Briefausgabe Friedrich FröbelBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung / Fröbel-Forschungsstelle der Universität Duisburg-Essen

F. an Caroline von Holzhausen in Frankfurt/M. v. 2.4./30.7.1821 (Keilhau)


F. an Caroline von Holzhausen in Frankfurt/M. v. 2.4./30.7.1821 (Keilhau)
(KN 20,12 dat. Reinschrift 3 B 8° 12 S.; BN 281, Bl 223R-227 dat. Entwurf 2 ½ B fol 10 S., zum Großteil Bleistift, tw verwischt, ed. H V, 201-203/Entwurf, 205-210/Reinschr.)

a) Entwurf

[223R]
Am 2n April 1821. An die Ff v.Hh in
Beziehung auf einen allgemein[en] deutschen Frauen- und
Jungfrauen-Verein für allgemeine Deutsche
VolksErziehung.
Antworten sie [sc.: Sie] <nicht> es liegt uns zu fern
hwir haben mit unserm Familien Verhältniß
hinlängl[ich] zu thun trauen Sie der geprüften
Wahrheit, dem geprüften Satze: Es ist jetzt
die Epoche einer neuen Zeit, es ist schlechterdings unmögl[ich]
das persönli[ch]e individuelle Wohl u Glück
dieses Individuum[s], [(] sey [es] nun Person oder in
<gewisser> Beziehung Familie) zu begründen
u zu befördern ohne es d[urc]h Beförderung und
Begründung des allgemeinen Menschl[ich]en und beson-
ders unseres Deutschen Volkes Wohles zu
thun ohne d[urc]h dasselbe hind[urc]h gehend es
zu thun, trauen sie [sc.. Sie] dem ernsten Worte eines
Mannes welcher viele Jahre jetzt mehrere
Jahre unausgesetzt dem Nachdenken
über u der Beförderung Begründung allgemeinen
Menschen Wohles sich widmet; Sie haben
beyderseits schon zweymal meine Einladung
zur Begründung und Beförförderung [sc.: Beförderung] allgemeinen
Menschenwohl[es] <kalt> zurück gewiesen
weisen sie [sc.: Sie] es <ein>3es mal nicht zurück[.]
Jetzt kann <unser> Wirkungs kreis still und
geräuschlos seyn lassen Sie Ihre /
[224]
[Rand *-*]
[*] d. L. d. M. d. N. [Das Leben des Menschen der Natur] Bogen 111
1e Fortsetzung vom 2n April 1821.[*]
Lassen Sie Ihre Fräulein
Tochter als Mittelpunkt der-
selben auftreten. Sie haben mich
schon früher und öfter nicht ver[-]
standen, ich bitte Sie suchen Sie mich
jetzt zu verstehen. Sie haben
mich nicht verstanden als ich einen
festen Punkt als ich Grund u Boden
irdischen Erdboden zum Beginnen
meines Werkes forderte. Sie
bedachten nicht daß auch Jesus zu
Seiner Wirksamkeit einen irdischen
u Erdenleib <anziehen> mußte
ihn aber <willig> [H: wirklich] hingab sobald
die weitere Verbreitung seines
Wirkens [es] forderte. So sollte
mir auch das GrundEigenthum
nur D[urc]hgangsPunkt seyn und daher
weil es im Wesen im absoluten
Bedürfniß meines Berufs war
so zwang mich O [sc.: Gott] es anzunehmen
und Gott Segnete das Werk
es waren zeitliche irdische Sorgen die O [sc.: Gott]
mir [H: uns] auf erlegte allein es
sollte ein himmlischer Geist
daraus auf erstehen, daher
nahm mir Gott diese Sorge /
[224R]
wieder ab da er die Fortbildung
des Geistigen nur einzig von mir for[-]
derte u erweckte den theilnehmenden
Sinn meines in Welt[-] u Hausgeschäften
erfahrenen Bruder[s], mein[es] Osteroder Bruder[s]
daß er sich mit seiner g[an]zen Familie
zur Führung meines äußern Haus[-] u
Feldwesens mit mir einte
und wenn auch alles Äußere meinen Namen
trägt so greift doch nichts davon stöhrend
in die Ausbildung u Fortbildung des Innern des
Geistes ein.
Erlauben Sie mir daß ich hier auch Ihnen
die Wahrheit, den Satz, die Überzeugung die
<Gewiß>heit aussprechen darf; wir
leben in einer großen ZeitEpoche des
Menschengeschlechtes in der einer so wichtigen Epoche des
Menschengeschlechtes wie zur Zeit Jesu in
einer Epoche wo es wie dort einer
völligen Umkehrung des Menschen eines
völligen Wegwendens von dem Äußern
zu dem Innern bedarf, wie dort der
höhere Edlere Mensch zum Glauben
so soll jetzt der höhere Mensch zum
Schauen erhoben werden, die Natur, ja
die ewigen Gesetze u Wirkungen der
Natur sollen den Menschen <aussöhnen>
mit Gott mit der <der> Natur /
[225]
mit dem Menschen u sich durch die <->
Erkenntniß der Natur, d[urc]h das
Schauen in der Natur soll durch
das Schauen nach den strengen und ern[-]
sten Gesetzen des Wissens u des Denkens
in der Natur soll der Mensch empor
steigen zum Glauben an Gott
an Gott u Jesu, von Sohn u Geist
an Vater Sohn u Geist.
[Rand*-*] [*] werfen Sie meine
Einladung meine Aufforderung
nicht weg, jetzt nicht weg[.]
Glauben Sie mir es
<kehrt> die alte Zeit
g[an]z wieder bedenken
sie [sc.: Sie] die Worte
Jesu bey der Bereitung eines
großen Abendmahl[es] viele sind berufen <aber> [H: usw.]
O [sc.: Gott] bereitet jetzt
wiederum Abendmahl
wohl denen die jetzt hören [*] Die
Wahrheiten der Religion, die Wahr[-]
heiten des Wortes liegen klar
liegen bestätigend u anschaulich
d[urc]h die Wissenschaft der Na[-]
tur Natur u Sprache anschaulich klar ausge[-]
sprochen in der Natur. Lange
mußte ich d[urc]h Dunkel hind[urc]h
d[urc]h Kampf hind[urc]h gehen ehe ich es
wagen durfte mir es erlaubt <wurde>, diese Wahrheit
aus zu sprechen, aber dann fort trieb es
mich zuerst nach ihrer Erkenntniß – das
war es was mich fort trieb aus
ihrem [sc.: Ihrem] Kreis - denn das wirken für
Höheres Allgemeines nahm mir
alle Kraft alles Interesse für
das Wirken des Besonderen, das war
es was mich nach B. [sc.: Berlin] was mich
in [den] Krieg u wieder nach B. /
[225R]
und was mich von dort wieder in
die heimischen Flure, in den Kreis der
Geschwister u der Geschwister
Kinder trieb, jetzt verstehen Sie vielleicht
mein[en] Brief wenn den ich 1813 im Frühling
schrieb nach dem Feldzug u 1814 im Aug. Ihnen [über] Fr. v. Heyden abgab wo
ich die Gründe andeutete warum ich
in den Krieg mußte, jetzt verstehen
Sie vielleicht meine Briefe u <Schreiben>
von 1816 <Febr.> Ja edle Frauen
die Natur ist das sichtbare Gottes
Wort dem der es [H: daraus] zu lesen ver[-]
steht, die Natur spricht wiederholend
[Rand*-*] [*] Natur u Sprache [*] mit <be>sonderer Schrift bestätigend
jedes Wort Jesu des Welter-
lösers aus[.] Lassen Sie uns dafür
wirken daß unsere Kinder unsere
Brüder unsere Mitmenschen die Kinder
unseres Volkes diese Sprach[e] mehr
verstehen, lesen lernen und d[urc]h ihren
Ausspruch schauend zum Glauben an
Gott u Jesu und an den Gottes O es [sc.. Geist]
der d[urc]h die Natur zu uns spricht ge[-]
führt werden. Setzen Sie diese Ein-
ladung, legen Sie Sie [sc.: sie] nicht bey Seite
Verknüpfen Sie im stillen die Wirksam /
[226]
d. L. d. M. d. N. Bogen 112
2e Fortsetzung von 2 April
Verknüpfen Sie im stillen die
Wirksamkeit u Thätigkeit u Arbeitsamkeit
ächter edler Frauen u Jungfrauen zum [H: im]
Verein für allgemeine Deutsche
Volkserziehung für Religion, für
die Religion Jesu d[urc]h Verbreitung
relig[iös]en Studiums u Erkenntniß der
Natur und der Sprache u des Wesens der Dinge[.]
Trifft die Wahrheit des
Gesagten ihr [sc.: Ihr] Herz so theilen Sie sich
mir darüber mit, ich werde ihnen [sc.: Ihnen]
dann die weitere Entwicklung
der Wirksamkeit des
gedachten Vereins edler deutscher
Frauen u Jungfrauen für allgemeine
Volkserziehung mittheilen[.]
Ruhigen Schritts reift steigt das begonnene
Werk sein[em] Ziele entgegen, still und äußerlich wenig sichtbar keimen
kräftig die Saaten ihr Wachsthum aus und
so finde ich mich abermals in mich [sc.: mir] auf das bestimmteste u
lebhafteste ernsteste aufgefordert Sie Edle gnädige Frauen zu der Beför-
derung Theilnahme desselben einzu[-]
laden
[1. Erweiterung/Rand 31 Zeilen *-*]
[*] bey der festen Überzeugung welche aufrichtige
u hohe <Mit> Theilnahme Sie an einer gründliche[n]
<und> erschöpfend[en] Eine in dem Höchsten ihren
Haltungs[-] u ihren BeziehungsPunkt habenden
Erziehung der Menschh[eit] u besonders der <Anfang>
unseres jetzigen Geschlechtes Sie nehmen <wendet> sich unser Zweck u Streben d[urc]h auch zur Beförderung <an> Sie[.]
Ja je weiter wir in und außer uns fort[-]
schreiten, je mehr wir wirken u <lebendige> Früchte
des Wirkens sich ansetzen sehen um so
unzweydeutiger u lebhafter sagt uns alle Erfahrung
<dass> erschöpfende Erziehung das <gesellschaftl[iche]> Grund[-] u Quellbedürfnis
Aller <mitstrebender> sey. Es spricht sich dieses Bedürfniß
besonders lebhaft in allen mittleren <auch allen Vor> Ständen
in den Ständen der Staatsdiener, der sog. <allermeisten>
Gebildeten Stände aus [.]
Diese Erfahrungen diese Überzeugungen ziese [sc.. diese] Erkenntniß sprechen so laut sie uns
rufen uns so ernst u bedeutungsvoll zum
Handeln nach denselben auf, daß
wir der unbesichbaren [sc.: unsichtbaren] innern Stimme folgen
als Werkzeuge u Diener des ewig liebend waltenden
Geschicks folgen müssen auch um uns die Forderung
jener Wahr Erkenntniß ihrer Wahrheit u des Handelns dafür
zur <Einb[il]dung> Einsicht u Erkenntniß zu bringen
Ihnen edle gn. Frauen das <Erziehungsziel> auf
seiner jetzigen Stufe der Entwicklung u Ausbildung
vorzuste[l]len. Je weiter wir in der Entwicklung
u Ausbildung unseres Wirkens fortschreiten je
unzweydeutiger u lebendiger die Erfahrungen <aus welche>
vor uns liegen um so unzweydeutiger lebendiger u
klarer spricht sich auch uns jeder
Beziehung die Wahrheit aus daß ein umfassend genügend [bricht ab*]
[2. Erweiterung/Rand*-*]
[*] Das Bedürfniß einer
allgemeinen deutschen Volks[-]
Erziehung spricht sich mir nur
bestimmter u lauter
lebhafter aus, als daß
ich nicht allgemein zur
Befriedigung desselben
auffordern sollte. [*]
deren Zweck ist zunächst nur deutsche
Knaben u Jüngl[inge] die die Kosten einer gründl[ichen] und
umfassenden Erziehung nicht tragen können u
doch einen Drang u Beruf darnach haben
ihnen dieselben mögl[ich] zu machen so daß /
[226R]
ihr Unterhalt an Kleidung und Nahrung
entweder in Natur oder d[urc]h <in> Goldwerth
umzuwandelnde Arbeit getragen
werde. Wohl dem, der nicht an mir
irre wird, dem, der sich nicht an mir
ärgert. Wohl dem der sich d[urc]h die
Sorge für das äußere nicht von der
Sorge für das Innere, wohl dem der
sich nicht von der Sorge für das Irdische
Selbstische <an> die Sorge für das
höhere allgemeine vernichten läßt.
In Gott u Natur ist Einheit, Einigung
u Verständniß u kein Widerspruch.
*
Man muß jetzt auf eine doppelte Weise und durch
eine doppelte Weise für Erziehung, Lehre wirken
1. durch besondere Lehre durch Unterricht
im [sc.: in] besondern Lehr[-] u Unterrichts Gegenstände[n]
d[urc]h Lehre u Unterricht in besondern Wissen-
schaften, Sachen
2. d[urc]h allgemeine Lehre dh [H: durch] Lehre und Un-
terricht d[urc]hs allgemeine Wort.
[Rand*-*]
[*] alte u neue Zeit hat dieß bewiesen
die Zeit der Noth u des Schreckens
Frauen waren von jeher die Pfleger
Bewahrer der Menschheit der
Keime der Menschheit, alles hohe
und göttliche in ihrem tiefen frommen
von jedem Vortrefflichen zu bewegenden
Gemüthe, wo sollte hin an wen
sollte sich daher der ächte, der wahre
der sich selbst gern opfernde u hinge-
bende, der aufrichtigste, der uneigen-
nützig handelnde Menschenfreund
mit der Angelegenh[ei]t der Menschh[ei]t
mit der Angelegenh[ei]t seines Herzens
die g[an]z eins mit seinem Wesen
seiner Religion seiner ächten lebendigen Liebe zu
Gott u zu Jesu ist [,] hinwenden als
zu diesen treuen Pflege <mutigsten> [H: ewigen]
von der Gott u der Natur bestimmten Pflegerinnen
der Menschheit. Und so kommen auch
wir jetzt mit dieser Angelegenh[ei]t der
Angeleg[en]h[ei]t der Menschh[ei]t unseres Volkes
unseres Geschlechtes zu den edlen Frauen des Volkes
unseres Volkes, wenden uns an die edlen Frauen
unseres Volkes, in der Erwartung
daß Vereine
deutscher Frauen u Jungfrauen,
daß es Ein Verein deutscher Frauen
u Jungfrauen für allgemein deutsche
gründl[ich] u genügend erschöpfende
sein[en] Quell u seinen BeziehungsP[un]kt
in Gott u Jesu habender
Erziehung
es seyn könnte, seyn möchte
von welchen wiederum das
Wohl der Menschh[ei]t befördert [würde]
u begründend ausgehen könne.
So komme auch
ich abermals zu
ihnen [sc.: Ihnen] Sie zu unmittelbar befördern[den]
thätigen <unmittelbaren> Theilnahme an
dem Wohle der
Menschheit an dem Wohle
unseres> Volkes allen und /
[227]
[Anschluß 227] jedem im Volke
denn [H: denen] die Seegnungen
einer gründl[ichen]
frommen thätigen
Erziehung u Unter[-]
richt[s] reichen vom
Fürsten bis zum
<Ärdigsten> Niedersten im Volke
reichen vom Vornehmsten
u reichsten bis zum
Niedrigsten u Ärmsten
im Volke, gehen
d[urc]h alle
Klassen hind[urc]h [.]
Das meiste geschähe [H: müßte geschehen] zu allen u neuen besonders aber
in den neuesten Zeiten für Wiederherstellung der Volkstugend
u ächter Menschensitte
in verborgenem d[urc]h den Vaterländischen
Sinn der Frauen. Frauen[-]
sinn u Frauenthat steht überall
in der Geschichte der ausbildenden Darstellung der Menschheit u da wo sie der Vollendung entgegen reift oben an. Menschenliebe
ist ihnen Menschheitsliebe, und im Menschen schauen sie die Menschheit an so wie sie in
der Menschh[ei]t den Menschen sehen und d[urc]h die Erziehung des
einen für Vollendung, d[urc]h die Darstellung des einen
für Vollendung streben sie das andere zu erzeugen u
darzustellen [an]
sie tragen tief in ihrem Gemüthe die Wahrheit das <?> jenes Zurufs an sie: Sinnt u
erzieht, ihr könnt es allein, die glückl[iche] Nachwelt. – Das häusliche Glück die <Sicherung>
Begründung des häusl[ichen] Glückes muß Frauen und Jungfrauen für sich und ihre Kinder und KindesKinder und spä-
teren Nachkommen über alles wichtig seyn u
wod[urch] kann dieß mehr begründet u gesichert
werden als d[urc]h allseitige Ausbildung u erziehung [sc.: Erziehung] aller
Glieder im Volke, nicht nur der ersten der
Familie, des Hausvaters der Hausfrau aller
Glieder einer Familie bis zu den Dienern [H: Kleineren] herab müssen g[an]z ihrem Stand erzogen seyn
soll wahres FamilienGlück fest und uner-
schütterlich seyn
Deutsche Volks[-] und NationalErziehung
die <Sache> eines jeden besonders aber der deutschen
Frauen u Jungfrauen.
[227R]
Ich wollte Sie lebten mit in unserm
Kreise in unserer Nähe es würde ihnen [sc.: Ihnen]
nimmer in denselben einzudringen, ge-
reuen, es würde sich ihnen [sc.: Ihnen] das Wesen
Gottes u der Natur, des Schöpfers u
der Geschöpfe, des Menschen und aller
Dinge um ihn her aufschließen; die
Wahrheit des Paulinischen Aus-
spruchs und die Erfüllung der <Voraus> Ver[-]
heißungen Jesu wird sich ihnen [sc.: Ihnen], und <allen>
in noch höherer Klarheit u Reinheit offen[-]
baren. Alles was ich Ihnen hier darüber
sagen könnte würde herausgerissen aus seinem lebendigen Zusammenhang, sein Leben seine Bedeutung verliehren. - Weisen Sie die Ihnen ausgesprochene Einladung nicht
von sich, wirken Sie unter sich in Stille u Ruhe aber mit Ernst u Festigkeit für dessen
Darstellung u es werden sich uns dad[urc]h Mittel zeigen zu <einem> gemeinsamen wahrhaftig[en] Wirken
für Darstellung des Reiches O es [sc.: Gottes] nach der Verheißung Jesu. /
[228]
Wirken sie [sc.: Sie] so still und ernst aber auch
so umfassend für diesen Zweck
Verein für gründl[iche] u umfassende deutsche
Volkserziehung
als Sie nur immer können
der Zweck das Streben desselben,
die Forderung desselben spricht sich
demselben viel- ja allseitig durch
alles aus was dem Menschen nur
immer werth lieb u theuer ist nur es [sc.: nur es] be-
darf nur der Andeutung u so wird
er sich auch Ihnen vielseitig aus[-]
sprechen so bald Sie nur einen Augen[-]
blick ihn mit Ernst u Tiefe des
Gemüthes, Wahrheit des Geistes
anschauen wollen.
*

b) Reinschrift

[1]
Keilhau im Monat April 1821.


Verehrte, gnädige Frau.

Ruhigen Schritts steigt das begonnene Werk sei-
nem Ziele entgegen und still, äußerlich nur We-
nigen sichtbar keimen kräftig die Saaten ihrem
Wachsthume, ihrem Blühen und ihrem Fruchten zu; und
so finde ich mich in meinem Innersten abermals
ernst und auf das bestimmteste aufgefordert
Ihnen gnädige Frau die Folgen und Ergebnisse mei-
nes und unsern Wirkens und die Forderungen
derselben zu ruhiger Prüfung ihres innern Gehal-
tes und ihrer äußern Wirksamkeit, ihrer Wahr-
heit für Erkennen und Leben, Forschen und Handeln
Denken und Thun mitzutheilen.
Ja! je weiter wir in und außer uns fort-
schreiten, je länger und mehr wir wirken und sich
Blüthen und Früchte unseres Wirkens ansetzen
und hervorbrechen, um so unzweydeutiger, un-
leugbarer sagt uns alle Erfahrung in ihrer
ganzen Allseitigkeit: daß dem deutschen frommen
Gemüthe, dem deutschen forschenden Geiste, dem
gründlichen deutschen Charakter, der allseitgen Na- /
[1R]
tur des Deutschen erschöpfend genügende, E eine
allseitige, sich auf Denken und Thun, Erkennen
und Handeln, Wissen und Können gründende
sie bezweckende Erziehung, ein solcher Unter-
richt das Grund- und Quellbedürfniß Aller
im gemeinschaftlichen Vaterlande sey. Es
spricht sich uns dieses Bedürfniß lebendig und
umfassend in allen Ständen des deutschen Volkes
in der Gesammtheit desselben aus. Diese Erfahr-
ung diese Wahrheit spricht sich uns so überzeugend
so laut aus, ruft uns so ernst und bedeutungs-
voll zum Handeln nach derselben auf, daß wir
der unbesieg- und unbestechbaren innern
Stimme folgen müssen auch um uns nach un-
sern Kräften jene Wahrheit und die Nothwendig-
keit des gemeinsamen Handelns dafür zu kla-
rer Einsicht und Erkenntniß zu bringen.
Frauen, edle Frauen und Jungfrauen waren
von jeher die Pfleger, die Bewahrer der Menschheit,
der Keime der Menschheit, sie waren die Pfleger
und Bewahrer alles Hohen und Göttlichen in
ihrem tiefen, von jedem Guten und Vortrefflichen
leicht zu bewegendem Gemüthe. Alte und neue /
[2]
Zeiten, die Zeiten der Noth und des Druckes, des Schreckens
und des Schmerzes haben dieß zur Genüge bewiesen
und beweisen es. Das Meiste geschahe in alten und
neuen, besonders aber in den neuesten Zeiten
für Wiederherstellung namentlich alter deutscher
Volkstugenden und Darstellung ächter Menschheit,
heiliger Sitte im Verborgenen durch das, von den
drey Worten Vaterland, Menschheit, Gott ganz
erfüllte weibliche Gemüth. Frauensinn und Frauen-
that steht überall in der Geschichte der Ausbildung
und Darstellung der Menschheit und da wo diese
der Vollendung entgegenreift oben an. Men-
schenliebe ist ihnen und wird ihnen wo sie es
noch nicht ist leicht Menschheitsliebe und im
Menschen schauen sie die Menschheit an, so wie
sie in der Menschheit den Menschen finden und
sehen und durch die Erziehung des Einen für
Vollendung, durch Darstellung des Einen in seiner
Vollendung suchen und streben sie das Andere
zu erziehen und darzustellen. Sie tragen tief
im Gemüthe die Wahrheit des Herderschen Zurufs
an sie: - "sinnt und erzieht, ihr könnt es allein,
"die glückliche Nachwelt." /
[2R]
Wohin also, an wen sollte sich daher der wahre,
der ächte, der sich selbst gern opfernde Menschenfreund
mit der Angelegenheit der Menschheit und also jedes
einzelnen Menschen lieber, und des Erfolgs sicherer
wenden, als an das still verborgene, sinnende
und sinnige Wirken der Frauen und Jungfrauen?-
Und so komme und wende ich mich auch [an] Sie edle Frau
und an die ächten, weiblichen Gemüthe ihrer [sc.: Ihrer] Kreise
in der Sache jedes Einzelnen im Volke weß wes Alters
Standes und Geschlechtes er sey und so in der Sache
des Ganzen welchem Sie einen Namen geben mögen
der Ihrem Gemüthe am nächsten liegt, denn der Name
sey welcher er sey, es ist ewig die Ausbildung und
Darstellung des sich in dem Menschengeschlechte, in
der Menschheit so wie in jedem einzelnen Gliede
desselben sich geoffenbarten und offenbarenden Geistes
Gottes. Erziehung und Ausbildung unseres Volkes
und jedes Einzelnen im Volke; allseitig f er-
schöpfende, dem Charakter, dem Gemüthe und Geiste,
den Bedürfnissen und Forderungen jedes Einzelnen
ganz entsprechende Erziehung ist es also, weßhalb
ich mich auch vertrauensvoll an Sie wende.
Von der Nothwendigkeit einer allgemeinen /
[3]
deutschen Volks- und Nationalerziehung auf das leb-
hafteste durchdrungen, aber auch über die Hindernisse
derselben klar belehrt, welche besonders dem minder
Begüterten, dem Mittleren im Volke, aber im Durchschnitt
den Strebendsten, am wenigsten möglich machen, die
Forderungen, die Bedingungen herbey zu schaffen, zu[r]
befriedigung welche in der jetzigen Zeit eine gründliche
und allseitige Erziehung nöthig macht, haben wir
die feste Überzeugung, daß Frauen- und Jungfrauen
Vereine für diesen Zweck gestiftet einen wesentlichen
Theil jener Hindernisse heben, jene Forderungen und
Bedürfnisse befriedigen können, und zwar Frauen
und Jungfrauenvereine welche den ganz besondern
Zweck hätten die Erziehung und Ausbildung braver
Knaben rechtschaffener Eltern und von unzulänglichem
Vermögen ihrer Umgebung oder Orts, A nach Art
und Weise der Frauenvereine von 1813/15, zu unterstützen.
Die Wahl der zu unterstützenden Eltern und der
durch Beyhilfe der Vereine zu erziehende, als
Söhne der Vereine aufzunehmende Knaben
stände wohl am füglichsten jedem Vereine ganz
frey. Sie gnädige Frau und die ächten weiblichen
Gemüthe Ihres Kreises zur Bildung eines solchen /
[3R]
Vereines aufzufordern und einzuladen, ist der beson-
dere Zweck dieses Briefes.
----------

K. am 30sten July 1821
So weit lag der Brief seit einigen Mona-
ten vollendet in meinem Schreibtische. Seit je-
ner Zeit schien manches in unserm Wirken
und Streben der Entwicklung entgegen zu reifen
und reifte ihr wirklich entgegen, und da ich diese
abwarten wollte, so hat sich die Absendung dieses
Briefes bis jetzt verspätet. Und ich habe mich
auch nicht geirrt; wovon ich in meinem Ge-
müthe fest überzeugt war, das hat sich auch schon
äußerlich von einer Seite her bestätigt.
Die Fürstin Mutter nämlich, welche sich schon
früher als Regentin und Obervormünderin
durch Pflege des öffentlichen Schul- und Erziehungs[-]
wesens sehr auszeichnete und auch eine Darstellung
der Pest: Methode, die ich mir erlaubte, Ihr aus
Yverdun zu überschicken, in Bezug auf die An-
wendung derselben in den Schulen nicht unbeachtet
ließ, hat auch mein und unser Wirken und
Streben Ihrer besondern Beachtung würdig ge- /
[4]
halten und es - nachdem sie durch mehrere
compedente [sc.: kompetente] Richter, den ConsistorialAssessor und
Hofprediger Dr Zeh
, den Professor der Philologie Dr
Sommer
, den Assistenz- und Cammerrath Schwartz
und für Musik den Kammersänger A. Methfessel
den Gesammtzustand desselben hat untersuchen lassen
- auf mit einem unverzinslichen Darlehen auf
mehrere Jahre von 1000 Thaler Preuß. unterstützt.
Dieses hat mir den in der ersten Hälfte dieses
Briefes ausgesprochenen Gedanken wieder
lebhaft ins Gemüth zurück gerufen und mit
aufs neue gestärktem Glauben an die Ausführ-
ung desselben erfüllt. Sollten solche sich im Stillen
gebildete und still wirkende Vereine sich scheuen
öffentlich aufzutreten, sollten sie wegen einer
öffentlichen Vertretung verlegen seyn, so würden
sich gewiß, jemehr sich das Ganze in seiner
heilbringenden stillen Wirksamkeit bewährte
auch öffentliche Vertreterinnen finden, die schon
ihrer bürgerlichen Verhältnisse und Stellung nach
mit einer öffentlichen Gewähr da stehen, wie
dieses auch bey den so wirksamen Vereinen
1813/15 der Fall war und noch jetzt in Berlin und Wien der /
[4R]
Fall ist.
Möge dieses den Ihnen unbefangen und zutrauensvoll ausgesprochenen
Gedanken in seiner innern und äußern Begründetheit zeigen.
Da ich mir sagen muß daß ein Wirken, wel-
ches das Wichtigste des Menschengeschlechtes dessen
Entwicklung und Ausbildung zum Gegenstand
hat, sich gewiß Ihrer bleibenden Aufmerksam-
keit zu erfreuen hat, so erlaube ich mir wieder
Ihnen gnädige Frau die Bogen welche ich so eben
dem Publicum als Nachricht von der innern Aus-
und Fortbildung unseres Kreises übergebe, zu
überschicken. Freuen wird es mich wenn Sie
nach Ihrer Prüfung finden werden, daß wir
wirklich in der Darstellung und Ausbildung des
Gedankens welcher all unserm Wirken zum
Grunde liegt, wirklich fortgeschritten sind; freuen
würde es mich besonders wenn Ihnen aus dieser
kleinen Schrift in Verbindung mit der Ihnen mit in
Hoffnung Ihrer gütigen Verzeihung schon früher
übersandten, die Überzeugung hervorgehen würde
daß unser und ganz besonders mein Zweck nicht die
Darstellung einer gewöhnlichen ErziehungsAnstalt wie
es deren so viel giebt ist und in denen es blos und /
[5]
sondern das daß es uns außer der Erziehung der Einzel-
nen als solcher und außer dem Resultat der Er-
ziehung dieser Einzelnen noch besonderer und weiter-
er Zweck ist: Darstellung, Ausübung und Ver-
breitung absoluter Erziehungsgrundsätze der
Erziehungs-grundsätze welche in dem Verhältnisse
der Menschen zu Gott, in dem Wechselverhältnisse
zwischen Menschen und Gott, welche in der Wahrheit
begründet sind: daß alle Dinge aus Gott hervor-
gegangen sind, daß Gott der Schöpfer und Vater
aller Dinge ist; unser Zweck ist: Darstellung
solcher Erziehungs Grundsätze, wie sie in dem all-
gemeinen menschlichen Wesen begründet sind, aber
ganz besonders klar in dem deutschen Charakter
sich aussprechen; unser Zweck ist noch besonders
Darstellung einer allgemeinen deutschen VolksEr-
ziehung.
Das 2e beyliegende Exemplar bitte ich mit
meinem hochachtenden Gruß der Frau von
Heyden
zu übergeben.
Auch äußerlich ist das Ganze fortgeschritten.
Mehrere Zimmer in dem neu erbauten größern
zunächst zur Aufnahme von 25-30 Zöglinge[n] /
[5R]
bestimmten Wohnhauses sind in kurzer Zeit zum Bewoh-
nen ganz fertig, und ich hoffe mit dem Ganzen es in
diesem Herbste beziehen zu können; wo ich dann
das ebenfalls bequem eingerichtete doch noch nicht
ganz ausgebaute Wirtschaftshaus meinem
Bruder und dessen Familie, dem Bewirtschafter
meines Gutes und dem Besorger des Ökonomischen
der Anstalt, einräume. Jenes Wohnhaus steht
von eigner und fremder Wiese, Garten und Feldern
ringsumgeben in der oberen Hälfte meines Gehöftes
gegen Westen am Fuße eines kleinen Berges
welcher sich bald hinter demselben erhebt, und hat
die Hauptaussicht gegen Osten und des längs des
Thälchens hinab über einige Dörfer bis durch die
Öf[f]nung des Thales hindurch auf die Saale und in
das blühende und reich mit Dörfern besäte Saal-
thal. Der Wirtschaftshof nimmt den unteren Theil
meines Gehöfts ein und öffnet sich fast in die
Mitte des kleinen Dörfchens. Jetzt sind meine
Wirtschaftsgebäude, die ich fast alle ganz neu habe
aufführen lassen vollständig.
Durch 3 Zöglinge die ich ganz kürzlich erhalten
habe ist jetzt die Zahl derselben auf 17 gestiegen /
[6]
worunter jedoch schon einige sind welche als Un-
terlehrer zur Förderung des Ganzen wirken
so daß ich jetzt außer den mitbegründenden Freun-
den Langethal und Middendorff wenigstens noch
3 lehrende Gehülfen zählen kann. Von den jüngst
erhaltenen drey Zöglingen ist einer der Neffe des oben
als prüfend genannten Assistenz[-] u C. R. Schwartz
und die beyden andern sind die Söhne eines gewissen
Major von Könitz, Deputirten auf dem Coburgschen
Landtage, welcher jetzt auf seinem Gute einige
Stunden von hier wohnt. So sind die meisten mei-
ner Zöglinge aus der nächsten Umgegend wo
sich die Eltern ununterbrochen von dem morali-
schen und Bildungszustande ihrer Z Söhne persön-
lich unterrichten können.
Ich hoffe daß Sie gnädige Frau, so gütig seyn
und mir diese in das Einzelne gehende Mit-
theilungen von meinem Leben und Wirken und
von meinem Kreise verzeihen werden, denn
wie sollte es mir nicht ein Bedürfniß seyn
Sie hochverehrte gnädige Frau unter deren Schutze
mein Geist zuerst in äußerer Wirksamkeit
hervortrat, mit dessen Fort- und endlichen /
[6R]
Ausbildung für bleibende That und mit dessen
Wirksamkeit bekannt zu machen; wie sollte
es mir nicht Bedürfniß seyn, Ihnen zu zeigen, daß ich nie
vergesse, was ich der Menschheit für alle das
hohe, pflegende, erziehende und bildende was
sie mir durch vorzüglich edle Menschen reichen
ließ bleibend und ewig schuldig bin und daß
es mir schönster Zweck meines Leben ist diesen
Dank der Menschheit auch durch bleibend sich
ins unbegrenzte fortentwickelnde Früchte wie-
der zu bezahlen.
Glauben Sie mir gnädige Frau der größte Mann
wenn er aufhört Mensch zu seyn, hört auf, groß und
edel zu seyn und Dankbarkeit ist die schönste der
menschlichen Empfindungen. Grüßen Sie alle
denen mein Gruß lieb ist. Ich gestehe gern daß
es mir ein sehr erfreuliches Geschenk seyn würde
von irgend jemand aus Ihrem Haus etwas zu hören.
Noch erfreulicher würde es mir seyn wenn einen
Ihrer lieben Söhne der Lebens Weg hierdurch und zu
mir führen sollte. Leben Sie und alle die theuren lieben
Ihrigen recht wohl. Den Herrn v. Holzhaußen bitte ich
besonders mit Hochachtung von mir zu grüßen.
Leben Sie wohl.- FWAFröbel.

(Zwei Nachschriften auf 6R/5V)
Und von meinem lieben, theuern Weibe kein Wort?!- Gott hat mir in ihr gütig geschenkt was ich nach der vielfachen Beziehung
meines Wesens, meines Geistes und Gemüthes, meines Lebens bedurfte so fühle ich mich in allem meinem Denken und Thun mit ihr als Eins, so daß sie
in allem diesen nicht als <ein> von [2x] mir getrenntes entgegen tritt, deßhalb auch nicht ihre besondere Heraushebung. /
[5V]
Mögten Ihnen dieses die Ihnen im Febr 16 Ihnen geschriebenen beyden Parabeln das Felsstück und der Eichkern zurückrufen und mögten diese
so wie alles dort Niedergeschriebene durch mein Leben die Bedeutung erhalten mit der geschrieben wurde und die ihm zu mangeln schien.-