Briefausgabe Friedrich FröbelBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung / Fröbel-Forschungsstelle der Universität Duisburg-Essen

F. an Bernhard II. Erich Freund Herzog von Sachsen-Meiningen in Meiningen v. <vor> 6. / 25.7.1827 (Keilhau)


F. an Bernhard II. Erich Freund Herzog von Sachsen-Meiningen in Meiningen v. <vor> 6. / 25.7.1827 (Keilhau)
(KN 108;4 (Mappe I), Entwurfsfragment, 17 B + 2 Bl fol 72 S, insgesamt neunmal dat. Es fehlen die Bögen 1-5. Das erhaltene Fragment beginnt mit Bogen 6 und ist bis Bogen 22 durchnumeriert. Die Datierungen finden sich auf 17R („6.Jul“), 18R und 19 („Jul 8“) und auf den Bögen 21R („Jul 18) und 22R („19 July“),sowie 26R („22 Jul“), 30 („21 Jul“), 31 („23 Julius“) und 33 („25 Julius“). Der Brief wurde sicherlich vor dem 6. Juli, möglicherweise noch Ende Juni 1827 begonnen. Langes Edition dieses Briefs (L I,1,32-116) enthält auch den Briefanfang und stimmt mit dem Entwurfsfragment weitgehend, allerdings meist nicht wörtlich, überein. Teilweise hat Lange auch Abschnitte des Entwurfs weggelassen. Ob neben dem Entwurf noch eine Reinschrift existierte, die dem Herzog übersandt wurde, ist fraglich. Jedenfalls enthält das Meininger Archiv kein entsprechendes Dokument. Auch Lange lag mit Sicherheit keine Reinschrift vor. Dafür spricht seine Bemerkung S.116, er habe den Brieftext „aus einer fast unleserlichen Claddeschrift mühsam entziffern“ müssen. Auch eindeutige Lesefehler Langes sprechen für den Entwurf als einziger Quelle. Der Verlust der Bögen 1-5 des Entwurfs muß der Editionspraxis Langes geschuldet werden. Langes Hinweis S.32 „Aus einem Briefe“ suggeriert untertreibend den Auszugscharakter dieser Edition. Lange hat allerdings einige Abschnitte weggelassen und den gesamten Text überarbeitet. Der fehlende Briefanfang der Bögen 1-5 wird hier nach Langes Edition und mit dessen Seitennumerierung wiedergegeben)

Ich bin geboren auf dem Thüringer Walde in Oberweißbach, einem Schwarzburg-Rudolstädtischen Dorfe, am 21. April 1782. Mein 1802 gestorbener Vater war daselbst erster Geistlicher oder Pfarrer. Frühe erhielt ich die Weihe des schmerz- und druckvollsten Lebenskampfes, und Unnatur und eine mangelhafte Erziehung übten ihren Einfluß auf mich aus. Denn bald nach meiner Geburt wurde meine Mutter kränklich, und als sie ¾ Jahr mein Leben gepflegt hatte, starb sie. Durch diesen Verlust und harten Schlag wurde die ganze äußere Erscheinung und Entwicklung meines Lebens bedingt; ich halte dieses Begegniß für dasjenige, durch welches die Erscheinungen meines äußeren Lebens mehr oder weniger bedingt wurden. Mein Vater hatte allein eine auf 6-7 Orte vertheilte Seelsorge für ohngefähr 5000 Menschen, die auch selbst einen so thätigen Mann, wie mein Vater war, der in seiner Gewissenhaftigkeit die Pflicht der Seelsorger niemals vergaß, aufs Höchste in Anspruch nahm, besonders bei den damals noch üblichen sehr häufigen geistlichen Verrichtungen. Dazu kam, daß meinem Vater auch noch die Mitbeaufsichtigung eines großen neuen Kirchenbaues übertragen wurde, wodurch er seinem Hauswesen und seinen Kindern mehr und mehr entzogen werden mußte. Ich war nun dem Gesinde überlassen und von diesem, das sich die Ueberbürdung meines Vaters zu Nutze zu machen verstand (wohl zu meinem Heil), meinen etwas älteren Geschwistern. Darin und in einer Erscheinung meines späteren Lebens mag vielleicht meine unvertilgbare Familien- und besonders Geschwisterliebe ihren Grund haben, die bis auf diesen Augenblick höchst wesentlich bestimmend in mein Leben eingegriffen hat. So sehr auch mein Vater ein für seine Lebensverhältnisse als Landpfarrer gewiß selten /
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unterrichteter, ja gelehrter und erfahrener, rastlos thätiger Mann war, so blieb ich ihm doch in Folge dieser ersten und trennenden Lebensumstände durchs ganze Leben hindurch fremd. So hätte [sc.: hatte] ich also eigentlich eben so wenig einen Vater, wie ich eine Mutter hatte. Diesen Verhältnissen gemäß wuchs ich herauf bis in mein 4tes Jahr, wo ich durch eine zweite Heirath meines Vaters eine zweite Mutter bekam.-
Mein Gemüth muß damals sehr das Bedürfniß der Mutter- und Elternliebe gefühlt haben; denn in diese Jahre fällt die erste Zeit meines Bewußtseins.
Ich erinnere, daß ich meiner neuen Mutter die Gefühle einer einfach treuen Kindesliebe reichlich entgegen brachte. Sie wirkten beglückend, entwickelnd und erstarkend, weil sie gutmüthig aufgenommen und erwiedert wurden. Doch diese Freude, dieses Glück bestand nicht lange; bald erfreute sich die Mutter eines eignen Sohnes, und jetzt wandte sich ihre Liebe nicht nur ganz von mir und zu diesem; sondern mich traf auch mehr noch als Gleichgültigkeit – völlige Entfremdung, welche sich selbst in der Bezeichnung und Anrede kundgab. Ich bin hier genöthigt, diesen Umstand besonders herauszuheben und näher zu bezeichnen, da ich hierin den ersten Grund meiner frühen Einkehr in mich selbst, meiner Neigung zur Selbstbeobachtung und meines frühen Abgeschiedenseins von anderen menschlichen Verbindungen erkenne. Bald nach der Geburt ihres eignen Sohnes, als ich kaum in‘s Knabenalter getreten war, hörte meine zweite Mutter auf mit dem vertraulichen und seelenverknüpfenden Du und fing dagegen an, mir mit der ganz entfremdenden Anrede in dritter Person entgegen zu treten. Wie die Anrede, das Wort Er alles isolirt, so wurde dadurch auch zwischen mir und meiner Mutter eine große Kluft aufgerichtet; ich fühlte mich schon in meinem beginnenden Knabenalter ganz isolirt und meine Seele war mit Trauer erfüllt. Unedle Menschen wollten dies Gefühl, diesen Zustand in mir zum Nachtheil gegen meine zweite Mutter benutzen; doch mit Unwillen wendete sich sogleich mein Sinn und Gemüth von diesen, und ich mied diese Menschen, wo ich konnte. Unter solchen Umständen wurde ich mir frühe meines edleren, reineren inneren Lebens bewußt und legte den Grund zu jenem würdigen Selbstgefühl und moralischen Stolze, der mich durch das ganze Leben begleitet hat. Die Versuchungen kehrten von Zeit zu Zeit wieder und nahmen eine immer drohendere Gestalt an; es wurde mir Unedles nicht nur zugemuthet, sondern auch geradezu zugeschrieben, und dies in einer Weise, die /
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keinen Zweifel über die Unstatthaftigkeit des Zugemutheten und über das Lügenhafte der Beschuldigungen übrig ließ. So wurde ich in meinem ersten Knabenalter mit Gewalt auf und in mich, ja auf die Beachtung des Wesens und der innern Entwicklung in Gegensatz zu den Erscheinungen des äußeren Lebens hingeführt. Mein inneres und mein äußeres Leben waren in dieser Zeit auch mitten in meinen Spielen und sonstigen Thätigkeiten der Hauptgegenstand meines Sinnens und Nachdenkens. Wesentlich eingreifend in die Entwicklung und Ausbildung meines inneren Lebens war auch die örtliche Lage meines elterlichen Hauses. Dieses Gebäude war dicht umschlossen von andern Gebäuden, Mauern, Hecken, Stacketen, war ferner umgeben von einem Hofraum, von Gras- und Gemüsegärten, über die hinaus zu gehen stark verpönt war. Die Wohnung gewährte keine andere Aussicht als links und rechts auf Gebäude, nach vorwärts auf eine große Kirche, im Rücken auf die Feldwand eines hohen Berges. Aussicht in die Ferne war mir also lange benommen; nur über mir sah ich den in den Gebirgsgegenden oft so heitern Himmel, fühlte um mich die reine frische Luft. Der Eindruck, den dieser heitere Himmel, diese reine Luft auf ich machten, ist mir stets gegenwärtig geblieben.
So war eigentlich mein Blick nur auf´s Nahe gerichtet, und die Natur, die Pflanzenwelt und Blumenwelt wurde, so weit ich sie anschauen und begreifen konnte, bald ein Gegenstand meiner Beobachtung und meines Nachdenkens. Ich half frühe dem Vater bei seinem Lieblingsgeschäfte, der Pflege des Gartens, und erhielt auf diese Weise manche nachhaltigen Eindrücke; doch ging mir die Ahnung des eigentlichen Naturlebens erst später auf, worauf ich im Laufe der Darstellung zurück kommen werde.
Auch das häusliche Leben gab mir schon in dieser Zeit viel Gelegenheit zur Selbstbeschäftigung und zum Nachdenken. In unserm Hause wurde viel gebaut; beide Eltern entfalteten eine große Regsamkeit, liebten die Ordnung und suchten ihre Umgebung auf alle nur denkbare Weise zu verschönern. Ich mußte bei ihrer Thätigkeit nach Kräften helfen, und merkte bald, daß ich dadurch an Kraft und Einsicht gewann. Durch diesen Zuwachs an Kraft und Einsicht erhielten auch meine selbstständigen Spiele und Beschäftigungen größeren Werth.
Von dem Leben im Freien und in der Natur, von dem äußeren häuslichen Leben muß ich nun zurückkehren in das innere häusliche und Familienleben, das ich jetzt führte./
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Mein Vater war ein Theolog der alten Zeit, welcher zwar Kenntnisse und Wissenschaften geringer achtete, als den Glauben, dennoch aber nach Möglichkeit mit der Zeit fortzuschreiten suchte. Zu dem Behufe hielt er sich die besten ihm zugänglichen Zeitschriften und prüfte sorgfältig, was ihm darin geboten wurde. Das trug nicht wenig zur Erhebung und Klärung des ächt altchristlichen Lebens bei, das in unserer Familie herrschte. Am Morgen und am Abend waren alle Mitglieder derselben versammelt, sogar auch am Sonntag, obgleich uns an diesem Tage schon der Gottesdienst zu einer allgemeinen religiösen Betrachtung zusammen rief. Zollikofer, Hermes, Marezoll, Sturm und Andere führten uns in diesen herrlichen Stunden der Andacht und der Weihe in unser inneres Leben ein und wirkten für die Anregung, Entfaltung und Erhebung unseres Gemüthslebens. So wurde mein Leben frühe durch die Natur, durch Arbeitsamkeit und durch religiöse Empfindungen beeinflußt, oder wie ich lieber sage: es wurden die natürlichen und ursprünglichen Richtungen jedes Menschenwesens auch bei mir im Keime gepflegt. Meiner
später zu entwickelnden Ansicht von dem Wesen des Menschen und um meines Berufes- und Einzelstrebens willen muß ich erwähnen, daß ich hier wiederkehrend und mit einem tief erregten Gemüth den Entschluß faßte, recht brav und gut zu werden. Wie ich höre, contrastirte dieser feste innere Entschluß seltsam mit meinem äußeren Leben. Ich war voll Tugendmuth und Lebenslust, wußte in meiner Lebendigkeit nicht immer Maß zu halten, kam durch Ausgelassenheit in allerlei Fatalitäten hinein und zerstörte in meiner Unbesonnenheit alles um mich her, was ich untersuchen und kennen lernen wollte.
Da mein Vater durch viele Geschäfte verhindert wurde, mich selbst zu unterrichten, und da er überdies die Lust dazu verloren hatte, weil ich ihm beim Lesenlernen, was mir sehr schwer fiel, viel Mühe gemacht hatte, so kam ich, als ich lesen konnte, in die öffentliche Dorfschule.
Das Verhältniß meines Vaters zu den Dorfschullehrern, dem Cantor und dem Mädchenschullehrer, auch die Erwartung, welche er von dem Unterricht beider hegte, bestimmten meinen Vater, mich zu dem Letzteren zu schicken. Diese Wahl hatte wegen der großen Sauberkeit, Ruhe, Sinnigkeit und Ordnung, welche in der Schule herrschte, bedeutenden Einfluß auf die Entwicklung meines Innern, oder vielmehr: sie war demselben ganz angemessen. Zur Bestätigung dessen will ich von meinem Eintritte in die Schule reden. Wie in jener Zeit Kirche und Schule überhaupt in bestimmten Wechselver- /
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hältnissen standen, so war es auch bei uns der Fall. Die Schulkinder hatten bestimmte Plätze in der Kirche; sie hatten nicht allein die Verpflichtung, die Kirche zu besuchen; sondern es mußte auch jedes Kind zum Beweise seiner auf die Predigt gerichteten Aufmerksamkeit am Montag darauf (an welchem Tage zu diesem Zwecke Prüfung gehalten wurde) dem Lehrer irgend eine der Schriftstellen sagen, welche der Prediger in seinem Vortrag als Beweisstelle aufgeführt hatte.
Die dem Kindesgemüth entsprechendste ward dann für die Kleinen ein Gegenstand des Aneignens oder Auswendiglernens. Eins der größeren Schulkinder mußte zu diesem Zwecke während der ganzen Woche zu einer bestimmten Zeit den kleineren die Bibelstelle satzweise vorsprechen; die Kleinen, alle stehend, mußten dieselbe satzweise eben so lange nachsprechen, bis die Stelle vom Gedächtniß jedes Kindes vollständig aufgenommen war.
Ich wurde am Montag in die Schule eingeführt. Die für diese Woche bestimmte Schriftstelle war die bekannte:
„Trachtet am ersten nach dem Reiche Gottes“ rc.
Ich hörte diese Worte jeden Tag in einem ruhigen und ernsten, etwas singenden Kindertone, bald gesprochen von Einem, bald von der Gesammtheit. Die Bibelstelle machte auf mich einen Eindruck, wie keine zuvor und nachher; ja dieser Eindruck war so lebhaft und nachhaltig, daß noch heute jedes Wort mit dem eigenthümlichen Ausdruck, mit dem es gesprochen wurde, ganz lebendig in meiner Erinnerung lebt. Und doch sind seit jener Zeit nahe an 40 Jahre verflossen. Vielleicht fühlte schon damals ein einfaches Knabengemüth aus diesen Worten den Grund und das Heil seines Lebens, ja jene Ueberzeugung heraus, die dem strebenden und ringenden Manne zu einer Quelle unversiegbaren Muthes, stets ungeschwächter Opferwilligkeit und Opferfreudigkeit wurde. Genug, die Einführung in diese Schule war für mich die Geburt zu einem höheren geistigen Leben.
Ich halte hier im Niederschreiben an und frage mich, ob ich es wagen darf, länger bei diesem ersten Zeitraume meines Lebens stehen zu bleiben; doch es ist diese Zeit diejenige, in welcher sich die Knospen meines Lebens entfalteten, die Zeit der Ansetzung eines Herzpunktes, des ersten Erwachens meines innern Lebens. Würde mir darum die Schilderung dieser frühesten Lebensperiode gelingen, so dürfte grade durch sie das Verständniß meines männlichen Lebens und Strebens wesentlich erleichtert werden. Darum wage ich es, hier verhältnißmäßig lange stehen zu bleiben, und dies um so mehr, /
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weil ich über spätere Lebensräume werde schneller hinweg gehen können. Mir will es oft scheinen, als gehe es mit der Ueberschauung und Darstellung meines Lebens gerade wie mit der meines Erziehungs- und Lehrgangs: was man als das Gewöhnlichste und Unscheinbarste bei Seite setzt, erscheint mir oft als das Wichtigste, und es bleibt in meinen Augen stets ein Fehler, eine Lücke in dem Ursprünglichen und Fundamentalen gelassen zu haben.
Dennoch kann man – ich weiß es wohl – durch eine solche Berücksichtigung des Unscheinbaren Jemand leicht ermüden, der das ganze Bild noch nicht zu überschauen und den Zweck und das Ziel der Darstellung noch nicht zuerkennen vermag.
Ich ersuche deshalb Ew. Hoheit, dasjenige, was zu weitläufig und ausführlich erscheint, wenigstens vorläufig zu überschlagen.
Gegen die bestehende Ordnung war ich also durch die Stellung meines Vaters als Ortsgeistlicher in die Mädchenschule gekommen; deshalb bekam ich auch keinen Platz neben gleichaltrigen Schülern, sondern unmittelbar neben dem Lehrer und so zunächst den größten Schülerinnen angewiesen. Darum theilte ich auch, wo ich konnte, ihren Unterricht, namentlich in zwei Gegenständen. Einmal las ich mit ihnen gemeinschaftlich in der Bibel, und dann mußte ich statt der obenerwähnten Bibelsprüche die geistlichen Lieder strophenweise lernen, welche am Sonntag in der Kirche gesungen wurden. Es sind besonders zwei Lieder, welche wie zwei helle Sterne in die dunkle und schauerliche Morgendämmerung meines erstens Lebens hernieder leuchten: 1) „Schwing dich auf mein Herz und Geist“ rc., 2) „Es kostet viel ein Christ zu sein“ rc.
Diese Lieder wurden mir Lebenslieder; ich fand darin mein kleines Leben gezeichnet, und der Inhalt derselben griff so in mein Leben ein, daß ich in dem späteren Leben mich oft an demjenigen gestärkt und erholt habe, was dort dem Gemüth gereicht wurde.
Das häusliche Leben meines Vaters stand mit der vorhin erwähnten Schuleinrichtung in völliger Uebereinstimmung. Obgleich jeden Sonntag zweimal Gottesdienst gehalten wurde, so durfte ich doch nur sehr selten eine dieser feierlichen Handlungen versäumen. Ich folgte mit großer Aufmerksamkeit den Vorträgen meines Vaters, theilweise auch deswegen, weil ich viele Beziehungen der Amts-, Berufs- und Lebenswirksamkeit meines Vaters darin zu finden glaubte. Noch jetzt finde ich es nicht unwesentlich, daß ich dem Gottesdienste getrennt von der Gemeinde in der Sacristei beiwohnte, weil ich dadurch weniger zerstreut wurde. Oben habe ich erwähnt, daß mein /
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Vater zu den alten orthodoxen Theologen gehörte; darum herrschte, wie im Liede so im Vortrag die bekannte starke Bilder-Anschauungssprache, eine Sprache, die ich in mehrfacher Beziehung eine Steinsprache nennen möchte, weil es eine gewaltige auflösende Kraft kostet, das darin enthaltene innere Leben aus der äußeren Hülle zu befreien. Doch wozu später die entwickelte Kraft zu schwach scheint, das vermag die lebendige, Leben weckende und gebende Kraft eines einfachen in sich gekehrten jungen Gemüthes, eines sich eben entfaltenden, eines überall nach Ursach und Zusammenhang fragenden Geistes; aber sehr oft auch erst nach langem Prüfen, Forschen und Nachdenken. Wenn aber das von mir sehnlichst Gesuchte gefunden war, herrschte große Freude in mir.
Unter den Umständen, unter welchen ich besonders in meiner ersten Kindheit heraufgewachsen war, hatten Sinnenreize viel und frühe auf mich eingewirkt; sie wurden daher auch frühe für mich ein Gegenstand der prüfenden Beachtung. Das Ergebniß dieser in mein frühestes Knabenalter fallenden prüfenden und fragenden Betrachtung war sehr klar und bestimmt, wenn auch nicht den Worten, so doch der Sache nach: Ich erkannte, daß die vorübergehende Wirkung der Sinnenreize dem Menschen eigentlich nichts Bleibendes und Genügendes geben, und daß sie deshalb gar nicht über Gebühr zu beachten seien. Dieses Ergebniß war schlagend und bestimmend für mein ganzes Leben, so wie diese erste fragende Beachtung und Vergleichung der Innen- und Außenwelt und ihrer Wechselwirkung eigentlich der Grundton meines ganzen künftigen Lebens ist.
Unausgesetzte Selbstbeobachtung, Selbstbetrachtung und Selbsterziehung ist der Grundcharakter meines Lebens von frühe an gewesen und bis in die spätere Zeit derselben hinein geblieben.
Die Erregung und Belebung, Erweckung und Stärkung der Lust und der Kraft im Menschen, an seiner eigenen Erziehung unausgesetzt zu arbeiten, ist auch die Grundforderung meines erziehenden Wirkens geworden und geblieben.
Auf die Erweckung und Pflege dieser Lust und Kraft, dieser Eigenthümlichkeit, wodurch sich der Mensch eigentlich erst als wirklicher Mensch bethätigt, sind alle meine Erziehungsvorschläge und Erziehungsmittel gerichtet.
Groß war meine Freude, als ich auf eine mich ganz befriedigende Weise heraus gebracht zu haben glaubte, daß ich nicht in die Hölle kommen werde. Die steinernen, drückenden Ausdrücke einer /
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orthodoxen Theologie verwandelte ich früh in Begriffe, wozu vielleicht zwei Umstände besonders beigetragen haben.
Ich hörte nämlich einmal diese Ausdrücke unendlich oft; denn ich wohnte auch in der Regel dem Confirmanden-Unterrichte bei, den der Vater in seinem Hause ertheilte. Ich hörte die Ausdrücke in den verschiedensten Verknüpfungen, wodurch endlich der Begriff von selbst in meiner Seele hervorsprang.
Zweitens war ich häufig stummer Zeuge der ernsten und strengen Seelsorge meines Vaters, der häufigen Auftritte zwischen ihm und den vielen Menschen, die das Pfarrhaus betraten, um sich Rath und Trost zu holen.
Ich wurde also wieder von dem äußeren Leben in das innere geführt. Das Leben mit seinen innersten Getrieben und des Vaters Meinung und Wort darüber trat vor meine Augen, und ich erkannte auf diese Weise Sache und Wort, That und Bezeichnung in ihrem lebendigsten Zusammenhange. Ich sah das zerschnittene und lastende, zerrissene und zerstückte Leben der Menschen, wie es in dieser Gesammtheit von 5000 vor dem beachtenden Auge ihres ernsten und strengen Seelsorgers erschien.
Es waren nun oft die ehelichen und geschlechtlichen Verhältnisse der Gegenstand der ermahnenden, strafenden Reden und Vorstellungen meines Vaters. Die Art, wie mein Vater darüber sprach, ließ mir diesen Gegenstand als einen der drückendsten und lastendsten für den Menschen erkennen, und in meiner Harmlosigkeit und Jugendlichkeit fühlte ich einen tiefen Schmerz und ein Trauern darüber, daß der Mensch allein unter den Geschöpfen einer solchen geschlechtlichen Geschiedenheit Preis gegeben sei, die ihn so schwer das Rechte finden lasse.
Ich konnte, was doch durchweg meinem Herzen und Gemüth, meinem Innern Bedürfniß war, nichts Versöhnendes in und außer mir finden, und wie hätte dies auch in jenem Alter und in meinem Verhältnisse möglich sein sollen? – Da kam mein ältester Bruder, welcher, wie alle meinen älteren Geschwister, vom Hause entfernt lebte, auf einige Zeit zurück, und dieser machte mich, als ich meine Freude über die Purpurfäden an den Haselknospen zu erkennen gab, auf eine geschlechtlich ähnliche Verschiedenheit unter den Blumen aufmerksam. Nun war mein Gemüth befriedigt; ich erkannte, was mich gedrückt hatte, als eine durch die ganze Natur verbreitete Einrichtung, dem sogar die stillen und schönen Gewächse der Blumen unterworfen seien. Von nun an war in meinen Augen Menschen- und Natur- /
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leben, Gemüths- und Blumenleben unzertrennlich, und meine Haselblüthen sehe ich noch, wie sie gleich Engeln mir den großen Gottes-Tempel der Natur eröffneten. Ich bekam, was ich bedurfte, zu der Kirche einen Natur-Tempel, zum christlich-religiösen ein Naturleben zum leidenschaftlichen und hassenden Menschenleben ein ruhig stilles Pflanzenleben. Von nun an war es, als hätte ich das Knauel der Ariadne ergriffen, das mich durch alle Irr- und Wirrgänge des Lebens hindurch führen werde, und ein mehr als dreißigjähriges, zwar oft ganz zurückgetretenes, durch große Zwischenräume getrübtes Leben mit der Natur hat mir diese, besonders die Pflanzen- und namentlich die Baumwelt als einen Spiegel, ich möchte sagen als ein Sinnbild des Menschenlebens selbst in seinen höchsten geistigsten Beziehungen kennen lernen, so das ich es als eine der größten und tiefsten Vorahnungen des menschlichen Gemüthes und Lebens erkenne, wenn in der heiligen Schrift von einem Baum der Erkenntniß des Guten und Bösen gesprochen wird. Es lehrt uns die ganze Natur das Gute von dem Bösen unterscheiden, selbst die Welt der Krystallgestalten und der Steine, aber für mich nicht so lebendig, ruhig, klar und offen wie die Pflanzen- und Blumenwelt. Ich sagte: meine Haselblüthe reichte mir den Faden der Ariadne. Drum lösete sich mir viel auf und auf ganz befriedigende Weise, so z. B. das erste Leben und Handeln der ersten Menschen in Eden und Vieles was sich daran knüpft.
Noch drei Punkte aus meinem inneren Leben, die in diese meine Lebenszeit bis zum zehnten Jahre fallen, muß ich hier heraus heben, ehe ich mich zu meinem äußeren Leben dieser Periode hinwende. Wie die Thorheit, der Wahn und die Unwissenheit selbst in der jüngsten Zeit noch der Welt Untergang zu bestimmen sich vermessen hat, so geschah es auch in der Zeit, von welcher ich jetzt eben rede. Mein Inneres aber war dabei ganz ruhig; ich sagte mir ganz bestimmt und klar: das Menschengeschlecht geht auf der Erde (und so auch die Erde) nicht eher unter, als bis das Menschengeschlecht, die Menschheit auf diesem Wohnort die Vollkommenheit erreicht hat. die es auf der Erde erreichen kann. Die Erde, die Natur im engeren Sinn, geht nicht eher unter, bis wir Menschen zur völligen Einsicht in das Wesen derselben gelangt sind.
Dieser Gedanke kehrte in verschiedener Gestalt in meinem Leben wieder; ich verdankte ihm oft Ruhe, Festigkeit, Ausdauer und Muth.
Gegen das Ende dieser Epoche war mein ältester Bruder, dessen ich schon erwähnte, auf der Hochschule. Er studirte Theologie. Die /
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kritische Philosophie fing damals an, Lehrsätze der Kirche zu beleuchten. Es konnte also nicht fehlen, daß Vater und Sohn oft verschiedener Meinung waren. So erinnere ich mich, daß sie einmal in einen heftigen Wortwechsel über Religions- oder Kirchenmeinung geriethen. Mein Vater war aufbrausend und gab schlechterdings nicht nach; mein Bruder, seiner Natur nach mild, ward dennoch ganz glühend roth – auch er konnte, was er als wahr erkannte, nicht aufgeben. Ich war auch hier, wie so oft, unbeachtet Zeuge, und noch sehe ich Vater und Bruder, wie sie sich im Meinungskampfe gegenüber standen. Mir war es fast, als hätte ich auch etwas von dem Gegenstande des Streites begriffen; es schien mir, als müßte ich dem Bruder recht geben, und auch in des Vaters Ansicht schien mir etwas zu liegen, das einer gegenseitigen Verständigung nicht durchaus hinderlich war.
Es ging mir schon dunkel auf, daß in allem Wahn eine wahre Seite aufzufinden ist, die oft zum krampfhaften Festhalten des Wahns verleitet.
Diese Einsicht trat in meinem Leben mehr und mehr hervor, und wenn sich später zwei Männer in meiner Gegenwart um die Wahrheit stritten, lernte ich diese Wahrheit gerade von beiden kennen. Ich nahm deshalb niemals gern Partei, und das zu meinem Heil.
Eine andere Jugenderfahrung, welche ebenfalls bestimmend auf die Gestaltung meines inneren Lebens einwirkte, war die folgende: Es sind häufig wiederkehrende Forderungen unserer positiven Kirchen-Religion, Christum anzuziehen, Christum im Leben darzustellen, Jesu nachzufolgen u.s.w.
Diese Forderungen traten mir bei meines Vaters Lehr- und Lebenseifer unzählig oft entgegen. Bei Forderungen, die dem kindlichen Gemüthe entsprechen, kennt das Kind gar keine Einschränkung; wie es die Forderung als ein Ganzes in sich aufnimmt und erkennt, so will es auch die Erfüllung derselben ganz und vollständig. Durch das so häufig Wiederkehrende dieser Forderung trat mir dieselbe in ihrer höchsten Wichtigkeit, aber auch die große Schwierigkeit in Betreff ihrer Erfüllung entgegen; ja es schien mir, als sei Letztere ganz unmöglich. Der Widerspruch, den ich auf diese Weise zu erblicken glaubte, war in hohem Grade drückend für mich. Da kam mir endlich der beseligende Gedanke: die Menschennatur an sich mache es dem Menschen nicht unmöglich, das Leben Jesu wieder in Reinheit zu leben und darzustellen; ja der Mensch könne die Reinheit eines Lebens Jesu erringen, wenn er nur den rechten Weg dazu betrete. /
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Dieser Gedanke, bei dem ich mich, so oft ich ihn denke, in den Ort und in die Lage meines Knabenalters versetzt sehe, mag ohngefähr der letzte dieser Lebensepoche gewesen sein, und so mag er auch die Darstellung meiner innern Entwicklung in dieser Periode beschließen. Er wurde später der Angelpunkt meines Lebens.
Die Schilderung meines innern Knabenlebens könnte vielleicht auf ein glückliches, friedliches äußeres Leben schließen lassen. Ein solcher Schluß würde das Richtige nicht treffen. Es scheint überall meine Bestimmung gewesen zu sein, die schneidendsten und härtesten Gegensätze und Widersprüche darzustellen und aufzulösen. Ganz entgegengesetzter Gestalt war darum mein äußeres Leben. Ich war ohne Mutter aufgewachsen, meine physische Pflege war vernachlässigt, und bei dieser Vernachlässigung hatte ich manche üble Angewohnheit angenommen. Ich war gern thätig, vergriff mich aber in meiner Unbehülflichkeit oft in Stoff, Zeit und Ort. So zog ich mir oft die höchste Unzufriedenheit meiner Eltern zu. Ich empfand diese bei einem regen Gemüthe tiefer und länger, als sie von Seiten der Eltern stattfand, und dies um so mehr, weil ich mich höchstens in der Form, aber nicht in der Sache strafbar fand. In meinem Innern sah ich immer eine Seite, von wo aus mein Handeln wenigstens der Sache nach nicht ganz unrecht, noch weniger strafbar war; es wurden nach meiner Meinung meinem Handeln Absichten untergelegt, welche nicht in demselben lagen. Dieses Bewußtsein machte mich nun erst zu dem, was ich sein sollte, nämlich schlecht; ich verheimlichte zuletzt aus Furcht vor harter Strafe auch das harmloseste Handeln oder erging mich in unwahren Behauptungen, wenn ich gefragt wurde. Genug, ich galt frühe als bös, und mein Vater, der nicht immer Zeit zum Untersuchen hatte, behielt die Sache im Auge, wie sie ihm vorgestellt wurde. Die Vernachlässigung meiner Kindheit zog mir Spott zu; im Spiel mit meinen Halbgeschwistern gab ich nach der Mutter Meinung die Veranlassung zu allem Unstatthaften, was dabei vorfiel. Wie sich so der Eltern Sinn von mir trennte, trennte sich mein Leben immer mehr von ihnen, und nun war ich nur noch der Berührung und dem Zusammenleben mit Menschen hingegeben , die, wenn mein inneres Leben nicht so gesund gewesen wäre, als es wirklich war, noch nachtheiliger auf mich eingewirkt haben würden, als es wirklich geschah.
In dieser traurigen Lage wünschte ich sehnlichst eine Aenderung derselben; ich pries meine älteren Geschwister, die sämmtlich außer dem Hause waren, glücklich. In dieser trüben Zeit kehrte der schon /
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mehrmals erwähnte älteste Bruder ins Haus zurück; er erschien mir als ein rettender Engel; denn er erkannte in und unter meinen Fehlern das Menschliche meines Wesens und nahm mich oft gegen Mißhandlung in Schutz. Nach kurzer Zeit schied er zwar wieder; allein mein Inneres war von nun an auf das Innigste mit dem seinen verbunden, und nach seinem Tode wurde diese Liebe der Wendepunkt meines Lebens.
Die Wohlthat, das elterliche Haus verlassen zu können, wurde endlich auch mir zu Theil, und das in der höchsten Noth; denn sonst hätten die gewaltsamen Widerstände des innern und äußern Lebens nothwendig das Schlechte, was sich mir nun wirklich angehängt hatte, völlig zur Reife bringen müssen.
Ein neues, dem früheren ganz entgegengesetztes Leben begann nun, als ich 10 ¾ Jahr alt war. Doch ich verweile noch einen Augenblick bei der Betrachtung dieses Zeitraums, ehe ich zu seiner Schilderung übergehe.
Um ganz durchschau- und erfaßbar vor Ew. herzogl. Durchlaucht zu stehen, wie ich es dem Zwecke gemäß wünschen muß, erlaube ich mir, hier einen Vergleich dieses meines früheren Lebens mit meinem jetzigen aufzustellen, um dadurch zugleich eine Andeutung zu geben, wie ich mein früheres Leben mit meinem späteren in Verbindung setze, wie mein früheres Leben mir Erkenntniß-Erfassungsmittel des späteren, wie überhaupt mein eigenes persönliches Leben mir Schlüssel des allgemeinen äußeren Lebens geworden ist, was ich das Symbolische und das stetig bedingte Lückenlose des Lebens nenne. Wie in dem eben dargelegten Zeitraum meines Lebens mein inneres Sein, Leben und Wesen, Wollen und Streben von meinen Eltern nicht erkannt wurde, so wird es jetzt von Staaten nicht erkannt; wie mein äußeres Leben in diesem Zeitraum unvollkommen und mangelhaft dastand und wie die Mangelhaftigkeit dieses äußeren Lebens zur Verkennung meines inneren Lebens führte, so läßt man sich jetzt durch die Unvollkommenheit und Mangelhaftigkeit meines jetzigen Lebens hindern, mein Wollen und Streben in seinem wahren Wesen, seinem Grunde, seiner Quelle, seinem Ziele und Zwecke zu erkennen und dasselbe echt fürstlich und landschaftlich der aufgegangenen Erkenntniß gemäß zu fördern. Die Verkennung, der Druck meines früheren Lebens, bereitete mich vor auf die Ertragung gleicher Uebel in meinen späteren und namentlich jetzigen Lebensverhältnissen.
Wie ich so mein jetziges Landschafts- und Heimathleben und /
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Schicksal in einem Theil meines früheren Lebens schaue, so lese und schaue ich das jetzige allgemeine Menschheitsleben in meinem früheren, meinem Einzel-Leben. Was ich eben von den Verhältnissen meines landschaftlichen und Heimathlebens zu meinem und unserm erziehenden Leben aussprach, das findet seine Anwendung auf das Streben des jetzigen Menschengeschlechtes, in seiner Entwicklungsstufe und der Hindernisse und Hemmungen, die dem Menschengeschlechte entgegengesetzt werden; wie ich als Kind und Knabe strebte, mich menschenwürdig nach den von Gott selbst in meine Natur gelegten Gesetzen, obgleich noch unbewußt, zu bilden und zu erziehen, so strebe ich jetzt auf gleiche Weise, nach gleichen Gesetzen und nach gleichem Gange die Kinder meines Vaterlandes, die Menschen zu erziehen. Was ich als Knabe auf einer gewissen Stufe der Unbewußtheit erstrebte, das erstrebt jetzt die Menschheit ebenfalls auf einer gewissen Stufe des Unbewußtseins, aber darum nicht minder wahr, darum aber auch im Allgemeinen unter wenig günstigeren Verhältnissen, als diejenigen waren, welche ich in meinem Knabenalter erlebte.
So ist mir das Leben in seinen großen und kleinen Erscheinungen, in den Erscheinungen der Menschheit und des Menschengeschlechtes, wie in der des einzlnen Menschen, wenn er auch selbst willkürlich sein Leben verdreht, so ist mir Gegenwart, Vergangenheit und Zukunft ein unzerstücktes, stetiges, großes Ganze, in welchem eines das andere erklärt, rechtfertigt, bedingt und fordert.
Damit in meinem Handeln, Denken und Leben womöglich keine dunkele Stelle bleibe, will ich in den Schlußfolgerungen bis in meine allerletzten Lebenserscheinungen gehen. Es ist die des Niederschreibend dieser Darlegungen meines Lebens für Ew. Hoheit. Der Grund davon liegt in den Erfahrungen meines Lebens, und mein augenblickliches Handeln ist seinesweges willkürlich. Die Weltklugheit würde diesen Schritt verargen, wenn sie ihn kennete; Niemand würde ihn thun mögen, zu thun wagen; ich thue und wage ihn, weil meine Kindheit mich lehrte, daß wenn da, wo Zutrauen sein sollte, Mißtrauen ist, wo Einigung Trennung, wo Glauben an den Menschen wirken sollte, Zweifel thätig ist, daß da nur traurige Früchte erscheinen, und ein lästiges und drückendes Leben die Folge davon ist. Ich gehe jetzt zur Darstellung der Entwicklungsgeschichte meines innern und äußern Lebens zurück.
Ein neues, dem bisherigen entgegengesetztes Leben begann für mich jetzt. /
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Ein Oheim mütterlicher Seite besuchte uns in diesem Jahr; er war ein sanfter liebevoller Mann. Sein Erscheinen bei uns machte auch auf mich einen wohlthätigen Eindruck. Dieser Oheim mochte als ein erfahrener Mann das Widrige meines Verhältnisses durchschauen; denn bald nach seiner Abreise bat er schriftlich meinen Vater, mich ihm zu überlassen. Mein Vater willigte leicht und gern ein. Gegen Ende des Jahres 1792 ging ich zu ihm. Kind und Gattin waren ihm frühe gestorben; nur seine alte Schwiegermutter war bei ihm im Hause. Herrschte in meines Vaters Hause die Strenge, so hier die Milde und Güte; sah ich dort in Beziehung auf mich Mißtrauen, so hier Zutrauen; dort fühlte ich Zwang, hier Freiheit. War ich bisher fast gar nicht unter Knaben meines Alters gekommen, so fand ich hier wohl 40 Mitschüler; denn ich kam nun in die obere Klasse der Stadtschule. Das Städtchen liegt in einem ziemlich breiten Thale an einem klaren kleinen Flusse. Mein Oheim hatte zwar auch Gärten am Hause, welche ich besuchen konnte; doch stand es mir frei, die ganze Gegend zu durchwandern, wenn ich nur, was unerläßliches Gesetz war, zur rechten Zeit auf das Pünktlichste wieder im Hause erschien.
Ich trank hier frischen Lebensmuth in langen Zügen, denn die ganze Gegend war mir nun ein Tummelplatz, wie früher mein Gehöft. Ich begann Freiheit des Gemüthes und erstarkte körperlich.
Die Augen unserer oberen geistlichen Lehrer störten nie unsere Spiele, die auf bestimmten Plätzen vor sich gingen, und immer fröhlich gehandhabt wurden. Tief kränkend war mir oft die häufige Zurücksetzung beim Spiel, welche dadurch eintrat, daß meine Körperkraft und besonders meine Gewandtheit nicht im Verhältniß zu meinem Alter entwickelt war, und kühne Verwegenheit von mir konnte nie die rüstige, stille Kraft und den seines Zieles gewissen Muth meiner Genossen ersetzen. Die Glücklichen waren in steter Uebung ihrer Jugend- und Knabenkraft herauf gewachsen. Ich fühlte mich außerordentlich glücklich, als ich es endlich dahin gebracht hatte, daß ich endlich als Genosse des Spiels meiner Mitschüler geduldet wurde. Und was auch später Kunst, Absicht und Leben in dieser Hinsicht noch gegeben haben, ich fühlte immer physische Schwäche einer unverkürzten Knabenkraft gegenüber. Das abgerechnet, was meine bisherige Erziehung mir geraubt hatte, war mein Leben frisch, äußerlich ungebunden, und wie man mir sagt, habe ich mir dies in hohem /
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Grade zu Nutze gemacht. Die Welt lag offen vor mir, so weit ich sie ausfüllen konnte. Es mag wohl sein, daß mein jetziges Leben ein so freies und ungebundenes, wie mein früheres ein eingezwängtes und gebundenes gewesen war; wenigstens haben meine Jugendgenossen mehrere Vorfälle aus jener Zeit mitgetheilt, die mich glauben machen, daß meine Heiterkeit an Wildheit und Ausgelassenheit grenzte, so sehr ich auch als Knabe meinte, meine Lebensäußerungen seien weit simpeler Art, als die meiner Altersgenossen.
Mein bisheriges stilles Leben in der Natur war nun mehr ein freies lebendiges in derselben. Da indessen meines Oheims Haus ein wirklich friedliches und sinnig stilles war, so lebte und bildete ich mich auch zugleich nach dieser Seite hin fort, und so kam überhaupt nun Gleichgewicht in mein Leben.
In zwei Orten und Bildungsstätten war ich nach wie vor ganz heimisch, wenn sich auch häufiger als früher die Zerstreutheit meiner bemächtigte – ich meine die Kirche und die Schule. In der letzte[r]n fesselte mich ganz besonders die Stunde des Religionsunterrichts. Wie meines Oheims Person und Leben, so waren auch seine Kanzelvorträge – sanft, mild, liebeathmend. Ich folgte ihnen ganz, und gab in den Montags-Wiederholungen von ihnen Rechenschaft. Am meisten zusagend war mir aber der Religionsunterricht unsers Lehrers; in ihm und durch ihn bekam alles, was ich mir selbst aufgeklärt hatte, größeres Licht und höhere Bestätigung. Ich sprach mich später, als ich schon Jüngling war, über die Vortrefflichkeit dieses Unterrichts gegen meinen Oheim aus, und er äußerte darauf: der Unterricht dieses Mannes sei zwar sehr gut, aber zu philosophisch und für diese Stufe oft schwer verständlich gewesen; für Dich, fügte er hinzu, mochte es wohl passend sein, weil Du schon von Deinem Vater vorzüglichen Unterricht gehabt hattest.
Dem sei nun, wie ihm wolle, genug mich erhellte, belebte, erwärmte, ja durchglühte dieser Unterricht, so daß ich oft, besonders bei Vorführung des Lebens, Wirkens und Charakters Jesu, innerlich förmlich aufgelöst war. Ich zerfloß dabei in Thränen, und das bestimmteste Sehnen, auch einmal ein ähnliches Leben führen zu können, erfüllte mein Gemüth.
Höre ich jetzt Erzählungen von dem jugendlichen Uebermuth meiner damaligen Lebensperiode, so muß ich glauben, daß er oberflächliche Beobachter leicht zu der irrigen Meinung verleitet haben mag, alle Mahnungen und Lehren der Religion seien spurlos an mir vorüber gegangen. Und doch wie unrichtig hätte ein solcher Beob- /
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achter den wahren Zustand meines innern Lebens beurtheilt! Was in der Stadt-Ilmer Schule gut betrieben wurde, war Lesen, Schreiben, Rechnen und Religion. Latein wurde kläglich gelehrt und noch kärglicher gelernt. Es fehlte dem Unterrichte hier wie in vielen ähnlichen Schulen das begründende Element gänzlich; deshalb war die auf das Latein verwandte Zeit für mich nur in so fern nicht verloren, als sie mich lehrte, daß ein so getriebener Unterricht bei den Schülern keine Frucht bringen könne. Rechnen lag meiner Natur sehr nahe. Da ich noch Privatunterricht in diesem Gegenstande erhielt, so waren meine Fortschritte so bedeutend, daß sie sogar an den keinesweges geringen Höhepunkt des Wissens und Könnens meines Lehrers hinan reichten. Wie verwundert war ich nun, als ich in meinem 23ten Jahr zum ersten Mal nach Yverdun kam, und hier die Aufgaben nicht lösen konnte, welche den Schülern vorgelegt wurden.
Dies war eine von den Erfahrungen, welche mich lebhaft für Pestalozzis Lehrweise einnahmen und mich bestimmten, nach seinem Lehrgange das Rechnen selbst ganz von Neuem zu beginnen. Doch darüber später. In der Erdkunde sagten wir alles papageimäßig her, sprachen viel und wußten nichts; denn es fehlte diesem Unterricht auch die leiseste Anknüpfung ans Leben und jedwede Anschaulichkeit, ob wir gleich unsere farbigen Flecken und Fleckchen richtig benennen konnten. Auch Privatunterricht in der Erdkunde erhielt ich. Mein Lehrer wollte doch hier mit mir fortschreiten; er führte mich nach England. Ich konnte dieses Land zu dem Orte und Lande, in welchem ich lebte, nicht in Beziehung setzen, und so behielt ich von diesem Unterricht ebenfalls nur Weniges. An eigentlichen Unterricht im Deutschen war gar nicht zu denken; doch erhielten wir Anweisung im Briefschreiben und Rechtschreiben. Woran die Orthographie sich anknüpfte, weiß ich nicht; ich glaube jedenfalls an Nichts; sie schwebte in der Luft. Auch im Gesang- und Clavierspiel erhielt ich Unterricht, jedoch ohne Erfolg.
Ich erwähne dies alles blos, um später daran anzuknüpfen. Mein Leben während dieser Zeit meines Aufenthaltes bei meinem Oheim hatte sonach drei Richtungen, die religiös entfaltende und gestaltende, die äußerlich im Knabenspiel, dem ich mich ganz hingab, hervor- und heraustrat, und die still in meines Oheims friedlichem Hause lebende Idee. Dieser gab ich mich immer gleich innig hin, ohne zu ahnen, welche Widersprüche mein äußeres Leben zeigen mochte. Denn mein Leben verstrich wie das meiner Schulkameraden ohne eine mir sichtbare oder gar fühlbare Control[l]e, ganz unbeengt, /
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und doch erinnere ich mich nicht, daß jemals eine Schlechtigkeit von uns ausgeübt [worden] wäre.
Es drängt sich mir hier etwas auf, was ich als Erzieher nicht unbeachtet lassen kann. Wir hatten bei zwei Lehrern Unterricht; der eine war pedantisch strenge, der andere, der eigentliche Lehrer der Classe (Conrector), war menschlich frei. Jener bewirkte bei der Classe nie etwas; dieser, was er wollte, und hätte, wenn ihm daran gelegen gewesen wäre oder er seine Kraft und Gewalt gekannt hätte, gewiß Tüchtiges mit seiner Classe leisten können. Im Städtchen waren zwei Geistliche, beide Ephoren der Schule. Mein Oheim, der erste Oheim, war mild, sanft und gemüthvoll, eindringlich im Leben, wie im Amt und auf der Kanzel; der zweite Geistliche streng, auch wohl hart; er zankte und schalt verhältnißmäßig viel. Jener leitete uns mit einem Blicke. Ein Wort von ihm, und gewiß Wenige wären roh genug gewesen, diesem Wort den Eingang in das Herz zu verschließen. Des Letzteren lange Ermahnungen gingen in der Regel spurlos an uns vorüber. Mein Oheim war, wie mein Vater, treuer Seelsorger seiner Gemeinde; aber eine milde Menschenfreundlichkeit leitete ihn. Meinen Vater bestimmte die Ueberzeugung von der Wahrheit seiner Handlungen; er war ernst und strenge. Beide sind länger als 20 Jahre nicht mehr; aber wie verschieden sieht es in beiden Menschen aus. Hier ist man froh, daß die strenge Controlle abgeschüttelt ist, und es herrscht, wenn ich recht höre, viel zügellose Ungebundenheit; dort erhebt sich das Städtchen zu immer größerem Wohlstand, und alles nimmt an innerer Bildung, wie an ächter bürgerlicher Betriebsamkeit zu. Ich erlaube mir diese Einschaltung, weil diese Erfolge als Lebenserfahrung auch wieder in mein Leben eingreifen.
In dieser Lage lebte ich bis zu meiner Confirmation, wenige Wochen ausgenommen, welche ich während der großen Schulferien im elterlichen Hause verlebte. Auch hier erschien nun alles milder, und die häusliche und wirthschaftliche Thätigkeit, die dort statt fand, und in die ich durch meinen periodischen Aufenthalt immer auf´s Neue hineingeführt wurde, übte auf mich einen sehr wohlthätigen Einfluß aus. In der Bibliothek meines Vaters wurden zuerst die Kupfertafeln aufgesucht, besonders diejenigen, welche Begebenheiten aus der allgemeinen Welthistorie darstellten. Eine Tafel, worauf die Zusammenstellung unseres Alphabets mit vielen andern enthalten war, machte einen sehr überraschenden Eindruck auf mich.
Ich wurde dadurch in den Stand gesetzt, den Zusammenhang /
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und die Ableitung unserer Schriftzüge mit und aus den alten phönizischen Buchstaben zu erkennen.
Dies gab mir eine dunkle Ahnung von dem inneren Zusammenhange der Sprachen, von welchen ich, da mein Bruder studirt hatte und studirte, viel hörte und sah. Besonders verlor in meinen Augen das Griechische viel von seiner Fremdartigkeit, als ich diese Schriftzüge im Deutschen wieder erkannte. Alles dieses hatte jedoch damals noch keine Wirkung auf mein Leben; erst in späterer Zeit übten diese Jugendanklänge wieder ihre Wirkung auf mich aus.
Auch mancherlei Jugendschriften las ich in dieser Zeit. Die Geschichte Samuel Lawills machte lebhaften Eindruck auf mich; ich wünschte auch mir einen Ring, der durch Drücken am Finger das fehlerhafte Vorhaben der Hand anzumelden im Stande sei, und ich war sehr unwillig über den jugendlichen Besitzer dieses Ringes, welcher ihn entrüstet wegwarf, weil der Ring ihn gar hart drückte in einem Momente, in dem er eine leidenschaftliche Handlung begehen wollte.
Die Zeit der Confirmation und diese selbst, welche, wie die Vorbereitung dazu, durch meinen oft genannten Oheim geschah, war vorüber. Ich erhielt in ihr die eindringlichsten und in mein ganzes Leben eingreifensten Eindrücke, und alle meine Lebensfäden fanden ihren Einigungs- und Ruhepunkt.
Ich sollte nun für einen bürgerlichen Beruf bestimmt werden, und es fragte sich jetzt, für welchen. Daß ich nicht studiren sollte, war schon früher durch den ausdrücklichen Willen meiner zweiten Mutter festgesetzt. Da nämlich schon zwei meiner Brüder sich dem Studium gewidmet hatten, so fürchtete sie, daß durch neue Kosten das Vermögen des Vaters zu sehr geschwächt werde. Es mochte auch diese Ansicht bei meiner ganzen Unterrichtsweise stets leitend und maßgebend gewesen sein, und wahrscheinlich hatte man dabei nur den kleinen, den eingeschränkten künftigen Wirkungskreis, nie den Knaben als Menschen vor Augen gehabt. Vermuthlich aus diesem Grunde hatte man mich auch so blutwenig zum Lernen des Lateinischen angehalten; ich sollte nur so eben, wie die stehende Redensart dafür war, ein Casum setzen lernen.
Auch durch meine eigne Erfahrung wurde mir also bestätigt, wie höchst nachtheilig es ist, bei der Erziehung und dem Unterricht nur auf einen gewissen Kreis oder Grad Rücksicht zu nehmen. Die leidige Erziehung ad hoc ließ in früherer Zeit viel edle Menschenkraft unentwickelt. /
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Es giebt in unserm Lande eine Laufbahn, welche von den achtbarsten und treuesten Eltern für ihre Söhne häufig gewählt wird. Es ist das die Stellung im Rechnungs- und Cammerfache. Die Aspiranten dafür haben zweierlei Eintritts- und Anfangspunkte für diese Laufbahn; entweder tritt derjenige, welcher sie einschlägt, bei einem untergeordneten Rent- oder Cammerbeamten als Schreiber ein, oder bei einem der höchsten Staatsbeamten als Bedienter.
Weil meinem Vater meine Schreib- und Rechenkenntniß für einen derartigen Beruf als genügend und ausreichend erschien, und er auch wohl wußte, daß derselbe später nicht nur zu einem sorgenfreien Leben, sondern auch zu Vermögen führen könne, so bestimmte er mich für diesen Beruf. Doch der Rentamtmann, welcher einen jungen Menschen dieser Art brauchen konnte, führte Gründe an, warum er mich noch nicht aufnehmen könne und wolle. Gegen die Benutzung des zweiten Anknüpfungspunktes sträubte sich etwas in meiner Seele, was ich bisher noch gar nicht wieder in mir wahrgenommen habe, was mich aber schlechterdings abhielt, diesen Weg zu betreten, so sehr mir auch allerlei einladende Vorspiegelungen gemacht wurden. Mein Vater meinte es treu und redlich mit mir; doch das Schicksal wollte anders als er. Ein eignes Begegniß ist es nun, daß ich durch meine Erziehungsanstalt der Erzieher und Lehrer zweier Neffen jenes Mannes wurde, dem mich mein Vater als Bedienten bestimmt hatte, und ich hoffe zu Gott, daß ich dieser Familie mehr dadurch genutzt habe, daß ich Herz und Kopf dieser jungen Leute nach Möglichkeit genährt und mit Gutem erfüllt habe, als wenn ich die Kleider und Schuhe ihres Oheims gebürstet und dessen Tafel mit guten Speisen besetzt hätte. Jedoch wäre mir im zweiten Falle höchstwahrscheinlich ein äußerlich sorgenfreies und glückliches Loos zugefallen, während ich jetzt nur mit Sorgen und mit der Noth zu kämpfen habe.
Genug, diese Laufbahn war mir verschlossen. Eine zweite schlug meine Mutter vor, doch hiervon befreite mich meines Vaters bestimmte Abneigung.
Mein Wunsch und meine Neigung wurde[n] jetzt beachtet. Ich wollte nunmehr Landwirth werden, aber im ganzen Umfange des Wortes; denn ich liebte die Berge, die Felder und Wälder; auch hörte ich, daß man um in diesem Fache etwas Tüchtiges zu lernen, vornehmlich Geometrie und Feldmeßkunst völlig verstehen müsse. Nach dem, was ich von Letzterer gelegentlich kennen gelernt hatte, war mir diese Aussicht ganz erfreulich; auch war es mir ganz gleichgültig, ob /
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mit der Wald- oder der Feldwirtschaft oder der Geometrie und dem Feldmessen begonnen werde.
Mein Vater suchte mich unterzubringen; doch die Oekonomen forderten zu viel Lehrgeld. In dieser Zeit machte er die Bekanntschaft eines Forstmanns, der zugleich großen Ruf als Geometer und Taxator hatte. Beide einigten sich, und ein Contract zur 2jährigen Lehre für mich im Forstwesen, Taxiren, in der Geometrie und im Feldmessen, wurde abgeschlossen.
Ich war 15 1/4 Jahre alt, als ich um Johanni 1797 als Forstlehrling eintrat.
Zwei Tagereisen war es von meiner Heimat bis zu dem Förster, der nicht im Lande angestellt war. Er hat mir zwar wiederkehrend seine mehrseitige tüchtige Kenntniß bewiesen; allein er verstand nicht die Kunst, Andere zu belehren, besonders deswegen nicht, weil er ganz empirisch sich selbst herauf gebildet hatte; auch erlaubten ihm die ihm übertragenen Floßgeschäfte nicht, mir die mir versprochene und für meinen Unterricht nothwendige Zeit zu widmen. Sobald ich darüber klar war, trieb mich mein eignes Leben, die wirklich dortmals guten Bücher über das Forstfach und die Geometrie zu benutzen, welche ich dort vorfand. Ich machte auch die Bekanntschaft des Arztes eines benachbartes Städtchens, der Naturkunde aus Liebhaberei trieb, und dieser gab mir botanische Bücher, wodurch ich auch mit andern als den Waldpflanzen bekannt wurde.
Eine große Zeit der Abwesenheit des Försters, in welcher ich mir ganz selbst überlassen war, benutzte ich dazu, eine Art von Landkarte der Umgegend, in der ich lebte, aufzuzeichnen; doch beschäftigte mich besonders die Pflanzenkunde.
Mein Leben als Forstlehrling war ein vierfaches: zuerst ein mehr häusliches und wirkendes; ein Leben in der Natur, besonders im Walde; ein Leben in der Stube, das dem Mathematischen, und Sprachlichen, so wie der Kunde der Pflanzen gewidmet war. Der gewählte Beruf und die sonstigen äußeren Verhältnisse hätten mich mit Menschen mancherlei Art zusammenbringen können; doch blieb mein Leben ein mehr in sich zurückgezogenes. Mein kirchlich-religiöses wurde mehr ein religiöses Naturleben, und im letzten halben Jahre lebte ich ganz in und mit den Pflanzen, die mich ungemein anzogen, ohne daß mir jedoch der Sinn für das innere Leben der Pflanzenwelt aufgegangen wäre. Das Sammeln und Trocknen der Pflanzen trieb ich mit größter Sorgfalt. Ueberhaupt war diese Zeit in der mannichfachsten Weise meiner Selbsterziehung, Selbst- /
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belehrung und Erhebung gewidmet. Besonders ging ich nach wie vor gern dem mir von Anfang an eigenen Hange zur Selbstbeobachtung und Selbstbetrachtung nach.
Einen Vorfall, den wichtigsten für meinen innern Standpunkt, hebe ich noch hervor. Eine Stunde von meinem damaligen Wohnorte liegt ein kleines Landstädtchen. In demselben war eine Gesellschaft wandernder Schauspieler angekommen, welche im fürstlichen Schlosse daselbst spielten. Nachdem ich einmal eine Vorstellung gesehen hatte, blieb fast keine der folgenden von mir unbesucht. Die Vorstellungen machten auf mich einen tiefen und lebendigen Eindruck, und dies um so mehr, als meinem Gemüthe dadurch eine lang entbehrte Nahrung gereicht zu werden schien. Diese Eindrücke waren um so bleibender und in meine Selbstbildung eingreifender, als ich jedesmal nach dem Schauspiel oft bei dunkler oder sternenheller Nacht den stundenlangen Weg vom Städtchen nach Hause zurücklegte und den Inhalt der Vorstellung in mir verarbeitete. Ich erinnere mich noch ganz besonders, daß mich eine Vorstellung von Ifflands Jägern ganz tief erregte, mich zu den bestimmtesten sittlichen Entschlüssen anregte, welche ich mir in der sternhellen Nacht tief einprägte. Mein Interesse am Schauspiel führte mich zu den Schauspielern, und unter ihnen zog mich besonders ein ernster junger Mann an, mit dem ich über seinen Beruf sprach. Ich wünschte ihm Glück, Glied einer solchen Gesellschaft zu sein, welche so schöne Wirkungen im menschlichen Gemüth hervorzubringen im Stande sei, äußerte auch vielleicht den Wunsch, Glied einer solchen Gesellschaft zu sein. Da schilderte mir dieser redliche Mann den Schauspielerberuf als ein glänzendes und täuschendes Elend, und gestand mir, daß er nur nothgedrungen diesen Beruf gewählt habe und ihn bald verlassen werde. Ich lernte dabei wieder Ursache und Wirkung, Inneres vom Aeußeren unterscheiden, und mein Schauspielbesuch führte mich zu widerwärtigen Selbsterfahrungen.
Mein Vater, dem ich unbefangen von diesen meinen Schauspielbesuchen Mittheilung gemacht hatte, machte mir die bittersten Vorwürfe deshalb und sah mein Handeln als höchst strafbar an, was freilich mit meinem eigenen Erfahrungen gewaltig contrastirte, indem ich meinen Schauspiel-Besuch meinem besten Kirchen-Besuch an die Seite stellte, meinem Vater sogar Aehnliches aussprach. Später wurde, wie schon so oft, so auch dieses Mal, mein ältester Bruder wieder Vermittler zwischen meinem Vater und mir.
Johanni 1799 war meine Lehrzeit zu Ende. Der Förster, /
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welcher nun Nutzen von meiner Arbeit hatte, wollte mich noch ein Jahr behalten. Doch ein höherer Sinn war in mir erwacht; ich wünschte Mathematik und Botanik umfassender zu betreiben und war nicht zu halten. Als meine Lehrzeit abgelaufen war, trat ich aus und kehrte ins elterliche Haus zurück.
Mein Lehrherr erkannte wohl, daß er mir gegenüber seine Verpflichtung nicht erfüllt hatte, und in diesem für ihn wahrscheinlich drückenden Bewußtsein schlug er, des mir ausgestellten völlig genügenden Zeugnisses ungeachtet, ein nicht eben edles Verfahren gegen mich ein. Er kannte meine Privat-Arbeiten nicht, z.B. die ganze Durcharbeitung einiger elementar-mathematischer Bücher, die ich gar leicht zu fassen im Stande war. Zudem war er unzufrieden darüber, daß ich nicht noch ein Jahr bleiben wollte. Er sandte also einen Brief an meinen Vater, in welchem er bittere Klagen über mich führte und die Schuld meiner Unkunde ganz auf mich schob. Dieser Brief kam früher in mein elterlichen Haus als ich, und mein Vater schickte ihn an meinen ältesten Bruder, welcher in einem Dorfe, durch welches mich mein Heimweg führte, Prediger war. Bald nachdem ich bei ihm angekommen war, theilte mir mein Bruder den mich anschuldigenden Brief mit. Ich rechtfertigte mich durch Enthüllung der ungewissenhaften Handlungsweise meines Lehrherrn, so wie durch Vorlegung meiner Privatarbeit, und beleuchtete in einer Gegenschrift an meinen Lehrherrn alle die mir gemachten Beschuldigungen und sein Betragen gegen mich, so daß ich Vater und Bruder zufrieden stellte. Jetzt machte mir mein Bruder Vorwürfe, daß ich so lange über das erlittene Unrecht geschwiegen habe. Hierauf hatte ich die einfache Erklärung, daß mir mein Vater beim Antritt der Lehrzeit gesagt, ich solle nur nicht kommen und über etwas klagen, ich werde nie gehört werden und im Voraus Unrecht bekommen.
Mein Bruder, welcher die Strenge unsers Vaters und dessen Ansichten kannte, schwieg. Meine Mutter sah in dem Urtheile des Försters die Bestätigung ihrer eigenen Ansicht. Der Förster meinte, wenn aus mir noch etwas werde, so könne man dieses Prognosticon Jedem ohne Weiteres stellen, und meine Mutter stimmte ihm völlig bei.
So war das Licht in mir, der Sonnenschein, welcher besonders in der letzten Zeit meines Lebens mich erwärmt hatte, mit einem Male wieder völlig verschwunden. Die Schwingen meines Geistes, welche sich schon selbstständig zu regen begannen, waren wieder gebunden, und mein Leben erschien aufs Neue kalt und rauh. Da traf /
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sich‘s, daß mein Vater eine Geldsendung an meinen Bruder, welcher in Jena Medicin studirte, zu machen hatte. Die Sendung eilte; ich hatte nichts zu thun und wurde also zum Boten bestimmt.
In Jena angekommen und von dem regen geistigen Leben ergriffen, wünschte ich einige Zeit dort zu bleiben.
Es waren noch 8 Wochen bis zum Schluß des Sommerhalbjahres 1799. Mein Bruder schrieb dem Vater, daß ich diese Zeit nützlich und zweckmäßig in Jena ausfüllen könne, und in Folge seines Briefes durfte ich bleiben.
Ich nahm jetzt Unterricht im topographischen und Situations-Zeichnen und verwandte die ganze Zeit darauf. Michaelis kehrte ich mit meinem Bruder ins elterliche Haus zurück, und die Mutter meinet, ich könne nun doch auch sagen, ich sei einmal durch die Collegien gegangen. Doch ich dachte anders; mein Sinn und Geist war vielseitig angeregt worden, und ich sprach daher meinem Vater den Wunsch aus, auch studiren zu dürfen, und zwar in Uebereinstimmung mit meiner bisherigen Laufbahn Cameralia.
Mein Vater wollte seine Erlaubniß dazu geben, wenn ich Mittel anzugeben wisse, mein Ziel zu erreichen. Ich besaß ein sehr geringes mütterliches Vermögen, hielt es aber für unzureichend. Doch nach Rücksprache mit meinem Bruder sprach ich mich mit dem Vater hierüber aus. Ich war noch minderjährig, und so bedurfte ich der Einwilligung meines Vormundes. Als ich diese erhalten hatte, ging ich 1799 als Student nach Jena. Ich war damals 17 ½ Jahr alt.
Ein Zeugnis meines Vaters, welches meine Befähigung für diesen Studienkreis attestirte, verschaffte mir ohne Schwierigkeit die Immatriculation. Meine Matrikel nannte mich Studiosus der Philosophie, was mir gar seltsam eigen vorkam, dieweil ich mir als Objecte meines Studiums immer nur ganz practische Wissenschaften gedacht, und von Philosophie, welche ich oft nennen hörte, mir einen ganz andern, sehr hohen Begriff gebildet hatte. Das Wort machte auf mein träumerisches, leicht bewegbares und empfängliches Gemüthsleben einen sehr großen Eindruck und verfehlte seine Wirkung nicht. Der Eindruck verschwand zwar fast im Entstehen, gab aber meinen Studien eine ungeahnte höhere Beziehung.
Die Vorlesungen welche ich hörte, waren nur solche, von denen ich mir Nutzen für meine einmal eingeschlagene Laufbahn versprach. Ich hörte Vorlesungen über angewandte Mathematik, Arithmetik, Algebra, Geometrie, Mineralogie, Botanik, Naturgeschichte, Physik, Chemie, Cameralwissenschaften, über die Zucht der Waldbäume und /
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das Forstwesen, die architektonische und bürgerliche Baukunst und das Feldmessen. Das topographische Zeichnen setzte ich fort. Rein Theoretisches hörte ich außer dem Mathematischen gar nicht, und von philosophischen Lehren und Ansichten kam mir nur so viel nahe, als der Verkehr des Lebens mit sich brachte; doch erhielt ich gerade durch diesen Verkehr mannichfache Anregungen. Das Vorgetragene verstand ich größtentheils, und dies um so mehr, als mir die Hauptgegenstände durch mein bisheriges Leben nahe gebracht waren und ich ihr Verhältniß zur Praxis bereits kannte.
Manche Vorlesungen wurden mir nur gar zu leicht, z.B. die mathematischen. Ich schaute von jeher die geometrischen und planimetrischen Verhältnisse so leicht und lebendig an, daß es mir schon früher unerklärbar vorgekommen war, wie nicht jeder Bauer sie einzusehn im Stande sei. Dies hatte ich auch schon früher meinem Bruder ausgesprochen, welcher mich darüber zu belehren suchte, was ich jedoch nicht recht begriff. Ich hatte mir, ich weiß zwar nicht was, doch mehr und Größeres, eigentlich aber wohl Lebendigeres versprochen. So erschien mir der mathematische Unterricht Anfangs unbedeutend; später aber konnte ich doch nicht im Einzelnen folgen. Ich legte auf diesen Umstand aber nicht viel Werth, weil ich das Allgemeine doch leicht faßte und ich mir sagen mußte, das Besondere werde mir eben auch keine Kopfschmerzen verursachen, wenn ich es nöthig habe.
Die Vorlesung meines trefflichen Lehrers hatte nicht den Nutzen für mich, den sie hätte haben können, und gewiß gehabt haben würde, wenn ich in der Folge des Unterrichts und des Fortganges desselben mehr innere Nothwendigkeit und weniger Willkür gesehen hätte. Dieser Mangel war es, der mich sogleich gegen jeden Lehrgang einnahm. Fühlte ich dies schon bei der reinen Mathematik, wie viel mußte es der Fall sein bei der angewandten und ganz besonders bei der Experimental-Physik. Hier erschien mir alles willkürlich an einander gereiht, so daß mich dieser Unterricht von vornherein ermüdete. Die Experimente konnten mich nicht fesseln; ich suchte und wollte den inneren Zusammenhang der Erscheinungen aus einfachen Grundlagen abgeleitet und erklärt sehen. Das aber war es grade, was man mir schuldig blieb. Die mathematischen Beweise kamen wie hinkende Boten; sie erschienen dem geistigen Auge erst, wenn die zu beweisende Wahrheit bereits in ihrer ganzen Lebendigkeit vor mir lag. Dagegen fesselte mich die Lehre vom Fall, von der Kraft, der Schwere; sie wurde durch mir verständliche Beziehungen auf die Wirklichkeit mir gleich lebendig. /
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In der Mechanik konnte ich nicht begreifen, warum man so viel sogenannte Grundkräfte annahm und nicht mehrere derselben auf die schiefe Ebene reducirte.
Für die Mineralogie hatte meine frühere Erziehung, besonders in Beziehung auf Sinnenausbildung, viele Lücken gelassen. Ich liebte Mineralien; ich gab mir viel Mühe, ihre Natur zu erfassen; allein ich fühlte in Folge meiner mangelhaften Vorbildung unübersteigliche Hindernisse und sah dabei ein, daß sich das Versäumte nicht so schnell und leicht nachholen lasse. Auch der angestrengteste Gebrauch meines Auges machte mich nicht so schnell und so bestimmt sehend, als es nothwendig gewesen wäre. Ich begriff dies und mich nicht. Viel hätte mir dies lehren können; doch war ich dazu noch nicht entwickelt.
Sehr fesselte mich die Chemie. Der vortreffliche Lehrer (Göttling) zeigte den innern Zusammenhang der Erscheinungen, und die Lehre von den Wahlverwandtschaften nahm mich stark in Anspruch.
An ein Nachschrieben war in keiner dieser Vorlesungen bei mir zu denken; denn was ich verstand, das assimilirte ich sofort, und was ich nicht verstand, erschien mir des Niederschreibens nicht werth. Ich habe das später oft bereut; doch zog sich durch mein Leben in dieser Beziehung ganz deutlich der Gedanke, daß ich das, was ich jetzt als für mich noch nicht verständlich fallen lassen mußte, einmal wiederfinden und verstehen [würde], wenn ich das Ganze in seinem inneren Zusammenhang zu überschauen im Stande sein werde.
In der Botanik hatte ich einen sinnig geweckten, gütigen Lehrer (Batsch). Sein natürliches Pflanzensystem hatte viel Befriedigendes für mich, obgleich es mir immer ein schmerzliches Gefühl war, daß ihm noch so viel einzuordnen blieb. Jedoch wurde durch ihn mein Blick in das Naturganze wesentlich geschärft und meine Liebe zur Naturbetrachtung lebendiger. Ich werde dieses Mannes stets in Dankbarkeit gedenken. Er war auch mein Lehrer in der Naturgeschichte. Zwei Ideen, die er aufstellte, ergriffen und befriedigten mich besonders. Es war dies erstens der Gedanke der nach allen Seiten hin netzartigen Verwandtschaft der Thiere, und zweites, daß der Knochen- oder Gerüstbau der Fische, Vögel und Menschen ein und derselbe und daß der im Menschen ausgebildete als der Grundtypus aller übrigen zu betrachten sei, den die Natur auch in ihren untergeordneten Bildungen darzustellen strebe. Ich war während seiner Darstellungen stets hocherfreut; denn sie gewährten mir befruchtende Ideen für Geist und Gemüth. Ueberall, wo ich inneren Zusammenhang und Einheit sah, fühlte ich das Sehnen meines Geistes /
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und Herzens befriedigt. Alle die übrigen Vorträge faßte ich leicht und überschaute ihre Gegenstände. Ich hatte bauen gesehen und selbst gebaut, gepflanzt u.s.w.; hier konnte ich auch Hefte nachschreiben und schrieb sie sehr vollständig und genügend nach.
Viel hatte mir der Aufenthalt in Jena gegeben, doch keineswegs, was er mir hätte geben können; doch hatte ich einen Mittelpunkt schon in und außer mir gewonnen: ich erblickte schon Einheit in der Mannigfaltigkeit, Kraft und Lebensverwandtschaften, Leben und Stoff, Kräfte und Lebensgesetze.
Noch eins muß ich aus jener Zeit hervorheben. Bis jetzt hatte mein Leben noch keine äußere Anerkennung gefunden, als die Achtung, welche ich vom Arzt des kleinen Städtchens während meiner Lehrzeit genoß, der mich aufforderte, Naturwissenschaften zu studiren, und manche Hindernisse, welche in mir lagen, hinwegräumte; jetzt sollte mir auch dieses Erhebungs- und Bildungsmittel werden.
Es waren gerade in jener Zeit zwei wissenschaftliche Gesellschaften in Jena gebildet, die naturforschende, und wie sie damals genannt wurde, die mineralogische.
Mehrere junge Studenten, die wenigstens lebendige Theilnahme und Thätigkeit für Naturwissenschaften bewiesen, wurden vom Director in diese Gesellschaft aufgenommen, und auch mir wurde diese mich erhebende Freude.
Einstweilen besaß ich freilich wenig Eigenschaften, die mich zu solcher Mitgliedschaft hätten befähigen können; höchstens konnte meine Kraft beim Einrichten und Ordnen der naturhistorischen Gesellschaft einigermaßen benutzt werden, was denn auch geschah. Hatte nun auch diese Aufnahme für mein späteres Leben keinen wirklichen Nutzen, da diese Gesellschaft mit ihres Begründers Tode einging und ich mit den übrigen Mitgliedern in keine weitere Berührung kam, so erweckte sie doch ein höheres wissenschaftliches Streben, welches sich jetzt mit Bestimmtheit in mir zu regen begann.
Ich lebte während meines Aufenthaltes auf der Universität höchst zurückgezogen und sparsam, wozu mein
[1]
[Bogen] 6
[Hier beginnt Bogen 6 des Entwurfsfragments, daher neue Seitenzählung]
Bildungsgrad, mein ursprüngliches Leben in mir und meine
ökonomische Lage Verhältniß gleichviel Zeit bey tragen mochten, kam ich
selten [an] öffentl Plätze, u immer nur zurückgezogen Besuchend
nur mit dem einzigen Freunde meinen älteren Bruder welcher <im>
ersten Jahr meines Aufenthaltes in Jena auch daselbst Medicin
studirte, und durch das Schauspiel welches ich leidenschaftl[ich]
liebte nur mit Wenigen Freunden in Berührung, dennoch mußte traf mich
in der letzten Zeit meines im 2 n Jahr meines Aufenthaltes
eine mich sehr niederdrückende Lage. Sie hatte eigentlich mit
meinem Eintritt auf die Universität begonnen, entwickelte sich
aber erst im 3n Halbjahr. Als ich zur Universität ging
hatte mir mein Vater den kleinen Wechsel auf das erste
Halbjahr ich glaube ganz mit gegeben. Mein Bruder welcher
wie ich sagte noch 1 Jahr zugl[eich] mit mir zugl in Jena war wünschte von mir das Geld den Theil meines Wechsels was
spürbar ihm jetzt ein gelegter [sc.: gelegner] Wunsch [war] ich nicht sogl[eich] bedurfte, indem er hoffte mir dieselbe
bald zurück zahlen zu können; ich erfüllte gern seinen Wunsch das in dem Augenblick nicht
bedürfende Geld war natürlich der größer[e] Theil meines
kleinen Wechsels; des Bruder[s] Hoffnung schlug fehl so
kam ich frühe auf meine Zahlungs leistung in Schulden Rückstand die ich bald <-> drückend und immer drückender fühlte; bald u immer drückender ward mir diese Lage <Zwar>
wohl schon im ersten Semester doch wenn <-> einmal in Schulden gekommen
<-> gerathen war konnte ich mir gar nicht mögl[ich] wieder herauszukommen. Im 3n Halbjahr
war ich einem Speisewirth irre ich nicht <?> 30 Thr schuldig.

Da ich war ich mehrmals von diesem Manne zur diesen Mann Zahlung aufgefordert worden war die ich nie hatte
leisten können, er hatte sich dießer[halber] an meinen Vater gewandt Ich war so
wie
Hinzu kam daß ich eigentl mit dem 2 Semester
das mit meiner kleinen Baarschaft ganz zu Ende war ich mich
aber, nun für ein wissenschaftlicheres Streben geweckt
gar nicht entschließen konnte die Universität zu ver-
lassen und dieß um so mehr als ich mir jetzt erst
rechten Nutzen von meinem Aufenthalt auf derselben versprach
ich auch hoffte mein Vater werde sich bewegen lassen
mich noch ein 1/2 Jahr auf der Universität zu unterstützen.
Mein Vater verstand sich unbedingt gar nicht dazu
und mein Vormund wollte [auf] die Bedingungen meines Vaters mich nicht
eingehen lassen Mich trafen die Folgen dieser gegenseitigen
Unnachgiebigkeit. Gegen das Ende des 3n Semesters
stieg der Druck meiner Lage. Mein[em] Speisewirth war
ich irr ich nicht 30 Thaler schuldig geworden Da mich dieser
Mann mehrmals zur Zahlungsleistung vom Senat aus hatte
aufgefordertfordern lassen die ich nie hätte leisten können
und da er sich selbst an meinen Vater gewandt hatte
von diesem aber ganz verneinende Antwort erhalten
hatte, wurde mir im Fall längerer Zahlungsunterlassung Carcerar-
rest angekündigt, ich überdrüssig des langen Druckes in die den ich
nun schon so lang durch die gegenseitige Unnachgiebigkeit von zwischen Vormund u Vater getragen hatte
nahm ich freythätig um meine Lage endlich u schnell zur Entscheidung zu
bringen an, wozu mich auch noch Mißverstand u Unkunde
solcher des Gesetzl[ichen] meines Verhältnisses verleitete. Doch ich hatte mich /
[1R]
geteuscht beyde Theile blieben der Vater durch den Willen der Stiefmutter u der Vormund durch das Recht bestimmt nun um so mehr auf ihren gefaßten Entschlüssen
jeder hoffte meine Lage würde den andern zur Nachgiebigkeit
bestimmen und so blieb ich derselben 9 Wochen lang preis gegeben
doch genügte endlich meinem Vater die von mir vor dem acad[emischen]
Gericht abgelegte Verzichtleistung auf späteres väterliches
Erbe und so wurde ich endlich des Carcers entlassen. Ob
ich mich nun gleich während dieses Arrestes mehrseitig
beschäftigt hatte Ohngeachtet des Großen Druckes welcher durch bei auch
dieß Lage auf meinem Geiste ruhte u der Trübung die mein
Gemüth erfüllte
Ohngeachtet der Schwächung u Trübung
die diese Lage in meinem Geiste u Gemüthe u Seele hervor-
brachte blieb die Zeit doch für mich von mir nicht ganz ungenutzt
mein bisheriges Beschäftigt seyn hatte mir bey der immer
großen Wissenschaftlichkeit die mein Streben erhielt nun
immer dringender die große Kenntniß des Lateinischen
kennen gelernt, diesen Fehler Mangel suchte ich in mir zu er-
setzen ich nahm Unterricht trieb mit einem Freund Latein
es war für mich aber ein nicht zu besiegendes Hinderniß
mich durch das Todte u Zerstückte des elementargramma-
tischen Unterricht[s] durchzuarbeiten, genug all mein wirkl
ernsthaftes Streben, denn es hatte ja seinen Grund in Selbst-
bestimmung, konnte mich durch äußere Aneignung der
Sprache wenig fördern überall aber wo die Sprach-
Erlernung sich an äußere Sinnenanschauung knüpfte und mein
Sinn für Auffassung dieser Wahrnehmung ausgebildet war
z.B. in der Kunstsprache der Botanik da faßte ich
leicht, dieß[e] Beachtung dieser Eigenheit meines des Geistes
entging mir aber dortmals noch ganz ich erkannte u verstand
mich selbst in meinen Äußerungen und Leben zu wenig ja
fast noch gar nicht. Eine zweyte Beschäftigung dieser Zeit
war eine Math - geometrische Probearbeit zu fertigen um
bald in ein selbstthätiges Wirken zu kommen. Ein Drittes
war daß ich mir Winkelmanns Briefe über die Kunst
ich weiß gar nicht durch welche Veranlassung aus der Bibl ver-
schaffte, so mochten auch einige Keime eines höhern
Kunstsinnes in mir geweckt werden, denn ich betrachte-
te die Kunstabbildungen welche das Werk enthielt mit
fühlender inniger Freude, ich fühlte wohl daß sie
mich erwärmten doch aber ich beachtete es eben so
wenig als ich es dort noch [nicht] deuten konnte doch entwickelte sich der
Kunstsinn in mir überhaupt sehr spät. Wenn ich jetzt alle die
einzelnen klar geringeren u größeren früheren u späteren
Regungen für Kunst in meinem Innern in ihren Quellen u
Richtungen zusammen fasse so erging es mir bey mit der Kunst
der plastischen wie der Tonkunst - wie bey u mit der Sprache /
[2]
ihre Aneignung von Außen wollte mir schlechterdings nicht ge-
lingen ob ich jetzt gleich nicht nur lebendig
fühl[t]e sondern sogar wünsch[t]e daß sich wohl
auf den verschiedenen Stufen wo sich mein innerer
Sinn u mein inneres Leben dafür regte
auch dieser für Kunst hätte entwickelt gebildet werden
können wenn er dort erkannt entwickelt
u festgehalten worden wäre. Später hoffte ich
den Forderungen
Die Anreg[ung] von [ge]zeichneter Kunst
forderte jedoch ein geringes mehr weil sie
durch ihre sichtbare Gestaltung schon etwas durch
den geweckten allgemeinen Formensinn festgehalten
wurde Umgekehrt konnte vielleicht bey einer
Änderung dasselbe vom eigenen Leben aus von der Tonkunst gesagt
[werden] Später hoffe ich
den Faden dieser sich gleichsam selbst einschaltenden Betrachtung
wieder aufzunehmen um ihn genügender
weiter fort zu führen. Noch kam fiel in dieser
Zeit des Carcerarrestes mir eine zwar
sehr schlechte Übersetzung des Handbuches
Zendaveste in die Hand die mich wie
das Wi[e]derfinden ähnlicher Lebensansichtenwahrheiten
unter bey einer ganz anderen religiösen Lebens Ansicht
Erregte dort schon sehr meine Aufmerksamkeit
und gab meinem Leben u Denken schon einige Allge-
meinheit; doch tratt sank das an sich nur leicht Anger[e]gte
später bald in gänzl nicht Beachtung zurück. Mit
dem Beginn des Sommerhalbjahres 1801 wurde
ich endlich von meinem Arrest entlassen ich verließ
sogleich Jena u meine betretene akademische Bildung u kehrte
ins väterliche Haus zurück. Ich war jetzt
gerad 19 Jahr alt.
Ehe ich mich ins elterliche Haus zurückführe
und zurück begleite (muß ich) drängen sich mir noch zwey einige
Betrachtungen (erlauben) auf.
[Zusatztext auf Rand*-*]
[*] ich trage den Satz in mir
Die Geschichte giebt mir
den Satz
was sich zu oder in irgend einer
Epoche des Menschengeschlechtes
der Menschheitsentwickelung
in dem g[an]zen Menschenge[-]
geschlecht {darstellen / freymachen} will
das sucht sich erst aufs
möglichst vollständigste
u Vollkommenste in einem
Mann oder Mensch dar[-]
zustellen; dieser Eine
Mensch steht seiner Ent-
wicklung seinen Charakter
nach gewöhnl[ich] zwischen
der alten u neuen Zeit
der alten u neuen Welt
er erfährt zieml[ich] den
Druck die Anfeindung u die
Leiden von beyden eine solche Ansicht
habe ich von mir,
von meinem Leben von meinem
Schicksale (was die neue
Zeit d ) mein Vater ist das
Symbol der alten Zeit mein     Schicksal
mein[e] Liebe zur Natur pp     Trieb <Treiben> u <Tragen>
Bruder das Symbol der
neuen Zeit mein Leben stand
zwischen beyden duldend <strebend>
leiden[d] handelnd in Lust u Schmerz
Leben u Todt. Die Auflösung
das Vermitteln die Deutung
beyder Welten halte ich für
meine Bestimmung meinen Beruf
Erziehung für <ewiges Leben> [*]
Wie es nicht anders seyn konnte ergriffen
mich während der Zeit meines kurzen 1 1/2jährigen
akademischen Lebens auch das allgemeine Streben
des Menschenlebens allein ich fühlte weder
Muth noch Bildung – u Gewand[t]heit noch Mittel
zu besitzen das Menschenleben durch Selbstmitleben
zu theilen und so fesselten bald Lebensdarstellungen /
[2R]
in Buch u Schrift ganz unglaubl so daß ich mich ihnen
hingab wo sich mir Zeit u Gelegenheit dazu dar-
both dieß geschah besonders bey einem Besuche in einer
der Freyzeit zum Glück für mich wurden mir nur die
bessern u auch besten Schriften dieser Art bekannt doch <denn> es er-
ging mir auch hier wie früher bey dem Theater Schauspiel der
natürl innere Sinn reinigte steigerte alles überhaupt blieb sich
meine Natur auch hier sich treu daß sie nicht blos las
sondern alles auf sich u so ihr Leben zurück bezog u da-
rein verwebte, so erhielt mein Leben eine gewisse
mehr[-] u allseitigkeit, mehr inneres Gleichgewicht, auch
manche Lebensregel u höhere Lebensansicht, so daß <nun>
dieses instinktartige unbewußte Nachgehen eines gewissen Lebens-
triebes für mich überwiegend Nutzen brachte ich lernte
jetzt erst die Namen Schiller Göthe Wieland Lafont[aine]
<Cramer> und Andere
Wohl war mein Zustand u meine Lage in der folgenden
Zeit meines kaum begonnenen akademischen Leben[s] eine
drückende aber dennoch verstand ich weder den Willen
noch die Forderung des Schicksale[s] der Vorsehung an mich die
sich darinne mir obgleich so bestimmt u so klar aus
sprach wie Schicksal u Leben es sie es überhaupt auch später immer thaten, nemlich zu
rückführen auf und in mich selbst, selbst- und eigenthätige
(spondane) Entwicklung u Ausbildung meines Innern,
Darlegung und Darlebung Gestaltung des Innern meines Lebens u
geistigen Wesens Leider erkannte ich dieß erst
unsäglich spät u erst nach den wiederkehrendsten
Harten Schicksalsprüfungen u Schlägen, später noch be-
mühete ich mich mit Bewußtseyn das Erkannte im Leben
selbst anzuwenden u noch später <regirte> ich mir [sc.: mich]
dazu entwickelte ich aus mir dazu Muth, Selbstver-
leugnung u Selbstständigkeit, und jetzt erst fange ich an
mir die unerläßlichen irdischen Bedingungen dazu: Raum u
Zeit [(] u so Ruhe u Stoff) zu ver- u zu erschaffen
doch werde ich (doch wird) dieses höchste Menschen<seitige> Ziel
nur erreichen (nur erreicht werden) bey wandelloser Treu.
Wenn ich jetzt den Grund dieses so sehr schwierigen und
späten Erkennen[s] des Ächten u Wahren ausführe so ist es
in der furchtbaren Macht Gewalt u einschleifenden
Einfluß des Vorurtheiles: durch mein älterliches
Haus meines Vaters Wort u meine ganze frühere Erziehung lernte
ich eine andere Ansicht der Entwicklung u Bildung u des Un-
terrichts kennen als die durch Fremdlehre u aus Büchern /
[3]
[Bogen] 7.
und mir selbst kam es jetzt obgleich mein bisheriges eigenes Leben
mich dessen genugsam hätte belehren können noch gar nicht
in den Sinn daß es einen anderen noch weniger genügenden
menschenwürdigen Entwicklungs- und Bildungsweg gebe als
den durch Fremdlehre u Bücher doch aber wie gesagt ich
mußte und muß noch meine Schwerführung, schwer[-]
folgsamkeit fort u schmerzlich <liefern>, das [sc.: daß] mein Leben
u Streben eine gewisse wissenschaftliche Richtung hatte dieß
erlaubte ich kam nun [mir] jetzt noch weder zu Denken noch aus
zusprechen in den Sinn denn ein (ächt gebildeter) ein
wissenschaftl u ein gelehrter Mann war mir dort ganz
gleichbedeutend und daß [sc.. das] was sich mir im väterlichen Hause
darüber eingeprägt hatte war zwischen einem gewöhnl
Menschen u einem Gelehrten eine solche Kluft befestigt
die zu überfliegen oder auszufüllen mir bey meinem Bildungsgang nie in den Sinn
kommen konnte. In mir widerspricht es sich darum auch gar nicht daß ich in dieser Zeit den einen Ausspruch Garves welcher sagt: daß sich <Pflichten> pp auch <ohngl> erlernen lasse für mich höchst <tröstend> fand und ich in ihm lange einen Stab u Szepter fand an welcher sich mein inneres Leben gleich einem rankenden Gewächs festhielt und empor wand und hat [sc.. hielt] in dem er auch mir Hoffnung machte und die Zuversicht das Vertrauen weckte einst eine höhere wissenschaftl Einsicht zu <erreichen> [.] Doch glaube ich jetzt durch mein
Schicksal, durch den Bildungsweg den mich das Schicksal
führte die Zeit in ihren Forderungen, daß [sc.. das] Menschengeschlecht
in seinen Schicksalen u Begebenheiten zu verstehen u zu
erkennen. Wenigstens findet mein Kopf u mein Herz, mein
Denken u Handeln, mein Streben u Leben nur so Friede
Befriedigung u Ruhe wenn ich auf gleiche Weise nach gleicher
Ansicht und in Beziehung auf gleiche Forderungen die jetzigen Schicksale
und Begebenheiten des Menschengeschlechtes
in g[an]zen Familien wie in einzelnen Klassen u Familien ja
einzelnen Personen betrachte. Das Schicksal spricht so lese
ich es gar
Es ist nicht zu leugnen ganze Völker u ganze Reiche
müssen wie ganze einzelne Geschlechter einzelne C[l]assen Familien u.s.
w. harte Prüfungen und Kämpfe durchlaufen u schwere Fügungen
ertragen der Zweck des Schicksals, der Vorsehung ist überall
derselbe: - der Mensch soll zur Ahnung, Anerkennung
zur Anwendung u zum Gebrauche, zur Darstellung seiner
geistigen Innern sittlichen Kraft gelangen, aber gewaltige
auf das bis zur höchsten Unkenntlichkeit mit dem Leben der Menschen ver-
wachsene Vorurtheile fesseln Einsicht Erkenntniß Muth
u Kraft den Forderungen der Vorsehung zu genügen aber furchtbar
erscheint wohl die Wahrheit aber sie wird dadurch nicht
minder wahr – Des Schicksals Schläge steigern sich
bis endlich der Mensch zur Ahnung seines Wesens, seiner
Würde zur Erkenntniß und im Lebenvernichtenden Kam[p]f ums Leben Muth u Kraft, Ausdauer
Mittel, Raum, Zeit erringe Sein Wesen
in Menschenwürdigkeit durch sich und andere darzustellen [vermag] /
[3R]
Nichts keine menschliche Macht wird äußerlich nur von
außen den furchtbaren Kampf hemmen wenn der Mensch
nicht der Stimme Sprache u Forderung des Schicksals den
<Dramen> des Schicksals u so Gottes Gehör giebt und in
sich zurückkehrend sein eigenes Wesen erfassend
ein allseitig Menschenwürdiges Leben aus sich darstellt.
An jeden Einzelnen wie an jedes Volk
ergeht diese Forderung auf die ihm eigenthüml ihm selbst verständl Weise keiner
versäume sie zu hören. Der Seegen
davon wird für sich sein Verhältniß, sein Geschlecht u Volk
ohne Grenze seyn.
[Randnotiz*-*]
[*] Ich mußte meinen Vater hochachten hochschätzen
u es war ein Mann wie kräftig u
gesund, <Pred[iger]> so kräftig u gesund
von Wort u rüstig von That
ernster Rede u festen Willen
redl hingebendem Streben auf Darstellung des
des ihm erkannten Bessern.
[*]
So die Folgen u Wirkungen früher eingesogener u als eins mit dem
Leben selbst herauf gewachsener Vorurtheile, sie waren
drückend u ertödtend, sie waren äußerlich hervortretend, doch
schmerzlicher u vernichtender denn innerlicher u persönlicher <werdender>
noch aber der Kampf der jetzt zugleich mit frühe eingesogenen
vielleicht auch mit falsch verstandenen oder falsch ge-
deuteten kirchlichen u Religions-Lehrmeinungen u höhern Lebensan-
sichten entstand. Es hätte nicht fehlen können daß bey meinem
religiösen Leben u Gemüth und herauf gewachsen an der Hand
der Orthodoxie u der Kirchenlehre und geführt durch eine
Sprache fester Gestaltung u gewaltiger Bilder gar manche <Anschauung>
u Meinung als Grundsätze mit meinem Leben verwachsen hätten [sc.: wären]
die einer großen Kraft der Durchleuchtung und der Entwicklung
und Darlegung des innern Lebens bedurften und ehe sich der innere
lebendige und darum auch mit dem Leben dessen Erscheinungen und
Forderungen in Über wahren Einklange stehende Sinn derselben
kund that. Diese Meinung u Ansicht wurde [sc.: konnte weder] äußerlich mit
dem äußerlichen noch selbst in seiner innern Bedeutung
u seinen höhern Zweck eigen nicht erkannten in Verbindung
gebracht konnte nur Widerspruch geben, Wider-
spruch im Verständniß Auffassung wie im Handeln; aber in seinen
Folgen um so schmerzlicher Widerspruch als sie das innerste
Leben das sittliche Gefühl u die sittl Überzeugung ergriffen das hieraus entspringende Ringen der hier[-]
aus entspringende hervorwachsende Kamp[f] war um so hartnäckiger ich kann
wohl sagen lebensgefährlich als er innerlich war und sich nun
in Beziehung auf {Menschenwürde / Sittlichkeit u Charakter} um das eigene Leben drehte; unmöglich aber konnte ich ebenso
wenig eine meinem Leben Innern verwachsenen Ansichten u Meinungen
ohne sie durchdrungen zu haben aufgeben, als das Leben in
der Vielseitigkeitkeit seiner Erscheinungen mir anstatt zugab mich ihr ohne
sie in ihrer innern Wahrheit erkannt zu haben, ihr
hinzugeben Sorglich bedurfte es im einzelnen Falle wohl /
[4]
der ausdauernden Beleuchtung u thätigen Er<wärmung> u lebendigen Ver-
gleichung mit den Forderungen u Erscheinungen des wirklichen Lebens während
bis zum völlig gereiften Mannesalter doch in jedem Falle
lohnte sich Kampf Streben u Ausdauer so, daß das Leben
weckte u gab was Todt u Vernichtung gedroht hatte[n.]
[Randnotiz*-*]
[*] April 1801 nach Haus
August [1801] Weitersroda
9br [1801] Rückkehr nach Haus
Febr 1802 Vaters Tod
April 1802 Baunach
--------------------------
17996 Confirmation
1797 <Mengengereuth>
Ja 1799 -- Rückkehr von Hirschberg
7br 1799 – Gang nach Jena
7br 1800 Osterode
April 1801 Carcer
--------------------------
Herbst 1803 [sc.. 1802] Bamberg
Sommer 1803 Feldmesser
Herbst 1803 Probearbeit
Jan 1804 A[h]rnschwang
Febr 1804 Abreise
April 1804 Ankunft in<Mecklenburg>
Apr[il] 1805 Voigtendorf <?>
May 1805 Abreise Krumbeck [*]
Ich war nun im älterlichen Hause angekommen freylich
mit schwerem Herzen, getrübtem Gemüth u gedrückten Geiste
aber der Frühling erweckte und erwärmte mich wieder
und belebte rufte [sc: rief] auch mein schlummerndes Streben zurück. Meines
Vaters Bücherkammer wurde wieder aufgesucht, viel fand
ich nun wohl in den größtentheils theol u verwandten, und noch
dazu alten Werken für mich nicht doch eine ohngefähr 10 Jahr
früher in Gotha herausgekommene Uebersicht aller Wissen-
schaften u schönen Künste in ihren Verzweigungen, mit einer kurzen Angabe des Begriffes jeder Wissenschaft und mit kurzer Angabe des <Wesentl[ichen]> der Literatur in jedem Fache.
Die Anordnung ruhte auf der allg[emeinen] Fakultäten-Eintheilung; doch
gewährte sie mir einen längst gewünschten Ueberblick
des Gesammtgebietes des menschl[ichen] Wissens und ich
war hoch erfreut diese „Mappe [du] monde
Litéraire
“, so nannte sich diese Zusammenstellung gefunden
zu haben und ich schritt sogleich zum Werke sie für
mich zu benutzen. Ich hatte mir heimlich da mein
Vater mehrere Zeitschriften u literarische Blätter in
Gemeinsamkeit mit mehreren Predigern und andern hielt
und darunter auch Landwirthschaftl u andere Schriften Blätter
allgemeinen Inhaltes waren, wenigstens solche Schriften
anzeigten, mir vorgesetzt ein wissenschaftl Diarium
angelegt worinn ich mir das mir wissenschaftswürdigste
zur Benutzung für die Zukunft niederschrieb u aufbewahren wollte.
Die Form des Tagebuchs brachte mir alles untereinander
und war mir bald zu unbequem; da war es mir
denn höchst erwünscht eine Über ordnende
und doch zusammenfügende Eintheilung für meine
Sammlung zu gewinnen; mein Zweck war mit Be-
stimmtheit den Kreis der alles dem Menschen ohne irgend
einer Fakultät anzugehörigen und mir in meinem
besondern Beruf Wissenswürdige u Wissensnoth-
wendige zu umfassen um alles dahin gehörige mir
aufzusammeln um nach Zeit und günstigen Umständen
gleichsam wie aus einer Vorrathskammer das
Nöthige heraus zu holen. Auch wollte ich /
[4R]
wenn auch nur weniger klar bewußt
mir eine Uebersicht von dem verschaffen was ich
bey dem Streben was in meiner Seele immer lebhafter
sich regte, eigentl noch alles einmal durch[zu]arbeiten
und zu betreiben hatte. Ich fühlte mich glückl in
meiner Arbeit und einige Tage schon hatte sie mich
von früh bis Abend[s] in meinem einsam mit Eisenstangen
hart vergitterten abgelegenen Stübchen gefesselt
als ungeahnet mein Vater ins Zimmerchen trat
er betrachtete durchsahe was ich that betrachtete das viele die Menge des verbrauchten Papiers daß ich zu den Heften indem ich jedem
der einzelnen Gegenstände wenigstens einen Heft bestimmt hatte
und schalt meine Arbeit für eine thöricht[e] Zeit- und Papier ver-
geutend und bald wäre es um meine jetzige Lieb-
lingsbeschäftigung zu thun gewesen wenn nicht mein
so oft mir schützend zur Seite getretener Bruder
welcher noch wie früher an dem wenige Stunden von uns Wohn meinen Eltern gelegen[en] Ort früher gedachten
Orte Prediger war
eben bey uns zum Besuche gekommen
war; mein Vater machte ihn sogleich mit der
meiner ihm so höchst unzweckmäßig, ja nachtheilig erscheinenden
Arbeit bekannt; doch dieser sahe sie anders an
ich durfte sie nun mit stiller Einwilligung des Vaters
fortsetzen u wirkl war sie mir heilsam gewesen
sie brachte eine gewisse Ordnung, Übersicht und Festigkeit
in mein Streben welches für mich gewiß höchst wohl
thätig war, so wurde mir denn wenn auch nicht
dem Worte doch in einer Hinsicht durch die Anschauung
was ich denn eigentlich wollte.
Mein Vater war sehr besorgt mich in einen meinem
gewählten Berufe angemessenen Wirk Unterkommen
zu bringen, wenigstens eine Thätigkeit zu verschaffen
welche mich jenem entgegen näher brächte. Zu
letzerem nun gab sich bald eine günstige Gelegenheit.
Verwandte von väterlicher Seite hatten im
der Werr Hildburgh[ausischen] ein Gut welches ein Ver-
walter bewirtschaftete ihm die Freundschaft dieser
Verwandten für meinen Vater gestattete mir auch
dort unter der Aufsicht jenes Verwalters [mich] mit dem
practisch[en] landwirtschaftl[ichen] Geschäfte bekannt
zu machen. Ich machte hier alle landwirthschaftl /
[5]
[Bogen] 8
Arbeiten mit ohne jedoch von denselben gef eigentlich
gefesselt zu werden, und ich hätte hier schon sehen
können wie unpassend ich eigentlich für mich gewählt
hatte, wenn ich mich in meinem Innern in meinem Leben u
Streben verstanden hätte.
Was mich in dieser [Zeit] oft und schmerzl beschäftigte, war das Miß-
verstand wenigstens nicht Einverstanden [seyn] mit meinem Vater, denn ich
mußte diesen auf das höchste achten u tief verehren, er
war ein Mann wie früher besonders noch in seinem hohen Alter kräftig u gesund von Körper, so be-
sonders kräftig u gesund von Geist, durchdringend in
Wort u Rath u rüstig in Ausführung u That, ernster
wohl harter Rede und festen wohl strengen Willen, aber
edlen hingebenden ja aufopfernden Strebens {von/für} Dar-
stellung des von ihm erkannten Besseren, Fehde u
Kampf nicht scheuend und die Feder führend im Amt
u für Wahrheit, Sittlichkeit Recht wie der Krieger das Schwert in der Schlacht.
Mein Vater das wußte ich war alt und durch
seinen Gesundheitszustande dem Grabe nah, wehe
that es mir von einem solchen Vater nicht erkannt
zu sehen weh that es mir ihn von mir gehen zu
sehen ohne ihm mein Wesen mein Inner[es] mein Streben
ausgesprochen zu haben. Ich hatte ihn lieb u fühlte oft das Wohlthätige dieser Liebe in mein[em] Inn[ern] Ich Daher faßte ich den Vorsatz meinem
Vater brieflich zu geben wie ich mich selbst erkannte
lang bearbeitete ich den Brief in mir, ihn nieder-
zuschreiben hatte ich nicht Kraft nicht Muth genug da
rief mich im Novbr 1801 nach einigen Monaten
Aufenthalt auf diesem Gute im Nov. 18[01] ein
Brief ins älterl. Haus zurück um dem Vater
welcher nun schwächer u fast bettlägrig war wenigstens in
seinem Schreiben zu unterstützen.
Das häuslich sorgliche u thätige geschäftsreiche Leben nahm mich nun
g[an]z in Anspruch; was vielleicht schriftl geschehen
wäre, konnte, persönlich sich einander gegenüberstehend
jetzt wo der Vater jede heftige Erregung meiden mußte
nie geschehen. Er trug die Sorge für meine Zukunft
in seinem Herzen bis an seinen Abend seiner Tage. Er
starb im Febr 1802. Möge sein verklärter Geist
indem ich dieß niederschreibe beruhigt und
segnend auf mich herabsehen; Möge er nun mit
dem Sohne der ihn so sehr liebte zu frieden seyn. /
[5R]
Ich stand jetzt in und außer mir frey da mein Leben nach
jeder Seite hin den Umständen nach selbstbestimmen könnend
und in diesem Gefühl verließ ich Ostern desselben Jahres das äl-
terliche Haus wieder um als ForstAmtsActuar in ein dortmals
noch bischöfliches Rent- Forst- u Ze[h]ntamt bey Bamberg zu gehen.
Der Ort lag in einer selten schönen Gegend, meine Geschäfte
waren leicht, nach Beendigung derselben konnte ich mich frey in der
jetzt im Frühling doppelt herrlichen Landschaft Umgegend ergeben
innerlich frey ausgebben [sc.: ausleben] und im Geiste und Gemüth erstarken.
So lebte ich jetzt wieder viel in und mit der Natur, der Mann
hatte die Eitelkeit gern eine große Bibliothek [zu besitzen] so liefen viele
der dortmals erscheinenden Schriften über Gegenstände des von
mir gewählten Berufes und auch andere durch meine Hände, doch fesselten mich
besonders dieß erinnere ich mich noch, besonders einige welche
wiederkehrend vorzügliche sehr gewählte Aussprüche, Ge-
danken und Lebensansichten alter und neuer Denker enthielten.
An diesen Aussprüchen die ich leicht überschauen, leicht behalten
u besonders mit meinem eigenen Leben u Denken verweben und an demselben prüfen konnte wuchs und rankte sich wie aus Saamenkernen mein inneres Leben
hervor
um so mehr als ich mir die meiner Lage Leben u Denken am förderlichsten
entsprechendsten aus diesen Schriften auszog u immer mit mir trug. Mein Leben in diesen
Verhältnissen hatte sehr viel entsprechendes Förderndes für mich
einmal weil bald nach meinem Eintritt in diese Stelle, dieser obgl.
mit seiner g[an]z[en] Familie wie Ort u Land g[an]z katholische Beamte einen
durch Prof: Carus in <Beziehung> ihm empfohl[enen] Hauslehrer [wählte] welcher viele vortreffliche Eigenschaften in sich hatte
so daß wir uns bald befreundeten, dann weil
wir so glückl waren in einem benachbarten protestantischen dortmals
noch reichsritterschaftlichen Orte, in den sehr edlen Familien eines Arztes, eines Prediger[s] u eines Schulmanns u.s.w. Eintritt zu
erhalten. Der gedachte junge Mann der Erzieher des Hauses war ein ungemein streben-
der junger Mann welche[r] besonders große Reise- und Erziehungs-
pläne in sich herum trug, wir verkehrten u lebten uns gegen-
seitig offen mittheilend zwar viel mit einander denn er hatte nicht nur gleiche Gegenstände des Interesses den Menschen, aber wir waren sonst entgegengesetzte Naturen er war auch war er mehr durch die Schule die gelehrte u ich durch das Leben gebildet, er war ein mit der Welt und den Lebensverhältnissen in Krieg getretene junge Mann ich glaubte mit alle mir u allen in Frieden zu leben, auch hatte unser
äußeres Leben eine ganz von dem meinen noch zu verschiedene Richtung als daß eigentl
eine g[an]z innige Verbindung hätte Statt finden können, dennoch war[en]
[wir] eben des Gegensatzes wegen mehr verbunden als wir glaubten.
Mich fesselte zog jetzt am meisten das practische geome-
trische feldmessende Wirken an denn es genügte meinem
Leben in der Natur u beschäftigte meinen Geist und so [sc.: doch] konnte
das schreibende Leben daß [sc.. das] ich überwiegend zu führen
hatte ohngeachtet der sonst freundlichen Verhältnisse mir
nicht lang genügen. In Vorfrühjahr 1803 verließ ich dieß[e]
Stelle und ging in der sichern Erwartung daß die eingetret[enen]
Regierungs- u Landesveränderungen – Bamberg war wie Würzburg rc. bayrisch
geworden – und die eintreten sollende Landesvermessung
mir bald u schnell einen mir angemessenen Wirkungskreis
geben würden, nach Bamberg. /
[6]
Meine Erwartungen wurden auch keineswegs gz geteuscht
meinem Zwecke gemäß machte ich mich mit den Landesgeometern in B
[Bamberg] bekannt u erhielt auch sogl von einem derselben Beschäftigung. Er
hatte große Zehendvermessungen gehabt u hatte sie noch
mir der ich einige Fertigkeit im Chartenzeichnen hatte trug
er auf die dazu nöthigen Charten in <Suppl>. zu fertigen
dieß gab mir schon lange Zeit Beschäftigung die meinen Bedürfnissen angemessen
vergütet wurde. Jetzt handelte es sich wirkl bey der
neuen Regierung um Anstellung von Landesgeometern, die schon
im Lande in der Stadt seyenden mußten als Probearbeit Pläne von B[am]b[er]g
einreichen. Ich war auch mit solchen Arbeiten durch den frühe genoss[enen]
Unterricht nicht unbekannt fühlte u sie mit Lust fertigend
trug mein[em] Landgeometer auch diese Arbeit auf [sc.: vor], sie erhielt
zufriedenheit ich meine Bezahlung; doch für mich als ein
fremder unerfahrener junger Mann, da sich überhaupt viel bekannte Menschen dazu drängten
u da ich auch wohl schwerlich die rechten Wege dazu betrat
fand erhielt [ich] keine Anstellung. Nach beendigter obiger Arbeit
wurde mir die Vermessung u Zerschlagung eines kleinen Landgutes
übertragen. Dieses Geschäft wurde für mich wieder der Frtzzs [sc.: Fortsetzungs-]
punkt nach manchen Richtungen nur einen Punkt hebe ich aus, der
Mitbesitzer dieses Gutes war ein unerwartet junger Doctor der Phil. der
und der Schellingschen Philosophie ganz zugethaner [.]
Es konnte nicht fehlen, daß wir uns auch in dem berührten was
unser innerstes Leben berührte u so mochte es auch ge-
kommen seyn das [sc.: daß] er mir Schellings Bruno oder über die Welt-
seele zu lesen gab, was ich in diesem Buche las regte mich
gewaltig auf ich glaubte es zu verstehen u.s.w. Der
mir befreunde[te] junge Mann, {nicht sehr viel / wenige Jahre älter als ich}, wir
hatten uns schon in Jena gesehen, welcher mein lebhaftes
Interesse an dem Inhalt des Buches sahe mit dem ich wohl
auch darüber gesprochen hatte, welcher mich aber auch mein
lebhaft erregtes Leben gesehen bey welche die Gemälde
der Pommerfeldschen Galerie die wir kürzl gesehen auf
mich gemacht hatte der auch wußte daß ich jetzt etwas ernst
zeichnete sagte mir die von ihm unerklärlichen Worte:
„Hüten Sie sich für das Stud vor der Philosophie es [sc.: sie] führt
Sie in Zweifel u Nacht, widmen Sie sich der Kunst
die giebt Leben Friede und Lust.“
Ich behielt des jungen Mannes Worte fest doch konnte
ich ihn nicht verstehen da ich Philosophie – was ich nun
darunter verstand - als zum Leben des Menschen
gehörig erkannte, konnte auch nicht begreifen wie, wenn
man dem innern Leben ruhig nachginge da ich Nacht u
Zweifel kenne, [dahin] komme. Die Kunst lag mir dagegen noch bey
weitem ferner denn außer meiner Freude an Kunstwerken
war wohl an gewecktem Kunstsinn bey mir noch nicht zu denken. Doch /
[6R]
machte <er> mich aufmerksamer auf mich u mein Leben
Streben u zeigte mir so geschieden zwey so verschiedene
Wege des Lebens.
Mein Freund der Hauslehrer des Beamten, hatte auch
dieß Haus u Verhältniß verlassen, er sprach noch bey
mir vor da er eben im Begriffe stand nach Frankfurt u
Frankreich zu gehen. Vielseitig in mir er- aufgeregt
sahe ich ihn sehnend scheiden nicht ahnend daß uns das Leben
nach einigen Jahren wieder nahe bringen und er mittelbar der rector
meines Lebens werden würde. Aber auch hier wie so oft im
Leben: Trennung führt zur Einigung u Einigung zur Trennung. Doch
alle diese Begebnisse hatten wenig Einfluß auf mein
äußeres Leben ruhig schritt ich darinnen meinen Weg fort.
Ich übergehe mehrere für die <Erhebung> u Befestigung meines Characters
u sittlichen Lebens wesentl Verhältnisse u komme zum Ende
meines Aufenthaltes in Bamberg.
Mit Ernst mußte ich daran denken mir Wieder ein
festes bestimmtes Wirken [zu suchen]; doch eigentl stand ich in Beziehung auf mein Leben doch allein, Niemand hatte ich als
mich selbst der mir hätte förderlich helfend
seyn können. So faßte ich den festen Entschluß, nur
ganz durch mich nur vertrauend Gott u dem Schicksal hinge[-]
bend allein durch mir [sc.. mich] mein Leben zu bestimmen. Ich faßte den festen Vorsatz
wozu [sc.: dazu] eine architectonische P[robearbeit] eine praktisch geometrische
Zeichnung nebst Belegen Erläuterungen auszuarbeiten und durch dieses dann
meine Angaben beyliegend u belegend u meine Zeugnisse durch That belegend in dem
schon dortmals allgem viel gelesenen Blatte dem „Allgemeinen R[eichs]Anzeiger“ welches dort noch jetzt, den Namen Allgem[einer] Anzeiger der Deutschen führt einen angemessenen Wirkungs
u ging sogl ans Werk Kreis zu suchen.
[Randnotiz*-*]
[*] Miltzow Novalis bis hier hatte mein Leben
gekeimt gewachsen geschoßt geknospet
jetzt fing es an zu blühen [*]
Wie der Entschluß und dessen Ausführung
in mir klar war, schritt ich sogl zum Werke. Zu der
architectonischen Arbeit wählte ich den Entwurf zu einem
adlichen Schlosse auf dem Lande nebst dazu gehö[ri]gen Nebengebäuden
das G[an]ze aus mir mit höchst wenigen Hülfsmitteln gestaltend mit
Ausarbeitung aller dazu gehörigen Risse und der zur genauen
Prüfung der Richtigkeit u angemessenheit der gewählten großen Ver-
hältnisse mit Ausarbeitung u Angabe aller der darinn angenommenen
architectonischen Verhältnisse pp. zur Geometrischen Arbeit wählte
ich eine Relief Tafel aus der früher von mir gefertigten Zehend-
charte welche so zieml alle viele in diesen Arbeiten vorkommende
Gegenstände enthielt u die ich noch durch willkürliche Annahmen ver-
vollständigte. Als ich mit Diese Arbeiten fertig war sandte
ich sie nach ihrer Beend[igung] im 7br dieses Jahres 1803 nebst einem von mir aufgesetzten offen eine kleine
Skizze meiner dienstl. Bildung enthaltenden Dienstgesuch an die
Expedition des allgem R. A genannten Blattes mit der Bitte
daß die Red: nach Befund meiner Zeugnisse u Arbeiten
ein paar meine Angaben beglaubigende Worte hinzufügen
mögte. /
[7]
[Bogen] 9.
Arbeiten u Zeugnisse erfreuten sich des Beyfalls der
Redaction mein Wunsch u Bitte von ihr wurde erfüllt
und ich erhielt in kurzer schnell auf einander folgenden Zeit 12 verschiedene Anträge, wo
einer mir angemessene[ere] Erscheinung als der ander ein jeder etwas
sehr befriedigend mir willkommenes in sich trug. Die Wahl wurde
mir schwer, doch alles entschied zuletzt für die Annahme
der Stelle eines Privatsecretärs bey dem gewesenen Strelitzer HErn Geh.[-]
rath Präsidenten von Dewitz jetzt auf seinen Güthern lebend.
Unter den übrigen Anträgen war auch der eines gewissen irre ich
nicht HErn Geheimrath v. Volderndorf in Bayreuth als
Rechnungsführer u Obmann auf dessen Güter in der Oberpfalz
ob mir gleich diese Stelle weniger zusagte so nahm ich jedoch
dessen Aufforderung sogleich an bis zur Entscheidung meiner Wahl Beendigung
der der meiner angekündigten Verhandlungen auf dessen Güter zu gehen und dort die
große sehr in Rückstand sich befindende Wirtschaftsrechnung
seines Inspectors in Ordnung nach vorgelegtem Schema in Ordnung
zu bringen. mit Anfang Beginn des Jahres 1804 reiste ich dahin ab.
Hoffte unausgesetzte Arbeit und das Geschäft zu beendigen In den <ersten> Tagen die völlige
Entscheidung das eingetroffene Reisegeld rufte mich in meine neue
Bestimmung und in jeder Hinsicht ein höchstgenügendes Zeugnis von dem Inspector dieser Güther
empfangen habend reiste ich in den rauhesten und furchtbar strengen Wintertagen reiste ich im Jan Febr mit
der Post nach dem Ort meiner Bestimmung. So kurz diese
Arbeit Zeit meines Aufenthaltes auf diesen Gütern war, und so
unausgesetzt anhaltend ich über die Fertigung meiner der Übernommenen Ar-
beit saß, so war doch diese kurze Zeit für mich was ich zwar
dort nicht sogl einsah sehr belehrend. Die Menschen lauter lebendige
junge Männer Sachsen u Preus[s]en nahmen mich sehr freundl auf u die
Verschiedenheit ihrer Dienstverhältnisse u ihre Offenheit darüber
gab mir viel Aufschlüsse über das innere Stehen zwischen Guths[-]
herrsch- u dessen Dienerschaft. Wenn ich jetzt dieses Verhältniß
und Wirken wieder überblicke muß ich jetzt noch dankend erkennen
wie eigentl mein mich immer liebend geleitetes GeSchicksal
durch dasselbe mich so freundl für meinen nächsten Beruf
vorbildete. Nie hatte ich noch Gel[egenheit] gehabt Rechnungsführung
von großer Wirtschaft nur zu sehen geschweige selbst zu
führen u hier mußte ich es nach einem vollständigen u klaren
Schema thun in welchem alles auf das Genaueste bis ins Einzelne
hin Etatsmäßig vorgeschrieben war, wie es mir von einem
preußischen Staatsbeamten vom Hofdenken regiert (Bayreuth, geführt dort nach Preußischen [Maßstäben]) vorgelegt wer-
den konnte. Dieß war mir von größtem
Nutzen gerad die Führung solcher <grat>läuftig u zusammengesetzten
Rechnungen warteten meiner und dieß Schema lebendig in
mir tragend eingeübt in dessen Darstellung tratt ich in meinen
neuen Wirkungskreis welchen ich so für welchen mich selbst
der vielseitige Berufswechsel in welchem ich durch mein Dienstgesuch
gekommen war vorbereitet hatte, und in welchen ich so
bald zur Zufriedenheit des HE Pr[äsidenten] von Dewitz und was <zieml[ich]>
noch mehr sagen wollte dessen alles aufs bis ins Kleinste hin aufs
genaueste Prüfende Gemahlin verstand.
[7R]
Die Umgebung dieser Mecklenb[ur]g[schen] Güther Besitzungen des HE v Dewitz lagen war für diese
geogra[phische] Lage reizend schön. Seen u Gehügel mit frischem
Baumwuchs schlossen sich an u was die Natur zu thun unterlassen
hatte, hatte mußte die Kunst nachzuholen. Bey dieser Überblickung
meines Lebens tritt es mir wie noch nie beachtet
eigentlich entgegen was sich auch durch mein ganzes künftiges
Leben bis jetzt bestätigt daß mich mein gütiges Geschick
immer in schöne Gegenden heiter frische[r] Natur führte, doch leugnen
darf ich auch nicht daß ich es immer durch vertrauende Hingabe an
die Natur dankbar benutzte. So viel muß ich nun wohl innigst dankbar erkennen
die Natur war mir von Jugend auf treu mütterlich mütterlich treu mit Mutter <?>
in Liebe verbunden. Doch mein Leben wird mich darauf zurückführen
u ich werde genötigt sein, hier wieder anzuknüpfen diesen Faden wieder
aufzunehmen.
Meine Wirkungs Geschäfte waren einmal überschaut einfach hatten einen sichern
im allgemeinen wöchentl wiederkehrenden Gang und gaben mir zum Selbstleben
zeit. Nur das Wichtigste will ich aus dieser abermals kurze
Zeit dauernden Wirksamkeit heraus zu heben suchen ob so viel Leben u
Begriffe sich mir auch in diesem kurzen Zeitraum wieder
zusammentragen daß ich die einzelnen Fäden dieses Lebens[-]
gewebes kaum auseinander zu halten und ohne Verwirrung
nebeneinander vorbey zu führen und durch ein ander zu ver-
folgen fähig bin, ja ich sehe werde [mich] auch genötigt sehe[n] einige
Lebensfäden ganz fallen zu lassen, doch meine alle meine
Lebensfäden vereinigen sich hier wie die zertheilten Zügel in einem geschürzten Knoten
wie die Radien eines Zirkels in ihrem Mittelpunkt, alle Adern
in einem Herzpunkt, alle Nerven in einem Lebenspunkt, möge
es mir gelingen Möge es mir gelingen; besonders diese Lebens Moment[e]
gleich einfach u wahr, klar u lebendig daraufzufassen u darzu[-]
stellen. Natur- Bücher u Menschen leben eigenes und fremdes unter sich
für mich beginne mit dem letzten.
Die innere Beherrschung meines Geistes wenn ich mich dieses Ausdruck[s]
bedienen darf war <geschah> demselben für immer wenn mir im Bewußtsein
selbst noch unbewußt für immer seine Richtung gegeben dieß geht aus einigen
Gedanken hervor welche dort wie Blitze Funken aus meiner als Erzeugung[stelle]
sonst im Gemüthe hervor funkten blitzten.
ich wollte und mußte um wieder fort zu dürfen einen Schritt bey meinem Bruder, der
mich so brüderlich treu zu entschuldigen dessen Nachricht ich aber noch ver-
nichtete endl diesen an jenen, zu entschuldigen sehr geschätzten
schrieb ich ihm nun meinen Drang aussprechend
-: nur in der Vollendung könne ich
mein Ziel finden.
Das Schicksal sorgte diesem Ziele
entgegen zu streben auf meine [sc.. eine]
mich erschütternde Weise für
mich.
[Die folgenden zwei Abschnitte 7R/8 gehören thematisch zu 9R
und zwar vor den Abschnitt: „Das Entscheidungslos wart nun gefallen..“]
Der Oheim, der mich gleich
meinem Bruder liebend u im
Herzen trug, der war eben gestorben.
Noch sterbend hatte er gedachten
meinem Bruder aufgetragen
doch ja alles zu thun um mich
zu versu doch endl einmal einen
festen Punkt finden zu lassen u zu
verhindern daß ich nicht wenigstens
nicht ohne Aus sichere Aussicht einer festen u besten Stelle
diese verließ. Doch Gott die liebend leitende
Fügung wollte es anders, gerad sein Tod gab mir
durch das mir dadurch gleich in Gemeinschaft mit mein[en] Geschwistern
u andern zufallende Erbe die Mittel an die Hand den
Wunsch meines Herzens u das Streben meines Geistes
zu erfüllen. So leitet Gott die Schicksale der Menschen
wunderbar und nur zu häufig Dieß habe ich oft erfahren
führt das Wollen u Denken und Handeln der Menschen zum entgegen
gesetzten
die es nicht im großen Welt-
und Lebeganzen Gottes schauen und nur durch
diese Einheit bestimmen und in u für sie geschehen lassen
zum Entgegengesetzten von dem was sie wünsch[t]en
ersehnten anstrebten hofften. Eines muß ich
noch ehe ich mich in dieser meiner Lebensdar-
stellung für immer von diesem sanften liebenden zweyten
höheren Vater trenne aussprechen von welchem ich fest versichert bin daß er sich
wenn er auch als seeliger Geist mein Leben u
Thun bis auf u in diesem Augenblick sehe, wird
sich desselben <er>freuen und und aus seiner Klar[-]
heit herab [anschauen.] /
[8]
Auf meiner Reise an meine jetzige Stelle, wo ich meinen Oheim
zum letzten mal sahe, hatte ich die hohe Freude, daß er
mit mir wie ein vertrauender Vater mit seinem heran[-]
gewachsenen achtenden Sohne sprach er theilte <da> mir frey
und nun beruhigt über mein Knabenalter dessen Fehler
u über seine Sorge deßhalb mit, und so kam er auch zurück
auf meine Aufnahme in sein Haus u die Gründe desselben:
„Ich hatte sagte er zu mir Deine Mutter sehr lieb; sie war
mir die liebste unter wie Du weißt mehrzahligen
Geschwistern, in Dir sah ich meine Schwester wieder u ihr
zu Liebe nahm ich Dich auf u schenkte gab nun Dir was ich bis-
her nur für sie im Her[z] in mir getragen hatte.“ War mir früher
meine leibliche Mutter durch vieles menschenfreundl[iche]
was ich von ihr gehört hatte schon lieb geworden u hatte ich mir
schon ein so bestimmtes Bild von ihr entworfen daß ich mich
ihrer zu erinnern meinte, so ward sie mir durch diese Äußerungen
nun wo mögl[ich] noch lieber; denn sie hatte mir ja so edlen
hohen Vater gegeben. Diese Äußerung meines Oheims
machte mich aber zuerst darauf aufmerksam was ich
im spätern Leben so oft wiederkehrend bestätigt gefunden
habe: daß die Quellen Beweggründe u Triebfedern gegenwärtiger
Handlungen weit über der jetzigen Zeit die gegenwärtigen Um-
stände und auß zurück und außer den Personen draußen
liegen von welchen sie bedingend auszugehen und nur
rückwirkend scheinen. Ja ich habe wiederkehrend im
Leben gefunden daß mir die Verbindungen reiner wahrhaftig
um so bleibender sind und fester sind als die Quellen derselben
aus einer höheren allgemeinen und außerhalb der Personen
liegenden Bedingung fließen.
[Randnotiz*-*] [*] Ich will klar u wahr seyn bis auf den Grund des Verhältnisses
warum ich diese Skizze meines Lebens niederschreibe[.]
Es ist wahr [daß] ich so viel fordere ich gäbe es gern billiger doch das
Schicksal will es nicht und die Erfahrung wofür ich gern was noch mögl[ich] ist
dann doppelt u erhöheten [Preis] geben würde um sie zu {er/be}halten, sollte
dieß[e] Erfahrung <frei> zu <einen> u zu <erhalten> dem
Staat zu zahlen zu viel seyn dem es ein 9/1000 R ist wie es mir aber <ist> [*]
Die erste Person <mit> welche mir hier entgegen kam und mit welcher ich mich auch während des ga so lang sie noch während meines Aufenthaltes Die Person, welche mir hier
in meinem Verhältnisse zum Haus und zur Familie am nächsten
stand war der Hauslehrer welchen ich vorfand ein junger
Doctor welcher in Göttingen studirt u promovirt hatte wir berührten
uns zwar im G[an]zen wenig da er als ein so graduirter Mann hoch
über mir stand doch kam ich durch ihn in einige Verbindungen mit Geistl[ichen]
Landpfarr[ern] die mir förderlich war[en] u namentlich in einen Lesezirkel
bey den Ökonomen Beamten u den <Posam[en]t>leuten der Umgebung führte
mich die Gastfreundschaftl[ich]keit derselben, wie die lebenslust u lebensfroh wie von selbst ein und
so lebte ich war meine Zeit zuerst längst nun zwar sehr, meinen Geschäften
mein Leben in u mit der Natur u meinem geselligen Verkehr mit den mir zusagenden
Menschen getheilte ich lebte was mir längst Bedürfniß war in einem
freyen mehrseitigen lebendigen u geselligen Verkehr in welchem mein Inneres Leben fröhlich
und frey hervorleben durfte. So an Leib u Seele Kopf u Herzen gesund
heitern glücklichen Sinnes fühlte bald mein Geist bald wieder auf das Lebhafteste
das Bedürfniß höherer Ausbildung (vielleicht um so mehr als der
junge Mann der Hauslehrer mit welchem doch mancher wissenschaftl[iche]
Verkehr gepflogen worden war schon einige Zeit abgegangen war). /
[8R]
Mein Bedürfniß angemessen befriedigen zu können schien[en] sich mir
auch bald günstige Mittel zu zeigen. Der HErr Präs[ident] hatte
noch 2 Söhne (Brüder welche auf dem Pädagogium in Halle er-
zogen wurden, diese besuchten ihre Eltern in Begleitung ihres Führers
des später anerkannten vorzügl[ichen] Gelehrten Dr. Wollweide. Dieser
war Mathematiker u Physiker u beschäftigte sich in dem höhern mit Ich fand ihn öfter in seiner
Wissenschaft beschäftigt u er war so gütig die sich zu lösen[den]
vorgelegten Aufgaben mir vorzulegen u zu deuten. Hier erwachte
g[an]z wieder meine längst geschlummerte u mehr zurückgetretene
Liebe zur Mathematik als Wissenschaft u zur Physik.
Dieß fiel zusammen Seit einiger Zeit hatte sich überhaupt meine
Neigung immer mehr zur Studium der Baukunst hingewand[t]
so daß ich in mir fest entschlossen war, {das Bau<werkzeug> / die Baukunst} zu meinem
künftigen ausschließenden Lebensberufe zu wählen – und sie von nun
an alles Ernstes zu studiren um sicher zu werden als nach einiger Zeit
eine Anstellung als Architekt angestellt zu werden suchen zu können.
So schien Geistes Bedürfniß u
Wahl des Lebensberufes möglichst nahe zusammen zu fallen,
und ich war so in mir gleich heiter u gleich glücklich. Die Gegenwart
dss Doc[tors] benutzte ich mir für jedes Fach die mir nützlichsten
Werke anzeigen zu lassen u sie mir vom Buchhandel zu
verschaffen war meine erste Sorge. Architectur wurde
{nun schon / nun auf} das Eifrigste betrieben auch blieben die anderen Bücher nicht
unbenutzt. Der früher gedachte Hauslehrer war schon vor Ankunft
dess Dr W. abgegangen, u ich war an seiner Stelle in den bestehenden
Lesezirkel eingetreten. Manche meiner innern Entwicklung sehr
wesentl förderlich gewesene Bücher waren mir so schon zugeführt worden
doch noch keine die so gewaltig erregend in mir [sc. mich] eingegriffen
hatten als Pröschkes [sc.: Pörschkes] anthropol[ogische] Fragmente ein unbedeutendes
kleines Büchelchen u Novalis Schriften herausgegeben von Tieck
und Arndts Germania u Europa. Das erste stellte wie
mit einem Schlage mich in meinem Seyn Charakter Neigungen und in meinem
Lebensschicksale so als ein Ganzes und alles im lebendigen
wechselseitigen bedingenden Zusammenhang <-> vor mich hin
so daß ich jetzt erst anfing mich als Person selbstständige
Person zu erkennen und anzuschauen zu betra ich sah zuerst mich und
mein Leben als ein G[an]zes und gegen-
über einer andern Außenwelt. Das zweyte Buch Nov. Schr[i]ften
machte mir die innersten Verborgensten Regungen u Empfindungen und Anschauungen mein[es] Gemüthes
besonders die <absichtl[ich] sogenannten> {Ansichten / Überzeugungen} meines Geistes
kund und offen u lebendig lag das
innerste Sehnen u Streben meines Gemüthes u Geistes
vor mir; mit dem Buche glaubte ich mich selbst wegzu[-]
geben und was dem Buche geschah, fühlte ich als geschähe es
mir, und wohl noch tiefer und schmerzlicher
wie fühlte ich mich mit einmal g[an]z anders ein nie in mir
geahnete[s] Innere hatte das g[an]ze Buch vor in mir geweckt
doch wußte ich es vor mir selbst noch nicht das Buch war
mir eine Person und ich war mir glücklich sagen
zu können daß [sc.: das] ist auch Dein Leben, daß [sc.. das] ist auch Dein
Streben, das ist auch Dir das Höchste, Deine Wahrheit und
Gewißheit. Ich hatte kurz vorher einen jungen /
[9]
[Bogen] 10
Mann kennen lernte [sc.: gelernt] welcher für mich außer seiner Persönl[ichkeit]
das g[an]z {Anziehende / eigenthüml[iche]} hatte daß er mit mir an einem u demselben Tage
in einem u ebendems[elben] Jahr also g[an]z zugleicher Zeit geboren
war u mit mir gleiche Taufnamen führte auch andere
Lebensbande traten zwischen uns ob er gleich Ha[n]noveran[er] war
u ich Thü[rin]ger war. Dieser wußte [mich] nun schon ob er gleich praktisch<?> Ökonom
war <bis ehe> Mitternacht d[urc]h ihn mit <einigen Freunde[n]> bekannt zu
machen u er that es gütig wodurch er mir immer lieber wurde
indem er um so mehr mich, mich selbst gab.
Das dritte Buch lehrte mich den Menschen in seinen großen
geschichtlichen Verhältnissen lehrte mich auch als mehrseitiges Glied größerer Ganzen als Mensch
mich als Deutschen, mein Volk als deutsches u auch als Glied dieses Volkes
kennen und achten, lehre mich Geschichte Vor- u Mitwelt
kennen, schloß das Leben als ein Großes G[an]ze vor mir
auf und verband mich selbst mit meinem Volk mit Vor-
u mit Mitwelt doch kaum das letztere mir be-
wußt denn noch hatte ich nur ein äußeres bewußtes
Ziel Wirken u Beruf vor <auf> das ein[es] Architekten
und Baumeisters aber ich fühlte daß ein neues freyes Leben in
mir begonnen hatte denn statt da und um diese Umwandlung für
mich selbst zu bezeichnen führte ich von jetzt an auch
nach durch äußere Lebensverhältnisse mit veranlaßt besonders auch
um die widrige Erinnerung so viele[r] widrige[r] Begegnis Eindrücke
meines Knabenleben[s] nicht immer die sich so sehr an diesen
Namen knüpften nicht wie bisher den ersten meiner Taufnamen zum Vornamen
sondern den (dritten oder) letzten.
Natürlich war es wohl daß bey solchen tiefen
u allseitigen Anregungen mein Schreibendes u Rechnendes
höchstens etwas zeichnendes u Anordnendes Wirken
nun nicht länger genügen konnte, ich bat abermals
um meine Entlassung aus dieser Stelle Wirkung. Die
nähere äußere Veranlassung dazu war diese.
Mit dem jungen {Mann / Theologe[n]} welchen ich als Erzieher und Hauslehrer
in meiner Actuarienstelle im Bambergischen hatte kennen
lernen und welcher aus dieser Stelle austrat um nach Frankf[urt]a/m
und nach Frankreich zu gehen war ich in brieflichem Verkehr
geblieben; er war lebte jetzt nach dem er sich einige Zeit in Frankf.
sich aufgehalten u dort lehrend beschäftigt hatte jetzt wieder
als Hauslehrer in einem Niederländischen Handelshause.
Diesem nun theilte ich meinen Wunsch auch meine jetzige Stelle wieder auf-
zugeben und im Baufache eine Anstellung u Wirkungskreis zu suchen
mit und fragte ihn ob ich nicht am besten von Frank[-]
furt aus wo so vieler Lebens- u Menschenverkehr sich ver[-]
einte für die Verwirklichung meines Wunsches u Strebens
wirken könnte und bat ihn als ein schon mehr mit dem
Frankfurter Leben u Verhältnissen Bekannten mich zur sicher[-]
sten Erreichung meines Zweckes einige Fingerzeige zu geben.
Mein Freund ging g[an]z in meine Ansicht ein schrieb mir er würde
im Anfang des Sommers selbst wieder auch ein[ig]e Zeit in Frankfurt seyn u wenn auch ich
dort eintreffen könnte, so würden wir gemeinsam am besten bestimmen
können, was zu thun sey. So nun war der Entschluß un[-]
wandelbar fest aus meiner jetzigen Stelle im nächsten Frühling auszutreten u
nach Frankfurta/m zu gehen. Doch wo wollte u sollte ich zu
einer solcher Reise Geld hernehmen da ich den g[an]zen Betrag meines
bisherigen Gehaltes zu meiner Equipirung und zur Berichtigung noch
in Bamberg schuldig gewesener Zahlungen gebraucht hatte./
[9R]
In dieser Sorge u Verlegenheit schrieb ich wieder an meinen ältesten [Bruder]
welcher mich bisher immer so richtig aufgefaßt hatte um Rath u Beystand
und da ich zu lebendig u bestimmt fühlte daß ich aus meinem jetzigen
Verhältnisse fort müsse und da ich doch auch uneinsichtig fühlte
daß ich wohl endlich auch die Nachsicht meines so trefflichen
Bruder[s] mit meinem beständigen Wandeln ermüden könnte
so sprach ich ihm wie es mir während des Schreibens im Drange u Sehnen meines Herzens
meine die als innerste Selbstwah[rnehmun]g vor die Seele trat aus: - nur in der Vollendung
könne ich mein Ziel finden.
Die Antwort des Bruders kam mit Zittern Lust u Bangen hielt ich sie in
den Händen Stunden lang trug ich sie bey mir ehe ich sie erbrach, Tage ehe [ich] sie
las, denn ich mußte eingestehen kannte selbst gar keinen Weg auf u durch welchen
mein Bruder mit Sicherheit für die Erreichung meines Seelenwunsches würde
wirken können, und so fürchtete ich in dem Briefe meines Lebens Ver[-]
nichtung zu finden; Doch mit rührender Theilnahme begann der Brief
als ich mich nach einigen Tagen des Schwankens zwischen hoffen u zweifeln
müde endl[ich] entschloß überwindend die ersten Zeilen desselben zu lesen. Das
Schicksal hatte auf eine mich erschütternde Weise dafür
gesorgt mich dem Ziele entgegen zu streben, welches sich mir
nur selbst unbewußt als mein Ziel ausgesprochen
hatte[.] Der Oheim ........ Bedingungen fließen. [Hier schließen die beiden Abschnitte
auf 7R/8 an]
Das Entscheidungslos war nun gefallen und von diesem
Augenblick an welch einen ganz andern Charakter ganz andere
Bedeutung erhielt mein inneres Leben und doch alles mir
selbst noch unbewußt wie der Baum welcher blühet
und es nicht weiß. Mein inneres u mein äußeres berufl[iches] Leben u Streben
mein inner[es] LebenZiel u mein äußerer LebenZweck
war noch in einer Trennung u Entgegensetzung die ich selbst und
von innern Leben ergriffen u durchdrungen noch selbst gar
nicht fühlte nicht ahnete, denn noch war mein Ent-
schluß fest u ich dachte an gar nichts anderes als im
Baufache zu wirken mich anstellen zu lassen und als
künftiger Architekt schied ich aus von allen meinen Freunden.
Mit vollster Beförderung sagt[e] schied ich Ende April 1805 aus
meinem bisherigen Verhältnisse
mit Frieden im Herzen Heiterkeit
in der Seele strebenden Sinnes u Geistes nur Leben in
mir fühlend u es nur darstellend aus meinen bisherigen
Verhältnissen. Die ersten Tage eines selten schönen Mayes
(ich möchte hier zurück rufen was ich schon
anderwie andeutete mein inneres Per[-]
sönliches Leben u mein äußeres der Natur
gingen immer freundl[ich] Hand in Hand, gleich
treu muß ich wiederum darauf zu[-]
rück kommen [)] lebte ich noch im schönsten Sinne dieses Wortes unter
u mit mein[em] Freunde der u so gütig theilnehmend war und
an sich hatte vorüber gehen u es gestalten lassen, u so
am schönsten gepflegt hatte <Jnniger da> bleibender <das
sehnen>.
Überschaue ich nun von diesem großen Sammel- Halt- und Ent[-]
wicklungspunkte <-> mein ganzes bisheriges Leben so zeigt sich
ein lebendig organisches Ganze sich lebendig stark <entwickelndes> Gewächs bisher hatte mein Leben
geruht, sich in sich erstarkt gleich, gekeimt, gewachsen, geschossen, getrieben und
geknospet, jetzt fing es an zu blühen, mir selbst unbewußt
zu blühen, da ich nur den Stam[m] u die Rinde, die Äste u das Laub
meines Lebens sahe, aber nun das Leben fühlte, so war es
denn auch der letzte Abschiedsbesuch [er] galt einem mir sehr
lieben Freunde auf einem vorzügl[ich] schönen liegenden Guthe in der /
[10]
Uckermark, die Kunst hatte die Schönheit der an sich einfache[n] Natur
auf das sinnigste erhöht. In dieser schönen <so> noch dazu g[an]z still[en]
u Einsamen Umgebung zog u wandelte ich von einer schönen
nach dortmal[igem] Geschmack mit einfachem <sinn[igem] Wirken zu höhern innigen
Lebensausdruck erhobenen Stelle[n] wie ein Schmetterling
saugend von einer Blume zur andern. Ich hatte die Natur
in ihrem farbigen und beperlten Schmuck selbst innig lieb und schmiegte
mich in mir jugendlich froh an sie an; da machte ich zuerst die Entdeckung
daß so angeschaut die Gegend in erhöhter Schönheit erscheine
u sogleich stand die sprach was ich sah u empfand laut das
Gemüth mit den Worten aus: „Je inniger wir uns an die
Natur anschließen um so mehr verschönt giebt sie uns
alles zurück.“ Dieß war gleichsam das erste mal wo
mein Gemüth sich u seyn Leben unmittelbar auszusprechen
mein Geist nun bewußt zu reden wagte.Und vielmal in meinem spätern
Leben kehrte ich zur Wahrheit dieses Ausspruches zurück u
schöpfte aus ihm Lehre u <Meinung>. Mein Freund bat mich auch
in sein Stammbuch einzuschreiben, ich that es nie gern,
Fremdes scho mochte ich nie es entsprach nie g[an]z meinem Ver-
hältniß zu dem Besitzer u eignes zu finden fühlte ich mich zu
schwerfällig. Ich ging mit der Forderung ins freye ich schaute uns beyde
in unsern Wünschen u Streben an, er war Land u blieb Landrath
suchte sogenannt sicheres Brot ich sahe mich unstät nach Etwas
ringen was ich nicht wußte was ich selbst erst suchte u zu erkennen
strebte u daher noch nicht bezeichnen konnte; da tratten [sc.. traten]
die Worte vor die Seele.
„Dir gebe das Schicksal bald einen sicheren Herd und ein liebendes Weib
„Mich treibe es rastlos umher und lasse nur so viel mir
„Zeit um immer mein Stehen zu mir und zur Welt zu erkennen [“]
Jetzt klärte sich mir selbst mein eignes Innere auf und ich fuhr for[t]
„Du gieb[s]t den Menschen Brot; mein Streben sey die
Menschen ihnen selbst zu geben.[“]
Ich wußte nicht was ich schrieb u sagte denn wie hätte
ich sonst den Baumeister so fest halten können, ich kannte doch weder
noch mich, noch mein eigenstes Leben, noch mein Ziel u Lebens[-]
weg, so bestimmt ich ihn hier, erst viel später als ich ihn
längst betrieben hatte zu meiner eigenen Verwunderung unter
ausgesprochen fand. Aber später habe ich im eigenen u
im fremden Leben viel erkannt u bestätigt gefunden
daß der Mensch der Geist des Mensch[en] wenn er zu
regen sich anfängt vieles den meisten bewußten Menschen
un bewußt und ungeahnet ausspricht. Diese Erfahrung
habe ich später so allgemein besonders an Kindern regen
Geistes u Lebens gefunden daß ich hoch erstaunt bin
was solche Kinder, welche wirklich tiefe Wahrheiten sie in
ihrem Schmetterlingsleben aussprechen – aber der Geist des
Menschen ist es welcher aus seiner Verpuppung seiner
Eyschale sich los machen möchte. Jeder sinnig achtsame [Mensch] wird
dieß im eignen u fremden besonders im Kinderleben
be[ob]achten können u bestätigt finden. /
[10R]
Im Juny May 1805 traf ich auf meiner Reise
bey meinem so oft erwähnten und noch lange wiederkehrend zu er-
wähnenden ältesten Bruder welcher jetzt eine andere Pfarr-
stelle erhalten hatte ein er war gütig u liebend wie
immer u statt mich in meinem Handeln zu tadeln sprach
er aufs Bestimmteste seine Beystimmung dazu aus.
[Randnotiz *-*]
[*] Laßt uns beym Most ausbraußen
es wird schon ein klarer Wein werden [*]
Er
sagte mir was sich in seinem Jünglingsalter in seinem Gemüth
u Leben geregt u noch rege; doch er sey dort zu schwach
gewesen um es darzustellen. Des Vater[s] Wort u Ernst
habe ihn gefesselt und jetzt hielt ihn das Lebens Band äußere
Leben. Treu und ohne Wandel stets der inneren Stimme nachzugehen
So schied ich doch ge forderte er mich auf u schrieb
diese Mahnung als Lebensworte mir zum Abschied ins Stammbuch[:]
„Des Mannes Los ist Kampf bis zum Ziele
Handle als Mann l[ieber] B[ruder] entschlossen bekämpfe die
Hindernisse, welche sich [Dir entgegenstellen und sei getrost:
Du wirst an´s Ziel gelangen.“] [Ergänzung Langes]
So schied ich durch Mittheilung u Zustimmung erhoben u ge-
stärkt u befestigt von meinem Bruder.
Der Weg führte mich über die War[t]burg. Luthers Verdienste
u Leben waren dortmals noch nicht so allgemein u populär hervor[-]
gehoben als in dem letzten Jahrzehend auf Veranlassung der
300jährigen Reformations-Jubelfeyer geschehen ist, auch war[en] meine frühere
Erziehung und Unterricht nicht von der Art gewesen, daß er
daß ich Luther[s] Leben u Streben überschaut hätte u mit den
Einzelnen Begebenheiten desselben vertraut gewesen wäre
doch hatte ich diesen Wahrheitskämpfer schon auf Veranlassung
der Augsburgische Confession die ich während meiner späteren Schulzeit
einige Jahre hintereinander nach bestandener [sc.. bestehender] alter Kirchensitte
an einigen gewissen Sonntage[n] der versammelten Gemeinde an im
dem Nachmittagsgottesdienste vorgelesen hatte, so
eindringl[ich] genug kennen lernen daß ich von mit tiefer Erfurcht erfüllt
den sogen[annten] Luthersteig hinab stieg und nun dieß Ehrfurchtsgefühl in
Worten aussprach die sogleich ausdrückten daß Luther noch vieles zu <->
thun zu tilgen u zu schaffen überriggelassen hätte.--
Kurz vor Joh[anni] traf ich wie zwischen mir u meinem Fr[eu]nd bestimmt in Frkf ein.
Durch diese g[an]ze Reise während mehrer Wochen in einer
selten schönen klaren heitern Frühlingszeit hatte mein Inneres
Zeit gehabt sich zu beruhigen sich zu sammeln.
Auch mein Fr[eun]d traf wie bestimmt in Frankfurt ein und sogl[eich]
wurde nun thätigst für Herbeyführung einer günstigen Zukunft zu arbeiten
begonnen (Sorge getragen) Der Plan im Baufache, als Archi[-]
teckt (zu wirken) eine Stellung zu suchen wurde unver-
rück[t] festgehalten auch schienen sich sogar manche günstige Umstände
zu dessen Verwirklichung zu zeigen; doch wurde sogl[eich] von meinem
Freund bestimmt, daß ich zur Sicherung meiner Subsistenz ich so lange
bis sich etwas dafür weiteres zur Förderung meines <Pla[-]
nes> entwickeln würde, ich zur Sicherung meiner Subsistenz durch Stundenunterricht geben sichern sollte
einstweilen Stundenunter[richt] auch so zu
welche zu verschaffen <war fest> Mmein Freund war <also> auf[s] bestimmteste thätig war
So führte er mich auch
zu diesem Zwecke machte sogl[eich] machte mit [zu] seinen Freunden bekannt zu machen [.]
Da nun meine künftige Wirksamkeit mein künftiger Lebensberuf u die Thätig[-]
keit zur Erreichung desselben so festgehalten wurde u in bestimmten Schritten
dafür hervortrat und mein g[an]zes Leben nach dieser bestimmten Richtung
Seite hin sich wenden sollte, da begann ich doch [dieß] etwas beengendes einseitiges dieses
Berufes u Geschäftes u Zweckes Wirkens zu fühlen, mein
Innerstes erwachte und ich that mit Bestimmtheit die Frage an mich:
Wie kann[st] du durch Baukunst menschenwürdig u für Menschenbildung
u Menschen[veredlung] wirken [?] Ich beantwortete mir die Frage zu meiner Be[-]
friedigung doch konnte ich mir das Gefühl (einer gewissen unvollständigkeit
der Schwierigkeit einer solchen Thätigkeit Wirkens
mit {diesen Zweckes / dieser Absicht} [)] nicht verhehlen
doch blieb ich ich konnte meine Lage <ganz davon> meinem Entschluß treu
und fing schon an bearbeitete was ja als {in / nach} dieser Beziehung mögl[ich]
nun in meinem Beruf zu auch einen Baumeister <gehört [zu] haben>.
[11]
[Bogen] 11
So führte er mich auch bey seinem Freunde dem dortmaligen Ober[-]
lehrer an der eben in Fr[an]kfurt errichteten Musterschule HErrn Gruner
ein. Es waren lauter junge Menschen die sich hier froh u munter regten
so daß und die Unterhaltung dann bald das Leben in ihrer mannigfaltigkeit seiner
Gestaltungen ergriff, auch mein Leben u Lebenszweck wurde
berührt u besprochen ich äußerte mich offen u frey stellte mich hin
wie ich war, lebte mich kannte und vielleicht auch nicht kannte
,,O sagte Gruner sich zu mir wendend: geben Sie das Bau[-]
fach auf es ist nicht für Sie, werden Sie Erzieher und
stimmen Sie ein
es fehlt an ein[em] Lehrer an unserer Schule
stimmen Sie ein so soll diese Stelle ihn[en] seyn. Mein Freund
stimmte ein u so hatt[e] war mein Leben seine wahre
Richtung der Mittelpunkt seines Wirkens zu geben [sc.. gegeben]
und solche welche Abschwenkungen /schwünge} es auch noch traf nie
zu verliehren. Mein Leben war nun g[an]z beruhigt in sich u
außer sich hatte es gefunden was es bedurfte (wenn es folgendes
obgl[eich] eigentl[ich] auch wirkl[ich] jetzt noch nicht kennend) Von nun an richtete sich
alle meine Thätigkeit nach diesem Punkte hin. Mich dieser neuen Richtung
meines Lebens so ganz (mit leben u Streben) uneingeschränkt und unbedingt
hinzugeben, dazu möchte besonders auch eine sehr in mein Leben
eingreifende dasselbe erweiternde u frey machende Erscheinung Begegniß <nun> bey[-]
tragen: ich erhielt die Nachricht daß meine sämmtlichen früheren besonders univer-
s[it]äts Zeugnisse bey der Mittheilung an einen Mann welcher Interesse
an meiner Person nahm genommen hatte verlohren gegangen u nicht
wieder aufzufinden wären. Dieß wirkte entscheidend u schlagend auf
mich. Wie ich stets that jede äußere Erscheinung meines Lebens auch mit
meinem innern Leben zu verweben, so that ich auch dießmal und sahe das
Verlohrengegangen seyn meiner sämmtl[ichen] sich auf meine frühere
Laufbahn beziehende Zeugnisse als eine[n] entscheidenden
Ausspruch des Geschicks an: daß mein Leben eine ganz
neue Richtung beginnen dann daß ich ganz frey nicht fußend
auf Zeugniß und Autorität mein Leben nun gestalten
u mich ausbilden solle[.]
Das Losungs Wort der Erziehung des Unterrichts war dortmals P. Jener
Ruf traf auch mich sogl
Das Losungswort der Erziehung und des Unterrichtes war
damals Pestalozzi. Jene Losung ward auch mir sogleich
mit dem Eintritt in diesen Kreis, denn sowohl Herr Gruner
als ein zweyter Lehrer an der Schule waren Schüler Pestalozzis
gewesen u ersterer hatte ja sogar ein Buch über dessen Unterrichtsweise
geschrieben. Mich traf dieser Name um so mehr
als derselbe in meine Entwicklung u Selbsterziehung zwar wie ein
Hauch und unnachweisbar aber doch gewiß bestimmt wenigstens
stärkend eingegriffen hatte. Ich erinnerte mich nemlich jetzt,
daß ich in meinem späten frühern Knabenalter im Hause meines Vaters aus
irgend einer Zeitung die Nachricht gehört hatte (: so wenigstens
lag die Sache in meinem Gedächtniß :) In der Schweiz habe ein
von der Welt ganz abgeschieden lebender Mann vor 40 Jahren Namens P.
auch durch sich selbst und durch eigene Anstrengung
lesen schreiben und rechnen gelernt u
diese Nachricht wirkte gleich lebhaft u gleich wohlthätig auf
mich, da ich das gleichunvollkommene u gleich langsame meiner
Entwicklung u Ausbildung nun wohl zu fühlen begann, so tröste-
te mich diese Nachricht auf das bestimmteste u erfüllte mich
auf das Bestimmteste mit der Hoffnung daß mir durch eigene
Kraft noch das fehlende und verspätete meiner Entwicklung
u Ausbildung nach[zu]holen [möglich sei] wie es mir auch später immer noch
erhebend u stärkend war in dem Leben doch später sehr
kräftig wirkender Männer auf die Erscheinung zu stoßen,
daß ihre erste eigentl[iche] Entwicklung u Ausbildung verhältnißmäßig
in ihren sehr späten Lebensjahren gefallen war[.]
Überhaupt muß ich es als einen durchgreifenden Grundcha-
rakter meines Leben[s] u meiner Entwicklung erkennen
daß die Vorführung des wirklichen Lebens wirklicher Menschen
immer wie befruchtender Regen u erwärmender u gestaltender
Sonnenstrahl, die von ihnen erkannten einzelnen Wahrheiten
von ihnen ausgesprochene Sätze <entgegen> wie köstliche Saamenkörner
und auflösende Salzkörner in mein beyder jedes alles bedürfende Gemüth
und zum vorliegenden Geist fielen. Nachholen muß ich bey dieser Veranlassung auch daß /
[11R]
in meinem letztern Schuljahre ganz besonders die bekannten
Darstellungen strebender Jünglinge u Männer der heil[igen] Schriften namentlich Samuel u
Salomons tiefen u bleibend beständigen Eindruck auf mich gemacht
hatte. Ich halte dieß hier fest weil ich später darauf zurück
kommen muß.
Jetzt zu meinem neu begonnenen Leben zurück. So war es natürlich
daß mich alles u jedes nun von Pestalozzi seinem Leben u Streben jetzt
wo ich in einer gewissen Beziehung mit ihm gemeinsam u in seinem geist
wirken sollte, nahe kommend mit großer Theilnahme ergriff
Dies geschah besonders auch mit einer skizzirten Darstellung seines
Lebens Wollens u Strebens in einem literarischen Blatte worinn
unter mehrerem das nachher Vielbekannte auch ausgesprochen wurde: Pestalozzis Sehnen u Streben
ging unter anderm auch dahin in irgend einem Punkte und Winkel
der Erde eine Armenerziehungsanstalt in seinem Geiste darzustellen zu
errichten. Wie Öl ergoß sich diese <ganze> Darstellung u besonders diese
Nachricht in mein {schon entbranntes Gemüth / feuriges Gemüth u Geist} und stehenden Fußes
wurde der Entschluß gefaßt diesen Mann der so denke u zu Han-
deln strebe in seinem Leben u Wirken zu sehen und nach 3 Tagen
(es war gegen Ende August 1805) wanderte ich schon meiner
Straße nach Iferten wo Pest[alozzi] kurz vorher angekommen war
zu. Nun angekommen in Iferten und besonders freundl[ich] aufgenommen
von P. durch Briefe von Herrn Gruner welchen er wegen dessen Thätig[-]
keit zur Verbreitung seiner Lehrweise liebte u schätzte
freundl[ich] aufgenommen von dessen ganzen Gehülfen durch gütige Briefe
von meinem nunmehrig[en] Mitlehrer an der Musterschule ihrem
früheren Mitgenossen ihres strebenden Lehrers, ward ich wie je-
der andere sogl[eich] in die Lehrstunden geführt u dort mehr
oder minder [mir] selbst überlassen. Im Lehrfach u Lehren selbst
noch unwissend u unerfahren und nur das als Prüfstein
mitbringend aus meiner Schulzeit und aus der Entwicklungs[-]
geschichte meiner SelbstErziehung dem Gang meiner selbst Erziehung
{vor meiner Seele / in meiner Erinnerung} lag weder in das Prüfung des Einzelnen noch in Zusammenhang
des Ganzen einzugehen (welcher freylich so recht eigentlich auch
<-> wenigstens weder im klaren Bewußtseyn noch in der
äußern Erscheinung tief da war) wirkte was ich sahe,
erhebend u niederdrückend, erweckend u bedeubend [sc.. betäubend] auf
mich. Vierzehn Tage nur war mein Aufenthalt ich ar[-]
beitete u verarbeitete was ich konnte wozu ich besonders durch die über[-]
nommene Verpflichtung aufgefordert wurde schriftl[ich] treue Rechenschaft
zu geben wie ich das G[an]ze fände u schaue, welchen Eindruck es auf
mich machen würde, so hatte ich suchte [ich] festzuhalten
was ich konnte; doch Herz Gemüth u Geist so fühlte ich wenigstens
würde[n] zu Grunde bey meiner Stimmung und meinem Innern Leben
zu Grund gegangen seyn wenn ich - was ich dennoch wünschte -
jetzt Länger in Iferten nun u bey P. geblieben wäre
denn es war damals gerad ein gewaltiges, so wohl
innerlich als äußerlich lebendiges u geistig erregtes Leben
indem in letzterer Beziehung eben der Fürst von Schwarzenberg
u das Österreichische Cabinet deren Wirken seine Aufmerksamkeit
(Anz) schenkte.
Die Früchte dieses meines kurzen aufenthaltes bey Pestalozzi
in Iferten bestanden für mich in folgenden. /
[12]
Erstlich sah ich den Unterricht einer großen Lehr[-] u Er[-]
ziehungs Anstalt streng sicher nach einem wohl klar u fest ge[-]
ordneten Unterrichts Plan betrieben (noch besitze ich den
Lehrplan der Pest[alozzi]schen Anst[alt] jener Zeit)
Der Lehrplan selbst <zeigt[e]> nun etwas sehr vorzügliches
u etwas höchst nachtheiliges. Vorzügl[ich] erschien mir die
Einführung der sogen[annten] wandernden Classe wo feste Classen
in jedem Gegenst[an]de immer zu gleicher Zeit d[urc]h die g[an]ze Erziehungsan[-]
stalt immer zugl[eich] in einer u ebenderselben Zeit Unterricht
gegeben wurde, so also die Classe der Lehrgegenstände fast
allein die Classe der Schulen sey, so daß jeder Schüler
u Zögling auf ihm eine seiner Entwicklung u Fähigkeit g[an]z <zeigende>
Weise in irgend einer Classe Antheil [hatte] u so g[an]z seinen
Fähigkeiten angemessen behandelt werden u fortschreiten
konnte. Das wohltuende jener dieser Einrichtung sprang mir gleich
so unzweydeutig u lebendig entgegen daß ich sie seit jener Zeit
in meinem lehrenden Wirken nie auf[ge]geben haben noch je werde auf-
geben können.
Das nachteilige des Lehrplanes was meinem Gefühl u
bey meinem persönlichen wenn auch dort noch ganz dunkeln
u unbewußtesten Streben entgegen trat, war die Unvollständig[-]
keit u Einseitigkeit. Mehrere zur allseitigen u harmonischen
Entwicklung des Menschen ganz wesentliche Lehr- und Unter-
richtsgegenst[än]de [schienen mir] entweder viel zu sehr zurückgedrängt zu
stiefmütterlich behandelt und zu unvollkommen bearbeitet
zu seyn.
Die Resultate des Rechnens betäubten mich ich konnte ihnen
in [ihrer] großen Ausdehnung u Anwendung wenig oder nicht folgen
das mechanisch gesetzmäßige ihrer Lösung riß [mich] wie in einem Strudel
mit sich fort u zeigte sagte
mir der ich doch das Bewußtseyn hatte sonst für einen sehr guten
Rechner gegolten zu haben daß ich wisse nichts wußte ich Sicher früher habe [ich] dieß
oben erwähnt. An die spätere Bearbeitung der Zahl durch Schmidt
mochte wohl dort noch nicht gedacht seyn Der H[au]ptlehrer davon war Krüsi[.]
Die Formen[-] u Größenlehre des Raumes wurde dort auch nach
der so beschränkten u beschränkenden <Richtung> der Maßverhältnisse
getrieben. Dieser Unterricht zeigte eine meist die an hatte
ohngeachtet der anschaulichsten Resultate innerhalb seines Kreises ohngeachtet der Schärfe
der dadurch erwachten Anschauungs- u Auffassungskräfte doch etwas
mein[em] persönlichen gefühl
[nach] etwas unnatürl[iches] zu positiv
gebendes und mechanisch anwendendes.
Doch hatte Schmidt dort schon das Unvollständige dieses
Unterrichtszweiges gefühlt; und er theilte mir die ersten
Grundlinien seiner spätern bearbeit[eten] Formenlehre mit und
seine Andeutungen sagten mir sogl[eich] zu. Denn ich sahe hier ahnete dunkel
mein Wesen u wie ich das Wesen des Menschenwe[-]
sens schon dort in mir fühlte u trug [darin] zwey wesentliche
Eigenschaften darinne Allseitigkeit – <Erschöpfung> – (Gesetzmäß[igkei]t)
Der Lehrgang im Zeichnen besonders in seinen ersten Anfängen
war auch noch sehr unvollkommen; doch sagte mir [das] auf seiner
spätern Stufe [verlangte] das Abzeichnen rechtwinkl[ig] prismatischer Körper
(parallello<pipodischer>) Körper bey gleicher Grundfl[äche] in verschied[enen]
Längenverhältnissen u das Abzeichnen anderer mathematischer
Körper zu wod[urch] zum Abzeichnen ander[er] Gegenst[än]de der Umgebung
u Außenwelt hingeführt wurde. Schmids Zeich[n]enlehre war
zu der Zeit auch noch nicht aufgestellt. /
[12R]
In der Erdkunde hatte man schon den gewöhnl[ichen] Lehrgang
und das bunte Chartenwesen weit hinter sich zurück gelassen
(der Hauptlehrer in diesem Fache war Tobler ein lebendiger junger Mann).
Natürliche Grenze[n] u so w. fand
schon statt; doch hatte der Unterricht obgleich die Schüler
viel u lebendig wußten u schnellen / geläufigen} Wortes davon Kunde zu geben
wußte[n] doch für mich noch das Unbefriedigende daß er mir zu
positiv Anlernend. Die Charte so groß u reich auch sie auch war
doch schon bestimmt <hingebend> war
und mit dem Gange dem <Hausplan> dem [sc.: des] Meeresboden
begann wofür der Zögl[ing] weder Anschauung noch Maaß in
sich tragen konnte.
So hatte der Unterricht durch die Gewalt einer
blitzesschnellen (mechanisch) fortgleit[enden] und schlagenden Antwort
dessen innere Mechaniß [sc.: Mechanik] man nicht erkennen ich möchte sagen
nicht ahnen noch weniger verfolgen konnte etwas erstaunend
Erregendes und Unwillkührlich mit sich fortreißendes, und
doch auch – was man sich im Widerspruch mit dieser
Thatsache doch auch gar nicht erklären u deuten konnte und
deßhalb als eine Unvollkommenheit seiner Einsicht ansahe
die man sich gern selbst <verhohlt> [sc.: verschwiegen] hätte <wirbeliges denken> anbey
Zeigte> – ein Gefühl des unvollständigen, darf ich denn sagen
Todten und Ungenügenden Unheimlichen welches was man sich
wenn man <so jenes> Gemüth
ruhig u still sprechen ließ sich doch auch gar nicht verbergen
unterdrücken ließ – so empfand wenigstens ich sehr lang und mir sehr
unbewußt unerklärlich nicht zugebend.
In der Naturgeschichte sahe ich nur die Pflanzenkunde. Der H[aup]t[-]
lehrer u Bearbeiter des G[e]genst[an]des war Hopf ein wie der vorige
lebendiger junge Mann. Der von ihm aufgestellte u auszuführende
Lehrgang hatte sehr viel ähnliches von dem später v. J. Schm[id]
aufgestellten Lehrgang der Formen[-] u Gr[ößen] lehre Er suchte bey jeder
einzelnen Rücksicht z. B. dem Stande der Blätter, dem Stande
der Blüthe, u. s. w. alle mögl[ichen] Formen auf die Gemeinschaft
mit den Schülern selbstthätig aufzusuchen und hob dann die Form
heraus welche in der Natur da war oder vielmehr
ihnen als in der Natur daseyend bekannt war. Dieser Un-
terricht hat eine so anziehende für sich sprechende als er
in der Anwendung eine unausführbare ich möchte sagen
sich selbst vernichtende Seite hat. Noch <rächten> sich bey diesen beyden
jungen Männern 2 Ideen, für die sie auch
zu arbeiten begannen von deren weite-
ren ausführung ich aber nie etwas wieder [hörte
]
die auffassung u Darstellung der
lexigraphischen Seite besonders der deutschen Sprache
dann eine Zusammenstellung aller Menschenwerke durch
Subsumtion, welchen Sie gaben diesem Werke einen besondern Namen
doch erinnere ich mich desselben
nicht mehr, sondern nur dunkel
so viel daß jedes Ding dadurch
in seiner richtigen Stelle zum Ganzen erkannt
werden solle von der weitern ausführung dieser Idee
habe ich nie etwas wieder gehört[.]
(Als ich später 1808 zum 2. Male nach Iferten kam fand ich weder
Tobler noch Hopf was mir sehr leid that)
Mit dem deutschen Sprachunterricht konnte ich mich gar nie garnicht
und nie befreunden, so sehr er auch später in andere Lehrbücher
über[ge]gangen ist, er hatteganz das meiner Natur u Streben ganz Entge[-]
gene, das Will[l]kührlich zu positiv hingebende und nur äußerlich
wenn auch bis zu einer das Leben teuschend nachahmenden Fertigkeit die des Aneignende
Anwendende
Gesang wurde nach Ziffern gelehrt.
Der Leseunterricht hatte für
mich vielsagendes als er mich
gleich nicht beruhigt u befriedigt
<->
[hat und ] wurde nach P[estalozzis] bekanntem
Abcbuch betrieben[.] /
[13]
[Bogen] 12.
Etwas war mir schon dort unerklärlich u auffallend
es war, daß P[s] liebende[r] Sinn welcher nicht ebenso wie
mich alle zu Einen <wagte> und von Geist u Leben durchdringenden
G[an]zen zusammenschloß seine Morgen[-] u Abendbetrachtungen waren
in ihrer Einfachheit tief erregend u doch hörte u sah <man>
schon dort leise Spuren äußrer unseeliger Trennung.
Dunkel
[12R]
[Textfortsetzung auf Rand 12R bis *]
u mir selbst wohl un[-]
bewußt lag alles dieß aber
(aber bestimmt) was die Zeit
freylich erst nach u nach in mir
aufgehellt u in mir gelegen mir
zum Bewußtseyn gebracht hat
in mir um so mehr rechtfertigte
sich dadurch mein Zust[an]d den ich mögl[ich]st
treu als ein erhoben u gedrückt
belebt u abgestumpft bezeichnete
daß ich möchte sagen Pest.[alozzi] selbst
von diesem höchsten geistigen Mecha[-]
niß[mus] ergriffen war geht daraus
hervor daß P. selbst über
seine Wirkung ergriffen
u davon be-
täubt war geht daraus hervor
daß P nie bestimmte Rechenschaft von
seiner Idee seinen Plänen Wollen
er geben konnte; er sagte wie
jeder weiß immer nur geht u
schaut (gut wer zu schauen zu
sehen zu hören verst[an]d) es
geht ungehür (ungeheuer) [.]
Ich reiste in der Hälfte des 7br von Iferten ab [*]
[13]
wo mich noch vor allem das
frey frische geist u Körper
stärkende u weckende Leben
mich lebendig angezogen hatte
und ging mit dem Entschluß
aus Iferten einst gewiß
nach längerer Zeit dahin zu
rück zu kehren
kam nach Frkf. zurück und nun wurde meine Anstellung von
Seite des Consist. dorten der HE Dr <Hufnagel> u HE Director von <Gurken> bestätigt.
Die erste Arbeit, welche meiner bey Rückkehr aus der Schweiz an der
Musterschule, welche eigentl[ich] aus zwey Schulen der Knaben[-] u Mädchenschule
bestand, erwartete war die Mitanfertigung eines g[an]z neuen
Lehr- u Unterrichtsplanes über für die g[an]ze Anstalt <zu verfertigen> welche aus 4 oder 5
Knabenclassen u 2 oder 3 Mädchen Classen bestand und irre ich nicht aus
nahe 200 Schülern besuchend [sc.: bestand] von den den bestimmten Unterricht gaben
4 ordentlich angestellte ordentl[iche] Lehrer waren
und noch 9 Stunden lehrer, also 13 Individuen so daß im G[an]z[en] gaben den<übl[ichen]> bestimmten Unterricht[.]
Da ich mich fühlte mich durch mich selbst sehr lebendig in das Bedürfniß u die
Stellung dieser Schule u des von zu leistenden Unterrichts [ein]fühlte
so wurde mir nach den mitgetheilten Bestimmungen die Ausfertigung dieses Planes
fast gänzl[ich] überlassen und diese Arbeit erfreute sich nicht
allein der Genehmigung der Behörde und sich bewies sich auch während
einer langen Anwendung als für die Anstalt u ihre Leistungen höchstwohltätige
ob sie gleich sie für d[ie] Lehrer persönlich manches Unbequeme hatte
und dieselben größer u mehr thätiger in Anspruch nahm.
Die Unterrichtsfächer die mir Übertragen wurden waren
Rechnen, Zeichnen, Erdkunde, deutsche Sprache ich hatte nun ganz die 2e u 3e Classe von unten
es waren mir im Allgemeinen ....... die mittleren Classen
übertragen, Über den Eindruck meines ersten Unterrichtes
In der deutschen Sprache war mir schon von meinen
und Schulhaltens auf mich in einer Classe von 30 - 40 Knaben zwischen
vielleicht 9 und 11 Jahren sprach ich [mich] unmittelbar darauf
in einem Briefe an meinen oft genannten Bruder so aus
daß es es sey mir als habe ich etwas selbst nicht gekanntes und doch lang ersehntes lang
vermißtes endlich ge
funden
als habe ich endlich das Element meines Lebens
gefunden mir sey wohl wie dem Fisch im Wasser dem Vo[-]
gel in der Luft.
Doch ehe ich diese Seite der Entwicklung meines Lebens fortführe
muß ich eine andere aufnehmen die in ihrer Fortentwicklung
(in jeder Hinsicht) für mich meiner als Mensch, Erzieher u Lehrer bey weitem wichtiger noch wurde und
welche selbst sehr bald
diese gleichsam in sich verschlang.
Bald nachdem mich mein früherer Freund mit dem ich hier
zusammen[g]etroffen war bey HErrn Gruner eingeführt hatte
kehrte derselbe in sein Hauslehrer Verhältniß zurück. Da es
ihm nicht mögl[ich] war mich persönl[ich] in eine Familie welche
für ihre Söhne entsprechenden Privatunterricht suchte einzuführen
indem derselbe eben abwesend war, so that er es schriftl[ich]
und schon mehrere einige Wochen vor meiner Reise nach Ifer[-]
ten führte mich sein wohlwollen[der] Brief in diese Familie
ein. Drey Söhne waren es zunächst für welche Zunächst
Unterricht u auch Erziehung was dafür schon geschahe g[e]nügte nicht gesucht wurde sie standen
unmittel[bar] vor mir, und nachdem sie sich entfernt [hatten schilderte man] mir ihre
persönlichen Ei[g]enthümlichkeiten jedes wie er sich zeigte auch mir gezeigt und ihre /
[13R]
bisherige Lehr[-] u Erziehungsweise und der Erfolg desselben
vorgeführt worden war, wurde ich unmittelbar
u sogleich wegen ihres fernern Unterrichtes u Erziehung
um Rath gefragt. Ich hatte eigentlich über Erziehung
als ein objectives u über {Anderer /fremd} Erziehung in eignen
u so bestimmten Fällen noch gar nicht nachgedacht. Die
Frage setzte mich in Verlegenheit doch es galt zu ant[-]
worten u bestimmt zu antworten.
In dem Leben u Erscheinungen dieser Knaben faßt[e] ich viel[-]
seitige Ähnlichkeiten bey einzelner u äußerer völligen Verschiedenheit
mit dem meinem eigenen innern Knabenleben was durch diese Mittheilung
geweckt mit einmale lebendig in seinem Bedürfen u
Mangeln, Sehnen u Entbehren, suchen geraubt seyn
lebendig vor mir [auf] und nach den Erziehungs[-] und lehr[-]
erfahrungen meines Lebens entschied beantwortete ich die
mir vorgelegten Fragen über das fremd Erziehen u fremd Lehrleben[.]
Meine Antworten aus dem fremd[en] Leben gegriffen lebendig wieder in ihrer individuellen
Wahrheit empfunden u lebendig ausgesprochen
trugen das Gepräge der Wahrheit
u des Lebens. Sie genügten zunächst, und mir war
zum ersten male die Erziehung als ein 2es objectives
entgegen getreten? welche ich bisher nur als ein Subjektives
als Selbsterziehung kannte, ich hatte mich gleichsam
von mir selbsttrauend u in andere wahrhaft
setzend vor mir [sc.: mich] selbst hinstellen müssen, ein Act
ein Schritt der mir schmerzlich war, der mir rein auszuführen bey weitem schwie]-]
riger wurde, als der
von der eignen u fremdleh Selbstlehre zur fremd
u Andern Lehre. Lange lange konnte ich daher auch
mir selbst die Erziehung u das Erziehungsgeschäfte nur im nicht in Wortbegriffe
fassen ich kannte nur die Erziehung u konnte nur
erziehen durch unmittelbares Mitleben Dieß that
ich denn auch wo es mein Beruf u Leben erforderte
nach Möglichkeit.
Vor dem privatunterricht geben hatte ich eigentl[ich] eine
stille innere Scheu ich fühlte sein abgerissenes zerstücktes
u ahnete daher sein Todtes u Tödendes, doch – das [sc.: da] fühlte
ich die {ver/zu}trauende Nachsicht mit welcher ich hier aufgenommen
das klare frische freundl[iche] Auge was mir besonders bey den
beyden jüngern Knaben entgegen trat u ich möchte sagen das
Erkannt sehen u nicht überfordert werden meiner selbst
bestimmten mich tägl[ich] 2 Lehrstunden bey den Knaben zu geben
u ihre Spaziergänge zu theilen. Der Unterricht den
ich geben sollte war die Zahl[enlehre] - u deutsche Sprache.
Der Unterricht für die in der Zahlkunde war bald geordnet ich gab ihn nach Pest[alozzi].<Zgstt> Die /
[14]
Doch mit dem Sprach[un]terrichte hatte es seine große
Schwierigkeit ich begann ihn nach ein[em] der dortmals u auch jetzt besten deutschen
Sprachlehrbücher zu geben
ich bereitete mich auf das beste vor übte selbst
was mir unbekannt war auf das ruhigste ein
Doch dieser Lehr{gang/weise} vernichtete mich ich konnte sie weder
für mich noch für [meine] Zögl[inge] ertragen. Da fing ich an ihn
zuerst an P.[estalozzis] Buch der Mütter zu knüpfen
Da ging es wohl um vieles besser doch war er
mir als Sprachunterricht zu willkürl[ich] untereinander
geworfen (obgleich die Anschauung der Redetheile sehr )
zu[sagte] gnügte [sc.. genügte es] mir nicht u sehr lange noch gnügte mir
alles nicht was ich für Sprachunterricht that u was
ich auch Fremde darüber sehen zu thun sahe, und
thuend hörte[.]
In der Zahl kam ich durch die Übungen der Einheits[-]
tabe[lle] nach Pest[alozzis] Heft [11] kam ich zu denselben Resul[ta-]
ten wie ich sie in der Schweiz gesehen hatte meine
Zögl[inge] hatten die Lösung sehr oft bloß wie das letzte Wort
der Aufgabe gesprochen war. Doch ich sollte
auch das Nachtheilige dieses Unterrichtes tief bestimmt
empfinden davon nachher[.]
Auf den Spatzirgängen that ich nichts als nach Mögl[ich]keit in
das Leben der Kinder eingehend u dasselbe fördernd
so lebte ich mein eignes Knaben früheres leben aber verschönt gleichsam noch
einmal u so er und so wurde es mir nun immer mehr
in seiner Besonderheit u seiner allgemeinh[ei]t klarer.
Auf Menschenb[ildun]g u Menschenerz[iehun]g bezog ich jetzt alles mein
Denken mein Handeln mein Erfolg wie mein Geschäft
es war für mich eine rege heiße, aber entwickelnd
u bildend beglückende Zeit
[Randnotiz*-*] [*] Arndt Fragmente Torquato von Göthe [*]
Auch mein Leben in der Schule u mit meinen
Zögl[ingen] und vortrefflichen Mitlehrern u seltenen Menschen
war sehr sehr erhebend lebendig u fördernd
Nach der bestehenden Einrichtung und durch das Lokale
der Schulgebäude (welche gegen die Straße hin wenig
bemerkbar aber einen bedeutenden Hof in sich einschlossen und
an einen dazu gehörigen sehr bedeutenden Garten stießen)
begünstigt [konnten die Schüler] sich in dem Locale des Schulgebäudes aufhalten und
unter wechselnder Aufsicht sich in demselben bewegen und im Hofe
und im Garten spielen und so war den verschiedenen Lehrern
schon ein wesentliches Mittel gegeben mit seinen [sc.: ihren] Schülern sich ein[-] und
zusammen zu leben, ja es ging aus der Mitte des Ganzen der
freye Entschluß hervor, welchem alle gleich früher huldigten /
[14R]
daß wöchentlich ein oder zweymal jeder jeder Lehrer mit seinen Schülern
ins Freye ging. Jeder wählte wie es ihm zusagte eine bleibende
oder zufällige Beschäftigung, von ihm oder von d Schülern
bestimmt, so erinnere ich mich wählte sich einer besonders
die Pflanzenwelt mit einer höhern Classe zur Beschäftigung;
ich der ich Erdkunde zu lehren hatte wählte diese Gel[egenheit]
meine Schüler zur Erdoberflächen Anschauung u Auffassung
der Erdoberflächen Verhältnisse zu führen und <mogte>
knüpft[e] an diese Spazirgänge meinen Unterricht für Erd[-]
kunde an und ließ ihn daraus hervorgehen. Die Stadt
war mir mein Ausgangs[-] und Mittelpunkt von ihr [aus] erwei-
terte ich meine Anschauung rechts u links dießseits u jen-
seits. Den Fluß den Main faßte ich wie er sich gab als Linie
auf, ebenso die Hügel u Bergzüge, die Himmelsgegenden faßte ich
als bestimmte Richtungen nach Morgen u Abend u zwischenrichtig
auf so faßte ich das Erdoberflächen bild uns Rechenschaft
gebend von dem wirklichen Lage Verhältniß der Erdoberfl-
chengegenstände in der Natur auf und zeichnete nach
diesen Bestimmungen das Bild unmittelbar u sogl[eich] verkleinert
in eine absichtl[ich] dazu [ge]wählten Ebenen Boden der Erde
oder des Sandes. So daß [das] Bild festgehalten u sich ein[-]
geprägt wurde es in den eigentl[ichen] Erdkundl[ichen] Unterrichts[-]
Stunden nach den gefundenen Bestimmung[en] in der Schule auf einer
horizontalliegenden schwarzen Tafel von Lehrern u Schülern
zuerst gemeinsam Entworfen u dann jedem Schüler
zur Aufgabe gemacht dieß zuerst gemeinschaftl[ich] entwor[-]
fene Bild nun in den Freystunden selbstthätig aus sich zu entwerfen
Unsere Erdoberflächen bilder hatten zuerst eine kreisrunde Form wie der scheinbare Ge-
sichtskreis. Bey dem
ersten öffentl[ichen] Examen welches die Schule gab war ich
so glücklich (so viele Unvollkommenheiten auch dieser erste Ver[-]
such in sich trug), mich nicht allein des ungetheilten Beyfall[s] der anwesenden
Eltern pp sondern g[an]z besonders meiner Oberen (namentlich
des obengedacht[en] Hn Dr Hufnagel H u Dir.v.G.) zu erfreuen
indem er erste laut aussprach, „so ist[s] recht, so muß Erd[-]
kunde gelehrt werden, das Kind der Knabe muß zuerst zu Hause
seine Heimath kennen ehe er in die Ferne geht[“], denn
die Schüler waren die [sc.. in der] Umgebung der Stadt von einigen Stunden
wie in ihrer Stube zu Haus und nannten frisch u schlagend gaben
sie von diesem jedem Erdoberflächen Verhältniß der Umgegend
Kunde.
Dieser Unterricht wurde die Quelle u [Ursprung] des später von
mir umfassend bearbeiteten und jetzt seit mehreren Jahren
das Gebiet der Erdkunde erschöpfend angewandten Unter[richts]
In der Zahl[enlehre] hatte ich nicht die Elementar- sondern eine
Mittler[e] Klasse ich wählte daher auch einen Mittel
realzeichen zu welchen ich Punkte wählte u sogleich Ziffernver[-]
knüpfenden Weg, meine Zöglinge hatten
Anschauung u machten Fortschritte auch hatte erhielt ich auf-
munternden Beyfall. --- /
[15]
[Bogen] 13.
Auch im Zeichnen hatte ich die Mittleren Classe ich bildete
sie durch Auffassung u Darstellung der Linien- Flächen-
u Körperraumverhältnisse vom einfachsten zum Zusammen-
gesetzten heraufsteigend aus. Mir wurde die Freude
nicht allein für die Prüfung Befriedigende Resultate
sondern [ich sah] auch daß meine [Schüler mit] Lust, Eifer u Selbstthätigkeit
arbeiteten. Ja die wenn auch nur kurze Zeit der
Prüfung von einer Stunde hatte ich so geordnet daß ich
meinen Schülern den von mir betretenen Lehrgang sogleich
faßbar darstellte indem ich die Schüler so graduirte
daß von der einfachsten Stufe des bes d[urc]hlaufenden Ganzen
jeder eine einzige ausführte u bis zu der höchsten welche
in dem Zeitraum einer Stunde darzustellen mögl[ich] war
so gelang es mir aus dem Zusammenhang die unbe[-]
zweifelbare
Wahrheit in den Gegenwärtigen die Überzeugung
hervorzurufen daß auch eine größere Auszusammengesetzte
Aufführung die ich aufgestellt und die Zeichnungen nebst
dazugelegt auf den {Gesichts / Augen}punkt bezeichnet hätte
von den Schülern freylich in großer [sc.. größrer] Zeit ausgeführt gezeichnet
worden wäre[.]
In der Mädchenschule hatte ich in einer unteren der elemen[-]
tarclassen Rechtschreiben [zu erteilen], da dieser Unterricht wie
gewöhnlich den Schülern ganz unvorbereitet u <unbestimmt>
einzeln u abgerissen dastand, und ich für mich u die Zöglinge
Schüler gar kein gemeinsames Fundament hatte u fand so
gründete ich ihn auf das Rechtsprechen; der Unterricht
nichts hatte gewiß auch seine großen Unvollkommenheiten in sich habe doch
er hatte für Lehrer u Schüler Reiz, so erfreuten sich auch diese
Ergebnisse der Zufriedenheit[.]
In einer anderen Klasse dieser Schule hatte ich vorberei[-]
tenden Zeichenunterricht ich ging von der verbindung einzelner äußerer [Linien]
aus. Der Lehrgang trug für mich das weiß
ich noch nicht Nothwendigkeit u so Leben, genug in sich und be-
friedigte darum auch mich noch nicht. Ob die Resu Ergebnisse
dieses Lehrganges zur Prüfung kamen erinnere ich mich gar
nicht.
Dieß waren die Ergebnisse meiner ersten Probe die
ich als Lehrer ablegte. Die gütevolle Nachricht und [der] sich aussprechende Beyfall
welcher wohl mehr durch meinen reinen guten Willen u feurigen
Eifer, als in den Leistungen selbst begründet war . Dieß spornte
mich (für mein Streben nur zu sehr) an, ganz in das Leben;
des Unterrichts einzugehen u denselben in seinem Leben darzu[-]
stellen doch ein so zusammengesetztes Große Ganze als eine
solche Schule ist muß feste Formen, sichern, anerkannten
äußerlich im Voraus nach Zeit u Ziel bestimmten Lehrgang
u feste ineinander wie Räderwerk aber nicht wie LebensTräger freye Formen
haben, aber diese forderte
nun mein gewecktes Leben u geweckter Geist, und in seinem
Erwachen ich so darf ich wohl sagen er[-] und anerkannter Geist u Leben
Dieß konnten jene Formen nur so lange ertragen als es sie [zu] be[-]
leben zu bewegen vermochte. Auch leider habe ich im Leben /
[15R]
wiederkehrend die Erfahrung gemacht daß auch das regste Leben
wenn es in seinen Regungen in seinem Leben nicht erkannt u wie-
ter gefördert wird leicht verknöchert. Genug die Ent-
wicklung meines Lebens konnte diese wohl nothwendig festen
Formen noch nicht ertragen ich mußte mir ein Verhältniß
suchen in dem ich mich frey natur- u fessellos so entfalten
konnte wie die Entwicklung das Gesetz meines Lebens u
Geistes erforderte
Jenes keine äußere hemmende Fessel ertragende Streben
meines Geistes u Lebens mochte ganz besonders wohl in mir
durch den Umstand geweckt worden seyn daß ich in dieser Zeit
mit Arndts Fragmenten der Menschenbildung bekannt wurde
u ich sie mir zum Eigenthum ganz zu eigen verschaffte. Dieß Buch
entsprach dort ganz meinem Wesen Wollen u Streben, was
in mir vereinzelt lag fand ich hier mehr geordnet; was
noch unbewußt in mir lag sahe ich durch dieß Buch in meinem
Leben mir bewußt werden ich meinte dieß Buch wenn
ich bekannt war wie mir selbst, dann sagte ich dieß Buch sey
eine Bibel über die Erziehung,
Über mein eignes Leben u Streben sprach ich mich in dieser Zeit
gegen meine Person selbst so aus in mit diesen Worten aus:
„Ich will Menschen bilden die mit ihren Füßen in
„Gottes Erde, in die Natur eingewurzelt stehen, deren
„{Kopf/Haupt} bis tief in den Gottes Himmel erhebt ragt u in demselben schauend liest
„u dessen deren Herz beydes Erde und Himmel das gestaltenreiche Leben der Natur Erde
„u Natur u die Klarheit u den Frieden des Himmels eint
„Gottes Erde u Gottes Himmels eint.“
In diesen Worte[n] finde ich jetzt mein g[an]zes dortmaliges
Leben u Streben mich selbst wie in einem Bilde erfaßt. -
Meiner Verpflich Es konnte so wohl nicht anders seyn
von meiner Verpflichtung gegen die Musterschule – ich hatte mich
anheischig gemacht wenigstens 3 Jahre an ihr als Lehrer zu wirken
– mußte ich in einer solchen Lebensstellung wünschen losgesprochen
zu werden. Der genannte Oberlehrer (Gruner) war Menschenkenner
genug um zu sehen daß ein so erregter Mensch wie ich in
einer solchen Anstalt wie die der er vorstand nicht wohl[-]
thätig wirken konnte und ich wurde von meiner Lehrer[-]
verbindlichkeit unter der Bedingung losgesprochen wenn ich
einen jungen Mann an meine Stelle bringen würde der
den gesammtforderungen der Anstalt genügen würde; das Schick[-]
sal stand auch hier mir liebend zur Seite ich erkannte denselben in
einem jungen Mann Hauslehrer mit dem ich lange sehr freundlich verkehrt hatte, und der
alles hatte wovon was ich gar nicht hatte. Mit der Grammatik seiner Mutter[-]
sprache wie auch mit der der Classischen Sprachen u irre ich nicht <auch>
des Französischen war er bekannt. Er hatte eine Länder[-] u Charten[-]
eine geographische Kenntniß die für mich noch in weitem Felde lagen, war mit der
Geschichte bekannt, konnte Rechnen, besaß die Regelkenntniß
der Gewächse u wohl noch weit mehr als mir von ihm
bekannt war u was jedoch noch alles dieß überwog
er wahr [sc.: war] ruhigen Sinnes Geistes u Lebens. So konnte die Schule
nur durch meinen Austritt gewinnen; sie gewann in hohem Grade
denn seit jener Zeit trat an meiner Stelle kein Wechsel wieder ein, noch lebt u wirkt jener Lehrer an meiner statt /
[16]
Ehe ich zu dem neuen LebensAbschnitt zu dessen Anknüpfung u Entwicklung Dar[-]
stellung übergehe muß ich noch
einiges nachholen.
Französisch zu können gehörte dortmals zur Tagesordnung u bezeichnete
das nicht können nicht verstehen bezeichnete einen sehr untergeordneten
Bildungsgrad. Mir die Kenntniß des Französischen anzueignen war
für mich jetzt eine der Hauptsorgen des Lebens. Es gelang mir
Unterricht von dem vorzüglichsten französischen Sprachlehrer
M r Perrault einem geborenen Franzosen welcher seine Mutter[-]
sprache als schon alter Mann noch eifrigst studirte u ein
gleich schönes Deutsch schrieb u sprach zu erhalten. Ich betrieb
den Unterricht mit vollem Eifer, ich nahm tägl[ich] 2 Stunden [Unter-]
richt weil ich es bis zu einer gewissen Zeit zu einem gewissen
Grade bringen wollte. Gering waren aber dennoch meine
Fortschritte, weil ich selbst meine Muttersprache bey weitem nicht
genug kannte, um durch sie u durch diese Kenntniß hindurch finden und die
so abstrahirte allgemeine Sprachkenntniß hindurch mir den
Übergang u die Brücke zum Französischen hätte bauen können;
So erreichte ich zwar durch diesen Unterricht und aneignen
was ich nicht verstand, nicht in mir lebendig erkannte das konnte ich nun
einmal nicht; so erreichte ich freylich durch diesen Unterricht
durch wirklichem Eifer u nicht gesparte Kosten doch keinesweges
etwas namhaftes aber ich erkannte manches u vieles
was ich dort selbst noch nicht wußte. Mein Lehrer verwarf
g[än]zl[ich] alle bisherige mir nicht ganz unbekannte steife grammatikalische Ansicht der
französischen Sprache; er suchte die
Sprache im Leben zu erfassen; ich konnte diesem freyen Lehren,
selbst im allgemein[en] noch zu Sprachunkundig was mein Lehrer an mir
selbst ein Lehrer wohl nicht ahnend, - freylich nicht folgen
aber ich fühlte der Lehrer war Sprache dem Gegenst[an]d u
dem Zwecke dem Schüler entsprechend u so war mir immer
wohl in diesen Stunden. Besonders öffnete er mir Sinn und Ohr
über die französische Aussprache indem er sie auf einfache
Laute u Töne zurück brachte u nicht sagt[e] daß [sc.: das] wird wie
im Deutschen w oder b, oder ä u.s.w. ausgesprochen.
Das größte was mich dieser Unterricht lehrte [er] ließ
mich meine Unkunde in der deutschen Grammatik auf das lebhafte[-]
ste fühlen. Ich darf mir gest das wahre Zeugniß geben daß
ich mir in der Hand der Werke der namhaftesten deutschen Grammatiker
außerordentliche Mühe gab Leben u Zusammenhang nothwendige
Folge in die deutsche
Grammatik zu bringen [aber] ich verwirrte [m]ich da nur noch mehr
der eine lehrte u zeigte wenn ich mich Rath bey ihm erholen [sc.: holen]
wollte so, der andere wieder anders bey keinem sahe
ich seine Meinung im Leben u Wesen der Sprache nachgewiesen.
Ich wandte mich zum zweitenmale mißmuthig u ertödt[et]
von den deutschen Sprachlehrern weg u betrat wieder wie
schon früher meinen eignen Weg, doch leider hatten wider
mein eigenes Wissen die Formen der Grammatik sich
so wie Schuppen auf mein Auge u Sinn u Leben aufge[-]
leimt daß ich sie gar nicht los werden konnte mich von ihnen
gar nicht losreisen [sc.: losreißen] konnte immer wirkten sie und noch lange /
[16R]
so wenig ich davon [ahnte] aber ich müßte sagen um so fester ich
sie hatte verknöchernd u tödtend auf mich zurück.
Mein Austritt Abgang aus (von) der Schule war nun bestimmt u [mir] ver[-]
gönnt nun in einem neuen freyen Streben frey u ungehemmt <Beginn> mich zu entwickeln
u wie mein gütiges Schicksal mir ich kann es dankend
u erhebend nicht genug aussprechen
immer liebend zur Seite ging so auch wieder hier.
Die drey Knaben welchen ich bisher in der Zahl u Sprache privat
Unterricht von mir empfangen hatten [sc.. ertheilt hatte] u wovon der kleinere sogar Schüler war
bedurften wegen Austritt
ihres bisherigen Hauslehrers einen Erzieher. Mir wurde als mit
dem Leben und Wesen, Verhältnisse u Forderungen der Kinder
und in meinen ErziehungsAnsichten bekannt
der vertrauensvolle Auftrag im Kreise meiner Bekannten einen Erzieher u Lehrer
für diese Kinder dieß Verhältniß zu suchen
Da mir selbst für meine Person dieß ErziehungsVerhältniß sehr fern lag so wandte
ich mich um meinem Auftrag zu genügen alles
ernstes nach mehreren Punkten und unter anderm auch an
meinen ältesten mir so nahe stehenden Bruder; ich theilte ihm nach
meiner Ansicht die Anforderung an den Erzieher mit <wo> natürl
<-> nicht etwas durch mich u meine Persönlichkeit sondern als
nothwendig mir ausgesprochene Forderung: ich sie Trage in sich
und wieder pflege
anerkenne u pflege des neuen erziehenden u lehrenden
Lebens so wohl in Beziehung auf Lehrer u Erzieher als Zögl[ing] u Schüler
obanstand. Mein Bruder schrieb mir bestimmt u Einfach
einen Lehrer und Erzieher wie ich ihn für die vorgeschlagenen
Verhältnisse wünsche könne er mir nicht bezeichnen
vorschlagen glaube auch nicht daß ich einen finden werde
denn dem einen werde bey Besitz der Kenntnisse und äußern Lebens[-]
erfahrung das rege innere Leben, die Pflege u Anerkennung desselben in sich
u dem Zögl[ing] dem Anderen der dieß besitze dem würde
jenes mangeln. Ich theilte die Ergebnisse meiner Bemüh[ungen] mit
Diese Nachricht wirkte nur niederschlagend konnte nur niederschlagend
wirken indem man mit innigster Liebe u Treue das Wohl der
Kinder der Knaben wünschte, ihnen das höchste u beste wünsch[t]e
was die Zeit in ihrer abgewundenen Entwicklung schon als das höchste
u beste gezeigt, gefordert hatte; Mir in der Freyheit u
Ungebundenheit meines Willens u Strebens bekannt mogte
man die Stelle dieses Wirkens nicht antragen. So stand die Sache
(mehrere) Monate als ich in meiner innigen Liebe zu den Knaben auch
die Sorge der <und> mütterl[ichen] Treue für ihre Erziehung in mir aufnahm
und soweit es mir in meinem Alter u Stehen nur immer mögl[ich] machte
mich an die Stelle der Eltern versetzte, dieß bestimmte mich zu
dem Entschluß selbst Erzieher u Lehrer dieser Knaben zu werden,
und nach einem sehr harten, so harten betäubenden Kampfe wie ich
ihn seit langem nicht gekämpft hatte indem ich lebhaft fühlte was
ich bedürfte u was ein solches Verhältniß Wirken von mir fordern
u wie es nur <bewegend> auf mich zurück wirken könnte sprach ich
meinen Entschluß aus; er wurde achtend aufgenommen und so er[-]
kannt wie ich ihn gab.
Auch dem stets wahrhaft gegen mich wahrhaftig freundschaftl[ichen]
HErrn G[runer] theilte ich meinen Entschluß mit. Ihn zu billigen davon war
fast gar nicht die Rede, er sah auch wirklich mich befremdend an
und sagte mir: sie werden alles verliehren was sie suchen und erwarten.
Ich erwiderte, daß ich meine Lage der und Verhält[nisse] /
[17]
[Bogen] 14.
durch einen sehr bestimmten schriftlichen Accord Contract sichern würde
rc. Der wohl viel erfahrene [Mann] sagte man wird ihnen [sc.: Ihnen]
alles halten sie werden nicht sagen können u dürfen daß Ihnen
etwas fehle, etwas von dem Festgesetzten nicht [ge]leistet werde u sie werden alles vermissen u müssen so
sprach eine erfahrne Klugheit was konnte ich dagegen sachen [sc.: sagen]
ich zu (sie verdroß mich fast) ich zog mich auf das Bedürfniß
u die Forderungen der Knaben zurück. gut sagte er dann lassen
Sie aber ihr Bedürfniß u ihre Forderung aus dem Spiel; wir
trennten uns mich verdroß fast die Klugheit gegen deren Wahrheit ich mich nicht wenden die ich
nicht widerlegen konnte, wir sprachen nie wieder darüber.
Der Stand meiner dortmaligen mir objectiv bewußten Bildung und
Kenntniß geht genau u klar aus dem [sc.: der] hier in der Urschrift bey[-]
liegenden Vereinbarung mit dem Vater Eltern meiner nachherigen Zögl[inge]
abgeschlossenen Vereinbarung hervor.
Wie die Wahl u Entscheidung von dem von mir gefaßten Entschluß
für mich mit großem innern Kampf verknüpft war dann so war auch
sogleich der Eintritt in meine Stelle mit für meine Person mit
großem äußeren Kampf verknüpft. Es waren nämlich zwei unwandel[-]
baare Bestimmungen unserer Vereinbarung Die eine war, daß ich nie verbunden [sc.: verpflichtet] war
mit meinen Zöglingen in der Stadt wohnen zu dürfen, daß mit meinem
Eintritt in meine Erzieher Rolle meine Zöglinge mir ganz frey über[-]
geben auf das Land folgten und dort einen eignen in sich ganz abge[-]
schlossenen Kreis bildeten und daß sogl[eich] mit der Rückkehr der Zögl[inge]
in die Stadt auch meine ErzieherVerbindlichkeit aufhöre. Die Zeit meines
Eintritts in die Stelle war da die für meine Zögl[inge] u mich bestimmte
Wohnung auf dem Lande aber war erlaubte noch nicht einzuziehen und ich sollte nun wie
es hieß auf einige Tage zu den meinen Zögl[ingen] in ihre Stadtwohnung ziehen; doch
ich fühlte klar mit dem Gethanhaben dieses Schrittes zugleich alles
für mein künftiges Wirken Erspriesl[iches] verlohren zu haben, und so hielt
ich unter welchem Kampfe auch immer geschehen und ob ich es gleich nur
mit dem Vorwurf der Starrköpfigkeit, des Eigensinnes aufneh
der Härte erkaufen konnte meine Forderung u Entschluß fest u lieber das noch
erwartende Wirken u Verhältniß als diesen aufgebend. Daß der
Eintritt in meine Stelle u mein Wirken für mich gleich mit hartem
Kampf und mit Festhalten zurückziehen u Ruhen auf mich und mit Fest[-]
halten meiner Überzeugung begann war gut u heilsam für mich. Es
war die entsprechende Weihe für mich zum Eintritt in eine
Stelle und ein Wirken was ja [nach] jeder Seite hin für mich nur mit dem
angestrengtesten Kampf verknüpft seyn konnte.
Doch in der Familie u bey u von allen Gliedern derselben bewahrte
sich wenn auch erst später und lang nach meinem Austritt bis zur selbstgewonnenen Einsicht u Über[-]
zeugung das Heilsame des ernsten u unbeugsamen Bestehens auf
meinen meinen [2x] Entschluß; denn 10 / 11 Jahr[e] nach jenem Eintritte
u 4 / 5 Jahre nach meinem Austritt aus dieser Stelle wurde
mir in Beziehung auf jenes felsenfeste Beharren auf meiner Überzeugung
ausgesprochen:
... [Lücke, Zitat vorgesehen]
In diese meine neue Erzieher Wirksamkeit trat ich
{im/Ende} Juli 1807 [sc: 1806] ein. Ich war dort zwar meinem Alter nach 25
[Jahr] meiner Entwicklung nach aber wohl erst noch um mehrere Jahre jünger
ich selbst konnte mich weder so alt fühlen, noch hatte ich eine Anschauung
ein Bewußtseyn von meinem Alter, ich fühlte nichts als die Kraft /

[17R]
[Rand*-*]
[*] Frkfurt
Bockenheimer Warte
<Bobsamer> Hof
Nur (polizeyl[ich]) Friede, wenn
bürgerliche, häusliche, sittliche Freude
den 6n Jul 1827 [*]
und das Streben meines Lebens
die Gesammtheit meiner Bildung
besonders das wie soll ich es recht nennen unbeholfene u unentwickelte
meiner Bildung für äußer[es] Leben meine Unkunde des Lebens wie
es war und wie man es äußerlich betrachte u an
den Stand meiner äußern Lebenserfahrung
und meiner Lebensansicht bei mir in den Menschen
aber nicht außer desselben und selbst jenes nur in ein[-]
fache[n] Gemüther[n] u Menschen
vermachte, konnte fr die Gesammtheit meiner Bildung
konnte mich bey dem Widerspruch u Opposition in welcher
ich gleich von vorne herein mit allem Bestehenden
trat, nur in Kampf einführen [Rand: Kampf u Leben] und so war auch die
g[an]ze Zeit meines Erzieher[-] und Hauslehrer[-]Lebens nur eine
Zeit des Kämpfens des Kampfes.
Es war für mich sehr heilsam u gut daß ich mich im Kampf
und mit Kampf für meine Erzieher[-] u Hauslehrer Laufbahn be[-]
stimmt hatte und gleich Anfangs, gleich von vorn herein mit Kampf
in dieselbe getreten war ich konnte mir dafür wieder besond[ers] als
Beruhigung u zur Ermuthigung sagen du hast es ja vorher gewußt, du hast es dir
ja vorher gesagt, wie es aber wohl immer geht das (Unerwartete) Unangenehme u Unsinnige
kommt selten so wie man es erwartet hat, und das kommende Schwierige in seinem
unvorhergesehenen Gewande erscheint bey weitem schwieriger oder zuletzt zu beseitigen als das erwartete
u auch wohl gar nicht, so erschien mir auch meine Lage noch einige Wochen
für mich {unersti[e]gliche/unbeseitigte/unüberwindbare} Schwierigkeiten zu enthalten ich suchte den Grund deß[-]
halb mehr u halb falsch in der Zerstücktheit Unvollkommen[-]
heit meiner Bildung und zwar wenigstens für meine jetzige Bildungsstufe wohl
{unwahr/unrichtig} in der Unvollendetheit meiner Universitäts{zeit/jahre} denn
Erzieher Lehrer aber wollte ich seyn u bleiben so viel
fühlte und wußte ich, ich mußte u wollte es selbstständig u (selbstthätig)
freythätig auf die mein[em] Erkennen u Leben angemessene auf eine in mir herauf dämmernde, dem Menschen seiner Natur u seinen Verhältnissen u Bestimmungen genügende Weise, doch wie der Mensch überhaupt sich selbst so schwierig u schwer begreift u versteht, nun so besonders ich, ich glaubte darum
wieder mein Heil außer mir durch fremden Wissens u fremden Könnens
in bey u durch Aneignung des fremden suchen zu müssen. so kam mir wieder
abermals der Gedanke mich durch fortgesetzte Hochschulen bildung mich
zum Erzieher, zum Unternehmer u Vorsteher eines eigenen Erziehungswirk[ens]
ausbilden zu können dafür mogte nun wohl besonders beygetragen haben,
daß ich mich von dem bey u mit mir begonnenen u verfolgten Erziehungsweg entfernt
hatte, sobald ich nehmlich jetzt das unvollständige meiner Bildung fühlte
suchte ich nicht - wie ich meiner Natur u dem von mir betretenen Entwicklungs[-]
gange gemäß gesollt hatte, in mir, in der Natur in der vom Schick[-]
sal bestimmten Lehre u unterricht u Mittel, sondern ich wandte mich
um recht sicher zu gehen zu Lehrbüchern u zwar da ich ganz klar sehen wollte
zu solchen hin die das Erziehungs[-] u Unterrichtswesen in eine Menge <?>
u Hilfswissenschaften theilten u für das als Hilfsmittel eine vollzählige
Literatur hinzufügten. Dieß trübte u drückte mich u mein Inneres
verwirrte wirbelte mein Inneres so daß ich den Gedanken den Vorsatz faßte
so bald als mögl[ich] wie anf wieder auf eine Universität zu gehen also mein
Erzieherwirken zu bald wieder zu verlassen und wie ich alles Wichtige immer wenn auch <nicht ? treff->
lich mit dem in solchen Lagen stets zu erwähnenden Bruder besprach, so theilte ich ihm
auch dießmal dieße die meine Meynung u mein
Wollen mit; und das dortmals zu diesem Zweck über mich
u mein Wollen von mir Ausgesproche[ne] (unter Zeichen C beyliegend) mag als
Ausdruck des drüber Grades meines dasigen dortmaligen Bewußtseyns dienen, doch allein
dießmal ließ bewieß that meine unvertorbene Natur sich mit Treue durch
ich fand [be]kämpfte bald das Nichtverstehen, das Mißverstehen meiner selbst und
ehe ich noch von meinem Bruder Antwort erhielt schrieb ich ihm daß ich
jenes Meynen aufgegeben habe u ich in mir [sc.: mich] nun für ein Bleiben fest
entschieden sey. Er freute sich meines Entschlusses doppelt <nahmentlich>
als er hier<doch zu der> mir zum erstenmale nicht hätte beystimmen können.
Und mit u nach {diesem/jenem} Entschluß begann in mir die früheste <?>
freye Selbstthätigkeit, meine früheste Freythätigkeit für Erziehung u Unterricht in [mir]
Das erste was mich beschäftigt[e war] die Frage: was ist elementarisch u was ist der Gegenstand des Unterrichts
Irre ich [nicht ant]wortete [ich] mit selbst u fremd erziehen selbst u fremd <belehren> /
[18]
Das erste was mich beschäftigte war das deutl[iche] Gefühl:
selbst Mitleben ist führt die wahre u ächte Erziehung
dann die Fragen was ist Elementar-Unterricht und was bedeuten die von P[estalozzi] aufgestellten
Unterrichtsmittel elementarUnterrichtsmittel? Was ist überhaupt der Gegenstand des SprachUnterrichtes
Zur Beantwortung der Frage Was ist Gegenstand des Unterrichtes[?] ging ich dortmals von der Beobachtung aus: die pp. Ich ging von der Beobachtung aus daß Leben u Thun pp der Mensch wohnt in einer Welt
von Gegenständen die auf ihn einwirken auf die er einwirken will
also muß er sie erkennen ihrer Natur nach u nach ihrem Wesen, ihrem Verhältniß <zu> sich u zum
den Menschen.
Die Gegenstände haben Form (Formlehre) haben Größe (Größenlehre)
sind mannichfach (Zahlenlehre)
Ich hatte bei dem Ausdruck Außenwelt nur Natur vor Augen
ich lebte so in der Natur daß die Kunst[-] oder Menschenwerke
dortmals für mich noch gar nicht da war[en] darum kostete es mir
lange einen Kampf warum die Schüler P[estalozzis] Tobler Hopf
in ihrem von ihnen vorhabenden großen Werke die Betrachtung der Menschenwerke
welt zu einem Einen Gegenstand der Elementarbildung machten. Es war
für mich eine große Erweiterung meines innern u äußern Blickes als
ich in der Außenwelt u bey dem Ausdruck Außenwelt die
Menschenwerkswelt u durch in ihrer eigenthümlichen Geschiedenheit mit einschloß. So suchte ich mir nach
dortmaliger Stufe meiner bewußten Entwicklung alles durch den Menschen
durch seyn Verhältniß zu sich u zur Außenwelt klar zu machen.
Der höchste Satz der mir dort klar war, den ich mir dortmals
aussprach auf dem ich ruhte u aus dem ich als dem letzten alles ableitete
war: Es ist alles Einheit, Alles ruht in Einheit, geht von
Einheit aus führ strebt führt zur Einheit geht zur Einheit zu[-]
rück. Dieses Streben in Einheit u Streben nach Einheit ist der
Grund der Erziehung verschiedenen Menschen[-] u Lebens Erscheinungen; Erscheinungen an
dem Menschen u im Leben. Aber zwischen meinem innern Schauen
u äußern Erkennen u Darstellen Thun war wie so lange immer im Leben eine bedeutende Kluft.
Darum suchte ich mir alles was für den Menschen durch Erziehung u
Unterricht geschehen solle u müsse in dem Menschen u den Verhältnissen
in denen er erscheine: - in der Natur seiner nothwendigen Entwicklungsstufen
nach Alter u Zeit - nothwendig bedingt und gegeben, vorgeschrieben [zu] seyn[.]
Der Mensch schien mir erzogen u unterrichtet wenn er diesen Ver[-]
hältnissen sie achtend u erkennend, sie beherrschend u überschauend
erzogen seye wenn er sie befriedige mit ihnen in Einklang lebe
daher das hohe Streben nach Erkenntniß Aufführung der Natur ihres
Lebens u.s.w.
[Randnotiz*-*] [*] Eine Neue Religion trat nun nothwendig hin[zu] [*]
Ich arbeitete in jener Zeit viel, angestrengt viel ausgezeichnet
viel, aber so wohl die Lehrmittel als die Lehrzwecke traten
mir von außen in solcher vereinzelten zerstückelten Menge u so ungeordnet
todt u kunderbunt miteinander entgegen u jeder mit einem solchen
Recht als das erste u letzte d.i. beste entgegen, daß bey
meinem Streben alles zu ordnen u in lebendigen – was oder wie dort be[-]
sonders der stehende darum charakteristische Ausdruck für mein Wollen u Streben war:
innerem Zusammenhang zu sehen zu erkennen zu be<zeichnen> zu zeigen
auch selbst in einigen Jahren nicht sehr weit kam.
Zu meinem Glück aber wurden dort die Erziehungsschriften von Sailer Herbar[t] J. J. Wagner
Jean Paul und anderen mein Eigenthum. Diese hielten erhoben mich selbst in der verschiedenhaftigkeit sowohl ihrer Ansicht[en] als ihrer Darstellung[.]
Bearbeitet wurde von mir besonders
Zahl[.] [Lücke]
Die Pestalozzischen Mittel erkannte ich zwar in [ihrer] Notwendigkeit
doch keinesweges in einer dem Menschen genügenden Lebendig[-]
keit Aber der Mensch wird leider nur nach dem schmerzlichsten u <Wundesten Erf[ahre]n> /
[18R]
Was mich in dieser Zeit besonders drückte war der wenn auch nothwendige innere doch dem Zögl dem
nicht entgegen tretende innere nicht organisch hervorwachsende Zusammenhang der Unterrichtsgegenstände

[Randnotiz*-*] [*] Jul 8 1827 [*]
Der Aufenthalt bey P mit mir u meinen Zögl[ingen] sollte mir
geben was ich suchte – Ja es ist wa[h]r er gab mir Viel
sehr viel dadurch – daß ich nicht fand was ich suchte[e]
dadurch daß er mir nicht gab was wenigstens ich bedurfte[.]
Daß Leben und Thun gemeinsames Leben u Thun, Freyheit u d.i. in der Einheit im Ganzen im {Wesen/Leben} bedingtes u ruhendes Thun Freudigkeit im Leben u Thun, daß dieß die wahre Erziehung sey dieß stellte
ich bald lebendig heraus, und so bestand auch dieß mein erstes erziehendes Wirken nur in meinem
Leben <Nur> und in der Kraft meines Lebens und Tuns mehr war
ich gar nicht zu geben im Stande; o! warum achtet kennt u achtet
der Mensch die Güter so wenig die er zum erstenmale besitzt? –
Ich blicke jetzt in jene Kindheit Wenn ich mir jetzt das Leben und
Wirken eines ächten Erziehers klar zu machen suchte, so treten
die Belege dazu aus jener [Zeit] frisch u freundl[ich], <lebendig> u heiter mir
entgegen. Ich blicke jetzt in jene Kindheit meines ErzieherLebens
u Wirkens und lerne von ihr, wie ich in die Kindheit meines Menschenlebens blicke
u zurückschaue u von ihr lerne. Warum ist alle Kindheit
jede Kindheit u jede Jugend so viel reich u liegt froh so reich viel und weiß
es nicht, und verliehrt es ohne es zu wissen, weiß es erst lernt
es erst kennen wenn es verlohren geht, verlohren gegangen ist
soll es immer so bleiben? soll es für alle Kindheit alle Jugend
so bleiben? - Soll es nicht endlich, soll es nicht bald dahin
kommen, daß die Erfahrung, die Einsicht, die Erkenntniß des Alters
--- die Weißheit [sc.: Weisheit] eine Wehr einen Halt u Schutz
um die Kindheit der Jugend bilde? - Was nützt sonst dem
Alter seine Erfahrung dem Greis seine Weisheit, was nützt
dem Menschengeschlecht des Alters Erfahrung u des Greises Weisheit
wenn sie mit ihm ins Grab sinkt? ---
[Randnotiz*-*]
[*] Betragen meiner Zögl[inge] bey Streit Adolph Fritz
Zeichen ihrer Liebe bleibe uns allen treu lieberFr. [*]
Mein erstes Leben u Thun mit den Zögling[en] war sehr beschränkt
es bestand im Leben im Freyen Gehen u Wandeln im Freyen im Spazirengehen
Doch war ich Anfangs selbst noch befangen genug daß ich die einfachen
Naturgaben Naturerscheinungen, Naturerzeugnisse für zu klein für
meine Städtigsten Zögl[inge] hielt indem ich weil es den Schein hatte

nur war ich es Anfangs fast gleichsam von den Wirkungen einer städtischen Erziehung
abgeschreckt selbst noch nicht wagte das einfache
Naturleben selbst in den Erziehenden Kreis einzuführen da führten
und leiteten mich besonders meine jüngern Zöglinge selbst ein
da ich nach dem Stande meiner eigenen Bildung nach Möglichkeit jedes
Hervortreten eines Natursinnes pflegte, so erwuchs er bald zu
einer lebenerfassenden, Lebengebenden u Lebenerhöhenden Freudigkeit
an der Natur, und Zweige u Blumen in Sträußen u Kränzen
an die sich nun der Ausdruck das ächt geweckte ächte Naturlebens
u Menschen[-] ich möchte sagen Menschheits lebens {ausdrückte/aufschloß} dadurch
aussprach. Im folgenden Jahre wurde dieses Leben der Zögl[inge] noch be-
sonders dadurch erhöht u belebt daß der Vater seinen Söhnen ein
Stück Wiese zu einem Garten anwieß den wir nun gemeinsam bear-
beiteten; der höchste Genuß der Zögl[inge] bestand nun darinne von
den Früchten ihre Erzeugnisse Ihren Eltern u mir Gaben zu reichen
o wie glänzten ihre Augen jederzeit wenn sie es thun konnten
Schöne Pflanzen und kleine Sträucher aus der Flur dem großen Gottes
Garten wurden in den kleinen <Menschen> Garten verpflanzt u gepflegt /
[19]
[Bogen] 15.
und groß war die Freude besonders bey den jüngeren wenn
ein solcher Colonist sich einbürgerte. Seit jener Zeit
(verglichen mit meiner eignen Kindheit u Jugend) ist mir immer
die Wahrheit klar u beyunter hervorgewachsen, daß
die Kenntniß der Natur, des Naturgegenstandes besonders
nach der Pflege bey der es doch wegen ihren bestimmten Formen so
g[an]z anders erscheint, eine g[an]z andere ist, die welche den Naturgegen[-]
stand, die Pflege in ihrem Naturleben in ihrem eigenen Stande
u in den verschiedenen Epochen ihrer Entwicklung gesehen u beach[-]
tet hat, meine jetzige Erfahrung u Beobachtung spricht dieß in
dem schönsten u größten Maaßstabe aus. Ich sehe die acht[-]
samen und noch sehr jungen Knaben mit Kenntnissen u Erfahrungen
bereichert die mir fremd sind u von denen ich mich wundern
muß wie sie schon ihnen kommen; doch die Natur spricht
zu ihnen, der Gegenstand spricht zu ihnen durch die Gesammtheit
Neuer Verhältnisse in welchen sie denselben erblicken.
Ich sagte an dieses Naturleben und die Pflege desselben
Naturlebens knüpfte sich das Menschheitleben u die Pflege desselben
an. Wenn Ich deutete es schon an, waren jene Blumen u Pflanzen[-]
Gaben nicht Ausdruck[ der] Achtung u Anerkennung der Mutter u der Vater
Eltern[-] und Erzieher Liebe, waren sie nicht Ausdruck der eignen Kindes Liebe u des
freudigen Kindes Dankes [?]
Ein Kind was g[an]z freithätig u freiwillig Blumen sucht hegt u pflegt ohne Nebenabsicht
ohne andere Absicht als dadurch Freude zu geben und sie seinen
Eltern, seiner Mutter u seinem Vater und Erzieher zum Strauß
u Kranze zu winden kann kein schlechtes Kind kein schlechter
Mensch werden, ein solches Kind kann leicht zur Liebe zum
Dank zur Erkenntniß seines väterlichen Gottes geführt werden
welcher ihm solche Gaben giebt u wachsen läßt um da[durc]h
seinen Eltern u sich selbst als Gebenden solche Freude zu machen.

[Randnotiz*-*]
[*] Jul 8. [*]
Jene Zeit des Kampfes und der Zurückführung auf mich dieß tritt
mir für in diesem Augenblick da ich es niederschreibe fast zum erstenmale
klar entgegen, hatte das ganz Eigenthümliche für mich daß sie mir mein bis
dahin verlebtes Leben in seinen verschiedenen Entwicklungsstufen vor[-]
u rückwärts und besonders in Rücksicht seiner entwickelnd u bildend eingreifenden
Begegnisse auf Ursachen und Wirkung, Grund u Folgen vorführte, nament[-]
lich war es mir immer wichtig auf die ersten u frühesten Erscheinungen Begegnisse
u Einwirkungen meines Lebens zurück zu gehen. Jetzt im Kreise dieser Kinder
in der Mitte eines solchen (Berufes) Wirkens mit dem bestimmten Berufe eines Menschen[-]
erziehers im Herze u im Auge in einem solchen Kampfe u Streben die Forderung meiner
Stellung zu erfüllen mußte ich besonders getrieben werden in die
früheste Zeit meines Lebens u deren Bedingungen <belehrend> u betrachtend zurück zu kehren. Doch der wirkl[ichen] Thatsachen aus meinem frühern Leben waren wenige oder nur
geblieben denn die Mutter die sie mir hätte aufbewahren und durch die ich sie hätte
erfahren können war ja gestorben ehe eigentl[ich] mein Leben erwachter war.
Zu diesem Wenigen gehörte nun einer Pathin eine mir gebliebene schriftliche
Äußerung meiner Pathin, die sie nach dortmals thüringerscher Sitte
unmittelbar nach der Taufhandlung (als sogenannter Pathenbrief) mir gleichsam
als MitAngabe ins Leben mir geschenkt hatte, welche schriftl Hinderlassen[-]
schaft meiner Pathin
in deren Selbstbesitz ich nach dem Todte meines Vaters in meinen Besitz gekommen
war. Diese Worte eines einfach christlichen, zartsinnig religiösen Frauen[-]
gemüthes sprachen eben so einfach u rührend das jetzige bey der Taufe /
[19R]
als später im Leben Statt findende Verhältniß des Täuflings
zu dem aus welchem er durch die Taufe verbunden worden; durch diese
Worte (nun) wurde g[an]z mein erstes ganzes inneres Gemüths Leben
meiner ersten u spätern Knabenzeit u ersten Jünglingszeit
mit allen seinem Frieden u Segnungen in mir zurück gerufen
und ich mußte er- und bekennen daß manches des dort Ersehnten
in Erfüllung gegangen war; so erlangte mein Gemüth die ursprüngl[ich]
wärmende erleuchtende u belebende Einheit wieder die ihm so sehr
Bedürfniß war, aber auch alle Entschlüsse des Knaben u
beginnenden Jünglings kehrten in ihrer Kraft (in ursprüngl[icher] Form) zurück und zeigten
wie viel noch geschehen müsse ehe sie erfüllt würden, zeigten führten aber
aber [2x] auch wieder die Musterleben hervor an welchen der schwache
Knabensinn zu erstarken sich bemüht hatte. Aber dieß Leben war
noch zu sehr ein inneres eigenes u Selbstleben, als daß es äußerlich
nun in Bez in irgend einer bestimmten Form und in Beziehung auf ein Fremd[-]
leben in etwas anderm als in den Gesinnungen dem Geiste hätte her[-]
vortreten können hervorzutreten gewagt hätte, dieß Letzere wurde
mir überhaupt sehr spät und selbst erst lange nachdem ich mein jetziges
erziehliches Wirken wieder begonnen hatte, mögl[ich]. Ich kann mich
auch für die g[an]ze Zeit dieses meines erziehenden Wirkens nicht
erinnern daß mein erziehendes besonderes inneres persönliches Leben in irgend einer
bestimm andern als allgemein menschlichen Form äußerlich hervor[-]
[ge]treten sey; doch müßte ich wirklich um die Wahrheit zu reden mit Gewißheit [reden] zu können
[über] mich selbst erst in meinen frühern Verhältnissen Rath Belehrung holen, so viel
ist gewiß daß mir als Mittheilungs- und Fremdleben das Leben
nur in seiner allgemeinen Menschheitlichkeit in der Erinnerung geblieben ist.
Wahr ist es es war mir schon dort, wie überhaupt in meinem
g[an]zen spätern Leben sehr schwer mein inneres Leben betrachtend vom
Äußern zu Trennen und diesem meinem innern Leben eine positive oder
gar kirchliche äußere Form zu geben – ehe es mir gelang nach
für anhaltendem Streben und inneren Ver- u Bearbeitung gelungen
war auch die positive Form so für andere zu und außer
mir zu durchleuchten als sie nur in mir licht klar u lebendig war
sie wenigstens in mir dafür hielt und darum als Form für
mich äußerlich auch leicht entbehren konnte wenigstens nicht ver[-]
mißte.
Ich darf es nicht leugnen und auch zur tiefern Einsicht in
das Wesen meiner Natur (um so mehr als es wie so
{vieles/Manches} in meinem Leben einen Widerspruch in sich zu haben
scheint und doch in mir eine friedliche Einheit ist) nicht
unbeachtet lassen, daß obgleich nach meinem Gefühl und
nach meinen Überzeugung, mir persönlich sich die positiv
und kirchlich religiösen Formen leicht in meinem Innern durch[-]
leuchteten aufklarten u belebten und ich doch von je her eine
große Scheu trug früher andern namentl[ich] Zögl[ingen] u Schülern
durch mich selbst diese positiven Formen auszusprechen und in durch diese
positiven Formen zusprechen als ich sie auch außer mir
auch so klar u lebendig machen konnte – wenigstens für ein ein[-]
faches Lebensvolles Gemüth klar u lebendig zu machen zu glaubte,
als sie mir in meinem Innern selbst g[an]z klar u lebendig waren.
[20]
Aus dem sich mir hieraus hervorgehenden ansprechenden Erfahrung gestehen
mir
spricht zu mir, daß der rein u menschheitlich geführt wer-
dende junge Mensch daß [sc.. das] so geführt werdende Kind, zwar im
äußern keiner positiv kirchlichen Form bedürfe,
weil das reine Menschen[-] u Menschheits- also auch reine
ungetrübte Kindes[-] u Knabenleben an und für sich ein christliches oder
vielmehr Christussches oder Jesussches ist (: was ja ob es
gleich nicht hieher gehört dieser selbst mit der größten Bestimmtheit
wiederkehrend ausspricht :) daß aber umgekehrt der junge
Mensch, das Kind dem die Eltern Lebens[-] oder Religionswahrheiten
in strenger positiver äußerlicher kirchlicher Form geben werden,
daß diesem jungen Menschen nothwendig ein reines Menschheitsleben
lehre u Menschheitliches Leben zur Seite gehen er ein solches
Leben leben müsse um jene bestimmte Form zu durchleuchten
zu erwärmen zu beleben zu verstehen, sonst läuft dieses
Gefahr später sein höheres Leben mit den nicht durchdrungenen
positiven u religiösen Formen wegzuwerfen, so wie je[-]
ner so glücklich ist es besonders in der Form zu finden
in welcher er gebohren u erzogen wurde, und diese Formen
immer mehr zu vergeistigen und zu verallgemeinern[.]
Das Höchste ist freylich wo Form u Leben sich ergänzen
sich gegenseitig erklären und wie Inneres u Äußeres, Allgemeines
und Besonderes in Geschwisterlicher Eintracht gehen.
Doch ich kehre nach dieser langen Abschweifung zur Darstellung
meines Erzieher Lebens u Wirkens zurück.
Die bestimmten Körperübungen als bestimmte Erziehungsmittel waren mir
in der Anwendung noch fremd nur das Springen über die Schnur u das Gehen
auf Stelzen kannte ich aus eigener frühern Übung und so kamen auch diese in
Anwendung u da so diese Übungen weder in dem Gesammtleben noch
dem Leben und Sinnen der Zögl[inge] noch in meinem Leben einen Hebel fanden
so bildeten sie sich so zu <Knaben> Spiele auch <wohl> aus [.]
Was das Jahr in der Zeit dem Jungen Menschen dem Knaben giebt
wo die Natur offen u klar vor ihm liegt, das giebt ihm nicht
die Zeit wo sie ihm mehr verschlossen ist, wie beyde Zeiten anderes geben,
so fordern beyde Zeiten anderes und wie in der
letzten Zeit der Mensch sich selbst näher rückt, so <sollten> auch
seine Beschäftigungen selbst den Menschen noch näher rücken. Wie
das Leben der Natur im Winter ein mehr festgestalt[et]es bestimmtes
ist so ist auch das Leben des Menschen so fordert das Leben des Knaben
Stoff zur festen Gestaltung, fordert, dem rohen formlosen Stoff belebte Ge[-]
staltung zu [ver]leihen. Auch meine Zöglinge traten bald u bestimmt
genug mit dieser Forderung zu mir.
[Randnotiz*-*]
[*] Anmerkung: Sommer allgemein Menschheitl[iche] Forderungen
u solches Leben Naturleben Winter besonder[s] Menschenforderungen und solches Leben
besonderes Menschenleben [*]
Was das Leben fordert giebt das Leben wo Leben war oder ist
was (des Kindes) der Junge und leben (Knaben) fordert gibt das Jugend-
Leben, wo es war und ist ja was das spätere Mannes
Leben als Mann und Mensch fordert giebt gewiß das Knaben[-] u
Jugendleben wenn es nur ächtes Jugend[-] u Menschenleben war
dieß hatte es mich schon einmal
Belehrt, und so lehrt es mich wieder. Die Forderung meiner Zögl[inge]
<ge ward> mir als die Frage: was thatst du als Knabe was
{erklang/geschah} für dich als Knabe um deinen Thätigkeits[-] Schaffens[-]
u Belebens[-] Darstellungs Trieb zu beleben, wodurch
wurde[n] diese Triebe in diesem deinem Alter am entsprechend[-]
sten Befriedigt oder wodurch hättest du gewünscht daß
er befriedigt worden (seyn mögte) wäre[?] da trat [mir] wie
Blumen etwas aus meiner frühesten Knabenzeit ent[-]
gegen was für mich <war> in diesem Augenblick alles /
[20R]
was ich zunächst bedurfte. Es war die Leichte Kunst in
glattes Papier durch geordnete Striche Zeichen u Gestalten
einzuprägen. Ich habe diese geringe Kunst später sehr
oft wiederholt, und sie hat nie ihres Zweckes verfehlt
sondern immer auf einer erhöhten Stufe sich bewährt[.]
Auch dießmal bewährte sie sich, bewährte sich an meinen
Zöglinge[n] wie an mir; denn unsere beyderseitigen schwachen
Kräfte ermuthigten sich daran und wuchsen daran
empor. Von diesem Formen ins Papier stiegen wir zum Formen
des Papiers selbst heran, dann zum Formen aus Pappe
und endlich aus Holz (: Meine spätere Erfahrung hat mir [sc.: mich]
noch viele Gestaltungs[-] u Formungs Materiale kennen
lernen [lassen] davon an seinem Orte :)
Wie sich mir die andern Gestaltungen und Formen nachmale
kennen lehrten, das werde ich an seinem Orte erwähnen. Jedoch muß ich mir
Doch ich muß mir schon er[-]
lauben bey jener höchst einfachen Beschäftigung des Formens
aus Papier wegen ihres Le darum noch einen Augenblick stehen zu bleiben weil
diese Beschäftigung zu einer Zeit den Knaben
den Zögl[ing] das Kind so g[an]z in Anspruch nimmt seine Kraft
die Forderung seiner Kraft so ganz befriedigt und ausfüllt.
Der Grund davon scheint mir zu seyn, es kommt dadurch leicht
selbstthätig ein bestimmtes u klares u zugleich ungesehen
ein Mehrfaches Erzeugniß der KnabenThätigkeit hervor
das gleichsam auf- und aneinanderbauende der Thätigkeit
und das so durch anein[an]der und zu einander Hinzufügen entstehende
Erzeugniß dieß scheint dem Knaben dem jungen Menschen
besonders zuzusagen – ich ahne und glaube aus einem
sehr tiefen natürlichen u menschheitl[ichen] Grunde: - Der Mensch
ist bestimmt nicht allein die Natur in der Mannigfaltigkeit
ihrer Formen u Gestalten zu {erkennen/erfassen} sondern auch in der Einheit ihrer
innern Thätigkeit in ihrer Wirksamkeit zu verstehen und darum geht er auch in
seinem Entwicklungs[-] und Bildungsgange dem Gange der Natur nach,
darum geht er selbst in seinen Spielen ahmt er selbst in seinen Spielen den Gang,
den Bildungs Schaffen[s] Gang der Natur nach. Die
ersten Naturgebilde die Festgestalten (Krystalle) der
Natur erscheinen aber durch eine durch eine innere Kraft
bedingtes äußeres Aneinanderfügen sich geformt zu haben, und
so ahmt der junge Mensch in seinen ersten Spielen gern die
ersten Thätigkeiten der Natur nach um auch die Natur in
ihren ersten Bauwerken zu Thätigkeiten zu verstehen. Baut
der junge Mensch nicht gern und sind nicht die ersten Festge[-]
gestalten der Natur Bauwerke? Doch diese Andeutung über
den höhern Sinn der freyen Spiele Beschäftigungen u Spiele des
Menschen in seiner Kindheit u Knabenzeit müssen mir [hier] genügen
denn da sie von diesem tiefern oder höhern ich möchte sagen
cosmischen und anthropol[ogisch-] symbolischen Sinne noch gar nicht betrachtet worden sind so viel
auch schon darüber geschrieben seyn mag, so ließ sich noch fügl[ich]
ein Buch von bedeutendem Umfang darüber schreiben. Aus der
Liebe Anhänglichkeit, Ausdauer u Freudigkeit mit welcher
die Knaben diese Beschäftigungen treiben geht mir noch ein g[an]z
anderes wesentliches des Kinder[-] des Knabenspieles hervor -
es muß nothwendig den jungen Menschen in
eine größere u höhere Verknüpfung u in eine Verknüpfung
mit einem ihm höher stehenden Ganzen bringen so z.B. /
[21]
[Bogen] 16
baut er sich ein Haus um gleich den Großen ein Haus
bauen zu können, um ist er in sein[em] blos vollkommener gleich ihnen wenn er größer ist im Haus zu
wohnen – um etwa gleich ihnen seinen eigenen Kasten u Schrank
zu haben - um gleich ihnen etwas zu verschenken Dieß
letztere nehme ich hier als besonders wichtig auf: -
daß [sc.: das] Kind das Kind aber weil es Kind ist welches so viel bekommt soll es durch die Gaben
die es empfängt nicht erstickt abgestumpft getödtet
werden muß in dem Maaße als es viel empfängt
viel geben können, dieß ist dem einfachen Kinde Bedürfniß
Glücklich ist das Kind welches dieß Bedürfniß befriedigen
kann u kleine zugl[eich] mehrfache Werke Erzeugnisse
machen dieß mögl[ich], denn das Kind will als rein
menschl[iches] Kind zugl[eich] mehrere beschenken. Das Kind,
der junge Mensch fühlt sich als dem Ganzen, dem Allge-
meinen der Gesammtheit der Natur angehörend
und in derselben lebend darum will es auch so er-
kannt, anerkannt und behandelt werden. Das Gefühl
das Fühlen in dem Geeinten, Gemeinsamen empor hervor zu
wachsen ist für den Menschen das bedeuten[d]ste Stärkungs- Ent[-]
wicklungs- GestaltungsMittel dieser Zeit.
[Randnotiz [*] [*] Herzens Verhältniß [*]
Bey dem guten gearteten Kinde dieser Zeit
hat nun alles Werth Aller Besitz was es zu einem gemein[-]
samen Gute zu einem {Verknüpfungs/Vereins/Bildungs}Mittel zwischen
ihm und seinen Geliebten machen kann, und
dieß soll von Eltern u Erziehern hochbeachtet, soll
von den Eltern u Erziehern zu Weckungs[-] Entwicklungs[-]
Erschaffungsmittel des Thätigkeits[-] Darstellungstriebes
des Kinde benutzt und darum keine noch in Verhält[-]
niß der <Unempfindlichkeit> schwachen Kindes Kraft keine Ga auch noch so
kleine Gabe des Kindes g[an]z unbeachtet gelassen
wer[d]en. Soll der junge Mensch wahrhaft geistig u leibl
an Seele u Körper erstarken so muß er in seiner
in der ersten großen MenschenEntwicklungs Zeit, wo
er im G[an]zen im Allgemeinen in der Einheit lebt, und sein
Streben in derselben zu leben auf das beste entwickelt u
gepflegt werden, ja alles das was er u seine Um[-]
gebung Lernen lernen muß der junge Mensch als ein
Mittel finden u erkennen in der großen Natur u Menschen[-]
gesammtheit, Einheit zu leben, als darinne lebend sich
zu finden zu fühlen; um dieses – was ihm jetzt nur höchstens
Lebenszweck ist u seyn kann willen muß er lernen
so wie später in der gereiften Knaben[-] u Jünglingszeit sich nur als
Einzelnes u Gesondertes, <Bersonderes> [sc.: Besonderes]
zu finden u zu erkennen und wie endlich auf der letztern /
[21R]
der gereiften Jünglings[-] u begonnenen Mannes (auf
sich als Einzelnes in das u durch die Einheit, in dem u durch das G[an]ze
und das Ganze in sich dem Einzelnen dem Besondern
der Einheit) zu finden, so wie endlich auf
der letzten der Mannes Lebensstufe – das G[an]ze
in u durch die Einzelheit, das besondere Geschiedene
darzustellen aus dem allgem[einen] der Einheit, dem G[an]zen
das besondere abzuleiten, das besondere in u durch dem
Allgem[einen] das Allgemeine die Einheit bestehend entstehend zu machen
Als Darstellungsnatur benutzte ich auch den Schnee um Gebirgskamm
u Thalbildung dadurch darstellen zu lassen die Flüsse legte ich mit blauem
Farben Papier aus.

Jul 18. So lange ich jene gesuchte u von mir als nothwendige Be-
dingung der Erziehung des Unterrichts u des Lebens
geforderte Einheit des Unterrichts u des Lebens
ich im äußern noch nicht fand im Äußern nicht fand
in derselben einer (absoluten) nothwendigen Einheit und
durch, für dieselbe mit derselben zu leben mir meinem innern
Leben unerläßliches Bedürfniß war, so suchte ich
sie besonders in d Leben Streben Wirken Jesu zu finden strebender
Jünglinge u Männer der heil[igen] Schriften zu finden. In diesem Leben
sah u fand ich ein Ganzes Einheit des Zieles u Zweckes
bey verschiedenheit der Erscheinung und der Blick in
diese[s] Leben gab mir was ich in diesem meinem Suchen u Streben
persönlich bedurfte festhalten an der höhern Einheit des
Lebens u das Leben in u für dieselbe[.]
In den P—schen Lehrmitteln sah ich aber daß u das [sc.: daß]
ich fand ich das u das nicht konnte im Geiste den
Forderungen derselben wie ich sie mir aussprach daß u
das namentl[ich] Lateinisch u Griechisch Geschichte Naturgeschichte nicht ausführen [konnte]
Und wie der Mensch immer außer sich sucht, so glaubte
u hoffte ich auch was ich bedurfte dort zu finden, und so
entstand bald der Wunsch nach J— [sc.: Iferten] u zugl[eich]
die Gründe dazu sprach ich bestimmt (d Vater der Zögl[inge]) aus
sie waren diese u diese.........[Lücke]
u daraus geht klar hervor was ich in J— suchte
u zu finden hoffte.
besonders das gemeinsa[me] Leben – dann Körperübungen
dann frey[-] u Körperspiele dann die Zahl zu <(?)> u ich fühlte
doch wie wesentl[ich] sie zur Erziehung sey dann der Wunsch nach J—zu gehen /
[22]
Ich strebte allen Ernstes dahin meinen Zöglingen den bestmöglichsten
Unterricht und die bestmöglichste Erziehung und Ausbildung zu geben,
dieß durch mich selbst meine (jetzige), dortmalige Lage Verhält[-]
nisse und Bildung erreicht zu sehen war mir unmöglich, wo
nun aber und durch was sollte ich dieß am besten erreicht sehen als durch
einen Aufenthalt bey P.[estalozzi] Dieß nun sprach ich klar und
bestimmt aus, so nun wurde im Sommer 1808 entschieden
mit meinen 3 Zöglingen nach J--- zu gehen. Über das was ich mir dort erwar[-]
tete, sprach ich mich bestimmt so aus: ------------
Dieß drückt auch der dortmalige Stand, die dortmalige
Stufe meiner Entwicklung und Ausbildung für Erziehung Lehre
und Unterricht aus.
[Randnotiz*-*]
[*] Durchgangsstufen des Suchens
1. Reines Knabenleben. Er.If.
2. Reines Jünglingsleben. G.B.
3. Reines Menschenleben Mannes Leben Gr. <K>
4. Reines Familienleben. K.
5. Reines Heimathsleben
6. Reines Volksleben Deutschenleben
7. Reines Menschheitsleben.[*]
Wenn ich alles dieß überschaute, so
suchte ich mir: reines Menschheitsleben
Wo Nehme ich alles was ich dort von J. – und von P.
Wirken erwartete zusammen und suche ich es mit einem
Worte und einem Schlage auszudrücken und zu be-
zeichnen so war es kräftiges lebendiges inneres, lebendig in allseitiger
{schaffender/darstellender} Thätigkeit hervortretendes sich außer dem
dem Menschen in der Allseitigkeit seiner geist[igen] u leibl[ichen]
Forderungen u Anlagen genügendes Knabenleben u
Jünglingsleben. P.[estalozzi] so fühlte, so glaubte, so ahnete ich
müßte der Herz- der Lebenspunkt der Geistige Träger dieses Lebens u Wirkens
seyn und er müsse von diesem Punkte aus, das leben
des jungen, des Knaben Menschen nach allen Richtungen
hin durch alle künftige fernere Entwicklungsstufen, des Jünglings[-]
des Mannes[-] Familien- Heimaths- Volks[-] u Menschheits[-]
leben durchschauen wenigstens durchfühlen. Mit solchen
Erwartungen ging ich u kam ich nach Iferten und keine Frage
gab es für mich von welcher ich nicht in J— Lösung
hoffte (daß ich lange sie in mir selbst trug u wie
ich sie mir später durch mich selbst zu lösen suchte davon bey der Darstellung
des Jahres 1809.) Um dieser meiner Ansicht nach in die
Mitte u das Herz von P[estalozzis] Wirken versetzt zu werden
wünschte ich mit den Eltern meiner Zögl[inge] im Gebäude der
Anstalt im sogen[annten] Schlosse selbst zu wohnen, wir wollten
freudig alles mit den übrigen theilen, doch es wurde uns dieser
Wunsch nicht erfüllt da fremder Eigennutz sich ins Spiel
mischte doch kam ich bald mit meinen Zöglingen unabhängig von
jeder sich einmischenden Vermittelung mit meinen Zögl[ingen] in möglichster
Nähe der Anstalt zu wohnen so daß wir Mittags-
Vesper[-] und Abendbrot überhaupt den uns entsprechenden Unterricht u abermals das ganze Leben der Zögl[inge] der Anstalt theilten.
Was auch als Unvollkommenheit mir frühe entgegen tratt
das allseitig rege kräftig strebende geistig thätige Leben welches
auch mich wie alle g[an]z in Anspruch nahm ließ mich was ich suchte noch erwarten u hoffen
das das [2x] was noch mangelte gewiß u bald erreicht; weil /
[22R]
alles Ernstes zu erreichen gestrebt werden würde[.]
Ich für meine Person hatte nichts sehnlicher ernstliche[res] zu tun
als meinen <nach> u mit Zögl[ingen] des Geistes u Körper kräftige[nde] u thätige
Leben theilen zu müssen. Zu diesem Zweck theilten
wir allen Unterricht u mir war es besondere Pflicht
u Geschäft jeden Gegenstand von seinen ersten Anknüpfungs[-]
punkte[n] [an] mit P[estalozzi] zu reden von seinen ersten Elementen aus kennen zu lernen.
[Randnotiz*-*]
[*] Leben
Unterricht
Spiel
Spatzirg[an]g
gemeinsames Leben
Methode
Pestalozzi Unterricht
<neu h>
Controversen} Schmidt Krüsi Niederer Muralt
Commission
Mein Leben
Natur See
Spazirgange
Schweizer Reise
Jura
Clindy [*]
Das gewaltige allseitig erregte Leben in J. [Iferten] erregte und
ergriff auch mich allseitig gewaltig, zwar konnte es
mir [sc.: mich] auch gegen die Erscheinungen vieler Unvollkommenheiten
und Mängel nicht blind unempfindlich machen; doch
ersetzte dieses Allgemeine des wenn auch wie sich (später) schon dort
zeigte in sich verschiedenartigen wohl gar entgegen-
[ge]setzten Strebens die innere Gemeinsamkeit u innere Einheit desselben Streben
besonders P—s gewaltiges u unbestimmtes Erregen in seinem
Wort seiner Rede ergriff ermuthigte bekräftigte
erregte zur Darstellung eines höhern edlern Lebens
wenn es auch weder sicher u klar den Weg zur Erreichung
desselben führte noch die Mittel zur Darstellung desselben zeigte.

[Rand*-*] [*] Am 19n July 1827 [*]
Gemeinsames
Aufgeben des irdisch höchsten [äußeren] Gutes und Erreichung der Zeit von einem Einzelnen
um eine zur Erreichung des in der Zeit nicht erkannten
in der Zeit verkannten höchsten inneren Stufe Gutes
wie es sich als Höchstes in dem Innern dieses Einzelnen
nach der Entwi Höchsten Entwicklungsstufe des Menschengeschlechtes
ausspricht[.]
Menschheits Entwicklungsstufen
Kundmachung, Hervortretung, Darlebung, Darlegung des innern Lebens am dem Äußeren und durch das Äußere
Mein Ganzes Streben besteht in dem Darleben
Streben nach Kundmachung, Darlegung, Hervortretung, Darlebung meines
Inneren. Inneres = Menschheit Innere = Gottheit Innere = reine Menschheit
1. Adam
a a (aa) Sich in den Todt der Natur geben
Der Mensch nahm höheres Leben in sich wahr, <einstand>
ein höheres Leben in sich erkennt
es als ein höheres fremdes Leben
freywilliges Opfer des äußerlich beginn[enden] gemeinsamen Leben Natur
des natürl[ich] fortdringenden Leben[s] bey Zusicherung desselben
freywilliges {ausschließen aus / Aufgeben von} der Natur
Höchstes Gut der Zeit [:] Einigung mit der Natur Äußeres Bestehen
Resultat BeHerrschaft des Geistes <?> über die Natur
2. Abraham
aaa (aa) Sich in den Todt des Geschlechtes geben
Der Mensch stellte das in sich empfundene u erkannte Leben
in sich u für sich selbst dar: durch That für sich u in sich
freywilliges Opfer des Gemeinsamen des Menschengeschlechtes
for[t]dauernden Leben[s] bey zusichern desselben
höchstes Gut der Zeit [:] Kinder geschlechtliches Bestehen
(geschlechtlicher Todt) freywilliges Ausschließen, Aufgeben
der Geschlechter
Resultat Herrschaft der Geisteskraft über das Menschliche
3. Jesus Christus
<treu> i u <(aia)> Sich in den Stand der Person [stellen]
der Mensch stellte besiegelt [das] als in sich empfunden und in sich erkannte
Leben (Tempel) für sich selbst durch That für sich u in sich dargestellte höhere Leben
(Versuchung) auch für Andere in der Zeit durch That an für sich dar J
freywilliges Opfer des eigenen fortdauernden persönl Lebens bey
Zusicherung desselben, persönlicher Todt. freywilliges Aufgeben
der persönlichen Wirksamkeit des persönlichen Bestehen[s]
höchstes Gut der Zeit [:] persönliches Bleiben; ewige irdische
Regentschaft; nicht Sehen den Todt.
Resultat Herrschaft der Geisteskraft über Verwirrtheit Menschentat über das Leben.
4. [der Mensch]
in u i i n au u ö ä aoie ein a a o o u u a i
Sich in den Todt der Weltansicht Menschenächtung des Menschenwahnes geben
Der Mensch stellt das, besiegelt das in sich empfundene und in sich erkannte [kundgem[achte]
für sich selbst durch That <-> für sich u in [sich] dargestellte höhere Leben (Jüngling M Frkf.)
auch für andere in der Zeit durch That (Erziehung) (Beruf) – durch That für die Menschheit
freywilliges Opfer des des eigenen persönlichen Glückes, alles dessen was persönlich
man Menschenglück u.s.w. in der Zeit nennt[,] der Fremdachtung bey persönlichem Leben Wahl eines
bleibenden Lebens bey immerwährendem Tod streben immerwährenden Todtes
höchstes Gut der Zeit [:] höchste Güter alles <ewige> äußeres Bestehen pp pp
Achtung bey u von der Menge bey der Familie, dem Geschlechte u dem Volke
in der Gegenwart wie in der Zukunft Ruhm Ehre Auszeichnung persönl Unabhängigkeit
persönliches Freysein von Amt, von Sorgen pp höchstes Gut bürgerlich gesellschaftl Menschlich <-> bestes <Leben> , Familienglück, Leben, Familienwohl legitim Mangel <?>
Resultat Herrschaft der Geisteskraft über Menschen Wahn; Menschenvorurtheil, Menschenansicht
NB!!! Umgekehrt schließen Zu jeder Zeit wandte sich alles zu dem Entgegengesetzten
zur wirklichen Erreichung im höheren Grad. /
[23]
[Bogen] 17.
Eben so lassen sich Grade des Lebens d.i. des Bewußtseyns
angeben
Adam Kind Leben fühlen des Lebens Wandern Wirken Steine
Abraham Knabe Leben des Lebens Wanderlebend Pflanze
Jesus Jüngling Gemüth Wandern lebendig empfindend Geschöpf
         Mann      Geist                  empfindend bewußt Mensch
____________________________________________________________________________________________________
Vorherrschend in und auf allen jenen Stufen eine innere Ansicht
des Lebens u der Siege im Kampfe u Streite mit dem Äußern
Kühnes immer entgegen Gehen der Vernichtung, Weckung Berufen des
Schicksals. Wissen ich weiß
***Die Gewalt und Mannigfaltigkeit des Strebens
ersetzte also die Einheit und Allseitigkeit desselben
die Liebe, Wärme und Regsamkeit (Hingabe) des
Strebens in P die Menschenfreundlichkeit, das Wohlwollen
ersetzte[n] dessen die Nothwendige Klarheit
Tiefe Besonnenheit Umfang Ausdauer die Festigkeit
und Sicherheit desselben. Deßhalb war der Zustand des Einzelnen ein
vielfach erregender u erregter
aber keine Befriedigung gebender denn er führte nur
immer zu größerer Zertheilung Vereinzelung aber nicht zur
Einheit wie P. außer dem was er liebe auch wohl Kraft Menschenkraft pp nannte
selbst keine Einheit in sich u in seinem Streben
kannte. Diesen Mangel an Einheit des Strebens in Mittel
u Zweck fühlte ich bald; ich erkannte ihn in der Unvoll[-]
kommenheit Unzulänglichkeit Mangelhaftigkeit
Unvollstän[-]
digkeit Unvollzähligkeit der aus und in der Ungleich[-]
heit u Ungleichmäßigkeit Unvollkommenheit der aus[-]
gebildeten Lehrmittel
[Randnotiz*-*] [*] (:Niemand glaubt Jemanden anderen als sich selbst
Gedacht in Beziehung auf die Wirksamkeit von
Blasche u Krause:) [*]
Darum suchte ich mir von
allem nach Möglichkeit die höchste Einsicht zu ver[-]
schaffen; darum wurde ich Schüler in allem[:] Zahl Form
Gesang, Lesen, Zeichnen, Sprache Erdkunde Natur[-]
kunde, alte Sprache[n] pp. Ich ahnete Höheres und
ich glaubte an die höhere Wirksamkeit die innere Einheit des G[an]zen
der P[estalozzi]schen Lehrmittel u der P[estalozzi]schen Lehrgänge u Lehrweise ich
ja glaubte sie selbst klarer, wenn auch nicht lebendiger doch bestimmter
als P—zu sehen ich hielt den Menschen das Land glückl[ich] bey dem
sie angewandt u so erwachte bey meiner Liebe zu mein[em] Vaterlande
im Jahre 1809 der Wunsch die P[estalozzi]sche Lehrweise in der[-]
selben eingeführt zu sehen, das Resultat war die schrift[liche] Darstellung /
[23R]
Weil ich aber ahnete u fühlte daß
es eine höhere [Wahrheit] gebe als P— welche
nun den Menschen [nur] in seinem Erscheinen
seiner Natur[-] u Menschenrelation aufgefaßt
hatte aber nicht in sich in seinem GottWesen
in seinem Verhältniß zu O zu [sc.. so] fügte ich den
Beysatz hinzu. Paßte Sagte auch im
Eingang sogl[eich] der Mensch in der Erscheinung
(nicht seinem Wesen an sich nach) dannach
führte ich es schon von dieser Ansicht aus
zu dem Schluß: so geht der Mensch
stetig einer steigenden Vervollkommung ent-
gegen nirgend eine Grenze Hemmung pp.
Bey dem Zertheilenden Geist, bey den vereinzelnden
Richtungen des bey den entgegengesetzten Richtungen des
Ganzen welchen es an absoluter vermittelnder
Einheit mangelnde [sc.. mangelte] bey der mehr zufälligen äußerlichen
als notwendiger innrer Einheit des Ganzen
mußte nothwendig das Ganze sich selbst den Tod
geben sich selbst das Grab graben und gerad in
dieser Zeit höchsten Krise hatte ich das Glück oder
das Unglück, das günstige oder ungünstige Geschick
in J— [Iferten] zu seyn. Alles Gute u alles Schlechte,
alles Vortheilige u Nachtheilige, jede alle Stärke u jede
Schwäche jede Blöse u jede Fülle, jede[s] Persönliche
[Randnotiz*-*] [*] Axel von Kirchberg[*]
u Eigensucht und jede Hingebende Allgemeinheit so wohl
in Ansicht als Streben, als Wirken u Wissen u Können
trat hervor Pestalozzis seiner Freunde und des Ganzen
es war gerad die Zeit der großen schweizer Commission im .......[Jahre] 1810 trat hervor.
Weder P.[estalozzi] noch seine sogenannten Freunde auch
des G[an]z[en] konnten oder wollten nicht mir geben was ich bedurfte ich
faßte den Entschluß den festen Von In dem für Knabenleben
für menschl[ich] allseitige Knabenlehre für höhern Knabenunterricht
[Angebotenen] vermißte ich, dem Menschenwesen genügenden u dem
Wesen des Gegenstandes genüg[enden] Unterricht für Naturgeschichte Naturlehre
für Sprache Mutter[-] u classische Sprache für Geschichte u vor allem aber für
Pflege [des Religiösen] Die P-[estalozzischen] Andachten waren zu allgemein
u wie die Erfahrung lehrte [nur] den schon guten [sc.: Guten] anregend.] Hierüber mich
sehr ernst u bestimmt mit P. mittheilend
faßte ich ...... 1810 den bestimmten Entschluß
Yverdon u die Anstalt mit meinen Zöglingen zu verlassen. /
[24]
Doch ehe ich J-- [sc.: Iferten] verlasse ist es Pflicht für mich
mein Leben und Wirken auch nach seinen ander-
weitigen Richtungen zu betrachten. In Beziehung
auf die Unterrichtsgegenstände trat mir
zu erst ganz besonders der Sprachunterricht, der
Unterrricht in der Muttersprache in seiner
großen Unvollkommenheit Unvollständigkeit
und Äußerlichkeit Willkür u Leblosigkeit
entgegen; die Auffindung eines genügenden Lehr-
ganges für Sprache Muttersprache be-
schäftigte mich dort g[an]z besonders. Ich ging da-
bey von der Erfahrung u Ansicht aus[:] die Sprache
ist Abbild, Darstellung einer Welt und erscheint zunächst
als Abbild Darstellung der Außen[-]
welt durch gegliederte, gebildete Töne; will ich nun eine Sache richtig Abbilden,
so [muß] mein Bild ähnlich entsprechend genügend
seyn so muß ich den Gegenst[an]d das Original
die abgebildete Sache ihrem Wesen nach
kennen. Das Darstellungs- oder Abbildungs Object
(ist aber) die Außenwelt aber hat Gegenst[än]de
also muß ich eine bestimmte Form ein bestimmtes gegliedertes Tonbild, ein bestimmtes Wort
Art für den Gegenst[an]d, die Gegenst[än]de haben; -- Gegenst[an]dswort
Die Gegenstände aber zeigen nun zunächst Eigen[-]
schaften; diese Eigenschaft darum muß die Sprache im Allgem[einen] Eigenschafts[-]
wörter haben; diese Eigenschaften sind unzertrennt nothwendig
oder zufällig beziehungsweise mit dem Gegenst[an]d verbunden
durch sein[e] Seyn dasigen Erscheinung selbst gegeben -- Eigenschaften des
Seyns, Habens, Werdens u zwar hier wieder
nothwendig an sich positiv oder Beziehungsweise relativ, oder
nicht unmittelbar mit demselben verbunden.
(NB Ausführung der Sprache Seyn Haben u Werden <möglich[st] beachtet>
[Randnotiz*-*]
[*] Sprache Eigenschaft
Beziehung <Absatz> Seyn Haben Werden Eigenschaft Ruhe Bewegung
Sprache Musik Umgebungf <Thieriodt Wirtenberger> [*] /
[24R]
In Beziehung auf Gesang u Musik draf [sc.: traf] es sich für mich so glücklich daß
gerad HErr Nägeli u Pfeif[f]er dortmals ihre Grundsätze
zur Ausführung <-> einer Gesangbildungslehre nach P[estalozzi]schen
Grundsätzen vortrugen. Nägelis Ansicht des Gesangs von
Musik überhaupt u insbesondere der Kirchenmusik
wirkten sehr entwickelnd auf mein Innere[s] u zeigten auch
mir die Musik u den Gesang als Menschenbildungsmittel und die
Bildung für Musik u besonders für Gesang in
einem so hohen hehren Lichte als ich sie noch nicht erkannt und
wo der mensch in seinem ganzen Gloria seines hohen Seyns da[-]
stand. Nägeli war fähig für Musik- und Gesangsbildung
(im hohen im höchsten) zu u für Darstellung der reinen Menschheit
in u durch dieselbe zu begeistern und obgleich seit jenen seinen
Vorlesungen fast 2 Jahrzehende verflossen sind, so wirkte
doch das in mir damals geweckte Feuer für Musik u
Gesang als hohes veredelndes Menschenbildungsmittel noch
in meinem Gemüthe wohlthätig fort wenn ich [auch] es ihm auch
nicht ganz gelungen seyn sollte in dem ersten menschlich elemen[-]
taren Gang für Gesang u Musik entwicklung herab
gleich schon dortmals das Gefühl welches
was ich später in Rücksicht auf seinen Grund viel
in mir bearbeite[te], schon dortmals das Gefühl nicht in mir
unterdrücken konnte, daß vieles in dem aufgestellten
Lehrgang zu positiv und keinesweges in seiner innern Nothwendigkeit entwickelnd u ent-
wickelt genug sondern vielmehr
zu todt u darum zu mechanisch u mathematisch u darum zu todt
hingestehlt [sc: hingestellt] wurde.
Daß auch der Unterricht zur Bildung für Instru[-]
mentalmusik (Violine oder Clavier) von der Gesangs[-]
Ton[-] u Menschlichen Stimmen Bildung aus[-] und von der selbst[-]
thätigen Erfindung und einfachen Combination[en] aus[-]
gehen u aufsteigend seyn müßte dieß lehrten u
bestätigten mir die zwey trefflichen Musiklehrer
meiner Zöglinge im Clavier u auf der Violine. Nicht
nur habe ich diesen schon dortmals mit großem Seegen
in seinen ersten Keimen angebahnten
verfolgten Lehrgang nie wieder verlassen; sondern
ich habe ihn fortwährend mit der größten Sorgfalt u Liebe
u Beachtung der Menschl[ichen] Natur ausgebildet und
erfreue mich für mich u mein Wirken des schönsten
Seegens davon, sondern dieser jetzt später ausgeführt[e]
angewandte Lehrgang hat sich immer auch des Beyfalls
der denkenden u erfahrensten Musiklehrer er[-]
freut.
[25]
[Bogen] 18.
Außer der Musik lernte ich auch die Knabenspiele
das gemeinsame der Knabenspiele die Knabenspiele im Freyen in ihrer großen Entwicklung
und Geist Gemüth [und] Körper entwickelnden erstarkenden Kraft kennen. In jenen
Spielen u was sich daran anknüpft[e]
den Mittheilungen u Aus<gleichungen> muß ich den größten Haupt-
punkt des moralischen Lebens u der moralischen Kraft
der Zögl[inge] u Jungenleute in der Anstalt erkennen[.]
Die Spiele, so fühle ich es jetzt noch lebendig durch
waren ein vorzügl[iches] Geist u Körper leicht stark stärkendes Geistiges
Bad; war mich [sc.: mir] auch dortmals der höhere symbolische
Sinn der Spiele noch nicht aufgegangen, so fühlte ich
doch in jedem ächt spielenden Knaben u Jüngling eine sittl[iche]
Geistes[-] u Körperkraft die mir ihm aufs höchste [dankend] dafür
machte. So lebte sammelte aneignete ich eigentl[ich] in ihnen nur.
An die Spiele schlossen sich mir in ihrer versittlichenden Kraft
u Wirkung die Spaziergänge besonders der Gemeinsamen, besonders
namentlich die in Begleitung von Pest[alozzi] an wenn es auch dabey keinesweges
immer hervortrat sich bey u durch dieselben an die Natur anzuschließen, so schloß
sich doch ungesucht und erhebend ihnen überall die Natur
an denn jede Berührung mit großartiger, frischer, reiner Na-
tur jedes berührt werden von derselben ist ja erhebend stärkend reinigend. Darum zieht eine
solche Natur an wie edle große Menschen, und so war auch mein
Leben vielseitig wie es die Schule und die Lehre der Unterricht
nur immer verstatteten viel ein Leben in und mit der Natur und vor den
nah[en] höchsten Bergen noch klarer die Blicke der still scheidenden Sonne auch
wie die fernher im rosigen Schimmer Lichte strahlenden Firnen
Gletscher und Alpen im Gemüthe bleibend festzuhalten war
mir an dem Abend jedes heitern Tages unbesiegbares Bedürfniß.
Es kann von dem Menschen besonders dem erziehenden, dem
sich oder andere erziehenden gar nicht fest genug gehalten werden
in welchem innigen Wechselwirken das innere Menschen- und das
äußere Naturleben stehen und so strahlte floß mir oft das ruhig klare
innere Leben daß im Innern lebte hell in mit dem heitern gestalt[end]en
Leben der Natur so in eines zusammen daß eines nur der Aus[-]
druck des Andern, daß beyde Eines zu seyn schienen, daß jede
Entgegensetzung zwischen beyden aufgehoben [war]. Jene Zeit war es besonders
wo das reine Menschenleben in gemeinsamen Zusammenleben
namentlich mit den früh verstorbenen Eltern besonders der Mutter
in sich emporrankte u sich erstarkte. Es ist für mich nothwendig
diesen für mich wichtigen Lebensmoment in seiner Weit hinaus
sich erstreckenden verfließenden veredelnden Wirksamkeit fest zu halten
indem so wie sich in dieser Zeit der Gegensatz zwischen innen u a Selbst[-] u Natur[-]
leben, so auch die feindliche trennende Entgegensetzung zwischen Leben u Todt
auflösete. Wie ich in einer der damaligen Zeiten mir da ich /
[25R]
außer dem Leben mit meinen Zöglingen sehr allein stand -
viel in mir, mit mir und in Gemeinschaft mit Verstorbenen lebte u diesen
mein Leben u Streben gleichsam zu Prüfen [vorführte] welche besonders
während meiner einsamen stillen Spatzirgänge auf den lichten
weitumfassen[den] Höhen oder an den stillen Ufern des krystallklaren
u spiegelglatten Sees, oder in den schattigen Laubgängen hoher kräftiger
Waldbäume [geschah], so erfüllte sich meine Seele u mein Gemüthe
von dem reinen Wesen u der hohen Würde des Menschen
und ich war beglückt den Menschen als ein geliebtes Gotteskind zu sehen[.] Es mag
wohl seyn u ich will es ihm auch recht innig gern verdenken
daß P.[estalozzis] allgem[eine] besonders [seine] Abendbetrachtungen wo er
so gern das Bild edler Menschheit und der wahren Menschen-
liebe zu wecken u zu entfalten sich bemühete dazu zu jenem meinen innern Leben bey-
getragen haben. Früher schon u bald nach meinem Eintritt in die Schweiz
erfüllte mich der Gedanke der ewig fortschreiten[den] Fortentwicklung des Geistigen
bey aller in sich vollendeten geschaffenen Einheit desselben.
Doch keinesweges verlohr sich mein Leben
in ein körperlose[s] Phanta Bilderwelt Phantasiren <u wahr>
vielmehr dad[urc]h recht innig in die Wirklichkeit ein u in der[-]
selben fest. Von dem Leben Gedenken der nicht mehr seyenden
Eltern u von dem Leben mit denselben stieg mein Leben herab
in meine Familie und namentlich zum Mittheilen mit meinem
so jetzt nur seit längerer Zeit nicht genannten ältesten Bruder. Er war
treu sorgender Familienvater mehrerer Söhne Kinder besonders
Söhne, ich kannte ihn von jeher er hatte sich mir ja in meinem
Leben so oft als empfängl[ich] für das höchste u beste u mit
dem regsten Streben es anzuwenden u darzustellen gezeigt[.]
Ich theilte seine ächt väterliche Sorge u meine Seele war erfüllt
von dem Wunsche daß es ihm möglich werden mögte seinen
Söhnen einen Unterricht zu geben wie ich ihn als den besten erkennen mußte; schon
von Fr[an]kf[urt] aus hatte ich mich ihm über Unterricht u Lehrmittel
mitgetheilt. Was mir jetzt von dem erkannten als das für ihn
anwendbarste beste erschien, zog ich aus sammelte u bearbeitete
ich um es ihm zum Gebrauch u Achtung gel[egentlich] mitzutheilen u theilte ich ihm mit, so aber
um
so bearbeitete ich die P[estalozzi]schen Lehrmittel zu einem
bestimmten Zweck u mit Prüfung auf und zu bestimmter Anwendung[.]
Aber auch noch eine zweyte Veranlassung hatte ich dazu indem
indem ich mich verpflichtet[e] <tüchtig> noch zu einem andern Gebrauche
bey häuslichem Unterricht, die von mir bekannt gewordenen
u von mir als dazu zweckmäßig erkannten P---schen Lehrmittel
zu sammeln u nach Deutschl[and] mitzutheilen; so hatte ich Aufforderung
mehrseitig mit dem Charakter dem Geiste der P---schen Lehrmittel
bekannt zu werden u sie theilweise in dem innern u nothwendig ver-
knüpften Zusammenhang darzustellen indem ich diese Lehrmittel
selbst erkannte.
[Randnotiz*-*]
[*] Jena        -n-
B[a]mb[erg] -b-
Miltzow       -z-
B[er]l[i]n      -l-
Fr[an]kf[urt]-f-
Göttingen    -tt-[*]
Was besonders zu einer vielseitigen Betrachtung u Beleuch[-]
tung der P--schen Lehrmittel beytrug war die große
Zahl sogenannter Eleven junger Männer welche von vielen Staaten
als sogenannte Eleven nach J—[sc.: Iferten] gesandt worden waren mit einigen derselben
lebte ich [in] sehr freundlichem u freundschaftl[ichen] Wechselver[-]
kehr gemeinsamer Bearbeitung u gegenseitiger
Mittheilung. Es konnte so durch diese Gesammtheit
meines innern u äußern Stehens <Em> meines <Empfindens>
und Denkens und so unmittelbar durch das Gleichwertige um mich angeregt
gar nicht anders seyn ich mußte von /
[26]
dem Gedanken durchdrungen werden, die Grundsätze von P
aufgestellten Lehrmittel auch in den Schulen meiner
Heimath eingeführt zu seh wenigstens zur Prüfung
derselben Schritte gethan zu sehen dazu anzuregen
schien mir unerlässige Pflicht zu diesem Ende schrieb
sandte ich die schon obengedachte hier beyliegende Abhandlung
Darstellung der P—schen Methode (nach P. selbst)
an die höchste Behörde ein. Über diese Behand[lung] habe ich
mich schon oben erklärt[.]
Bey dieser Bearbeitung der P.schen Lehrmittel zu verschiedenem
Zweck übernomm[ene] unmittelbare Anwendung u bey den
äußern Gesammtumständen unter welchen solche in J— selbst
Statt fand konnte es gar nicht fehlen daß mir
der Mangel an innerer nothwendiger Einheit u äußerer
Vollständigkeit immer mehr u bestimmter Entgegeten [sc: entgegen].
Ich vermißte zu einer vollständigen Menschengenügenden
Lehre u Unterricht fast g[an]z Geschichte Gründlichkeit in der
Kenntniß der Muttersprache – Geschichte – Classische
Sprachen – Naturlehre – Naturgeschichte – u vor
allem Menschengenügenden Religions Unterricht.
Um mir für den Lehrgang in den Classischen Sprachen ein genügendes
Urtheil zu verschaffen trieb ich griechisch u latein <bey> Unter
der Leitung eines jungen dortlebenden Deutschen indem ich <sel> mit mir
selbst nach Möglichkeit einen Lehrgang ging [sc.: bildete] ähnlich dem welchen ich
bey dem Unterrichte selbst für das zweckmäßigste hielt.
So wohl dieser Mangel an genügender Menschen[-] u Sachge-
nügender Bearbeitung der Classischen Sprachen als allgemein
menschliches Erziehungs[-] u Bildungsmittel, als besonders der
Mangel an Bearbeitung des Naturhistorischen Unterricht[s]
als allgemeines u nothwendiges menschl[iches] Erziehungsmittel
als auch überhaupt das schwankende der Erziehungs- u Lehrgrundsätze
machten mir nun alles Ernstes den Vorsatz Entscheid hoffend
nicht nur mit meinen Zögl[ingen] meinen Aufenthalt in J— aufzugeben
und sie ins elterliche Haus zurückzubringen sondern selbst g[an]z
aus meiner Erzieher Wirksamkeit auszutreten, um mir
durch ein abermaliges Leben auf einer deutschen Hochschule be[-]
sonders die naturwissenschaftl[ichen] Kenntnisse zu verschaffen
welche ich zu meinem Zweck [für] so nöthig hielt.
[Randnotiz*-*]
[*] 1810 Aug Frkfur
1810 Jul bis Göttingen
1812 Novbr. Berlin
1813 April Feld [*]
Im [Jahre] 1810 kehrte ich von Jferten [sc.: Iferten] über Bern Schaffh[ausen]
Stuttg[art] pp nach Fr[an]kf[urt] zurück[.]
Was ich gewünscht hatte sogl[eich] eine Universität zu beziehen
konnte nicht erfüllt werden u ich sah mich genöthigt in dieser
Stelle bis Jul[i] kommenden Jahr[es] 1811 zu bleiben. Das Zerstückte
in allem mich Umgebenden der Lehre der Erziehung des Unterrichts
drückte mich so unaussprech[lich] so daß ich mich höchst glückl[ich] fühlte
als ich aus dieser [Lage scheiden konnte] um ein Leben in einem Stande leben zu können.
Es fragte sich wo beginnen Sprache /

[26R]
Am 22sten Jul 1827.
Sonntags 8 Uhr VorM
Zerschnittenes Leben[.] Jener Druck der [sc.. des] innern u äußern Zerstückt[-] und Gebrochen[-]
seyns der Erziehung der Lehre des Unterrichtes und des Lebens
war für mich um so eingreifender gewaltsamer und ver[-]
nichtender als ich als für ich im Äußern für Einheit für Darstellung derselben
wirken sollte u nicht konnte und als ich doch in mir die drängende Ahnung einer unge-
stückten Einheit trug in welcher sich alle Mannigfaltigkeit
nothwendig und gegenseitig lebendig, in innern Zusam[men]hang u
für Einheit im Zwecke bedingte, nicht streben[d] diese noth[-]
wendige Einheit wie in der Ahnung so im Schauen,
Wissen und Darstellen zu vereinigen erschien war mir Verrath
am Ganzen wie am Einzelnen, Verrath an dem Menschenge[-]
schlechte, der Menschheit wie an mir selbst, nicht streben[d]
jene höchste Einheit aller Dinge u Erscheinungen und das
Anschauen u Darstellen des daraus nothwendig her-
vorgehens aller sich gegenseitig lebendig bedingenden
Einzelnheit u Mannigfaltigkeit, zu vereinigen, schien
mir das wahre Streben ächter Menschenerzieher zu
seyn in sich ja das Streben Mensch zu
seyn in sich selbst zu vernichten; dieß zur Auf-
fassung und zur Erklärung meines dortmals in mir selbst vernichteten
Zustandes, und daß mir nichts mir Persönliches Gehörige und Irdisches
kein mir gehöriges irdisches Gut u Verhältniß zu groß war, um
es nicht zur Erreichung des meinem Gemüthe, meiner
Seele u Geiste vorschwebenden höchsten Zieles des
Anschauens Durchdringens u Darstellens der Einheit
aller Dinge, des ursprünglich höchsten einigen u höchsten
Zweckes u Strebens aller Dinge u Wesen: - zur
u für Darstellung eines höchsten Gedankens.
Dieses lebendige Durchdringende ergreifende in mir
tragen einer lebendigen in sich widerspruchslosen
Einheit und einer in sich widerspruchslosen Gemeinsamheit
u innern Zusammenhang aller Wesen u Dinge u ihres Gegen-
seitigen <ein-> u Aufeinanderwirkens, geknüpft
an die äußere Erscheinung einer äußerlich zusammengesetzten
zerstückten sich widersprechenden Mannichfaltigkeit u
Einzelnheit, dieß war es was mich im Innersten
vernichtete u mein Leben war im Innern <innerst>
rein innern betäubt verdummt <->. Ich würde darum abermals
freyen [sc.. freyes] Leben auf einer deutschen Hochschule zu
erringen gestrebt haben, selbst wenn ich auch ohne
die geringsten Mittel dazu [imstande] gewesen wäre
welches jedoch auch damals der Fall war /
[Auf Rand durchlaufender Text, erstes Drittel(bis <Parthin>) gestrichen*-*]
[*] Das selte[n] günstige meiner
äußern Lage gab auch Gut
und Mittel dazu. Ich suchte auch
zusammenhängende <?>
Noch nachzuholen ist wie ich
strebte die gesuchte Einheit
in u durch Bücher zu finden u
keine Schriften die von wirklich[em]
werthe in verschiede[nen] Zweigen
mir bekannt wurden blieben
mir fremd Kant Fichte, Herbart
Hübner, Garve, Görres
Arndt, <Anaharsis> Schwarz
Herder, Schiller, <D’Anwill>
<Karsten>, <Parthin> --
Sie hatte alle vieles Vortreffliches
aber nach Richtungen hin welche
nicht immer wenigstens nicht in ihrem
Verfolgen die Meinen waren, oder
nach Richtungen hin die g[an]z mit den
meinen zu sammen fielen, aber
das Streben mehr auseinander
trieben als Gestalteten
da sie zu stark anregten ohne
den Weg die Richtung die Ergebnisse
klar u für Mich in Menge u
bearbeitet genug zu geben
+++Wie ich bey P— Einheit
nach Außen u innern Zusammen im Äußern
gesucht u nicht gefunden hatte
so hatte ich in u durch jene
in einer <höheren> Einsicht u zusammenhang
in sich stehenden Schriften
Einheit im Leben in Innen u
Außen gesucht, aber in der
<Geist>heit und Umfassen[d]heit
wie ich sie suchte u bedurfte
nirgend[s] gefunden. Ich hatte
abermals wie bey P—
nun in Schriften Einheit u
Leben im Äußern u durch Äußer[es]
gesucht statt sie in u durch das Innere
zu suchen, und mußte nun wieder
wie dort das Äußere Aufgeben
um auf das Strengste u <Gewal[-]>
tigste Zurückgeführt in und
auf das eigene Innere in u durch das
eigene Innere zu <suchen> [*]
[27]
[Bogen] 19
Meine ökonomische Lage {meine Geldmittel pecuniären [Mittel]} waren zwar für mein
Verhältniß selten günstig u genügend gewesen, doch da mein
Leben ohne das gefund[en]haben einer allseitig genügenden um[-]
und erfassenden Einheit nicht bestehen konnte und ich solche
weder abschließend in mir suchte noch in dem Maße
in mir zu suchen vermochte so strebte ich jene Einheit
in u durch Bücher zu suchen u zu finden und die genanntesten
als die u anerkanntesten vorzüglichsten neuesten Schriften über in dem Gebiete
meines Strebens: Erziehung Denken Unterricht Wissenschaft
Geschichte Sprache pp waren in den während meiner Er-
zieher Wirksamkeit mein Eigenthum geworden, welche
einzelne u vortrefflich hohe, welche Einheit u Zusammen[-]
fassung Sie [sc.. sie] mir auch gaben, die höchste Einheit die ich
suchte gaben Sie [sc.: sie] mir doch nicht, und die Bücher welche
mir einzelne Wahrnehmungen u Wahrheiten gleichsam wie
Saamen, wie Kerne (zu schleifende Edelsteine) gaben
waren mir prüfend bald mehr u höher [als] welche mir Wissen u Ahnen in streng ge-
ordneten Systemen u Gebäuden vor[-]
führten.
[Erweiterung auf Rand *-*]
bey Miltzow oder meinem ersten Geburtstag in Frankf>
es waren ja wurden mir besonders früher schöne Bücher
jetzt ein Buch: Aussprüche ge[schenkt]worden
Dieß legte diese legten mir das Streben
verschiedener Zeiten u ver[-]
schiedener Denker u Männer
vergleichsweise u gefühlvoll
wie Geistreicher u erfahrungs[-]
voller vor über verschiede[-]
ne wie über einzelne u bestimmte
Gegenstände z. B. Erziehung vor[.]
Diese Art Schriften u Sammlungen
waren für mich besonders
wichtig u da sie zugl[eich] in dieser
Zeit einen wesentl[ichen] Theil
der deutschen Litteratur Schriften aus[machten]
ja manche Schriftsteller
den Kern ihres Denkens u
Empfindens wo ich nur Novalis, Richter
nennen will; da
vielen Schriften diese Sentenzen
oder Aussprüche wie Serum
zu dem u Gewürz bey sich
wie <verschwind[ende]> u duftende Blumen
beygegeben werden , so erscheint
es mir – wie es in dem
einzelnen Menschen Zeiten giebt
wo er mehr durch Wahrheit
in Sprüchen u Sentenzen als
durch Wahrheiten in strenggeord[-]
neten Systemen weiter ge[-]
führt wird, - so erscheint
es mir als lebte ein bestimmter
Theil des Menschengeschlechtes [davon]
so hätten wir Deutsche besonders
bisher in einem Bildungszust[an]d u Grade gelebt
was uns die aphoristische Lehrweise durch Sätze u Sentenzen
besonders zusagend <machte> u lebten auch bis jetzt noch darinn
suchten uns ihrer aber zu indem wir ihnen höchlichst
fast in allen namentl[lichen] Zeitschriften
genügen - zu entwinden -
Genug, ich hatte mir eine sehr gewählte sehr
zahlreiche Bibliothek im Gebiete meines Strebens
während meines Erzieher Wirkens zu eigen gemacht
hierdurch u auch dadurch daß ich meinte gute schöne u
vorzügl[iche] Bücher müßten auch in mir gute schöne u vorzügl[iche]
Äußerung[en] erscheinen [lassen], da ich die Einheit die ich durch die
Schriften zu erreichen zu erringen erstrebte, ersehnte
auch in der äußern Übereinstimmung auszu durch angemessne
{Einbände / Äußeres} auszudrücken suchte, und noch andere
mit meinem Streben in übereinstg [sc.: Übereinstimmung] stehenden
Eigenthümlichkeiten z. B. <schien> das traul[iche] Naturhistorischer u
anderer Sammlungen war ich in die Nothwendigkeit [geraten] einen
großen Theil von alle diesem wieder abermals hinzugeben um
meinen Zweck höherer Ausbildung zu erreichen fast
da natürlich der frühere Einkaufs[-] u der jetzige Verkaufspreis
in gar keinem namhaften u gleichen Verhältniß standen
so ging überwiegend der größte Theil meiner g[an]z[en] Bücher pp
Sammlungen fort während mir nur der kleinste doch der
ausgewählteste Theil derselben mir zum Eigenthum und Besitz bliebe /
[27R]
Hierzu zum Beginn und Anknüpfen zum Anbahnen
eines solchen Lebens waren mir nun<-> durch mein bisheriges
Wirken die nothwendigen pecun[iären] Mittel geworden u geblieben[.]
In dem oben bezeichneten Gemüths- Geistes[-] u Lebenszust[an]de
verließ ich zu Anfang Jul[i] 1811 meine bisheriges Erziehen[de]
Wirken Arbeit und ging nach G.[öttingen] Ich ging in die Mitte
des Halbjahres dahin ab weil ich fühlte daß ich persönl[ich]
mehrerer Monate bedurfte um mich eigentl[ich] selbst zu
finden um mein Innere[s] und Äußeres mein Empfinden u Denken
u Handeln in Übereinstimmung u Einheit zu bringen um wie ich
der Sache nach klar zu seyn glaubte was ich suchte nun
auch dem Wege u den Mitteln dazu nach mir u in mir klar
und sicher zu werden. Und es dauerte wirklich mehrere
Monate ehe sich mein inneres Leben beruhigte, mein inneres u äußere
Leben die ihnen so nothwendige Einheit u Übereinstimmung ehe
ich in Beziehung auf Zweck Ziel, Weg u Mittel die nothwendige
Einigung u Übereinstimmung fand.--
Die Menschheit als ein G[an]zes als eine Einheit war in mir
angeregt aufgelegt lebendig geworden, die Menschheit
als ein G[an]zes trug ich in mir; die Menschheit als ein G[an]zes
wahre Einheit u Mannigfaltigkeit suchte ich in mir u außer mir zu erringen, zu finden, an[-]
zuschauen, darzustellen; so wurde ich zurück geführt
zur ersten Erscheinung der Menschheit auf der Erde, zum
Lande der ersten erscheinung der Menschheit, zur ersten Äußerung
der Menschheit, des Menschen in seiner Erscheinung zu seiner Sprache.
Sprachstudien, Sprachkunde, Sprachforschung, Sprachstudium
u Forschung der Morgenländischen Sprachen erschien mir
als der Anknüpfungs[-] als der Quellpunkt meines Suchens
u Strebens und sogleich wurde mit diesen Erlernung dieser
Sprachen des Hebräischen und Arabischen pp begonnen, von ihnen aus
wollte ich mir nach einem dunkeln Gedanken den Weg
zu den andern asiatischen Sprachen namentl[ich] dem indischen
u persischen bahnen indem durch das was mir darüber
durch das dortmals noch junge Studium dieser Sprachen bekannt
geworden war, das Studium des Persischen in seiner Aufge[-]
funden[en] Verwandtschaft mit dem Deutschen mich auf das
höchste reizte. Zugleich war es auch das Griechische
was mich in seiner innern Fülle Geordnetheit u Gesetz[-]
mäßigkeit und in seiner nachgewiesenen Verwandtschaft mit
dem Deutschen g[an]z besonders ansprach. Diesen beyden
Sprachen u Sprachheiten nun waren alle meine Kräfte u alle
meine Zeit gewidmet u gewährt allein ich kam in dem /
[28]
dem Aneignen u der Kenntniß des Hebräischen pp ohnge[-]
achtet meines treuen Eifers u meiner Strenge gegen mich
selbst doch nicht weit da zwischen dem wie die Sprache
u Sprachansicht in mir lebte u wie sie mir das
Elementarlehrbuch gab eine solche Kluft war, die
ich in mir u durch mich nicht auszufüllen vermochte. In der
Weise wie mir die Sprachmasse vorgeführt wurde
fand u sahe ich kein Mittel sie zu beleben. Dennoch würde
mich nichts von der Erlernung dieser Sprache[n] abgebracht
haben wenn mir nicht von Unterrichten[den] ausgesprochen
worden wäre, daß das Studium dieser Sprachen für das
was ich suchte zu dem Ziele wonach ich strebe, Kenntniß
des indischen u Persischen sehr nebensächlich sey u diese Sprachen
ihre eigentliche Begründung in sich trügen. So trat die Erlernung
des Hebräischen pp zurück; unüberwindl[ich] bey weitem mehr aber fesselte mich dagegen das
Griechische durch alles was es ist und giebt diesem Studium
dem Studium dieser [Sprache] war darum auch an der Hand
der vergleichenden einführend u Betrachtenden Bücher
war darum zuletzt fast alle meine Kraft u Zeit ge-
widmet. Doch umso mehr die mich leitenden u lehrenden
Hülfsmittel in das Wesen der Sprache (u Sprachen)
einzogen je fruchtreicher die Zusammenstellung des Griech[isch]en u Deutschen
rc war um so mehr wurde dadurch mein eigentstes und
ringendes Leben u Leben geweckt und angeregt, daß mir aber
das Allgemeine u Innere, das Einzelne, Besondere u Äußere
ganz schwand; mein mir selbst verbergendstes innerstes u eigendstes
Leben u Streben, Suchen u Wollen meines Geistes u Gemüthes wurde dadurch in seinem
Innersten erregt u geweckt und sich <ihm> da ihm er {so auch nun} in sich Stoff und
Form gefunden hatte wie eine aufgebrochene Blüthen[-]
und Blumenknospe nicht mehr in sich zurück[ge]drängt
bis mein Geist u Gemüth nach Maaßgabe der sich angeeig[ne]ten Mittel
u entwickelten Kräfte sich für sich u in sich selbst
in und am Äußern u durchs Äußere ausge[-]
sprochen hatte und nun da mein Geist u Gemüth mal
ein Organ Stoff u Mittel gefunden hatte sich für sich u
im Äußern auszusprechen
bis er sich selbst klar bewußt
und einsichtig geworden war. Durch eine in sich selbst bedingte
Nothwendigkeit da der Mensch nur durch erkannte Unvollkommen[-]
zu höherer Vollkommenheit emporsteigt da zu diesem Zweck
das Leben an die Ruhe so jedes an sein entgegengesetztes
Geknüpft werden muß – <-> und da jede wahre
Entwicklung in dem Menschen dem Menschen selbst eine neue Seite
seiner selbst zeigt – durch diese u andern in sich selbst ruhende
Gesetze getrieben hielt ich mir die Ergebnisse meines selbständig
zu werden strebenden, selbstständig gewordenen Geistes, so weit
es mir mögl[ich] wurde auch in ihrer unvollkommensten Gestalt /
[28R]
und Form fest und so dauerte es mehrere viele einige Monate ehe
mein Geist durch einen Schutt von Ergebnissen u Er[-]
zeugnissen sich wie aus einem Grabe in Arten
Formen, Gestalten u aussprüchen u Abstreitungen sich wie aus einem
Grabe einer Verpup[p]ung zu lichter Klarheit
Ruhe Friede u Freude emporarbeitete. Nun
wußte ich was ich gesucht gewollt u bedurft; was
mich so niedergedrückt und worinne ich mich bisher
so wenig verstanden mich zu verstehen getrauet wurde
der Quell der Einsicht u Erkenntniß wenigstens das Erkennende aller
Erkenntniß u Wissens in dem jedes Menschen eigenem Gemüthe
u Geiste zu suchen u zu finden u daß ihm diese Einheit
Nichts von Außen nichts äußerliches u Äußeres
zu geben vermöchte; Ich hatte meinen Geist durch einen
Schutt von und durch eine die drückende Gewalt des äußern Aneignens
Fremdes Wissen u Auctorität fast in sich selbst ver[-]
nichtet u vergraben verschüttet, da er doch seit
langen Jahren sich selbst nicht verstanden sich aus sich selbst geboren
aus sich selbst hervorblühen, sich aus sich selbst u durch sich selbst
gestalten wollte, sich in sich u durch sich selbst klar u
einsichtig hatte werden wollen. Das erste der Erzeugnisse
jenes Sich Sich selbst aussprechens nannte ich als
ein durch Nachgartgrabung gefunden[es] Metallen – aus ihm u
durch ihn entwickelte sich mir ein Zweytes welches ich
mir Concordia nannte als die sich mir dadurch in meinem
Geist in mir kund gewordene Eintracht in Ein aller
Natur u Lebens erschien; aus beyden ging mir ein Drittes
hervor ich nannte es ςφαίσα [sphaira] das sphärische Gesetz
das einzige Gesetz im All der physischen u moralischen Welt.
Diesen gab sich ich das Motto indem sich dortmals meine <hohe>
Erfahrung des Selbst- u eigenlebens aussprach[:]
παντον χρεματον μετρον ανθροπος [panton chrematon metron anthropos].
Ich war nun frey ich war beglückt ich war geistig u
körperlich gesund ich war heiter ich hatte Friede in
u außer mir nach einer heißen u angestrengten
Arbeitszeit von einigen Wochen in welchen ich den
g[an]zen Tag das Zimmer hütete durch Niederschreiben mich mir
selbst klar zu werden, mich mich selbst zu erregen
suchte und wie ich des Tages über allein lebte,
so [spazierte ich] am Abend sehr spät um wenigstens noch von den /
[29]
[Bogen] 20
lichten freundl[ichen] Strahlen der klaren scheidenden
Sonne begrüßt zu werden. Ich ging um meinen Geist
u Körper zu stärken bis spät gegen Mitternacht in
der schönen Umgebung von G. spatziren u der leuchtende
Sternenhimmel stimmte sehr mit meinem Innern überein
besonders beschäf überraschte mich dort an diesem
eine Überscheinung [sc.: Erscheinung]. Ich war der Astr[alischen] Welt sehr fremd
so war mir das Erscheinen ein[es] großen Cometen unbekannt geblieben, diesen gleichsam
mir selbst <endteck that> [sc.. entdeckend]
gab ihm für mich einen besonderen Reiz u er war
in den vielen stillen Nächten ein besonderer Gegenst[an]d
meiner Betrachtung u der Gedanke des allgem[ein]
verbreiteten sphärischen Gesetzes entwickelte u
gestalte[te] sich so g[an]z besonders in jener Zeit u
in jenen Abendl[ichen] Nacht Spazierg[ängen] von welchen ich oft erst
zurückkehrte um die Ergebnisse meines Denkens
für mich selbst festzuhalten u nach kurzem Schlaf
der Fortentwicklung meines Geistes nachzugehen.
Diese Zeit war und ist eine der wichtigsten meines Lebens
die wesentlichsten mir wichtigsten Überzeugungen welche sich mir
in jener Zeit bildeten waren...[Lücke]
So war Michaelis und das Sommerhalbjahr bald ver[-]
flossen und Michaelis und das Winterhalbjahr bald her[-]
bey gekommen, es war nun darum zu thun, das Leben
wie es innerlich klar war, so auch äußerlich fest zu gestalten
und fest zustellen.
Die Entwicklung meines innern Lebens, meine Selbstent-
wicklung hatte mich von dem Sprachstudium unvermerkt g[an]z
hinweg und zu einer tieferliegenden Einheit, wieder zu dem Naturg[e]g[en]st[and]
den Naturzuständen hingeführt. Mein Vorsatz war nun gleich
klar, gleich sicher u fest die Natur in ihren ersten Erscheinungen u
Elementen zu studiren. Doch den dazu nöthigen längern Aufenthalt auf
der Hochschule mögl[ich] zu machen waren meine mir noch übrigen Mittel
zu gering aber da ich nichts als meine eigne und geistige Kraft
hatte so dachte ich auf Mittel durch dieselbe die mir zur
fernern Erreichung meines Zweckes und zwar durch literarische
Arbeiten (die Herausgabe von ςφ [sc.: sphaira]) die mir nöthigen Mittel zu
verschaffen und ich fing schon an dafür thätig zu seyn als meine
äußere Lage durch einen höchst unerwarteten Todesfall für mich
eine g[an[z andere Gestalt gewann.
[29R]
Wendung nahm. Noch hatte ich bis jetzt eine Tante gehabt
welche eine Schwester meiner leiblichen Mutter gewesen
war
und welche in ihren besten Jahren in der Höchster GesundheitsFülle
und sorgenfreyer Lage in meiner Heimath gelebt hatte
der plötzliche Tod dieser setz[t]e mich auf eine gar nicht zu
ahnende Weise in den Stand meine ersehnten Studien
in der äußern Lage und unter den äußern Verhältnissen
fort durchzusetzen, durchzuführen wie ich es nur immer
wünschen konnte. Es war dieses Erscheinung Begegniß für mich
höchst ergreifend indem diese Frau die Schwester
des Oheims war durch dessen Tod mir möglich gewor[-]
den war von M. [sc.: Groß Miltzow] nach F. [sc.: Frankfurt] zu reisen und so meiner
Erzieher Beruf Laufbahn mich entgegen geführt hatte und
jetzt führte mich <dhö> ihr Tod einer höhern Ausbildung da-
für entgegen, und diese beyden Geschwister wie sie
meine zu früh verstorbene Mutter innig geliebt hatten
so waren auch sämtlich ihre Kinder von ihnen immer sehr
geliebt und unser Leben von ihnen gepflegt worden,
Möchten wovon mir letztere noch kurz vor ihrem Tode
wo ich sie sahe einen rührenden Beweis gab. Möchten
sie beyde die liebenden Geliebten wie sie mir durch
ihren Tod höheres Leben und höheren Beruf brachten
so ewig durch mein Leben Wirken und meinen Beruf leben.
Meine (Lage und Verhältnisse) mein strebendes Leben
hatte jetzt eine solche Beruhigung einen solchen Frieden und
solche Freudigkeit ein solches ungetrübtes Ruhen auf und in sich wie
ich mich dessen seit langer Zeit nicht er[-]
freut hatte, denn ich lebte auch durch die örtliche Lage
G–s [sc.: Göttingens] in einem Verhältnisse wie es meinem Herzen u Gemüthe so
vielseitig wohlthuend u genügend war und welches
zu erwähnen ich bis jetzt noch nicht erwähnen konnte, eigentl[ich]
auch mit Ende des vorigen Halb in den Herbstferien der Hoch-
schule erst in sein volles Leben trat.
Außer dem so oft als fördernd u pflegend in mein Leben
eingreifend erwähnten ältern Bruder dem Landgeistlichen, bin
ich so glücklich noch einen älteren und also ältesten Bruder zu
besitzen, dieser lebte schon seit länger als einem jahrzehend
als angesessener Bürger u Gewerbmann in denO [sc.: Osterode] am H.
als Vater u Haupt einer durch ihn glücklichen einfach stillen in und durch sich
selbst glücklichen Familie u als dortmals Vater von dortmals 4 Kindern trefflichen Kindern.
Schon mein früheres erziehendes Leben u Streben hatte
mich diesem Kreise nahegebracht, indem ich dem Vater
dem treuen u sorgsamen Erzieher u Lehrer seiner Kinder
mit den Hülfsmitteln dazu bekannt gemacht hatte, wie ich
solche diesem Kreise u seinen Verhältnissen angemessen geerkannt /
[30]
[Randnotiz*-*]
[*] Zeiterleben. Herausgetriebenseyn aus sich [*]
hatte. In diesem höchst friedlichen thätigen und innerlich u
äußerlich nach dem bessern u edelsten strebenden Kreise einer
klaren sinnigen Bürger Familie verlebte ich nun alle die Zeit welcher
die Ordnung des Hochschulen lebens mich von einer strengen
Thätigkeit mich entband mich nun zwar nicht mehr mit
den Vorlesungen u dem Inhalt aber mich um so mehr
mit der befestigung und Aufhellung des eigentl[ichen] allgemein[en] und besondern menschlichen
Lebens mich beschäftigend. Es konnte nicht anders seyn
als daß dieß für meine Gesammtentwicklung höchst
wohlthätig höchst entwickelnd war u so muß ich es noch jetzt
und werde es immer [an]erkennen[.]
Ich kehre zu meinem Hochschulenleben zurück. Physik
Mineralogie, Geognosie, Chemie - allgemeine Naturgeschichte
Einleitung in die Mineralogie, waren meine ersten Studien denn
zur einfachsten Natur zur Natur in ihren einfachsten Er[-]
scheinungen u Gestalten und zur Quellen Aufsuchung ihrer Gesetze u Bedingungen
so erkannte ich sie in mußte ich bey meinen Studien
wenn sie für mich fruchtbringend u ersprieslich seyn sollten
mußte ich zurück kehren die einfachsten Naturerscheinungen sowohl
in ihrem Wesen und Entwicklungsgange zu erkennen
[Randnotiz*-*]
[*] Mineral[ogie] Geognosie Chemie praktische Chemie
Geschichte der Ind[ustrie] Industrie

den 21 Jul[*] Durch den Entwicklungsgang meines Innern
Durch den Gang meiner Entwicklung war ich auf
die Naturforschung, Naturkunde, Naturkenntniß
als auf die Grundbedingung dessen was ich suchte u forderte
und so zum Studium der Naturlehre Physik, Chemie
Mineralogie Naturgeschichte zurückgekehrt, dem gemäß
waren die Vorlesungen welche ich im ersten Halbjahr hörte.
[Randnotiz*-*]
[*] Denn bey dem einfachsten so {fühlte/erkannte} ich mußte ich anfangen
Bestimmung Beruf des Menschen.
Hervortretung, Darlegung Kundmachung, Darlebung
des Innern Lebens als das an sich höchst menschheitliche,
als das reine, ewige, göttliche Leben an sich
(also mit gänzlicher Unterordnung des Irdischen, Endlichen, Äußerlichen, Zeitlichen)
am, durch und im Äußern Endlichen, Zeitlichen pp.
[*] Darlebung des rein menschlichen
göttlichen an sich
an u in Äußeren
und Äußerungen
durch Äußeres und Äußerungen
und durch sich selbst = [Gott]
wie durch und in Selbstäußerungen[.]
---------------------*---------------------------
Stelle dein Göttliches unmittel
bar durch Selbstdarlebung
Stelle deine Göttlichkeit selbst dar [*]
Die alles um[-] und erfassende in sich selbst nothwendig
bedingte innere Gesetzmäßigkeit welche ich überall
erkannte trat mir in solcher Klarheit und Macht entgegen
daß ich nichts in der Natur und im Leben sahe, in welcher
sie sich nicht, wenn auch in noch so verschiedenen Graden
der Ableitung und Stufen der Steigerung ausgesprochen
hätte, es fiel in jene Zeit gerad das allgemeine Bekanntwerden
der großen Entdeckungen der Franzosen und Engländer wodurch
auch schon die große äußere Mannigfaltigkeit eine so um- und
erfassende äußere Einheit bekamen, und die Bemühungen
der Deutschen und Schwedischen Gelehrten diese inneren bedingenden
Verhält Gesetze in ihrer ganzen Schärfe und inneren Wechselbeziehung
für die Anschauung und Auffassung durch Größen[-] und Zahlenverhältnisse
auszudrücken, waren meinem eigenen Ahnen und Suchen auf das Höchste
entsprechend.
So erschien mir das Naturstudium, die Naturforschung als der Grund[-] und
Eckstein um, nur auf einer anderen Stufe der Lebenserscheinung[en] auf über
die Gesetze und den Gang der Menschenentwicklung der Menschenbildung
und Menschenerziehung sicher und klar zu werden, und so war es natürlich
daß diese meine Studien mich ganz in Anspruch nahmen, mich ganz erfüllten,
mich aufs höchste beschäftigten, da ich bey den reichen vielen vor mir u in mir
in meinem Bewußtseyn u Erkennen u Empfinden liegenden innern und äußern /
[30R]
und reichen Lebenserfahrun[gen] ich stete Parallelen und Ana[-]
logien zwischen dem Leben dem innern u äußern Menschen
Leben und Entwicklung und den Erscheinungen der Natur dem
innern u äußern Natur leben dem innern u äußern Leben der
Gegenstände der Natur und dem allgemeinen Gesetz der
Kräftewirkung zog. In diesem innig wechselseitig an[-]
schauenden u vergleichenden Leben bestand auch die meine
(eigenste Selbstbeschäftigung) mein eigenstes Selbst[-] u Eigen[-]
leben in dieser Zeit mit welchem Fleiß u Achtsamkeit
in u bey diesem Studium Ansicht ich meine Studien besonders die
der Physik Chemie u Physik trieb läßt sich leicht denken;
doch leider genügte nicht derVortrag in letzterer lange nicht so
als der in der ersteren. [Randnotiz*-*] [*] praktische Chemie
geognosie Lebenschemie –physik Nationalindustrie [*]
Was ich in diesem Halbjahr mehr als Fremderfahrung sahe
wollte ich im nächsten Halbjahr mehr als eigene Erfahrung
schauen; daher praktische Chemie u Geognosie,
was ich so im Leben der Natur schaute wollte
ich im Leben u Treiben der Menschen im Geiste schauen; daher
Geschichtsstunden, Politik u Nationalindustrie.
Hier Dort traten mir große allgem. Gesetze
entgegen hier besonders bey der Frage über den
Grad des Nationalreicht[hums] <ob> im <bish[erigen] Prod[uktions]>
agrikultursystem oder in dem verarbeiteten Ma-
thematiksystem die große Wahrheit [sey] daß der
Nationalreichthum eines Volkes, wie der
höchste Selbstreichthum eines Menschen der Geist
der gebildete Geist u der angemessene in sich
selbst bedingte Gebrauch desselben bestehe, daß
der Reichtum so wohl hervorgehe aus der
Production - als der geistigen Achtung u Erhaltung des Pro[-]
duzirten als der Mäßigung im Verbrauch, u daß
das Product den höchsten Wert an sich habe,
welches die höchste geistige Idee oder Gedanken
darstelle, daß Politik ein Erheben der
Natur[-] und Lebensnothwendigkeit zur Geistes[-]
und Willensfreyheit sei; dieß die Hauptgesetze
meines Studiums so wo [sc.: wie] dort daß die vielfach individualisirt gesammten
cosmischen astronomischen Gesetze die Gesetze der g[an]zen Natur, und daß ein großes
in sich noch eigenes Gesetz gesteigertes cosmisches Gesetz das Bedingende al[ler] Natur[-]
Erden- Mensch[-] u Lebenserscheinungen sey[.]

[31]
[Bogen] 21.
Am 23 Julius 1827.
So viel mir auch der naturhistorische Unterricht, die na-
turhistorischen Vorlesungen dieser Hochschule gaben, so
konnte mir doch ihre Ansicht der Festgestalten der Irden
die Ansicht der Krystallgestalten der Mineralkörper
und die Ansicht und Erklärung der physikalischen Natur[-]
erscheinungen nicht genügen beydes konnte ich und durfte
ich in – u - von den naturhistorischen Vorlesungen des
Prof. W.- [sc.: Weiß] in B. – [sc.: Berlin] nach dem was mir darüber bekannt
geworden erwarten; weil ich nun so keinem ganzen Semester
mehr durch eigene Mittel mich in –tt- [sc.: Göttingen] bestehen konnte ich aber hoffen
konnte in -l- durch Unterricht mein Bestehen, mei-
nen Unterhalt sichern zu können, so faßte ich den Vorsatz
mit nächstem Wintersemester noch nach –l- zu gehen
um unter W. Mineralogie, Geognosie und besonders
Crystallographie und unter E. [sc.: Erman] mich nochmehr mit Physik
und deren Gesetzen zu studieren, {bekannt / vertraut} zu machen.
Nach einem Aufenthalt von einigen Wochen im Kreise der Familie meines
Bruder[s] zu O. a. H. [sc.: Osterode am Harz] ging ich im October 1812 nach –l-.
Die Vorträge von W. und E. gaben aufs meinem Geiste
und Gemüthe ganz was ich in dieser Beziehung bedurfte
und Entwickelten in meinem Gemüthe und Geiste immer
mehr die meine Überzeugung von dem innern, nachzuweisenden
und anschaubaren Zusammenhang aller cosmischen
Entwicklung.
Aber ich sahe auch ein daß der Mensch die absolute Einheit die Mannigfaltig[-]
keit der Dinge und Erscheinungen in der Einheit, erkennen könne, welcher
sich selbst in Einheit Stetigkeit entwickelt und so die Mannigfaltigkeit
der Erscheinungen seines Lebens Wirkens Denkens, Empfindens und
Darstellens in der Einheit seines Seyns und Wesens erkannt, wahr genommen
darstellt und sich zur Einsicht und Bewußtseyn gebracht habe; so kam ich aufs neue
zur Erziehung pp zurück.
Zur Sicherung meiner Subsistenz meines Unterhal-
tes gab ich an einer vielgenannten, sogenannten
Pestalozzischen Knabenerziehungsanstalt privat
Erziehungsanstalt Unterricht, außer der guten
der hinlänglichen Sicherung meines Unterhaltes
gab mir jedoch diese Beschäftigung für mich und mein
Streben, wenigstens positiv nichts, denn so wohl
den höheren Geist das höhere Streben als die Einheit
des Unterrichtes fand und sahe wenigstens ich auch
hier nicht, nur verneinend zeigte sie mir und so förderte diese Beschäftigung mein
inneres Leben wenig außer daß sie mir zeigte

mir durch vertrauende Selbstanwendung zeigte wie auch
in einigen Unterrichtszweigen sogenannte
Methodische Lehrweisen
auf dem eingeleiteten Ort Weg schlechterdings nicht im Geiste zu
eines ächt menschlichen entwickelnden Lehr<ganges ?> führten /
[31R]
und darum auch nicht zu einem sich lebendig und organisch sich
fortentwickelnden Ziele führten. G bey dem stetigen und lebendig
sich entwickelnden Unterricht u Lehr- u Erziehungsweise
die ich an der Hand der stetig u lebendig sich entwickelten
und entwickelnden Natur suchte konnte mir eine ge-
und zerstückte Lehrweise nicht genügen.
Jetzt war das verhängnißvolle Jahr 1813 er[-]
schienen alles griff und rief zu den Waffen
das Vaterland und [gegen] den Feind des Vaterlandes zu ver[-]
theidigen. Ich hatte wohl eine Heimath ein Geburtsland
ich könnte auch sagen ein Mutterland aber im eigentlichen Sinn
noch kein Vaterland. Dieß hatte ich nie <-> so Pr—se [sc.: Preuße] war
ich noch nicht und dieses dem Heimathlande war ich fern und ihm konnte meine Hülfe
konnte auch wenig fruchten keine äußere <geliebte> Verknüpfung <weckte>
mich da welche mich hätte zu den in die Reihe <->
so in
die Heimath konnte ich nicht die Heimath rufte mich nicht, Pr—e [sc.: Preuße] war
ich auch nicht [hatte] seit vielen Jahren ein in mich selbst zurück gezogenes nur dem Denken
u Erkennen u der Selbstdarstellung der Selbsterziehung gedachtes Leben geführt
so konnte der allgemeine Aufruf für die Waffen
wie er zu mir drang mich wenig begeistern und er begeisterte
mich nicht. Aber etwas anders war es was mich zwar nicht mit
Enthusiasmus aber mit einem felsenfesten Willen in die Reihe
der deutschen Krieger rief, es war das gefesselt das beengt
Fühlen des reinen deutschen Denken Einigkeit u Leben rein an sich nicht ge-
knüpft an einen Ort oder ein Land was ich in mir trug und von dem
ich wünschte daß es überall ohne Fessel pp. [ent]hemmt u frey sich
kund thun möge, etwas Besonderes die Festigkeit mit
welcher ich meinen Erzieher beruf und ihn in seinen Innerlichsten
festhielt; konnte ich nun von mir dort auch wirklich nicht sagen daß
ich ein Vaterland hatte so mußte ich mir doch gestehen, so sahe
ich doch daß ein jeder erziehende Mensch
daß jeder Knabe, daß jedes Kind,
was später zu erziehen sey vielleicht von mir zu erziehen sey und jetzt sein
ein Vaterland habe was jetzt Vertheidigung fordere und ein solches
dieß deßhalb jetzt und er selbst jetzt noch nicht vertheidigen könne;
es war mir nun gar nicht zu denken möglich wie ein jetzt Waffenfähiger
junger Mann jetzt oder später Erzieher seiner Sprach- u Denkgeborenen
dieser Kinder u Knaben werden könne, deren Heimathl[and] Vaterland er
jetzt nicht nicht mit seinem Blut u Leben vertheidigt habe; es war mir
gar nicht zu denken möglich
wie ein solcher nicht jetzt nicht in [in] den Krieg mitziehender junge Mann später
nur ohne schamroth zu werden und ohne sich dem Spott u der Verachtung
seiner Zögl[inge] Preis zu geben diese Zöglinge zu irgend etwas
Großen Aufopferung u Hingabe fordernden auffordern
könnte, dieß war das zweyte was mich unbeugsam
aber mit dem klarsten bestimmtesten Entschluß für den Krieg bestimmte.
Aber nach jeder Seite hin – so wollte es mein sich durch kein
äußeres Gebot u äußern Ruf zum Krieg verpflichtet, verbunden
fühlende Geist u Gemüth – sollte mein Entschluß in die
Reihe der deutschen Krieger unter Preußens Fahne zu [gehen] /
[32]
in mein [sc.: mir] ein klarer besonnen gefaßter Entschluß zu
seyn. Ich sahe und erkannte die Aufforderung den
Aufruf zum Krieg als ein Zeichen der allgemeinen
Noth der Menschen unter, des Landes und der Zeit, in welcher
ich lebte und ich fühlte daß es unwürdig und un[-]
männlich sey eine allgemeine Noth der Menschen, des
Landes u der Zeit in und unter welcher u welchen man
lebe nicht mit zu bekämpfen ich sahe ich erkannte daß
es unmännlich sey eine Allgemeine Gefahr, die Erfahrung
eines allgem[einen] Lebens[-] u Zeiten geschickes nicht zu theilen
ich erkannte daß ein Mensch u Mann dazu aufge-
fordert ihm diesem Rufe nicht folgend so eigent[ich]
sich selbst vernichte. An diesen Überzeugungen nun
scheiderte [sc.: scheiterte] alles was mich vom Kriege abhalten
konnte selbst die liebendsten Vorstellungen meiner
zu einer solchen Übung viel zu schwächlichen Körperconstitution Zu Kampfge-
nossen wählte ich L—er [sc.: Lützower] und Ostern 1813 traf
ich [in] D—n [sc.: Dresden] ein um mich mit ein[er] Gesammtheit welche
von B—lin kam zu verbinden um mich in Lpz [sc.: Leipzig] mit
der Infanterie-Abteilung des L[ützowschen] Corps zu vereinen.
Bey der Zurückgezogenheit (und dem) meiner in sich Abgeschlossenen (meiner)
Lebensweise war es natürlich, daß ich obgleich als wirklicher Stu-
dent immatriculirt, doch den Studierenden fern stand und ei[-]
gentlich keine Bekanntschaft unter denselben hatte, und so konnte ich denn
auch unter meinen künftigen Kampfgenossen, mit welchen ich in Dresden
zusammenkam, so viel sich auch Studirende aus Berlin unter denselben
befanden, keine Bekannte finden; - so wohl theils die Gesinnungen mit
welchen ich in den Krieg gezogen war, als theils auch das auf mich selbst
Zurückgezogene meines früheren Lebens mochten die wesentlich-
sten Gründe seyn, warum ich im Kriege obgleich mit allen andern
Kriegsgenossen bekannt, bis auf nur einige Wenige eigentlich
allein stand. Doch diese wenigen sollte ich dann auch sogleich mit
meinem Eintritt in mein Kriegerleben und sogleich an dem ersten
Tage desselben finden. Unser Führer M-- stellte mir gleich auch
bey der ersten Morgenrast nach unserm Ausmarsche aus Dresden
einen meiner Kriegsgenossen aus Erfurth als einen Thüringer und so[-]
mit als meinen Landmann vor, es war dieß Langethal, und so
vorübergehend diese Bekanntschaft auch für den Augenblick war
indem wir schnell wenig gegenseitige Berührungspunkte fanden indem er Theolog
war und ich sonst (keine Einheit) kein besonderes Gemeinsames für Erfurth und
Schwarzburg in mir trug so sollte diese Bekannt-
schaft doch eine so bleibende werden. Unser erstes Marsch[-]
und zugleich Rast Quartier war Meißen. Hatten wir uns schon
während des Marsches eines schönen frühlings Tages erfreut, so erfreuten
wir uns zur Rast eines noch schöneren Abends, und durch gleiches Leben
und gleiches Bedürfniß getrieben fand sich alles was Student war
und sich an diese anschloß wohl etl[iche] 20, auf einem freyen Platze am /
[32R]
Ufer der Elbe nächst einem öffentl[ichen] Gesellschaftshause zusammen
und bald vereinte uns alle, alter Meißner Wein
im frohen Kreise um eine lange Tafel, wo man sich eigentl[ich]
nun zuerst gegenseitig als Kampfgenossen u Kriegsgefährten
fand, begrüßte und verband. Hier war es wo auch Langethal
mir als seinen alten langen Berliner Universitäts Bekannten den
Middendorff einen jungen Theologen aus der Grafschaft Mark zuführte.
Froh bis zur Mitte einer schönen
klaren lauen Frühlingsnacht vereint besuchten wir am folgenden
Morgen den herrlichen Dom von Meißen, und so ward es in jeder
Rücksicht, in Hinsicht auf Zweck Ort u Umstände eine schöne sehr
schöne Zeit des ersten Findens von uns Dreyen die wir eigentlich
von dieser zeit u diesem Tage an für einen gemeinsamen Kampf
nun und fürs höhere Leben wenn auch nicht immer in gleich festem äußern
Lebensverband doch im Innern u Selbst Streben nach Selbsterziehung immer und bis auf
diesen Tag also nun fast 1 1/2 Jahrzehend <-> unzerrissen vereint blieben.
Beyde Langethal u Middendorff, hatten noch einen dritten
Freund unter unsern Kriegsgefährten B.— [sc.: Bauer] aus –l- [sc.: Berlin] auch mit diesem
wurde ich durch sie wie [ich] glaube schon in Meisen bekannt, doch fanden wir
uns eigentlich erst später in Havelberg an der Havel u Elbe
als Freunde zusammen, um auch von nun an wenn auch nicht in
gemeinsamkeit des äußern Lebens, doch des gleichen hohen Strebens
nach dem Höchsten u Besten geeint zu bleiben, und nach diesem
war eigentlich der engere u Freundes-
Kreis meiner Kriegsgenossen geschlossen, ob ich mich gleich sonst
später mit einigen sich der kunst gewidmeten jungen Männer mich sehr innig
u freundschaftl[ich] berührte und auch hier mich förderlich u bleibend dankbar
zusammendraf deren ich mich stets bleibend dankb[ar] erinnern werde
Die Art wie ich mein neues Kriegerleben betrachtete blieb
tief meiner bisherigen Leben[s-] u Denkweise getreu. Meine H[au]pt[-]
sorge war mich für meinen jetzigen Beruf einzuüben auszubilden
und so war eine meiner ersten Bemühungen mir die innere Nothwendig[-]
keit und Zusammenhang besonders der (kleinen) Dienst[-] u Übungs[-]
forderung klar zu machen was mir ohne Vorbildung für den Kriegsdienst von der mathematisch[-]
physikalischen Seite her sehr bald u leicht gelang und mich gegen
manche kleine Unzufriedenheit sicherte die andere leicht be[-]
fiel wenn sie meinten diese oder jene Übung oder Forderung
könne als dem Zwecke zu kleinlich leicht wegfallen. und
so war es denn daß mir, als wir nach geschlossen[em]
Waffenstillstand in H— [sc.: Havelberg] längere Zeit eingeübt wurden
mir diese Militärische Übung wegen ihrer nothwendigen Gesetz[-]
mäßigkeit Schärfe u Sicherheit der Ausführung wirklich
Freude machte. In der Durchschauung u Durchbildung <uns[r]er> bekannten
Nothwendigkeit sahe ich Freyheit.
Während des gedachten längern Aufenthaltes in H—stärkte
ich mein inneres Leben so weit es der Dienst gestattet[e] besonders durch
vieles u inniges Leben mit u in der frischen fröhlichen Natur, für deren
Schönheiten mir noch besonders das Lesen von G. Forsters
Reisen am Niederrhein den Sinn aufschloß. In diesem u
durch dieses Naturleben war es nun g[an]z besonders
wo wir genannten vier uns bald abwechselnd, bald
gemeinsam zusammenfanden.
Der Mensch wirkte trat mir durch unser das Freye des Kriegerlebens
besonders offen entgegen und so war denn auch der Mensch in seinem Treiben u Tun
und namentlich in Beziehung auf seinen höheren Beruf ein besonderer Gegenstand
meines Denkens. Der Mensch im Allgem[einen] und besonders in fremder u eigener
Erscheinung u Person war es denn auch und so Erziehung u besonders Selbsterziehung
war es denn auch was uns auf unser[n] Spatzirgängen u leben im Freyen oft u viel beschäftigte.
Besonders waren es diese Gespräche <-> natürl[ich] welche mich vorwaltend mit M— als dem
jüngeren unter uns 4 zusammenbrachte. [Randnotiz*-*] [*] Bald suchten wir es durch
dieß engere gemeinsame Zusammenfinden bestimmt es mögl[ich]
zu machen daß wir 3 von uns ein gemeinsames Quartier bekommen [sc.: bekamen] [*]
ja dadurch bestimmt es mögl[ich] zu machen suchten für längere Zeit
ein gemeinsames Quartier zu bekommen[.]

[33]
22 er Bogen
Am 23 en Julius 1827.
Da nach Zurückgetretenen Dienstübungen mich das Mathematische pp
derselben wenig mehr beschäftigte, so war meine Aufmerksamkeit
und inneres Leben besonders auf den Menschen u die Natur gewissen [sc.: gewiesen]
doch mehr in allgemeiner hier mehr in besonderer Rücksicht auf
die geringen Ergebnisse spärlicher geognostischer Be[ob]achtungen
dort besonders das Kriegerleben im allgemeinen u besonders unser Krieger[-]
leben auf die Entwicklung u Ausbildung des Menschen, und so war und
wurde mir unser bivouakirendes Kriegerleben besonders lieb
weil es mir viele Thatsachen der Geschichte klar machte u in das
Leben derselben einführte auch lehrte es mich durch das oft anhaltend höchstan[-]
greifende unserer Märsche u militärischen Thätigkeit das Wechsel[-]
verhältniß zwischen Geist u Körper mehr u mehr kennen. Es zeigte
mir wie der einzelne Mensch im Kriege im ächten Kriege sich wenig
gehört sondern nur dem Ganzen und daher soll er nicht verrohen vom G[an]zen auch wieder
getragen werden muß und darum
durch jenes [kann es] sich nicht gehören kostbar an Geiste innerm Leben u
moralischer Kraft niedergedrückt u vernichtet werden kann
wenn ihm nicht ein (äußerlich) (gemeinsam) haltendes gemeinsames Leben
entgegen kommt, was doch so selten der Fall ist.
Durch das Schicksal unseres Corps und durch vom eigentl[ichen]
Kriegsschauplatz verdrängt lebte war und bey doch höchst
bey dem doch höchst angreifenden unserer Militärischen Wirk[-]
samkeit lebten wir, wenigstens ich unser Kriegerleben wie
im Traum u hörten auch wenigstens ich von demselben nur wie
im Traum, regional bey Leipzig, bey Dahlenburg, bey Bremen
bey Berlin schien[en] wir zu erwachen doch nur um wieder in ein <schwaches>
Traumschloß zu versinken. Besonders war es für mich niederdrückend
u schwächend gar nie seine [sc.. des Corps] eigentliche Stellung und sein
persönliches Verhältniß zum großen Ganzen zu wissen u weder
sich über Gr[un]d noch Zweck aller meiner Thätigkeit irgend etwas
befriedigendes im Einzelnen u besondern sagen zu können. So war es
mir, andere mögen es anders u klarer gesehen haben; der Grund davon
mag auch wohl wie ich gleich Anfangs aussprach in dem g[an]zen Stand meiner
Lebens[-] u Kriegesansicht gelegen haben, ob sich diese gleich im
Verlaufe des wirklichen Kriegerlebens sehr in das landschaft
Interesse des deutschen Landes u deutschen Volkes herab<stieg>[.]
Aber überall soweit es mir die spätere Erschöpftheit und
Abgespanntheit u Abgestumpftheit mein[es] Geistes zuließ
trug ich mein[en] künftigen Erzieher beruf u meine Erzieher wirksamkeit
mit klarer Bestimmtheit mit mir herum selbst bis zu und in den wenigen Gefechten
hin an welchen wir Antheil nahmen um mir dadurch für
mein künftiges Leben Erfahrungen zu sammeln. So durchzog ich mit
dem Corps die Mark am letzten <August> die Priegnitz, das Mecklenb[urgische]
die Gebiete von Bremen u Hamburg Hollstein u von dort bis
endl[ich] im Jahr 1813 bis zum Rhein wo der Friede uns hinderte auf Paris zu
zu sehen und wir bis zur Auflösung des Corps in Flandern
den Niederlanden stationirt waren[.] Endl[ich] im
July 1813 wurde das Corps aufgelöst u jedem der nicht ferner
dienen wollte erlaubt in seine Heimath u [zu] seinem früheren
Beruf zurück zu kehren.
Beym Eintritt (ins Corps) unter Preußens Krieger war mir nicht nur wie jedem formell
u allgem[ein], sondern mir durch die Verwendung achtbarer Freunde
die beständige Versicherung einer AnsteIlung im pr[eußischen] Staate u
zwar als Gehül[fe] am König[lichen] Univers[itäts] Mus.[eum] der Univers. in Berlin Pr. W.
[sc.: Prof. Weiß]
zugesichert worden, dahin als dem nächsten Ort meiner Bestimmung wandte
ich den Weg. Den Rhein u Mayn wünschte ich zu sehen u meine Heimath, so ging
ich von Düsseldorf zurück nach Cöln und von da über Mainz Frankfurt
Meiningen Rudolstadt nach Berlin. /
[33R]
So hatte ich den ganzen Feldzug hindurch mit großer oder ger[in]gerer
Kraft in stetem innern Streben nach Einheit u LebensEinklang
hingebracht verlebt, doch was konnte mir das Kriegerleben dafür
im Äußern geben und im Bewußtseyn geben? –
Ich verließ das Heer u den Krieg mit einem solchen gänzlichen Ge[-]
fühl des Unbefriedigtseyns daß ich mir es nicht einmal be-
wußt wurde und im Worte aussprechen konnte doch
die innere namenlose Sehnsucht nach Einheit u Einklang,
nach Klarheit u innern Friede[n] war so gewaltig daß <es> sich nicht in Worte aus[-]
sprechen konnte [sc.: ließ] sich wie selbst unbewußt
in Bild u Gestalt hervordrängte. In Innerer mir unbe[-]
wußter bänglicher Sehnsucht hatte ich auf meiner Heimkehr
manche schöne Gegend und manchen Garten durchstreift, aber
immer unbefriedigt war ich von dannen gezogen, da trat ich
in –f- [sc.: Frankfurt] in einen nicht kleinen Gar mit dem mannigfaltigsten Schönen
geschmückten Garten so wie es mir nur vergönnt war durchlief ich suchen[d]
u schauend den g[an]zen Garten ich betrachtete alle die frischen kräftigen Gewächse
und frischen Blumen die er bot aber das Schauen u<Finden> konnte gab meinem
Innern [kein] Genüge als ich nun <-> zurückkehrend zur Gesellschaft
alle die Mannigfaltigen Schönheiten des Gartens wie in einem Blick über[-]
schaute
vor die Seele traten da viel [sc.: fiel] es mir wie höchlichst auf
daß ich unter diesem vielen Schönen doch keine Lilie im Garten fand; ich fragte den Besit[zer]
des Garten haben sie [sc.: Sie] keine Lilie in ihrem [sc.: Ihrem] Garten und man erwider[-]
te mir ruhig nein! Da ich mich darüber verwundernd äußerte
sagte man mir eben so ruhig daß man sie noch nie im
Garten vermißt habe; aber ich wußte nun was ich
vermißte u suchte: wie hätte mein Inneres mir <schöner>
im Worte schöner aussprechen können: Du suchst des Herzens
stillen Frieden des Lebens Einklang, der Seele Klarheit
als in dem Bilde der stillen klaren einfachen Lilie.
Der Garten in seiner schönen Mannigfaltigkeit ohne Lilie erschien
mir wie das sich vor mir vorüberbewegend[e] bunte Leben ohne
Einheit u Einklang.
Am andern Tage sahe ich bey einem Spazirgang köstl[ich] Blühende Lilien in einem
HausGarten auf dem Lande, groß war da meine Freude, doch
aber sie waren durch einen Zaun von mir getrennt. Doch später
lösete sich mir auch dieß, und bis zu dieser Lösung trat
mir Bild u Sehnsucht wieder im Bewußtseyn zurück
eines muß ich nur noch bemerken daß an in demselben Orte
wo ich die Lilie im Garten suchte die Kindheit aus
dem Lebensgewühl besonders in einem 3jährigen Knaben vertrauend an
mich anschloß.
Ich eilte nun zu dem Orte meiner nächsten künftigen Bestimmung u näch[-]
sten berufe.Wie mannigfaltig auch wieder die
verschiedenen äußeren Lebenserscheinungenbegegnisse von nun an wieder in mein
inneres Leben eingriffen, da dasselbe selbst wieder eine
eigene persönliche Gestalt für sich gewonnnen hatte und wie be[-]
stimmend auch einige meinem Leben wieder seine ihm eigene und
höchste Richtung gaben, so übergehe ich sie doch da ich um sie in
ihrem Zusammenhange darzustellen zu weit in meinem Leben zurückgehen
und es in einem größern Umfange als mir diese Andeutungen verstatten
auffassen müßte
[34R]
In den ersten Tagen des Monats August 1814 kam ich nach B— [Berlin] und
erhielt auch meine Anstellung in der mir bestimmten Stelle
als Gehülfe in dem k[öni]gl mineral. M. der Universi[tät] Die mir durch
diese Anstellung obliegenden Geschäfte
brachten mich fast den ganzen den größten Teil des Tages mit diesen stummen
Zeugen einer stillen tausend[-] und tausend[-] u wieder tausendfachen
schaffenden Thätigkeit Wirksamkeit der Natur, und den Erzeugnissen derselben
abgeschloss[en] in einem geräuschlosen Raume zusammen. Überall fand hier die
längst angeregte Ahnung u Überzeugung, daß überall selbst in diesen
von ihren ursprünglichen Lagerstätten u Geburtsstätten abgerissenen
so genannten todten Steinen u Massen noch, so wie sie eine Raum
u Anreiz gewinnen[de] fortentwickelnde Thätigkeit u Wirksamkeit statt
fände vielseitig auf das sprechendste ihre Nahrung, Bestätigung
u weitere Entwickelung, Ausbildung. In der Mannigfaltigkeit der
Formen u Gestalten ahnete u erkannte, sahe ich ein auf das verschiedenste modivizirte
und individualisirtes Gesetz der Entwicklung u Gestaltung alles
was ich in G[öttingen] als Bestätigung der <or[ganisch]> geistigen Entwicklung auch
im Äußern zu schauen geahnet u geahnet {ge/erkannt} hatte tratt [sc.: trat] mir
hier in hundert u [abermals] hundert Erscheinungen entgegen. Was ich so vielseitig
im Großen im Leben des Menschen in dem Gang Gottes für Entwicklung des Menschenge[-]
schlechtes gesehen u erkannt hatte dieselben Gesetze u Erscheinungen traten
mir hier in der kleinsten Festgestalt der nur wirkenden
Naturgegenst[än]de entgegen da trat es mir denn, wie noch nie
vor die Seele, das Göttliche ist nicht nur das Größte, nein das
Göttliche ist auch das Kleinste erscheint in g[an]zer Fülle Wesen u
Kraft im Kleinsten, und nun waren mir meine Irden u die
Festgestalten ein Spiegel für die Menschen[-] und Menschheits[-]
Entwicklung u deren Geschichte wie für Entwicklung des Einzelnen Menschen
u dessen Geschichte. Da fing es schon gewaltig an sich [in mir] zu regen
doch was ich jetzt nur noch unbestimmt erkannte sollte ich
bald bestimmter sehen u schauen.
Die Krystallographie, die höhere Kunde der Festgestalten
– die Geognosie, die höhere Kunde der Erdbildungsge[-]
setze vom einenden Geiste vorgetragen von einem einenden Geiste erkannt
öffneten mir noch einen höhern Kreis der Einsicht u Erkenntniß
aber auch höhere Ziel[e] des Suchens Ahnens Strebens. Die
Natur in ihrem nur wirkenden und nur wirkend sich in Fest[-]
gestalten bildenden Gegenst[än]den und der Mensch scheinen sich nun
gegenseitig wenn auch auf so höchst verschiedenen Stufen der
Entwickelung, gegenseitig zu erklären, und der Mensch dur[ch]
die Kenntniß u das <Streben> der <immer> wirkenden Naturgegenst[ände]
eben wegen der so großen innern Verschiedenheit zu[r] Selbst[-]
u Lebenskenntniß zur Selbst[-] und Lebensdarstellung ein
Fundament, einen Führer zu bekommen, wie ihn nicht sonst
in der Natur in dieser Ruhe, dieser Sicherheit dieser Anschau[-] /
[34R]
barkeit u Klarheit gab; was ich auf der Stufe der nur
wirkenden Naturgegenst[än]de so klar erkannte, sahe ich bald
auch im Gebiete der lebenden Naturgegenst[än]de, der Pflanzen
der Gewächse so weit diese meiner Einsicht offen lagen
und in dem geringen Bereiche meiner Kunde von in dem
Gebiete der lebendigen Naturgegenst[än]de. Ich war daher
bald durchdrungen von dem Gedanken u ging in dem Gedanken g[an]z auf
daß es für den Menschen zu seiner Entwicklung und
Ausbildung, zur sichern u klaren Erreichung seiner Bestimmung u Er[-]
füllung seines Berufes über alles wichtig seyn müsse
nicht allein über diese zwar in verschiedenen Steigerungsgraden (Potenzen)
Dignität aber im g[an]zen Gebiete des Lebens, im G[an]zen
Gebiete der Darstellung des Lebens am Stoffe u im Raume
u Zeit statt findende Einheit der Entwicklung, Ausbildung
u Darlebung des Lebens, des Innern am Äußern
und durch das Äußere nicht allein überhaupt belehrt
sondern besonders auch durch Anschauung in u an der
Natur u den Naturgegenständen gebildet u befestigt
zu seyn. Ich faßte daher für einige Zeit den Entschluß
u Vorsatz mich dem höheren Lehrer beruf u [-] fach zu
widmen, mich für den Lehrer berufe an höheren Lehran[-]
stalten auszubilden doch fühlte ich da bald einen
doppelten ein[en] zwiefachen Mangel von dem mich der
letztere überwand noch mehr davon abbrachte als
der erste, erstl[ich] der Mangel an eigentl[ich]er gelehrter u
classischer u Kastenbildung, dann im Allgemeinen der Mangel an gehöriger
Vorbildung für höhere Naturkunde Naturkunde im Allgemeinen, so der Mangel
an Liebe dazu der Mangel an Interesse daran unter den Studierenden[.]
Ich erkannte ein bald ein Zweyfaches einmal daß der Mensch für
zu solcher hohe[n] Kenntniß u Ansicht der Natur von frühe an geleitet für dieselbe er[-]
zogen werden müsse, dann daß der Mensch nach so allgem[einen]
sich so durch alle Stufen der Lebensentwicklung hindurch bestätigend[en]
Lebens Entwicklungsgesetzen erzogen, nothwendig in
Stetigkeit Klarheit u Sicherheit seinem Ziele,
seinem Berufe u seiner Bestimmung entgegen gehen,
daß er so und dadurch für von einer unaussprechlichen
Menge Leben Kraft u Zeit raubender Mißgriffe
u Verirrungen behütet werden müsse und so stand
der Vorsatz felsenfest in mir mich von neuem
g[an]z u für immer der Menschenerziehung nach den überall wo Leben
sich regt aussprechenden Lebens Entwicklungsgesetzen zu widmen /
[Randnotiz*-*]
[*] Die <gewalt> der Festgest[alten]
Weiß Ansicht genügt nicht
geht von der Mannigfaltigkeit aus
auch Sprachwelt = xxwelt [*]
[35]
23 a Bogen
Was aber auch immer die vortrefflichen Vorlesungen über
Mineralogie Krystallographie u Geognosie pp über die Einheit der Natur
und ihrer Gestaltungen mir vorführten so lag doch eine
noch höhere u Größere vor meinem Geiste indem es um
nur eines zu erwähnen mir immer höchst unbefriedigend
war in der Ableitung der Formen Gestalten von einer Mehrheit der
Grundformen ausgehen zu sehen. Jene höhere u höchste
alles einende Einheit zunächst der äußeren Formen mir zur
so zur Einsicht Anschauung Nachweisung zu bringen daß es mir
gelänge alle andern Formen daraus abzuleiten dieses
Streben war jetzt das Ziel (die Seele) meines Strebens u Den[-]
kens. Da ich aber die Gestaltungs gesetze nicht allein im auf
das Gebiet der Natur, der Festgestalten, sondern
auch namentlich in dem Gebiete [der] Sprache für wahr erkannte
so beschäftigte mich zugl[eich] eine höhere u physikalische Ansicht
der Sprache. Es traten mir nämlich von neuem die besonders
seit meinem langen Aufenthalt in der Schweiz seit 1809
erkannten u gepflegten Wahrnehmungen in der Sprache entgegen daß die hörbaren Töne
a o u e i ä au ei gleichsam der Kraft dem Geiste der Seele des Innern, die
Tonbildner (deren Zeichen die Consonanten) das Äußere gleichsam
dem Stoff, dem Körper {bezeichnen/entsprächen}, da aber alle
Gegensätze im Leben wie in der Natur nur beziehungs[-]
weise Gegensätze sind, und innerhalb jedem Kreise
oder Sphäre wieder dieselben Gegensätze statt
finden, so lehrte mich die Sprache, das [sc.: daß] innerhalb
der Sphäre der Töne dem Ausdruck des Innern
wieder beziehungsweise die Gegensätze von Innen
u außen statt finden so [bezeichnet] z. B. der Ton i das
Absolut innere oder die Mitte, der Ton a das abso[-]
lut äußere oder das Materiale; der Ton e das Leben
an sich, der Ton u das Wesen, der Ton o das in sich
Abgeschlossene alles innerhalb der Sphäre der Töne[.]
Innerhalb der Sphäre der Tonbildner, die Laute
l m r pp und die Schlüsse b p d t die verschiedenen
Beziehungen von Ruhe u Bewegung und der Bewegung
Einheit Mannigfaltigkeit, wie z. B. r äußere
l. innere Bewegung. Aber nicht allein die Sprache
als Darstellungs Stoff u Materiale sondern auch die
Sprache als Inbegriff von Gestaltungen u Darstellungen
von gestaltetem u dargestelltem Leben erkannte ich als
allgemeinen hohen Darstellungsgesetzen unterworfen, sie u durch sie /
[35R]
besonders ein[en] nothwendigen Lehrgang für die classischen
Sprachen kennen zu lernen kehrte ich selbst in dieser Zeit zum Lernen u
Studium der classischen Sprachen zurück indem ich unter Leitung
eines gewandten Lehrers anfing mit mir selbst den Weg des Unter[-]
richts für classische Sprache zu betreten den ich über[-]
haupt im Lehren zu gehen für <we> nothwendig hielt.
Seit dieser Zeit bezog ich nun alle meine Innere Wirk[-]
samkeit auf Erziehung wozufür mich noch mehr die kritischen
scharfen Vorlesungen S— [sc.: Schleiermachers] über die Geschichte der alten Philosophie
bestimmten indem aus den selben für mich immer klarer
die Überzeugung {des in sich Gegründetseyns / der in sich Gegründetheit} meiner Naturan[-]
sicht u Menschenentwicklungsgangesgesetze mir hervorging[.]
Aber wie meine die künftigen Thätigkeits Richtungen {mehr/viel}seitig waren so war
auch mein Erregtwerden für Erziehung besonders für begründenden allgemeinen
Knabenunterricht Lehre u Unterricht
mehr[-] u vielseitig.
[Randnotiz*-*]
[*] 24 I = 6 I <8> 2
     13 I = 4 I 3 2
------------------------
     72 = 9 I 24 6
     24 = 6 I
----------------------
    312 = <26> = 15 = 6

19 = 10 I 9
23 =   5 I 6
------------------
57      5     5=9
35
-------
437 = 4 [*]
Durch die Beschäftigung mit der dynamisch und chemischma[-]
th[em]atischen Seite der Natur war ich wieder auf die besondere
Beachtung der Zahlgesetze besonders in so fern sie durch Ziffern
ausgedrückt werden aufmerksamkeit geworden und
hier namentlich wieder auf eine als <früher> so <gering> zu beachtende
u weiter auszubildende ganz eigene höhere früher
Ansicht der Zahl vor einigen Jahren
von einer erkannten Ansicht der Zahl Seite der Zahl dieser
besonders der Ziffer erkannt. Es ist dieß die Betrachtung
des Zahlensinnes in Horizontaler oder Seitenrichtung. Diese Be-
trachtung der Zahl führt zuletzt zu sehr einfachen Grundanschau[ungen]
u Grunderscheinungen, die nicht allein angewand[t] überall wo von Erscheinungen
in Gestalt und Form die Rede ist so in dem Gestaltenreich der Natur
als auch besonders angewandt auf das Entwicklungs[-] und
Erziehungsgeschäfte des Menschen zeigen und daß auch nothwendig in diesem
Geschäftswesen völlige Einfachheit Nothwendigkeit und Sicherheit herrschen müsse und demselben
zu geben seyn müsse. Der Zusammenhang dieser eigenthümlichen
Erscheinungen war mir auch in mir ganz nachweislich klar in dem einmal die Zahl einmal
als Wirkung der Kraftäußerung, dann aber auch in menschlicher
Beziehung als ein Aussdruck menschlicher Denkgesetze be[-]
trachtet werden kann.
Diese mir so von allen Seiten von der durch die Natur wie durch die
Geschichte durch das Eigene Leben wie durch die Wissenschaft u hier durch die reinen
Wissenschaft Denk[-] wie durch die Erfahrungs
Wissenschaften entgegentretende u sich mir aussprechende
Einheit Einfachheit Nothwendigkeit u Klarheit der
Menschenentwicklung u Menschenerziehung erfüllt mich
mit dem unbesiegbaren Drang für Ausübung Darstellung u
Darlebung jener Einheit u Einfachheit der Menschheits[-]
entwicklung mit aller meiner Kraft durch Erziehung zu wirken.
[36]
23 b Bogen
Durch eine ich möchte sagen menschlichere, genetische, zusammenhängende Behandlung
und Beachtung der Wissenschaft der Erziehungs- und
Lehrgegenstände sahe ich die Erziehung wie die Wissen-
schaft gewinnen. Zu dieser Überzeugung wurde ich noch
durch andere Veranlassungen geführt es war diese [:]
Obgleich die genannten Freunde L. M. B. und ich während
des ganzen Krieges nicht allein bey demselben Corps sondern auch
in dem gleichen Bataillon durchmachten dienten, so waren
wir doch in der letzten Zeit besonders durch die Art der Ein-
quartierung in den Niederlanden sehr getrennt worden, so
daß wenigstens ich bey Auflösung des Korps nicht mal
wußte nach welcher Gegend hin sich die Freunde L u M
gewandt hatte[n]. Da war es mir nun eine unerwartet[e] Fr[eu]de
als ich uns nach einigen Wochen oder Monaten Rückkehr sämtl
in B[erlin] zusammen fand. Doch Meine Freunde setzten sehr
ernstl ihre Studien, die Theologie, so wie ich das Natur-
studium fort und so fanden sich Anfangs wenige Berührungen zwischen
uns. So mogten wohl in nur äußerlich freundlicher Begrüßung und nur seltenen bestimmtern Gemeinsamen Leben {mehrere/einige} Monate verflossen seyn doch doch [2x] bald dann
fand sich das gegenseitige persönliche Interesse immer Lebendiger <thätiger werden[d]
was noch durch verschiedene kleine Lebensbegegnisse
gemeinsamen Tisch, gemeinsame Collegien belebt wurde
besonders aber durch den KriegsAufruf der Freywillgen für
den französischen Krieg 1815. Daß auch wir
natürlich
Wie hätte es anders seyn können, als daß auch wir
sämtl uns wieder als Freywillige meldeten um so mehr
als nach unserer früheren Stellung und des Königs Willen wir unmittelbar als Officire ein[-]
traten und bald hatte jeder von uns sein bestimmtes Regi-
ment dem er zuertheilt worden war. Doch da sich der
Freywilligen in solcher Menge meldeten daß weder Staats-
diener nöthig hatten aus ihrem Posten zu treten noch Studirende abermals ihre wieder be-
gonnenen Studien zu unterbrechen so hieß eine Dienst setzende
Verordnung uns nach wie wir in unsern Lebenssphären
ungestöhrt verbleiben [sollten] M. seines baldigen Abgangs
zur Armee gewiß, wollte auf die noch kurze Zeit seines
Aufenthalts in –l- [sc.: Berlin] sich nicht erst eine Wohnung miethen u da ich
als Einzelner junger M eine verhältnißmäßig große für 2 gut ausreichende
Wohnung hatte so trug ich ihm gern an die meine mit ihm zu theilen /
[36R]
für diese Zeit zu theilen, aber jetzt da er wie ich zurück blieb
[waren] wir mehrere Monate gemeinsame Stubengenossen.
Anfangs jedoch schien uns dieß bey der Verschiedenheit
unserer Lebensrichtungen u Studien wenig näher zu bringen
doch bald zeigte sich eine um so größere Annäherung. L[angethal] u M[iddendorff]
hatten obgl noch Studirende doch für Sicherung ihrer <Erlöse>
ihrer Subsistenz bey zugl in zwey Familie[n] Hauslehrer-
Stellen angenommen doch so daß ihnen die Besuche ihrer Vor-
lesungen dabey un verkürzt waren. So einfach Ihnen [sc.: ihnen]
nun das übernommene Geschäfte Anfangs schien, so fühlten
beyde doch bald in sich manche (Mängel) Lücken so wohl
in Hinsicht auf Unterricht als auf Knabenführung besonders
in Beziehung auf die jungen ihrer Pflege anvertrauten
Kinder. Da wir uns nun wohl früher schon Unterricht
der ein Gegenstand unseres Gespräches gewesen war u sie wußten
daß ich mich gern darüber mittheilte so wandten auch
sie sich jetzt um Belehrung dafür an mich besonders in
Beziehung auf den Unterricht in dem Mathematischen und
Rechnen, und ich verstand mich nun dazu ihnen wöchentlich
während 2 Stunden ordentl darinne Unterricht zu [geben.]
Von diesem Augenblick an nun war der gegenseitige Verkehr
wieder lebhaft und bleibend.