Briefausgabe Friedrich FröbelBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung / Fröbel-Forschungsstelle der Universität Duisburg-Essen

F. an Emilie Fröbel in Keilhau v. 23.4.1825 (Berlin)


F. an Emilie Fröbel in Keilhau v. 23.4.1825 (Berlin)
(KN 21,7, Brieforiginal 2 ½ B 8° 10 S.)

Berlin an 23sten April 1825.


Emilie.

Ruhig und still ist es um mich her, alles im Hause
hat sich zu wirthschaftlichem Geschäfte
in einen andern Theil des Hauses zurück
gezogen ich bin allein, nur die zeitmessende
Uhr sagt mir durch ihre leisen aus der Stille
hervorhallenden Schläge, daß indem ich still
sinnend und denkend sitze, leise und still
die Zeit des Lebens verfließt; auf der Stra-
ße braust das Getreibe des Tages wie das
vom Winde bald näher herbey bald ferner
hin getriebene Braußen eines Wasserfalles[.]
Was ist unter solchen Umständen in einem solchen
Augenblick natürlicher als die Frage: was
sind die Triebfedern, was sind die Ziele und Zwek-
ke des Treibens der Menschen?- Sieht man
die äußern Früchte dieses Treibens äußerlich an
sieht man sie an mit einem arglosen nur das Beste
suchenden und erwartenden Kindesblick, so glaubt
man, Streben, reines Streben nach Darstellung
des Besten und Höchsten müßte die Triebfeder
die Darstellung und Verwirklichung dieses Höch-
sten und Besten müßte nothwendig nur der Zweck und das Ziel dieses /
[1R]
Treibens seyn; aber wie ganz anders ist es
wenn das innere häusliche, innere Familien-,
das innere bürgerliche Leben sich uns öffnet
wie schwinden da nicht nur die mit Kindessinn,
Kindesarglosigkeit und Kindesglauben geahne-
ten und erwarteten höheren Triebfedern, Ziele
und Zwecke, sondern wie tritt sogar an die
Stelle dieser eine niedrige und häßliche Persön[-]
lichkeit und Selbstsucht ein Genußtrieb und
eine Genußsucht deren höchstes Ziel nur in
dem Augenblick des Genießens selbst liegt
ohne alle Frucht für Geist und Herz und so ohne
alle bleibende Frucht; der arglose Mensch hat
hier für alles dieß gar keine Anschauung keine Be-
griffe, denn wenn man auch alles mit dem
richtigen Worte bezeichnen wollte, so würde
sein unverdorbener Kindessinn ihn in allem
höheres besseres hoffen, schauen und sehen lassen;
so nur eins z als kleine Andeutung zum Verständniß,
die sorglichste Pflege der Zierdegewächse begeg[-]
net einem hier überall, und leicht und mit
der Menge wandelt man zwischen dem
schönsten und duftendsten Blumenflor,
aber sind dort die Gewächse der Zweck ist hier /
[2]
der Zweck Gott und den Schöpfer in der Mannig-
faltigkeit und Schönheit seiner Werke, seiner Pflanzen
und Blumenformen und Farben zu ahnen, zu er-
kennen und in dem Gott der Gewächse und
Blumen auch unsern Gott zu sehen, nein!
von alle diesem nichts, die Pflege dieser Ge-
wächse und Blumen die Lust daran hat keinen
andern Zweck als nur dadurch um so eindrucks[-]
voller sich selbst, seine Person zur Schau
und ich möchte fast sagen zum Kauf zu tragen.
So ist überall der mit dem Augenblick kommen-
de und mit dem Augenblick schwindende Vor-
theil, Trieb und Ziel dieses Menschengetreibes
das wie ein Strom durch die Straßen braußt
nur das Heute endlicher vergänglicher Körperlich[-]
keit nicht das unendliche Morgen des ewigen Geistigen
im Menschen, und so, um bey dem gebrauchten
Bilde stehen zu bleiben verliehren Pflanzen und
Blumen ihre Bedeutung, ihr Leben und werden nur
todte Formen und Massen. Aber auch wir in unserm stillen Thal und kleinen Dorfe
wirken und streben, ja unser Wirken und Stre-
ben steht sogar mit diesem Getreibe in Verbindung,
wir pflegen, erziehen, lehren; wir pflegen erziehen
und lehren die Kinder solcher Eltern <die> diesem Ge-
treibe selbst angehören, wir erziehen solche Kinder /
[2R]
die in diesem Getreibe und durch dasselbe ge-
trieben aufwuchsen und wiederkehrend in
dasselbe zurückkehren, ja wir erziehen
uns, jeder sich selbst für die Welt und als
Glied der Welt: was ist denn nun der
Grund, das Ziel und der Geist unseres
Wirkens und Strebens, dieß ist die natür[-]
lichste und einfachste Frage die sich weiter
sogleich aufdrängt und - um der Beantwortung
dieser Frage näher zu kommen drängt sich weiter
die Frage hervor: Hat unser Wirken und
Streben einen andern Anfangspunkt eine andere Quelle als das Treiben dieser Menschen?-
Wir kommen bey beyden auf die Vorstellungen
der Menschen, auf ihre Gesinnungen, auf ihr
Inneres, ihr Herz zurück. Also Ein Anfangs[-]
punkt, Eine Quelle bey so verschiedenen
Triebfedern und Zweck; denn das bezeichnete
Ziel ist und kann doch gewiß das unsere nicht
seyn, worinne liegt hierzu der Grund?- Es
muß wichtig, sehr wichtig für uns seyn uns
diese Frage klar zu beantworten, denn wenn
aus eines Mensch[en] Herze, aus eines Menschen
Innerem Vergängliches und Unvergängliches, Irdisch[es]
und Himmlisches, Lebendiges und Todtes kommen kann /
[3]
so muß es für den Menschen wichtig seyn, zu
wissen wie er das letztere vermeide. Wohl
kommt beydes aus dem Herze, dem Innern, den
Gesinnungen des Menschen aber Gesinnungen Inneres
und Herz sind verschieden; Hier wohnt im
Herze nur Endliches und Sichtbares; dort
Unendliches und Unsichtbares; Hier eine alles
zerstückende Überzeugung und Gewißheit alles
jetzt schon zu wissen und zu verstehen, dort der einende
und Lebendige Glaube und Hoffnung bey Ausdau[-]
er und Treue den jetzt im Gemüthe ahnenden
Zusammenhang und Einheit des Ganzen immer-
mehr einzusehen zu erkennen und zu durchschauen;
hier ruht in dem Innern und Herzen des Menschen
sein sich, von sich selbst gemachtes Bild, welches er
außer sich auszuprägen strebt; dort lebt in
dem Gemüthe, der Seele des Menschen die noch
unvollende[te] Gestalt das noch unvollendete Bild
der Menschheit, das Bild der Gottheit, welches
darum das Bild Gottes im Menschen ist, weil
es immer edler, reiner, heiliger aus dem edleren
reineren heiligeren Gemüthe des Menschen ent-
steigt; diesem ist die Natur nur um seinet willen
jenen ist sie um Gotteswillen da; j diesem ist
die Welt nur sein Knecht seine Magd, jenem ist
sie Gottes Bothin und Dienerin; dieser sucht in /
[3R]
der Natur nur sich und verliehrt sich, jener sucht <ihn> Gott und findet
sich; diesem ist die Natur eine todte höchstens
mannichfaltig abwechselnde Masse jenem
ein lebendiges Wort. So siehst Du Emilie
wie alles Wohl und Wehe des Menschen
vom ersten sich Finden, vom ersten Blick in sich,
vom ersten Blick außer sich abhängt
wer sich in sich, in seinem Gemüthe endlich
körperlich fühlt und findet, wird auch den
Ausdruck, das Wesen alles ihn umgebenden
nur endlich und körperlich finden; - wer
sich in sich, in seinem Gemüthe leer und todt
findet wird auch das ihn in der Natur
umgebende leer und todt finden und fühlen[.]
Nun siehst Du Emilie was wir zu thun, zu
vermeiden, zu bele beleben haben. Klar
tritt es uns dadurch entgegen was der
Grund, das Ziel und der Zweck unseres
Wirkens und Streben[s] ist und wie unser
Wirken und Streben sich zu dem Treiben
der Welt verhält wenigstens verhalten
soll und was von uns geschehen muß um nicht
in gleiche Leere zu fallen.- Warum ich
dieß Dir sage und nicht vielmehr meinen
Gehülfen und Mitarbeitern am Erziehungsge[-] /
[4]
schäfte und vielleicht in einer Sprache die mehr
diesen angemessen, dieß sagst Du vielleicht
Du oder andere, oder eben auch darum [sc.: um] so mehr
als ich wohl alles in Dir vorau[s]setzen könne
und gewiß in mir voraussetze.
Hierauf die Antwort nachher, jetzt ruft es
eilig zu Tisch.
Siehst Du Emilie wie das Licht der Sonne
das ganze Sonnensystem erleuchtet und
seine Strahlen zahllos nach allen Seiten in
den Raum zerstreut und doch so gern sich
in einem hellen, klaren reinen Thautropfen
sammelt und in demselben das Bild der Sonne
abdrückt um es in dem Herze und Saamen
der Blumen zu wecken und auszubilden
in dessen Innern er ruht, so durchleuchtet
und durchstrahlt zwar der Geist des Men-
schen auch nach allen Seiten das Reich des
Menschengeistes doch eben so sammeln und einen sich
doch auch die Strahlen des Geistes gern im klaren
reinen und hellem Gemüthe um das Bild
des Ewigen in der Seele zu wecken und aus[-]
zubilden, in deren Innern es schon an sich ruht. /
[4R]
Wie die Sonne die Blumen liebt, die tausend[-]
fachen Vervielfältiger ihres Lichtes, ihres
Wesens und der in ihr ruhenden Form und
Gestalt und bey der einzelnen weilt sie zu er[-]
schließen zu lieblicher Gestalt schöner Farbe und
süßem Dufte so der sich bewußte Geist
das klare, reine Kindesgemüth, den reinen
hellen Kindessinn und weilt bey dem Einen
das [sc.: daß] es sich entfalte zu schöner Gestaltung.
Nicht aufdrücken und anbilden sollen diese Mittheil-
ungen Dir Emilie! fremdes aber entwickeln und ausbilden, sollen
sie Dein eigenes Wesen; das Wesen des Menschen
wie es in Dir lebt und ruht; aber nicht allein
entwickeln und ausbilden, sondern sie sollen
Dein Wesen das in Dir ruhende Wesen des Mensch[en]
zu immer lebendigerer Empfindung, reinerer Ge-
staltung und klarerem Bewußtseyn u Erkennt-
niß erheben. Eben weil ich alles das Ange-
deutete auch in Dir und Deiner Überzeugung nicht
allein voraussetzen kann, sondern in mir wirk-
lich voraussetze, spreche ich es Dir aus, daß Du
das die Eltern innig liebende Kind, die treue folgsame
Tochter, die gute sorgsame Schwester, das still häusliche, thätig
wirthschaftliche Mädchen, die sinnig fromme Jungfrau /
[5]
bleiben, das ungetrübte Bewußtseyn davon Dir
erhalten und immer reiner und vollkommener
werden mögest.-
Was ich Dir hier aussprach Emilie! ist weit
hinter dem zurück geblieben wie es in meiner
Seele lag, besonders das letztere Viertel wo
mich die Tischzeit vor der Beendigung abrief.
Möge Dir der Sinn des hier gebrauchten Bildes
klarer aus Deinem Gemüthe entgegen treten
als es aus dem Ausgesprochenen hervorgeht.
Doch damit Du mich in und mit meinem Briefe
überhaupt verstehest will ich Dir noch sagen wie
er in meiner Seele entstand. Während
des letzteren Tages unserer Reise las ich uns
aus den Perlenschnüren etwas vor. Die ein-
fache Wahrheit einzelner Aussprüche besonders
der zweyten und dritten Schnur ergriff mich
wie immer tief, ich freute mich innig daß
auch Du diese Aussprüche besitzest und im Geiste
machte ich Dich auf die einzelnen und ihren tiefen
und bedeutungsvollen Sinn aufmerksam,
so enstand zuerst dieser Brief in meiner
Seele, der eigentlich nur von neuem diese Perlen[-]
schnüre und deren Lesen Dir lieb machen sollte[.]
[5R]
Ernestine sagte die Aussprüche wären ächte
Perlen, denn sie trügen köstlichen Werth in sich.
Zwischen den Gedanken und die Ausführung
waren mehrere Tage mit ihren Erfahrungen dazwischen getreten
und die Umstände bey der Ausführung anders
als bey der Entstehung des Gedankens so be-
kam der Brief die ihm eigenthümliche Form
seinen eigenthümlichen Inhalt[.]
An meinem Geburtstage besuchten mich
Hermann, Louis und Gustav die beyden Brüder
es freute mich sehr von diesen Knaben besonders
von dem Louis Maget. Auch Carl Maget
hatte mich besuchen wollen[.] Krankseyn hatte ihn
aber abgehalten.
Von der Base habe ich einen Hyazinthen Stock
mit röthlich blauen Blumen bekommen Du weißt
Emilie wie lieb mir die Hyazinthen sind und kan[n]st
Dir darum leicht denken wie mir dieß Geschenk mehrfach
Freude machte.
Grüße Deine lieben theuren Eltern, Deine lieben
Geschwister, Albertinen die sorgsame Hausfrau
vor allen. Auch Paulinen vergiß nicht zu grüßen.
Laß Dich den Gedanken, mir zu antworten nicht
schrecken, ich leiste gern auf die Antwort Verzicht wenn
Du nur beym Lesen des la[n]gen Briefes kein finsteres Gesicht gemacht hast.
Mit Liebe und Treue Dein Oheim Friedrich.