Briefausgabe Friedrich FröbelBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung / Fröbel-Forschungsstelle der Universität Duisburg-Essen

F. an Caroline von Holzhausen in Frankfurt/M. v. 3.5.1823 (Keilhau)


F. an Caroline von Holzhausen in Frankfurt/M. v. 3.5.1823 (Keilhau)
(KN 20,16, Reinschriftfragment 1 ½ B 8° 5 S., ed. H V, 211-213)

Keilhau den 3en May 1823.


Gnädige Frau.

Ich will nicht nach Gründen suchen, mich dieses Brie-
fes wegen bey Ihnen zu entschuldigen; ich könn-
te es auch nicht wenn ich es auch wollte: eine
nicht zu beschwichtigende Aufforderung dazu ertönt
immer wiederkehrend in meinem Innersten und
ich muß in ihr dieselbe väterliche Stimme mei-
nes gütigen Gottes erkennen, die, wenn ich sie still
hörte und ihr treu nachging, mich immer zum Besten
zum Heil und zum Seegen nicht allein für mich,
sondern für alle führte mit welchen mein Leben
in Berührung steht.
Seit langer Zeit habe ich wiederkehrend Briefe
an Sie geschrieben; aber kleinliche, äußerliche und
irdische Rücksichten hielten mich immer zurück
sie abzuschicken und so habe ich mich immer wie-
der verleiten lassen, sie entweder zu vernichten
oder zurück zu legen. Nun aber da ich es einmal
unzweydeutig als Stimme und Forderung des gütigen
Gottes und Vaters erkenne, dessen Liebe uns
alle zum Besten führt, und welche will, daß wir /
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alle das Ziel und die Bestimmung erreichen möchten
wozu seine Güte uns schuf, nun soll mich auch nichts
abhalten der innern Stimme gehorsam zu seyn
ihr wie immer treu und unverrückt zu folgen.
Was sollte mich auch noch länger davon abhalten
bin ich mir doch keines irdischen Zweckes und kei-
ner äußeren Absicht wie sie auch Namen und
Gestalt haben möge bewußt, überhaupt keines
andern Zieles und Zweckes, als mir nur das Bewußt-
seyn immer rein zu erhalten, immer treu und ohne
Widerrede dem nachgelebt zu haben wozu in
mir die höchste Stimme mich auffordert; nicht einmal
Erwiederung, nicht einmal Antwort verlange ich,
mir ist es genug das gethan zu haben was ich soll.
Und so will ich denn zu Ihnen reden wie ich zu mir
selbst und zu meinem Gott rede; in diesen beyden
Verhältnissen tritt ja alles Stöhrende und Trübende
zurück. Vor Allem muß ich Ihnen da, meine Grundempfindung mein Grund-
bewußtseyn, meine Grundüberzeugung, welche eins
mit meinem ganzen Leben, Wesen und Seyn ist, aus-
sprechen: - daß Gottes Güte und Gnade, daß sein
Wille mich so geleitet und geführt hat, daß ich meinen
innersten eigensten Beruf: Erzieher und Lehrer zu seyn /
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nicht allein klar und unzweydeutig in mir erkannt
und gefunden habe, sondern daß Gott mich auch in
eine solche äußere Lage, solche äußere Verhältnisse und
in solches Wirken geführt hat, daß ich treu und frey
meinem lebendig und klar erkannten Berufe und
den Forderungen desselben nachleben kann. Gottes
Güte und Gnade überzeugt mich hiervon täglich, denn
immer mehr entkeimen täglich meinem Wirken
Früchte des Heils und des Seegens für alle welche
mit mir geeint sind. Aus der Nacht und dem
Dunkel, ja aus den Ungewittern die mich bey dem
Beginnen meines Wirkens umgaben tritt in
immer reinerem belebenden und gestaltenden
Lichte, Klarheit hervor. Das Leben und Alles,
alles, Religion Natur und Geschichte hat sich mir
in dem hohen Einklang gelöst, welchen ich schon
im frühesten Knabenalter im Gott ergebenen
Gott vertrauenden, von Jesu Lehre, Leben und
Beyspiele lebendig durchdrungenem und getrie[-]
benen Kindesgemüthe ahnete. Als ich im Febr:
und März 1816 mich wieder über die Brod- Nahrungs-
und überhaupt alle Sorgen des irdischen äußern und
vergänglichen Lebens in mir erhoben hatte und /
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die Überzeugung schon des Knaben: Trachte am ersten
nach Gottes Reich wieder volles Leben in mir gewann,
da begann auch schon ein höheres wieder in mir und
in der Vorempfindung desselben hatte alles seinen
Grund, was ich in jener Zeit empfand, dachte und
niederschrieb und welches dort wohl als unvereinigbar
mit meinem Leben als äußere Erscheinung, ja als
Widerspruch mit demselben stand erschien, da ich dasselbe dort-
mals noch weder zu durchdringen noch zu lösen ver-
mochte; doch was dort wiederkehrend das wieder kindlich
Gott ergebene Gemüth, der wieder kindlich Gott ver-
trauende Geist ahnete, geht mir jetzt immer mehr
und mehr in Erfüllung. Die Einigung zwischen Gott
Natur und Menschen, der ewige Friede, die ewige Ver-
söhnung die zwischen allen Dreyen herrscht und von welcher
schon mein Gemüth als Knabe so lebendig und gegen
allen Zweifel gewiß durchdrungen war, ohne die den
Jüngling trieb ohne daß er wußte was und wohin
es ihn trieb, die ich als beginnender Mann so rastlos
zu finden, zu erkennen und zu schauen, alles hingebend
zu zeigen, nachzuweisen und darzustellen strebte, in
welcher Streben Ahnung, in welchem Trieb und Streben
alle meine Schicksale und Begegnisse nur einzig ihren /
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Grund hatten und haben - diese Einigung liegt nun klar
vor mir, klar in mir, und strahlt mir in Klarheit aus
allem entgegen was mich umgiebt, was mir begegnet,
was ich empfinde, denke und thue. Es war das hohe
Vorgefühl der Freude über das Gefunden haben dieser durchs
ganze Leben geahneten Einheit, als ich Ihnen im gedachten
Jahre schrieb:
Seit ich die Allerheiligste - (:diese nur von, durch und in
Gott bedingte Einheit, Einigung:) - gefunden
O! welch' ein Friede wohnt in meiner Brust!
Von jeder Last bin ich entbunden
All' mein Geschäft wird mir zur Lust.
Nichts kenn' ich mehr was ich noch suchte
Ein jeder Wunsch ist nun erfüllt,
Und jedes Streben ist gestillt
D'rum weyh ich dankbar ihr - (:ihr, ihrer Er-
kenntniß, Nachweisung und Verbreitung, ihrer
Verkündigung:) - mein Leben.
Die Empfindung welche mich dort durchdrang als ich jene
Worte zu mir sprach und deren innerstes Wesen ich
mir jetzt bewußt bin, ist jetzt die Grundempfindung
der Grundgedanke der Grundton meines täglichen Lebens
[Text bricht ab]