Briefausgabe Friedrich FröbelBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung / Fröbel-Forschungsstelle der Universität Duisburg-Essen

F. an Hofrat und Leibarzt Dr. Hohnbaum in Hildburghausen v. 5.11.1827 (Keilhau)


F. an Hofrat und Leibarzt Dr. Hohnbaum in Hildburghausen v. 5.11.1827 (Keilhau)
(Undat. Entwurfsfragment im BN 707a, Bl 87-88, 1 B 4° 4 S; Reinschrift im BN 488, Bl 24-34, 5 ½ B 22 S., Abschrift/Handschrift Barops, mglw. von F. diktiert: s. Anfang des Briefs v. 11.11./14.11.1827; Korrekturen mglw. v. F. BN 488, Bl 10-23 = 5 ½ B 4° 22 S. textidentische Abschrift von unbekannter Hand. Vgl. Entwurf-Reinschrift: 1. Abschn./87 = 27V Schluß/27R Anfang; 2. Abschn./87V Schluß/87R/88V = 27R Schluß/28V/28R Anfang; 88R = 33, 2. Hälfte Zit. Pösche 1887, 2 [aus 30R u. 31VR] u. Weise 1918, 137 aus 26R;)

a) Entwurf

Nicht die Methode, die Gesinnungen machen es, die Gesetze
in Beziehung auf Zögling u Erzieher Lehrer
die Erziehung muß an das Höchste anknüpfen sie muß <oft >
Kenntnisse Fertigkeiten anzuregen suchen besteht keinesweges darinn äußere anzuler[nen]
darinne den gzen Menschen thatkräftig
werkthätig (praktisch) zu erregen
in Einigung mit den allgemeinen Entwicklungsgesetzen
im All so wie [sie] sich besonders auf <wesen[t]liche> Weise
in den Erdverhältnissen aussprechen und
ihnen förderlich zu handeln zu schaffen zu wirken[.]
=
Wenn ich sage die neue Erziehung muß rein der best[ehen]den
Entgegengesetzt seyn, so heißt dieß keinesweges
das [sc.: daß] alles bestehende (umgeändert, gewandelt
verbessert ausgeflickt) verworfen werden
soll keinesweges; aber ebenso wenig als
es noch genügendes u entsprechendes den Menschen/
[87R]
erspriesliches, die Stufe der MenschheitsEntwicklung förderndes
dad[urc]h geschieht das [sc.: daß] alles umgewandelt zerbrochen
umgemodelt auf ein edles Kleid ein neuer Lappe[n]
aufgeflickt werde, eben so wenig geschieht
der Menschheitsentwickelung Genügendes ja angemessenes u erspriesliches förderliches wenn das alte
mit eins überall
Verunst[alt]et wird,
nein! - Das alte soll aber unter Aufsicht
u mit Beachtung sich ausleben ableben; neben dem
alten soll sich das neue entwickeln, die
Natur lehrt es uns d[urc]h jeden Baum in jedem Herbst
neben dem noch stehenden aber bald abfallenden
Blatte entwickelt sich unbemerkt die neue <Trag[-]>
knospe fürs künftige Jahr - so soll auch
die neue Erziehung still und unbemerkt aber in
Liebe treue Hingabe Anfang[s] streng neben /
[88]
der Alten [sich] entfalten u entwickeln, die Alte
das Alte wird nach ewigen Gesetzen der Natur
seinen Tribut beziehen u d[urc]h sich selbst die
Reife seiner Entwicklung rc in sich u d[urc]h sich
selbst zerfallen - Darum kann der über
Zeit u Raum stehende Menschheitsfreund der
ächte Menschheitssohn g[an]z richtig sagen, das
Rechte das Gute u Wahre wird der Menschh[eit]
gewiß so kommen, <N[icht]s> wird es ihm rauben,
Aber der Menschheitsfreund der Menschheits Sohn
Jesu Menschenfreund, ist Sohn seines Vaterlandes
seiner Zeit u seines Geschlechtes, darum mensch[-] u <[himmel-]>
treuer u dankbarer Sohn, daß jene Güte seinem
Geschlecht, Volk Vaterland u seiner Zeit komme.
Die herrliche Erklärung Luthers findet auch hier ihre
Anwendung u klärt auf - Gottes Reich aber /
sehen Sie hochgeehrtester Herr u Freund, sehen sie [sc: Sie] als liebender
u Sorgsamer Vater glücklicher Kinder u so als
Mittelpunkt eines g[an]zen künftigen Geschlechtes (=
welches ich mich nicht einmal erfreue u so aus
noch höhern Gr[ün]den handeln muß da ich Kinderloser
Mann bin =) doch Umdeutung der Gründe meines
Handelns ich fliehe nicht Schätze - ich fürchte das
        Alter n[ich]t, sammle n[ich]t fürs Alter
Warum als Kleine keine Fürsten[?]
Aus Kleinem das Große - das Kleine <bringt>
<viel Nutzen>.
Historie Geschichte Herzogs von Sachsen
Immer in der Mitte. Wir Mitte Deutsch[lands]
Deutsch u Mitte Europa so hier Gründe meines
Handelns
Von einem jungen Fürsten erwartet man neues
hohes Großes nimmt es unterstes prüfend auf
keine Mistificationen liegen meinem Handeln zum Grund
keine Schwärmereien
[87]
[Schluß auf Rand von 87] Geben Sie ein kleines Neues keine Mittel aber ein <Fürstl Handeln>
kann Fürst bringen, das Fürsten Auge ist für das
Volk <Sicherste> eine Menschensumme.

b) Abschrift

[24]
Keilhau den 5ten November 1827.


An den Herrn Leibmedicus und Hofrath Dr Hohnbaum.
Hochgeehrtester Herr!

Wie Ihre ersten freundlichen und offenen Mittheilungen unsers schriftlichen
Verkehrs mich mit besonderer Liebe und Achtung erfüllten, so wurden
diese durch die rege und warme Theilnahme bey Ihrer persönlichen
Anwesenheit bey uns, welche Sie nicht sowohl meinem persönlichen
Wirken und Streben als vielmehr dem Wirken und Bestreben für
allgemeine Menschenerziehung bewiesen, zu besonderer Achtung und
Vertrauen erhöht. Mögen Sie darin den Grund nachstehender
offenen und freyen Mittheilungen finden.
Jene Ihre innige und wahre Theilnahme, die sich mir so bestimmt
aus Ihren Äußerungen aussprach, ist mir ein wiederkehrender
Beweis, daß dem sinn- und geistvollen Manne und besonders Vater,
dem durch sein Geschäft und Lebensberuf nicht nur der innre und
äußere Mensch sondern die ganze Natur nahe steht, nichts wahr-
haft höher stehen und seyn kann, als wahre menschenwürdige Erziehung[.]
Möge mir darum besondere Nachsicht werden, daß ich mit
Nachstehendem mich an Sie wende, und dieß um so mehr, wie ich
ahnde und höre, Ihr strebender Landesfürst Sie wohl eben aus diesen Grün-
den mit seinem besondern Vertrauen beehrt. Doch zur Sache. /
[24R]
Kein ächt und wahrhaft wirkender Mensch und Mann, in welchem Fach es auch nur immer sey, giebt
oder nimmt sich seinen Beruf. Er findet ihn, er ist und wird ihm gegeben, er kann ihn nur erkennen
u erfüllen. Schon das Empfangenhaben des Berufes fordert dessen Erfüllung; aber noch in
bey weitem höhern Maaße das Erkannthaben desselben, und mit dem Empfangen- und
Erkannthaben des Berufes sind zugleich die Wege und Mittel unabänderlich vorge-
schrieben, welche nothwendig und gewiß zum Ziele führen, und es bleibt nichts übrig
als ihnen treu und fest nachzugehen.
Ich bin Erzieher, habe mir aber auch meinen Beruf nicht willkührlich genommen, muß
darum auch ruhig und fest dem nachgehen, was mir als unerläßlich obliegt: ["]Eine edlere
menschenwürdigere Erziehung sollst du erwecken und begründen", dieß ist der
Ruf meines Herzens und Gemüthes. Ihm muß ich folgen, es ist das Leben, was in
dem Herzpunkte meines Lebensbaumes treibt. Aber es geht mir wie dem Baume
auf steinigem Boden und felsigem Grund; ich muß meine Wurzeln weit über
diesen steinigen Boden und Grund wegtreiben, damit sie Säfte finden, daß sie den
Baum emportreiben in Licht und Klarheit, daß er erkannt werde in seinem Wesen
und in seinen Früchten, die Leben und Genesung geben werden allen denen, die
sie reif brechen.
Welch einen höhern Namen man auch einem Fürsten zu geben versuchen möge, es giebt
gewiß keinen höhern u kann kein höherer erfunden werden, als der eines Vaters
eines Landesvaters. Und wie man auch das Verhältniß aller derer, über denen sein
väterliches Auge schützend ruht, bezeichnen möge, es giebt kein Wort das dieses
Verhältniß richtiger bezeichnet, als das der Kinder, der Landeskinder. Wie nun
ein Vater, auch wenn er sich in seinem erweitertem Verhältniß als Landeskind sieht,
und eben auch darum kein höheres Streben kennt, als seine Kinder menschenwürdig zu erziehen,
so /
[25]
kann auch kein Fürst, auch wenn er sich in seinem höhern und höchsten Verhältniß zu Gott sieht
und zur Menschheit sieht, und eben darum keinen höhern Beruf und Streben erkennen als
den, die Kinder seines Landes, seine Landeskinder, menschenwürdig zu erziehen.
Was ich theils durch Sie selbst, hochgeehrtester Herr Leibmedicus, und vorher und nachher
ununterbrochen bis zur jetzigen Zeit, von dem Streben Ihres Landesfürsten, ich möchte
gern sagen, Ihres jungen Landesvaters, höre, bestätigt mir das Gesagte; denn ich
höre, wenn die Sage nicht ganz täuscht, daß er mit fürstlichem Eifer und männ-
lichem Muthe das Wohl seines Landes und seiner Unterthanen, ich sagte lieber,
wenn es nicht noch zu ferne läge, seiner Landeskinder erstrebt.
Jene Ihre Mittheilungen und diese Sagen greifen aber so erregend, auf[-] und anfor-
dernd in das Innerste meines Lebens ein, daß, wie man es auch nehmen, und was
man darüber meinen möge, ich mich in höherm Sinn und höherer Bedeutung ge-
drungen fühle, Ihnen, dem, wie ich wiederkehrend höre, sich des Fürsten Ver-
trauen Erfreuenden, alles das mitzutheilen, was sich mir dem seit mehr als zwanzig
Jahren als Erzieher Andrer und von dem frühesten Knabenalter an als Selbster-
zieher darüber im Innern und durch die Erfahrung kund gethan und bewährt
hat, und dieß eigentlich um so mehr, als ein Fürst, als Ihr Fürst in einem
doppelt väterlichen Verhältnisse dasteht, als Vater seiner Familie und als Vater
seines Volkes.
Ein Vater aber, so lehrt mich das Innre, und so bestätigt mir fortgehend die
äußere Erfahrung des Lebens, dem es um wahrhafte Erziehung seiner Kinder, seiner Söhne
zu thun ist, kann nur nach Maaßgabe seines sich vorgesteckten Zieles in dem Maaße der Erreichung
desselben gewiß seyn, als er zu gleicher Zeit auf die Erziehung u Bildung der seine Kinder, seine
Söhne /
[25R]
Umgebenden wirkt, als er in einer gewissen Hinsicht diese erzieht. Ein Fürst darum, der zugleich als
ein Familienvater dasteht, hat eine doppelte Aufforderung für die Erziehung seines Volkes, der
Glieder seines Volkes, in allen Classen auf das ernstlichste zu sorgen, damit jetzt u künftig
seine Kinder u Söhne sich solcher Umgebung, u solcher Ein- und Mitwirkungen erfreuen mögen,
wodurch es ihnen, wie jetzt schon annähernd dem Vater, so besonders aber ihnen möglich werde,
ihre M[en]schheit in höherer Klarheit kund zu thun u darzuleben. Und so finden wir uns
dadurch gleich im Anfange und in der Mitte aller Erziehungsgesetze: im Leben, in der Ent-
wicklung des Menschen und der Natur ist Alles in einem innigen ungestückten Zu-
sammenhang; die ächte, die menschenwürdige Erziehung besteht darin, daß der Mensch
nicht allein in diesem ungestückten Zusammenhange herauferzogen u ausgebildet,
sondern auch, daß er sich dieses lebendigen Zusammenhangs bewußt werde u dem-
selben getreu empfinde, denke, handle u schaffe; nicht aber besteht die wahre
Menschenerziehung darin, daß sich der Mensch eine Summe von Mannichfaltig-
keiten, größer oder geringer, sich von außen aneigne und, höchstens in sich etwas
umgewandelt u anders verknüpft, wieder außer sich darstelle;
wie jedes in der Natur, nach welchem Grade u in welchem Umfange es auch im-
mer sey, die gesammten oder die Einheit der Naturgesetze auf eine einzelne
u eigenthümliche Weise in sich u außer sich darstellt, so soll auch der
Mensch auf der niedrigsten Stufe s[einer] Entwicklung, auch in dem kleinsten Kreise seiner
Thätigkeit, also für welchen geringen Gerad u Umfang seiner Bildung es
auch immer sey, in einer gewißen Beziehung die gesammte Wesenheit des Menschen
auf eine einzelne eigenthümliche u persönliche Art darstellen;
/
[26]
wie die Natur überall in ihrer Wirksamkeit ein stetiges Ganze ist, so ist sie
auch in derselben u durch dieselbe überall zugleich That u Thun, u so soll auch die
Erziehung des Menschen, wie sie gleich der Natur ein stetiges Ganze seyn soll, mit Schaffen
Thun u That beginnen, und so an der Hand des Erfahrens empor steigen zum Erken-
nen, Wissen, Bewußtseyn.
Hierdurch ist nun zugleich der Anfang u die Form der ersten Erziehung gegeben.
Doch da die Menschenerziehung, das erste Erziehungsgeschäft nicht tief u bestimmt genug
erfaßt, nicht tief u bestimmt genug in den allgemeinen Entwicklungsgesetzen des
Wesens erfaßt u erkannt werden kann u nicht zu bestimmt in klarer Nothwendigkeit
daraus entwickelt, so müßten vorher noch einige Sätze ausgesprochen werden, die
mit in sich selbst ruhender Begründetheit in Natur u Lebensentwicklung sich
aussprechen.
Wie alle Dinge nach einem u demselben Grundgesetz, Bestimmung u Ziel ihr Wesen
u Leben entfalten, so fließt es in sie alle u durch sie alle aus derselben
einigen Quelle u durch dasselbe lebendige Wesen. Der Mensch in u durch seine
Vernünftigkeit, u so zum Bewußtseyn bestimmt, soll nicht allein dieses Kommen
u Fließen alles Lebens u alles ursprünglich Wirkenden dunkel empfinden
u ahnen, nein sich desselben auch klar bewußt werden. Er soll sich dessen in sei-
nem Leben u durch sein Leben lebendig bewußt werden. Er soll sich
in seinem Leben u durch sein Leben lebendig bewußt werden, woher ihm
auch Lebengebendes, erhaltendes u Lebennährendes immer, durch welche Hand
u durch welche Mittel es ihm auch komme, daß es ihm nur zufließe aus dem
einigen Wesen, Gott.
[26R]
Wie der Mensch durch die Beachtung u durch das Leben in u mit der Natur die
Stetigkeit u Einheit derselben erkennt, u so schaut, daß jedes in derselben und
in Einigkeit mit derselben sein Bestehen hat, so soll er auch erkennen, daß
sein Leben u sein Bestehen nur in ungetrübter Einigung mit dem Ganzen
gegeben u wahrhaft gefördert ist.
Aber das Eine, in sich Einige tritt in Natur an dem u durch das höchste Mannich-
faltige hervor, das in sich Ganze an dem und durch das höchste Getheilte, das in sich Blei-
bende durch das Vergängliche, das an u in sich Lebende an dem dem Tode Unterworfe-
nen, das Göttliche am Irdischen u Menschlichen. Und so spricht sich klar der Zweck
aller Mannichfaltigkeit u alles Vergänglichen aus, daß dadurch die Einheit, das Seyn
u das Leben erkannt werden solle.
Wie also die Natur klar weist, daß Alles aus einem einzigen Ganzen hervorgegangen
u hervorgeht, in demselben sein Bestehen hat u alles Mannichfaltige zu einem Ganzen
zurückführt, so soll der Mensch frühe lernen, dieß in ihr und in seinem eignen
Leben zu schauen u zu beachten.*
Alle Geschöpfe u Wesen unter den Menschen sichern dadurch ihr Bestehen u Erhalten, daß
sie nach nothwendig wirkenden Gesetzen der Wesenheit ihr Wesen kund thun u darlegen,
der Mensch aber als zum Bewußtseyn u zur Freyheit berufen, soll, nach u in welchen
verschiedenen Graden es auch immer sey, sich seines Wesens u der Gesetze desselben
bewußt werden u denselben gemäß mit Selbstbestimmung handeln. Der Mensch si-
chert also, wie jedes Wesen in der Natur mit Gewißheit dadurch sein Bestehen,
wenn es sein Wesen treu entfaltet u demselben gemäß schafft u wirkt, nur soll dieß
wenn auch mit gradweise verschiedenem Bewußtseyn geschehen. /
[27]
Der Mensch wird sich seines Wesens, der Entwicklungsgesetze u des Gestaltensvermögens desselben
auf das vollkommenste bewußt, wenn er mit Selbstbeachtung in den Spiegel der Natur u Geschichte
schaut.
Wie jedes Einzelwesen in der Natur, den Menschen mit eingeschlossen, sein allgemeines Bestehen
im Allgemei[-]
nen, nur in
dem Ganzen besteht u
dadurch das eine
Eine hat, so
hat jedes Wesen
in der Natur, den
Menschen mit einge[-]
schlossen darin sein beson[-]
dres Bestehen,
dadurch den
besondern eigenthümlichen Gebrauch seiner besondern eigentlichen Kraft. Jedes Ding, den Menschen
miteingeschlossen trägt recht erkannt dadurch sein Wesen seine Erscheinungen u seine Äußerungen,
alle Bedingungen zur Erhaltung u zum Fortbestehen in sich; alle Dinge den Menschen mit-
eingeschlossen bezahlen im rechten Erkanntwerden u rechten Gebrauch ihre Kräfte u Thätig-
keiten, was zu u für ihre Erhaltung geschieht; nur das einseitige IndasAugefassen
ihrer vielseitigen Wirksamkeit verhindert uns diese zu schauen;
Es spricht sich aus alle diesem klar u bestimmt aus, dem Menschen kann in dem, was
er auf seiner jetzigen Entwicklungsstufe fordert u fordern muß, auf welcher Stufe der
besondern Entwicklung und persönlichen Lebensverhältnisse er sonst auch immer stehen
möge, schlechterdings u keinesweges nicht durch eine sogenannte Methode der Lehre u des
Unterrichts geholfen werden, sondern nur einzig durch das innre Leben u den Geist
desselben, nur einzig durch die sich in denselben aussprechenden Gesinnungen, die
Gesinnungen in Beziehung auf den Zögling-Schüler, u auf den Erzieher, Lehrer.
Die Erziehung, für welche noch so untergeordnete oder entwickelte Stufe des Men-
schen es auch seyn möge, sie muß in dem Höchsten ruhen, von dem Höchsten aus-
gehen u zu dem Höchsten zurückführen, u so Leben u Einklang über alle Erd- u
Menschenverhältnisse verbreiten. Die wahre Menschenerziehung besteht keinesweges
darin, daß demselben einzelne äußere Kenntnisse u Fertigkeiten zum Wieder-
gebrauch anzueignen, sondern darin den ganzen Menschen für Selbstthätigkeit,
 /
[27R]
thatkräftig u werkthätig zu erziehen, um in Einigung mit den allgemeinen Ent-
wicklungsgesetzen, so wie sie sich auf eigenthümliche Weise in den Erdverhältnissen aus-
sprechen, zu handeln, zu schaffen, zu wirken. Es kann dem Menschen, für welche Entwicklungs[-]
stufe es auch immer sey, jetzt keinesweges mehr wahrhaft u genügend durch irgend eine
theilweise Verbesserung des Erziehungs- Lehr- u Unterrichtswesens geholfen werden,
sondern einzig nur, wie sich aus dem bisherigen unableugbar u laut ausspricht,
durch eine völlige Umkehrung desselben, nur dadurch, daß, so wie bisher nur
auf Fremdurtheil, angeeignetes fremdes Wissen u Erfahren gegründet, der Unter-
richt sich nun auf Selbstthun, Selbsterfahren u Selbstschauen, u so auf Selbsturtheil u
Selbstwissen sich gründe, u daß so der einzelne Mensch auf demselben Wege des Selbst-
wahrnehmens, des Selbstempfindens u Selbstdenkens, nur geleitet von der Hand der
ruhigen u geläuterten Erfahrung, u so durchs Leben u im geeinten, theilweise
sich schon (z B ein Vater) bewußtgewordenen Leben zu der lebendigen u werkthä-
tigen Einsicht emporsteige, auf welche bis jetzt das Menschengeschlecht, die Menschheit
emporgestiegen ist und bis zu dem Ziele u weiter noch, auf welchem sich ein-
zelne u auserwählte Glieder derselben befunden haben u jetzt befinden.
Die Ergebnisse u Früchte der Erziehung u des Unterrichts sollen, das ist die
unumschränkte Forderung der neuen, unserer Zeit, so wie hervorgegangen
aus dem Leben, dem Gesammtleben, so auch lebendig ins Leben, in das Ge[-]
sammt- u Einzelleben eingreifend u des demselben förderlich seyn.
Wenn ausgesprochen worden ist, daß die neue Erziehungs[-] u Unterrichtsweise
welche unser Geschlecht u unsere Zeit unausweichbar fordert, rein der im allge[-]
meinen jetzt bestehenden entge[gen]gesetzt u sie so nothwendig vernichtend u auf-
hebend sey, so heißt u fordert dieß keinesweges, daß alles Bestehende
 /
[28]
gradezu verworfen werde; aber eben so wenig, als Genügendes u der Menschheit
für die jetzige Stufe ihrer Entwicklung Erspießliches u weiter Förderndes dadurch geschieht,
daß Altes in seiner Form nur umgewandelt, theilweise verbessert, auf ein altes Kleid nur
ein neuer Lappe[n] geflickt werde; eben so [wenig] geschieht der jetzigen Stufe der Menschheitsentwicklung
Genügendes u dem einzelnen M[en]schen Ersprießliches u Förderliches, wenn das Alte nur
äußerlich vernichtet wird, nein - das Alte soll sich, aber unter Aufsicht u mit
Beachtung des Bewußtseyns, sich aus[-] u ableben, es soll im eigentlichen Sinn ab-
sterben, u abgestorben dem Neuen u Jungen frische Lebenssäfte zuführen. Mit
u neben dem Alten soll sich das Neue entwickeln, die Natur lehrt es uns
in hundert u tausend Anschauungen, lehrt es uns in jedem beginnenden
Herbste u an jedem Baume: neben dem noch stehenden aber bald abfallenden u
den Wurzeln neue Nahrung gebenden Blatte entwickelt sich unbemerkt die neue
Tragknospe fürs künftige Jahr, jetzt noch von dem aber bald sinkenden Blatte
geschützt; so soll auch die neue Erziehung still u unbemerkt aber in treuer Hingabe
neben der alten sich zu segensreichen Früchten kräftiger Jahre entwickeln. Die
alte Erziehung, das Alte wird nach ewigen Gesetzen der Natur seinen Tribut bezahlen,
durch sich selbst die Stufen seiner Entwicklung durchlaufen u so in u durch sich selbst
zerfallen u so zerfallend das neue Leben keimen u wachsen machen. Deshalb kann
der über Zeit u Raum erhaben stehende Menschheitsfreund, der ächte Menschheitssohn
wohl in sich ganz ruhig seyn, das Rechte, das Gute u Wahre wird der Menschheit
in jeder Hinsicht also auch in Rücksicht seiner Erziehungsweise gewiß kommen,
nichts wird es ihr rauben; aber der Menschheitsfreund, der Menschheitssohn ist
Menschenfreund, ist Sohn seines Volkes, seiner Zeit u seines Geschlechts,
 /
[28R]
in welchem u durch welches er auch emporwuchs. Darum wünscht er als treuer u dankbarer Sohn,
daß jenes Gute, Rechte u Wahre noch seinem Volk, seiner Zeit u seinem Geschlechte komme.
Die herrliche Erklärung Luthers der dritten Bitte findet hier ihre treffende Anwen-
dung u klärt das Handeln des ächten Menschenfreundes u Vaterlandssohnes auf: "Gottes
Reich kommt wohl ohne unser Gebet, aber wir bitten in diesem Gebete, daß es auch zu
uns komme.".
Es ist wiederkehrend ausgesprochen u fast zur gemeinen Sage geworden, daß wir jetzt
wiederkehrend in einer das Leben neu gestaltenden, u deßhalb in einer erhöhten Ent-
wicklungsstufe wieder neu gebährenden Zeit stehen; daß wir auf einer neuen
Entwicklungsstufe der Menschen- u Lebensverhältnisse, ja der Menschheit stehen,
wie solche Stufen u Zeiten schon früher wiederkehrend da waren. Man hat
es namentlich u ganz besonders ausgesprochen u fast zur Sage gemacht, daß
wir in einer der Reformation ähnlichen Zeit leben; allein so viel mir
bekannt, hat man zum treuen Wegweiser in dieser Zeit weder das schlagend
Gleiche, noch das schneidend Verschiedene beyder Zeiten klar gemacht.
Auch ich erkenne es für mich mit unwandelbarer Ueberzeugung an,
daß wir im Beginne einer neuen Entwicklungsstufe der Menschen- u Lebensverhältnisse
u der Menschheit, daß wir in einem Zeitpunkt stehen, welcher viel ähnliches
mit dem hat, da Luther auftrat, allein schneidend ist die Verschiedenheit in
Rücksicht auf die Gegner, die dem neuen Geiste das Eintreten in das Leben
u das neue Gestalten desselben verhindern wollten u verhindern. Welch
eine große Verschiedenheit, wie mir es scheint, zwischen dort u jetzt: dort das Hemmende
u Bekämpfende in einer äußern, in einer als in sich geschlossenen Corporation gegenüber[-]
stehenden Macht, die so jeder als gegenüberstehend leicht ins Auge fassen /
[29]
und darum in seiner Fehlerhaftigkeit leichter erkennen u so auch leichter bekämpfen
konnte. Jetzt aber erscheint mir das gewaltig Hemmende u das Hervorstreben des neuen
Lebens Bekämpfende keinesweges in einem den bürgerlichen Verhältnissen des Menschen
u dem Menschen selbst als ein äußeres, fremdartig gegenüberstehenden zu liegen, sondern
leider nur zu innig mit seinem Leben u seinen Lebensverhältnissen verwachsen
zu seyn. Dieser Feind ist auch schon oft klar genug genannt worden, u wie kann
man ihn bestimmter bezeichnen, als durch Selbstsucht, Egoismus? Wohl läßt
sich der frühere Misbrauch der hierarchischen Gewalt als das Wirken der Selbstsucht an-
schauen; aber die jetzige Selbstsucht ist in ihrem Wesen u Wirken bey weitem schwie-
riger zu erkennen, weil sie mit dem Menschen, mit seinen wichtigsten Inte-
ressen u nächsten Lebensverhältnissen so in eins zusammenfällt. Darum das
über Alles schwierigere des jetzigen Kampfes als dort. Diesemnach ist auch jetzt
gegen einen Ablaß zu predigen u zu handeln wie dort. Sucht der Mensch
nicht jetzt auf gleiche Weise durch äußere Güter u Mittel, wie sie immer Namen
u Form haben mögen sich das anzueignen, was nur eigentlich der Lohn u
die Frucht echten Menschheitsstrebens ist u seyn sollte. Sehen wir nicht hundert
Lebensverhältnisse, wo Geld u als Geldwerth Geachtetes Tugend u geistige
Würde u Streben ersetzen sollen. Wer mag sie alle nennen u aufsuchen
die hundert Formen, die aber im Leben klar genug entgegen treten, durch
welche die Ungebildetheit, Trägheit u.s.w. sich Ablaß u sich in die Regionen
aufzukaufen [sc.: einzukaufen] sucht, wo nur der Mensch in seiner errungenen Würde
gilt. War jener Bilderdie[n]st wohl unechter als der jetzige, wo so
 /
[29R]
häufig nur der Mensch selbst bis in die geringsten Verhältnisse einer Dorfgemeinde herab
nur nach seinem Rocke u Stab, d.h. nach seinem äußern Verhältniß u Wirksamkeit, nur
so höchst selten nach seinem innern Werthe gilt. Konnte der frühere Ceremonien-
dienst der Kirche wohl leerer, drückender, lästiger u den Menschen entwürdigender seyn
als der jetzige Ceremoniendienst in den Lebens[-] u Menschenverhältnissen? Konnten die
M[en]schen u die Jugend zu Luthers Zeit größern Glauben an die Wirksamkeit,
Wichtigkeit u Genügsamkeit des äußern G[ot]tesdienstes haben, als jetzt der Glaube an
die menschenwürdige Wirksamkeit, Wichtigkeit u Genügsamkeit des äußern Men-
schen[-] u Verhältnißdienstes? Konnten die Menschen dort mehr an jenen äußern
Kirchendienst hängen, als sie jetzt an den äußern Lebensdienst? Jener
äußere Kirchendienst, welche Menge von rechtmäßigen Ehen u des daraus
entspringenden Menschenheils u Lebensglücks entzog er dem Leben nicht?
Und entzieht wohl der jetzige äußere Menschen[-] u Lebensdienst der Fortent-
wicklung der Menschheit und der Veredlung des Menschengeschlechtes weniger
rechtmäßige Ehen? Was Luther von der traurigen Unwissenheit des Volkes u der Jugend
seiner Zeit in Beziehung auf reine Religionswahrheiten ausspricht, können wir wenigeres
u Linderes aussprechen von dem Volke u der Jugend unserer Zeit in Rücksicht ihrer Einsicht von
der echten Bedeutung u Würde des Lebens? Mit einem Worte, was zur Zeit Luthers
von der innern u äußern Religion, von der Verbesserung der Kirche galt, gilt jetzt von
der Verbesserung des Lebens. Aber wegen des gleich am Eingang dieser Vergleichung
Ausgesprochenen ist die Lebensverbesserung, Lebensreformation welche die jetzige Stufe
der Menschenentwicklung fordert bey weitem schwieriger als dort die Religionsverbesserung
u Kirchenreformation. Aber eingreifen, klärend, erhöhend, stärkend u heilend
 /
[30]
eingreifen würde diese Lebensverbesserung in alle Menschenverhältnisse u in alles Men-
schenthun, u dem Menschen das wahre Ziel erkennend machen u es zu erreichen, die ihm
von Gott gegebenen Mittel u Kräfte nicht nur zeigen, sondern sie auch gebrau-
chen lehren.
Möchte ein Fürst ein deutscher Fürst sich an die Spitze dieser Lebensverbesse-
rung stellen, wie sich solche zu Luthers Zeit an die Spitze der Kirchen-
verbesserung stellten ihr zur Pflege u ihr zum Schutz! sein Name würde noch
leuchtender erscheinen als jetzt die Namen Ernst der Fromme, Friedrich
der Weise u Johann der Beständige; ihm würde der erste u höchste Beynahme
werden, der nur je einen Fürstennahmen schmückte: Fürst, Herzog ------ der Mensch.
Von der Erziehung aber, von der dem Menschenwesen, seinen <Erd[-]> u Lebensverhältnissen
entsprechenden, menschenwürdigen Erziehung hängt einzig die Lebensverbesserung ab,
hat darin ihre Quelle u ihr Beginnen.
Diese Erziehung aber muß, wie aus dem gleich anfangs dieses Ausgesprochenen hervorgeht:
den Menschen in möglichster Einigung mit der Natur heraufwachsen machen;
sie muß den Menschen den einen u einigen Quell des Lebens, in welchem alle Dinge nicht
nur ihr Daseyn, sondern auch Bestehen haben, nicht blos frühe ahnen, sondern auch bald
schauen u erkennen lassen;
sie muß den Menschen frühe anschauend u einsichtig machen, daß alle Mannichfaltigkeit zur
Erkenntniß der Einheit, des Einen, daß alles Vergängliche zum Unvergänglichen, daß
der Tod zum Leben führe;
sie muß den Menschen frühe pflegen, daß er in dieser ihm durch sein Wesen
 /
[30R]
ursprünglich eigenen Anschauung u Erkenntniß treu die Außenwelt in sich aufnehme, ihr
getreu empfinde, denke, handle u schaffe;
sie muß den Menschen nicht nur in seinem wahren Wesen erstarkend, sondern ihn desselben
auch bewußt machen;
sie, die menschenwürdige Erziehung muß den Menschen nach den Forderungen der Natur frühe
in solche Verhältnisse u Thätigkeit versetzen, daß er durch Schaffen u Thun sein eignes Wesen
außer sich für sich selbst darstelle u sich so zur Erkenntniß bringe;
sie diese Erziehung muß den Menschen auf diese Art u dadurch frühe lehren, wie in Einigung
u Uebereinstimmung mit Gott u der Natur u durch den treuen Gebrauch der in ihm
u d[er] Natur liegenden Kräfte u Mittel u in Einigung der durch Gott selbst bestimmten
Menschenverhältnisse frühe sein Selbsterzieher u sein Selbstlehrer, so auch in gewisser
Beziehung frühe sein Selbsternährer u Selbsterhalter zu werden.
Aus diesem Allen gehen nun für die Verwirklichung u äußere Darstellung einer solchen
Erziehung folgende Bedingungen hervor, oder anders ausgedrückt, eine solche Erziehung
ist bey unverrückter Festhaltung der ihre Seele ausmachenden Gesinnungen unter
nachstehenden äußern Bedingungen auszuführen u zu erreichen möglich:
Die Erziehung muß auf dem Lande oder in ländlichen Verhältnissen u in inniger u thätigem
Wechselverkehr u Leben mit der Natur geschehen; der Erzieher u der Zögling, die
Erziehungsanstalt muß auf dem Lande seyn.
Erzieher u Zöglinge müssen das thätige Leben der Natur durch Thätigkeit theilen,
sich dasselbe u die Segnungen desselben durch Arbeiten in u mit der Natur
u durch empfindendes u denkendes Beachten derselben zu Theil machen.
 /
[31]
Die Zeit der täglichen Thätigkeit u des Wirkens der Erzieher u Zöglinge muß sich zwischen Arbeit
(d.i. Wirken u Thun zu[r] Hervorbringung äußerer Erzeugnisse) u zwischen Lernen u Unterricht
(d.i. Anschauen u Aneignen der Entwicklungs[-] u Entstehungsbedingungen[)] jedes Einzelnen,
Anschaue[n] u Erkennen des Einenden u Trennenden im Mannichfaltigen, Anschauung u
Erkennung der Wechselbedingungen zum Entstehen, zur Fortdauer u Fortentwicklung des
Einzelnen u dem Vergleichen u Wiederfinden der innern u äußern Entwicklungsgesetze)
theilen.
Wie der Zögling frühe durch Selbstschaffen, Selbstthun, Arbeit seine Kräfte u Fähigkeiten,
u ihr Wesen u ihre Bestimmung u ihren nothwendigen Zusammenhang mit den
gesammten Lebenserscheinungen erkennen muß, so muß er früh empfinden
u wahrnehmen, daß nicht allein sein Fortbestehen sondern auch seine Fortentwick-
lung in dem lebendigen Verkehr u vereinten Leben in u mit dem Ganzen seinen
Grund habe.
Keine auch nicht die kleinste Kraft des Zöglings oder Schülers darf verloren gehen;
jede Kraftäußerung u Wirkung muß zugleich ein dem gebildeten Auge dreifaches
Erzeugniß geben: ein äußeres Werk, die Entfaltung u Erhöhung der Kraft,
Entwicklung der Anlage u die Einsicht u Erkenntniß im Einzelnen u im Ganzen.
Es muß streng genommen darauf gesehen u wirklich angeschaut u nachgewiesen werden,
daß jede Thätigkeit eine innere u eine äußere Wirksamkeit, eine Wirksamkeit für
das Ganze u fürs Einzelne mittelbar oder unmittelbar, sowohl für die Gegen-
wart als für die Zukunft des Einzelnen u des Ganzen habe. Nur bey diesem
klaren Erkennen- u Nachweisen-Können dieser mehrseitigen Wirksamkeit jedes
 /
[31R]
Thuns ist das freudige u frische Bestehen für das Einzelne, den Einzelnen u das Ganze
in dem Umfange, wie es genommen u angeschaut werde, gesichert.
Deshalb muß von den Gliedern eines solchen erziehenden Kreises, von dem Zögling
u Schüler alles das für sich selbst gethan werden, was er nach Maaßgabe seiner
entwickelten Kraft u in Uebereinstimmung mit dem Ganzen für sich selbst thun
kann.
Das unmittelbare Bestehen des Ganzen muß von den Gliedern desselben immer zuerst vor Au-
gen gehabt werden. Darum müssen die Erfüllungen der nächsten Forderungen des Ganzen
größte Freude seyn, also zunächst nach Maaßgabe der Kraft u für Besorgungen häusli-
cher Geschäfte, das Selbstmachen verschiedener Utensilien für das Haus, das Bebauen ei[ne]s
eigenen Stück Landes zu Garten u Küchengewächsen, das Erziehen u Pflegen von wilden
u zahmen Bäumen.
Zur Aneignung u Herbeyschaffung solcher Bedürfnisse des Ganzen, für die sich in dem
Kreise keine passend u hinlänglich genug entwickelte[n] Kräfte finden, müssen Kräfte
zur Hervorbringung höherer u geistiger Erzeugnisse entwickelt u gebildet werden,
durch deren Umsatz im Wechselverkehr des Lebens u durch den Umtausch zur
Erziehung u Entwicklung Anderer, die nicht Glieder dieses Kreises sind, diesem
die Mittel werden, sich jene übrigen Bedürfnisse seines Bestehens zu verschaffen[.]
Es muß deshalb darauf gesehen werden, daß die Produkte u Erzeugnisse des Kreises
nicht nur äußere u gewöhnliche Brauchbarkeit u solche unmittelbare Nützlichkeit
haben, sondern daß sie vielmehr den Ausdruck eines gebildeten menschlichen Geistes
u Gemüthes an sich tragen, u beydes in anderen pflegen, entwickeln, bilden
u zum Bewußtseyn bringen können.
So muß zuerst der Unterricht, das Lernen u Lehren der Zöglinge u Erzieher
aus ihrem eignen Thun u Arbeiten selbst hervorgehen u sich die Lehre daran u an das
 /
[32]
Leben knüpfen.
Die Wirkung der Lehre muß für den Schüler u Zögling mit ihren ganzen Folgen
nicht erst in eine nach dem Verlauf von mehreren Jahren eintretende Zukunft ge-
setzt werden, sondern die Lehre muß sich theilweise sogleich in ihrer belebenden u
erzeugenden Kraft an dem Zögling kund thun, u so muß selbst das Spiel, die freye
Entwicklung u Gebrauch seiner Kräfte u Fähigkeiten mindestens Freude u Lust am
Selbstgestalten u Selbstschaffen geben, ihn selbst auffordern immer geistigere u edlere
Erzeugnisse aus sich hervorzubringen.
Es muß so dahin gebracht werden, daß der Geist der Einigung, in dem das Ganze mit
der Menschheit u der Natur, mit dem Vaterlande (als Person u in einer Person geschaut)
u den Lebensforderungen jedes Einzelnen stehe, Jedem wenigstens dem Gefühl
u der Ahnung nach nahe kommen, so daß er in der Erhaltung u Fortentwicklung
dem Leben des Ganzen seine Erhaltung, seine Fortentwicklung, sein Leben im höhern
Sinne schaue u so durch sich selbst mit u ohne sich Rechenschaft davon zu geben, für die
Erhaltung des Ganzen wirke.
Das in sich u durch sich selbst Bestehen muß nach Möglichkeit eines solchen künstlichen u gei-
stigen Verhältnisses das Streben jedes Einzelnen seyn und der Geist des Ganzen muß ihn
so dafür ergreifen, daß er dafür wirken muß u lebe er auch nur Tage in einem solchem Kreise.
Eine solche Entwicklungs[-] u Erziehungsanstalt, die ich am liebsten Lebensschule nennen möchte, lag
meinem Gemüth u Geiste im Ganzen u im Einzelnen vor, als ich begann meine jetzige
Erziehungsanstalt zu begründen. Bedingungen aber, die beym Beginne des Ganzen, keinesweges
unbeachtet, wohl aber, wenn auch dortmals noch nicht daseyend, doch sich als in d[er] Zukunft gewiß entwickelnd
erwartet wurden, blieben aus gewiß höheren, wenn auch jetzt noch nicht geschaut werdenden
 /
[32R]
Gründen, unerfüllt. Deshalb konnte ich auch meiner Erziehungsanstalt bis jetzt noch nicht die
äußere Entwicklung u Gestaltung u die innere materielle Begründ[e]theit geben, die ich beab-
sichtigte.
Da ich nicht einsehe, welche höhern Zwecke des Schicksals ihr (der Anstalt) jene nothwendigen
Bedingungen bis jetzt unerfüllt hielt, so habe ich auch kein Recht willkührlich weiter zu
schauen als Natur u Leben mich zu schauen lehrt u heißt. Das Leben lehrt klar, des
Hausvaters Auge ist die Seele, die Sonne jedes wahrhaft häuslichen Lebens u Wirkens,
wenn es das Leben nicht gelehrt hätte, den könnte es die Fabel Aesops lehren, u wen
beyde es nicht lehrten, den müßte es doch in noch höhern Sinne die Natur lehren:
wer hat nicht im dunkeln Keller die Kartoffel mit geweckten Lebenskeim u Lebens-
trieb gesehen? oder die vom Stein oder sonst bedeckte Pflanze mit Lebenskraft?
wie sie im Frühling sich fast in sich selbst vernichtend Triebe treibt um das all-
entfaltende Sonnenlicht u diese Lebenswärme zu suchen; belehrt uns doch jetzt sogar
die crystallene u mathematische Architecktur, daß das Bauen nach der Sonne
die erste Bedingung eines glücklichen häuslichen u bürgerlichen Lebens sey; jedes Streben
des Menschen sucht also, so wie die Pflanze ein höheres entwickelndes Auge: sagt doch
die ganz einfache Hausfrau, der Garten will oft das pflegende Auge sehen seines Herrn
wenn er gedeihen soll; ist nicht wenigstens das Streben des Menschen erziehenden Bürgers
ein solcher Garten? Ich läugne wenigstens nicht, daß ich in einem Wirken wie das
unsere einen solchen Menschengarten erkenne, welches auch ein höheres Naturauge sucht
u bedarf; ich läugne nicht, da ich an der lehrenden, wenn auch still doch richtig leiten-
den Hand der mütterlichen Natur die menschenwürdige Erziehung zu erreichen
hoffe, ich darf es darum nicht läugnen, daß ich mich mit unserm Wirken als Bür[-]
ger, wie die Kartoffel im dunkeln Keller, wie der unbeachtete Garten dünke,
u so von Mutter Natur vielseitig belehrt ein entwickelndes Licht, ein pflegen- /
[33]
des Auge suche; u so hoffe ich, kann u wird gewiß Ihnen mein vertrauendes Kommen
zu Ihnen in seiner organisch nothwendigen, so ganz wahren innern, u keinesweges will-
kührlich äußern Verknüpfung erscheinen.- Ja, da es mir über alles darum zu thun ist
daß mein Wirken u Handeln nach jeder seiner Richtungen hin in seiner Nothwendigkeit
ich möchte sagen, in seiner natürlichen u historischen Wahrheit erkannt werde, so will
ich Ihnen mein jetziges Handeln in seiner innern Bedingtheit u Willkührlosigkeit, wie es
in mir selbst liegt u mir klar ist mittheilen.
Es ist ein ewiges Naturgesetz, daß alles Große, oder wenn Sie lieber wollen Menschen-
würdige u Menschenwichtige, wenn es in die Erscheinung tritt, sich zuerst an dem Kleinen
durch das Kleine, u aus dem Kleinen entfaltet; (so bildet sich ja selbst bey dem Menschen
zuerst sein kleiner Herzpunkt aus) u so muß es ja auch seyn, daß die Kraft sich erst
im Kleinen entfalte u prüfe, besonders aber in Beziehung auf menschliches Wirken,
weil das Kleinere in seinen Theilen u in seinem Wirken leichter überschaut, behütet u
geleitet werden kann. Deshalb habe ich von jeher für mein Wirken u Streben ein klei-
neres Fürstenthum gewünscht u gesucht, weil die Regierung eines solchen dem Fürsten
das so Große giebt, daß er das Menschliche menschlich u sinnvoll beachten u pflegen,
daß er in dem menschlichen, ich möchte sagen göttlichen Verhältnisse, als Vater zu seinem
Volke nicht allein sehen u wissen, sondern auch sich fühlen u besonders als solcher
leben kann.
Ich suche einen Wirkungskreis in der Mitte eines großen Vaterlandes, weil alles
Gute u Leben sich vorwaltend aus der Mitte entfaltet.
Mein Herz u Vertrauen führt mich zu einem Herzoge von Sachsen, weil Herzoge von
Sachsen wiederkehrend u besonders zu einer Zeit großer Menschheitsentwicklung
das Menschenwürdige pflegend in Schutz nehmen.
Ich wende mich durch Sie an Ihren Fürsten, weil man von einem jungen Fürsten, Gutes
Großes, Menschenwürdiges hofft, wenigstens erwartet, daß er auf das, was als solches
/
[33R]
sich giebt, den ersten prüfenden Blick wende, u Ihr Fürst rechtfertigt diese Hoffnung u
Erwartung.
Deshalb komme ich mit diesen Zeilen zu Ihnen hochgeehrtester Herr Hofrath u Leib-
medicus, um auf Veranlassung derselben durch Sie zu erfahren, ob, da jedes Wirken,
welches Ziel der spätern Entfaltung ihm auch gesetzt seyn möge, es doch verhält-
nißmäßig in kleinerm Umfange beginnen müsse, Sr. Durchlaucht des Herzog
von Meiningen
es Ihren land[es]väterlichen Bestrebungen angemessen, im Geiste
derselben u dieselben wirklich förderlich finden können, eine Erziehungs[-] u Lehr-
weise in dem angedeuteten Sinn u Streben, wenn auch in einem ganz kleinen
Punkte u zunächst für sehr beschränkte Zwecke in Ihrem Lande u unter
Ihrem pflegenden u schützenden Auge verwirklicht zu sehen.
In örtlicher u äußerer Beziehung u den frucht[-] u segensreichsten Erfolg
versprechend liegt das Ganze seinen äußern Verhältnissen u Beziehungen
nach so vor meinem Blick.
Mit welch geringem Umfange es auch zuerst auftreten möge,
so wäre es nach dem Ausgesprochenen erste Lebensbedingung, daß es entweder
unter dem unmittelbaren Auge Sr Herzogl Durchlaucht oder unter den prüfenden
u pflegenden Augen von Männern sich gestalte u entwickle, welchen Sr Herzogl
Durchlaucht hiezu wahres Vertrauen schenkten. Die Nähe von Meiningen oder
Hildburghausen wären also wohl dazu die entsprechendsten Gegenden. Ob ich
gleich einmal in Meiningen war, so sind mir doch die örtlichen u andern Ver-
hältnisse so unbekannt, daß ich in jener Beziehung keine Meinung haben kann. Nur
Hildburghausens Nähe u Verhältnisse sind mir, weil ich früher kurze Zeit dort lebte u durch manche
spätere Mittheilungen etwas bekannt, so daß ich mir wenigstens einige Andeutungen
 /
[34]
darüber erlauben kann.
Sr Herzogl Durchlaucht bezwecken eine möglichst vollkommene Ausbildung Ihrer Landschullehrer.
Hildburghausen ist der Ort der Ausführung dieses landesväterlichen Gedankens. Wie früh nur auch
immer die jungen Leute in dieses Seminarium eintreten mögen, so müssen sie doch nach
dem Zwecke des Ganzen ohn[e] Zweifel ein solches Alter haben, daß nach der jetzigen allgemeinen
Erziehungsweise u namentlich in den Ständen aus welchen sich gewöhnlich junge Leute für den
Schullehrerstand bestimmen, mehrere Jahre für eine ihrem Zwecke entsprechende Erziehung
verloren gegangen sind. Wie ich darum das Ganze sehe, so wäre es höchst ersprießlich, wenn
die jungen Leute eine dem angedeuteten, den jetzigen Lebensforderungen angemessene Vorbildung
bis vielleicht in das 16te Jahr erhielten; es könnten dann die sich besonders dazu Eignenden
zu Lehrern an dieser Anstalt selbst u für das Seminar zur Bildung künftiger Schullehrer ausgewählt
werden; die andern dagegen würden ganz gewiß zum großen Seegen für die übrigen bürger-
lichen Verhältnisse des Landes in den ihren Kräften u Neigungen angemessenen Beruf eintreten.
Welcher Ort sich nun zu einer solchen Anstalt am besten eignen möge ist jetzt mir zur Angabe zwar
nicht möglich; sollte jedoch wenigstens der Anfang mit einem Versuche gemacht werden, so könnte
ich dazu Weckersroth [sc.: Gut Weitersroda bei Hildburghausen ?] vorschlagen, dessen Haus u Garten mir schon in diesem Frühjahr von den Herrn
Besitzern zu mein[em] Wirken vorgeschlagen u angetragen wurde, in Vorschlag bringen. Soviel ich mich
erinnere, hat dieß Locale manches angemessene, eine mäßige Entfernung von Hildburghausen,
das Haus große Zimmer, in der Nähe ein[en] nicht unbedeutenden Garten; auch haben mir die He[rrn] Besitzer
soviel Land angetragen als vielleicht dem Ganzen zweckdienlich seyn könnte. Freylich wäre
es immer besser, wenn das Ganze sogleich auf einem eignen u festen, also vielleicht auf dem
Grund u Boden eines Herzoglichen Kammergutes in der Nähe Hildburghausens oder Meiningens begönne,
weil das Gefühl u Bewußtseyn der Gewißheit eine große Sicherheit in der Entwicklung des Ganzen
giebt[.] /
[34R]
Da weitere Bestimmungen entweder nur voreilig wären, oder klar aus den vorigen
Mittheilungen sich ergeben, so bleibt mir nun nichts mehr übrig, als das Ganze ihrer [sc.: Ihrer] menschlichen
u bürgerlichen Beachtung u Prüfung zu empfehlen, u Sie zu bitten, es auf die zweckdien-
lichste Weise Sr Herzogl Durchlaucht zur besondern Einsicht u Entscheidung vorzulegen.
Haben Sie die Güte mich theilnehmend bald mit dem, wenn auch nur vorläufigen
Erfolg Ihrer Mittheilungen bekannt zu machen.
Noch ein paar Worte sind mir vielleicht noch hinzuzufügen, daß ich mich mit diesen
Mittheilungen an Sie, hochgeehrtester Herr, u nicht damit an eine Behörde gewandt
habe, welcher ihrem Wirkungskreise nach sie näher liegen. Aber einmal hatten Sie mit
meinem Wirken u Leistungen sich etwas näher bekannt gemacht; dann wünschte ich für ihre [sc.: Ihre]
Prüfung zunächst eine mehr menschliche als eine feste Geschäftsform, auch glaubte ich,
unumwunden ausgesprochen, daß Ihr Beruf Sie Sr Herzogl Durchlaucht vielleicht näher bringe,
um für die Mittheilungen eine angemessene Zeit wählen zu können. Ich habe es darum
auch aufgeschoben an den He[rrn] Consistorialrath Dr Nonne, so menschlich theilnehmend derselbe
sich auch in seinem letzten Briefe an mich über mein Wirken u Verhältniß ausge-
sprochen hat, mitzutheilen. Ich überlasse es jedoch ganz ihrer [sc.: Ihrer] theilnehmenden Einsicht
aus diesem Briefe demselben die Mittheilungen zu machen, die Sie für gut finden u
nach einem leisen Winke werde ich mich gern persönlich an ihn wenden, [n]ur wollte ich
es jetzt nicht thun um nicht vielleicht eine hemmende Doppelwirkung hervorzubringen.
Genehmigen Sie Versicherung meiner ausgezeichneten Hochachtung u Ergebenheit
FWA Fröbel.