit blos eine außer ge-
richtliche Sicherheit über das von Ihrer Güte erhaltene Darlehen aus-
stellen zu dürfen, welche Sicherheit jedoch nach unsern Rechten, wo die
Frau beym Concurs des Mannes mit ihren und ihrer Eltern Forderung
in der Bezahlung jeder andern Schuld des Mannes vorgeht - gleiche
Gültigkeit mit einem gerichtlichen Dokumente hat. Erlauben Sie
mir daß ich Ihnen wegen dieses Wunsches, wenn auch nur noch auf
einiger Zeit über das von Ihnen erhaltene Darlehen ein außer ge-
richtliches Dokument ausstellen zu dürfen - die Gründe eben so
offen aussprechen darf, als sie klar vor mir liegen.
Vertrauen, Zutrauen, Credit dieß wissen Sie hochverehrter Vater
ist und wirkt gleich baarem Gelde. Meine Unternehmung
fordert, sollen die Früchte, soll der Erfolg dem Geiste derselben
entsprechen großer Mittel, größerer Mittel, als ich mir bis
in diesem Augenblick noch aneignen konnte. Allein, obgleich die
äußern baaren Mittel die ich besaß und die ich durch unsere un-
ausgesetzte Thätigkeit mir bis jetzt aneignete keinesweges
den Forderungen genügend entsprachen welche die Begründung
und Ausbildung meiner Unternehmung machten, so erhielt
ich doch in dem, mit dem Fortgange meines Werkes und dessen
Ausbildung immer wachsenden Zutrauen und persönlichem Credit /
[104R]
ein Mittel, welches mich in den Stand setzte das Werk bis jetzt im-
mer höher mehr empor zu bringen und immer fester zu stellen.
Ich gestehe es gern das Werk daßs ich begonnen ist gegen die baa-
ren äußern Mittel die ich besessen und besitze groß, sehr groß;
aber es ist keinesweg zu groß gegen die innern Mittel, gegen
die Kraft, den Muth, die Ausdauer und das Vertrauen das feste
Vertrauen in die gute Sache und auf Gott, welches ich besessen und
besitze, und welche Gott mir schenkte und welche sich mir bis jetzt
bewährten; ich wohne jetzt in einem kleinen Lande, in einem Lande
welchem Unternehmungen von solchem Umfange und besonders solchem
Zwecke fremd sind, es kann daher nicht anders seyn, daß aller
Augen auf meinen Unternehmung dessen Fortgang und Ausbildung
gerichtet sind; es ist natürlich daß man in dem Lande wo ich ge-
zogen bin, meine persönlichen ökonomischen Verhältnisse ganz
kennt; hierzu kommt noch, daß bey der Kleinheit der Regierungs-
geschäfte die Verhandlungen vor den Behörden leicht in das äußere
Leben herabsteigen. Nun ist es zwar wohl natürlich, daß es hier
allgemein bekannt ist, welchen bedeutenden Antheil Sie theurer
Vater und verehrte Verwandte an dem Fortgange meiner Unter-
nehmung haben, allein es liegt doch das Innere der Verhältnisse
Niemanden als uns Inniggeeinten das ist nächst uns nur mei-
nem Bruder und meinen Freunden offen. Ich leugne nicht zu
/
[105]
glauben, daß sich durch diese nur innerhalb uns selbst ruhende und
beschlossene Einsicht in das bestimmtere der Verhältnisse durch welche
das Ganze besteht, sich das Zutrauen zu dem Ganzen, der Credit des
Ganzen sich erhöhe und erweitere; denn es ist natürlich daß das Zutrauen
und der Credit innerhalb des Kreises der Verbundenen und zu einander
selbst das Zutrauen und den Credit auch nach außen hin und Fremder
zu uns und zu dem Ganzen vermehren und erhöhen muß. Diese Ansicht
meines ganzen Verhältnisses meines Gesammtverhältnisses ist es
welche mich bestimmte, die Ihnen schuldige gerichtliche Sicherheit bis jetzt
noch nicht ausfertigen zu lassen. Es ist dieß mein lieber Vater
keinesweges Lichtscheu, denn meine ökonomische Lage ist jedem der mit mir
Geeinten so wie ich solche Ihnen aussprach bekannt und ich mache aus der-
selben kein Geheimniß, auch läßt sie, auch nach unsern sehr strengen
Credit Gesetzen noch die consensualische Sicherheit der 1500 rth und mehr
zu. Überdieß können Sie auch fest versichert seyn, daß Sie es mit einem
ganz rechtlichen und rechschaffenen Mann zu thun haben, und daß
Ihr Capital zur Beförderung und Ausbildung einer Unternehmung
eines Werkes verwandt worden ist und wird, durch welches nicht allein
Capital und Interessen gesichert sondern auch nach einem gewissen
Grad errungener Ausbildung, die Gewinnung des Kapitals ge-
sichert ist, denn indem ich mich alles Ernstes bemühe und wir mit ge-
einter Kraft dahin streben durch unsere Anstalt einem sich im Volke /
[105R]
sich uns unzweydeutig aussprechenden Bedürfnisse entgegen zu kommen
so hoffen wir gewiß, dieselbe zu einer allgemeinen deutschen VolksErzieh-
ungs Anstalt zu erheben und die Erfüllung dieser Hoffnung spricht sich
uns auch in dem stillen wie in dem thätigen Beyfalle, der sich unzwey-
deutig über unser Streben und Thun äußert bestimmt aus. Besonders
aber wird Gott unsere redliche und angestrengte in seinem Willen be-
gründete Thätigkeit gewiß auch ferner nicht ohne seinen sichtbaren
Seegen seyn lassen.
Sollten Sie nun nach dieser ganz offenen Mittheilung mein theurer Vater
zu Ihrer Sicherheit und zum Wohl des Ganzen für zweckmäßig halten außer
der hier beyliegenden Privatverschreibung, ein gerichtliches Dokument von
mir zu bekommen, so bedarf es nur eines leisen Wortes und ich werde
meine Pflicht sogleich erfüllen und über beyde Summen ein gerichtliches Do-
kument ausfertigen lassen.
Wie es Ihrer geliebten Tochter geht, wird Ihnen dieselbe hoffentlich
selbst ausgesprochen haben. Mit jedem Tage finde und erkenne ich immer
mehr wie Gott meine Wahl geleitet und er mir in ihrer Person alles
geschenkt hat, was ich bedurfte, denn ich habe in ihr außer einer innigst
und treu liebenden Gattin auch eine rastlos treue Gehülfin und eine
treue, Leid und Freud in ihrem Gotte und Schöpfer mit mir tragende
Freundin erhalten; so leben wir in einem Kreise wo gegenseitige Liebe,
gegenseitiges Vertrauen und gegenseitige Hülfe und Unterstützung herrscht,
so unsanft uns auch mannigmal das Leben umfaßt dennoch zufrieden /
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und Tage der Freude und des Glückes, nur daß es der kindlich treuen
Tochter nicht vergönnt ist zu Zeiten die Sehnsucht nach den geliebten
Eltern zu stillen, daß es mir nicht erlaubt ist mich Ihnen als Ihren
kindlich gesinnten Sohn bethätigen zu können, dieß ist es nur was uns trauern macht.
So schließe ich die offene Darlegung unserer Gesammtlage und
unseres ganzen Lebens im festen Vertrauen daß Sie uns noch
ferner Ihrer elterlichen Liebe und Gewogenheit fortdauernd
werth finden werden. Möge diese Darlegung Sie überzeugen
daß es mir strenge Pflicht ist jedes von mir gegebene Wort
zu erfüllen.
Ihnen hochverehrter, theurer Vater, der verehrungswürdigen
lieben Mutter und der hochgeschätzten gütigen Frau Tante empfehlen
wir uns, und besonders ich zu fortdauernder Liebe und Wohlwollen.
Leben Sie wohl, recht wohl und erfreuen Sie uns recht bald,
gütevoll nicht Böses mit Bösem vergeltendent mit der Nach-
richt auch von Ihrem und Ihrer aller unausgesetzten Wohlseyn.
Auch Malchen bitte ich freundschaftlich von mir zu grüßen
Mit kindlicher Hochachtung und Liebe bin ich unausgesetzt
Ihr
        ganz gehorsamer Diener und Sohn
F W A Fröbel.
Keilhau den 9en Nov:
   1820.

[107]
[Auf einem neuen Bogen folgt als Anlage ein Schuldschein v. selben Tag:]

Ich Endes eigenhändig Unterschriebener bekenne hier
mit für mich und meine Erben und Erbnehmer
daß Sr Wohlgeborn der Herr Krieges Rath Hoffmeister
in Berlin mir, zum Behufe der Förderung meiner
Unternehmung, unterm 6en May 1819 fünfzehn
Hundert
, schreibe fünfhundert Thaler preußischen
Currant und im July gedachten Jahres zum zwey-
tenmale fünfhundert Thaler preußischen Currant
also im Ganzen wiederum Ein Tausend Thaler
preußischen Currant Darlehensweise vorgeschossen
haben.
Wie ich nun über den richtigen und baaren
Empfang dieses genannten Darlehens von
Ein Tausend Thaler preußischen Currant /
[107R]
unter Begebung aller Ausflüchte, namentlich
des nicht baar empfangenen und nicht in meinen [sc.: meinem]
Nutzen verwandten Geldes aufs rechtsbestän-
digste quittire, so verspreche ich auch im Fall es
noch besonders gefordert würde über gedachtes
Kapital einen gerichtlichen Consens auszustellen;
bis zur Wiedererstattung aber jährlich mit
pro Cent zu verinteressiren. Zur Sicherung
des Kapitals und der Interessen setze ich
mein sämtliches hier in Keilhau besitzendes
unbewegliches Eigenthum das ist mein mir
erb- und eigenthümlich zu gehöriges halbes An-
spanne Guth nebst allen darauf stehenden Ge-
bäuden als Unterpfand ein. Zur Bekräftig- /
[108]
ung alles dessen habe ich gegenwärtige Schuld-
verschreibung wissentlich und eigenhändig aus-
gestellt unterschrieben und mit meinem ge-
wöhnlichen Siegel besiegelt. So geschehen Keil-
hau bey Rudolstadt an der Saale am 9en
November 1820.
           Friedrich Wilhelm August Fröbel.
[*Siegel*] Vorsteher einer Erziehungs-Anstalt hiers[elbst]