Briefausgabe Friedrich FröbelBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung / Fröbel-Forschungsstelle der Universität Duisburg-Essen

F. an Bernhard Heinrich Blasche in Waltershausen v. 23.5.1827 (Keilhau)


F. an Bernhard Heinrich Blasche in Waltershausen v. 23.5.1827 (Keilhau)
(KN 22,6 dat. Entwurf, ref. bei Halfter 1931, 629; daher Adressat)

       Keilhau am 23sten May 1827

Verehrter Herr und Freund.

Fast ist es wohl anderthalb ein Jahr her seit ich mir
zum letzteren Male die Freude machte mich Ihnen
mitzutheilen. Ihre freundschaftlichen Gesinnungen
haben mich wiederkehrend dazu aufgefordert, mey-
nend vielleicht daß eine trübe, eigensüchtige Denk-
weise mich davon abhalte; doch nichts von diesem -
denn meine Gesinnungen sind wie mein Wollen
und Streben und darum Selbstsucht vernichtend treu und fest; doch aber des Lebens harter
ich möchte fast sagen vernichtender Kampf ums
Leben legte mir Hindernisse in den Weg welche
mir ich lange nicht zu beseitigen, nicht unübersteigenbar waren konnte.
Sollen aber des Lebens äußere Hindernisse abso-
lut hindernd seyn für Ausübung und Darstell[un]g
des inneren Lebens welches wir als in der Zeit und
unter den Umständen unter und in welchen wir
leben als das menschenwürdigste erkennen? -
welcher empfindend Denkende möchte und könnte
dieß zugeben; nein! Kampf und Hindernisse sollen
in jeder Zeit, das wissen alle denkenden Besseren,
nur zur Erringung der höheren und höchsten Güter
dienen die den Menschen, dem Einzelnen wie dem Geschlech[-]
te, der Menschheit auf ihrer jetzigen jedesmaligen Stufe der
Entwicklung eben zum weitern Fortschreiten /
[1R]
unerläßlich nothwendig sind. Ja! und ich empfinde u schaue diese Wahrheit mitten in
einem so gewaltigen Kampf der jeden Augenblick [mit] Vernichtung droht deßhalb soll auch derselbe mich nichts [sc.: nicht] ferner abhalten
mitten in demselben für Darstellung u <Erreichung> des Höchsten u <Besten> zu wirken[.] Darum halte ich jetzt mit[-]
ten im Kampf den Schild über das Haupt mein[en] Kopf um,
ehe vielleicht der, Mund und Arm lähmende
Streich fällt, einen Gedanken und ein Wort wei-
ter zu verbreiten welcher mir jetzt in einer bestimmten
Form und Beziehung auch von außen ausgesprochen
wird und zu dessen Darstellung und Verwirklichung
ich aufgefordert werde. Die Sache dünkt mich spricht für
sich selbst darum keine weitere Einleitung: Der
durch viellseitige [sc.: vielseitige] höhere erziehende Bestrebungen auch
durch solche Aufsätze in der Isis bekannte Schriftsteller Dr. Krause <gegenw.>
in Göttingen früher in Berlin auch früher auch in Dresden welcher auch sehr innige[n] Antheil an mein[em] Streben u Wirken <nahm> forderte mich <einzeln> auf für eine[n] ähnlichen
Verein von (für das) neuere aufstrebende Leben erwandernden
erziehenden Verein von sich verstehenden vom neuen hohen Leben ergriffen[en]
Erziehern <sow. Erzieherinnen> als der [darunter: ähnl. dem] durch Oken von Naturhistorikern gebildete für Naturhistorischewissenschaft ist, wirk[-]
sam zu seyn. Ich habe von jeher aus mehrseitigen Gründen die ich vielleicht
anders wo einmal ausführe [darüber: darlege] mir viel Heil für die dar[-]
stelle[nde] u ausübende Erziehung von der Gemeinsamheit sich ver-
stehender Erzieher erwartet und fordere darum in meinen Anzeige-
Schriften wiederkehrend <f[r]eyl.> in zu großem Maaßstabe u in zu
großer Allgemeinheit dazu auf, doch eben weil jener <schritt>
zu Groß u zu allgemein aufgefaßt u besonders nicht genug verbreitet war konnte mein
Ziel nicht erreicht werden; um so mehr werde ich jetzt von
dem Vorschlag des Her[r]n Dr. Krause ergriffen so daß ich gern das mir mögl. Wenige zu dessen Darstellung thun werde. An
wen könnte ich mich <nun> mit Mittheilung u weiter Ver[-]
breitung jenes Gedanken[s] zu erst u lieber wenden /
[2]
als an Sie in dem ich keine kräftigere Mitwirkung
für Ausführung u Darstellung dieses Gedanken[s] kenne als
die ihm durch u von Ihnen hochgeschätztester Herr kommen könnte. Ich beeile
[mich] auch darum wirklich Ihnen diesen Gedanken auszu[-]
sprechen u mitzutheilen, denn weiter hat zunächst <wirklich> ist dieß ist der einzige
Zweck dieser Zeilen, um von Ihnen Theilnahme Vorschläge
zu[r] Ausführung zu vernehmen.
Ich erkenne an gestehe zwar gern mein fast gänzliches
Unbekanntheiten [sc.: Unbekanntsein] mit Erziehern wie ich mir solche zu einem hohen Verein denke
doch dieß würde sich wohl finden zeigen wenn war zunächst <WegesZie[l]>
nur erst der [war] auch mir darum zu thun einen mögl. Herz-punkt und Lebenspunkt sich gefunden dafür zu bilden
hätte dann [hätte] sich dann dieser gefunden so würde sich auch schon ein das selbst Gewächs von selbst sich treiben u bilden u gestalten.
Wie wäre es denn wenn Sie strebender Freund zunächst wir:
drey Sie strebender Freund, der Doctor Krause ich
und meine mit mir geeinten Freunde L[angethal] M[iddendorff] u. B[arop]
den Herz- u Lebenspunkt eines solchen Vereins zu bilden begönnen. Seyn Sie so gütig
mir bald Ihre Meinungen u Ansichten darüber aus[-]
zusprechen welche ich dann sogl. dem He. Dr. K[rause] in G[öttingen] mit[-]
theilen würde. Dieser Her[r] hegt den freundlichen Wunsch
mich und uns hier zu besuchen. Sie äußerten auch
einmal einen so freundlichen Vorsatz einige Tage uns zu schenken vielleicht ginge
es darum an daß wir uns im Laufe dieses
Sommers hier zusammen träfen wir könnten dann
das weitere hierüber und über manches andere be-
sprechen; ich müßte Sie f[r]eylich bitten mit einer ganz f[r]uga[-]
len Bewirthung bey uns zufrieden zu seyn umso mehr als es mir
mehrfach schwierig seyn wür
Doch wie gesagt theilen Sie mir gefälligst unbefangen
Ihre Ansicht u prüfende Meinung mit gefälligst u offen darüber mit. /
[2R]
Alles Große ging ja von je her aus Kleinem
hervor wenn nur das Kleine Leben u Kraft in
sich trug u das Gefühl von Lebens- u Kraftgefühl.
Daß ich Ihnen diese Mittheilung u Aufforderung schreibe
wo schon jeder volle nächste Augenblick mir [mit] Vernichtung
droht dieß hindert mich nicht an dem segensreichen
Keimen <Wachsen> u Fruchten des zu streuenden Sammen [sc.: Samen]
an dem Fortkommen des zum Segen vieler zu pflanzenden Baumes
nicht zu zweifeln, denn Kampf u Schmerz
ja wohl gar Vernichtung bezeichnet ja immer die
Geburt des Höheren, aber der Menschheit zu ihrer ste[i]ge[n]den
Vervollkommnung eben nöthigen [sc.: Nöthigen ?].
Von dem innern häuslichen ich möchte sagen
familiarischen meines Wirkens jetzt nur
so viel, daß wir uns alle die wir uns
als durch gleiches Bedürfniß u gleiches Streben innig
verbunden fühlen immer lebendiger fröhlicher zu[-]
sammen und ein[ig] leben, daß wir uns besonders seit
diesem Frühling wieder ein frisches Leb lebendiges
thatkräftiges Leben erfreuen, und daß der
Zweck des erziehende[n], des unterrichtende[n] u des Lebens Zweck
sich immer mehr gegenseitig durchdringen, u beleben, u
bekräftigen, u fördern. [Text bricht ab]