Briefausgabe Friedrich FröbelBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung / Fröbel-Forschungsstelle der Universität Duisburg-Essen

F. an den Hofrat und Leibarzt Dr. Hohnbaum in Hildburghausen v. 11.11./14.11.1827 (Keilhau)


F. an den Hofrat und Leibarzt Dr. Hohnbaum in Hildburghausen v. 11.11./14.11.1827 (Keilhau)
(BN 488, Bl 35-40, dat. Entwurf 3 B 4° 12 S. in Middendorffs Handschrift mit Korrekturen F.s, von F. zweimal unterschrieben, offenbar Beibrief zum Brief v. 5.11.1827 an Hohnbaum. In BN 488, Bl 41-43 textidentisches Abschriftfragment 1 ½ B 4° 5 S. von der Hand Barops, Schlussteil / 3 Abschnitte, fehlt.)

Keilhau den 11. Nov. 1827.


Hochgeehrtester Herr Hofrath und Leibmedicus!

Indem ich mir erlaube Ihnen die anliegenden Bogen zur
Prüfung ihres Inhaltes zu übersenden, muß ich Ihnen eini-
ges über die Art ihrer Entstehung hinzufügen, damit ihre
Form und Ausführung bey Ihnen Nachsicht finde und der
Sache selbst nicht schade. Seit vielen Wochen trieb es mich,
mich über den betreffenden Gegenstand Ihnen offen auszusprechen;
allein es wollte sich auch gar keine Zeit bey meinen Lebensver-
hältnissen dazu finden. Da sich mir aber die Aufforderung
zu diesen Mittheilungen mehrseitig immer bestimmter
aussprachen, so mußte ich mich endlich entschließen, die einzige
Zeit die mir vom Tage noch übrig war, und wenn auch von den un-
unterbrochenen Berufsgeschäften geistig ermüdet, den Spätabend
dazu anzuwenden, sie unmittelbar in die Feder zu dictiren,
weshalb wohl die Gedanken zu Zeiten sehr gedehnt, und da mehrere
Abende dazu verwandt werden mußten, der Zusammenhang
vielleicht öfters nicht klar und lebendig vorliegt. Doch /
[35R]
mir war es ja zunächst auch nur um Mitthei-
lung der Gedanken zu thun, für welche es zwar erwünscht
wäre, wenn sie in einer schönern und gehalteneren Form
erschienen, allein ich läugne es nicht daß ich in mir
die Überzeugung trage und trug, daß sie durch ihre
innere Wahrheit so sprechen, daß sich ihre Form darüber
wohl übersehen läßt; auch glaube ich nicht daß sie außer
ihrem Wesen für Sie noch einer besondern Empfehlung
bedürfen.
Mit der Versicherung ausgezeichneter und wah-
rer Hochachtung und Ergebenheit beharre ich

FWAFröbel.

N.S am 14 Nov. 1827.
Als ich diese inliegenden Blätter den Meinen zur Prüfung
vorgelegt hatte, indem jedes folgenreiche Handeln uns zugleich ein ge- /
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meinsames ist, so trat mehrseitig die Meinung hervor,
es sey doch wohl bey dem Zwecke, welchen ich habe, und bey den
Wirkungen welche ich beabsichtige, am angemessensten, mich
unmittelbar und sogleich an die Behörde zu wenden, welcher
von des Herrn Herzogs Durchlaucht die oberste Leitung des
Schul- und Landes-Erziehungswesens übertragen worden
sey, also unmittelbar an den Herrn Consistorial-Rath
Dr Nonne
. Ich überlas deßhalb nochmals die letzten
freundschaftlichen und brieflichen Mittheilungen und
fand in den wahrhaft theilnehmenden Äußerungen des-
selben die gegründetste Aufforderung, dem was zwar
auch schon in meiner Seele gelegen nun aber durch die An-
regung Anderer zur Klarheit und Bestimmtheit gekommen
war, zunächst Folge zu leisten und mich sogleich an den
Herrn Consistorial-Rath selbst zu wenden. Ich hielt
mich bey ihm, als dem Chef des gesammten Erziehungs-
und Unterrichtswesens Meinungens [sc.: Meiningens] verpflichtet,
mehr bey der Betrachtung des äußern Verhältnisses
meines Wunsches und meiner Bitte zu verweilen, und
dasselbe wenigstens in einzelnen Andeutungen fester
ins /
[36R]
Auge fassen zu müssen; und so können sich vielleicht meine
beyden brieflichen Mittheilungen gegenseitig erklären und
ergänzen. Mir persönlich wird dieß, wenn es die Um-
stände möglich machen, lieb seyn; denn ich erkenne Wahrheit
Offenheit und Zutrauen als die ersten Bedingungen eines
ersprießlichen in seinen Folgen wahrhaft wohlthätigen
gemeinsamen Wirkens.
Uns so will ich denn, da nun einmal die Grenzen und Formen
dieses Briefes überschritten sind, noch einen schon früher erwähnten Gedanken, nachholen
welcher mir seinem Wesen nach über Alles wichtig ist, und
nach seiner Anwendung sich in seinen Folgen gewiß auch durch
die segensreichsten Früchte rechtfertigen wird, und welchen
dort zu berühren besonders anzuwenden mich die Späte der Nacht und die Abgespannt-
heit des Geistes verhinderte, weiter auszuführen. Ich hebe ihn besonders gern
heraus, weil ich glaube, daß er sich von Ihnen als treu
sorgenden und einsichtigen Vater leichter Anerkennung
und Beystimmung erfreuen wird.
Der Gedanke ist einfach der, daß, wenn wir als Väter
oder Erzieher, durch Erziehung unserer Kinder und Zöglinge
wahrhaft das Ziel und den Zweck derselben erreichen wollen,
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wir die Umgebungen derselben - im kleinsten und
beschränktesten, wie im größten und umfassendsten Sinne -
mit erziehen, zu unserer Erziehung, soll sie wahrhaft
segensreich seyn und bleiben, mit benutzen müssen. Dieser
Satz ist so wahr, daß er sich fast nur durch sein Ausgesprochen-
werden in seiner Wahrheit bestätigt. Aber er findet auch noch
in größerem Umfang seine Anwendung, selbst bey einem
Fürsten als Landesvater, bey einem Fürsten in Beziehung auf
die ihn belebenden menschenwürdigen Gedanken und Zwecke,
gleichsam seine geistigen Kinder. Er kann ihnen keine Wirk-
samkeit, keine Anerkenntniß, keinen frischen Wuchs und
keine entsprechenden Früchte verschaffen, wenn sein Volk
jenen nicht aufzufassen und fortzubilden im Stande ist, wie
ja die Geschichte mehrseitig beweist. Jener Satz findet
aber noch besonders bey einem Fürsten persönlich in Beziehung
auf sein Land und auf sein Volk seine bestätigende Anwendung,
wenn der Fürst selbst Familienvater ist: Ein solcher Fürst
muß besonders sein Volk zu erziehen streben, wenn er nicht allein
seinen Sohn schon an sich zu der in der Zeit möglichen allgemeinen
menschlichen Bildung erheben, sondern ihm, auch die Mittel und Wege
anbahnen und sichern will, einst in seinem freythätigen Wirken /
[37R]
möglichst frucht[-] und segensreich durch die ihm innewohnende
Bildung, ich möchte sagend, sich selbst genügend und derselben
würdig wirken zu können. Desßhalb sollte einem solchen
Fürsten schon ganz einfach darum, weil er ein gesegneter Fa-
milienvater ist, die Erziehung seines Volkes über Alles gehen,
denn er würde dadurch auf das gewisseste, das unzwey-
deutige Glück und Heil seiner Familie und seines Hauses
sichern. Darum sollte aber auch hinwiederum ebenso jeder
einzelne Mensch und besonders Hausvater, in welchem Stande
und Verhältnisse er auch immer lebe, sofern er Glied eines
Staates ist, die allgemeine Volkserziehung desselben nach Mög-
lichkeit und mit aller Hingabe fördern; denn er würde dann
nur dafür arbeiten, daß eine wahrhaft gebildete und erzogene
Mitwelt einst seine fortlebende Familie, sein Geschlecht umgebe,
für ihre Ausbildung wieder wirke, und sie sich so endlich in
der Wirklichkeit zu der Bildung erheben, sich des Friedens
und Heils erfreuen könne, welche ihr (d[er] Familie) jetzt zu
geben dem Vater Bedürfniß des Herzens, aber unter den
jetzigen Umständen seinen Kräften unmöglich ist, weil
überall die Umgebungen ihn, und sollte es auch nur in seinen
Dienern u Nachbarn seyn (ich will der Verwandten gar nicht
erwähnen) so hindernd entgegentreten; denn welcher /
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sorgfältige und achtsame Vater muß nicht oft die höchst nach-
theiligen Einwirkungen, wenn auch nicht gradezu schlechten,
doch wenigstens unverständigen und gedankenlosen Gesindes und
roher und unwissender Nachbarn sehen, vor deren Einwir-
kungen und Einfluß selbst bey dem besten Willen er seine Kinder nicht sicher
stellen kann. Fast lebenslängliche Wirkungen auf die Gesin-
nungen und den Willen der Kinder werden oft durch eine
einzige ungesittete Äußerung in dem hervorgebracht. Welche
unbeseitigende Hindernisse sieht der sorgende Vater bey dem Stre-
ben nach treuer Pflichterfüllung nicht in alten Vorurtheilen
und Meinungen, so absurd sie sich auch in sich selbst zeigen mögen,
da sie nun einmal noch immer an dem Menschen haften; sagte
doch schon Bacon, daß der Menschen größtes Unglück und Übel
die Unwissenheit und der Unverstand sey.
So werden Sie denn, hochgeehrtester Herr, obgleich die Vorsehung
mir selbst keine Kinder gegeben hat, es doch natürlich und noth-
wendig finden, daß mir, nur schon als Menschen, und so,
will ich auch nicht sagen aus höherem, doch aus allgemeinern
und darum nicht minder wichtigern Gründen, die Erziehung
meiner Mitmenschen heiliges und unverletzliches Gebot
ist: daß es mir Gebot und Sorge seyn muß als Sohn und
Bürger eines Landes zu leben und zu wirken, in welchem /
[38R]
Menschenerziehung wirkliche Hauptangelegenheit des Le-
bens ist, sich wenigstens Streben zeigt, sie dazu zu erheben.
Und warum sollte ich es nicht aussprechen, ja ich suche
deßhalb ein solches Land, suche einen Fürsten, welcher ein
Vater dieses Landes ist.
Ich habe durch mein Handeln und durch meine Aus-
dauer gewiß hinlänglich bewiesen, wie sehr ich das Band
des engern Vaterlandes anerkenne und ehre, wie sehr
und gern ich mich bemühte demselben zu genügen, wie
sehr ich selbst von den Empfindungen, welche das Vaterland
giebt, ergriffen und durchdrungen war und bin, sie gepflegt
und was ich ihnen zum Opfer gebracht habe. Doch höhere An-
sichten, höhere Standpunkte erweitern wie Alles so auch die
engern Grenzen des Geburtslandes zu denen des höhern
Vaterlandes, gleiches Denkens, gleiches Handelns, gleicher
geistigen Güter, denn der Geist und das Gemüth ist ja
doch das die Menschen Verknüpfende.
Ja, es sind darum die Gesinnungen, das Streben und
Handeln, es ist der Geist und das Leben, wie ich es, wenn
auch nur noch in einzelnen Mittheilungen, schaue, welche
mich an Ihr Land, an die Regierung und an den
Fürsten Ihres Landes anzieht, und weßhalb ich wohl - /
[39]
sollten meine Gesinnungen und mein Handeln, meine
Grundsätze und Überzeugungen, überhaupt meine menschlichen
und bürgerlichen Eigenschaften, wie alles durch Wort
und That klar vorliegt, dem landesväterlichen und
fürstlichen Ziele und Streben Ihres Herrn Herzogs von
Meinungen [sc.: Meiningen] Durchlaucht nicht nur, nicht als entgegen
sondern nach noch besonderer Prüfung, wozu ich mir
eine Andeutung erlaubte, jenem Ziel- u Streben
förderlich erkannt und ich so als Kind und Sohn Ihres
Landes willkommen geheißen werden - möglich zu
machen suchen könnte, mein gesammtes Wirken in Ihr
Land zu verlegen und mich in und mit demselben
Ihres Fürsten besondern landesväterlichen Schutzes zu erfreuen,
und auch, damit ich jedes ausspreche, darum: es würde
mir hochwichtig seyn, Bürger eines Landes zu seyn, in wel-
chem Männer wohnen und wirken, welche das Men-
schenwesen achten und pflegen, bey denen ein höheres
menschenwürdiges Streben sich nicht nur in Wort son-
dern in That kund thut. Deßhalb würde ich bey einer
möglichen Verlegung meines gesammten Wirkens
vermeiden jede willkührliche Forderung und Bedingung /
[39R]
vermeiden, ich würde dabey nur die Bedingungen
machen, welche das Schicksal - in welchem sich mir jedoch
immer eine weise und liebendleitende Vorsehung kund-
gethan hat - mir zu thun unerläßlich auflegt. Doch
glaube ich, ich würde gegen jene Forderungen auch
nicht gemeine, sie erwiegende Gaben zu reichen haben,
Fähigkeiten, Kräfte: Geistes- und Gemüthskräfte, That-
und Willenskräfte, häusliche, bürgerliche und menschliche Tugenden, Erfahrungen und Kenntnisse,
die, wenn auch sonst im Einzelnen wohl übertroffen, doch in
und bey einer Mehrheit von echt strebenden in dem würdig-
sten Ziele geeinten Menschen in einer gleichmäßigen
Ausbildung und Anwendung wohl nicht zu den gewöhn-
lichen Erscheinungen gehören. Und einen Kreis solcher
Menschen, die ich die Meinen nennen darf, würde
Ihr Land gern als das seine, Ihren Fürsten gern als
den seinen erkennen.
Da sich nun das Ganze im Verlaufe der Mittheilungen
bis zu diesem letzten Punkte und sich so in sich selbst ganz
abgeschlossen Ihnen vor- und dargelegt hat, so bleibt mir
nun gar nichts mehr übrig, als dasselbe Ihrer Ein- /
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und Umsicht, Ihrer menschlichen und bürgerlichen
Überzeugung frey und vertrauensvoll zum Handeln
zu übergeben.
Wie wiederkehrend ausgesprochen bin ich hochachtungs[-]
voll der Ihrige.
FWAFröbel. /
[40R]
[leer]