Briefausgabe Friedrich FröbelBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung / Fröbel-Forschungsstelle der Universität Duisburg-Essen

F. an <Superintendent J.P. Schwartz> in <Königsee> v.14.1.1821 (Keilhau)


F. an <Superintendent J.P. Schwartz> in <Königsee> v.14.1.1821 (Keilhau)
(BN 280, Bl 5R u 1V/1R, 3 S. fol. dat. Entwurf an unbekannten Empfänger. E. Hoffmann vermutet Schwartz. Der Brief beginnt mit Varianten auf 5R, wird auf 1V fortgesetzt und auf 1R (hier erneut Variante) beendet. Wollkopf geht von zwei Entwürfen an verschiedene Briefpartner aus.)

[5R]
Durch den Zweck welchen ich mir bey meinem Wirken gesetzt
habe bestimmt nehme ich zunächst noch mit künftigen Frühling zunächst noch so viel solcher Zöglinge auf noch mehrere d[er] Knaben die mir mit wahrem Zutrauen und in der Überzeugung von meinen geprüften lebendigen u thätigen väterlichen Gesinnungen u Grundsätzen übergeben werden daß jeder mir meinem Herzen u Verstand jeder anvertraute Zögling mein[em] Herz u Verstande
wahrer lieber theurer Sohn ist u ich ihm sorgender treuer Vater bin -
zu[m] Zöglinge auf - auf [2x]
als mir mein Raum zu nehmen erlaubt. Ew Hochehrwürden
werden daher in Beziehung auf ihren [sc.: Ihr] Zutrauensvollen
Schreiben von 4.d.M. in der Anlage die Bedingungen finden unter welchen
jeder Knabe welcher mit ächtem jenem Zutrauen und mit
Bewuß jener Überzeugung die Forderung von meinen wahrhaft väterlichen u
thätigen der Lauterkeit meiner Gesinnung u der Wahrheit meiner Erziehungs[-] u LehrGrundsätze von den Seinigen mir übergeben
und dem kein <ph[ys]isches> Hindernis [anhaftet] wird herzlich willkommen ist[.]

Keilhau den 14 Januar 1821
In <-> Beziehung auf Ew Hochehrwürden zutrauensvoll[en]
Brief v.4.d.M. lege ich angeschlossen diejenigen Bedingungen bey
unter welchen ich noch Knaben, welche mir wahres volles Vertrauen
u die Überz[eugun]g von der Lauterkeit meiner Gesinnungen und der Wahrheit
meiner Erziehungs- u Lehrgrundsätze zur Erziehung übergiebt, zu Zöglingen
und zu Söhnen mit Vaterherz u VaterSinn und VaterSorge aufnehme.
Ob es sich gleich von einer Erziehungsweise, welche wie die unsrige, den Gesetzen
der menschlichen Entwicklung streng nachzugehen sich bemüht
von selbst versteht das[sc.: daß] mit keinem Sohn Zögling irgend ein Lehr Unterrichtsgegenst[an]d
betrieben und bearbeitet wird werden kann welcher durch früheres nicht gehörig nicht genügend d[urc]h früheres vorbereitet u dadurch begründet
ist, so halte ich es doch für Pflicht dieß vor aller Anknüpfung
irgend einer ferneren Unterhaltung noch ganz besonders auszusprechen ich halte dieß für Pflicht meiner
aufr[ichtigen] Hochachtung für Ew Hochehrwürden, weil die meisten Ältern auch wohl Beurtheiler unseres Wirkens Erziehungs- und Lehrganzen darüber nicht
auf mit mir übereinstimmen, u weil wir dagegen davon jedoch unserm Lehrganze[n] aus Grundsatze u Überzeugung nicht abzugehen im Stande sind.
Namentlich erwähne [ich] daß wir den Unterricht in alten Sprachen nicht eher mit unsern Zögl[ingen]
anfangen beginnen als sie durch die Kenntniß der Muttersprache dafür entwickelt und gehörig dad[urc]h vorbereitet sind /
[1]
und daß ich noch kein Beyspiel habe daß dieß früher nächstes bey gehörigem Alter und gehörig entwickelter Geisteskraft
vor einem anderthalb jährige[m] Aufenthalte eines Knaben in unserm Kreise mögl[ich] geworden
ist, indem wir die Sprachkenntniß u den Sprachunterricht so wie jeden andern
[Gegenstand] nicht äußerlich sondern die Sprache ihrem innern Wesen u Bedingung getreu gemäß
behandeln, [*] die Kenntniß und der Unterricht in der Muttersprache direkt und auch
noch ganz besonders dazu von derselben das allgem: d. Sprache die allgem: Sprachgesetze zur Anschauung und zum Bewußtseyn zu bringen [.*]
Weiter sage ich daß das Lateinische bey uns später als
das griechische u erst nachdem, nach unserer Spr historischen
Sprachansicht das Erlernen der Lateinischen Sprache durch die griechische
Sprache vorbereitet ist und begründet ist mit dem Zögling betrieben wird; Zuletzt sage erwähne ich noch daß mit
keinem Knaben Zögl[ing] früher der Musik allgemein und Gesang Unterricht angefangen wird
als bis er
auf dem Clavier angefangen wird bis er
durch allgemeine Musikalität er den Gesang dazu die nothwen[-]
dige allgem[ein] begründende Musikalische Kenntniß u Ausbildung besitzt erlangt hat.
etwas gleiches findet bey der Geographie statt wo
der Zögl[ing] durch Kenntniß der Zahl Form u Größe u
des Zeichnens erst dazu vorbereitet seyn muß[;]
diese Behandlungsweise scheint auf dem ersten Blick manche
Verspätung hervorzubringen doch ist sie [diese] nur scheinbar indem
indem [2x] die Fortschritte davon später desto bewußter sicherer schneller u freudiger sind[.]
Die Wahrheit dieses Satzes das welche eigentlich schon von den Grundsätzen des Unterrichts aus selbst einleuchten bestätigen streng in der Erfahrung
daß wir von diesem genetischen Gange Unterrichtes gange nicht gegen unsere Überzeugung davon abweichen können, noch abwichen. verte.
Dieß Ew pp auszusprechen hielt ich mich mehrseitig verpflichtet besonders für nöthig
weil es vielleicht im Stande seyn kann Ew Vorsatz ferner
anders zu Modifiziren bestimmen. Mit der ausgezeichnetsten Hochachtung bin ich
mich unter[zeichnend] bleiben Sie
mich u mein Wirken auch wenn uns die Erziehung Ihrer lieben
Vettern nicht persönlich näher bringen u verbinden
sollte, Ihrer Per ferneren Theilnahme Wohlwollen empfehl[en]d /

[1R]
Überhaupt geht uns überall die Entwicklung des Allgemeinen u für
das Allgemeine, der Entwicklung des Besondern u für das Besondere
voraus, so wie uns, mit einem Worte, die Entwicklung u Aus-
bildung des Zöglings für das allgemein Menschliche, für den Menschen
und zum Menschen höher steht, als dessen Entwicklung u Ausbildung
für irgend ein Besonderes menschliches oder Bürgerliches Ver[-]
hältniß u Stand oder Beruf u sey es selbst der Gelehrte, sey
es die Wissenschaft als äußeres Wissen.
Dieß pp siehe vorstehende Seite
Dieß Ew Hochehrwürden auszusprechen hielt ich mich mehr[-]
seitig verpflichtet, besonders damit Sie nicht mit Erwartungen und
Hoffnungen für ein Verhältniß Ihrer Vettern wirken mögen
die wir aus Grundsatz u Überzeugung nicht erfüllen können[.]
Bleiben Sie, auch wenn uns die Erziehung Ihrer l. Vettern
nicht persönlich näher bringen u verbinden sollte, unserm
Wirken u Streben freundlich gewogen.
Mit wahrer Hochachtung grüße ich
Ew.
        ergebenst
K. d. 14 Jan 1821.·.