Briefausgabe Friedrich FröbelBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung / Fröbel-Forschungsstelle der Universität Duisburg-Essen

F. an Henriette Wilhelmine Fröbel in Berlin v. 10.4.1825 (Keilhau)


F. an Henriette Wilhelmine Fröbel in Berlin v. 10.4.1825 (Keilhau)
(BN 445, Bl 32-33, Brieforiginal 1 B 8° 4 S.)

Keilhau am 10ten Apr 1825.


Gott zum Gruß theures Weib.

Durch das so unmittelbare Beantworten meines vorletzteren Brie-
fes hast Du mir große Freude gemacht, besonders durch den beglücken-
den Inhalt daß es zu Deinem Erstarken zunächst nur der Ruhe bedarf.
Gott! wie wohl ist mir nun, ohngeachtet aller sonstigen Sorgen, nun
da ich weiß, daß nicht eine eigentliche schleichende Krankheit in
Deinem Körper wohnt; ach! es war mir oft im Stillen recht
bang. Gebe der gütige Vater im Himmel, daß die wenigen Wochen
der Ruhe Dir noch zur Wiederherstellung Deiner Gesundheit recht
förderlich werden mögen. Nun zu der Hauptsache warum ich
Dir jetzt schon wieder schreibe es betrifft zunächst Deine liebe
Mutter. Du schreibst in Deinem vorletzteren lieben Briefe "Es
"kann wohl auf Erden für ein stark und tief bewegtes weibliches
"Gemüthe kein bittereres Gefühl geben, als das, daß unser Leben für
"Niemand mehr Werth habe, und daß wir noch lebend - bey denen
"schon abgestorben und verdrängt sind, in deren Herzen wir hätten
"am tiefsten eindringen und am längsten fortleben mögen. Ach
"das wendet die ganze Natur in uns pp und durchzieht das Wesen
"mit einer Bitterkeit gegen die nichts einzudringen vermag pp["]
Du schreibst dieß in Beziehung auf unsere herzliebe Mutter
und in dieser Beziehung wiederhole ich es hier und zwar
um Dich zu bitten in den, so Gott giebt, noch wenigen Tagen
bis zu meiner Ankunft Deine, unsere theure Mutter zu
überzeugen, daß ich sie so wie die gute Tante innig und
herzlich liebe und daß es gewiß der sehnlichste Wunsch
meines Herzens ist Ihnen beyderseits die Jahre die Ihnen
Gott noch schenkt zu Jahren der Freude und der Ruhe und
des sinnigen Lebensfriedens zu machen. Leider aber kenne
ich zunächst nichts näher dahin führendes als daß sie wo
möglich beyde in unserer Nähe wenigstens in Rudolstadt
leben da können wir uns als treue, liebende, sorgende und /
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pflegende Kinder zeigen und bethätigen; aber Berlin das ist
für unsere Kraft und Zeit etwas zu weit. Ich wünschte sehr
Deine und unsere liebe Mutter mögte dieß einsehen; sollte ein
Mißtrauen in meine rein und treu kindlichen Gesinnungen
sie davon abhalten so könntest Du sie vom Gegentheil überzeugen
und diese Bitte an Dich mein treues Weib ist der Zweck dieses
Briefes. Siehe so bald Deine liebe Mutter nur erlaubt ganz
frey und unbefangen zu ihr reden zu dürfen so fühle ich tief
daß es keine kindlicheren Gesinnungen als in meinem Herzen leben
geben kann, und daß wohl das Herz eines treuen Sohnes in
mir schlägt. Was ich in Beziehung auf unsere gute Mutter
aussprach kann ich ganz auch in Beziehung auf die Theure
Tante aussprechen.- Ob sie beyde Mutter und Tante jetzt
begleiten oder Johannis zu uns kommen dieß hat beydes
Gutes und Nachtheiliges bey sich; Gutes daß dann hier alles
mehr ruhig und in Ordnung ist, daß Du die liebe Tochter
alles recht gut für sie anordnen kannst; aber Nachtheiliges
daß mancherley dann noch der Reise als Hinderniß zur
Ausführung in den Weg treten kann, daß dann nicht
eine sorgsame pflegende Tochter sie begleitet.
Wegen des Festes das wir am Pfingstfest zu feyern ge-
denken hätte ich nun wohl gern gesehen daß beyde Mutter
und Tante hier gewesen wären, damit sie sich ein klares
Bild von unserm großen Familienleben hätten machen können;
doch mag vielleicht dieß es gerad seyn was sie davon ab-
schreckt, weil Ihnen doch mehrere Personen und die inneren
Verhältnisse fremd sind. Zureden mag ich darum nicht, es
könnten auch noch andere Beziehungen hinzukommen die dieß
unstatthaft machten. Dir aber dem treuesten, trauten
Weibe will ich aussprechen was bis jetzt noch nicht aus der
Tiefe meines Herzens hervorgekommen ist, aussprechen,
wie ich das Pfingstfest zu einem ge bedeutungsvollen
Familienfeste zu machen gedenke. Unser lieber treuer /
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Middendorff und unser wackerer geprüfter Langethal stehen
jetzt in vollster Mannesreife da. Middendorff und Albertines
Verhältniß ist mir auch in diesen Tagen als gegenseitig klar und
sicher entgegengetreten. Albertinens Eltern mag es wohl Freude
seyn am Tage ihrer silbernen Hochzeit, die Verlobung ihres Zeugen
erster und treuer Liebe zu feyern - und so dachte ich mir dieß
als einen wesentlichen Theil und ich möchte sagen die Crone
dieses Festes die Verlobung von Middendorff u Albertinen.
Die Hochzeit dachte ich mir könnte dann bis ins künftige Jahr
sich verziehen. Weil aber Langethal u Middendorff, Ernestine u
Albertine sich immer mehr verschwistert betrachten und ihr
beyderseitiges Leben eine gewisse gleiche Gemeinschaftlich-
keit hat weil auch die beyden letzteren nicht weniger treu
waren als die ersteren so dachte ich mir ein Gleiches von
Langethal u Ernestinen. Doch weiß noch Niemand nichts [sc.: etwas]
davon ob ich wohl allen vieren den Gedanken der Feyer
der silbernen Hochzeit ausgesprochen habe. Langethal jedoch
von sich selbst darüber Gedanken geäußert so wie Alber-
tine Ahnungen davon gehabt hatte.
Siehst Du mein trautes Weib dieß wollte ich Dir nun
gern früher aussprechen als ich ankäme damit Du es vor
meiner Ankunft still in Dir bearbeiten durchfühlen
und durch denken mögtest. Hier habe ich bis jetzt
noch gegen keine Seele auch nur die entfernteste Äu-
ßerung darüber gethan, bin auch vor meiner Rückkehr
aus mehreren Gründen nicht Willens auch nur den leise-
sten äußeren Schritt dafür zu thun. -
Unser kleiner Wilhelm ist Gott sey Dank wieder ganz
gesund; aber so gut es auch alle mit ihm meinen und so
treu besonders Ernestine ihm pflegt, so fehlt ihm doch
die sorgsame Mutter. Ich habe in diesen Tagen tief /
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gefühlt wie so sehr besonders Knaben zu be-
dauern sind welche frühe ihre Mutter verliehren, ach andere
die nicht Muttergefühl hatten können ihnen diesen Ver-
lust doch nimmer ersetzen. Was wären meine armen
Knaben ohne Dich edles Weib mit so treuen Mutter-
sinn und Muttergefühl. Aber mein Herz schlägt
Dir dem geliebten Weibe der sorglichsten liebenden
Mutter darum auch innig sehnend entgegen.- Bis auf 9
sind Alle nun wieder angekommen auch wieder ein
kleiner 10jähriger Ernst, ein lieblicher Junge.
Unserm Ernst in Cassel geht es gut, er hat auch sehr
wackere Zeugnisse von seinem Lehrherrn.
Die Fr. Herzog "empfiehlt sich Dir höflichst und grüßt
Dich herzlichst" Ihre Figur verräth schon etwas von
dem was Dein Brief Dir [sc.: mir] aussprach, doch ist hier noch
von Niemand davon Erwähnung geschehen.
Auch ein fremder Herr Frickmann aus Eisenach
welcher ein sehr unterrichteter junger Mann ist zu seyn scheint aber
jetzt in etwas gedrückter Lage ist, ist gestern mit
Anton u Bernhard angekommen und wünscht als
Lehrer hier angstellt zu werden, wenigstens als
helfender Gast einige Zeit hier zu bleiben. Cornelis
Vater erwarte ich jeden Tag.- Grüße aus
treuer Sohnes Brust der lieben Mutter u Tante.
Ich grüße und umarme Dich Du mein trautes
geliebtes Weib als Dein treuer Gatte
Friedrich.

[Nachschrift auf 32V/33R:]
Das Petschaft [= Siegelstempel] habe ich nicht eigenmächtig mitgenommen vielmehr sagte ich der lieben Mutter sie würde es wohl <bedürfen>. Ich bringe es mit[.]