Briefausgabe Friedrich FröbelBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung / Fröbel-Forschungsstelle der Universität Duisburg-Essen

F. an Karoline-Luise Fürstin von Schwarzburg-Rudolstadt in Rudolstadt v. 31.12.1821 (Keilhau)


F. an Karoline-Luise Fürstin von Schwarzburg-Rudolstadt in Rudolstadt v. 31.12.1821 (Keilhau)
(ThStA Rudolstadt, Schloßarchiv D Nr. 9, Bl 13-16 u. Beilage Bl 39-42, Brieforiginal 2 B 4° 7 S., Beilage 2 B 8° 7 S. - Zum Brief gehörten lt. Bl 15 zwei Beilagen: 1. ein [noch nicht veröffentlichter] "Gedanke" zur Bildung von Frauen- und Jungfrauenvereinen für deutsche Erziehung zur "Prüfung" durch die Fürstin; 2. ein Exemplar von F.s jüngster Schrift. Bei Nr. 1 handelt es sich mit großer Sicherheit um die [dann falsch eingebundene] Briefanlage Bl 39-42 [vermutlich Handschrift Middendorffs]. Die Anlage wird in Briefliste unter 256 geführt. Bei Nr. 2 müßte es sich um die 3. Keilhauer Werbeschrift handeln, die 1821 erschienen ist, von der inhaltlichen Umschreibung her ist aber mit großer Sicherheit die 2. Werbeschrift [Durchgreifende (...) Erziehung (...)] gemeint. Auffällig ist, daß beide Schriften von F. parallelisiert werden, Nr. 1 als Schrift für Frauen, Nr. 2 als vorrangig für Männer gedacht.)

Durchlauchtigste Frau Fürstin Mutter,
Gnädigste Frau Fürstin und Frau.
Kein Dank für die Beförderung und Unterstützung eines
derselben werth und würdig geachteten Werkes kann wohl
größer und schöner seyn, als das Gelingen, das Besteh-
en und die zu immer größerer Vollkommenheit fort-
schreitende Ausbildung dieses Werkes selbst. Ewr: Hoch-
fürstlichen Durchlaucht diesen Dank darzubringen, ist seit /
[13R]
Langem innigstes Bedürfniß und Forderung meines
ganzen Wesens; denn nicht nur äußerlich ist mein
Werk und meine Unternehmung mit der ganz beson-
ders befördernden Unterstützung Ewr: Hochfürstlichen
Durchlaucht fortgerückt und hat sich ausgebildet, inde[m]
wir uns seit langer Zeit nun schon eines größeren Rau-
mes und so immer mehr und mehr auch der äußern Kla[r-]
heit und Ordnung erfreuen, welche, wenn auch nicht die
Seele, doch gleichsam die Sonne, das bildende und ent-
wickelnde Licht eines erziehenden Wirkens sind; son-
dern auch und bey weitem mehr und wesentlicher ist
unser Werk innerlich, wenn auch weniger und nur
Wenigen sichtbar fortgeschritten: immer klarer und
bestimmter entwickeln sich Zweck und Mittel unser[es]
erziehenden Wirkens, und immer mehr entfaltet sich
die Kraft dazu und bildet sich dafür aus.
Aber auch klarer, bestimmter, immer unläugbar[er]
und anschaulicher tritt die unvermeidliche Nothwendig[keit]
und das unumgehbare Bedürfniß einer durchgreifenden /
[14]
Erziehung unseres Volkes hervor. Es tritt mir dieses Be-
dürfniß im Einzelnen wie in der Mehrheit, im Allgemei-
nen wie im Besondern, in den einzelnen Kindern wie in
den Familien, in ganzen Ständen und Orten wie in gan-
zen Landschaften immer mehr mit seiner ganzen Gewalt
entgegen.
Doch in demselben Maaße wie sich das Bedürfniß gründli-
cher und dem Menschenwesen entsprechender Erziehung un-
unterbrochen und von allen Seiten lebhaft ausspricht, treten
auch die Hindernisse zur Befriedigung desselben mit solcher
Gewalt und Macht entgegen, daß wohl der Muth und die
Ausdauer daran scheitern könnte, wenn sich nicht der
felsenfesten Überzeugung, daß es als ein Werk zum
bleibenden Wohle der Menschen und der Menschheit in
Gottes schützender Hand ruhe, auch in dem Leben selbst
ein Heiligthum zeigte, in welchem es mit Liebe, Aus-
dauer und Aufopferung gepflegt wird. Dieß ist die Tiefe
des Frauensinnes, die Reinheit und Klarheit die frucht-
bringende Thätigkeit des Frauengemüthes. Ja, Durchlauch- /
[14R]
tigste Frau Fürstin! in dem hohen Frauensinn und tiefen
Frauengemüthe scheint mir wie schon mehrmals in der
Geschichte der Menschheitsentwicklung so auch jetzt das Wohl
der künftigen Menschengeschlechter zu liegen, und besonders
scheint mir das Wohl unseres deutschen Volkes in dem
deutschen Frauensinne und Gemüthe zu ruhen.
Dieses hier nur angedeutete verknüpft mit der Überzeug-
ung von der hohen Wichtigkeit und unerläßlichen Nothwen-
digkeit gründlicher und allseitiger, der Menschennatur im
Allgemeinen und der deutschen Natur im Besondern ganz
angemessener und durch und in beyden bedingter deutschen
Erziehung haben seit sehr Langem in mir den Gedanken
geweckt: deutsche Frauen und Jungfrauen mit ächt deut-
schem Frauensinne und Frauengemüthe wie in den Jahren
der Vaterlandsgefahr für Vaterlandswohl, so jetzt für
Menschen- und Bürgerwohl, für die Quelle bürgerlichen
und Familienglückes: gründliche und allseitige Erziehung
im Allgemeinen und genügende deutsche Erziehung im Be-
sondern zu vereinigen. /
[15]
Ewr: Hochfürstlichen Durchlaucht hohem deutschen Frau-
ensinne und Gemüthe, die sich auch in den Tagen der
Gefahr die zugleich über meinem engern Vaterlande
schwebte so heilbringend zum unvergänglichen Danke des
Vaterlandes bewährten, diesen Gedanken zur Prüfung, und
wenn er sich in derselben bestätigen und bewähren sollte,
zu HöchstIhrer befördernden Theilnahme und Unterstützung
ehrfurchts- und vertrauensvoll vorzulegen, wagte ich
es abermals vor Ewr: Hochfürstlichen Durchlaucht zu
erscheinen.
Sollte dieser Gedanke der Bildung von Vereinen deutscher
Frauen und Jungfrauen zur Beförderung und Ausführung
deutscher d.i. gediegener und allseitiger, in bewußter
und thätiger Religion gegründeter Erziehung Ewr: Hoch-
fürstlichen Durchlaucht Aufmerksamkeit zu gewinnen
im Stande seyn, so lege ich Ewr. Hochfürstlichen Durchlaucht
zugleich den Gedanken: - durch öffentliche Aufforderung
zur Bildung jener Vereine zu wirken und in Hoffnung
HöchstIhrer huldvollen gnädigsten Verzeihung, eine solche /
[15R]
Aufforderung selbst zu HöchstIhrer Prüfung vor.
In meiner jüngsten Schrift, welche ehrerbietigst
hier beyzulegen mir Pflicht erscheint, suche ich die Män-
ner und besonders die Denkenden meines Volkes von
der Wichtigkeit einer durchgreifenden und gründlichen
Erziehung, besonders der Deutschen zu überzeugen und
sie zur Vereinigung für dieselbe aufzufordern und ein-
zuladen. Doch der Männer Streben ist im Allgemeinen
jetzt ganz besonders zerstückt und zerstückelnd, es ist
zerstörend und auflösend, selbstsüchtig und äußerlich;
wie sollte sich ein Streben dessen Zweck bildend, belebend
einend, friedlich und innerlich ist, im Allgemeinen
ihrer befördernden Theilnahme, ihrer Unterstützung erfreuen.
So lege ich das Ganze Ewr Hochfürstlichen Durchlaucht
zu HöchstIhrer Prüfung vor und erlaube mir nichts
mehr hinzuzufügen, als die ehrfurchtsvolle Bitte: dieses
nicht für einen gutmüthigen, gutgemeinten Gedanken
eines jugendlichen Sinnes, wenn auch im reifen Mannes- /
[16]
alter, zu halten. Gewiß, Durchlauchtigste Frau Fürstin!
er ist bey weitem mehr, als man mit jenen Ausdrücken
verbindet, er ist tief in der Menschennatur und dem Men-
schenwesen begründet, ja er erscheint historisch in der Ge-
schichte der Menschheit bedingt, und seine segensreichen
und heilbringenden Folgen, sein Wirken für jetzt und
besonders für die Zukunft erscheinen mir als gar nicht
auszudenken, vielweniger noch auszusprechen.
In tiefster Ehrfurcht verharrend
        Ewr: Hochfürstlichen Durchlaucht

        unterthänigster
Friedrich Wilhelm August Fröbel.
Keilhau
den 31sten December
1821.

[Anlage:]
F.: Aufruf und Aufforderung an deutsche Frauen und Jungfrauen zur Bildung von Vereinen für deutsche Erziehung v. Ende 1821

Aufruf und Aufforderung an deutsche Frauen und Jungfrauen
zur Bildung von Vereinen für deutsche Erziehung.
Die kaum verflossene Zeit der allgemeinen Noth und Gefahr
unsers gemeinsamen Vaterlandes hat es bestätigt, was deutscher
Frauensinn was deutsches Frauengemüth da vermag, was wo es nicht
nur fühlt und einsieht was dem Ganzen so wie dem Einzelnen
Noth thut sondern wo es auch die Mittel erkennt wie es für
das Wohl und Bestehen des Ganzen und des Einzelnen wirken und
thätig seyn kann. Mit ewig leuchtender Schrift ist es in dem
Buche des Lebens, in der Geschichte der Menschheit eingetragen,
was deutscher Frauensinn sowohl einzeln, als in den letzten
Jahren besonders vereint für das Wohl Einzelner wie für das
Wohl des ganzen Volkes wirkte und that. Des Vaterlandes Noth
und Gefahr habt Ihr, deutsche Frauen und Jungfrauen, tragen
und besiegen helfen, indem Euer aufopfernder Sinn es Tausenden
möglich machte, durch ihre Kraft und Muth dem Vaterlande zu
dienen, und Euer theilnehmendes Gemüth, Eure lindernde und
pflegende und thätige Hand die äußere Noth und den Druck, die
äußern Leiden und Schmerzen von Unzähligen gelindert hat.
Die äußere Noth und Leiden sind nun zwar durch Eure Theil-
nahme und thätige Hülfe geschwunden, und schwinden durch
dieselbe, wo sie sich noch finden immermehr. Aber durch alles, was
bisjetzt geschehen ist der Zweck des Kampfes fürs Vaterland nur
halb erreicht; denn wenn auch die nächste Triebfeder zur Bewaffnung /
[39R]
der Söhne des Vaterlandes zum Kampfe: Befreyung des Landes
vom fremden Joch und von fremder Gewalt war, so war doch
die innere, tiefer liegende, wenn auch nicht allen gleich deutlich be-
wußte Triebfeder des Kampfes: ungehemmte allseitige Aus-
bildung unsers ganzen Wesens, und immer größere Fortschreitung
unseres Geschlechtes und Volkes zu der Vollkommenheit und besonders all-
seitigen Ausbildung unserer geistigen Anlagen und Kräfte, zu welcher
es seiner Natur und seinem ganzen Wesen nach bestimmt ist. Doch
seht Ihr diesen höhern Grund, dieses höhere Ziel des gemeinsamen Kam-
pfes fürs Vaterland erreicht?- Seht Ihr es nicht höchstens nur in sehr
wenigen und einzelnen Punkten desselben festgehalten? Ja, seht Ihr
nicht vielmehr, daß uns die unabwendbaren und unausbleiblichen
Folgen des Krieges hier und da, besonders in mehrere[n] Ständen und
Gegenden unsers Vaterlandes mehr von demselben entfernt haben?
Daß anstatt Gründlichkeit und Allseitigkeit, oberflächlicher und ein-
seitiger Sinn in der Ausbildung unsers Wesens eingetreten ist?
Statt Streben nach Ausbildung unsrer innern geistigen Natur um ihrer selbst willen
ein Streben nach Erziehung und Ausbildung für äußere Zwecke,
und darum nur äußere Geschicklichkeit, Gewandheit und Abge-
schlossenheit als das höchste Gut für die aufkeimende Jugend im
Volke mit aller Kraft, ja wohl mit Verläugnung und Aufopferung
angestrebt wird?- Also etwas anderes ist es, was uns, was
unserm Volke jetzt Noth thut, etwas was als noththuend
sich laut ausspricht, was wie Nahrung, Kleider, Wohnung,
Vaterland und Schutz nun nicht länger zu umgehendes Bedürfniß
ist: es ist dieß eine in der Menschennatur, in dem Wesen des
Menschengeistes gegründete, allseitige, Wissen und Können /
[40]
Denken und Thun einende - kurz eine unserm deutschen
Charakter, unserm gründlichen und tiefen allseitigen deutschen
Sinne und Gemüthe angemessene Erziehung und Ausbildung
.
Ihr seht Euch umgeben von einseitigem Wissen und Erkennen
getrennt vom Leben, d.i. von Wissen und Erkennen ohne Besitz
und Aneignung der Mittel zur Ausführung dessen, was der Geist
als nothwendig erkennt, was die Vernunft fordert und gebietet.
Ihr seht Euch umgeben von den Folgen einseitigen Könnens
und maschienenmäßigen Thuns ohne Einsicht und Urtheil,
durch beyde seht Ihr alle Thätigkeiten des Lebens, das Wohl Eurer
Familien und den Flor des Landes sinken. Ihr seht Euch umgeben
von den Folgen des Halbwissens, der halben Einsicht, des halben
Könnens. Ihr seht, wie zerstörend dieß in das Leben Einzelner, wie
ganzer Familien und Gesellschaften eingreift. Ihr seht täglich
die Folgen der Oberflächlichkeit der Zeit, die Folgen der Nichtach-
tung wenigstens der Nichtausbildung des geistigen Selbstes, der
geistigen Kraft im Menschen und des in der Tiefe des Menschen
ruhenden Gemüthes; und doch sind Geist und Gemüth die über
alle Vergleichung höchsten Güter des Menschen. Ihr seht die Folgen
der nicht geeinten Ausbildung des Geistes und Körpers, der Em-
pfindung und des Denkens, des Gemüthes und der Vernunft,
des Erkennens und des Thuns. Ihr seht euch umgeben von den
traurigen Folgen der Ansicht des Lebens, die in demselben nur den
Zufall und die Willkühr walten sieht, da doch schon in der gesammten
Natur nur strenge Gesetze herrschen, und alle Erscheinungen an
nothwendige Bedingungen geknüpft sind. Durch jene Ansicht des
Lebens seht Ihr die Trösterinn und Führerinn der Menschen, die /
[40R]
heilige Religion aus dem thätigen Leben derselben immermehr
schwinden. Also eine Erziehung, welche nicht allein die Wich-
tigkeit und die Würde des Menschenlebens und des Menschen-
geistes zeigt, sondern auch die Einsicht und Mittel nachweiset,
und besonders sie aneignet, durch welche der Mensch ein würdiges
Leben in Beziehung auf den in ihm wohnenden Geist, die in ihm
wirkende Kraft, und in Beziehung auf alle seine Verhältnisse
führen und festhalten kann; eine Erziehung aus welcher Volks- und
FamilienTugenden, wie Volks- und besonders hoher häuslicher
Sinn und Leben, Familien- und Volks-Wohl hervorgehen; - eine
solche auf der Entwicklung und Ausbildung, der Darstellung
und Ausübung aller Anlagen in dem Menschen, auf bewußter,
thätiger Religiosität beruhende, deutsche Erziehung ist das,
was uns Noth thut, und was sich als jetzt uns so noththuend
lebendig und laut ausspricht. Dafür nimmt jetzt die
Sorge für Familienglück, für Volks- und Menschenwohl,
wie früher die Sorge für das Wohl des Vaterlandes Euren
Frauensinn und Euer Gemüth, Eure helfende und thätige Hand
in Anspruch.
Zwar ist hier nicht wie früher von Erkämpfen, Erhalten,
Besitzen und Gebrauchen äußerer Güter, des Landes, auf
und in welchem wir wohnen und geboren sind, die Rede,
sondern von etwas noch bey Weitem höhern, es ist von Er-
kämpfen, Erhalten, Besitzen und Gebrauchen innerer Güter,
des Geistes, der Anlagen und Kräfte, welche mit uns geboren, /
[41]
welche jedem Menschen nach seinem Maaße von Gott ge-
geben sind, es ist von Erkämpfung der Erziehung und
Ausbildung unsers Geistes und Körpers als eines Ganzen,
von Erziehung und Ausbildung der Menschen zur Einigkeit
mit Natur und mit Gott die Rede. Darum vereinigt Euch, deutsche
Frauen und Jungfrauen! wie früher für das Wohl des Vater-
landes nun für das Wohl der Menschen in diesem Eurem Va-
terlande für das Wohl Eures Volkes, Eures Stammes, Eurer
Familien, wie früher für den Besitz des von Euern Vätern
geerbten und Euch angestammten Landes, so nun für
die Ausbildung des Euch und alle den Eurigen von Euern
Vätern angestammten Geistes. Vereinigt Euch hierzu wie
dortmals in größern oder kleinern örtlichen oder landschaft-
lichen Kreisen, oder wie Euch Euer Sinn und Herz, Eure Ver-
hältnisse sonst schon vereinigen mögen. Wie Ihr damals
vereinigt Jünglinge und Männer, welche Liebe zum Vater-
lande und Kraft und Muth zum Kämpfen für dasselbe, aber
nicht die äußern Mittel dazu besaßen, zu diesem Kampfe
ausrüstetet und mit dem Nöthigen versaht, um mit ihrer
Kraft dem Vaterlande dienen, und jenem Drang der Liebe folgen
zu können; wie Ihr Euch dort vereinigtet, Wittwen ge-
fallener Kämpfer zu erhalten, zu unterstützen, verwundeten
Kriegern beyzustehen: so vereinigt Euch jetzt, diejenigen der
heraufblühenden, der heranwachsenden Eures Volkes, diejenigen
Knaben und werdenden Jünglinge Eurer Kreise und Eurer /
[41R]
Umgegengenden [sc.: Umgegenden], Eurer Landschaften, welche vorzüglich Nei-
gung, Trieb, Liebe, Kraft und Ausdauer haben, ihre Geistes-
und Menschenkraft, ihre Thatkraft zum Wohle des Volkes, des
Landes, ihrer Landschaft und der Familien, zu denen sie ge-
hören, auszubilden, deren Eltern es aber nicht möglich wird
eine solche Erziehung und Ausbildung aus eignen Mitteln ihnen
zu verschaffen; vereinigt Euch sie mit dem auszurüsten
und zu versehen, was nöthig ist um es ihnen möglich zu machen,
mit ihrer eignen, wenn auch nur schwachen Kraft selbst
für die Ausbildung ihrer Gesammtanlagen wirken, und
sich so zu einstigen tüchtigen Männern des Vaterlandes, zu
würdigen mit Ein- und Umsicht thätigen Gliedern ihres
Volkes und Staates bilden zu können.
Bedarf es hier nun noch Nachweisung des Nutzens für Euch,
und wie es eingreift in Euer Leben, wie es auf dasselbe
zurückwirkt, um Euch aufzufordern für die Theilnahme
an Vereinigung für den Zweck, welcher sich als Grund- und
Quellbedürfniß unsers Volkes zeigt und ausspricht, - d.h.
als ein solches Bedürfniß, aus dessen Befriedigung auch die
Befriedigung aller unserer Bedürfnisse, unserer innern
und äußern, unseres geistigen und gemüthlichen, unsers
menschlichen und bürgerlichen, unsers häuslichen Familien-
und Volkslebens hervorquellen, - mit allen Kräften
und Mitteln, welche in Eurer Hand, in Eurem Geiste und /
[42]
Gemüthe sind, zu wirken! Bildet Euch also, deutsche Frauen
und Jungfrauen, die Ihr den hohen Sinn deutsch wenn auch
nur ahnet, bildet Euch zu Vereinen für deutsche Erziehung!
Ich füge nicht hinzu, wie ich diese Vereine von Frauen
und Jungfrauen für Erziehung in der Geschichte der Mensch-
heit überhaupt und diese Vereine deutscher Frauen und
Jungfrauen für deutsche Erziehung in der deutschen Geschichte
besonders bedingt erkenne. Denn was bedarf es für Euch
des Blickes in die Geschichte, wo Ihr wißt und erkennt,
und täglich fühlt und wahrnehmt, daß Häuslichkeit, Se[l]bst-
ständigkeit, daß Familienglück und Familientugend, Eltern-
und Kinderfreuden, daß bewußte und thätige Religion die
Quelle alles wahren und bleibenden Wohles sind. Und wie
könnte es einen würdigern Antrieb für Euch geben, nach
Möglichkeit und mit allen Euern Kräften dafür zu wirken,
daß jener Erdenhimmel überall um und über Euch sich ausbreite?
Werdet Ihr, edle deutsche Frauen, den Geist ergreifen,
von welchem dieses gedacht und empfunden worden ist,
so werden sich Euch auch die Mittel zur Ausführung zeigen;
werdet Ihr wünschen Euch zu diesem Zweck zu finden, zu
vereinen, so wird gewiß überall in Euern Kreisen sich
eine edle Frau oder Jungfrau zeigen, um die Ihr Euch ver-
sammeln könnt, und welche gewiß gern Eure Gaben
und Euer Wirken vereint. Ja, edle Frauen und Jungfrauen, /
[42R]
die Ihr von diesem Geiste ergriffen werdet, sammelt, ver-
einigt innerhalb Eures Kreises um Euch alle die Eures
Geschlechtes, welche, wenn auch nur mit schwacher Kraft
doch mit lebendigem Triebe, reiner Liebe und Lust gern ihr
Scherflein zu einem so edlen ihr Herz und ihren Sinn befrie-
digenden Werke beytragen. Sollten so die verschiedenen
von Euch gestifteten Frauenvereine das Bedürfniß und
den Wunsch fühlen, sich zu größern Vereinen für deutsche
Erziehung zu verbinden, sollte es ihnen Bedürfniß und Wunsch
seyn, daß deutsche Fürstenfrauen als Schutzfrauen an ihre
Spitze träten, so läßt es sich von dem hohen Zwecke des Ganzen
und der Vortrefflichkeit deutscher Fürstenfrauen erwar-
ten, daß sie gewiß wie die früheren so auch jetzt solche Vereine
gewiß gern in ihren Schutz nehmen werden.
Wer über die Ausführung im Einzelnen oder Allge-
meinen noch einige[r] Nachweisung bedürfte, der wende
sich an uns.
Der Verein für allgemeine Erziehung
zu Keilhau bey Rudolstadt
FWAFröbel, Stifter und
Vorsteher desselben.