Briefausgabe Friedrich FröbelBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung / Fröbel-Forschungsstelle der Universität Duisburg-Essen

F. an Emilie Fröbel in Keilhau v. (zum) 11.7.1825 (Keilhau)


F. an Emilie Fröbel in Keilhau v. (zum) 11.7.1825 (Keilhau)
(KN 21,11, Brieforiginal 1 Bl 8° 1 ½ S. + Gedicht 2 ½ B 8° 8 ½ S. - Zum eigentlichen Brief gehört mit großer Sicherheit das nichtdatierte Gedicht als Beilage [lt. KN-Katalog vermutlich zu einem Geburtstag Ende der zwanziger Jahre, lt . Briefliste vermutlich von 1825-1829]; Gründe für die Datierung der Beilage als Gabe zum 11.7.1825: 1. Schriftduktus wie im eigentlichen Brief; 2. inhaltliche Bezüge (Jesus, Lilienzeit, Lilienzweig, Bezug Lilie/Jesus, kommende Zeit der Lilienherrschaft); 3. Schlußformulierung ("im neuen Jahre" weist auf neues Kalender- oder Lebensjahr)

Zum 11en July 1825
Schwesterlich umschlingen geliebte Emilie! hier
Deine, längst Dir zum heutigen Feste gepflegten
und Deiner Schwester immergrünende Ranken
das Musterbild ächter Weiblichkeit, wahrer
Jungfräulichkeit. Sey es Dir und ihr, sey es Euch
beyden heute und immer ein lebendig redendes
Sinnbild immer in treuer schwesterlicher Verschlun-
genheit des Menschen Höchstes, Reinheit des Her-
zens in Euch und durch Euch darzustellen, dann
werdet auch Ihr mit Sicherheit dazu beytragen,
daß bald dem Menschen die Zeit komme, welche un-
ter der Lilienzeit ihm längst verkündigt ist, die
Zeit wie die Verkündigung sich ausspricht, wo der
Lilienzweig herrschen d.i[.] die Gesinnungen und
das Streben Jesu dessen Sinnbild die Lilie ist
alle Menschen beleben, in allen Menschen
wirken wird. Daß Ihr diesen Euern schönen
Beruf erkennen, daß Ihr in demselben und für /
[1R]
denselben leben und wirken möget, dieß
ist am heutigen Tage Deines schönen Lebens[-]
festes der höchste Wunsch meines Herzens
für Dich Emilie!

      Fr.

[1]
[Beilage:]

   *
*     *
Dem Menschen welcher sinnig die Natur beachtet und
Des Herzens leise Ahnungen versteht,
Dem weißt Du, Liebe! öffnet sich der Zukunft dichter Schleier
und
Vor seinem Blicke liegt sie offen da und klar
Wo Andere nur Nacht und Dunkel schauen;
Er sieht im Lichte schon, was erst nach vielen vielen Jahren
Im Menschenleben, wird erstehn.
So lebte unter uns vor einigen Hundert Jahren
Ein Mann durch sinngem Geist mit Gott,
Mit der Natur und Menschen hoch vertraut;
Sein inneres Auge sah des Lebens eingen Quell,
der Dinge Einklang;
Er sah das Göttliche im ird'schen Leben
Und aus dem Ird'schen sah er Himmlische sich heben.
Den Krieg und Kampf den zwischen Mensch und
Menschen,
Und Menschen und Natur er jetzt nur schaute;
Das Widersprechende das zwischen Gottes Woll'n
und Menschentrieb
Der Mensch in seines Lebens dunkeln Gang
zu finden glaubt. /
[1R]
Dieß alles, was das Herz mit bangem, bangem
bangem Schmerz erfüllt,
Den Geist mit schwerer Last zu Boden drückt;
Dieß alles sah im Geist er schon verschwinden.
Im Frieden sah er so den Menschen mit sich selbst
Und der Natur und Gott sich finden.
Des Friedens Tage waren ihm der Zukunft Zeiten.
"Zeiten wie der Liljen Knab' sie dachte
"Zeiten wie sie Jesus uns verheißt,
"Solche Zeiten, sagt' er, werden einstens
"Nach Zweyhundert Jahren auf die Erde kommen
"Zeiten, wo die Lilje einzig herrscht;
"Liljenzweige werden Menschen schmücken,
"Liljenzeit, die Zeit des Liljenzweiges
"Wird die Zeit drum heißen; Fried und Freude
"Werden Zeichen dieser Zeiten seyn,
"Fried und Freude wie uns Gott sie giebt."
      Also sprach und schrieb der sinn'ge
      Gott und der Natur vertraute Mann.
Liebe! dieser Doppelkreis von Hundert Jahren
Ist, indem wir leben, unsichtbar geschwunden,
Ungeahnet stehn wir in dem Kranz der neuen Zeit.
Laß' Emilie! laß uns sinnen, wirken, handeln, /
[2]
Daß des Sehers Wort sich könne lösen,
Daß wir klar erkennen was uns ist beschieden,
Daß wir nicht versäumen, nicht verliehren,
Was uns, und durch uns soll kommen;
Daß, was er im Geiste sah',
Liljenzeit, uns wirklich werde.
Laß der Lilje Duft zuerst unser eigen Herz erfüllen,
Laß der Lilje Zweig zuerst unser eigen Leben führen;
Denn dem Kleinen nur muß alles Groß' entkeimen
Durch den Einzeln'n nur muß kommen, was ein gan-
zes Volk beglückt.
Nur im Herzen, in der Liebe nur des Einzeln'n ward
und wird geboren
Was der ganzen Menschheit Frieden bringt.
Sagt's nicht die Geschichte wie das eigne Leben,
Sagt's nicht die Natur wie Gottes Geist,
Ging aus dem was einge fromme Menschen
Tief im Herzen liebevoll bewegten,
Ging daraus nicht Menschheits Seeligkeit
hervor?-
Keimt Emilie! unsers Lebens, (:selbst des größten
Besten Menschen:) bestes, reichstes Wirken
Aus der Kindheit Kindesliebe /
[2R]
Aus der Jugend heiterm Vorsatz nicht hervor?-
Darum reichet mit dem jungen Jahre
Dir der Freund den Lilienkranz -
Lilie und Rose wie im Gottes Garten
Wie im Menschenherzen, so auch hier im inngen
Bunde -
Daß er leise bittend zu Dir spreche:
Siehe, wie im Bilde Du mich hier empfängst
Wie ich schöner, sinnvoll jedes Jahr zu Deines
Lebensfest erblühe,
Wie ich schöner lebensvoller noch, Dein kindlich
Herz bewohne,
Sieh, so möcht ich gern Dein ganzes Leben,
All Dein Thun und all Dein Denken kränzen.
Möchte auf des Lebens Weg in Lust und Schmerzen,
Die wie Lilien und Rosen in dem Garten,
In der Menschen Leben immer ungetrennt -
Möcht' in Leid und Freude still und sinnvoll
Dich umduften,
Möcht' im Leben nie von Dir und Deiner Nähe
weichen;
Nimm mich hin, o! nimm mich Dir zu eigen. /
[3]
Daß geeint der Rose und der Lilie Wirken,
   Andern auch zu froher Bothschaft, frohem Zeichen
   Rein sich stets in unserm Leben offenbare,
   Dieß sey unser Vorsatz, unser Wunsch im neuen
Jahre! -
   *
*    *