Briefausgabe Friedrich FröbelBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung / Fröbel-Forschungsstelle der Universität Duisburg-Essen

F. an <?> in <?> v. 18.11.1821 (Berlin)


F. an <?> in <?> v. 18.11.1821 (Berlin)
(BN 282, Bl 155-162, dat. Entwurf 4 B 8° 15 S ohne Adressat)

Am 18n 9br 1821
Edle deutsche Frau und [Lücke]
Kandler unser gemeinschaftlicher u verknüpfende
Freund hat mir vor einigen Tagen geschrieben
wie auch Sie von dem Gedanken deutscher
Volkserziehung welcher seit langem in der
Tiefsten Tiefe meines Herzens u Gemüthes lebt
erfaßt ergriffen worden sind besonders aber von
dem Gedanken eines Vereines deutscher /
[155R]
Frauen u Jungfrauen für dieselbe
ein Gedanke der mich jederzeit so oft ich
ihn wieder denke und mein ganzes
Wesen so durch und ergreift, daß ich
die Ausführung desselben mit allem was ich
bin habe mit freudiger Hingabe meines ganzen
Wesens u Lebens herbey führen möchte.
Ja edle deutsche Frau! es ist dieß ein
Gedanke welcher [sich] seinem tiefen Folgen
Bedeutung u Sinne, seinen großen
segensreichen unendlichen Folgen nach gar
nicht ausdenken läßt und so oft
er auch, seit er in einer gesegneten
Stunde meinem Gemüthe entstieg ist
schon mein ganzes Wesen zu seinem
Eigenthum gemacht hat, so habe ich
ihn doch in seiner Allseitigkeit und seinem
Leben, seiner Liebe u seinem Wirken /
[156]
nach noch nicht durch[-] und ausdenken
können. Aber es ist mir leider mit
diesem Gedanken und dessen Mittheilung
gegangen wie dem Säämann im Evan-
gelio so oft ich ihn auch schon zur
Aufforderung zur Theilnahme für
die Ausforderung [sc.: Ausführung] aussprach, so traf
das Wort bald auf Stein, bald
in Dornen, bald auf Wege, und
dieß hätte mich wohl muthlos machen
sollen, aber ich bin auch hier meiner
durch mein ganzes hindurch zu meinem
Heil u Frommen gefolgten Überzeugung
nachgegangen daß jeder guter und
ächter. Wahrer Gedanke nicht unser
Eigenthum ist mit welchen wir schalten
u walten können wie wir wollen, /
[156R]
sondern nur ein theuer anver-
trautes Gut, von dessen Verwal-
tung wir einst strenge Rechenschaft ge-
ben müssen – nachgegangen, und
so bin ich dem immer von neuem
der Mahnung meines Innern gefolgt
(und habe) immer von neuem die Über[-]
zeugung meines Herzens Geistes und das Sehnen
meines Gemüthes ausgesprochen, so
oft sich mir Aufforderung darzu zeigte
und so scheint es als habe dieser Mittheilung
als ich sie dem stillen u frommen Ge-
müthe unseres gemeinschaftlichen Freundes
Kandler anvertraute, die segensreichste
Stunde geschlagen, denn nach den
Mittheilungen meines Freund unseres Freundes
hat jener Gedanke auch in ihnen [sc.: Ihnen] edle
deutsche Frau u in dem Gemüthe der /
[157]
der deutschen Frau u Jungfrau ihren
Töchtern die weiblichen Gemüther die hohen Frauen den
ächten deutschen Frauen Sinn gefunden
welche ich ihm seit lange vergeblich
gewünscht u gesucht habe, und diese
Mittheilungen meines Freundes sind es be-
sonders der Grund daß diese Zeilen
bey Ihnen das [sc.: daß] ich persönlich schriftlich
bey Ihnen erscheine möge zer der
Freund und der Gedanke selbst mich bey Ihnen
vertreten wenn ich Ihnen zu kühn erscheine
aber edle deutsche Frau ich habe nun
einmal gewisse Ansichten Überzeugungen
von dem Innern Leben dessen Wirken und
Wechsel gegenseitigen Verhältnisse von diesen
ich mich nur <-> würde trennen können
wenn ich mich von meinem Wesen selbst
trennen könnte dahin gehört auch die
/
[157R]
feste Überzeugung daß wahres und ächtes
dauerndes, fruchtbares sich gegenseitiges
Verstehen auch nicht nach u nach, sondern
wenn sie sich wahrhaft verstehen sollen u können
das Verständniß augenblicklich u im Nu
kommt. Doch genug von mir u fast mögte
ich Sie wegen des vielen um Verzeihung bitten
wenn nicht auch zur Würdigung allgemeiner
Gedanken die Kenntniß [des Persönlichen gehörte.]
Nun zu dem Zwecke dieses Briefes. Daß
Ihnen der Gedanke eines Vereins deutscher
Frauen für deutsche VolksErziehung und dessen Ausführung erscheint
mir über alles wichtig spricht und die Noth
wirkliche Nothwendigkeit ja das Begründet[-]
seyn desselben, als ein ganz nothwendiges
spricht sich mir als ein ganz nothwendiges
Gbegründetes Glied in der Entwicklung
des Menschengeschlechtes und namentl[ich] /
[158]
unseres deutschen Volkes aus
und wo ich jetzt nachdem mir dieser
Gedanke gekommen ist nun hin blicke
prüfend hinblicke wo sich mir nur ächtes Leben
Sinn für ächtes Leben und Hoffnung
einstigen ächten u besonders deutschen
Lebens ausspricht da tritt mir
auch wie ein Cherub leuchtend der
Gedanke entgegen:
[Bis Seitenende vollständig gestrichen]
Aus Anerkenntniß u Würdigung des
ächten u tiefen Frauengemüthes u Frauen[-]
sinnes besonders aus dem ächten u
tiefen deutschen Frauengemüthe
dem tiefen Gemüthe deutscher Frauen
Nur aus dieser Anerkenntniß wird
nicht nur dem Deutschen nein wird
dem ganzen Menschengeschlechte jetzt /
[158R]
und in alle Zukunft Heil u Segen
kommen, so wie aus der Nichtanerkenntniß pp.
was aber anerkannt u
anerkannt seyn soll u will für dessen
Anerkenntniß muß gewirkt ge-
wirkt werden, es muß selbst für seine
Anerkenntniß wirken dieß Gleich[-]
nisse vom Licht unter dem Scheffel,
vom vergrabenen Pfunde und vom taub gewordenen Salze lehren
uns dieß
und es ist jetzt an der Zeit daß dieß
daß die Macht u die historische leben[-]
gebende Wirksamkeit des weiblichen Ge-
müthes anerkannt werden soll[.]
Dieß tritt uns d[urc]h die Erscheinungen der Zeit in Schriften
und Handlungsthaten sattsam entgegen,
daß es mir unnöthg scheint <Bestätigungen> dafür aufzustellen
ob es sich gleich <unverhältnißmäßig> nachweisen läßt [.]
[Die folgenden Zeilen 158R und 159V sind vollständig gestrichen]
So heißt es in einem vielgelesenen Buche die
Geschichte des sittl[ichen] Lebens füllt wenige
Blätter aber diese gehört vor allem den
Frauen der Heerd des häusl[ichen] Glückes
ist der Hort des Vaterlandes. Sein /
[159]
heiliges Feuer bewahren die Herzen
der Frauen u Jungfrauen. Und wo sie
immer ihren heiligen Beruf die Herstellung
der Volkssitte d[urc]h häusliche Tugend
erkannten u übten, da lebte auch Volks[-]
ehre wieder auf, So wirkte auch in
unsern Zeiten das Meiste im Verborgenen
der vaterländische Sinn der Frauen
und ganze Schriften handeln von dem Ein[-]
flusse der Frauen in der <SGeschichte>. Herder
der Seher sprach zu den Frauen – sinnt, er-
zieht ihr könnt es allein die glückl[iche] Nachwelt.
Aber abgesehen von Alle diesem scheint mir
die Nothwendigkeit eines Verein[es] besonders deutscher Frauen für
deutsche Volkserziehung noch bey weitem tiefer
zu liegen ja denn nach meiner festen Überzeugung
geht ist das Meiste Unheil was uns getroffen
hat u noch jetzt trifft aus den Nicht[tr]auen bey /
[159R]
und daher NichtAchtung und deßhalb auch nicht Aus-
bildung des weibl[ichen] Gemüthes u Sinnes
<-> besonders des Frauensinnes u Gemüthes
hervorgegangen doch erlassen pp., soll daher an etwas
bleibend Gutes gedacht für etwas bleibend
Gutes gearbeitet werden, so muß für
die Anerkenntniß des weibl[ichen] Gemüthes
gearbeitet, das männliche Herz, der
männl[iche] Theil des Menschengeschlechtes
dafür erzogen werden, ja lassen Sie es nur
mir [sc.: mich] offen gestehen wie ganz anders würde
es in ganzen häuslichen Kreise, wie ganz
anders mit der Erziehung im allgemein[en]
u wie g[an]z anders mit dem Bestehen g[an]zer
dem Heil u dem Frieden g[an]zer Familien ja des
g[an]zen Volkes stehen wäre und würde das
weibl[iche] Gemüth u Frauen Sinn u Gemüth /
[160]
allgemein seinem Wesen u Leben u Bedeu[-]
tung nach auch erkannt u wirksam
sich aber selbst anerkannt zu machen
für seine Selbstanerkenntniß mit
Hingabe seiner selbst zu wirken
daß [sc.: das] ist seine nach der Quelle unserer
Religiösen Begriffe und unserer Menschen[-]
geschichte ihre Pflicht, Maria schon lößte [sc.: löste]
einen Theil der auf ihrem Geschlechte ruhenden
Pflicht durch die demüthige Aufnahme
des göttlichen Grußes, doch dieß ist nur
eine Seite der Betrachtung andere sind noch übrig[.]
Erlassen Sie mir jetzt edle Fr: das
historische Begründetseyn jenes Gedankens
u dessen historische Wichtigkeit nach zu weisen
er drückt sich lebendig u tief genug im Gemüth selbst aus
lassen Sie uns lieber daran denken u davon
<reden> wie er am sichersten, begründetsten und doch schnellsten ins Werk
zu setzen ist, lassen Sie uns dann wenn die
That zu der uns so laut die reine Stimme /
[160R]
unseres Innern auffordert geschehen ist,
lassen Sie dann uns freuen wenn wir
sehen u erk[enne]n wie tief menschlich,
wie welthistorisch u wie deutsch Volks[-]
thümlich wie in der Zeit nothwendig
sie war u begründet ist – genug
wir sehen nur zu lebendig <-> u klar pp.
Seyn Sie thätig dafür so viel sie [sc.: Sie] nur
können und in welchem Umfang sie [sc.: Sie] nur können
ist der Verein in sich im Stillen fest
begründet u es bedürfte dann einer
Sch fürstl[ichen] Schutzfrau so wird sich
diese dann wenn sie nötig ist gewiß
auch unter an einer ächt deutschen u deutsch
gesinnden [sc.: gesinnten] Fürstin finden.
Ich glaube nicht nöthig zu haben Ihnen
edle deutsche Frau erst die Nothwendig[-]
keit u Wirksamkeit solcher Vereine /
[161]
darlegen zu können müssen (die Gründe so wie
die Folgen sind kaum aufzuzählen) beyde
scheinen sich mir so lebendig entgegen zu
dreten [sc.: treten] sobald man nur den Gedanken faßt
daß es gar keiner weitern Aus-
führung u Darstellung bedarf aber noth-
wendig scheind [sc.: scheint] es mir den eigentlichen
nächsten Zweck u die Mittel zur Er-
reichung desselben sich klar auszusprechen.
Seit den vielen Jahren daß ich Erzieher bin
u besonders seit der Stiftung unserer Erziehungs[-]
Anstalt habe ich gefunden daß sich bey denen
das Meiste ächte ErziehungsInteresse Interesse für ächte VolksErziehung zeigt wo die verhältniß[mäßig]
nur wenigste Mittel dazu [sich] finden
bey dem mittleren Bürger u dem Beamten von
geringem u mittleren Gehalt diese beyden
nun, fähige Knaben aus diesen beyden Ständen
nun in ihrem Wunsch u streben zu unter-
stützen müßte meines Erachtens die erste /
[161R]
Rücksicht des Vereins seyn, die
Zwecke des Vereins sogl selbst wären
1. 2. 3. pp pp
Ja edle Frau lassen sie [sc.: Sie] uns lassen sie [sc.: Sie]
mich nicht b[lo]s aufrichtig nein lassen sie [Sie] uns
u mich sogar g[an]z offenherzig seyn lassen sie [Sie] uns
den Sinn der Masse ja mehr als der Masse
denn das Gift ist fein u liegt tief u wirkt
unscheinbar, lassen sie [Sie] uns die allgemeinste
Überzeugung beschauen, daß von dem
Frauensinn, Frauenempfindung, Frauen[-]
gemüth dem Menschen besonders der bürger[-]
lichen Gesellschaft des Menschen, dem <wagensten> höhern
Leben des Menschen Grenze u Leugnung
gesetzt ja wohl gar Trübung gegeben werden[.]
Lassen Sie uns klar für unser und
alle künftigen Geschlechter ja für
die g[an]ze Menschheit darthun, das [sc.: daß] alle[s]
das was wir dem weiblichen Gemüth /
[162]
zur Last legen, die Früchte unserer
eigenen, - der Männer verkrüppelung
am weibl[ichen] Gemüthe sind – zeigen
sie [Sie] die größte aller Handlungen
wirken sie [Sie] wohlthätig {vergebend erziehend
wirken sie [Sie] für die Er-
ziehung – wirken sie [Sie] mit Hingabe u mit
Aufforderung für die Erziehung des Geschlechtes
von welchem von jeher namenloses
Elend ihrem [sc.: Ihrem] Geschlecht u von welchem
es höchstens sobald der einfache Natur[-]
zustand verlassen wurde es als ein
niedliches u reizendes Spielwerk beachtet
wurde – wirken sie wirken Sie in
Verein für die Erziehung dieses Geschlechtes
damit Ihre UEnkel[-] u Ururenkeltöchter
einst hochgeacht[et]e Gat[tinnen] u Mütter
und wieder geehrte wie bey den alten Deutschen geehrte deutsche Frauen wieder <werden> u ihrer
Enkel u Urenkel Söhne einst wahre
u würdige Männer wieder würdige
deutsche Männer werden /
[162R]
welche wieder wie die alten Teutschen tugend[-]
hafte Frauen sehr hochachten, ja sich
überzeugen das [sc.: daß] ihnen etwas hohes u heiliges
ja ahnungsvolles eingegeben ist.
Lassen Sie sich von der Kleinheit u Unbe[-]
deutendheit von welcher sich dieser Gedanke Ihnen
Aus spricht nicht von dessen Würdigung zurück
scheuchen, das größte Hohe Große u Gute ist nie vom
Großen u der Menge ausgegangen immer von
der Einzelnheit u vom Kleinen.