Briefausgabe Friedrich FröbelBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung / Fröbel-Forschungsstelle der Universität Duisburg-Essen

F. an den Assistenz- und Kammerrat <Schwartz> in Rudolstadt v. 26.6.1823 (Keilhau)


F. an den Assistenz- und Kammerrat <Schwartz> in Rudolstadt v. 26.6.1823 (Keilhau)
(KN 20,17, Reinschrift 1 B 4° 4 S.)

Verehrtester Herr Assistenz- und Cammerrath.
Ewr: Wohlgeborn für die immer neuen sprechenden Bewei-
se Ihrer thätigen und befördernden Theilnahme an meinem
erziehenden Wirken und Streben innigst dankend, nehme ich
mir die Freyheit Ihnen zur gütigsten Mittheilung an des Herrn
Ministers von Dohnap Excellenz, die über meine Anstalt von
mir erschienenen Drucksachen gehorsamst zu überschicken. /
[1R]
Möchte es Ihnen gelingen in dem Herrn Minister die Überzeug-
ung zu wecken und in Wirksamkeit zu setzen: - daß es ge-
wiß Pflicht des Vaterlandes unserer Luther sey ein Streben
und einen Verein, welcher - aus Dankbarkeit gegen den
großen Reformator - die geistige Ausbildung unse der Luthers-
Familie, zunächst durch Erziehung der, dazu bestimmte An-
lage zeigenden beyden Luther Georg und Ernst aus dem Stamm-
hause Möhra, - bezweckt, anzuerkennen und kräftig zu
unterstützen; besonders da Georg Luther durchaus tüchtig
und brav und sein Ziel mit Treue und eisernen Fleiß ver-
folgend und von der Natur und Gott mit den dazu nöthigen
Gaben ausgerüstet ist und Ernst ein Knabe von keinesweges
gemeinen und alltäglichen Anlagen ist, dem es nur durch
sein Alter noch schwer fällt seine physische Kraft zu beherrschen
und seine vielseitig hervortretenden geistigen Anlagen recht zu
gebrauchen, aber ohngeachtet der Schwierigkeiten die ihm von Seiten
seines kräftigen und sinnlichen Körpers entgegen treten mit
wahrhaft Lutherscher Beharrlichkeit und zu Zeiten schon mit
geistigem Kampfe gegen sich selbst dem Vorsatz festhält sich /
[2]
zum Lehrer auszubilden, obgleich des Lebens Lust und Trieb
ihn manchmal wie ein Sturm ergreift und ihn scheiternd
an eine öde Küste zu verschlagen scheint; und so habe auch ich
sein Pflegevater und Erzieher in mir die unwandelbare
Überzeugung - und ich weiß was ich damit ausspreche -
daß unsere beyden Luther wenn es mir nur möglich
wird ihre Bildung zu beendigen, sie durchbilden zu können,
werden ein Paar Männer werden, deren Besitz gewiß
jedes wahrhaft strebende deutsche Land, jeden an seinem
Platze als ein Geschenk betrachten wird.
Möchte der Herr Minister durch das ausgezeichnete
Beyspiel Rudolstadts, welches die Verwirklichung des,
dem Vaterlande und dem Lutherthume anerkannt gleich
würdigen Gedankens: Luthern ein lebendiges Denkmal
in der Erziehung der Glieder seiner Familie zu stiften -
vertrauensvoll festhält, bewogen werden, ein eben
so wirksamer und treuer Mittelpunkt für Meiningen
zu werden als Ew: Wohlgeborn nicht allein für Rudol- /
[2R]
stadt sind, sondern auch für mehrere Punkte des protestan-
tischen Deutschlands.
Mit dem Ausdrucke der innigsten Verehrung habe ich
die Ehre zu seyn
Ew: Wohlgeboren
ganz gehorsamer
FWA Fröbel.
Keilhau
den 26 Juny
1823