Briefausgabe Friedrich FröbelBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung / Fröbel-Forschungsstelle der Universität Duisburg-Essen

F. an Ludwig Nonne in Hildburghausen v. 12.11.1827 (Keilhau)


F. an Ludwig Nonne in Hildburghausen v. 12.11.1827 (Keilhau)
(StA Meiningen G 12 / jetzt Nr. 10 287, Bl 4-9, Brieforiginal 3 B fol 11 S.; 2 Abschriften BN 583 Bl 1-4 (von Barop, 2 B fol 8 S.) und BN 583 Bl 5-10 (von Middendorff, 3 B fol 12 S.); ed. Kaiser, Ernst: Dr. Ludwig Nonne der Schulreformator und ”Pestalozzi Thüringens”. Weimar 1948, 103-108)

Keilhau den 12. Nov. 1827

An den Herrn Consistorialrath Dr Nonne in Hildburghausen.

Hochzuehrender Herr!

Als ich mir erlaubte, Ihre freundschaftliche Zuschrift vom
22ten September in Beziehung auf Elias Schöppach zu be-
antworten, verstattete mir der Grad der Gesammtent-
wicklung meines Lebens, meiner Lage und meines Verhältnisses
noch nicht, auch auf Ihren gütig theilnehmenden Äußerungen
und so männliche als freundliche Handbietung mit Klarheit
einzugehen; deßhalb mußte ich mich ruhig der Nothwendig-
keit fügen, sie dortmals noch ganz unberührt zu lassen. Doch
immer mehr klärten und sonderten sich seit jener Zeit die Ver-
hältnisse meines Wirkens und Strebens, so daß ich mich jetzt
mit der Offenheit und Wahrheit, der Ruhe und Bestimmtheit,
welche meinem Leben und Streben so unerläßliches Bedürfniß
ist, darüber auszusprechen im Stande bin. Ich knüpfe un-
mittelbar an Ihre freundschaftlichen Äußerungen an. /
[4R]
Ihre freundliche Theilnahme thut an mich die Frage:
ob die Gesammtheit meines Wirkens und Strebens, meiner
äußern Lage und meiner Verhältnisse mir Wünsche abnöthige,
welche guter Wille befördern könne. Und wohl ist es so:
seit dem ersten Beginn meines erziehenden Wirkens ruht
in meiner Seele ein Wunsch, welcher in seiner nothwendigen
Bedingtheit immer von Neuem vor dieselbe tritt, von
dessen Erfüllung ich mir sagte, daß sie nur vom guten Willen, -
freylich, mußte ich später hinzufügen, gepaart mit Einsicht
Kraft und Streben – abhinge. Mein Wunsch war ganz ein-
fach, daß die mir nächste und erste Behörde mein Leben und
Streben, mein Schaffen und Wollen, meine Leistungen und Ver-
sprechungen mit einem menschlich beachtenden und männlich prüfen-
den Blick in dem Fortgang seiner Entwicklung begleiten möge,
um zu entscheiden, ob das Ganze wirklich zu Ergebnissen führe,
die dem Vorgeben nach in ihrer weitern Anwendung dem Ein-
zelnen wie dem Ganzen gleich ersprießlich wären, wenigstens
unter, der Ausführung günstigern Verhältnissen gewiß werden würden.
Dieser Wunsch schien mir so ganz einfach und so ganz natürlich, wie
der eines häuslichen und echten Kindes und Sohnes, welcher wünscht
und erwartet, daß die nach seiner Überzeugung besten Bestrebungen,
die er mit wirklich hingebendem Sinn zum Wohl der Familie /
[5]
in sich trägt und eigennutzlos darzustellen sucht, daß
sein Streben der beachtende Blick des das Wohl der ganzen
Familie im Auge habenden und erziehenden Vaters begleiten,
und wenn es diesem entspräche, sich des kräftigen väterlichen Arms
zur Mitwirkung gewiß erfreuen werde. Doch dieser mir so ganz
natürliche Wunsch, und [Barop/Middendorff: mußte] darum wohl aus höhern Gründen, nicht
erfüllt werden. Was bleibt mir, um in diesem Bilde und in
dieser Vorstellungsweise, in der ich, wie ich glaube so wahr als
gern, das Leben und seine Verhältnisse schaue, fortzureden -
anders übrig: wie auch manch andrer Mensch einen höheren
geistigen Vater, für mein Wirken eine geistvoll strebende,
rein menschliches Streben gewiß förderlich beachtende Behörde
zu suchen? – Mich in dieser Beziehung an Sie, hochgeehrtester
HE Consistorial-Rath, als den so einsichtigen als kräftigen
Mittelpunkt und Ordner des gesammten Erziehungs- und
Unterrichtswesens eines ganzen Landes zu wenden, sind
der Gründe soviel, daß ich mir nicht einmal erlauben darf,
sie alle herauszuheben, weil ich eben so sehr fürchten müßte,
Ihrem einfachen geraden männlichen Sinn dadurch zu nahe
zu treten, als dem Sinne und Ziele meiner einfachen Bitte
an Sie dadurch zu schaden. Und dennoch würde ich es demohn-
geachtet nicht über mich vermocht haben, wünschend und bittend /
[5R]
zu Ihnen zu kommen, indem ich dadurch gefürchtet Ihnen
lästig und störend zu werden, wenn nicht Ihre Anordnungen
für Unterricht und Schulwesen mir einen Punkt zeigten, wo sich durch Ihre Ein-
sicht und Prüfung die Erfüllung meines Wunsches gegen-
und allseitig so einfach als ersprießlich anknüpfen ließe.
Erlauben Sie mir, daß ich gleich bey diesem Punkte stehen
und ich mich so in die Mitte meines Wunsches und dessen mög-
liche Erfüllung meines Wunsches stellen darf. Ein Ihr ganzes
Land umfassendes allgemeines Schullehrerseminarium ist
in und durch Ihren leitenden Geist und unter Ihrer bildenden
Hand gewiß zu segensreichen Früchten für Alle seit Kurzem
hervorgetreten. Doch so vortrefflich es auch in seinen Ein-
richtungen und in seinen künftigen Früchten es gewiß dasteht,
so dünkt es mich, führe die Natur einer solchen Anstalt
eine Unvollkommenheit mit sich, die gewiß Ihrem erfahrnen
Auge nicht entgangen ist, und die, ich müßte mich sehr irren,
Ihnen bey dem Streben nach Darstellung des Besten gewiß schon
manchen trüben Augenblick beym Überschauen des Ganzen
Ihnen verursacht hat. Was ich meine, ist dieß:
In einer Anstalt, wie die von Ihnen angeordnete, können
doch wohl schwerlich, ohne störend in das Ganze einzugreifen, /
[6]
junge Leute vor dem 15 oder 16ten Jahre, aufgenommen
werden. Aber welch eine wichtige Zeit der Bildung und
Vorbildung ist für diese junge Leute, nach der Erziehungs-
weise der Classen, aus welcher sie doch vorwaltend hervor-
gehen, verloren gegangen? Was könnte und müßte da-
gegen ein Seminarium, eine Anstalt wie die von Ihnen an-
geordnete und zu leisten im Stande seyn, wenn junge Leute
in sie einträten, wenn sie nur junge Leute aufnehmen könnte,
welche bis dahin ihre Jugend in jeder Hinsicht wohl angewandt
hätten? Der Mangel solcher jungen Leute ist die oben erwähnte
Unvollkommenheit, die viele trübe Folgen für eine solche An-
stalt nach sich ziehen muß. Die sich darbietende Lücke
der Bildung derselben ausfüllbar zu machen, und mir so
selbst die Erfüllung meines lang gehegten Wunsches her-
beyzuführen ist die engere Veranlassung zu dieser Mit-
theilung.
Nochmals ausgesprochen ist mein ganz einfacher Wunsch,
unter dem menschlich theilnehmenden prüfend beachtenden Auge
einer um- und einsichtigen, strebenden Regierung und Behörde
für unmittelbare Ausführung und Darlebung einer menschen-
würdigen, begründenden und entwickelnden Erziehungsweise wir-
ken zu können, nach dem Wunsche und Willen eines solchen Fürsten /
[6R]
einer solchen Regierung u Behörde eine solche Erziehungsweise
auszuführen und darzustellen.
Sollten Sie nun, hochgeehrtester Herr ConsistorialRath, nach
den Grundsätzen, in welchen Ihre Veranstaltungen zur Ver-
besserung der Volkserziehung, des Volksunterrichtes und der Lan-
desschulen ruhen, nach den Gesinnungen, die Sie dabey leiten
und nach dem Ziele u Zwecke, der Ihnen dabey vorsteht, finden,
daß das von mir angedeutete entwickelnde und begründende
erziehende Wirken welchem ich gern den Namen einer Volks-
erziehungsanstalt
gäbe, vorbildend und so förderlich und wohl-
thätig in Ihre Schul- und Unterrichtsverbesserungsanstalten
eingreifen könnte, so würde es mir erfreulich seyn, wenn
durch Ihr Zutrauen und Ihre Vermittlung ich wenigstens zunächst
mit einem Versuche für Darstellung einer solchen Erziehung be-
auftragt würde.
Ich berufe mich nicht auf die mehr als zwanzig und zuletzt
fast ununterbrochener fast zwölfjährige Erfahrung als Be-
gründer meines jetzigen Wirkens; denn wie so sehr wenige ha-
ben sie [so auch Abschriften/ sc.: Sie], und ächte mit mir getheilt. Ich beziehe mich nicht auf
die Urtheile von den erfahrensten Männern und Erziehern,
die handschriftlich und öffentlich ausgesprochen vor mir liegen;
denn sie [sc.: Sie] könnten mir wohl leicht das Doppelte und Mehrfache /
[7]
entgegengesetzter, ihre Stimmen bey weitem lauter erheben-
der Urtheile vorlegen; Ich unterwerfe vielmehr mein
Wollen und Streben und meine Mittel zur Zielerreichung
desselben gern von Neuem jedem Versuch und jeder Prüfung;
denn ich trage in mir die gewisse Überzeugung, daß der
von mir betretene Weg, die von mir aufgestellten Mittel,
oder vielmehr die Gesinnung und Menschenansicht, nicht
allein zu einem menschenwürdigen Ziele, sondern zu dem Ziele
führte, welches uns allen von Jugend auf vor der Seele schwebt,
und welches wir Alle im harten Lebenskampfe zu erringen streben.
Es macht mir Freude und Lust, und schon der Gedanke er-
füllt mich mit Wonne und Muth, ein solches Wirken wieder
von Neuem gleichsam aus dem Nichts hervorzurufen, wenn es
nur in seinem Entstehen, seinem Keimen und Wachsen, seinem Blühen
und Fruchten nicht in dem Lande und unter dem Fürsten, in
welchem und unter dessen Auge es aufwächst, dem es so gern Blüthen
und Früchte dankbar darreichen möchte, als verwaistes und
was fast noch schlimmer ist, als Stiefkind dasteht.
Ein Versuch, dünkt mich, könnte auch nicht kostspielig fallen;
auch liegt es in meinem Sinn und Charakter nicht, einen Versuch
dieser Art mehr kostspielig zu machen, als die Sache selbst nothwendig
und unerläßlich mit sich führt; auch fände sich vielleicht in der /
[7R]
Nähe von Hildburghausen mit geringen Kosten Gelegenheit
zur Ausführung. Indem ich dieses ausspreche, stehen vor mei-
ner Erinnerung die Greinerschen Besitzungen in Weikersroda [Barop: Weckerrode / Middendorff: Weekerrode / Kaiser: Weitersroda]
oder Kloster Veilsdorf, die mir von den Herrn Besitzern, schon
vor längerer Zeit zur Ausführung einer Erziehungsanstalt an-
getragen worden sind. Doch wäre es ohnstreitig zweckmäßiger,
wenn sich dazu in der Nähe Hildburghausens oder Meiningens
eine fürstliche Besitzung fände, indem da sogleich das Land, der
Grund u Boden mit zu den Erziehungsmitteln gezogen werde,
wie es die Nothwendigkeit einer solchen Erziehung,
die auf dem Grundsatze ruht, daß der Mensch durch frühes Selbst-
arbeiten und Denken, und so wahrhaft erzogen werde, fordert.
Es ist überhaupt vortheilhaft, wenn der Anfang mit wenigen,
aber wo möglich mit sittlich und geistig nicht unfähigen, wenig-
stens nicht geradzu vernachlässigten gemacht werde, damit sie
eine so gründliche und tüchtige Durchbildung erhalten können, daß
das Ganze an ihnen einen kräftigen Stock und Halt bekomme. Ich
denke mir also eine Zahl von ohngefähr 6 bis höchstens 12.
Die Jahre können schwierig bestimmt werden, da zu viele Neben-
umstände dabey bestimmend seyn können. Ein solcher Versuch könnte
nun wohl kaum mehrere hunderte kosten, nur sollte er es auch, so
würde er es auf jeden Fall reich ersetzen. Ich verbürge mich jedoch,
soweit dieß überhaupt einem Menschen möglich ist, und unter /
[8]
der unerläßlichen Voraussetzung eines vertrauensvollen
Wechselverkehres mit Ihnen, hochgeehrtester Herr Consisto-
rial-Rath, dem wenigstens von meiner Seite nichts entgegen-
steht, und eines landesväterlichen Zutrauens Sr Durchlaucht,
Ihres Herrn Herzogs, für die gewisse Erreichung des stufen-
weise verschiedenen Zieles.
Um die möglichst klare Beurtheilung des Ganzen her-
beyzuführen würde ich, dazu aufgefordert, somit als nur
immer möglich von den allgemeinen und besonderen Gründen
meines jedesmaligen Handelns genau Rechenschaft geben, indem
es meiner Natur und meinem Streben ganz entgegen ist, daß
irgend ein Gegenstand des Wirkens im Dunkeln und Unbestimmten
schwebe. Es würde mir selbst daran liegen, nach Möglichkeit
über den Entwicklungsgang und den jedesmaligen Stand des
Ganzen zu jeder Zeit sichere Nachweisung zu geben.
Wie die Anstalt in Hinsicht auf die Erziehung u. Bildung
des Menschen auf dem oben [so auch Barop und Middendorff; Kaiser: daneben]
ausgesprochenen Grundsatz beruhen
würde, daß sie in Selbstarbeiten, und gleichsam Selbstlehre sich theilen
müsse, so würde die Anstalt in ökonomischer Rücksicht auf dem
in der Anwendung unerläßlichen Grundsatz fest beruhen, daß der
Mensch in dem seinem Alter durch die ihm von Gott verliehenen
sittlichen geistigen und leiblichen Kräfte bey zweckmäßiger Benutzung /
[8R]
wenigstens in einem namenhaften [Kaiser: namhaften] Grunde für seinen
Selbstunterhalt sorgen könne. Es müßte darum das erste
und heiligste Grundgesetz der Anstalt seyn: daß die Kraft keines
Gliedes des erziehenden Kreises, so klein sie auch sey, nicht ver-
loren gehe, sondern auf irgend eine der drey Weisen nicht
allein dem Individuum, sond.[ern] auch dem Ganzen förderlich wirke.
Darum müßten, soweit als es nur möglich wäre, die Bedürf-
nisse der Anstalt von den Gliedern derselben selbst besorgt
werden und wo Kräfte und Anlagen dafür noch nicht in
dem Kreise wären, von diesem Erzeugnisse höheren geistigen
und Kunstwerthes geliefert werden, die auf irgend eine Weise
wieder Mittel würden, ihnen Andere [Barop/Middendorff/Kaiser: andere] zur Erhaltung des Ganzen
nöthige Bedürfnisse herbeyzuschaffen.
Diese Mittheilungen müssen mir so lange genügen, bis
ein freundschaftliches Wort von Ihnen mir die Versicherung
giebt, daß Sie meinen Wunsch u. Bitte der besonderen Beachtung
für Ausführung und Darstellung werth gefunden haben.
Auf diesen Fall ersuche ich Sie ergebenst, Wunsch und Bitte
auf die ihnen zweckdienliche und zum Ziele führende Weise Sr
Durchlaucht Ihrem Herrn Herzog bekannt zu machen. Freuen
würde es mich dann, und besonders dankbar werde ich es erken- /
[9]
nen, wenn Sie mich nach Umständen gefälligst bald
mit dem allgemeinen beystimmenden oder abschläglichen
Erfolg meines vertrauenden Hinwendens zu Ihnen und
Ihrem Durchlauchtigsten Herrn Herzog bekannt machen,
und mir im ersteren Falle die Wege und Form bezeichnen
wollten, auf welchen es mir verstattet wäre, für Höchste
Entscheidung mich an Sr Durchlaucht oder die sonst betreffende
Behörde zu wenden.
Wünschten Sie, hochgeehrtester Herr die mehr innern
Gründe dieses meines Handelns und eine noch mehr innere
Darlegung meiner Erziehungsgrundsätze in Bezug auf diesen Zweck;
so könnten solche vielleicht die Mittheilungen enthalten, die
ich mir in dieser Rücksicht erlaubte, dem Herrn Leibmedicus
und Hofrath Hohnbaum zu machen. Ich wünsche überhaupt
Alles zu vermeiden, was die Klarheit, Offenheit und Wahrheit
meines Strebens und meiner Absicht trüben könne. Nur in der
Wahrheit ruht das Leben.
Was Sie sonst noch von mir, meinem Leben und Verhältnissen
[zu wissen] nöthig finden sollten, werde ich darum Ihnen immer mit der
Offenheit mittheilen, welche sich aus diesen Zeilen ausspricht.
Genehmigen Sie die Versicherung der vorzüglichsten Hoch-
achtung und Ergebenheit

FWAFröbel.