Briefausgabe Friedrich FröbelBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung / Fröbel-Forschungsstelle der Universität Duisburg-Essen

F. an <Kandler> in <Hof> v. <Ende März/Anfang April> 1823 (Keilhau)


F. an <Kandler> in <Hof> v. <Ende März/Anfang April> 1823 (Keilhau)
(BN 309, Bl 8-10, hier: 8R-10V, undat. Entw. 1 B fol 4 S. ohne Adressatangabe. Briefinhalt bezieht sich auf Keilhauer Verhältnisse. Der Briefpartner könnte der mit F. befreundete Kandler sein. Für die genauere Datierung entscheidend ist der Hinweis 9R auf die Durchreise Karl von Raumers durch Rudolstadt, ohne F. in Keilhau aufzusuchen, wie dieser im Brief v. 20.9.1821 an Raumer sich erbeten hatte. Raumer, wie F. 1809/10 Mitarbeiter bei Pestalozzi in Yverdon, berührte Rudolstadt laut 9R „am Charfreytag“. Die Reise Raumers von Halle nach Nürnberg fand nach Halfter (1931, S. 575) 1823 statt. Eine mögliche Datierung des vorliegenden Briefentwurfs wäre dann „Ende März/Anfang April 1823“.)

Die Endliche Nachricht von Dir hat mich innigst gefreut. Was Du mir über
Deine Verhältnisse mittheilst dazu muß ich schweigen. Wo Gott u Schick[-]
sal zu den Menschen reden hat ziemt dem Mitmenschen daß er schweige; nur
dieß weiß ich u darf ich aussprechen, wenn wir uns nur Recht
aufrichtig bemühen die Stimme u Führung Gottes in unsern Schicksalen zu erkennen und zu <verehren>
daß sie uns dann gewiß wenn wir ihr nur treu u kindlich nachleben zu unserm sowohl wie des Ganzen u jedes Einzelnen
Heil u Seegen führen sowohl und so sey Du denn und Dein Verhältniß Gottes
väterlicher Leitung u fürsorge empfohlen, dann werden daraus gewiß Früchte
hervor gehen die uns allen heilsam sind. Grüße herzlich u freund[-]
schaftlich die Dir theure Fr. v. W. Ich habe längst in Gedanken schon
manchen Brief an Sie [sc.: sie] geschrieben; aber ich fürchte fast daß meine
Briefe nur Ihre [sc.: ihre] Lebenskämpfe vermehrt haben würde, weil ich
dann <auf ein altes theuer> zurück gekommen wäre und so ist es wohl gut
daß es nicht geschehen ist. Nochmals grüße Sie.[sc.: sie] -
Auch von Wetzstein läßt sich nichts aussprechen, so lange er sich nicht das
wahre Wesen u die ächte Ansicht des Kindes <pp Wesen> klar macht ist
ihm nichts zu sagen viel weniger zu helfen u fast muß ich fürchten daß
der Wahn seine Kraft bewegt bewegen wenn nicht gar zerstöhren und vernicht[en] wird. Grüße auch ihn
mit Bruderliebe. Fast scheint es daß auch er uns noch lange
nicht besuchen wird. Nun jeder gehe still auf den Wegen die Gott
ihn führt seinem Ziel entgegen nur möge Gott jeden für [sc.: vor] dem Wahn behüten
zu glauben daß die Wege die er sich selbst führe und wählt immer auch Gottes Wege seyen[.]
Was den jungen Pahl betrifft so freut mich zwar der Entschluß
der Eltern, doch könnte ich denselben jetzt auch nicht mehr unter den frühern
Bedingungen annehmen da wie Du <weißt> ich nun Brigleb unter jenen Bedingungen ange[-]
nommen habe und ich <gestern nun> schon einen zweyten wie ich höre mir Freundes Werth[sc.: Wort] u Urtheil versicherten [von] <hoher> Bildungs[-] u Unterrichts<Erziehung> wieder unter denselben Be-
dingungen bis Pfingsten und vielleicht
früher die Aufnahme in meiner Erziehungs Anstalt zugesichert habe [.]
Überdieß melden sich auch zur Aufnahme gegen volle Bezahlung des
Erziehungsgeldes jetzt so viel daß ich bald wegen des Raumes in
wirkliche Verlegenheit zu kommen scheine. Doch damit Ihr Euch
sämtl.[ich] überzeugen könnt daß ich es mit dem Pahl herzl[ich] <brüderlich>
gut meine so will ich von dem festgesetzten Erziehungsgeld von /
[9]
fast 270 fl <Sächsisch> oder in <Rh f Fuß> beträgt 70 fl abgehen
lassen und ich hoffe daß Euch die diese Geforderten Forderung von 200 fl Euern Erwartungen
entgegen kommt[.] Sollte jedoch wieder Vermuthen diese Forderung von 200 fl sächs C
dem Pahl noch zu viel erscheinen so füge ich nur noch zweye
hinzu erstl[ich] daß die Forderung bey der immer steigenden Ausbildung meiner
Anstalt und den vielseitigen Leistungen derselben wirklich sehr billig ist zweytens daß wenn der junge Pahl
sich wirklich tüchtig <entwickelt> und vielleicht später
zu einem lebendigen kindlichen u förderlichen Gliede des Ganzen wenigstens d[urc]h Fleiß u gutes Beyspiel
ausbildet ich dann gerne nach Maasgabe [sc.: Maaßgabe]
wie mir es nur immer möglich ist den Eltern die Last erleichtern
werde.* Möchte Fordert aber dennoch Pahls Lage nach dieser Erklärung jetzt schon
eine Verkleinerung des Erziehungsgeldes, so könnte diese ebenfalls nach meiner
jetzigen Lage nur noch geringe seyn doch will ich mich aus Liebe zu
dem jungen Pahl u Deiner Verwendung wohl dazu versuchen allein
die Eltern thun bey weitem besser wenn sie mich als eine junge Pflanze <? ?>
<höher drücken> und die Wenigen Gulden die ich auch weniger fordern könnte
kommen d[urc]h ein kräftigeres Bestehen vielfach dem <Sohne> zu Gute [.]
Jetzt habe ich über den Pahl zu Dir gesprochen wie ich
<immer wieder von> Herzen zu mir selbst darüber gesprochen redet
habe. Du magst nun nach Deiner Einsicht davon gebrauchen
was Dir die Umstände gebiethen – Pahl <bei Euch> soll nur
lieb seyn. Will er wirkl[ich] eintreten, so ist es mir lieb
wenn es Pfingsten geschieht u er vielleicht dann gleich hier
<bezahlen> könnte, weil ich dort den Eintritt noch reger er[-]
warte . <Dies dreie könnte im Unterricht vielleicht so> zu sammen Vor-
theil <bringen wenn ich Gefallen finde und mit sich auch> vieles fröhlicher die Erziehung.
*Und Ihr könnt Euch hier g[an]z auf mein Streben aus gesunden <?>
<wie> tüchtigen u braven Knaben <durch meine> Erzieh[ung] so viel als möglich zu machen verlassen [*] /
[9R]
Die <wackeren> westphälischen Frauen, von denen ich Dir schon früher
schrieb bleiben meinem <Werk> und in ihrer Beförderung desselben <treu und>
auch in diesem Jahr <höre> ich werden von da <hier meine> Söhne
meine Pflanzsöhne 1 Schock Linnen u Zwirne Z erhalten <unsere>
<fürstischen> Frauen haben <mir Duzzend> Strümpfe gesandt hohe Berliner
Frauen Hände haben in der Förderung meines <Werkes> handeln u
streben helfen. Schön wäre es freylich wenn im Stillen hier u
da sich noch deutscher Frauen Sinn u Frauen Wille u Frauenhand
erhöbe um strebenden braven deutschen Knaben u Jünglinge wenigstens
dann u wann mit 1 Paar Strümpfen zu bekleiden. Die Frauen
u Töchter meines Kreises lassen ihre Hände nie unthätig aber sie
kennen nicht erschaffen nur eben <kennen> das was für <Unbekleidete> wenn die der Kreis Kreis [2x] jetzt
schon aufgenommen hat nöthig ist. Nun möchte ich aber wohl auch
<meiningische> deutsche wohlthätige gesammte Frauen des Saalequell Landes u <Fürstentums>
zur Unterstützung eines jungen strebenden nach Lehr u Bildung durstigen Saalanwohner dieser Gegend
vielleicht um Strümpfe oder Wäsche
besonders auffordern. Doch
davon vielleicht später[.]
Nichts mehr Nun habe ich Dir von uns nichts mehr zu
sagen als daß das G[an]ze immer mehr u mehr unter Gottes
Gnade der inneren u äußeren Ausbildung sich entgegen geht
daß es sich immer mehr u mehr in sich selbst bekräftigt und in sich
aufklärt u d[urc]hbildet[.]
Wir alle grüßen Dich u haben oft Deiner gedacht[;] auf unserm
SpielTurnplatz lebt jetzt ein frisches Spiel u Leben auf
v. Raumer ist am Charfreytag mit seiner g[an]zen Familie d[urc]h Rudolstadt d[urc]h nach Nürnberg
er hat mich grüßen lassen doch hat
er mich nicht besucht. Sende mir d[urc]h Pahl die Bestrebungen
zur Ansicht ob mir gleich die Bestrebungen in der Wirklichk[ei]t nicht gefallen
wollen da ich keinen absoluten Lebenskult u keine Einheit
in denselben sehe; mir erscheint das g[an]ze aus manchem an sich /
[10]
düchtigen [sc.: tüchtigen] auch wohl vortrefflichen Stück zusammen[-]
gesetzt, aber es ist kein Gewebe aus einem Stück
kein Kleid Gewandt Jesu ohne Nath kein Gewächs
aus einem Herzpunkt kein Leben aus einem u in einem Geist u nur dieses verlangen
u bedürfen wir
zu schauen. Nur ein Streben nach Darstellung des Absolut bessern kann uns absolut helfen
alle Bestrebungen nach Darstellung des relativ bessern sind paliativmittel welche die
Krankheit nicht heben dieß ist wahr im Großen wie im kleinen im G[an]zen wie im
Einzelnen[.] Sollte ich <hier> zu <verwegen> seyn so be[-]
halte als brüderlicher Freund mein[e] Ansicht für Dich.
Diese Zeit wird selbst entscheiden was aus Gott u vom
Menschen ist bis dahin und somit ewig kann ich schweigen
denn dann redet die Sache selbst u bedarf nicht mehr
des menschl[ichen] Wortes[.]
Der Vorsteher der <Ober>schen Armen Anstalt scheint die Anst[alt]satz[ung] nicht aufgenommen zu haben wagte
ich keine Umsicht[?]
Gott sey stets mit Dir und mir und uns allen so bleiben
wir ewig Eins
FWAFröbel